Modern Music

Haha, man weiß ja, welche „Hot Buttons“ man drücken müsste! Dauernd produzieren, großer Output, kreativ sein. Alles ist gleichförmiger geworden, weil sich die Formeln gleichen. Außerdem müsste man im Stream schnell zur Sache kommen, spätestens nach 30 Sekunden, 10 Sekunden wären besser! Refrain, das Eingängige, die Hookline. Denn es gilt, viral zu gehen. Jemanden sofort in seinen Bann zu ziehen. Eine Antwort wissen, auf u.a. Wie aktiviere ich mit Social Media meine Fans? Mit Instagram-Stories und -Fotos und Reels? Sich musiktaktisch richtig verhalten. Zuerst 10 dann 20, dann 50, dann 100, dann 200, dann 1000, dann 10 000, dann 100 000, dann 1 Mio…Schnell möglichst viele mögliche Hörer antriggern. Ob das musikalisch noch was reißt? ...Die Titel sind ja ohnehin immer kürzer und kürzer geworden. Tempo ist beim Streaming angesagt. 

Auf der Suche nach dem Original

Über einen wichtigen der von mir bewunderten Gitarristen, mit dem ich sogar einmal ein Interview hatte führen dürfen, hatte ich schon im Jahr 2005 geschrieben: „Richard Thompson, gut, dass es so einen gibt. Einen, der eine mehr als 50jährige Musikerkarriere vorweisen kann, der mit seiner ehemaligen Band Fairport Convention dem britischen Folkrock die wichtigsten Impulse gegeben hat und in seiner Entwicklung trotzdem nie stehen geblieben ist. Einer, der als Gitarrist wie als Sänger jeden seiner Töne neu zu erfinden scheint, der um sie ringt und trotzdem nie angestrengt oder bemüht klingt. Ein Songpoet, der nicht nur eitel um den eigenen Nabel kreist, sondern im Reflektieren der Welt sich selbst (er)findet. Ein Sucher und ein Finder. Schluss mit den Lobhudeleien. Richard Thompson ist ein Original. Basta.

Thompson hatte für mich im Laufe der Jahre immer mehr all das verkörpert, was ich von einem Rockgitarristen erwartete: Ein großes und durch manchmal auch spröde Phantasie gestütztes Talent fürs Songschreiben, dadurch eine Gestimmtheit erzeugen,  mit einem wunderbaren Gespür für Songdramatik, für Instrumentierung und Arrangement, für die Effekte von Spannung und Entspannung, in seinem brillanten Gitarrespiel kein eitles Vorzeigen von auswendig gelernten Phrasen, mit denen man schnell beeindrucken konnte, sondern den Kampf um den Ton, das manchmal dünne Vortasten zu einem Solo, in das man mehr geschoben wurde, als das man es angestrebt hatte. In den USA soll er damit viel Erfolg gehabt haben. Ausgerechnet in Europa, auf dessen musikalischen Traditionen er aufbaute, deutlich weniger. Dies mag auch einer der Gründe gewesen sein, wieso er in mehr als 30 Jahren nur ein einziges Mal in Stuttgart gespielt hat. Mein Pech. Als ich mit ihm sprach, war er ein höflicher Gentleman, der sein Licht niemals unter den Scheffel stellte, sondern den eine gewisse Bescheidenheit und Souveränität auszeichnete, - was ihn mir auch als Mensch noch sympathischer machte. 

In Hawaii

Ach, ich strebe wieder einmal an meiner CD-Sammlung (jawohl, keine MP3-Tonträger, sondern richtige CDs!) entlang und lasse mich inspirieren: Wie konnte ich das vergessen! The High Llamas können einem in den Tag helfen! Ich nehme immer die Scheibe „Hawaii“, die ja gar nichts Hawaiieskes an sich hat, sondern allenfalls ein fernes Paradies vertont, auf das soooo viele Sehnsüchte projeziert werden. The High Llamas waren damals ein Quintett, das auf dieser Scheibe mit vielen Bläsern und Streichern durch seine eigenen Hell-Dunkel-Kontraste ging, mal mit Gesang, mal ohne... Ich war in Hawaii und war insofern fast enttäuscht, zumal ich die hawaiianische Musik sehr mochte und mag. Auf dieser Scheibe ist nichts darauf zu finden! Doch halt! Da heißen Titel „Island People“ oder „Hawaiian Smile“: was es wohl damit auf sich hat? Es wird nicht klar, wie so vieles auf dieser CD, die ihre Rätselhaftigkeit eleganz und spooky verpackt. Allein schon, wie viele Instrumente da ineiander fließen! Ich schaue nach: Die Band war damals ein Quintett, das ursprünglich aus London kommt. Wikipedia schreibt: „Die Musik der High Llamas verbindet amerikanischen Pop und Folk der 1950er mit brasilianischem Jazz und Bossa Nova, Film-Komponisten der 1960er Jahre und elektronischer Musik der 1990er Jahre. Es besteht eine klangliche Nähe zu Easy Listening und Kitsch-Musik.“. Nun ja, da steht schon einiges drin – und auch nicht. Diese Stücke fließen scheinbar absichtslos ineinander, Klischees werden kunstvoll umschifft oder es wird mit ihnen umgegangen, sie werden eingesetzt, niemals rockig, dafür immer flockig, es tauchen Beatles- oder Neil Hannon-artige Melancholien auf, smart sich umkreisend, humoresk durch Vibraphone und komische Orgeln gestützt, immer easy, aber nie avantgardistisch, - insgesamt aber dann vieleicht doch….schwebend abgehoben. Alles scheint hier mit sich selbst zufrieden, nichts will zum Mitklatschen oder Mitsingen animieren, alles blubbert und tuckert vor sich hin. Schleifen kreisen um sich selbst, in sich hi9nein und aus sich heraus, da sind filmmusikartige Verläufe, die eine gefährliche Zweideutigkeit haben und in Hitchcockfilmen hätten zum Einsatz kommen können, vieles deutet auf eine Ebene dahinter, da sind für ein paar Takte elegante Castagnetten, alles ist freundlich hinterhältig und gemahnt daran, dass mit Humor Vieles auszuhalten wäre....

Wie das damals war (2)

Wie das damals war? Da waren als Leadsängerinnen beispielsweise zwei Französinnen hintereinander in meiner Band, völlig unterschiedlich im Wesen. Es hatte sich so ergeben und war weniger das Ergebnis einer gezielten Suche. Man erfuhr durch sie so manches Aufschlussreiche über die französische Gesellschaft. Zusammen gewann man sogar einmal einen großen überregionalen Wettbewerb, verbunden mit einem Geldpreis, den wir natürlich sofort in einen Studioaufenthalt umsetzten. Dabei trat meine "Partnerin" sogar mal bei RTL auf. Es gab auch Angebote von Plattenfirmen. Da ich wegen einer gravierenden Krankheit aber längere Zeit außer Gefecht war, nahm sie den Termin zusammen mit ihrem frisch vermählten Gatten wahr. Insgesamt muss es wohl so gewesen sein, dass nicht viel bei den „Verhandlungen“ heraus kam. Auch war nicht klar geklärt gewesen, wer als Songautor und treibende Kraft im Hintergrund genannt werden sollte. Argwohn schlich sich ein, weil sie allen Erfolg auf sich bezog. Es wurde auch offensichtlich, dass sie gar nicht die Antriebskraft wie ich hatte, einen Vertrag zu erhaschen, weil sie ja ohnehin die wohlbehütete Tochter einer höher gestellten Person war, die Ballett- und Gesangsunterricht genossen hatte. Sie hatte es also im Gegensatz zu mir quasi schon von Geburt aus geschafft. Nach den großen Erfolgen und Auftritten verlief sich alles im Sand.

 Man gründete unter anderem eine Band und unternahm sogar mal eine gemeinsame Fahrt in die Bretagne zu Martine’s Familie. Anschließend ging es nach Paris zu Martines Bruder. Sie mochte nichts, was amerikanisch war, zb. weigerte sie sich, Coca-Cola zu trinken. Die französische Sprache brachte man in die Songs genauso ein, wie etwa Deutsch oder Englisch. Sprache wurde das Mittel eines lautmäßigen, phonetischen Ausdrucks. Ein Organisationsdebakel war es aber mit beiden Damen immer. Sehr schwierig gestaltete es sich etwa, die „Band“ an einem Ort zusammen zu bringen oder sich zum Austausch von Gedanken und Bildern zu treffen. Dies war auch so, weil eine der beiden Damen in Deutschland frisch verheiratet war. Man bekam dadurch zwangsläufig einiges von der (spießigen) Lebenswelt der einen Dame mit, ließ aber alles gelten (man nahm lediglich wahr...) und buchte es in einer Art allgemeiner Toleranz ab. Es schwebte einem bei allen Bemühungen so etwas wie eine Art kreativer Nukleus aus Mann und Frau, Yin und Yang, vor. Man war von Psychologen wie CG Jung beeinflusst, man ließ sich Träume erzählen und Visionen, versuchte behilflich dabei zu sein, das in eine Form zu bringen. Dabei war man auch noch direkt von Dylan und seinen Rimbaud-Einflüssen geprägt. Man versuchte vieles vom andern aufzunehmen, auch sperrige Sachen, die nicht in ein Songkonzept passten. Leider kam bei diesen „Bemühungen“ nicht allzu viel heraus. Was ich nicht so recht wahrnahm oder gebührend ernst nahm, war, dass einem dabei ständig die Mann/Frau-Geschichte, die Geschlechtlereien unterstellt wurde. Es wurde taxiert, ob die jeweilige Partnerin „gut aussah“, ob sie eine "gute Figur" hatte etc.. Ich war dafür viel zu platonisch drauf, suchte beharrlich den Ausdruck und einen Dialog, nahm das Äußere irgendwie mit und nahm es nicht als genau den Tauschwert wahr, den es in unserer Gesellschaft und speziell im Showgeschäft bedeutet. Mir kam es viel mehr auf die Stimme und die Persönlichkeit an.

Neue Horizonte

Heute morgen hat es mich wieder einmal erwischt: Ich hatte in meiner Sammlung jahrelang immer auf die CD „Monkjack“ (1995) zugegriffen, wenn ich Jack Bruce wollte. Wie automatisch. Nun hörte ich auch andere CDs von ihm. Immer schon mochte ich seine Balladen, wenn seine Stimme toll zur Geltung kam, wenn dieser Wechsel von äußerster Sanftheit, ja Zärtlichkeit und heftiger Deutlichkeit bei ihm zum Ausdruck kam. Aber auch seine schrägen Akkorde, die er so unnachahmlich in seine Songs baute. Und die Zeilen, die er da zelebrierte: Er schien ja sein ganzes musikalisches Leben über die Texte dieses Pete Brown zu singen, den wir damals zur Kenntnis, aber nie richtig wichtig nahmen. Heute weiß ich: Das ist einer der besten Lyriker, die die Rockmusik jemals zu bieten hatte. Diese Mischung aus unsentimentaler Melancholie und Sehnsucht war in meinen Ohren immer unschlagbar gewesen, ja, sie brachte mich zuweilen regelrecht zum Weinen. Die ihr angemessene Wichtigkeit räumte man ihr aber trotzdem nicht ein. Brown deutete durch seine Worte oft eine Weite an, die ich in den USA auch erfuhr, wenn ich mich so manches mal in die Siedler hinein versetzte, die ins Ungewisse gen Westen zogen, einem neuen Leben entgegen. Jacks Stimme schien mir genau darauf zu passen. Das stimmt auch bei einem meiner Lieblingssongs, „Theme from an imaginary western“ (ursprünglich durch die Band Mountain bekannt geworden): „When the wagons leave the city, For the forest and further on, Painted wagons of the morning, Dusty roads where they have gone, Sometimes travelin' through the darkness, Met the summer comin' home, Fallen faces by the wayside, Looked as if they might have known, Oh, the sun was in their eye, And the desert that dry, In the country towns, Where the laughter sound, Oh, the dancing and the singing, Oh, the music when they played, Oh, the fire that they started….“ Ach, ich hatte diese Verse immer bei mir gehabt, im Geldbeutel. Unglaublich. Sie waren für mich für so intensiv, wie Worte nur sein können. Und ich war unter anderem im Death Valley in einem Museum, wo ich in ein paar Briefen der Siedler unter anderem von ihrem Heimweh lesen konnte: „And the desert that dry...“. Ja, das war hier sinnlich erfahrbar. Sie waren getrieben von der Suche nach einem neuen Anfang, von der Gier nach Gold, von einem Versprechen, dass sich für die meisten nie erfüllte. Wichtig war für sie aber neben der Familie im Planwagen auch das Streben nach neuen Horizonten, weg von der Not, weg von Verfolgung, weg von dem alten Leben, hinein in etwas Neues - was für manche von ihnen im Tod endete. Wunderbar konnte Jack Bruce dem mit seiner Stimme dem Ausdruck verleihen, Konturen heraus schleifen, seine Menschlichkeit einbringen und sie einem mitteilen. Zuletzt habe ich ihn live gehört, an seinem Geburtstag, wozu, wie ich später gehört habe, auch seine langjährige Herzdame gekommen sein soll, bei der er lange Jahre gewohnt hatte. Dabei hörte ich auch mal wieder einen sensationell guten Bassisten, der sein Instrument wie eine Selbstverständlichkeit behandelte: „Oh the music when they played…“ 

Im Schlagerland

Es gibt Einschnitte in unser Leben. Aber bald schon geht alles weiter und dödelt eine Melodie vor sich hin. „Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Spuren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Mal ausspannen. Man kann nicht immer Probleme wälzen – all das Geschwätz. Der Schlager ist zum tausendsten Mal wieder angesagt und gibt sich allzeit tanzbar. Wichtig ist: Die Hook muss stimmen. Etwas, das alle mitreißt. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus, bei dem jede(r) mit muss. Fruchtbar kann es dabei durchaus sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. „Stimmung“. Eine Zeile, eine Melodielinie, die den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abschalten, nicht anstrengend sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau? Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Könnte. Spass? Ohnehin ist das die Kategorie. Ob man Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss? - nur, auf welchem Niveau?

 

Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat der gealterte und längst verstorbene Schlagerheld Costa Cordalis einmal verlauten lassen, er, der inzwischen wohl durchoperiert war und wahrscheinlich ungewollt den deutschen Schlager recht gut verkörperte. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags ("Rationalitäten" aller Art einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, manipuliert. Gefällig gemacht, geglättet?

As you like it

Ich bin oft Menschen begegnet (und begegne ihnen immer noch), die sich sehr schnell bestimmte Geschmacksurteile über Musik erlauben. Diese sind naturgemäß geprägt durch ihre Sozialisation, durch das, was ihnen über all die Jahre hinweg begegnet ist und was „zu ihnen gesprochen hat“, d.h. was ihnen etwas bedeutet hat. Diese Leute haben sich oft in ihren Beurteilungskriterien verfangen, sie identifizieren sich damit, sie verfechten konsequent, was sie ein für allemal als ihren gewünschten Stil und ihre ästhetische Richtigkeit erkannt haben. Daraus resultiert dann ein locker dahergesprochenes „Das gefällt mir nicht….!“. So etwas ist jederzeit anzuerkennen, andererseits könnte ja auch die Anregung bestehen, so etwas mal zu „hinterfragen“. Ich weiß, das Wort „hinterfragen“ ist von vorgestern. Aber es geht darum, zu fragen, wie man über die Zeit zu einer bestimmten Aussage überhaupt gekommen ist (Wenn man etwas tiefer gehen will). Jahrzehntelange Erfahrung, - so vernehme ich etwas brummig. Ein „immer wieder schärfen“, - und zwar an der Realität der Gegenwart - so würde ich hinzufügen wäre da zu empfehlen. Es gibt ja wohl auch diejenigen, die sich der Beschränktheit ihrer Geschmacksurteile bewusst, aber darauf stolz sind. In einer Zeit, in der alles (besonders Musik) jederzeit verfügbar scheint (ändert sich gerade…), kann man sich rühmen, sich auf das zu konzentrieren, was man – einmal - als richtig für sich erkannt hat. Nur bedeutet das, dass man in seinen Werturteilen abgeschlossen für alle Zeiten wäre, dass man beusst negieren würde, dass sich die Welt um einen herum verändert. 

Trompetenflieger

Aus mehr als 10 Alben dieses Künstlers kann ich greifen und merke, wie oft und wie ritualisiert ich seine Musik aufnehme, die oft unter den Etiketten „Fusion“, "Ambient", "Trance", "Electro" oder „Avantgarde“ eingeordnet wurde und doch in keine Schubladen passt. An vielen Morgen ist sie das erste, was ich höre und was ich immer wieder neu genieße. Ein Bekannter empfahl mir einst den Trompeter Nils Petter Molvaer. Ich solle mir den mal anhören. Der passe zu mir. Der Norweger wollte sich nach einer etwa 2 Jahre währenden Ausbildung an der Musikakademie alleine, ohne akademische Weihen, ins Freie der Musik wagen. Hierzulande war er sodann mit seiner Band oft live zu hören. Nichtsdestotrotz besorgte ich mir erst mal seine Alben „Khmer“ und „Solid Ether“. Von Anfang an war ich begeistert von ihm, seines Konzeptes, seines Sounds, seiner Arrangements und seines Tones, der damals oft mit dem von Miles Davis verglichen wurde. Mit Verlaub, ich liebe Miles Davis, aber Molvaer scheint mir im Flow der Zeit weiter gekommen: Er scheint die Elektronik in seinen Sound aufgenommen zu habe. Er bläst wunderbare Phrasen, die manchmal aber kunstvoll abstürzen in Klangfetzen und Andeutungen, mit denen man in fragende Weiten plumpsen kann, rätselhaft unaufgelöst, in geheimnisvollen Linien, die mir gut tun, die mich stärken, die mich im Klang baden lassen. Die zwischendurch aber auch in einen geraden Vier-Viertel-Takt übergehen können. Immer wieder flicht er seltsame musikalische akustische Ereignisse ein, flirrendes und verzerrtes Zeugs auch, arbeitet mit Brechungen und Andeutungen, die immer wieder auf elegische und strahlend schwebende Passagen seiner Trompete zuführen. Gefällt mir dies oder jenes? Ich komme immer wieder dazu, zu meinen, dass mir an ihm alles gefällt: Sein Gefühl, sein Ausdruck, das, was er in seinem Spiel eingeschlossen hat und was seine Bands aufzunehmen oder wiederzugeben imstande sind. Bei mir kommt das als reine Klangpoesie an, als geformte Phantasie, die in Leuten wie mir ein Gefühl von Stärke hervor kitzeln können. Ob ich demnächst mal "Buoyancy“ bespreche, dieses 2016 erschienene Album, das nach etlichen Umbesetzungen in Molvaers Band für mich so viel Magie ausstrahlte?

Für Jeff 2

Zuvor hatte ich über sein Album „Commotion&Emotion“ geschrieben, das auf dieser Tournee wohl promoted werden musste. Das Album ist nicht unbedingt sein allerbestes, hat aber doch einiges von dem zu bieten, was andere nicht drauf haben: Tatsächlich eine besondere emotionale Qualität, etwas Drängendes, etwas, was vom Menschsein handelt, etwas, was nicht nur schön sein will, sondern auch heftig, wahnsinnig, drängend und dreckig. Für mich wurde er immer mehr zu einem der allerbesten. Der mir etwas mitzuteilen hatte. Der mit seiner Gitarre zu mir sprach. Oft auch verdreht und daneben. Aber sind wir das nicht auch oft? Natürlich war auch einer wie er den Mechanismen des Popgeschäfts ausgeliefert. Er spielte den Rockstar in Stiefeln mit der Mähne aus den 80ern. Er tat mit, so gut es eben ging und spielte seine Rolle bis ins hohe Alter, in dem er übrigens immer noch besser wurde. Noch heute durchbricht er mit seinem Gitarrenspiel jedes Gefühl von Gleichgültigkeit und Abgeklärtheit spielend. Ich höre ihm zu und bin fasziniert:

 

Jeff Beck mit neuem Album - Hochfliegender Stilist. Seine Artikulation ist scharf, seine Phrasierungen sind typisch. Ob langsam, oder schnell, ob mittleres Tempo, immer ist klar, wer hier Gitarre spielt: Jeff Beck. Wie seine lang gezogenen Töne vielsagend abbrechen, wie im Weichen das Harte lauert und durchbricht, um sich gleich wieder im Melodiösen zu verpuppen, wie er die Obertöne kitzelt und die Flageoletts auskostet, das hat allerhöchste Klasse, - nicht nur in der Rockmusik. Ein Stilist. Ein Ästhet. Seine Spielweise scheint oft eine eigene musikalische Art der Mitteilung zu sein, emotional aufgeladen, wild, roh und gleichzeitig sehr kultiviert die Details beherrschend und jederzeit formend. Es gilt dies auch für die von Kritikern vielgescholtene neue CD „Emotion & Commotion“, die mit Orchestereinsätzen nicht spart und sogar den Klassiker „Over the Rainbow“ mit geschwollenen Orchesterteppichen ins Beck'sche Arsenal holt. Großartig, wie er hier das alte Thema umspielt und wie er im darauf folgenden Alternativschlager „I put a spell on you“ Joss Stones' Stimme die Krone aufsetzt. In Wolken träumend, den einzelnen Ton auskostend kann seine Gitarre plötzlich hernieder brechen, sich derb ins Ätzende bohren, um dort neue Kraft zu schöpfen. Zuweilen hangelt sie sich auf „Emotion & Commotion“ sentimentale Schnörkel entlang, schmiegt sich ans wohlig Aufgelasene, in plüschige Puccini-Polster auch wie in „Nessun Dorma“ - und ist doch immer ganz klar bei sich selbst. „There's no other me – da ist kein anderes Ich in mir“ singt Joss Stone für ihn heftig rockend. Das macht Sinn. Er drückt es heraus, er legt es in den Ausdruck seiner Musik. Was? Alles. Auch auf diesem Album, das sich wegen seiner scheinbaren Sentimentalitäten zu Unrecht kritisieren lassen muss. Jeff Beck: Emotion & Commotion.“

Für Jeff

 „Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich ist er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck. 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck 78 Jahre alt und wird uns hoffentlich noch eine Weile erhalten bleiben. 

Auf was es ankommt

Es komme auf den Wahnsinn an. Davon könne letztenendes eine ganze Band zehren, - so las ich unlängst. Ich selbst habe diese Vermutung schon seit längerem. Irgendetwas anzapfen, was über das Vordergründige hinaus zeigt. Andernfalls sei allenfalls Gefälliges zu erwarten, Korrektes, etwas, das okay ist. Ob im Wahnsinn immer das absolut Individuelle, das Kreative und Charakteristische liegt? Oder ob auch etwas ins Kollektive hinaus zeigt, in etwas, das uns alle betrifft?  Jedenfalls werden die Ansprüche in der veröffentlichten Kritik hochgeschraubt. Man erwartet nichts weniger als den „Hammer“. Ein kleines Genie, ein Original als Treibsatz, - vielleicht. Künstlerischer Anspruch. Dabei scheint mir gerade die gegenwärtige „Szene“ im Beliebigen unterzugehen. Es werden Paradiesvögel des Showbusiness bewundert, jeder muss da mit etwas namedropping glänzen, sonst ist er nicht auf der Höhe der Zeit. Aber diese Namen sind vor allem Markennamen. Da schrauben riesige Stäbe an kundigen Songarbeitern das musikalische Material zustimmen, dass sich möglichst an ein paar „Ideen“ der Namensgeber orientieren sollte, damit dieser die Tantiemen abkassieren kann. Dadurch wird alles kalt, im technischen Sinne gekonnt und anonym. Wo steht eine solche Popmusik im Vergleich zu den „Wahnsinnigen“? Zu den großen Impulsgebern, die etwas nachjagen, das sie selbst nicht immer definieren können? Die es immer noch gibt, die aber deutlich weniger geworden sind? Zu den Einzelnen, die etwas Seltenes formulieren? Früher waren da Hilfsmittel wie Drogen angesagt. Doch heute leben die Markennamen gesund und machen Werbung für ihr Fitnessstudio…. Ob so etwas mit der „Hässlichkeit der Welt“ zu tun hat und weniger mit dem Durchbruch auf Unergründetes, Abenteuerliches? 

Stoßtrupp der Musikalität

Auch wenn ich die Scheibe länger nicht mehr gehört habe, haut sie mich sofort um und verschafft mir jenes Gefühl, das ich hatte, als ich sie zum ersten Mal in Händen hielt. Das Coverbild mit der auf dem alten Motorrad kauernden Band mit Frau programmierte einen vor. Thomas Dolby, damals sehr angesagter Musiker und Produzent, hatte produziert: erste Ausläufer des Digitalen, klug vermischt mit herkömmlichem Rock-Instrumentarium: Ja, das war sein Konzept, das mir auf dieser „Steve McQueen“ überschriebenen Scheibe besonders gut aufzugehen schien. Das Album wurde, wie ich später erfahren habe, in den USA unter dem Titel „Two Wheels Good“ in Erwartung eines Rechtskonflikts mit dem Nachlass des amerikanischen Schauspielers Steve McQueen veröffentlicht. Aber hier war mit Paddy McAloon ein besonders einfallsreicher toller Songschreiber, der über ein breites Ausdrucksvermögen zu gebieten schien und auf dieser Scheibe auch als Sänger den Eindruck eines voll integrierten Mitglieds eines Stoßtrupps der Musikalität erweckte. Jawohl, Prefab Sprout waren eine Band und klangen auch so. Erst viele später nahm er jene Alben auf, für die er die jeweiligen Musiker engagierte, die seine kunstvollen Songs zum Leben erwecken konnten (ähnlich wie Steely Dan). Aber hier, auf „Steve McQueen“, der ersten Scheibe von Prefab Sprout, beginnt es mit „Faron Young“, einem Song, der alleine schon mit musikalischen Mitteln vollkommen überzeugen kann: Mit einer Art Western-Hall versehene Gitarren, riesige digitale Räume und trotzdem das Gefühl einer „richtigen“ Band: Sie jagen über gebrochene Akkorde vorwärts, diese unverschämten Gasgeber, sie setzen raffinierte Mittel im Vorbeifahren ein (z.b.gleichzeitig einfach und komplex zu klingen, etwas Zwingendes entstehen zu lassen), hinter den Akkorden lassen sie einen Gefühlsfilm ablaufen und raufen sich zu Chören mit einer Frauenstimme (Wendy Smith singt nie lead…) zusammen. Ich konnte damals viel von ihm über das Songschreiben lernen, über Akkorde und ihre gewissen Wirkungen). Aber Paddy McAloon war damals so gut, dass er mir fast unerreichbar erschien. Auch heute muss ich noch sagen: Das ist äußerst talentiert und geeignet, alles sofort wegzuspülen und einem Wege zu weisen. Schade, dass sehr viel später eine Krankheit, seine überragende Schaffenskraft ein bisschen zu bremsen schien. 

Volle Kraft voraus!

 Wie das damals war? Man musste zumindest eine Pfeife oder eine Kawumm mitrauchen, bevor sich irgendetwas tat. Oder auch nicht. Das heißt, man stritt sich meist über musikidiologische Grundsatzprobleme. Über menschliche Grundsatzprobleme, über Gott und die Welt. Man trat zu einer Schicht an, schuftete für einen Traum, der sich immer mehr auflöste. Man war in einem technischen Wettbewerb, in dem es dauernd hieß: „Oh, der spielt viel besser“. Man munkelte über die hervorragenden Fähigkeiten eines Gitarristen, der unglaublich schnell wahre wunder auf dem Griffbrett vollbrachte und alles konnte, außer bei einem Song halbwegs kontrolliert mitzuspielen (Heute denke ich oft: er war wie Steve Vai, „far beyond“). Einer der sofort abhob und seine Gitarre dröhnen ließ. Der die Ekstasen umspielt und den Himmel küsste mit seinem Instrument. Der aber nicht in diesen einen verdammten Song passte. Denn: Eine Band ist mehr als die Summe ihrer Teile. Wir waren nicht mal die Summe unserer Teile. Wir übten für ein einziges Stück ein Jahr lang. Jeden Nachmittag immer wieder, oft war es laute Arbeit, kein Vergnügen. Ob die Ohren durchhielten, so direkt neben der 400 Watt-Box? Aber wir wollten ja Profis sein. Was übten wir eigentlich? Wir hatten Unsummen in unsere Instrumente investiert, wir hatten das modernste Equipment. Aber es klang nach nichts, das heißt, es war immer kurz davor: wir konnten uns dauernd vorstellen, dass eine kleine Überarbeitung dem Ganzen den notwendigen Kick geben würde. Und dann war es wieder nichts. Drei von uns waren als Musiklehrer tätig. Äußerste Genauigkeit, - naturgemäß. Das war gefordert. Bis zur Sterilität. Work in progress. Wir übten wie die Besessenen und hatten nach einem Jahr wackliges Material für eine knappe Stunde. Das reichte nicht mal für einen Auftritt!. Aber die Musiker waren gut, das wussten wir. Die Welt wusste das freilich nicht. Sie war nur immer kurz davor, es zu wissen. Progressive Bands aller Art – wieso brachten die so etwas fertig, und wir nicht? Mal eben schnell wurde noch ein Bandname gesucht und sogar gefunden: Mainforce.  

In West-Texas

Es mag schon viele Jahre her sein, als ich durch West-Texas kam. Die karge, aber abenteuerliche Atmosphäre dieses Landstrichs nahe Mexico gefiel mir, auch wenn ein breites Sortiment an giftigen Schlangen dieses Vergnügen mindern sollte. Da waren Freaks in der Einöde, die ihre schrullige Seltsamkeit niemals zur Schau stellten, auch weil sie arm waren und um ihre Existenz kämpfen mussten. Selten habe ich es erlebt, dass eine Musik so gut zu einer Gegend gepasst hat. Lyle Lovett, ein äußerlich hässlicher Mann, dem breiten Volk durch seine Ehe mit Julia Roberts bekannt geworden, hat mit dem Doppelalbum „Step inside this House“ eine Hommage an jene in West-Texas wohnende Clique der Sänger/Songschreiber aufgenommen, deren Namen man zu einer genau definierten Zeit überall kannte: Townes van Zandt, der Melancholiker und Songpoet, Stephen Fromholz, Guy Clark, Robert Earl Keen und andere… Unspektakulär erzählend in Genrebildern nüchtern schwelgend (geht das? Ja, bei LL...) hier auch die Musik von Lyle Lovett. "Texas Trilogy", "Texas River Song" "Sleepwalking". Er kommt wohltuend schmucklos daher, wie wenn er das Übertriebene, dieses "Sich Anbiedern" nicht nötig hätte, - und doch scheint er ganz genau zu phrasieren, die Details des Ausdrucks abtastend, wie wenn er die Essenz des jeweiligen Songs in sich eingesogen hätte. Das alles ist bei ihm dramatisch untertrieben, das Understatement und die Lakonie feiernd, er lässt die Romantik des Einfachen hochleben, er lässt ein bisschen Ironie mitlaufen, ein bisschen Sarkasmus auch, er knurrt da kein bisschen gefallsüchtig oder in irgendeinem Sinne übertrieben, stellt den jeweiligen Song in den Vordergrund, ist gleichzeitig bodenständig und um Kunst bemüht, er lässt einzelne Vokale aufblitzen und schluckt sie zurück. Stark, dass er sich damit, wie auf Tonträger dokumentiert, auch in großen, bis zu 24köpfigen Big Bands durchsetzen konnte, ja, dass er ganz offensichtlich in seinen Songs die präzisen musikalischen Schattierungen genauso wie jene in seinem Gesang liebte und in Bezug zueinander brachte.  

Kick Klick Chic

Wieso eigentlich müssen Popsongs immer zwischen drei und vier Minuten lang sein? Keine Frage, Popsongs bewegen sich heutzutage auf einem zu früheren Jahren völlig veränderten Markt, sie müssen Reize setzen, Kicks, sich möglichst übers Bild und viel weniger über musikalischen Einfallsreichtum möglichst schnell vermitteln. Sie müssen InfluencerInnen auf den einschlägigen Medien geben. Es gilt, Videos auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen und anderswo abzustreuen, Nachrichten aus dem Privatleben (hauptsächlich: wer mit wem? ...und am besten einige freizügige Fotos! Am und im Luxusschlitten...) und dem vorgegebenen Ideal nachhechelnde Operationen sind heutzutage Pflicht. Die eigentlichen Songs (als ein Punkt unter anderen) haben ihren Aufbau verändert, zollen der veränderten (nach dem Intro möglichst schnell zur Sache kommen…) Aufmerksamkeitsspanne gebührende Beachtung und….sind im Wesentlichen seit vielen Jahren gleich geblieben. In musikalischer Hinsicht. Wie aber wird es sein, wenn diese Art der Popmusik in das „Metaverse“ einrückt? Welche Rolle wird es und sie da spielen? Die großen Medienkonzerne und Plattenfirmen werden einen Weg finden, wie sie möglichst viel am Erscheinen ihrer „Stars“ verdienen können. Aber wird die Schar der meist unreifen Rezipienten da mitziehen, wird es Probleme mit den ProduzentInnen geben? Gibt es reife und unreife RezipientInnen bei der Popmusik? Ex und Hopp!

Auf Safari

Ich gleite hinüber zu Air. Wieso habe ich dermaßen viele Alben von denen? Vielleicht war es ja auch ein bisschen der Chic von Paris, das sacht Fließende, am Bombast vorbei, das in uns hinein und gleichzeitig in Notre-Dame führte (nur in den besten Momenten). Ich beginne mit „Moon Safari“, dem Electronica-Album, das wohl ihren Ruhm (auch bei mir!!!) begründet hat. Ja klar, da ist das samten Dahingleitende, das alle damals eingesponnen hat, das man damals allzu schnell mit Air identifiziert hat. Einlullen, ein weiches Spielfeld entwerfen, in die die Ideen wohltemperiert einfließen, das war ihr Ding. Da ist so etwas wie ein typischer Groove, fein verästelt in manchen Titeln aber tragend.

 

Ich sah sie mal auf TV bei einem Konzert. Sie waren beide, Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin weiß gekleidet und machten ganz lässig ihren Sound, der offenbar nur aus ihnen kommen konnte. Die Art, wie sie agierten, hat mich beeindruckt. Später, besonders beim Album „Walkie Talkie“, hat man ihnen kühlen Designer-Pop unterstellt. Diese Bezeichnung fand ich nicht mal störend. Jetzt aber „All I need“ auf „Moon Safari“: Ein paar namenlose Frauenstimmen, sehr eingängigen Chören entlang: „All I need is a little time, to get behind this sun and cast my weight…“ Bass, Guitare, Mini-Moog...(hört man...diese Wärme ist auch nach vielen Jahren noch toll) Beth Hirsch – Gesang, sie taucht noch öfters auf…..glasige Rhodes-Passagen, die die Seele streicheln, dazwischen Instrumentals im selben weichen Duktus…..schöne Platte für diese Stimmung. Schade, dass sie dann später ein bisschen vom Kurs abgekommen sind. Sie selbst würden es wohl als eine Art „musikalischer Weiterentwicklung“ verkaufen, was sie beispielsweise auf „10 000 Hz Legend“ gemacht haben: überproduzierter Sound, Spacy, Spooky, elektrisch Electro Beck Hansen machte mit, mit „Le voyage dans la Lune“ (2012) und einem hübschen Sound, der aber nicht an „Moon Safari“ anknüpfen konnte. Jarvis Cocker und Neil Hannon singen auf dem Album „Pocket Symphony“ des Jahres 2007. Auch nicht schlecht…. Auf „Love 2“ aus dem Jahr 2009 schienen ihnen die Ideen ganz ausgegangen zu sein, es klang ein bisschen nach Deutsch-Rock-Klischees, vielleicht wollten sie aber auch etwas ganz anderes machen. Ich kaufte sie immer noch, aber das, was ich bei ihnen suchte, schien weitgehnd weg zu sein. 

Der Sound der Höhlenmenschen?

Zuerst fiel mir dieser seltsame Name auf: Dead can dance. Das hatte etwas aus der Welt der Höhlenmalerei, etwas Ursprüngliches, Rituelles und etwas Verdrängtes. Sie kamen wohl aus Australien, der Welt der Aborigines, für deren Vorstellungungen ich mich damals auch interessierte. Dann hörte ich etwas von ihnen und sah sie live: etwa 8 Personen, wobei sich etliche in Schwarz Vermummte an den Perkussionsinstrumenten zu schaffen machen, - wozu auch dicke fette Pauken gehörten. Das hatte etwas Schamanenhaftes, Bizarres. Es kam ein Sound über einen, der hypnotisch war, gothic-gruftig und geheimnisvoll. Die Sängerin befleißigte sich einer Art Scat-Gesangs der Alt-Phantasien, schien sich in von dunklen Syntyschlieren unterstützte Melodieschleifen hinein zu taumeln in Richtung auf eine individuelle Sprache und Mitteilungsweise. Betörend. Der Sänger kurvte in im Vergleich dazu konventionellen Gesangsschleifen und bediente tausend Saiteninstrumente, von denen die Gitarre nur eines von vielen war. Aber auch Bombarde, Dudelsack und Drehleier waren von ihm oft zu hören. Daheim besorgte ich mir weitere Alben von Dead can Dance, die sich bald als das Duo Mann/Frau/Lisa Gerard/Brendan Perry herausstellten und meist auf dem Label 4AD aufgenommen waren. Es ging von ihnen etwa Dunkles, Düsteres aus, das auf den Alben freilich aufnahmetechnisch brillant umgesetzt war und die in diesem musikalischen Umfeld oft gehörten Dilettantismen vermied. Auch war das übliche Rockinstrumentarium weitgehend verbannt (Der Multiinstrumentalist Brendan Perry setzte nur auf seinem Soloalbum „Eye of the Hunter“ viele Akustikgitarren ein… Lisa nutzte das gesamte Spektrum der Synthesizer- und Samplertechnologie). Wer wollte, konnte Mittelalterliches im DcD-Sound finden, aber auch Arabisch-Orientalisches, Gregorianisches und Afrikanisches. Erst viel viel später fand ich meine „alten“ Alben in aufgehübscht remasterten Versionen und konnte Lisa Gerrard (die Sängerin und Keyboarderin) als eine gesuchte Hollywood-Soundtrackkomponistin identifizieren („Gladiator“). Was diese Leute aus Hollywood suchten? Das Mystische, in sich Ruhende, das sich Drehende (fast im Stile der Sufis), das Tranceartig Rituelle, das sie für sich einsetzen und nutzen wollten. Und Lisa machte offenbar alles mit. Das dämpfte meine Begeisterung später. Beide kamen ursprünglich aus Australien. Er lebt und arbeitet heute offenbar in der Bretagne und lädt Lisa Gerrard, die mit tausend verschiedenen Partnern Alben aufgenommen hat, manchmal zu DcD-Sessions ein. Nach einer längeren Pause sind die beiden nun wieder fortwährend auf Tournee (mit tausend Live-Alben) und haben Alben aufgenommen, die eher einen Duocharakter haben, die sehr professionell gemacht sind, aber viel von dem Geheimnis früherer Tage verloren haben. Aus dem einstigen DcD-Sound war offenbar ein Muster, ein Rezept und Konzept des Erfolgs geworden. Auch störten mich etwas die offenkundigen Tendenzen zur Personaleinsparung und der Eingang in die Charts. Die breite personelle Aufstellung hatte das Duo früher in offen kollektive Felder und andere Wahrnehmungshorizonte geführt, was nun offenbar vorbei war. Ich greife mir aus meinen vielen DcD-Alben meist „Spiritchaser“ (1996) und „Into the Labyrinth“ (1993) heraus, lasse mich davon tragen und zum selbstvergessenen Dödeln animieren.  

Sexismusrock

Der Alltagssexismus in der Rockmusik. Es kommt mir so vor, als seien die Frauen spätestens in der zweiten Phase der Rock- und Popmusik (ab ca. 1980) bewusst und unbewusst benachteiligt gewesen, als seien sie zu den Sensiblen und – schlimm! - weichen Waschlappen mit stets anmachigem und sexy Aussehen eingeordnet worden. Daneben waren ein paar harte Metal-Damen zugelassen - als Ausnahme! Instrumentalistinnen gab es sowieso kaum. Ich erinnere mich auch an meinen beruflichen Alltag, wenn ich etwa auf Joni Mitchell Bezug nahm und mich dafür begrinsen lassen musste. Ich wusste damals nicht, was das bedeuten sollte. Schon früh hatte ich etwa Jonis Live-Album „Miles of Aisles“ bewundert und Jonis Werdegang später immer weiter verfolgt. Auch Rickie Lee Jones, Marianne Faithfull, Figuren wie Suzanne Vega, Kate Bush oder Tori Amos, aber auch unbekannte Künstlerinnen wie Tzudi Tzuke, Stina Nordenstam, Anja Garbarek und viele andere Rockfrauen nahm ich als wichtige weitere Einflüsse mit, wie selbstverständlich. Ich dachte an und empfand nur die Musik und sonst nichts. Ich ordnete weibliches Schaffen nicht wie automatisch dem Genre "Liedermacherinnen" oder "Singer/Songwriter" zu, ich war dafür viel zu offen.  

Irgendwann fiel mir auf, dass wichtige Rocksänger gerne hinter sich einen Papagaienchor versammelten, ausschließlich mit Frauen besetzt. Die wiederholten dann gewisse Gesangsphrasen und veredelten sie auf diese Weise. Ich hielt dies für eine Art Mimikry: ich stellte das fest und kritisierte es (zu) matt. Man munkelte zudem damals, dass gewisse Damen aus dem Hintergrund den Herren im Vordergrund gefügig seien. Auch nahm ich aus den Augenwinkeln solche Songs wie „Under my thumb“ (Rolling Stones) wahr und nahm es als Ausweis dafür, dass ich selbst zu weich und sensibel an das Thema heran ging.

Die alles beherrschende Schallplattenindustrie?  Vom Techniker über den A&R-Typen bis hin zum Plattenboss war sie männlich und machte doofe Witze über singende blonde Frauen. Konsequent. Es war einfach so in der Popindustrie, wie so manches in der Popmusik. Wie das wohl zuging? Ob es da auch gewisse #metoo-Vorgänge gab?

Unter freiheitsliebenden "open minded"-Leuten, so schien es mir klar zu sein, würden Frauen selbstverständlich ihr Teil zum allgemeinen Schaffen und Schöpfen beitragen: Geschlecht war da kein Kriterium. Das stand für mich völlig außer Frage. Da gab es kein Privileg der nett aussehenden und genau so singenden Frauen. Doch irgendwann registrierte ich, dass ich in meinem Berufsalltag als Popkritiker den Frauenversteher gab und fast nur ich mit CD-Rezensionen von Popkünstlerinnen und Bands mit Sängerinnen beauftragt wurde. Es war wohl mein Fach. Frauen wurden zwar ernst genommen, aber halt nicht richtig. Ich war da in eine Rolle gerutscht, ohne es zu merken. Mein Problem war, dass so etwas wie ein derartiger Sexismus in meiner Weltsicht nicht vorkam. Dem entsprechend brauchte ich lange, um so etwas zu kapieren, wenn Kollegen mit leuchtenden Augen von den Haaren oder allgemein, dem Aussehen gewisser Künstlerinnen schwärmten. Wer die Macht und die Möglichkeiten dazu hatte, schrieb auch für ein Zeitungspublikum im geschilderten Sinne darüber. 

Klangtupfer, sanft

Wie habe ich ihn eigentlich entdeckt? Da war eine Art Dandy aus der früheren Hit-Band Japan, dem man vor vielen Jahren alleine schon von seinem Äußeren her nicht allzu viel zutraute. Aber, man muss es offen bekennen: Die CD „Secrets of the Beehive“ überzeugte einen damals total und tut es auch heute noch. Da ist ein feines Tasten an Grenzlinien entlang: sanft ätherisch zwischen sehr wacher Konzentration und Müdigkeit: entschleunigt würde man das heute nennen. Gehauchter Gesang, der Bassist Danny Thompson, den ich sowieso mag, dabei mit tollen Linien. Der Keyboarder Ruichi Sakamoto auch, den auf dieser Spur endgültig entdeckt hatte und von dem ich später noch so manches Album erstand. Steve Jansen, ein toller Drummer, der es fertig brachte, die lyrische und die groovige Seite seines Instruments zusammen zu bringen. Avantgarde war nur angedeutet, nie selbstgefällig damit umgegangen, David Torn und Phil Palmer mit ein bisschen Gitarre, ein Element, das später zunehmen sollte. Die einzelnen Songs als Miniaturen liebevoll gezeichnet, mit einer Prise Jazz, aber immer meditativ in sich versunken, langsames, höchstens mal mittleres Tempo, sachte Klangtupfer, sehr verwinkelt gesetzt und mit Orchesterhintergrund toll verschränkt, ein bisschen Satie auch, lyrisch gezeichnet, ein paar fernöstliche Andeutungen - so war das damals. Natürlich ging das in einen ein, füllte einen ganz und gar aus, wurde später und mit der Zeit ein fester Bestandteil meiner Gefühlswelt, gefolgt von dem schleunigst gekauften Album „Brilliant Trees, das eine Art Fortsetzung von „Secrets of the Beehive“ ist, die elektrischen Gitarren aber ein bisschen mehr nach vorne schiebt, leicht unterkühlt genossen. Kenny Wheeler dabei, Mark Isham und Jon Hassell: wunderbarer Einsatz von Blechbläsern. Insgesamt nicht gar so zurückhaltend. Es sind noch viele Alben von ihm in meine Sammlung gefolgt. Ich habe immer wieder Honig gesogen bei ihm, auch hin zu „Dead bees on a Cake“, diesem wunderbar zusammengestellten Album und der Zusammenarbeit mit Bob Fripp. 

Mit dem Pedal (3)

Ich hatte in diesem Blog wohl schon einiges geschrieben über Daniel Lanois und seine Auffassung von Produktion, die er gemeinsam mit Kumpel Eno unter anderem in so manche Produktion der Band U2, in eine Produktion von Emmylou Harris und in das Schaffen von Bob Dylan eingebracht hat. Nicht umsonst heißt ein ziemlich prominentes Album von denen „Joshua Tree“ und deutet damit auf ein Wüstengebiet mit typischem (Nicht-)Bewuchs und langgestreckten Flächen, besiedelt von einem kargen Zauberwald. Langgestreckte Flächen zeichnet er auch immer wieder in seine Stücke, die viel von der stillen Wüstenatmosphäre ausstrahlen, in der Lanois offenbar lebt: im Zions National Park, in Utah. Wir hören bei ihm viel Reduktion und ein Schwelgen im Spröden, das er ausgerechnet mit seiner Pedal Steel guitar zeichnet, der man ja meist eine ausgeprägte Sentimentalität und Country-Seligkeit nachsagte, was bei genauerem Nachhören auch nicht immer stimmt. Am deutlichsten wird Lanois’ Liebe zur Pedal Steel Guitar auf dem Album „Belladonna“, das mit seinen instrumentalen Solostücken wohl als eine einzige Hommage an die Pedal Steel gehört werden kann.

Doch glaube ich entdeckt zu haben, dass mich der schleifende Klang dieses Instruments irgendwie auch zu Nils Petter Molvaers Album „Buoyancy“ gebracht hat. Nach einer Änderung in der Besetzung seiner Band spielt der Norweger (von dem ich ohnehin tausend Alben besitze, die ich in diesem Blog auch noch besprechen will) hier mit seiner Trompete oft in einer Verbindung mit der Pedal Steel seines damals neuen Gitarristen Geir Sandstol, er geht auf ihn ein, wirft ihm in einer weitflächigen Klanglandschaft zwischen Jazz und Elektronik Andeutungen zu und spielt seine Band in rätselhafte Landschaften hinein. Besonders die beiden Eröffnungsstücke „Ras Mohammad“ und „Gilimanuk“ bringen viel Steel Guitar, was ein Kollege in seiner CD-Besprechung einmal als „nicht überzeugend“ bezeichnet hat. Doch wer unerwartete Klangerfahrungen machen will, wer sich davon bestricken lassen will, wer sich einlassen kann auf diese schwebende Schlieren, wer das alles nicht mit US-amerikanischer Country-Musik assoziiert, der ist hier richtig, der sollte aufmerksam verfolgen, wie dieses Instrument auch gespielt werden kann. 

Jäger der Phantasie

Ach, von den Nits habe ich auch etliche Alben! Mir fällt als erstes ein Titel ein, den ich auf Album, ja auf Tontrager!, gar nicht habe: „Schwebebahn“. Das holländische Trio produzierte hier Töne in deutscher Sprache. Der zurückgenommene, mit starkem holländischem Akzent vorgetragene Titel erzählt einerseits von einem Zeitzeugen des Kennedy-Besuchs in Berlin 1963 („Ich bin ein Berliner!“) und andererseits von einer Frau, die in der Wuppertaler Schwebebahn des Jahres 2011 an diesen Mann zurückdenkt. Das war ungefähr 2012. Nach weiteren 10 Jahren sind die drei Musiker ergraut, aber Henk Hofstede, Robert Jan Stips und Rob Kloet sind wohlgelaunt noch unter uns. Stips? Ja, das war der zeitweilige Keyboarder von Golden Earring, der aber anschließend zu den Nits ging und dort mit seinen einfallsreichen Klängen und Ideen bis heute musiziert. Bei uns scheinen sie weniger prominent zu sein, in der niederländischen Heimat läuft es umso besser, auch im hohen Alter. Ich höre ihren kleinen Hit „In the dutch mountains“ und bin wieder begeistert von ihrer Art des feinen Humors, der Ironie, des Spiels. Nie habe ich bei ihnen die typischen Macho-Spielchen mit der Gitarre gehört, immer waren ihre Szenarien surreal und plastisch zugleich, ihre Musik lautmalerisch, mit Andeutungen spielend, leicht und doch manchmal experimentell. Aber niemals elitär. Sie kamen mir manchmal so vor, als seien sie die Jahrmarktsakteure, die uns mit den vorgehalten Spiegeln einher springen. Ich weiß noch, wie sehr mir damals ihr Albumtitel „Da da da“ gefiel. Eine Prise Dadaismus, Verherrlichung des Unsinns und des Sinnes im Unsinn war oft in ihren Sachen. Abstand. Ironie. Humor. Skepsis. Spiel.  

Sich selbst verwirklichen

Haben nicht sehr wichtige Wissenschaftler wie David Graeber zu zeigen versucht, dass ein hoher Prozentsatz der Menschen eine Arbeit verrichtet, die eigentlich sinnlos ist und das Gemeinwohl kein bisschen befördert ("bullshit jobs")? Und gibt es nicht Hinweise auf Organisationsformen des Menschen, die ihm deutlich mehr Freiraum bringen könnten als die jetzige Form der untergehenden Globalisierung und des darnieder liegenden Kapitalismus? Ob da die Kreativität, jede einzelne Form der Kreativität auch eine Richtungsmöglichkeit andeuten könnte? Zum Beispiel das Musik machen? Jawohl, dieses „aus sich selbst schöpfen“, das eine Art Selbstvertrauen und vom Können handelt, dieses umzusetzen, das ein Verlangen nach kreativer Selbstvergewisserung voraussetzt und nicht unbedingt in einen kommerziellen (also einen Verkaufs-) Erfolg münden muss? Haben wir so etwas in unserer Laufbahn und Entwicklung durchaus schon über längere Zeit kennen gelernt und hatten uns dann damit auseinander zu setzen, dass viele Musiker ihr Tun als technischen Vorgang und sehr viel weniger als Form der Selbstentäußerung, als Form eines kreativen Schaffens, als eine Spielart des freien Geistes, auffassen? Haben wir uns dann mit dem Hinweis auseinander setzen müssen, dass sich sowieso nichts ändert, dass etwas so ist, wie es ist, - und dass letztlich nur der kommerzielle Erfolg zählt, der in gewisser Weise auch ein Zeichen dafür sein soll, dass etwas gehört wird, dass ein Verlangen (eine „Nachfrage“) nach etwas besteht? Hat so etwas nicht auch politische Implikationen?

Bischoffssohn

Ich muss runter von David Sylvian, koste es, was es wolle. Habe leider noch viele weitere Alben von ihm, die ich hören müsste. Ein Segen ist es, dass ganz in seiner Nähe die Alben eines Künstlers stehen, den man etwa 1997 im Vorprogramm von Tori Amos hörte und restlos begeistert war. Eine skurrile Band mit Cello und weiteren Streichern, mit Cembalo und einem knitzen Gesang, der trockenen schwarzen Humor intonierte: toll, ich erinnere mich genau. Das war einer der ganz guten Momente! Der Mann hieß Neil Hannon und seine Band nannte er The Divine Comedy. Im Laufe der nun folgenden Jahre wechselte er oft seine musikalischen Begleiter und keiner wusste, wieso er manche Projekte mit seinem Namen überschrieb, manche als The Divine Comedy und manche als Neil Hannon and the Divine Comedy. Aber man wusste so manches nicht bei diesem schmächtigen Jüngling mit dem Aussehen eines Nerds, der manchmal so etwas wie eine altenglische Aura sowie etwas Monty Python’s Flying Circus ausstrahlte und der Sohn des Bischoffs von Glogher sein sollte.
Wow! Ich hatte einen tollen Songschreiber entdeckt. Skurril im höchsten Ausmaß! Aber nicht als Gag, sondern der Mann war echt, durch und durch seltsam. Sofort das Album her! Möglichst alles Verfügbare! Hier höre ich in „Death of a supernaturalist“: „See my solitude, Where once was truth now only doubt, Touch my tortured skin,Torn from within and from without, Kiss my blistered lips, My fingertips frost-bitten and grey, Heal my wound within, And watch the dead skin fall away...“ Ein Spiel mit der Romantik, Zitat eines Gefühls, „Miss Marple“-Filmmusikähnlich, ausgestaltet anfangs mit Cello und höchst spritzigem Popgesang. „Badadadaba….“ Gleich darauf noch spritziger, noch leichter, Hohn und Spott, wie war’s gemeint?. Meine damalige Freundin und ich befanden sich in einem edlen Wettstreit: Wer hatte welches Album und konnte es sodann triumphierend dem andern vorspielen? Eine Sonntagnachmittagausfahrt auf der ersten Scheibe: „Your daddy’s Car“: We took your daddy's car, And drove it into town, We steamed into a bar, And we bought the biggest, Bottle of champagne, And driving through the rain, We sang "God bless this car, And all who sail in her…..We took your daddy's car, And wrapped it 'round a tree, We didn't know what for, We didn't feel like driving anymore, It was so good we got bored, And we are driving from the day, We are born" Haha und nochmal haha: „Wrapped it round a tree“. Um einen Baum gewickelt. Drunter eine tolle Melodie. Als Abschluss „Can you feel the sadness in our love?, Well it's the only kind we're worthy of, And can you feel the madness in our hearts?, As the key turns and the engine starts, Can you feel the engine start?, Engine start“ Ach, erinnere mich auch an seltsame Synthesizerspiele, muss auf einem Album meiner Freundin gewesen sein. Jaja, er mochte Human League, das wusste man. Und er hasste Musikmaschinen. Aber was er damit machte? „Promenade“, „Casanova“, „Fin de siecle“….So hießen einige der folgenden Alben. Ich breche zusammen. Ich brauche mehr davon! Ich höre jetzt „Absent Friends“, das Album, mit dem er mal wieder gnadenlos überraschte: Tendierte er bisher eher zum Kleinen, Verschmitzten, so drehte er hier das ganz große Rad und machte ein Fass auf. Breite Orchesterflächen, schön konturiert, manchmal zurück geführt auf zb. ein Duo, er wieder mit seinem dünnen Stimmchen will den großen Bariton geben, gibt dabei alles und karikiert es gleichzeitig in Thomas-Bernhard-Manier. Wieder das Spiel mit Stilmitteln. Romantische Klangzusammenballungen mit einer Prise Pop. Ich ziehe noch mal das Album „Absent Friends“ aus dem Jahr 2004 heraus. Hier höre ich sein „The Wreck of the Beautiful“: „I thought I heard her call, maybe I heard nothing at all. I thought I heard her call from the wreck of the Beautiful“ Ach, klasse! Ich habe ihn noch 1000 mal erlebt, einmal sogar unplugged, nur zur Akustikgitarre. Er ist auch rein musikalisch ein toller Songschreiber. Gut, dass es solche noch gibt!

Antriebe (2)

Man bog damals schon ein in das Zeitgefühl der Achtsamkeit, was ich aber schon damals und sehr früh als einen vorübergehenden Trend und nicht allzu ernst zu nehmende Orientierung erkannte. Aus all diesen Strukturen fühlte ich mich sowieso schon früh ausgestoßen. Auch passte ich nicht in das, was dem Mainstream der Gesellschaft als typische Familienstruktur vorschwebte. Alles mag auch an meiner Unfähigkeit und Kommunikationsarmut gelegen haben: Effekt war, dass ich niemals „dabei“ war. Intelligentes und gleichzeitig populär verständliches Agieren, war das, was ich mir nicht nur in der Musik zum Ziel gesetzt habe. Inspiration und Kreativität anstreben. Heute weiß ich, dass ich damit zwischen allen Stühlen saß. In meiner jetzigen Lebensphase wird mir bewusst, dass ich in meiner Musik sanft und liebevoll sein will, dass das Paradox in mir wohnen soll und dass ich behutsam, fast beiläufig neue akustische Räume streifen will. Dabei agierte ich jahrelang auf einem Equipment, das auf Popmusik ausgerichtet war. 

Etwas wie „Wahrhaftigkeit“ will ich dadurch wenigstens für mich anstreben. Dem vermeintlichen Zeitgeist nachzuhecheln erschien mir stets armselig läppisch, war aber der Weg zum „Erfolg“. Ich hatte damit „umzugehen“. Damit „umzugehen“ scheint mir aber Grenzen zu haben. Auch diesem in den Medien oft beschworenen Scheitern und immer wieder Aufstehen scheinen mir Grenzen gesetzt. Ich fand mich schließlich wieder als „Free Lancer“ von Beruf und schien mich manchmal mit einer Szene auseinandersetzen zu sollen, die das Vulgäre, Grelle und Simple bevorzugte, ja, die geradezu fasziniert davon war. Dem gegenüber stand die Inszenierung seiner selbst, seines Ego, in einem Prozess, der gerne als „Networking“ beschrieben wird und auf die Ausnutzung menschlicher Ressourcen zielt, was ich auch nicht anstrebte und es auch nicht konnte, wozu ich nicht konstruiert war. Ich habe das bis heute nicht in mir, es geht nicht. Auch war dieses sich „Entwickeln“, das ja in der Öffentlichkeit dauernd betont wird, mir zu sehr am Fortschrittsgedanken dran, den ich auf allen Gebieten verabscheute. Klar, dass inzwischen vom „Fortschritt“ niemand mehr spricht. Vielmehr wird überall die „Innovation“ beschworen, als Motor der kapitalistischen Entwicklung.

Antriebe (1)

Man wollte an das Zeitgefühl und die scheinbare Ereignislosigkeit von John Cage anknüpfen. Er war offenbar in den Kosmos des Klangs eingegangen und badete in der Ruhe. Dazu kam das Gefühl des Groove, also für ein drängendes akustisches Ereignis, für ein spannendes Riff, das niemals aufhören sollte und scheinbar das Gegenteil dieses "John-Cage-Feelings" war. Es war dies ein oft nicht erreichter Anreiz. Es drängte für mich unter anderem in die Richtung, die Philipp Glass eine Zeitlang verkörperte: Repetition und ihre Wirkung nach Veränderung winziger Details. Ich hatte auch „Einstein on the Beach“ live auf der Bühne gesehen, was mich stark beeindruckt hatte. Dazu kamen bei mir Randerfahrungen bei KH Stockhausen, Nono und etlichen sogenannten „Neutönern“, deren „Avantgarde“ ich nicht unbedingt so aufregend fand, wie sie gekocht wurde. Was mir unter anderem an ihnen gefiel, war, dass sie nicht unbedingt auf eine Massenhysterie zielten, was keine Kunst ist, wenn man aus dem Kulturtempel heraus massiv subventioniert wird.

Ob es dadurch, durch Pop und seine Mechanismen, zu einer Verbindung der Einzelnen kam, ob es eine „Verzahnung“ mit der „gemeinen“ Realität kam? Das scheint mir heutzutage am ehesten dadurch zustande zu kommen, dass die inzwischen preiswert gewordene Elektronik mit ins Schaffen einbezogen wird. Sie scheint auch in vielerlei Hinsicht Teil der „gemeinen“ Realität zu sein. Politiker geloben bei jeder Gelegenheit, die Digitalisierung voran zu treiben. Irgendeine Stellung dazu sollte der genialische „Künstler“ einnehmen. Neue musikalische Räume können durch elektronische Verfremdung und - überhaupt - Manipulation geradezu beiläufig entstehen. In der Zeit davor bedurfte es dazu eines riesigen Aufwands. Studios, Effektgeräte, Personal etc. Nach wie vor interessant erscheint mir das Konzept des „Minimalismus“, der offiziell auf Wiederholung und winzige Veränderungen im zeitlichen Verlauf setzt, der mir aber bedeutete, das man mit wenig Einsatz hohe Wirkung erzielen konnte. Leider war meine eigene „Vermarktung“ schlecht. Dafür sorgten einerseits die vom Staat bestellten Vermarkter und andererseits die Popheinis von den Plattenfirmen, die stets nach dem Versprechen auf Profit fahndeten und weniger an musikalischer Kreativität interessiert schienen. Dies galt mir insbesondere für sog. „Independent Labels“, die im Vorfeld der großen Plattenfirmen agierten und am Ende ihres Schaffens immer weniger zustande brachten. 

Jeder ist ersetzbar

Alan White und Andy Fletcher sind gestorben. Die Individuen und mehr oder weniger prägenden Figuren mit einer Art Künstlerpersönlichkeit werden immer weniger, nachdem sie gealtert und gestorben sind. Auf der Bühne werden sie locker ersetzt durch diejenigen, die alles spielen können, die clever namenlosen Musiktechnokraten. Ob aber das Gruppengefüge (Sofern es so etwas gibt….) und/oder der Startrip weiter funktioniert? Ist das etwas relativ Sensibles? Egal, die Fans machen die Erfahrung und lernen sie, dass jeder, jede, jedes ersetzt werden kann. Es ist im Hintergrund des Geschehens angesiedelt, es ist eine Art Black Box, - ob das tatsächlich so funktioniert? Ich habe einst die Beach Boys erlebt, die ihre „alten“ Hits gespielt haben und dabei auf der Bühne wichtige Mitglieder durch fähige Platzhalter ersetzt haben. Das Ergebnis klang, man muss es zugeben, im rein musikalischen Sinne besser als zuvor. Natürlich fehlten die großen Egos. Aber wer hat das abseits der Besetzungslisten, des Line-up, tatsächlich negativ bemerkt? 

Egal, Alan White war für mich derjenige, der eine Art Gegengewicht zu dem esoterischen Sänger Jon Anderson als Nachfolger von Bill Bruford der Band Yes damals eine Art Bodenständigkeit gab. Nachdem er zuvor schon für Joe Cocker und Gary Wright gespielt hatte, brachte er solche Erfahrungen in eine Band ein, die später auch durch den Tod wichtiger Mitglieder immer mehr zerfledderte und als letzten Anker wohl ihn hatte. Ich muss gestehen, ich habe sie ein bisschen aus den Augen verloren, nachdem ich in grauen Vorzeiten zu ihren Konzerten getigert war. Sie waren für mich auch immer ein Musterbeispiel, wie aus Rockmusik so etwas wie Entertainment, eine Marke, eine Firma geworden war. Prog-Rock als Geschäft. Andy Fletcher? Hat mich nie so recht interessiert. Ich hatte ihn hinter den meisten Kompositionen von Depeche Mode vermutet. Ob es tatsächlich so war, weiß ich nicht. Jedenfalls führten sich Dave Gahan und Martin Gore selbst als genialisch charismatische Anführer vor. Andy Fletcher schien zu jenen zu gehören, die jederzeit ersetzbar sind. Natürlich werden Depeche Mode weiter auftreten und wird es ein neues Album sowie eine Tournee geben, alleine schon wegen der Umsätze. Ob aber das Ding im Hintergrund noch weiterhin funktioniert, wird sich heraus stellen. Hauptsache, es kommt dabei etwas heraus, so die utilitaristische Denke. Moral von der Geschicht’: Jeder ist ersetzbar. 

Priesterin guten Geschmacks

Sie hat anfangs schockierende Sachen gemacht, Sachen, mit denen niemand so recht etwas anzufangen wusste, auch wenn beflissene Kulturjournalisten lange Erklärorgien veranstalteten. Sie ging mit Phantasie gegen die Denkfaulheit an, setzte Zeichen, wies kreativ auf etwas hin, was zu erraten war, in dessen Richtung man sich bewegen konnte. Doch irgendwann ging Laurie Anderson in den herrschenden Kulturbetrieb über, wurde ein Teil von ihm und genoss es offenbar, dass man sie derart als Protagonistin des guten Geschmacks anhimmelte. Ihr Ego erschien (auch von ihr selbst!) aufgeblasen, sie inszenierte sich selbst, sie wurde das Kunstorakel, das die Prophezeiungen erfüllte, die sie sich selbst gestellt hatte, Laurie Anderson badete in Anerkennung. Es wurden Ausstellungen und hochdekorierte „Konzerte“ veranstaltet, sie heiratete Lou Reed (auch so ein Monument!!!) und wurde u.a. zum Aushängeschild ihrer Heimat New York. Wer etwas auf sich hielt und sich von dem Publikum abgrenzen wollte, das heute zu den Konzerten von Helene Fischer rennt, der sprach in hochandächtiger und beweihräuchernder Bewunderung von Laurie Anderson. Ab und zu produzierte sie noch eine CD/DVD, umgab sich dabei mit hochpreisigen und teils sehr populären Studiomusikern und stellte Enigmatisches/Seherisches zusammen. Ansonsten ruhte sie (aus meiner Sicht) sich auf einem beachtlichen Kissen spitzzüngiger Kulturanerkennung aus und genoss ihren Ruf als Priesterin des Fortgangs technologischer Entwicklung, worin sie meiner Meinung nach einen streng amerikanischen Kurs einschlug, der dem unbedingten Optimismus der Technik gegenüber verpflichtet war. Verschwunden schien mir ihr anfänglicher Skeptizismus, den sie nun nur in jenen Dosen vorführte, die dem vor allem linksliberal orientierten Kulturbetrieb verträglich waren. 

Im Geheimnis sein

Wie fühlte sich das an, wenn wir meinten, durch einen Song „Im Geheimnis“ zu sein? Dachten wir wie heute darüber nach, wie jemand das macht? Woher das kommt? Der technische Vorgang? Wie könnte etwas ähnlich funktionieren? Damals war vieles noch nicht so festgelegt/normiert wie heute. Ob das eine Rolle gespielt hat? Eine Art Durchbruch ins bisher Unbekannte (zb Hendrix)? War so etwas nahe an der Hypnose, die irgendwie (so klar ist uns das niemals…) Macht über uns gewinnt? 

Ging es vor allem um einen Ausbruch aus dem Alltag? Um Nachrichten aus einer anderen Realität? Signalisiert so etwas eine Einmaligkeit? Das uns mitreißt aus Gründen, die wir so genau nicht kennen….. Ich lese jetzt etwas von einer Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit, die von einem Stück Pop ausgehe? Ich lese etwas von einer „rätselhaften Verästelung zwischen Poesie, Parole und Popkultur“, was mich die nette Alliteration bemerken lässt, die da drin steckt. Ob diese Alliterationen etwas von Eitelkeit haben? Ich lese von „ungewöhnlichen Songs“, die sich „am eigenen Schopf aus dem Diskurssumpf ziehen“, es zeige, wie „Platitüden neu und kraftvoll zu inszenieren“ seien. Ob ich da noch mitgehe? Ob es das ist, was uns damals bewegte (heute bin ich wahrscheinlich viel zu oft zu abgezockt dazu...)?

Schlag den Schlager

Schlager, so las ich neulich, spreche direkt die Sehnsüchte der Menschen an. Und zwar in einer Art, wie man es als normaler Mensch nicht formulieren könne. Funktioniert das, wird Musik zum Ventil für Gefühle. Menschen fänden sich dann in einem Song wieder. Nun scheinen das die scheinbar unabhängige Musik und die Kulturgeschmäckler immer wieder für sich zu entdecken. Wer zu lange dem sarkastisch Gebrochenen, dem ironisch Gemeinten, dem humoristisch Kritischen des allzu Rationalen nachgehängt ist, der verlegt sich allzu gerne mal aufs pure Gegenteil. Da las ich von „der Tendenz zur Größe, zum Direkten, zur Emotion und dem Pathos, zum „Geschwelge“ und zum - Kitsch. Es wird da unter anderem das Loblied auf „den Poser“ gesungen. Auch wird das Loblied gesungen auf die Songs, die wetlook-gegelter und gleichförmiger als das "Gewohnte" sind. Ein bisschen gebläht vielleicht auch. "Wenig Ziel. Kaum Drang“. Das alles schließt mit dem Doppelsatz: „Man müsste als Künstler Fanatiker sein, um dem zu entgehen. Niemand mag Fanatiker.“

Nun, dies lässt tief schließen auf Motivationen. Wie etwas gemeint sein könnte. Auf welche Regionen im Menschen es zielen würde, welche Klischees es für sich gebrauchen könnte - vielleicht. Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein.

Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat der gealterte und mittlerweile verstorbene Schlagerheld Costa Cordalis einmal verlauten lassen, er, der inzwischen wohl durchoperiert war und wahrscheinlich ungewollt den deutschen Schlager recht gut verkörperte. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Fun und Hedonismus, - Frohsinn und Party! "Party!". Zack, zack, zack..... Monotonien vermeiden! Am besten alles Schlag auf Schlag.....Schlager. Sexy Sex. Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags ("Rationalitäten" aller Art einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, manipuliert. Gefällig gemacht, geglättet?

Wohin es einen treibt

Ob irgendetwas in mir ins wilde Musikalische gedrängt hat? Ins akustische Experiment, in die akustische Erfahrung, in Richtung Pop? Wollte man mit Pop verständlich bleiben, weil man zuvor etliche „Werke“ der Avantgarde angehört hatte und sich ein Urteil darüber gemacht hatte, wer so etwas wirklich hört? Wer bei den Aufführungen im Publikum sitzt. Aus welcher sozialen Schicht diese Leute wohl überwiegend stammen? Welche Argumente sie treiben…… Ob Distinktion, also die Unterscheidung von der "Masse",  da eine Rolle spielt? Ob sie etwas davon haben und was das ist? Ob es Ausgesprochenes und Unausgesprochenes gibt, das eine wesentlich größere Rolle spielt? Das alles hat mich damals wenig interessiert. Ich wollte daran sein, was aus mir kommt. Es sprudelte und Improvisation war ohnehin angesagt, Keith Jarrett und solche Leute…… Hermann Hesse sang noch öffentlich wahrnehmbar das Lob der Innerlichkeit. „The inner mounting Flame“ des Mahavishnu Orchesters beeinflusste mich zusätzlich, leuchtete für mich neue Räume aus.

Ich wollte da auch rein, in diese Form der Realität in diese kühne Spekulation…..Ob mir das später gelungen ist?…. Ich hätte für mich so was wie "Erfolgskontrolle" machen sollen. Stattdessen strebte ich immer weiter in etwas, was mir die Musik verheißen hatte. Etwas Visionäres, etwas - wie ich heute weiß - chaotisch Utopisches. Nicht die akademisch geadelte, und über Jahre ausgebildete und geformte…. die von Professoren benotete und genehmigte Art der Akademien…. Sie blieb mir in diesem Zusammenhang fremd. Keine Zeit und Energie dafür. Eigentlich auch - Verachtung. Hatte auch solche Leute kennen gelernt, die so etwas Akademisches anstrebten und schließlich daran scheiterten. Diese Leute sind später natürlich nicht mehr sichtbar, sie leben ihren innerlichen Knacks im Geflecht der (künstlerischen?) Beziehungen aus, versuchen, für sich "das Beste daraus zu machen". Sie bekommen im günstigsten Falle irgendwelchen Ersatz zugewiesen, der ein Ersatz für das ganze Leben bleiben wird, - aber immerhin eine befriedigende Altersvorsorge garantiert…... 

Spieler hautnah

Oh, wie war das vor Jahren, vor Jahrzehnten! Pat Metheny entdeckt. In einem damals kleinen Club. Vollkommen überfüllt, also saßen wir so gut wie auf der Bühne, - dort gab es noch Platz. Schon diese Unmittelbarkeit gefiel mir. Höchstens 2 Meter hinter dem Schlagzeuger Dan Gottlieb gesessen, alles sehr direkt mitgekriegt. Metheny selbst war damals am Anfang einer langen Karriere, die ihn zu großen Erfolgen geführt (was natürlich allen „Jazzern“ suspekt war!) hat. Aber ich werde nie vergessen, wie eine Atmosphäre von freier Phantasie von diesen Musikern ausging. Ich habe damals ernsthaft Lyle Mays für mich entdeckt. Der war offenbar imstande, jeden Ball aufzunehmen und ihn zurück zu spielen. Ein loyal kreativer Begleiter. Wie aufmerksam sie aufeinander eingingen! Manchmal sah man es ihnen sogar an, wenn etwa ein kleines Lächeln genießerisch quittiert wurde. Wir saßen direkt hinter Dan Gottlieb, einer, der später schnell verstoßen ward und eines Tages in einem Rockgetümmel wieder auftauchte. Spielfeld getauscht. Wäre eigentlich keine Schande. Auch Steve Gadd spielt seit vielen Jahren für Eric Clapton.

Doch bei der Jazzgemeinde hatte es Gottlieb verschissen. So etwas macht man nicht!, so ihr Credo. Zurück zum Auftritt: Es war ein Feuerwerk der Phantasie, ein Zauberberg der Musik, der sich mir da öffnete…. anfangs hatte ich als Gitarrist noch auf das Griffbrett geschaut: Wie macht er das? Das war aber nur anfangs so, später empfand ich das Ganze, das in meine kleine flache Realität drang, das mir ein Abenteuer war und mich veränderte. Wie er es fließen ließ! Tolle Musikalität! Das war es, was ich auch anstrebte. Das pure Spiel, das man auch ausdrücken konnte, für das man die technischen Fähigkeiten hatte! Niemals als Selbstzweck. Viele viele Male habe ich danach noch Pat Metheny in seinen verschiedenen Besetzungen, aber auch solo erlebt. Eine Offenbarung......

Mimikry

Ich weiß durchaus noch, wie sehr sich Kollegen befremdet fühlten von Auftritten afroamerikanischer Bands wie The Four Tops oder The Temptations (Ja, die waren zu einer gewissen Zeit durchaus auf Europa-Tournee!!). Durchgestylte Choreographie, synchronisierte Tanzschritte (im Gegensatz zum eher auf Vereinzelung zielenden Tanz der Hippies und ihrer europäischen Ableger...), gelackte Show und falsch strahlende Gesichter in Glitzeranzügen, Falsettos und funky elektrisierende Musik. Damit konnten sie nichts anfangen. Mich würde interessieren, wie dieselben Kollegen heute die Auftritte diverser HipHop- oder Rapstars bewerten: Goldkettchenbehängte „Erfolgsmenschen“, die ihren Ruhm gleichzeitig für den Abverkauf von Parfums oder Energy-Drinks nutzen, die die ihnen gegen Geld ergebenen Musiker gleich den ihnen hörigen Chicks nach Wahl benutzen und wegwerfen, die Hiphop längst zu einer Form des technischen Könnens und einer Art Mainstream gemacht haben.

Ich stehe amüsiert an der Seitenauslinie und kann das ganze Theater nicht ernst nehmen. Die Showdarbietung. Die angeberische Pose. Es galt schon damals, die Symbolik dahinter wahrzunehmen. Das war doch schon immer eine Anverwandlung dessen, was in dieser Gesellschaft als vorbildhaft gilt und nahm das auf, was besonders in der amerikanischen Gesellschaft als „Erfolg“ gilt: mit Mimikry, in Rollen schlüpfen, übertrieben kopieren und ins Extreme treiben, Reichtum darstellen - dabei aber trotz aller Charity persönlich profitieren. Mithilfe von irgendwelchen Abflusskanälen, durch die das pure Geld fließen konnte. Verhaltens- und Rollenmodelle, Reaktionsmuster und ihre Äußerlichkeiten (hierzulande oft der Gebrauch gewisser Automobile), "Narrative", "Framing" und "Wording" . Die Absurdität und das Groteske dieser Posen mussten eingefangen sein, Maßanzüge und dicke Schlitten mussten unbedingt sein..... Also in etwa auch das dekadente Verhalten, das gewisse Oligarchen verschiedener Gesellschaften heutzutage an den Tag legen...  

Then they were three

Ich lese vom letzten Konzert von Genesis. Phil Collins im Stuhl, stark steh- und gehbehindert, rutscht sich zurecht, seine Stimme soll sich verändert haben. Sein Sohn am Schlagzeug, die alten Weggefährten neben und hinter sich. Daryl Stuermer auch dabei. All das konnten wir uns damals nicht vorstellen, damals, als Popmusik noch jung war. Wir strebten zu einem Konzert, damals noch mit Peter Gabriel: Lamb-lies-down-Tour. Dann haben sich Genesis selbst zerlegt: Steve Hackett etwa tauchte solo auf, Phil Collins sowieso, Rutherford auch (sogar ziemlich erfolgreich waren seine Mike & The Mechanics...). Später sind auch Genesis als Trio auf den Pop-Zug aufgestiegen und Phil Collins quakte solo sowieso aus jeder Radioline. Das alles ist nun vorbei, heute offenbar nicht mal eine kleine Meldung in der Tageszeitung wert. Die Leute sind älter und alt geworden, - genau wie wir. Kann das jemand heute noch raffen, dass uns das stark beeinflusst hat, dass wir extrem neugierig waren, wie sich das wohl entwickeln würde, - auch wenn man nicht unbedingt Hardcore-Fan war? Das spülte in unseren Gefühlhaushalt hinein, das drückte etwas in uns aus, das wurde und war ein Teil von uns. Heute: Phil Collins kann offenbar schon länger nicht mehr Schlagzeug spielen, mindestens zwei Mitglieder tragen Maßanzüge, die großen Zeiten sind vorbei. Was war das? Eine Projektion? Ein Trugbild? Regierte schon damals das große Business im Hintergrund? Schotter? Kohle? Ich kann mich an die riesigen Apparate erinnern, mit denen diese „Künstler“ später unterwegs waren. Einige Konzerte nahm ich noch mit. Doch sie hatten nicht diesen Einfluss auf mich, - bei weitem nicht….  

Ein Versuch

Was ich 2016 über Bob Dylan’s Album „Fallen Angels“ schrieb, obwohl ich Dylan stets schätzte, ja, mich zu einer zeitweiligen Begeisterung von ihm hinreißen ließ. Es scheint mir die Zeit für eine gewisse Relativierung, eines gewissen Abstands, einer kritischen Haltung - trotz des Respekts für ein "Lebenswerk":

"Er bringt jetzt ein Album heraus, das „Fallen Angels“ heißt. Allein schon der Titel. Bob Dylan hat ja immer gerne abgegriffene, leicht kitschige Bilder umgesetzt, verarbeitet, verfremdet, um damit den Anschluss an jenes kollektive Moment zu wahren, das jeder populären Musik inne wohnt. Aber jetzt und heute ein ganzes Album mit diesem Titel? Nun ja. Einer, der nächste Woche 75 Jahre alt wird, darf das vielleicht. Er darf dies ganze Album womöglich auch mit klassischen alten amerikanischen Songs besetzen, von denen kein einziger von ihm selbst stammt und die gerne mal als Evergreens oder legendär bezeichnet werden. Titel wie „Young at Heart“, „It had to be you“, „Nevertheless“ oder „Melancholy Mood“ würden in dieser Form in jede Nachtbar des klassisch seriös gehobenen Zuschnitts passen, in die es solche Best Ager wie Dylan nach dem Besuch der örtlichen Disco vielleicht noch zu einem kleinen Absacker hinzieht.

Dylan hatte diese seltsame Rückwärtsgewandtheit ja schon mit seinem Vorgängeralbum angedeutet, auf dem er mit seiner typisch knarrzigen Schnarrstimme lauter Frank Sinatra-Songs zu verhaltener Instrumentierung interpretierte. Eigentlich skurril, die Idee. Dass Meister Dylan sich aber dazu herabließ, war ja schon das einzigartige Ereignis. Eine Neuinterpretation aus seiner Sicht, aus der des ständigen Beinahe-Literaturnobelpreisträgers! Jawohl. Nur, das musste wirklich nicht sein. Außer für notorische Dylan-Freaks, von denen es freilich immer noch viele gibt.

Dass der amerikanische Altmeister sich in seiner langen Karriere gerne in Rätsel hüllte, mit dem Geheimnis der Geheimnisse per Du war und tolle Anspielungen wie auch literarische Vorlagen jeder Art verarbeitete: okay. Die Meriten dafür hat er längst eingesackt. Die Orden, - auch die symbolischen, - baumeln an seinem Revers. Ob es jetzt aber die Legenden der Popularmusik sein müssen, denen er sich anverwandelt, mag dahingestellt bleiben. Niemand von den großen Popkennern mag es zugeben, - aber es ist stinklangweilig, dieses Album. Von vorne bis hinten. Und es ist vielleicht ja so etwas wie der Bankrott eines großen Songschreibers. Die Erklärung könnte ja ganz einfach sein: nämlich, dass ihm nichts Eigenes mehr einfällt. Auch das. Nichtdoch. Kann nicht sein, das, behaupten Connaisseure. Da ist viel Erweckung und Erleuchtung, Ehrfurcht auch. Die Feuilletons quellen ja nach wie vor über in heißer Bewunderung und feinsinnigster Deutung. Für Bildungsbeflissene ein Fan von Dylan zu sein, ist Pflicht. Muss man kennen. Gehört zum Kanon. Ist geradezu Herzenssache. Jedenfalls für die älteren Menschen unter ihnen.

Natürlich hat er auch auf seinem neuen Album wieder ein paar sehr gute Musiker an der Hand, die das legendäre „Material“ mit der heutigen Aufnahmetechnik state of the art interpretieren und es auf diese Weise weit übers Niveau der bloßen Barunterhaltung erheben. Über all seine wunderbaren „Begleitmusiker“ durfte ohnehin meist gestaunt werden. Natürlich gibt er selbst den Songs seine persönliche Färbung, seinen Rhythmus, seinen Zungenschlag. Na und? Ob das reicht? Zu wissen, dass dies „der große Dylan“ ist? Vielleicht wollte er auch Songs einem Publikum näher bringen, vor denen er selbst so etwas wie Demut empfindet. Die ihn geprägt haben. Songs, die auch ohne jenes große elektronische Brimborium funktionieren, das heute vielfach die großen Hitparadenerfolge trägt. Mag sein. Ehrenwert ist's, allenthalben. 

Vielleicht spielt bei ihm ja aber auch sowas wie Humor oder Ironie mit. Es wäre nicht das erste Mal. Zu wissen, dass sie jetzt alle staunen und ihn dafür kratzbuckelnd verehren, dass sie sich alle anstrengen und seine ach so weisen Absichten auszulegen versuchen. Gevatter selbst sitzt derweil vergnügt in seiner Klause und grinst sich eins, macht sich lustig über die Methoden der Helden- und Idol-Verklärung, während er sich auf den nächsten Auftritt irgendwo irgendwie vorbereitet, indem er etwas trinkt, was er so in seinem Alter nicht mehr tun sollte. Lacht sich in seine neuesten uralten Songs hinein, die diese unerträgliche „Früher war alles besser“-Nostalgie mit sich tragen und dafür doch nichts können. So ist's, so ist der Welten Lauf. Sie müssen aufschauen zu Häuptlingen, die dann aber auch mal ganz banal in der nach allen Regeln der Werbekunst beworbenen Unterhose dastehen, um sich darin ganz alleine und furchtbar einsam zu fühlen. Manche brauchen das halt. Viele aber brauchen dies „neue“ Dylan-Album, das immerhin 37., - ganz und gar nicht."    

Wie eine Rose

Wieder einmal komme ich über Elvis Costello und die vielen Alben, die ich von ihm besitze. Tatsache ist, dass er sehr viele, ja, geradezu unübersichtlich viele Scheiben gemacht hat. Ich lege eine alte Scheibe, „Get Happy!“ auf und kann das Gefühl immer noch nicht einordnen: ist da die Aufforderung zum Optimismus, oder wird dieses Gefühl zitiert? Rebellion oder Anpassung? Diese Kriterien galten schon damals nicht. Die Scheibe enthält energiegeladene Songs, über die man an vielen Stellen nachdenken kann. Seine Band hieß damals noch The Attractions, der Bassist Bruce Thomas schied später aus, obwohl er wunderbare und prägnante Basslinien beigesteuert hatte. Was da wohl dahinter steckte? Costello wird es wohl in 1000 Interviews nicht verraten haben. Der Schlagzeuger spielte in der Tradition der Schießbuden a la Ringo Starr, insgesamt mit viel Power, - aber insgesamt und nicht prahlerisch. Er steuerte aber auf seine eigene Weise viel Fahrt bei…… Der Keyboardsspieler Steve Nieve war sowieso immer mein Held: scheinbar unauffällige Rhythmusarbeit, zeitweise im Kirmesorgelsound, die billigsten und gleichzeitig besten Sachen steuerte er bei, grundierte phantasievoll, spielte mit Anklängen, machte zeitweise auch den kompletten Sound (ein Soloalbum von ihm habe ich auch: "Keyboard Jungle", auf dem er zeigen kann, über welche überragende technische Fähigkeiten er am Piano verfügt....), da sich Costellos Gitarre nicht besonders in den Vordergrund spielte…...die Songs wirken auf mich ein, sie verleihen mir etwas...ich ziehe „Mighty like a Rose“ heraus. Damals, Anfang der 90er Jahre, hatte er seine Ausdruckskunst schon perfektioniert, hatte dosieren gelernt und setzte herrliche Akkorde in den Verlauf, platzierte großartige Intros: „Invasion Hit Parade“…...“Now that you set everybody free, what are you going to do about me?“….. Benmont Tench machte mit, Mitchell Froom auch (später ein teurer Vorzeige-Produzent...), unter anderem T-Bone Walker, Marc Ribot und Larry Knechtel…. ach ja…... Elvis Costello solo, ohne Attractions und strenges Bandfeeling…..das alles öffnete Horizonte….. 

Im Strom der Daten

Ob einen nicht gelegentlich ein komisches Gefühl durchzuckt, wenn man wieder mal den Streaming-Dienst benutzt? Alles total offen? Zuleitungen etc. …..Ob es da nicht etliche neugierige Nasen gibt? Datensauger sind unterwegs, die ihre Erkenntnisse für die Werbewirtschaft und … manchmal… auch für Geheimdienst „auswerten“. Oder schlicht ...verkaufen. Was ein „Datensatz“ wert ist? Anscheinend kann es dabei auch um Daten gehen, die Befindlichkeiten offenbaren. Verfassung. Haltung. Reiz- und Schlüsselwörter sollen dabei etwas offenbaren. Also, Vorsicht walten lassen beim Sprachgebrauch! Das Gesundheitsarmband gibt im Zweifelsfall noch Daten hinzu und zeigen unter Umständen Stimmungslagen an, was den Datenauswertern anscheinend einen Blick in die Psyche erlaubt. Dabei geht man auch gerne in die Erkenntnisse der Psychologie: Es geht dabei um „Valence“, ein Wert, der zwischen 0 und 1 festlegt, ob etwas eher fröhlich (positiv) oder traurig (negativ) ist. Dabei geht es offenbar darum, rote Fäden zu erkennen. Kombiniert mit anderen, anderswo erhobenen Daten zeichnen sie ein Bild unserer Persönlichkeit, das möglicherweise zutreffender ist als das, was wir uns selbst von uns machen. Dies mag dabei eine Rolle spielen, Werbung möglichst zielsicher zu plazieren. Ob es dabei eine Art „globaler Gemütsverfassung“ gibt? Könnte viel, allzu viel, über uns verraten. Jedenfalls wird die Überwachung immer feinmaschiger, als wir zu ahnen wagen. Dabei geht es wohl auch um "Granularität", also die immer genauere Erfassung von immer mehr Parameter... Anscheinend spielt bei der Überwachung der Bürger eine Lauschsoftware eine große Rolle, die besonders bei Geheimdiensten, aber auch bei derm organisierten Kriminalität sehr beliebt sein woll. Prinzip: Smartphone nimmt Gespräche auf, macht Fotos und legt die Datenbahnen zur gezielten Überwachung fei...., Die so gewonnen Daten können natürlich wieder kombiniert werden Oh weh! Es graust einem.....

Räume der Seele

Mir ist eine bestimmte Cd zugegangen, aus gutem Grunde. Die Pianistin Olivia Trummer war mir früher schon einmal aufgefallen als tüchtige Jazz-Pianistin, die aus einem Pianisten-Haushalt stammt und das Piano quasi mit der Muttermilch in sich aufgesogen hat. Klar, dass die Musikakademie ein Ziel für sie darstellen musste. Sich ausbilden lassen und lernen. Sich absetzen, sich unterscheiden, Distinktion. New York, New York! Geschmack! Den Jazz aufgreifen, als eine Spielform der zur Elite gewordenen Hörerschaft. Bloß kein Mainstream! Achtsamkeit. Erbaulichkeit. Zärtlichkeit. Sanftheit. Klar, auch die Klassik, die Klassik auch. Fähige Pianistin. Kann alles. Toll.

Jetzt scheint sie vor allem in Berlin zu leben (Wo denn sonst?) und hat von dort aus ihr Album „For You“ herausgebracht. Sie sei bei ihrer Entwicklung unter anderem unter dem Einfluss von Steely Dan gestanden, so verlautet jetzt. Nun ja, Donald Fagen von Steely Dan hat die meisten seiner Songs mit einer charmanten Nichtstimme absolviert, ist anfangs gar angeeckt damit, hat einen „besseren“ Sänger engagiert und scheint dann doch recht schnell herausgefunden zu haben, dass es genau um jenen sehr individuellen und in diesem Fall manchmal sogar gequält wirkenden Ausdruck geht, der einem Hörer etwas sagen kann.

 

Bei „For You“, das im Trio, mit dem Lebenspartner zusammen, sowie mit Gästen unter anderem auch in Mailand aufgenommen wurde, flötet einem gleich am Anfang eine gefällige, im zugehörigen Script als „kristallgolden“ beschriebene Stimme entgegen, vor dem Hintergrund eines sehr gediegen jazzig aufspielenden Trios, sachte in die Ohren „For You“. „Der Titel sagt“, so der Begleittext weiter, „Mache dir die Poesie dieser nonchalanten Verbindung von Musik und gesungenem Wort zu eigen, finde deine eigene Geschichte in ihr, denn die Songs sind auch „Für Dich“ da! Selbstgnade ist ein Begriff, der wie eine Art Schlüsselcode zum Öffnen der Räume dient, die sie mit ihrem Trio und ausgewählten Solisten einladend ausleuchtet. Es sind Räume der Seele, Räume voller Geheimnisse und delikater Widersprüche. Hier finden Licht und Schatten menschlicher Existenz zu einer klischeefrei formulierten Sinfonie der Leidenschaften zusammen“. Nun ja, ob auf diese Weise irgendeine CD, ein Album der Formation Steely Dan beschrieben werden könnte? Mir kommt es so vor, als seien die Songs von Steely Dan im Gegensatz zum vorliegenden Album auf einem Amboss der perfektionistischen Individualität gehärtet, als hätten sie zunehmend Gefälligkeiten aller Art hinter sich gelassen, als hätten sie vielmehr cool damit gespielt, um auf eine an den gängigen Musikformen lässig abprallend und allerlei Formen für eigene Zwecke gebrauchend ihren individuellen Weg zu suchen.

Im Geheimnis

Wie bin ich überhaupt an meine erste Scheibe von ihnen gekommen? Ich weiß es nicht mehr….zugegeben! Ich greife Elysian Fields „Bleed your Cedar“ heraus und stelle fest, dass ich diese Scheibe immer wieder gehört habe. Haha, sie schrieben der Stimme der Sängerin Jennifer Charles regelmäßig viel Erotik zu, zeigten aber darüberhinaus, dass sie über lange Jahre hinweg mit dieser wunderbaren Band nichts anfangen konnten. Was sie für einen Stil hat/hatte? Typisch New York: Ein freies Gehen durch verschiedene Einflüsse und ein Finden einer eigenen Identität, die nie etwas mit zeitgeistigen Strömungen zu tun hatte. Gebrochene, aus dem Jazz kommende Harmonien, individuelle Songverläufe und – viel Geheimnis. Ein Fließen durch klangliche Welten, ein neugierig scheues Kombinieren, ein Spielen mit Formen, ein Anverwandeln von in der Luft Liegendem, ein Erzählen aus der Fremde..., seltsam, dass so etwas nie wirklich populär wurde! Sie waren sehr selten auf Tournee in Europa, haben aber dankenswerterweise durchgehalten bis heute. Etliche CDs haben sie gemacht, Jennifer Charles und der multiinstrumentale Gitarrist Ed Pastorini, alle mit einer inneren Spannung und im Geheimnis, was vielleicht mit der Stimme von Jennifer Charles zu tun hat. Ein unglaublicher Fakt, dass dies hierzulande nicht angekommen ist! Für mich war das über all die Jahre eine Art Seelennahrung und es war tröstlich, dass sie durchgehalten haben!Im

Zeit anhalten

Im Wohnzimmer stapeln sich die CD-Sondereditionen: Beatles, U2, Led Zeppelin oder Pink Floyd etc. Was soll das? Neu abgemischt, Remastered, Best-of, De Luxe, neu entdeckt, aus dem Archiv usw. Ist das für die Käufer mit dem prallen Konto der Versuch, den Augenblick festzuhalten? Damals, als alles anders war? Reiche Leute können sich aus dem Fenster lehnen und das eben mitnehmen. Musik von reichen Leuten für reiche Leute. Und jetzt, hören? Ein untauglicher Versuch, das Älter werden zu überlisten? Wer diese Leute heute sieht mit ihren zerfurchten und Botoxgespritzten Gesichtern, der mag schockiert sein. Viele sind inzwischen weggestorben aus der "heroischen" Generation. Drogen und allerlei Unpässlichkeiten…...Andere pflegen heute das Dasein eines Edelmannes und ließen sich zum Ritter schlagen, - ja von einem „System“, gegen das sie einst vorgaben, anzutreten. War alles nur Pose und Showgeschäft? Nun ja. Auf Youtube können wir uns noch einmal der Illusion hingeben, sie seien vital und agil, sie würden an der Gitarre zerren und wüst in Tasten greifen…..“Marken“ nennt die Wirtschaft so etwas. Wer will, der kann auch nach London fahren und die Abba-Klone mit sich selbst im Publikum bestaunen. Zeit anhalten, ein teurer Sport?  

Der Überschreiter

Habe unlängst etwas gelesen über Elvis Costello, etwas Belustigtes dergestalt, dass man seine zuletzt arg bemühten „Werke“ ja nur noch mit Kravatte habe genießen können. Ja klar, er hat etwas mit der Sängerin klassischer Musik, Anne-Sofie Otter gemacht, er hat Ballettmusik veröffentlicht und sich unter anderem an intimen Balladen und Countrymusik in amerikanischer Machart versucht. Was ich aber immer an ihm geschätzt habe und womit er mich gewonnen hat, war, dass er dabei gut hörbar alles gegeben hat, dass er versucht hat, etwas Überraschendes aus sich heraus zu holen und seinen eroberten Pophorizont zu überschreiten, als einer, der versucht hat, über sich selbst hinaus zu gehen und das als „heißes Bemühen“ hörbar werden zu lassen. Ja, er hat sich der bürgerlichen E-Musik-Kultur angedient, aber man hatte oft den Eindruck, dass er sich dabei nur der Möglichkeiten bediente, die sich ihm dadurch eröffneten, dass er sich auf anderen musikalischen Feldern versucht hatte. Den ursprünglichen Punk, der etwas von sich selbst nach außen schleudern wollte, schien er dabei stets mit und in sich getragen zu haben.... So schien es jedenfalls mir...

Dass er sich jetzt mit dem Album „The Boy named 2“ an die ungehobelten Krächzer, Nöler und Schluchzer seiner punkbeeinflussten Anfangszeit erinnert, nahm der feine Herr Medien-Autor mit Erstaunen zur Kenntnis, wobei es mir erscheint, als könne Elvis Costello dies nur vor dem Hintergrund seiner breiten Experimente, in die er jeweils seinen subjektiven Ausdruck einzubringen versucht hat. Jetzt, im vorgerückten Alter, scheint er diesen unsentimentalen Blick zurück riskieren zu können, jetzt scheint (!!) er unbefangen spielen zu können, jetzt scheint er noch (oder wieder?) das Feuer zu spüren, das ihn einst getrieben haben mag. Soll ich erwähnen, dass ich solches Suchen im Experiment, im Ungestümen, von der heutigen „Szene“ vermisse? Allenfalls scheint noch das professionelle Vorführen des „Gekonnten“ angesagt, das eitle Posieren und Vorführen der scheinbar (weil von einem breiten Kollektiv in anonymer Könnerschaft realisierten) Möglichkeiten sich zu erschöpfen. 

Kritik der Kritik

Mehr aus Zufall, aus einer Laune heraus fange ich an, meine CDs aus anderer Lebenssituation heraus zu hören, gehe sie durch, aus anderer Perspektive, komme zu Schlüssen. Man war im Berufsleben als Journalist zu oft zu schnellem Urteil gezwungen, zu rationalem Handeln (wo man hätte auch mehr Emotionen einfließen lassen sollen), musste gewisse Maße und Vorgaben erreichen, gewisse Formen wahren. Man hätte sich länger einlassen sollen. Bedeutet das, dass meine Beurteilungen, Einschätzungen und Hörfrüchte dann anders ausgefallen wären? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich meine Einschätzungen damals komprimieren, schnell formulieren, war zu etwas gezwungen, was sonst nicht meinem Naturell entspricht. Jedenfalls fühlte ich mich keinen Vorurteilen ausgeliefert, war auch Beeinflussungsversuchen wenig zugänglich. Jaja, da war ohnehin vieles für den Augenblick produziert. Prinzip: Pop. Schnelligkeit und manchmal – ja!- Hektik hatte  manchmal auch in meiner Produktion Vorrang vor einer Bedacht, einer inneren Ausgewogenheit, die dem Umstand vielleicht eher gerecht hätte werden können, dass da jemand sich und seine ganze Kreativität investiert hat. So sieht es wenigstens aus heutiger Perspektive aus. Ich höre eine Scheibe aus der Sicht von Heute an – und sie verändert sich noch heute, geschweige denn, dass ich mir noch die Sicht von früher vergegenwärtigen könnte. Meine Sicht der Dinge ganz allgemein glich oft einem Kontinuum, das sich dauernd veränderte und sich Lebenssituationen anpasste. Dadurch kam es leider auch, dass ich als Musikjournalist keine Routinen entwickelte, ich musste ständig neu um eine Einschätzung kämpfen, jede Situation war neu für mich, stellte mir ihre Anforderungen. Und ich? Drückte aus mir heraus, was gefordert war. So gut es eben ging….. 

The Highflyer

Folgendes lese ich meinem noch erscheinenden Buch, das an vielen Stellen auf bereits veröffentlichten Konzertbesprechungen etc. beruht: „Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich ist er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Wir rocken das

Es scheinen sich Klischees und Schablonen bezüglich der Rockmusik herausgebildet zu haben im öffentlichen Raum. Dies scheint mir auch seine sprachliche Seite zu haben. So stelle ich immer öfter den Sprachgebrauch „Wir rocken das Haus...“ fest. Rockmusik, vor allem in seiner Heavy Metal-Spielart scheint zum Synonym für wüste Lebenskraft und rauhe Unangepasstheit geworden zu sein, tatooübersät, laut und wild aussehend. Dabei scheint mir genau dieses Auftreten genauer Berechnung zu entspringen, es scheint mir auf ein Bedürfnis in dieser Gesellschaft zu reagieren, um damit vor allem Geschäfte zu machen. „Rocken“ heißt in diesem Sinne: überwältigt sein, hinein gezogen in etwas Rohes, in eine Kraft, die uns Menschen entspringt. Die Nähe zum Karneval mit seinem Entfliehen der bürgerlichen Rollenzuweisungen scheint mir hier durchaus gegeben. Doch genau wie beim Karneval scheint es mir dabei ein herbes Erwachen zu geben, den Tag danach, an dem alles wie immer seine Bahnen entlang läuft, die überschüssige Energie scheint mir an die institutionalisierten Blitzableiter abgegeben zu sein: Die Psychoanalyse würde so etwas vielleicht „Sublimation“ nennen.

Und so scheint es mir mit dem Heavy Metal auch zu sein: Star-Personen scheinen etwas auszuleben, das latent in uns allen schlummert und das sie stellvertretend vorleben, nur um später dem alltäglichen Leben umso eifriger und durch die Abführung gewisser Energien ungebremster nachgehen zu können. Ich bezweifle zudem, dass die Leute dieses Sprachgebrauchs auch nur eine entfernte Ahnung davon haben, was Metal alles bedeuten kann. Das in jeder Hinsicht Kratzbürstige dieses Stils scheint bei Ihnen keine Rolle zu spielen. Sie scheinen mir einer lockeren Verallgemeinerung aufzusitzen, die sich zunehmend ausbreitet in einem bestimmten Bedeutungsraum. Dabei scheint mir das, was „rocken“ bedeuten könnte, viel differenzierter zu sein. So gibt es in der zugunsten einer kommerziellen Popmusik untergegangenen Rockmusik unzählige Spielarten, denen man auch das Attribut „rocken“ zuschreiben könnte. Man könnte es als differenzierter beschrieben, als vielgestaltiger, unter anderem auch als Versuch, das Wilde Ungezügelte mit dem Überlegten und Bewussten zusammenzubringen.

Aber Abba

Ich nehme wahr, dass im kommenden Frühjahr Avatare der Popgruppe Abba auf einer eigens dafür erstellten Bühne auftreten sollen. Hinzu kommt, dass das „neue“ Abba-Album „Voyage“ hierzulande extrem erfolgreich ist. Ob ich mich ekeln soll, ob ich so etwas erstaunlich finde, befremdlich oder merkwürdig? Ein illuminierter Mythos, ein altersloses Gesäusel aus dem Off, ob das etwas über die Popwelt aussagt (In der Filmwelt wird schon lange mit animierten Figuren gearbeitet..)? Ob sie ganz besonders weit vorne ist, - oder einfach nur dekadent? Nun ja, man hatte zuvor schon etwas von anderen Künstlern mitgekriegt, die offenbar ähnliches geplant hatten. Aber so richtig zur Ausführung scheint es nicht gekommen zu sein. Nun aber, das Abba-Ding, das den Mythos dieser eigentlich ziemlich belanglosen Trällergruppe noch einmal inszeniert, um posthum noch einmal Kohle zu schürfen? Im Rückblick scheint das Ding viel größer zu sein, als damals, - trotz aller Erfolge. Es scheint die Träller- Hook- und Ohrwurmqualität zu zählen, - nichts anderes. Sie wurden und werden zu Göttern erklärt. Es scheint dies ein weiterer Schritt in der Auflösung der Grenze zwischen Doppelgänger und Originalen. Doch die Originale scheinen nicht gar so wichtig zu sein, der merkantile Effekt, das Aufblasen eines Konsummythos umso mehr. „Forever young“, das scheint das Versprechen hinter dem seltsamen Projekt. Da ist kein Altern und keine Sterblichkeit, - wie im „richtigen“ Leben – sondern die ewig gleiche Performance von künstlich virtuellen Wesen, - wobei das in Zukunft ja noch besser werden muss! Hologramm – nun ja! Vielleicht gibt es ja bald leistungsfähigere Roboter, die einen Popmythos einigermaßen „echt“ darstellen, präzise abgekupfert, übertragen und in Szene gesetzt. Das alte Zeug noch einmal raus holen und die Musikclownerien noch einmal auf Überlebensgröße aufblasen, - das ganze Musikbus macht da mit! 

 

Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Popismen

Habe ich eigentlich eine besondere Erinnerung an Abba, für die ja jetzt die gesamte Popwelt jetzt zu schwärmen scheint? Ich befürchte, dass sie mir egal waren und ein Inbegriff der klischeehaften Popwelt: Kitschig, verlogen, - allenfalls. Ein Produkt – und kein besonders künstlerisches. Sie scheinen mir jene Mythen zu verkörpern, die die Popwelt immer umspielt hat. Projektionen, Sehnsüchte, Kunstwelten. Wenn sie jetzt als Knattles und alte Damen daher kommen, so heißt das, dass sie auch nur Menschen sind: Wie überraschend! „Dancing Queen“ und all das Zeug: Ohrwürmer, um Geld zu verdienen. Nix Besonderes auf dieser Welt. Wenn man aber die vielen lobhudelnden Geschichten von heute liest, dann waren sie für alle eine Verkörperung der wahren Liebe, des Sonnenscheins von Melodien, des verkitschten Burgjungfrau- und Ritter-Mythos, der schlechtesten und süßlichsten aller amerikanischen Träume in der Folge von Cadillac und Santa Claus.. Musical-Märchen. Irgendwie peinlich fand man das, wollte es sich aber leisten, sich nicht damit auseinander zu setzen. Wer das wollte, der sollte es haben.

 

Musikalische Perfektion“? Wird ja jetzt an Abba immer so gelobt. Für uns damals bedeutete das nichts. Eine Vertonung des Nichts. Sonst nichts. Altmodisches Zeugs. Keine klare Zuspitzung auf ein Thema außer dem der Unterhaltung. Die Herren fummelten an irgendwelchen Instrumenten herum und die Damen in ihren komischen Kostümen machten dazu eine gute Figur – halt in dem vorgegebenen Sinne. Insgesamt stellten sie ungefähr das dar, was heute an zurecht gecasteten Formationen in den Medien nervt. Gefühl, ja das Gefühl an ihnen wurde auch immer so gelobt in früheren und letzten Zeiten. Für mich waren sie das Gegenteil von Gefühl. Für mich waren sie Zuckerstil mit ein bisschen Disco, durch und durch künstlich, von dem, was wir unter Gefühl verstanden, keine Spur. Ein Medienprodukt. 

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Indie-Melancholia, Umstieg in den Umsatz

Ach toll! Alles ächzt unter der Last der Pandemie, erwartet das Christkind an Weihnachten oder ist vollkommen passiv und depressiv geworden: Da kommt eine Adele mit ihrem neuen Album „30“ gerade recht. Dicke, fette Balladen, triefende Schlieren, Langsamkeit und Melancholie sind Pflicht. Die ARD hat die Sendung „Ein Abend mit Adele“ gesendet, mit Songs, gesungen und veredelt von einer 15 Grammy-Stimme, die nicht nur wegen ihrer Bodenständigkeit gerühmt wird, - ganz einfach: Die Frau! Sie hat sogar den Song „I drink wine“ am Start, der mit den Gefühlen spielt, denen so viele jetzt gerade ausgeliefert sind. Ach, man will den Kopf im Kissen vergraben und…...Was mich ein bisschen stutzig macht, ist die mutmaßliche Berechnung, die mir dahinter zu stehen scheint, wenn eine solch prominente Schöndame auf der Welle unserer Gefühle zu reiten scheint, um aus dem daraus fließenden Effekt dann Gold zu machen. War sie nicht vor Jahren als eine etwas dickliche und leicht überkandidelte Indie-Dame ins Musikbusiness gestartet? Sie spreche und singe so etwas wie einen Cockney-Akzent, ließ man uns verklickern, wobei keiner hierzulande wusste, was das genau ist. Genau deshalb musste man sich Jahre danach erklären lassen, dass das mit dem Cockney-Akzent doch nicht ganz stimme. 

Natürlich soll sie das Album in Pandemiezeiten geschaffen haben. Natürlich sind da die vielen bösen Männer, die die Frauen fertigmachen. Okay, ist mittlerweile Pflicht. Ach, „Rolling in the Deep“ gefiel mir anfangs auch. Besonders die Bass-Drum. Aber da das dann überall und dauernd zu hören war wie weiland Phil Collins, das hat mir so manches daran dann doch vergällt. Ob das Overkill und letztes Aufbäumen eines Big Business war, bevor es im Dschungel der Rechte, Urheberrechte und Streaming verschwand? Ach sie zelebrierte mir die Melancholie hier und da etwas zu berechnend, verkaufte sie in Kitsch triefend dem werten Kunden allzu eifrig. Sie scheint sich eingereiht zu haben unter die großen Showdamen, die es zu etwas gebracht haben und die sich nun im Schatten ihres großartigen Egos sonnen. Jetzt große Presstour und entsprechende Auftritte, die das Erscheinen in den einschlägigen Medien nach vorne zu bringen garantieren. Nun ja, die einzige einstige Indie-Dame, die solche Auftritte hinlegt, ist sie ja sowieso nicht. Oder?  

Das einst populäre Geschäft

Mir kommt es schon lange so vor, als sei Popmusik sehr zielgruppengerecht zubereitet. Es macht einen großen Unterschied, ob ich etwa das Publikum von Lady Gaga oder alternativ gesinnte Kreise ansprechen will. Je nachdem, werden die Zutaten gemixt, wird Rebellisches dazu getan, wird etwas mit Widerständigem (besonders in den Lyrics!) leicht gewürzt und dann auf den dazu geeigneten Bahnen (Marketing!) den Zielgruppen angedient. Die begleitenden Medien tun ein Übriges, verbreiten Mythen in Tüten und lassen solche „Produkte“ interessant erscheinen. Dies scheint auch und gerade für die sich alternativ gerierenden „Acts“ zu gelten. Für die „Mainstream-Medien“ ist es dann nur noch eine Frage des Geldes, solche „Acts“ zu kaufen und für die eigenen Interessen einzusetzen. Es gilt im Popgeschäft die Pose, der ausgegebene Eindruck, der Schein, niemals das Sein und Substantielle. In geradezu bizarrer Weise passen sich die handelnden „Stars“ dann dem Format an, das ihnen von cleveren Managern übergestülpt wird. Das ist zu negativ? Nun ja, Beispiele gibt es viele und ich selbst habe diese Erfahrungen bei zahlreichen journalistischen Interviews gemacht. Diese „Stars“ oder „Superstars“ halten sich selbst für schöpferische Genies, selbst wenn sie von geschäftlichen Interessen „gebraucht“ und „benutzt“ werden und allzu offensichtlich das Produkt einer Teamarbeit sind, in der die erbarmungslosen Gesetze des Marktes gelten. Wichtig scheint es, den Sehnsüchten und Wünschen der Zielgruppe mit überwältigender Macht Ausdruck zu verleihen

So könnte es auch sein - oder nicht?

Ob es so war, dass man neugierig war, dass man Grenzen, Horizonte überschreiten wollte, - auch mittels der Musik? Dass das drin war in der Rockmusik, dass genau das einen immer wieder anzog und sogar eine Art Freiheitsversprechen abgab? Dass sogar der Blues als scheinbar eng begrenztes Zeichensystem einem Aufgaben stellen konnte und einen hinein zwang in einen fremden Kontext. Man wollte das besser verstehen und arbeitete sich also ein, fühlte sich ein, versuchte, dem Wesen des Blues näher zu kommen, ohne sich damit identifizieren zu müssen. Es wurde eine Art Politik daraus, eine Art Herangehensweise, ein Umgangston, eine Weltsicht (so was ist unter Umständen weit entfernt davon, was viele heute als „Identitätspolitik“ bezeichnen). Heute ist es schwer, das alles als Pose zu begreifen, als Haltung, aus der man sich solange davon stehlen kann, wie man selbst davon profitiert (so der derzeit herrschende Zeitgeist). Ich habe oft auch als Kritiker versucht, gewisse Kreationen aus dieser Sicht, aus der Sicht eines kreativen „Mutes zum Eigenen“ zu beurteilen. Es ist mir nicht immer gelungen, zumal noch andere Faktoren in meine Beurteilungen herein spielten. Aber es war ein wesentlicher Gesichtspunkt.

Aber wie war das beispielsweise bei Steely Dan? Sie schienen mir trotz aller Professionalität einen eigenen, hart geschliffenen Weg zu verfolgen, sie schienen mir Vieles, auch Körper und Geist (!), auf einen Nenner zu bringen und in einer Haltung distanzierter Coolness zusammen zu fassen. Es schien ein Weg zu sein, eine Möglichkeit, eine Richtungsanzeige auf eine Art Metaebene. Dabei ließen sie vor allem Einflüsse aus dem Jazz herein, schauten sich um, nahmen von allem das Beste und fügten es demütig neu zusammen, versuchten, Paradoxa auszuhalten (Walter auch mit Drogen, was wohl einigermaßen schief ging) und eine Haltung zu demonstrieren.  

Spiel mit der Musik

Das Spielerische, das reine Probieren hat mich immer fasziniert am Musizieren. In den früheren Bands hieß das: Jammen, Improvisieren. Doch jetzt geht es nicht nur in der Musik darum, Probleme zu lösen, wissen, wie’s gemacht wird und den großen „Stars“ nachzueifern. Auch scheint es darauf anzukommen, aus anderen "Künstlern" möglichst viel (auch anhand von "Rechten") heraus zu quetschen: Man soll an einem Sound stricken, nacheifern, Know How und Ingenieurtum erreichen. Ich selbst habe zum Beispiel immer meinen Spass darin gefunden, das Handgemachte und das Maschinelle so zu vermischen, dass am Ende niemand (teilweise inklusive meiner selbst..) mehr geblickt hat, wie etwas zustande gekommen ist. Das war mein Vergnügen in Cubase. Diese Software hat es für mich möglich gemacht.

Doch jetzt nehme ich Seminare wahr, in denen man lernt, wie man einen „erfolgreichen“ Sound kopiert, wie man eine Erfolgsformel auf sich selbst überträgt, wie man auf Hörerwartungen surft. Ob damit dann danach die Welt bewegt wird, bleibt dem einzelnen Online-Kunden überlassen. Hauptsache, der Erlös reicht dafür, den eigenen riesigen SUV so zu finanzieren, dass er demnächst gegen einen „Stromer“ eingetauscht werden kann. Ich selbst stehe dem fassungslos und staunend gegenüber, frage mich, mit was ich meine kleine Rente angesichts derer große Pensionen/Renten/Einkommen verdient habe. Es gleicht einer Strafe und bevorteilt solche Typen, wie sie die jüngsten Finanzskandale in Deutschland verursacht haben. Und: es widerspricht krass dem, was Rockmusik mal wollte...

Musik und Bildung

Etwas professionell klingen zu lassen, bedeutet heute, dass etwas nach vorgegebenen Mustern funktioniert und einen ganz bestimmten Höreindruck fabriziert (jawohl, vieles davon ist Handwerk!). Diese massenhaft bewusst oder unbewusst eingesetzten Standards garantieren Popularität, - oder Untergehen in der Masse…. Diese Grenzen (wie auch allgemein menschliche) zu erweitern hatte man sich früher vorgenommen. Jetzt ist alles codiert und formatiert, läuft wie auf Schienen (die die Scheine bedeuten sollen). Es gab eine Zeit, in der man neugierig war, in der man Grenzen und Horizonte erweitern wollte. Jetzt ist kollektive Beruhigung angesagt, ein Beharren auf dem Gegebenen, ein Praktizieren der vorgegebenen Mechanismen. An dieser Stelle mag sich die Frage erheben, ob hier nicht ganz bestimmte Interessen auch dahinter stehen, ob in einer Situation, in der in Deutschland 2% der Bevölkerung etwa 35 % des verfügbaren Einkommens gehören, eine bestimmte Klasse von Menschen eine unbedingte Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebt. Was wohl in diesem Zusammenhang die „Panama" und "Pandora Papers“ bedeuten? Musiker wollen Hits fabrizieren, egal unter welchen Bedingungen. Kreativität ist in Bahnen gelenkt…..Erzeugt werden auf diesem Wege lauter kleine Rädchen, die in einem vorgegebenen Mechanismus optimal funktionieren, dicht daneben aber überhaupt nicht...- was so ziemlich das Gegenteil von klassischer Bildung ist. 

Mit dem Pedal (2)

Dass er Bob Dylan und andere Größen produziert hat, hatte ich ja schon erwähnt. Sie alle schätzten dieses Gefühl von trauriger Gedämpftheit, dass auf Waschzetteln so gerne als „melancholisch“ beschrieben wird. „Time out of mind“ oder Oh Mercy“ sollen Belege dafür sein. Jedenfalls ziehen langgestreckte Pedal-Steel-Schlieren durch das Klanggebäude, die mich immer wieder damit überrascht haben, dass sie scheinbar mühelos das Klischee von Country-Seligkeit überschritten haben. Er hatte und hatte überhaupt kein digitales Konzept, sondern er erschuf auf analogem Wege Klangbilder, die beispielsweise als Soundtrack in Wim Wenders’ Filme passten. Da waren oft einfache Songstrukturen, in die hinein Lanois das einfangen wollte, was man wohl als „magischen Moment“ bezeichnet. Gekonnt „unterproduziert“ könnte man so etwas vielleicht nennen. Dazu trug oft genug eine chronisch untertreibende Band bei, der unter anderem oft der sensible und technisch sehr versierte Star-Drummer Brian Blade angehörte. Dabei sang Lanois relativ selten, obwohl er eine ruhige, eigentlich gute Stimme hatte. Atmosphärisch schwebten darüber und darunter verschiedene Gitarren. Ich lasse es verklingen mit dem eingängigen Refrain von !Power of one“…...

Digitale Verse

Schon lange plagt mich der Verdacht, dass gewisse Texte, Verse in der Rockmusik auf digitalem Wege geschrieben seien, dass sie zielgruppengerecht abgefasst und hauptsächlich von Algorithmen „generiert“ in die Gesänge von maschinell agierenden und vorgegebene Posen einehmende Popfiguren geschleust ihre kalkulierte Wirkung entfalteten. Selbstverständlich mag auch die unterlegte Musik nach solchen Prinzipien per Software erzeugt worden sein. Das anarchisch Menschliche, aber auch das spielerisch Kreative, ja, auch das Rebellische wären auf diese Weise verloren für die Gesellschaft. Werte haben sich wohl auf Kosten anderer Werte gewandelt. Dass diese Gesellschaft freilich von „digitalen Dichtern und Denkern“ (also von Ingenieuren, Programmierern bzw. Umsetzern aller Art u.ä.) angeführt werden solle, war jetzt ganz explizit im deutschen Wahlkampf zu erfahren. Selbstverständlich sollten die so erzeugten „Produkte“ der „Klimaneutralität“ und ähnlichen schwammigen Zielphrasen dienen. Hohle Sprechblasen des Polittalk abzusondern, darin werden die Entscheider-Gesichter sowieso nicht müde.

Ob die derzeitigen „Produkte“ der Popindustrie dem genügen? Noch funkt ein anarchischer Geist oft störend dazwischen, wenn solche Klischees und Phrasen als Zielprojektionen unter die Leute gebracht werden sollen. Das Konzept ist noch nicht ganz konsistent. Doch das Ziel ist klar erkennbar: Gab es früher ein Ideal der Empathie, des Strebens nach Kunst, Tugend und Gelehrsamkeit, das zu einer Emanzipation des Menschen führen sollte, so ist jetzt das Ideal des digitalen Denkers gefragt: jemand, der die ihm vorgegebenen Ziele möglichst willfährig umsetzt, ohne dabei nach Fernzielen oder gar Visionen samt Utopien zu fragen. Möglichst zweckdienlich im Sinne der technischen Umsetzbarkeit und politisch brauchbar soll sein Produkt sein. Dass ein solches Bewusstsein auch zu in betrügerischer Absicht eingesetzter Software führen kann, die „klimafreundliche“ Abgasemission vortäuscht, wurde ja offensichtlich. Dass auf dem Wege der künstlichen Intelligenz auch Popmusikprodukte erzeugt werden können, die den Konsumenten gekonnt täuschen, ist mir schon lange geläufig und alltäglich hörbar.  

Identität?

Ja ja, es geht um Identität, auch in der Popmusik. Als Ganzes, Stimme, Sound, Arrangement, Einsatz von Gadgets usw. eine persönliche Welt schaffen, so das erkennbare Ziel. Auch ohne genauere und akademisch erwerbbare Kenntnisse der Musik. Nach letzten Entwicklungen werden dabei auch die neuesten Effekte mit einbezogen, und zwar im Falle von Autotune in einer Breite und Ausführlichkeit, die einen müde und derer überdrüssig werden lässt, seit Cher mit „Believe“ den Effekt zum ersten Mal vernehmbar gebraucht hatte. Was man sonst noch mit dem Klang einer Stimme (das ist nicht gleichbedeutend „Singen können“, sondern vielmehr seine „Stimme einsetzen können“, so dass sie nach mir selbst klingt) anfangen kann, entwickelt sich im Vergleich zu den Autotune-Welten eher langsam. Ein paar Halleffekte hier, ein bisschen Echo da, - so wird Verfremdung. Es kommt aber in Cyborg-Gefühl auf, das impliziert, dass leistungsfähige Maschinen immer mehr in das Eigene, Persönliche integriert werden, womit eine Steigerung (der Leistung?) bewirkt werden soll. Das bringt auch einen gewissen Widerspruch zu dem Bedürfnis nach Identität mit sich, denn auf diese Weise dominiert immer mehr das Technologische das Persönliche, was freilich im Ideal zu einer neuen Symbiose führen müsste (In der Praxis ist das leider nicht der Fall, denn immer mehr dominiert auch das Codierte, Vorproduzierte, das, was allgemein akzeptiert „angesagt“ ist...).

 

 

Selbstermächtigung

Es wird offenbar „Selbstermächtigung“ genannt, wenn nur noch der geschäftliche Erfolg im Markt der popmusikalischen Eitelkeiten zählt. Leute als Hiphopper aus scheinbar schlechten sozialen Verhältnissen geraten so, so die These, zur gesellschaftlichen Anerkennung und erkämpfen sich Teilhabe am Allgemeinen zu eigenen Bedingungen.

Merkwürdig, dass dieses Business auch auf dem deutschen „Markt“ nahezu ausschließlich der Hiphop mit seinen Figuren zu beherrschen scheint. So scheint es etwa in letzter Zeit einträgliche Mode geworden zu sein, eine Eistee-Dose unter dem eigenen Namen zu verkaufen. Dazu werden zusätzliche Produktlinien gefunden und verkauft: Schminkgadgets wie Eyeshadow, Freshadow, Mascara, allerlei Hautcremes, Bürstchen, um zusammengeklebte Wimpern zu trennen, Concealer gegen Augenschatten, Bronzing Powder, Skin Care, Kapseln zur Verbesserung der Haut- oder Haarstruktur, Kollagenpräparate, Anti-Aging-Präparate, Spray zur Stärkung und Straffung der Haarstruktur, Mundspülungen, komplette Bleachingverfahren, ätherische Öle, Antioxidantien u.a. Die Musik scheint da nur noch Beiwerk….. dazu Meditation am Morgen, im Urlaub weiße Sandstrände zur Steigerung des Wohlbefindens, regelmäßige Massagen, 

Kinderorgelhaft

Ich lese in einer Besprechung des neu gewendeten (neue Texte, andere SängerInnen aus dem iberischen Raum) Albums „This Years Model“ (Original von 1978) von Elvis Costello, die „Spielzeugorgel, die einst witzig gewesen sein mag, nervt heute eher... „ Dabei ist es das, was mir immer gefallen hat: der Stilbruch, dieses Anti-Rockistische, das Skurrile daran, dass diese manchmal schmierig billige Orgel trotz allem toll und stilsicher gespielt war, dass sie eine Art von schmierigem Punk-Element herein brachte, das Billige, Jahrmarkthafte, dass sich einer in einer Zeit der langen Soli so zurücknehmen konnte und dem Song mit Ausschmückungen und Brücken/Überleitungen, Soundhintergründen aller Art, mit Andeutungen und Chiffren dienen konnte…, das scheinbar unbekümmerte Reinhauen mit guten Songs.

Übrigens: Der Orgelspieler vor vielen Jahren hieß Steve Nieve und wurde nicht nur von mir damals heftig bewundert. Costellos Band hieß damals The Attractions und führte das scheinbar Abseitige auf ein neues Niveau der Rockmusik. Er bezog nicht-rockistische Elemente in sein Spiel ein und wagte das scheinbar Unpassende passend zu machen. Ich wünschte mir, „heutige“ Popmusik würde solche Elemente mehr in ihr Instrumentarium integrieren. Sie wäre viel überraschender, frischer und musikalisch unabhängiger. Aber ich vermute, dass hier und heute mehr auf vorformulierte Codes zurück gegriffen wird, auf feststehende Grooves und Stilmittel, die einem ganz genau vordefinierten Stil zugeschrieben werden. Das Crossover-Bemühen, das postmoderne Anspielen, Andeuten und Spotten im eigentlichen Sinn scheint es nicht mehr zu geben, es scheint alles im Voraus festgelegt. In diesem Rahmen wird wohl Individualisten eine Art Bewegungsraum gewährt, der später freilich von mächtigen „Produzenten“ eingesetzt, in einen Zusammenhang gestellt, gekürzt und bearbeitet wird.  

Was mir vorschwebt

Ich wollte in meiner eigenen Musik nicht das scheinbar Passende kombinieren, das, was in den Gehörgängen vorgeprägt wurde und vielleicht „Erfolg“ verspricht, wollte nicht nur „Biz Kid“ sein, das im Kompromiss zwischen vielen Rezipienten den Weg der gelungenen Kopie sucht. Ich wollte bewusst die eigene Person als maßgeblichen Bezugspunkt deuten, so sonderbar das Ergebnis der Bemühungen auch ausfallen möge. Dabei strebe ich nicht das Abgehobene, Elitäre an, sondern bin bemüht, mich populär auszudrücken, im Flow der aktuellen Produktionen und Sounds zu sein, das kommerziell Populäre in meinem Sinne zu handhaben und zu verfremden, sowie das Historische mit zu nehmen. Meine Vergangenheit in verschiedenen Bands trägt zum Ergebnis auch bei. Besonders meine „jazzy“ Stücke bewegen sich meist in einem langsamen, schlurfigen, gemächlich bedächtigen Duktus, den man wohlmeinend auch als „sanft“ bezeichnen könnte. Einerseits will ich mich von der Hektik, von der gesellschaftlich vorherrschenden Sucht nach Geschwindigkeit absetzen, andererseits hat sich bei mir eine Verweigerung des fortwährenden Wettbewerbs, des Prinzips „Competition“ eingestellt: Da ist KEIN schneller, lauter, besser…. Ich wollte angesichts dessen schon immer sehr viel lieber in sachter Ereignislosigkeit schwelgen, wollte mit Leere oder Stille experimentieren, strebte „The easy way“ an, nicht den anstrengenden, alles andere verdrängenden Karriereweg, wollte es fließen lassen, was mir in meinen Projekten in letzter Zeit einigermaßen gut gelingt.

Piano im Strom

Heute habe ich beim Esbjörn-Svensson-Trio mal wieder damit begonnen, mir wichtige Alben aus meiner Sammlung heraus zu suchen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal hören. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche rein projeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die krachigen Passagen zeigten auf den Tod. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie.“

Impulse

Manchmal ist man froh darüber, eine bestimmte CD in der besten verfügbaren Tonqualität zu besitzen. Ich wünschte, ich hätte eine noch bessere Anlage, um den Unterschied zu den relativ armseligen Streaming-Angeboten noch ausgiebiger ausleben zu können. Jetzt umspült mich gerade die neue CD von Pat Metheny „Side Eye – NYC (V1-IV), die auf einer Reihe beruht, zu der Pat Methey junge Musiker eingeladen hat und die einen ersten Ausschnitt aus den Sessions präsentiert, die er mit ihnen absolviert hat. Dementsprechend ist das Album live aufgenommen. Die Scheibe tastet sich aber trotzdem sachte durch die Zeit, - aber natürlich sind da Virtuosen zugange, die eben dieses Könnertum aber niemals zeigen müssen, die keinen Zwängen zu unterliegen scheinen und es dementsprechend einfach laufen lassen können. Das jetzt vorliegende Album haben, wie ich dem Booklet entnehmen kann, Pat Metheny an den Gitarren sowie James Francies an der Orgel, dem Piano und den Synthesizern und Marcus Gilmore am Schlagzeug eingespielt. Flott geht es durch neue Titel, aber auch durch Metheny-Klassiker wie „Bright Size Life“, das man kaum wiedererkannt hätte. Ja ja, die Orgel von Francies kommt öfters durch, solistisch und per Soundhintergrund. Zusammen mit Metheny hat sein Bassist früherer Tage, Steve Rodby, das Album produziert: eine Art Raffinesse, da auf dem ganzen Album kein Bassist im konventionellen Sinne auftritt. Die Bässe kommen vielmehr von Metheny selbst („Guitar Bass“) oder von Francies. Es geht hinein in einen Strudel, flüssig und punktuell jazzig, aber nie aufdringlich, immer smooth, weich, anschmiegsam, butterweich. Schon der erste Titel „It starts when we disappear“, ein Titel, der in anderer Form auch schon mal da war, führt über 13 Minuten und 47 Sekunden in ein Labyrinth, in dem gläubige Jazzer den Einwand vor sich hin schnüffeln, wo denn hier die Widerstände seien, es sei doch alles zu „gefällig“. Metheny in seiner typischen Art flicht ein paar Töne ein, der Pianist geht rein, füllt aus, sessionartige Passagen wechseln mit sehr strukturiertem Material, mit Themen und Motiven, ab. Nicht zu vergessen auch der fünfte Titel, „Lodger“, bei dem Metheny eine verschärfte und leicht angezerrte Gitarre spielt, die viele schon als rockig bezeichnen würden. Und so führt das Album durch einen Traum, der schließlich im Beifall des Publikums verhallt und sich in uns verliert....

(Pat Metheny, Side Eye NYC (V1.IV)Modern Recordings

Mit dem Pedal

Direkt neben Ry Cooder stehen die Alben von Daniel Lanois. Ich greife „Shine“ und „Here is what is“, habe aber daneben noch weitere Alben stehen. Die meisten Leute kennen ihn als Produzenten von U2-Alben, neben denen er als Produzent unter anderem noch Bob Dylan („Oh mercy“, „Time out of mind“) oder Peter Gabriel („Us“) und Emmy Harris als Referenz vorweisen könnte. Ein Starproduzent, fürwahr! Mich selbst haben seine Soloalben weitaus mehr interessiert, als diese Vorzeigenamen der alten Säcke. Darauf zieht er als lautmalerischer Pedal Steel-Gitarrist seine ruhigen Kreise, entwirft Klangbilder, die ihn auch schon als Soundtrackproduzenten für Starregisseure wie Wim Wenders qualifizierten. Seine Sachen sind meist von einer gedämpften und gleichzeitig abgeklärten Traurigkeit, auf die der zumindest zeitweise genutzte Wohnort mitten in der Wüste von Arizona abgefärbt haben könnte. Diese Wüste dort ist auch von keiner aufgesetzten Fröhlichkeit, entpuppt sich aber je länger desto mehr als eine Art „magischer Ort“, dessen Schmucklosigkeit heilsam ist für jemand, der aus der Überflussgesellschaft kommt. Ob so etwas abgefärbt hat?

 

Entspannter Rückzug scheint hier angesagt, die materiellen Voraussetzungen dafür wird er sich wohl als Produzent längst geschaffen haben. Schnell ist herauszuhören bei ihm: Er vertritt kein digitales Konzept, das im Heimstudio schnell zusammen gezimmerte Demo wäre ihm suspekt, er steht wahrscheinlich mehr auf die aufwendig analog produzierten Breitwandformate, die die technischen Gimmicks eher versteckt untergehen lassen in einem Gesamtkonzept. Dazu scheint für Lanois zu gehören, dass er im Studio „magische Momente“ einfangen will, die für die richtigen Vibes sorgen und der Aufnahme eine Art Geheimnis geben sollen. Dazu setzt er oft relativ einfache Songstrukturen ein, die er jedoch vielgestaltig ruhig akustisch und mit sehr versierten Begleitern ausmalt. Eine oft uneitle und meist heftig untertreibende Band entwirft ihm dazu atmosphärische Strukturen und einen groovenden Beat, sie scheint seiner Vision folgen zu können. Dass dabei die von ihm oft zelebrierte Pedal Steel Gitarre eine wichtige Rolle spielt, macht seine Alben besonders wertvoll. Wer die Pedal Steel als ein bevorzugt in der Country-Musik eingesetztes sentimentales Instrument sieht, sollte unbedingt in Lanois’ Alben reinhören und seine Vorurteile korrigieren. Darauf ist dann meist auch Brian Blade (Gastmusiker sehr vieler Produktionen, u.a. Herbie Hancock, Joni Mitchell) zu hören, ein unglaublich sensibler und gleichzeitig sehr versierter Drummer, dessen Tracks von Lanois oft in den Hintergrund gemischt wurde. Wer die High Tech-Produktionen der amerikanischen Cracks des Zeitgeists gewohnt ist, wird Lanois Alben im ersten Eindruck für unterproduziert, langweilig und geradezu einfältig halten. Es entfaltet sich jedoch für den, der sich auf sie einlässt, ein eigener Charme, eine Anziehungskraft, ja eine Magie, die sich auch auf kommerziellem Parkett durchgesetzt hat (Die Soloscheiben verkauften sich eher lausig, sein Soundverständnis brachte er jedoch bei Dylan oder U 2 ein). Mit dem eingängigen Refrain von „Power of one“ gehe ich raus aus seiner Klangwelt, die mich mit ihrer eigenen Klangsprache sanft umstrickt und umschmeichelt hat.

Latinvirtuose

Heute morgen Ry Cooders „Chavez Ravine“ herausgegriffen, dessen CDs neben denen von Daniel Lanois stehen. Seinen Soundtrack zum Film „Paris/Texas“ kennt natürlich jeder, - ein Klassiker. Sah zuvor im Fernsehen auch wieder mal „Buena Vista Social Club“ und erinnerte mich an die positive Rolle als Katalysator, die Ry Cooder dabei wohl gespielt hat und was dieses Zufallsensemble Wunderbares zustande gebracht hat. Dabei kamen mir dabei aber auch seine wunderbaren Gitarrenlinien in den Sinn. Einfühlsam, nie eitel, träumerisch realistisch. Schon sehr früh hatten mich seine Soloscheiben hingerissen, wobei ich seine Zeit bei Captain Beefheart bis heute nicht genau kenne. Dabei scheint er seine Gitarre auf seinen Soloalben meist sehr sparsam aber intensiv einzusetzen, was ihn mir umso sympathischer macht. Er scheint eine Art aktiver Musikethnologe zu sein, der alte Stile und Spielweisen ausgräbt, um sie sich teilweise vorsichtig und behutsam für eigene Versuche anzueignen und zu bearbeiten. Ja klar, darin ist er mir in Fleisch und Blut übergegangen, wie ich jetzt merke. Auf „Chavez Ravine“ sind allerlei Instrumente rund um seine Gitarre, kunstvoll verschlungen, Technokraten würden sagen „gut gemischt“. Den Gesang bestreitet er selten, meist überlässt er das anderen, von denen viel Gefühl und Hingabe auf den Hörer kommt. Oft ist bei ihm Akkordeon dabei, ein Instrument, das in der Rockmusik relativ selten blieb. Auf „Chavez Ravine“ mag ich unter anderem den wunderbar nach vorne marschierenden Rhythmus, mit tausend Timbales und Congas aufgepimpt, über die sich unter seiner Slide tausend (gefühlt) Instrumente gruppierten. Auch mag ich sehr den Grundsound des Studios, das mitzufedern scheint. Jetzt „Los chucos suaves“: wahnsinnig, wie der Rhythmus treibt! Klasse, wie das Piano perlt! Und erst der tolle Lalo Guerrero: seine Stimme zieht hinein, sie verleiht einem Energie, sie bringt etwas zu einem, sie drängt hinaus in Begeisterung! Jim Keltner, Drums, ist auch nicht einer der schlechtesten. Ein Crack. Ein Dosierer und Kommentierer, kein Prügler. „Chinito, chinito“: Juliette Commagere und Carla Commagere, als wunderbares Gesangspaar der guten Laune inmitten mieser Verhältnisse, mit Joachim Cooder, Drums, dem Sohn, der auch in „Buena Vista Social Club“ zu sehen und hören ist. Wie der Bass wühlt! Wie können die so etwas zustande kriegen? „Cool Cats“ von Jerry Leiber und Mike Stoller: sehr sehr cool! Schweine zum Mitmachen…. Little Willie G. Leadvoc, großartige Stimme, begnadeter Mitreißbeat! Ausgegraben aus dem Jahr 1953. Jay Edgar Hoover scheint ein Lieblingsgegner von Cooder zu sein. Nun ja, der hat ja auch etliche Sauereien auf dem Kerbholz, dieser ehemalige Geheimdienstchef! Cooder spielt damit, klagt an, lässt alles auf dem Trampolin seiner Persönlichkeit federn. Die Texte kommen in Spanisch und englischer Übersetzung daher. Später tritt noch der Akkordeonspieler Flaco Jiminez auf, mit dem Ry Cooder damals oft arbeitete.

Heute?

An dieser Stelle wurde oft und vielgestaltig moniert, dass Rockmusik und Subkultur kein Träger von Haltungen mehr ist. Dass sie nichts mehr bedeutet. Und doch wird mir immer wieder bewusst, dass sie immerhin Teil der Entertainmentindustrie geworden ist, dass sie aber keinerlei Ansprüche mehr entwickelt, auch nicht den, über das Spießertum einer Elterngeneration hinaus zu kommen ("Break on through the other side, Doors"). Diese Eltern hatten mittlerweile oft selbst Eltern aus der „68er“-Generation, die mit ihrer Existenz übers Spießertum der Enge hinaus kommen wollten. Es gibt also nichts mehr, gegen das es in Abgrenzung und in der Herausbildung einer eigenen Persönlichkeit zu protestieren lohnte.

 

Inzwischen scheint sich eine Art von Klassenaspekt in das Leben „junger Leute“ gemischt zu haben: Wer es sich leisten kann, ein bisschen mehr „Freiheit“ anzustreben, tut das (von den Eltern unterstützt) im Freistil. Für ein Jahr im Ausland studieren, das muss sein! Nur so als Beispiel! Wer aber aus einer deprivierten Gruppe heraus keinerlei Aussicht auf eine unbefristete Arbeitsstelle hat, wer unter dem Klimaaspekt einer verheerenden Zukunft entgegen sieht, wer sich auf einer sozial abschüssigen Bahn wähnt und schon früh im Leben sich einem untergehenden Rentensystem ausgeliefert fühlt, wird sich nicht so leicht einer wie auch immer gearteten „Befreiung“ verschreiben, für den rücken die luftigen Aussagen der Popleute in den Bereich eines speziell auf eine bestimmte Zielgruppe abgerichteten und munter daher gelaberten Entertainmentgedankens. Industrie halt, die, wie es sich insbesondere in den Pandemie zeigte, im Rahmen „des Ganzen“ mit ihren kurzfristig gehypten "Megastars" nicht mal besonders wichtig ist. 

Göttin der Neuen Zeit

Die Heldin und Göttin dieser Zeiten im Pop scheint eindeutig Billie Eilish zu sein. Grenzenloser Erfolg aus dem Kinderzimmer, Popularität für jede(n) erreichbar. Sie schwebt über allem als Lichtgstalt, irgendwie depressiv und doch gleichzeitig hedonistisch, - wie die Zeit. Heiter dem Abgrund entgegen. Der Bruder bereitet daheim im Kinderzimmer das Soundkonzept, bedient die Digi-Maschinen, führt Regie. Privates Gefühl soll dominieren, Authentizität, fürwahr, die Teenager-Queen will sich abschotten, einigeln, für sich sein. Das alles zusammen soll ihre Bedeutung ausmachen, das „Nicht-Verortbare, Beliebige“, das „Geheimnisvolle“ und „Visionäre“, was sie auch in ihre Rolle als Foto-Modell, als It-Girl, Social-Media-Influencerin und Markenbotschafterin einfließen lässt. Niemand dürfte überrascht sein, wenn sie nach dem Vorbild etlicher Kolleginnen mit ihrem Image demnächst als Unternehmerin auftreten würde und Lippenstifte samt passender Unterwäsche verkaufen würde. Natürlich werden viele Master-Interpreten wieder einiges hinein geheimnissen in ihr „Werk“, das aus einer Nische heraus die Welt erobert hat. Blecheimerpercussion, künstlich digitales Glucksen und Vervielfältigungen: Sie ist wohl auf der Höhe der Zeit und drückt die Gefühle der Vielen aus. In ihrem Kerngeschäft, der Musik, hat sie jüngst wieder ein Album heraus gebracht, auf dem sie schon jetzt die Bilanz ihres Lebens zu ziehen scheint, als lebensgetränkten Rückblick, gelassen abgeklärt und gleichzeitig mit musikalisch raffiniertem Panik und Gothik-Unheil gespeist. Jetzt scheint sie umzuschwenken auf etwas gediegenere Klänge, mit denen sie ihre Zielgruppe sicherlich nnoch einmal erweitert. Wer und wo sie ist, für was sie steht und vor was sie flieht: Erst einmal zurück gestellt. Es mögen andere Zeiten kommen, in denen sie auch den reiferen Jahrgängen einen wohllüstigen Schrecken einjagt. Alles ist dafür vorbereitet. 

Klangpoet bei mir (3)

Er macht sein eigenes „Great american Songbook“: Melodien, Songs, Musik, die eine ganze Nation, eine ganze Welt über lange Zeit hinweg geprägt haben. Motto: „Once upon a time in the West“. Nach schrägen, versponnenen Linien, die hinein führen in dies jetzt sich ausbreitende spezielle Bandfeeling und dem 007-Thema „You only live twice“, lässt Bill Frisell „Bonanza“ aufblühen. Ja, richtig, die Melodie zur gleichnamigen Fernsehserie! Geht ihm durch den Kopf, spielt er. Danach lässt er sich in „Once upon a time in the West“ gleich in 3 Versionen fallen, - das Thema stammt von Ennio Morricone. Toll ist, dass Frisell solche Vorlagen niemals verspottet, verniedlicht oder sonstwie abwertet, sondern diese Themen so als Vorlage nimmt, wie jeder Jazzer das tun würde: sie sehr ernst nehmend baut er Paraphrasen darüber auf, mal aus, führt in der Interaktion mit seiner Band aus, gibt Signale und unternimmt eine Reise ins kollektive Unbewusste. Auch „The Shadow of your smile“, diese archetypische Schnulze, nimmt er sich auf diese Weise vor, bringt die Sängerin Petra Haden in den Vordergrund und lässt auch an anderer Stelle dieser CD Eyvind Kang seine glitzernden Klangfäden mit der Viola einziehen. Will das als Dekonstruktion bezeichnet werden? Nicht unbedingt, so scheint mir, er kommt wohl von einer anderen Seite…. „Moon River“ kennt auch jeder und drückt wohl eine romantische Sehnsucht nach der Kindheit aus. Es taucht „The Godfather“ von Nino Rota auf, natürlich auch ein Thema, das das globale Gedächtnis durchzieht. Ach ja, Bill Frisell lächelt dazu und schwelgt weiter in musikalischen Träumen... 

Tonträger in Folie, früh daran verzweifelt

Das Folgende basiert auf einer Glosse, die ich nie vollendet habe:

Keine Playlist, kein MP3, kein Streaming: Stattdessen ist das Ding sauber in Plastikfolie verschweißt. Ein Datenträger - aber so sahen wir das nicht. Früher gab es wenigstens noch einen schwer aufzufindenden, in Plastik eingeschweißten Plastikfaden, der das Aufreißen von Tonträgern im CD-Format leichter machen konnte. Wenn man ihn fand. Aber jetzt? Am Steuer eines Autos das Ding aufzukriegen war praktisch unmöglich. Man fummelte in erwartungsvoller Aufregung herum, kriegte das Ding aber nicht zu fassen, war kurz vor der Verzweiflung. Das darf nicht wahr sein! Das ist doch banal! Lächerlich! Versuche mit dem mit dem Hausschlüssel gaben nur unschöne Kratzer und Frakturen, das Ding ging aber nicht auf und blieb fest verschweißt, egal, ob es etwa einen kleinen Plastikzug hätte geben müssen, der mir den Tonträger mit einem einzigen Zug hätte zugänglich machen müssen.

Beobachtung: Ich fahre beinahe auf einen Begrenzungspfosten und bin auch schon meinem Gegenverkehr gefährlich nahe gekommen. Das Ding muss doch aufgehen! Lichthupe! So geht das nicht. Die Folie steht fest zu den Beach Boys. Sie scheint zu kleben. Sie geht nicht auf, sie gibt nicht frei…. Ich kann machen, was ich will. Ich bin geladen und verärgert. Neugierig, aber unfähig. Wie oft, wie immer…?  Nachdem ich zuhause mit schwerem und anderem gefährlichen Gerät hantiert habe, entdecke ich endlich den zuvor so intensiv gesuchten Plastikfaden, bzw. seine Handhabbarkeit. Der war aber gut verborgen! Was nun? Ich spüre inzwischen meine Fingernägel kaum noch oder sie sind sowieso abgebrochen. Und wieder überwältigen mich herbe Selbstzweifel: ich bin halt technisch total unbegabt! Daran liegt es!  Da gibt es sicher einen Trick! Einen einfachen. Nur ich habe ihn in 30 Jahren immer noch nicht entdeckt. Ich kann das nicht. Man muss da schon auf dem Kiwive sein. Ein Cleverle. Ein Käpsele….. Die so vielbeschworene Haptik schien auch ihre Fallen zu haben......

Klangpoet bei mir (2)

Da schleift und schlurft einer durch die Zeit, nachdem ich seine mehr als 20 Jahre alte CD aus meiner Sammlung heraus gezogen habe: Bill Frisell ist als Nerd mit Nickelbrille auf der CD „Good Dog, Happy Man“ im Titel „Shenendoah“ zusammen mit dem Slide-Spezialisten Ry Cooder zugange. Unter anderem zieren Fotos mit seinem Hund und ihm als lächelndem Gitarristen das Cover. Sehr von hinten wirkt er auf diese Musik ein, da ist kein bisschen aufgeblasene Eitelkeit! Auch Viktor Krauss am Bass ist uns kein Unbekannter: unter anderem spielte er auf vielen CDs von Lyle Lovett und war eine Zeitlang der Modebassist schlechthin. Es herrscht Jam-Atmosphäre auf dieser CD. Man verlässt sich auf lässige Soli, die eine eigene Signatur tragen und die man aufscheinen lässt im Fluss der freundlich euphorisierenden Musik.

Klar, dass Greg Leisz, dieser Poet an den Saiten, da rein passt. Wunderbar zieht er Schleifen ein, scheint zu fliegen, in Höhen, die uns manchmal etwas an „Albatros“, den alten Titel von Fleetwood Mac erinnern. Wayne Horvitz fingert schelmisch kompetent die Orgel, kommt nach vorne, wirft ein, um im nächsten Moment wieder im Flow der Musik unter zu gehen. Jim Keltner rührt subtil die Drums und kommentiert geistreich, produziert gelassene Zwischeneinwürfe oder fließende Fills und hält doch auf unauffällige Weise den Beat. Er war uns zuallererst als Drummer von Joe Cocker Mad Dogs & Englishmen aufgefallen. Vor ewigen Zeiten!!! Geradlienig verspielt agierte er da zusammen mit Jim Gordon (2 Drummer!). Ach ja, alle zusammen waren sie gesuchte Edelsteine der LA-Studioszene! Bill Frisell lenkt mit seiner Gitarre das Geschehen subtil, vielleicht sind auch ein paar Akkorde im Voraus abgesprochen. Es herrscht offenbar magische Übereinstimmung. Auf diese Weise entstehen Melodiegeflechte, die hängen bleiben, die die berückende Atmosphäre dieser CD ausmachen. Da ist viel Entspannung und geschehen lassen. Sich in diesen Fluss fallen lassen, badend ausruhen, das wär’s jetzt….! 

Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Klangpoet bei mir zuhause

Wie macht der Bursche das bloß, dass man ihn überall heraus hört? Der glasige Sound? Scheint nur oberflächlich so zu sein. Er hat einen Wiedererkennungswert wie Eric Clapton, bewegt sich aber auf einer anderen Ebene. Naja, als Gitarrist hat er auch mal mit dem leider verstorbenen Ginger Baker zusammen gespielt, dem ehemaligen Bandkollegen von Clapton. Er hat schon sehr abstrakte Sachen gemacht, hat mit John Zorns Band Naked City einst extrem kurze und krachige Stücke aufgenommen, die uns irritierten. Damals wurde er dem Jazz zugezählt, weil er mit vielen Jazzcracks (u.a. Paul Motion, Joe Lovano), schon zusammen gespielt hatte. Heute vermuten wir, dass diese jazzy inspirierten Leute halt offen waren für diese ungewöhnlichen und irritierenden Wege, die Bill Frisell beschritt. Unter anderem bezog er immer mehr die Musik seiner Kindheit, die Country- und Bluegrassmusik in sein Musizieren mit ein. Hinzu kamen die Pophits seiner Kindheit, was etwa auf der CD „Guitar in the Space Age“, aber auch auf seinen früheren Alben gut zu hören ist (u.a. „Surfer Girl“, „Turn, turn, turn“, Messin’ with the Kid“, „Telstar“). Auch stellte Bill Frisell ganze im Jam-Stil locker eingespielte Alben klar durchkomponierten Alben gegenüber, brachte Soloalben („Music is“) und Alben mit wechselnden Ensembles heraus. Er bezieht schon mal Elektronik mit ein, hat aber auch ganze Alben im traditionellen Stil aufgenommen. Keine Scheu hatte er auch bei zahlreichen Gastauftritten mit Popstars (Loudon Wainwright, Marianne Faithful, Lucinda Williams etc.), denen er jeweils ein exklusives musikalisches Kleid zimmerte. Ich ziehe die CD „Small Town“, die Frisell zusammen mit Thomas Morgan eingespielt hat. Sofort bin ich eingesaugt in diese wunderbar wolkigen Klänge, die um ein Motiv herum zu schweben scheinen und sich dann immer mehr verdichten. Live ist das alles aufgenommen. Bravo! Wieder bezieht er auf subtile Weise Country, Pop und Folk mit ein, lässt kurz aufscheinen und lässt wieder verschwinden. Ein musikalischer Zauberer, fürwahr! Ich liebe seine Musik seit langem, habe etliche Alben von ihm, die mich immer wieder bestricken, verzücken, anziehen…... 

Zwei von einer Sorte

Wie sehr mochte ich in der Rockmusik immer diese Einzelgänger, die in sich bohrten! Howe Gelb oder Kurt Wagner, das Fischen im Universum der Assoziationen und der augenblicklichen Willensleistungen…..Vielleicht kam mir das aber auch nur so vor! Immerhin waren da Kurt Wagners lakonisch poetische Erzählungen, die über zarter und gleichzeitig sehr geerdeter Musik hinein führte in surreale Zusammenhänge, genauso, wie die Musik „von unten“ brodelte und einen hinein zog in einen Schwall des persönlich Überpersönlichen. Draußen im andern Zimmer läuft „Flotus“, die neue Scheibe von Lambchop: Es kommt mir vor, als passe er trotz behutsamem Einsatz von Elektronik nicht mehr so recht in die neuen Zusammenhänge des flüchtig Oberflächlichen….Wer hört ihm und Lambchop noch zu? Er ist langsam, er ist bedächtig, er ist lädelig…..ach! Entschleunigt? Die Übertreibungen sind seiner Musik fremd, sie scheint sich um sich selbst zu drehen…zu mäandrieren, anders, als bei Howe Gelb. Der versucht sich schon mal am Plakativen, spielt mit ihm, greift es, baut es um, verspottet und trottelt es! Aber nichts daran ist von dem Hochglanz, der heutzutage gefragt ist! Er gibt manchmal so bemüht den Rocker und reitet auf wüsten Gitarrensounds, dass wir ihm diese Pose fast glauben. Er kann aber auch in die Tasten des Pianos greifen, um eine Passage von Emerson, Lake & Palmer zu zitieren. Halt so! Weil es ihm jetzt gerade in den Sinn kommt. Musik als Spiel. Er kann sich zart um sich selbst drehen. Wie ein Cowboy! Elaboriert. Reif. Einer, der viel mitgemacht hat. Und jetzt „Fangerles“ mit sich selbst spielt, wobei ihn einfühlsame Kollegen begleiten.

Sharing Superfiles

Wir teilen uns alle Dateien, die wir aus dem Internet herunterladen. Aber wer hat sie produziert, hat geschwitzt, hat sein ganzes technisches und musikalisches Know-How eingebracht, hat sich Alternativen überlegt, hat sich entschieden und schließlich zu einer einzigen digitalen Datei als Endergebnis geformt? Was soll sein Lohn dafür sein? Wer legt ihn fest? Wer hängt sich womöglich an diesen Lohn an und versucht spezialisiert, seinen Profit damit zu machen? Als Company? Als Management, als Consultant? Gibt es überhaupt einen messbaren Lohn, aus dem heraus man als schaffender Musiker in dieser Wirtschaft leben könnte?

Gibt es einen „Bauplan“ für einen Hit und einen geeigneten Interpreten für eine Folge von Tönen, die wir gerne hören? Könnte man diesen Bauplan etwa in einem 3-D-Drucker drucken? Einen „intelligenten“ Computer damit füttern? Was könnte dabei heraus kommen? Ist es etwa so etwas, was heute viele TV-Sendungen und die Musikindustrie vorführen? Die Macher und Könner scheinen da zu regieren, unabhängig davon, was (!) sie da machen oder können. Es gilt, "Hörerwartungen" so zu entsprechen, dass ein "Hit" oder das Kennzeichen einer Marke daraus wird. Doch hat das auch etwas sehr Populistisches? Hört man diese „Produkte“, so könnte man an eine Machbarkeit anhand fester Kriterien denken, an das Formelhafte und Vorhersehbare, das nicht nur in der populären Musik steckt und das in Algorithmen einzugehen scheint . Das Wissen, das Know-How. Das Lernbare. Das Umsetzbare. Das Gekonnte und Versierte. Das, was als „richtig“ oder „falsch“ erscheint.

Und doch war es bisher oft etwas Außergewöhnliches, eine Form der Grenzüberschreitung oder eine Übertretung bislang geltender Konventionen, die einen Hit zu einem „Superhit“ hat werden lassen, zu etwas Unwiderstehlichem. Mit Gassenhauerqualität. Etwas, was sich festgesetzt hat, nicht nur durch starke Melodien, sondern auch durch prägnante Stellen und Übergänge, oder durch Stimmungen und Atmosphären, die solche Musik provoziert hat. Durch eine direkte Verbindung mit dem Zeitgeist auch, - eine Verbindung mit dem, was aktuell in der Luft liegt. Durch das „Andere“, das eine solche Musik kurz gestreift hat, um es schließlich in das „Normale“ und Alltägliche zu überführen. Natürlich versucht der Musiker, der Künstler, die Frontfigur eines Hits, immer wieder, eine solche Formel in ihrem „Schaffensprozess“ zu wiederholen (Ob so etwas „Stil“ ergibt?) und die Aufmerksamkeit auf die vermeintliche eigene Einmaligkeit und seine eigenen charismatischen Starqualitäten zu lenken. Auf das Genie, - was vor allem ein romantischer Begriff ist, der das Heil ausschließlich vom Ego erwartet. Natürlich klappt das oft. Und selten zugleich. 

 

Star, Superstar, Charisma (2)

Dies ist ein kurzer Text aus meinem Buch, das auch meine vergangenen Jahre als Musikjournalist in einem größeren Zusammenhang beleuchten will. Ich staune, dass darin dieselben Argumente samt David Bowie auftauchen, die ja schon meinen ersten Text unter diesem Titel beeinflusst haben:  "Ob dieses Charisma auch etwas Beängstigendes haben kann? Gerade in Deutschland hat man diesbezüglich einige schreckliche Erfahrungen gemacht. Die Gabe, Massen mitzureißen, sie zu Dingen bewegen zu können, sie aufzuhetzen, gegen etwas und alles, sie auf sich einzuschwören, bedingungslosen Gehorsam einzufordern....usw. Ob David Bowies Spruch, dass er selbst populärer als einst Hitler sei, in diese Richtung geht? Ob er sich tatsächlich als Popgott fühlte? Oft haben mich Popkonzerte aus dieser Richtung abgestoßen: diese Massendynamik, die auf diese Weise entsteht und die offenbar alle suchen... Ob sie etwas mit Propaganda gemein hat? Ich habe oft Interviews geführt, in denen ich den Eindruck hatte, dass mein Gegenüber ganz direkt an den Mythos glaubte, den er bei den Massen zu hinterlassen imstande war. Iwo, dass ist ja nur Unterhaltung, harmloses Schwärmen? Nun gut, auch solche scheinbare Harmlosigkeiten lassen vielleicht bei öfterer Wiederholung eine Haltung, Einstellung, eine Heilserwartung entstehen. Öfterer Wiederholung? Ob Fan sein und bei jeder Gelegenheit vorgezeigte Anhängerschaft etwas damit zu tun? Mir ist oft durch den Kopf gegangen, dass auf diese Weise ein Verhalten eingeübt wird, das abseits seiner immer wieder vorgetragenen "Spaßorientierung" eindeutig faschistoide Züge hat. Ich selbst wollte nie in der Masse aufgehen, in mir sperrte sich etwas und wahrte automatisch Distanz. Das hat mich zu einem Kritiker dieser Richtung werden lassen, einer der registriert und sich weniger mitreißen lässt. Schon gar nicht von oberflächlichem Reflexverhalten.

Früher Trip?

Was mir beim Hören älterer Tonträger durch den Kopf geht: Man hatte ja als Musiker geglaubt, die andern seien in allem besser. Man hatte noch nicht die Vielschichtigkeit all dieser Fragen im Kopf. Wer mit wem, welche Instrumente, welche Produktionsmittel etc. Als Musiker ging es darum: Kannst du es spielen, oder nicht? Hast du die Phantasie, das Vorstellungsvermögen eines Sounds, kannst du dich da hinein fallen lassen? Auch war es ja nicht so, dass man in 10 Minuten Entfernung zum Meeresstrand lebte. Es war eine andere Lebenswirklichkeit, in die man da hineingeworfen war: beengt, klein, übersichtlich, in Mittelmäßigkeit zurecht kommend. Erst später habe ich radikaler erfahren, wie einen so etwas wie Umgebung beeinflussen kann, was es mit einem (wie mich) machen kann. Wir waren aufgehoben und abgefedert in unserer Mittelklassewelt, wir waren sicher.

Und wir waren getrieben von einem Versprechen von Freiheit, die sich erst noch heraus schälen musste. Dafür glaubte auch ich skeptischer Sack, in einer Art Blase, in einer unausgesprochenen Gemeinsamkeit der Gutmeinenden, aufgehoben zu sein. Sie hat sich später aufgelöst in verschiedene Trips, Marotten, die nach meiner Ansicht nichts Politisches hatten, eine überspannende Relevanz. Gewiss, es ist Vieles anders geworden. Aber so? Es scheint uns, als sei die Rockmusik, die einst dies Versprechen mit trug und die selbst den Hörern Abenteuer bescheren konnte, ein Friedhof von Toten und Untoten. Die irgendwie vieles überwölbende Utopie war weg und man hatte damals keine Ahnung davon, wie wenig ernst das alles gemeint war, wie lässlich und nachlässig das alles in einen Trip führte, aus dem man jederzeit wieder aussteigen konnte. Und da war ich, der sich ohnehin außerhalb dieses Zugs fühlte, der skeptisch und kritisch war, der sich der Ironie verschrieben hatte. Wo bin ich heute? Wo ist der Kick, das Kitzeln, das Versprechen? Lohnt es sich, in den Resten der Dekadenz nachzuschauen? 

Mit der Stimme

Ich komme jetzt über einen Artikel, den ich 2005 geschrieben habe und in dem ich mir anhand eines Auftritts von Al Jarreau eher beiläufig Gedanken über die Stimme und das Singen gemacht hatte:

 

"Ich wählte die Überschrift „Mit der Stimme ein Häusle bauen“ zu „Al Jarreau und Band auf der Esslinger Burg“ - Ob die Stimme wirklich das Fenster der Seele ist? Oder ob diesbezüglich die Augen mehr sagen? Welche Rolle spielt dabei die „innere Stimme“? „Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht“: Der Schiller hat’s behauptet und deshalb gibt’s uns zu denken. Ob’s stimmt? Herje, der zurzeit wieder schwer gehypte Klassiker wusste natürlich um den Gehalt seiner Behauptungen, - wer denn sonst?

Trotzdem, schöne Spekulationen sind’s, große Fragen für Psychologen, Dichter und esoterische Geister. Was ist die Stimme überhaupt im innersten? Bla bla, ratter ratter... Nun gut, Die Stimme ist ein Musikinstrument, das ist sie schon. Seele und Gefühle drücken sich vielleicht doch am Unmittelbarsten durch sie aus. Eine Ahnung davon überkommt uns, als wir Al Jarreau direkt vor uns auf der Bühne der Burg in Esslingen hören und sehen. Wie er da in ganzer Person zu seiner Stimme wird, wie er in ihr sich zu konzentrieren scheint, wie er sich durch sie in Töne verwandelt, wie er gurrt und gackert, raunt und flüstert und schreit und – singt, mal sanft weich, mal nachdrücklich hart und überhaupt, alles dazwischen auch, wie er Klänge aus der Luft holt und sie formt, sich aneignet, wie er sich strömen lässt in seiner Stimme, sich windet, tanzt und grimassiert, da scheint er sich selbst geradezu nach außen zu stülpen, da wird er selbst zu einem Instrument. Ob er uns damit etwas über sich erzählt? Das schon. Nur was? Wieder rattert das Gehirn etwas von Leidenschaft und Seele und Identität und Persönlichkeit. Bloß, was heißt das eigentlich konkret? Könnte es nicht auch sein, dass das in Wirklichkeit täuscht, das alles „nur“ ein Trick ist? Ein Showtrick, eine lebenslang eingeübte Nummer, die dieser Mann mit seinen 65 Jahren halt nun ganz besonders gut beherrscht? Schöner Schein. Tolle Stimme. Es ist das, was es ist, dieses „Stimmwunder“."

In Bewunderung für Miss Joni

Ihre erzählerische Stimme, die sich in nie gehörten Schnörkeln vollzog, die Gitarre, die einen mit ihren offenen Stimmungen hinein zog, der untergründige Groove, diese Art der Untertreibung, die sich nirgendwo anbiederte: Ich erinnere mich noch gut, wie ich auf Joni Mitchell stieß und wie sie mich sofort faszinierte. Das war es, was ich gesucht hatte! Alleine schon von den äußeren Aufmerksamkeitsfeatures, von dem her, was andere Menschen an Hitparadenmaterial anzieht: Sie hatte das alles wie selbstverständlich! In ihrer Stimme, die von den höchsten Höhen am Beginn ihrer Karriere bis zu irritierenden Tiefen an deren Ende reicht, schwingt der ganze Mythos Joni mit. Später erfuhr ich mehr über sie: Die kanadische Sängerin ist feministische Ikone, aufrechte politische Kämpferin und bahnbrechende Songwriterin. Dass sie nahezu alles Private ihrem Künstlertum geopfert haben soll, dass sie offenbar eine Tochter hatte, die sie vernachlässigt hatte, dass sie das Girl als Trophäe war, das bei den Männern im Laurel Canyon bei Los Angeles herumgereicht wurde: Nun gut, das gehört anscheinend zu ihr. Und ihre Kunst gehört zu mir. Das immerhin ist möglich mit den vielen Alben, die ich im Laufe der Jahre angeschafft habe. Dass sie später selbst oder irgendwelche Bewunderer ihr Gitarrenspiel „Akkorde der Erkundung“ genannt haben, trifft die Sache. Sie war im Geheimnis. Und sie hatte den Mut zur Innensicht, wie in dieser Zeit nur wenige. Das brachte sie auch ein in ihre spätere, jazzige Phase mit Pat Metheny, Jaco Pastorius und anderen, die nach dem L.A.Express, ihrer Begleitband zu Beginn der Siebziger, sie umgab. Danach schien sie mir in eine Phase einzutreten, in der sie erstklassige Begleitmusiker umgaben und in der sie auch klar zeigte, welch hervorragende Songschreiberin sie war. Ich werde noch mehr über sie schreiben. Sie war und ist sehr sehr wichtig für mich. 

Identität und Musik

Mir ist ein Zettel in die Hände gefallen, der Notizen und Aufzeichnungen zum Aufsatz „Musik und Identität“ von Simon Frith aus dem Jahr 1996 enthielt. Ach!, so denke ich. Das passt gut in die Jetztzeit. Frith beschreibt den akademischen Diskurs, der gerne mal davon ausgehe, dass Sounds „auf irgendeine Weise die Menschen widerspiegeln oder repräsentieren“. Das analytische Problem liege dann immer in dem Unterfangen, eine Verbindung zwischen dem Werk (der Partitur, dem Song, dem Beat) und den sozialen Gruppierungen herzustellen, die es produzieren und konsumieren. Meine Beobachtung hingegen war, dass sich nicht nur in der Popmusik die musikalischen Zeichen längst von ihrer (sozialen) Bedeutung gelöst haben. Populäre Musik scheint sich meiner Ansicht nach stets überall dort „bedient“ zu haben, wo das erfolgversprechend war.

So ist etwa die einst umstritten populäre Weltmusik-Welle längst abgeebbt: Fans scheinen sich nicht mehr für folkloristisch (also regional verwurzelte) geprägte Musik interessiert zu haben. Teils mag es ihnen auch zu anstrengend und zu weit entfernt von ihren eigenen Hörgewohnheiten vorgekommen sein. Sie interessierten sich einfach nicht dafür. Auch nicht grundsätzlich für ein anderes kulturelles und soziales Zeichensystem, als ihr lange eingeübtes. Es mag ein kurzfristiger Schlenker gewesen sein, eine augenblickliche Laune. Ob das aber heute für den Vorwurf des Rassismus und Kolonialismus schon ausreichen würde? Die jüngste Konjunktur der Identitätspolitik habe „kraftvoller als jemals“ die Annahme gestützt, dass zum Beispiel nur Afroamerikaner einen Zugang zu afroamerikanischer Musik haben (was war dann das, was mit Clapton, Beck oder Page damals anfing?), dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Ausdrucksformen gebe und dass die „Globalisierung lokaler Musiken einem kulturellen Genozid gleichkommt“. (War damals eine populäre Ansicht, die jetzt wieder in Schwung zu kommen scheint). 

Beim Hören

Ich notiere beim Hören: Steely Dan geht immer noch in mich über, drückt mich aus, in fein artikulierten Tönen, in jenem blümerant zurück gelehnten Pessimismus, der damals in mir war und jetzt noch ist, völlig unzeitgemäß woanders herkommend, von dem auch her kommend, was damals als „cool“ oder "hip" galt und doch viel zeitloser war. Dieser Musik war es nicht wichtig, „Stars“ zu gebären. Nein, sie machte sie sich zunutze und fügte sie ein in ihr Konzept, in ihre Vision. Walter mag gestorben sein. Aber es ist schön und inspirierend, dass wir diese Musik noch auflegen können und sie nicht wie ein Zitat aus weit entfernten Zeiten klingt. Auch dafür strengten sich die beiden mächtig an. Diese Musik führte Überraschungen geheimnisvoll um ein Eck herum, war im Flow und entbot uns glitzernde musikalische Edelsteine. Auch heute noch, trotz zeitgeistiger Einordnung in das „Classic Rock“-Format! Wie sie sich entwickelt hat, diese Musik! Es war damals alles so sehr in Bewegung, dass wir alle sehnsüchtig auf das kommende Album von Steely Dan warteten. Ob Donald jemals so gesungen hat, wie man das heute als „gekonnt“ bezeichnen würde? Ob er bei „Deutschland sucht den Superstar“ eine Chance hätte?

Star, Superstar, Charisma.....

Kein Zweifel, Adolf hatte Charisma. Die Auswirkungen sind bekannt. Mir war immer ein bisschen komisch zumute, wenn ich Musikgroßveranstaltungen besuchte: Das Gleichschalten der Gefühle, das Kollektive, das Viele so gerne mit „Stimmung“ umschreiben, das schien mich selbst deutlich mehr zu isolieren und ließ mich als einzelnes Ego empfinden, als dass es mich hinein zog in ein gleichgeschaltetes Erleben, das ja im Bereich der Musik meist mit der beliebig zu ergänzenden Bemerkung „das ist doch nur…..“ ergänzt und „verkauft wird. Was ist das, Charisma? Vielleicht kann ein Blick in die Welt des Sports helfen. Dort werden Figuren angebetet, die ihren eng definierten Erfolg den Massen vorführen und sich dadurch als umglänztes Ego profitieren. Kurze Zeit nach Karriereende scheinen sie dann aber vergessen zu sein. Die Verehrung besteht offensichtlich nur so lange, wie „die Leistung“ stimmt und so lange die Ausstrahlung des „Erfolgs“ von solchen Figuren ausgeht. In dieser Zeit heften sich offenbar auch viele Werbeversprechen an sie, sind sie Träger von Sehnsüchten, die von den Vielen meist verpasst wurden, für die sie zu wenig Ehrgeiz aufgebracht haben, was sie von ihrer Umwelt von klein auf als „zu wenig Talent“ bescheinigt bekommen haben.

 

Aber hatten politische „Führer“ jemals das Talent zur Menschenführung und Verführung? Was waren die Voraussetzungen für ihren „Erfolg“? Bowie verglich sich (wir wissen es nicht so recht, ob es humorvoll gemeint war…) mit Adolf und gewisse Mechanismen bei Großkonzerten lassen so etwas nicht allzu abwegig erscheinen. In der Spätphase von Stars oder Superstars scheint die Karriere ein gewisser Selbstläufer zu sein, der sich selbst befördert: es wird eine Aura erwartet, die alleine schon durch das Erscheinen einer Person eingelöst wird. Leibhaftig erscheinen, das ist es, was auch jetzt in pandemischen Zeiten zählt. Es stand halt Bowie oder Beyonce auf der Bühne und nicht irgendwer….. Es war die durch tausend Porträts, Mythen und Beweihräucherungen aller Art geadelte Person, die erschien und dadurch Macht über die Massen erlangte. Würde sie als Person irgendwo anonym auftreten, wäre ihr „Erfolg“ schon deutlich weniger: der „Vorhof“ der Bedeutung macht‘s, Ein Raum öffentlicher Bewunderung, die Aura, die gewissen Personen voraus eilt, das Leuchten, das sie mit sich zu schleppen scheint und das sie offenbar heraus hebt aus der Masse, - um gleichzeitig die Verbindung zu ihr zu halten. Denn Stars und Superstars sind nicht nur „etwas Besonderes“, sondern sie sind gleichzeitig „einer von uns“, sie gehören zu den Vielen, drücken deren Gefühle und Bedürfnisse aus, leben stellvertretend  die Sehnsüchte der Vielen. Sie haben auch die Fähigkeit an sich entwickelt, die Aufmerksamkeit der Vielen auf sich zu ziehen. Sie gehen mit dem um, was „Erfolg“ genannt wird, können das in etwas Hierarchisches ummünzen, können sich als Boss und Chef profilieren, - etwas, was „die Vielen“ aus ihrem Alltag kennen. Unterwerfung oder völlige Hingabe an ein kollektives Ziel, das meist das in einem Wettbewerb sich wähnende Unternehmen vorgibt.  

Am Ende Daft Punk

Ich erinnere mich ganz subektiv (!), wie das war: Daft Punk betrieben damals den Kult der Anonymität, der unter Rockmusikern dem philosophischen Zeitgeist entsprechend beliebt war. Sie verbargen sich unter/hinter dicken, SFmäßig anmutenden Helmen, die aus „Krieg der Sterne“ hätten stammen können. Unter ihrem Etikett war oft befremdliche und mäßig produzierte Disco-Musik zu hören, von der man nicht genau wusste, wie sie gemeint war. Sie waren eine Art erfolgreiches und in Vocoder-Robotertönen geschwängertes Seitenphänomen für mich, so lange bis die Erfolgsscheibe „Random Access Memories“ 2013 kam, mit dem von mir ohnehin hochgeschätzten Nile Rogers und der in Töne gesetzten und mit allerlei Allerweltsweisheiten versetzten Bio-Erzählung von Giorgio Moroder, dem Disco-Prinzipal der 70er Jahre. Ein Ohrwurm war „Get lucky“ mit Pharrell Williams, dem ich weniger wegen der Melodie, als vielmehr vor allem wegen dem Schlagzeuger Omar Hakim, dem Bassisten Nathan East und - natürlich - Nile Rogers nachhing. Es stellte sich jetzt die Frage danach, wie so etwas gemeint sein könne. Eine Denkanstrengung. Die Mehrheit - und auch ich! - hingen jedoch dem unnachahmlich körperbetonten Beat von „Get Lucky“ nach, der Single, die anscheinend in 30 Ländern Nummer Eins war. Ich hätte diesen Welthit damals unendlich viele Male hören können. Die beiden Protagonisten freilich verbargen sich immer noch hinter ihren futuristischen Helmen, tauchten ab in Anonymität und verdienten darüber viel Geld. Wie man so etwas durchhalten konnte, das nötigt mir immer noch Respekt ab. Ich tat es aber als Marketing-Gag ab. Seltsame Sachen waren diese gefällig montierten Zitate aus der Disco- und Dancefloor-Welt dann aber doch. Und den Kult mit den Helmen hatten die Macher auch durchgehalten bis zu ihrem Ende, das jetzt verkündet wurde. Hut ab!, sage ich da und beerdige zusammen mit dem Video „Epilogue“ (Zwei Männer unter Helmen gehen in die Wüste, man sprengt sich in die Luft, die Trivialparole „Love is the answer“ wird jubiliert) ein weiteres Stück meiner persönlich erinnerten Rockmusik.

Stars unter Sternen

Ganz im Sinne einer beschleunigten Realität kommen neue „Stars“ genauso schnell, wie sie wieder gehen oder sich in der Ferne verlieren. Der Einzelne, seine anhaltende Kreativität, verliert darin wohl immer mehr Bedeutung, er erhebt sich aus einer Art Schwarmintelligenz, ragt kurz heraus und geht dann wieder in ihr unter. Die Anfänge der Techno-Bewegung waren ungefähr so gestrickt, ehe sich dann doch wieder Marken und Stars gebildet haben, die sich in hohen Stückzahlen „durchgesetzt“ haben, die „den Markt penetriert“ haben, denen die Medien hohe Bedeutung zugesprochen haben. Offenbar scheint es eine starke Nachfrage nach solchen Einzelnen zu geben, weshalb ja im Popgeschäft die alten Schlachtrösser wie die Rolling Stones, Pink Floyd, Sting, U2 usw. höchstwahrscheinlich auch nach der Pandemie noch gewaltigen kommerziellen Erfolg haben werden. Ob's mit dem so beliebten Fetisch-Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu tun hat? 

Stellvertretend für uns leben die „Stars“ ihre Kreativität und ihre Vitalität aus, bestehen diese Abenteuer des Ichs, die uns das Dasein stellen könnte, die es aber demjenigen nicht abverlangt, der sich als einer unter vielen erfährt. Sie stehen in jenem Rampenlicht, nach dem wir uns sehnen, vor dessen Exposition wir aber trotzdem eine Scheu haben (auch bei Ratespielen etc. zu sehen...). Nicht einer sein, der irgendwann geboren wird und wieder stirbt. Just another.... Ohne Spuren. Ein paar Fragen und Wägbarkeiten sind einem diesbezüglich schon durch den Kopf gegangen..... Ob ihre Konsequenzen irgendeine Relevanz haben? Auf jeden Fall mögen sie schleunigst zur Verbesserung der Welt beitragen, bitte!. Mal sehen. Wir befürchten aber nicht nur im Bereich der Popmusik so manche Störungen. „Disfunktionalitäten“ würden Akademiker vielleicht so etwas nennen, "abweichendes Verhalten". 

Wortgeplänkel

Auszug aus meinem Buch, das vielleicht eines Tages noch kommen wird:

Da ist nicht nur die Überwältigung von Gefühlen, die auch gerne von der Musikindustrie für ihre „Zwecke“ genutzt wird, sondern die Feier der Kreativität, die nicht nur im Subjektiven „Genialen“, sondern auch im Strom der Zeit verankert und zu verstehen ist. Nein, nicht das Elitäre, sondern das Massenhafte ist der Sound der Zeit. Doch das Ineinander von Verstehen und Erleben, von Rationalem und Irrationalem, das wäre es vielmehr, was ich an der Popmusik schätze.

Die Person und ihr Charisma, gewiss, die "Starqualität", - aber nur durch das, was daraus insgesamt wird! Da ist die Musik an sich, das Image, Auftreten und ein Ausdrucksvermögen. Charisma alleine halte ich für gefährlich und mit einem „Rattenfängermechanismus“ verbunden, der heutzutage etwas einseitig vor allem kommerziellen Interessen dient. David Bowie hat sich einmal darüber lustig gemacht, indem er sich mit Hitler verglich. Da ist vielmehr das Wecken von Verstand, die Feier des Individuums in der Masse, die sich auf keine These und kein finanzielles Interesse festlegen lässt, da ist eine Entfesselung von scheinbar gegensätzlichen Kräften, die auch etwas Anarchisches und Emanzipatorisches haben können. Ich höre dazu Udo Lindenberg „Mach dein Ding!“ singen. Das könnte es schon treffen. Wenn das auf diese Weise zustande Gekommene auch noch anderen gefällt und sie zu einer Suche jenseits des Profits anstiftet: umso besser. Poesie kann sich auf der Höhe der Zeit äußern, kann etwas Ekstatisches haben, das sich entzieht. Dagegen hat mich immer die Massendynamik geschreckt, das neurotische Mitklatschen, die Gleichrichtung der Gefühle, die keine Gedanken mehr zu brauchen scheinen.“

Es überkommt mich in letzter Zeit ein wachsendes Interesse an dem Zusammenspiel von Sprache und Musik. Der Zweifel an einer größeren Selbstverständlichkeit besonders bezüglich des Zusammenspiels von Englisch und Deutsch hat sowieso schon lange in mir gebohrt. In meiner Umgebung wurde oft kein Wort eines Textes verstanden, auch nicht der Geist, den er versprühen sollte. Das hat mir doch einige Bedenken eingebracht, die ich auch in Blogs und Notizen zu meiner eigenen Musik eingebracht habe.

Ich will den Mut zur Lücke und Leere haben, zum Nichts, - ich will ihn als vermeintliche Not zur Tugend machen („.....Da fehlt doch was...!“). Meine Stimme fällt wegen Bronchien/Astma aus, ist oft belegt, bzw. ist nur selten oder begrenzt einsetzbar. Leider habe ich bisher niemanden mit passender Stimme gefunden (habe mich auch zu wenig darum gekümmert). Insofern gestalte ich diese Leere, die mir selbst entspricht. Ich will damit Wahrnehmungsschablonen überschreiten. Ich gehe mit dem Nichts um, buchstäblich. In meiner eigenen Musik messe ich der Stimme als individuelles Ausdrucksmerkmal und Transportmittel von Poesie keine große Bedeutung zu. Stimmen, und besonders musikalische, sind inzwischen untergegangen in einem allgemeinen White Noise, in einem Rauschen, das vor allem aus Lügen besteht. Dagegen streue ich stimmliche Laute als Ausdruck der Emotion und Vitalgeräusche über meine Titel. Solche Töne können meist nicht lügen, und sind als Lügen nicht zu gebrauchen, - allenfalls als Samples.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“, mehr oder weniger gekonnt. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Das Wort und die Relevanz sämtlicher Äußerungen des Individuums überhaupt scheint in unserer Gesellschaft doch stark zurück gegangen zu sein. Was vorerst bleibt, sind vielleicht Fragmente, Fetzen, Verfremdungen (auch in meiner Musik). Ich mache mir auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei. Dieser Einzelne scheint sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Alles erscheint austauschbar. Die Lüge beherrscht das Feld. Es herrscht das Kollektive, „Big Data“, der Algorithmus, das kalte Berechnen, - auch gerade der Emotionen. Das technokratisch „Gekonnte“ scheint hierbei das Ideal, nicht das Erschaffene, aus dem Nichts Geschöpfte, das zurecht Manipulierte. Das „Tun-so-als-ob“ beherrscht die Szenerie. Songlyrics werden heutzutage „gemacht“, zusammengesetzt aus Versatzstücken, aus synthetischen Perspektiven. Es wird dadurch alles (auch die Images) immer austauschbarer, es wird zur kalten Ziffer, zur Zahl, zum manipulierten Etwas.

Musikstilblüten

Öffnen sich da große Räume, die uns geradezu einsaugen in sich? Zeigen da Klänge hinaus ins Nichts? Wehen daher, wie welke Blätter? Was ist mit der tief rollenden Bassdrum? Groll oder Roll? Wohin führt und fährt sie uns? Da ist ein ewiges Tanzen, - das mindestens!.... Fest steht, dass in Musik viel hinein projeziert (samt einer Leere, die nur für eine gewisse Zeit "wirkt"....) wird und dass gewisse Musiker samt ihrem Staff sich ein großes Geschäft daraus machen. Auf diese Weise können sie zur gegebenen Zeit sorglos eine riesige Villa oder einen italienischen Sportwagen erwerben und so zum Trendsetter für das lumpige Fußvolk werden. In Interviews mit der willig locker zur Hand gehenden Presse loben sie dann ihr Dasein und „verkaufen“ es auf der Promotiontour zur aktuellen Tour wie den ersten Preis eines Gewinnspiels. Ja, sie haben Glück gehabt und schreiben sich das wie selbstverständlich selbst zu. Schließlich haben sie auch Talent, - wie sie selbst meinen. Sie sind oft die Gralshüter eines Stils, den sie sehr früh in ihrer Biografie erfunden haben. „Erfunden“? „Stil“? Nun ja, sie haben oft etwas vorgefunden und dann Details zu ihren Gunsten verändert. Eigentlich funktioniert so die populäre Musik oft. Die Urheberrechte haben dieses Spiel aber verändert. Die wahren Erfinder dieser Stile blieben meist im Verborgenen, tragen unbekannte Namen, wofür auch die Gralshüter mit ihren großen, meist in der Vergangenheit liegenden Verdienste, tricky gesorgt haben.

Mitmusiker

Ich habe neulich einem alten Bekannten, der sich auch aktuell noch als Musiker betätigt (sogar in einer herkömmlichen Band...) eine meiner Aufnahmen geschickt, mit der Bitte, er möge sich doch dazu äußern, seinen Senf dazu geben, ein paar Bemerkungen dazu ablassen. Ich hatte ihn zuvor wieder kennen gelernt als einen von seiner eigenen Spur sehr überzeugten Zeitgenossen, der dazu neigte, rechts oder links seiner eigenen Position nicht viel zuzulassen. Er glaubte auch, wichtige Songtexte verfasst zu haben. Soll er doch!, so denke ich mir, ich habe nichts mehr dagegen... Aber ich denke und dachte, dass man das alles als Musiker überwunden haben müsste, diese Konkurrenz, diesen Wettbewerb.... Da freilich nach einer mehr oder weniger freundlichen Formel keinerlei Kritik mehr zu meinem Schnipsel kam, bin ich baff. Ist Musik garnichts mehr? Nicht mal unter „alten Bekannten“? Hat man keine Zeit oder ist so mit sich selbst beschäftigt, dass man für anderes keine Zeit mehr zu haben scheint? Und das „lebenslang“? Wie lässt sich so etwas durchhalten? 

Geschäftsgebaren

Wenn wir ins Fernsehen blicken und sehen Leute, die wir in dem Sinne ernst genommen haben, dass ihre Worte uns etwas angingen, so wird uns zum Kotzen schlecht: Wieso? Weil sie sich und das, wofür sie standen, für einen zu billigen Unterhaltungseffekt verkaufen. Sie rennen in doofen Kostümen einher, werben im surrealen Duktus für enorm empfehlenswerte Artikel der Industrie oder beantworten saublöde Fragen bei Ratespielen. Früher dachten wir, wir könnten bestimmte Leute wegen ihres sensibel widerständigen Geistes schätzen. Irgendwie. Doch jetzt, wo Barack Obama und Bruce Springsteen zusammen ein Podcast machen, zerstiebt auch diese blauäugige Hoffnung. Der schlaue Bob Dylan etwa wird für sein Gebaren eine oberclevere Begründung haben. Allein, er wirbt wohl schon mal für den Verkauf von Unterhosen einer bestimmten Marke und empfiehlt uns, unser Geld bei einer ganz bestimmten Bank zu bunkern. So war in der STZ jetzt auch zu lesen, dass Dylan wohl die Rechte an vielen seiner Songs verkauft habe, als wohlfeile Kapitalanlage…. ob ich da etwas falsch verstanden habe? Hoffentlich! So etwas sei wohl „das Normale“, so die sich selbsterklärende und deswegen nicht ausformulierte Journalisten-Erklärung. Und der Mann mit den ach so poetischen Versen braucht das wohl, in diesen Zeiten darbt er zu offensichtlich…..Ach, und Neil Young macht so etwas anscheinend auch. Und Shakira (na, von der hatten wir nichts anderes angenommen). Na, dann ist ja alles gut… Ob wir da vom Glauben abfallen?  

Fresszwang

Wenn ich mich an meine Zeit als Musikkritiker erinnere, so geht mir immer noch im Kopf herum, dass die Konzertbesucher oft genug wegen des Fressens und Saufens gekommen zu sein schienen. Was steckt da dahinter, dass bei manchem Konzert im Vorraum, in dem meist Merchandising und Fastfood verkauft wurde, mehr Besucher standen als im Hauptraum, in dem die Musik spielte? Der gut gelaunte Schwenk mit dem Bierglas und das feist spassige  Grinsen dazu schien oft interessanter zu sein, als das eigentliche Ereignis des Abends. Das soziale Ereignis, ich weiß. Klar ist da das Erstaunen, hin zu jetzigen Zeiten, in denen selbst dies nicht mehr möglich wäre und aus den bekannten Gründen auch keine Konzerte stattfinden, inzwischen eingeübt: Eines Tages wird wohl der Mangelzustand, das grundgesetzwidrige Verbieten und Verordnen „normal“ sein, die Leute werden es akzeptiert haben, so, wie sie nahezu alles zu akzeptieren und in sich hinein zu fressen scheinen. Doch mir bleibt das Erstaunen darüber, dass zum geselligen Konsumieren von kulturellen „Events“ das Fressen und Saufen und sich lautstark unterhalten das bestimmende Element des Daseins sein muss. Immerhin ist das relativ teuer. Es riss mich, dem es selbstverständlich in erster Linie und zum tausendsten Male um die Musik ging, aus allen Selbstverständlichkeiten. Ich nahm erstaunt zur Kenntnis, wunderte mich aber nicht darüber, sondern buchte das in meinem Toleranzbegriff in scheinbarer Großzügigkeit ab. Der Mensch braucht sozialen Umgang..... "Alles gut".

Musiker, vorbei gehuscht

Man geht die lange Reihe der von mir so eingeordneten lokalen CDs entlang und denkt: „Aus denen hätte was werden können!“ "Wären sie doch nur hartnäckiger dahinter her gewesen..."  Ob aus denen etwas geworden ist, ein persönlicher Erfolg, etwas nach außen gebracht, - gezeigt, dass man es auch kann? Auf der Suche gewesen danach, wer man ist? Doch da sind Namen mit Geschichten dahinter, längst vergessen..... untergegangen im Staub.… nie mehr etwas gehört von denen.. die sind heute als Grafiker, als Bildende Künstler, Innenarchitekten, als Lehrer und Rhetoriklehrer, als Anwälte, als Willy Wichtig oder als Persönlichkeitscoach so erfolgreich, dass ihnen selbst die Pandemie am Arsch vorbei geht... oft sind sie auch als Erben abgeblieben irgendwo im Nebel, hatten keine Lust, wollten sich nicht verbiegen lassen, gingen neue Partnerschaften und Verpflichtungen ein...... Natürlich gibt es auch die Verlierer, die nicht stark genug waren oder die damaligen Ideale zu ernst genommen haben, die sich nicht "durchgesetzt" haben. Seltsam, wie wenig kennzeichnend doch die Musik für sie alle geworden ist, sie war wohl nur die Signatur eines bestimmten Lebensabschnitts, konnte aber mühelos zugunsten einer industriell verwertbaren "kreativen" Beschäftigung wieder zurück gelassen werden, etwas, was mir selbst viel zu wenig gelungen ist…...Im Gegenteil: Ich kam darauf zurück..... In der Vergangenheit gelang's, jetzt nicht mehr.....

Er stand an meiner Seite (2)

Er war einer, der für mich das Schaurige mit einbezog, war ich doch allein durch mein Universitätsstudium mit dem Expressionismus des Grausamen befasst gewesen, in was er trefflich zu passen schien: Tom Waits. Da war das Ungerade, Ungeschlachte, aber auch das Aufgeblähte, der Vaudeville, viel durchlöcherter Jazz, Musical, Jahrmarkt- und Kirmesmusik, Ironie, Humor, Unfassbares. Er warf Fragmentiertes in den Raum, blendete auch das Hässliche stark auf, das Leiden, das Röchelnde, er beschrie das Düstere, beschwor es, wobei er für seine Szene ungewöhnliche Instrumente einsetzte, Marimbas, Oboen, Fagott, Klarinette… etc. Damit schien er allzu oft auf dem Friedhof zu landen, aber auch auf der Abfallhalde. Er brachte Falsches in Anschlag, zelebrierte Sentimentalitäten, die Sehnsucht, das Richtige im Falschen - nur, um es im nächsten Song an scharfkantigen Realitäten zerschellen zu lassen. Er schien oft aus einer Gosse zu tönen und dem Sensenmann auf der Spur zu sein. Da war kein Schöngesang, eher ein grölendes Herausstoßen von Versen, Lauten, Klängen, oft durch ein verzerrendes Sprachrohr des übel Unverdauten gestoßen, des Beschimpften, versoffenen Tremolos, da war ein Keuchen oder Stöhnen, das in Brecht/Weill-ähnliche Landschaften führte, da war ein durch Abwasserschächte hindurch aufgenommenes Taumeln und Stolpern, ein Plärren und Geröchel, das mich manchmal ins Erschrecken führte, weg von den Plastikwelten, in Richtung Fremde. Jetzt sind für mich die Vinylscheiben da, aber auch die CDs. "Closing Time", "Small Change", "Foreign Affairs", "Swordfishtrombones", "Night on Earth", "BoneMachine", Orphans", "Alice, "Mule Variations" "Franks wild Years", "Heartattack and Vine", "Rain Dogs"... Wie oft habe ich "Blue Valentine" gehört und all die anderen seiner Scheiben...... das alles fühle ich in mir......  

Er stand an meiner Seite (1)

Ich lasse mich durch meine CD-Sammlung treiben und bleibe an einem hängen, der inzwischen verstummt zu sein scheint. Wir wissen nichts mehr über ihn, nachdem er bis tief hinein in die 2000er Jahre eine Art Kult, Säulenheiliger und Unberührbarer gewesen war, der sich zumindest in Europa beliebig von der veröffentlichten Meinung feiern lassen konnte: Tom Waits. Es wird wohl eines Tages seine Todesmeldung samt den damit verbundenen lobhudelnden Nachrufen kommen. 

Welch seltsame Wendungen aber seine musikalische Persönlichkeit genommen hat! Ich war darin stets einer der aufmerksamen Begleiter; Er stellte mir Rätsel. Er erschuf sich wohl als eine Art Kunstfigur, so recht durchsichtig war das für mich nie. Genau das schien das Faszinierende zu sein. In den Zeitgeist passte er eine Weile, - wenigstens hierzulande. Dabei schien er sich zunehmend in eine Art Kunstwelt der Hochkultur abzusetzen. Dass seine Ehefrau zunehmend einen großen Anteil an all seinen künstlerischen Umtrieben hatte, - gewiss. Aber was bedeutet das? Robert Wilson, dessen Oper „Einstein on the Beach“ ich einst erlebt hatte, scheint auch einen großen Einfluss auf ihn gehabt zu haben. Diese surrealen Welten, diese farbigen Opulenzen, sie wurden spät zwar diskreditiert und schienen für bestimmte Kritiker ein Abdriften ins allzu Künstlerische zu signalisieren. In mir schienen sie aber immer wieder auf und ich war nicht sehr überrascht, als Waits sich zum Projekt „The Black Rider“ (1993) nach Motiven von Carl Maria von Webers „Freischütz“ mit Wilson einließ. Schon 1982 hatte er die melancholische Träumermusik zum Film „One from the Heart“ geschaffen, wozu ich extra ins Kino gegangen war und mir die Vinylscheibe angeschafft hatte. Heute scheinen das Episoden aus meinem Leben, die ich immer noch nicht ausgedeutet habe. Fest steht, dass sie mich stark beeinflusst haben. Die Anfänge, „Closing Time“ etc. ….ich habe sie mir später zu erschließen versucht, ein paar Songs waren auch zuvor schon zu mir herüber geweht. Auch durch seine Kurzzeitpartnerschaft mit Rickie Lee Jones hatte sich mir das einigermaßen erschlossen, war er doch zu jener Zeit noch ein einigermaßen konventioneller Songschreiber. Später wehte als eine Art seltsam funkelnder Edelstein der Song „A Tinker and a Tailor“ an mir vorbei. Wie schön war das in die Welt geworfen!

Auskennermeinung

Wenn ich heute Artikel über Popmusik lese, so stelle ich fest, dass der Trend zum Hype, vermischt mit sehr persönlichen Vorlieben, sich noch verstärkt hat seitdem ich aus diesem Bereich gegangen bin. Wenn überhaupt etwas Substanzielles abgesondert wird, so werden ziemlich unverblümt sehr subjektive Geschmacksurteile vermischt mit dem gerade grassierenden Hype aufgefahren, um eine eben nett ausgespuckte „Meinung“ sofort zu verallgemeinern und - ganz wichtig! - um auf der Höhe der Zeit im Kanon mit den "Auskennern" zu sein. Es wird offenbar ein Kaufrausch inszeniert, dem sich der „normale“ alltägliche „Konsument“ allein schon aus Mangel an Geld gar nicht hingeben könnte. Bei der Wahrnehmung solcher Mechanismen konnte ich lächelnd auf eigene als „Lesefrüchte“ formulierte Erfahrungen zurück greifen. Postmoderne ahoi! Was zählte und hip war, das war die kopfnickende Zustimmung zu heiligen Kühen des Popkanons, dieses Gefühl des „Dabei-seins“, und „ganz-vorne-seins“, das für mich stark in eine bestimmte soziale Richtung zeigte: Distinktion war angesagt, „drin“ und „draußen“ sein. Etwas, was ich zu kennen glaubte. Ein Wissender sein, der völlig seiner Wahrnehmungsblase verhaftet, ignorant und arrogant den Kanon dessen beschwor, was als „hip“ galt. Es gab dabei Chiffren des Auskennens, die dem Bildungsbürgertum und seinen „Kriterien“ ziemlich nahe standen.

 

Pop musste grell, unanständig und lustbetont sein, sonst taugte es nichts. Basta. Je mehr, desto besser. Wo war da der Zweifel, der uns, die wir uns um etwas anderes mühten, alle gelegentlich beschlich? Wo war das Argument, das uns betroffen hatte, all die Unsicherheiten, die uns und eine bestimmte Art von Musik grundsätzlich absetzte von diesen eitlen Kulturpäpsten, den geschmäcklerischen Selbstinszenierern, den Bescheidwissern der Kultur, die halt in der Arena der netten Formulierungen eine weitere Pirouette drehten, ohne jemals die gesellschaftlichen Bedingungen für ihr Kritiker- aber auch für das „Künstlerdasein“ zu berücksichtigen? Waren wir allwissend? Wer waren wir überhaupt? Es schien bei all diesen hippen Aufgeregtheiten um eine Art Konsumberatung zu gehen und um eine durch extreme Formulierungen oder steile Thesen aufgepumpte „Expertise“ des Kundigen, um Demonstration von Insidertum. Das alles fing damit an, dass das Gefällige und Artige, das handwerklich „Gut Gemachte“ als Pop plötzlich angesagt war, mochte es sich auch noch so schlimmen Klischees der Götzenanbetung bedienen und affirmativ im Einklang mit der es umgebende Kulturszene sein. Im allgemeinen Getümmel von Techno, Punk, Metal, Elektro oder Grunge schien das sowieso egal zu sein. Da blickte sowieso niemand mehr durch. Und dazwischen der gehasste Mainstream, das Gewöhnliche und Alltägliche, von dem man sich mit allen Mitteln abzusetzen versuchte. Dass Pop irgendetwas mit dem Wort „popular“ zu tun hatte, wurde durchweg geleugnet und war etwas für die stumpfe Masse der „Konsumenten“, von denen man sich kraft seines selbstgenügsamen Auskennertums in seine Nische absetzen konnte. Ja, aber so hat Pop und Rock immer funktioniert! Ein System von Zeichen verstehen, im Gegensatz zu „den Anderen“. Mittlerweile hat sich all das nivelliert und ist in einem Strom von überall grassierenden Klängen untergegangen. Der Mechanismus funktioniert längst nicht mehr und ist im anonymen Showbiz verschwunden.

Teure Erinnerungen

Natürlich hatten wir mit einem Seitenblick all die Berichte über alternde Rockstars wahrgenommen, von denen viele eine Existenz als begüterte Landedelmänner (Männer!!!!, die "alten Zeiten" scheinen nicht besonders emanzipiert gewesen zu sein...) zu fristen scheinen. Von dem, was einem dazu blieb: David Gilmour, der Pink Floyd-Gitarrist, der schon vom Äußeren her das zu repräsentieren scheint, was man an ihm beobachtet: Zu reich, um noch irgendwelche Reunion-Versuche zusammen mit jungen Musikern zu versuchen. Damit beschäftigt, einen reichen und vielköpfigen Kindernachwuchs materiell zu befriedigen, was speziell dieser Person nicht allzu schwer fallen dürfte. Derartige Figuren scheint es im angelsächsischen Raum viele zu geben. 

Bei all der durchlebten Vergangenheit aber immer noch gut drauf, was das eigene Solo-Werk angeht: gelegentliche Tourneen werden von der veröffentlichten Meinung erwartungsgemäß und PR-gestützt durchweg bejubelt. Der feingliedrige Feingeist, der, der einst in eine Psychedelikdurchwirkte Band eingestiegen war, die allerlei Experimente versuchte und die dem Autor dieser Zeilen dabei auch ein paar nette Momente beschert hatte: zum teuren Besuch der Konzerte dieser Spielgruppe hatte dieser "Autor" sich jedoch nie entschließen können. Allein die Opulenz, die Bombastik und die nach seiner Einschätzung völlig übertriebene Selbstinszenierung hatte ihn schon früh gestört.

Hinzu kamen dann verschiedene personelle Empfindlichkeiten innerhalb dieser völlig überschätzten Kapelle, was nach dem vielverkauften Doppelalbum „The Wall“ in der Rockszene zu einer permanenten Beobachtung der personellen Dinge dieser Band führte.

Wiedervereinigung, ja oder nein? Versöhnung?  Ob das berechtigt war? Ich mochte immer den Gitarrenstil von Gilmour, fand aber die Kreativität dieser Band einigermaßen überbewertet. All die Posen jener Zeit werden darüber hinaus von den reich und satt gewordenen Protagonisten dieser Zeit noch einmal vorgeführt, was mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die Schockrocker, die Hippieposen, die Süßlichkeiten und Verklärungen, die Verklärungen des einzig Echten und Ehrlichen. Man würde sich wünschen, dass mehr Menschen diese berechnende Posen endlich durchblicken würden und nicht nur ihr Vorführen in seltsamen Erstarrungen blind und unreflektiert feiern würden, unter anderem in sentimentalen diffusen Erinnerungen. 

Comeback der Untoten

Mal sehen, ob das jetzt nach den Wahlen in den USA ein bisschen besser wird: Gealterte Rockhelden schreiben blümerante Verse über ihr Land, schwelgen in Erinnerungen an die guten Zeiten, entwerfen Symbole, fühlen sich wohl im Kreise grau gealterter Bandkumpels als alte Kameraden, spekulieren über das Kosmische, das in allen Dingen wohnt, ergehen sich in sarkastischen Humor und loben den Geist bestimmter Bands, blicken zurück in Wehmut, beleben die bewährten Formeln noch einmal - kommen aber ob all der verspannten Poesie nie zur Sache. Engagement? Politische Reflektion? Fehlanzeige! Dabei leben sie doch in einer sozialen Wirklichkeit, müssten auch von Menschen umgeben sein, die nicht unbedingt aus der eigenen Wahrnehmungsblase kommen. Rassismus, Faschismus, Klimakatastrophe? Wo leben diese Leute? Es erhebt sich der Verdacht, dass sie sich ihre eigene Welt leisten können, dass sie sich dem vermeintlichen Hedonismus der Privilegierten hingeben, dass sie alte Mythen als das einzig wahre Echte wieder aufleben lassen wollen, - natürlich zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen. Wie ein Zirkuspferd werden sie dann auf Comeback-Tourneen alte Lebenslügen jeden Abend zelebrieren und ihre Faltengesichter gegen untertänigst bereit gestellte Kameras halten. Sie werden ihre alten Geschichten in neuen Schläuchen präsentieren, im Internet, auf den Social Media Kanälen. Sie werden überall wie Spieluhren alte Songs repetieren, weil sie dafür Geld bekommen. Dafür werden sie junge Musiker engagieren, die unter alten Namen ihre alte Musik handwerklich perfekt herstellen können. Fast würde man sich wünschen, dass manche derartige Figuren rechtzeitig gestorben wären, bevor sie in meinen Augen alles verraten haben, wofür sie mal standen.   

Pophedonismus

Ich überflog unlängst einige journalistische Einlassungen zu den neuen Alben von Taylor Swift und Miley Cyrus. Dabei ergab sich das Übliche: Die Damen wurden in den höchsten Tönen als „das Beste“ überhaupt gepriesen, das Maß aller Dinge. Daneben waren nicht einmal Andeutungen dazu zu lesen, wie man zu solchen Beurteilungen gekommen war, wie sie entstanden sind. Ob es nicht auch andere Meinungen dazu gibt? Oder ob es eine besonders fundierte Meinung einer Expertin/Experten ist? Meiner Einschätzung nach wird auf diese Weise das alte populistische Spiel weiter eingeübt, dass es etwas nachzuäffen gibt, um vor allem „im Strom der Zeit“ zu sein. Pop als Zeitgeistsymptom. Genderspiele. Klamotten. Image. „Dabei sein“. Grenzüberschreitungen aller Art, die auf mich uninteressant langweilig wirken. 

Dabei war doch sowas wie Kreativität einstmals auch ein Kriterium. Dazu ist festzustellen, dass heutzutage gewisse Alben mit denselben Sounds von denselben Stäben erstellt wurden. Dasselbe marketingorientierte Tempo, die kalkulierten Sounds, Von irgendwelcher Kreativität oder Originalität der dahinter stehenden Personen erscheint mir da wenig zu spüren zu sein. Ausdrucksvermögen, Stil? Nun ja, darin gleicht ein Album dem nächsten, egal welche Person als Urheber dazu genannt wird. So kommt es mir jedenfalls vor. Stehen diese Personen überhaupt für irgendetwas? Nun ja, sie scheinen den Hedonismus zu signalisieren, der sich über alles hinweg setzt, was gerade jetzt, in Corona-Zeiten, eine eigene Relevanz zu zeigen scheint. 

Der Improvisator

Das Folgende muss ich irgendwann geschrieben haben. Den genauen Zeitpunkt kann ich leider nicht ermitteln. Auch habe ich ein paar Formulierungen verändert:

Durch Improvisation über sich selbst hinaus kommen? Das Bewusstsein erweitern? Progressiv sein? Fortschrittlich? Fortschreiten zu fernen Ufern? Und gleichzeitig darin auch noch schön sein? Schönheit im Ausdruck als Instrument der Befreiung. Ob freies Spiel überhaupt möglich ist? Vollkommen frei sein? Auch gesellschaftlich? Durch überragende technische Möglichkeiten augenblickliche Ideen und Einfälle in ein Fingerzucken, ein feingliedrige Motorik verwandeln? Das Feierliche feiern. Kann das jedermann? Oder ist's nur Genies möglich? Typische Themen der späten Sechziger und frühen Siebziger des vorigen Jahrhunderts, als Keith Jarrett groß wurde und der Fortschritt noch etwas Erstrebenswertes war, an das alle glaubten. Ein Großmeister der Jazzimprovisation. Jazz? Der Mann hat ja auch auf der Orgel an Bach'schen Goldberg-Variationen herumimprovisiert und dies in dicken Tonkonserven auf den Markt geworfen. Markt? Solch ein profanes Wort im Zusammenhang mit Keith Jarrett? Jawohl, er hat ja einige der im Jazz meistverkauften Schallplatten-Kassetten wie zum Beispiel „Köln Concerts“ und „Bremen Lausanne“ auf diesen Markt gebracht, fabelhaft gestaltete Doppel- und Dreifachalben, - drunter tat er's damals nicht. Gut Ding will Weile haben, - und LP-Seiten hatten um die 20 Minuten Spielzeit, vielleicht auch mal 25 oder noch einen Tick mehr. Dann war aber Schluss. Dann hatte die Improvisation ein Ende und man musste umdrehen. Ach, wie er in die Tasten der kleinen Farfisa-Orgel gedrückt hatte, damals in der Band von Miles Davis! Und Joe Zawinul war auch dabei. Welch eine Keyboardabteilung!! Zuweilen taten auch Chick und Herbie damals mit. All das, was später mit dem Etikett „Fusion“ in Verruf geraten sollte, war damals noch am Anfang, war ein Abenteuer und ziemlich aufregend. Jazz und Rock. Wie treibend Al Foster damals den Beat über dem Ostinato-Bass einbrachte! Eine unwiderstehliche Maschine. Unglaublich! Und die Trompete tanzte silbern darüber....wie auf einem anderen Stern!

Jarrett wurde ja in der Folge zum grauhaarigen Priester einer alternativen Kaste der besserverdienenden Geschmäckler, er wurde von tausend Erschöpfungszuständen befallen und hat das Hochamt seiner gar so empfindlichen Empfindsamkeiten nur noch selten live ausgeübt. Er konnte sich dann überwinden. Sich selbst besiegen. Triumph des kreativen Willens. Ganz alleine, aus sich selbst heraus. In exklusivem Ambiente, für Eintrittspreise, die solide im dreistelligen Eurobereich liegen mussten. Er war reif geworden. Er spulte, wie es hieß, keine Keith Jarrett-Routinen ab, wenn er spielte. Nie. Hat er nie getan. Er schöpfte aus der Luft. Er, als Schöpfer. Kreativ. Ein Luftgeist. Er improvisierte. Er brach sein Konzert auch mal ab. Das ist bekannt. Weil jemand hustete. Mittendrin scheint er dann am Ende zu sein. Überraschend natürlich. Der Schwabe rechnete dann sofort: Ob sich's gelohnt hat? Das viele Geld! Oh gemeiner Mensch, du Wurm! Meist kommt der Künstler dann aber doch wieder. „Einer geht noch!“. Oder auch zwei. Bloß nicht räuspern! Oder gar husten! Das unterbricht den Fluss seiner unvergleichlichen Ideen. Darauf reagiert er empfindlich und hört auf. Jetzt hat Keith Jarrett mal wieder eine neue Scheibe heraus gebracht. Er konnte nicht einfach aufhören. Bis alles gut sei.... 

Rebellion von alten Helden

Es wird mir durch einen verdienstvollen Aufsatz jetzt klarer, was die Faszination für eine gewisse reifer gewordene Zielgruppe ausmachen könnte, die unlängst die Kunde hat vernehmen dürfen, dass eine ihrer Lieblingsbands aus Australien trotz herber personeller Verluste ein neues Album heraus bringen will. Es ist da die Rede vom Symbol, das diese Band inzwischen ausmache. Ein Symbol für Rebellion, das sich in einem dem Publikum in Schuluniform vorgeführten Veitstanz mit der Gitarre und der Entblößung von Hinterteilen ausdrücken soll. Dass man zum Verständnis dieser Musik keinerlei Bildung brauche, ja, dass sie bei der Rezeption geradezu hinderlich sei, wird hier als großer Vorteil vorgeführt. Mein Verdacht ist, dass hierbei "Symbole" noch einmal kräftig ausgebeutet werden sollen. Wer viel Geld hat, braucht dringend noch mehr, - auch und gerade „im Alter“.

Die Musik ist dabei offenbar nur Mittel zum Zweck, sie soll ihr Publikum animieren und alte Stimmungen noch einmal wiederbeleben. Der Begriff „Bürgerschreck“ soll auf diese Weise mit einem Lächeln im Gesicht noch einmal wiederbelebt werden, eine Unsäglichkeit, die sich darüber hinweg setzt, dass die einstigen „Bürgerschrecks“ zu Bürgern des Besitztums geworden sind. Dass sie erzkonservative Beharrungskräfte des Wahren und Echten verkörpern. Noch einmal die Musik: Sie kommt mir mit ihren lächerlichen Gitarrenriffs in diesem Falle so staubig alt und aus der Zeit gefallen vor, wie es beispielsweise Donald Trump mit seinem Spruch „Making America great again“ als Slogan ausgedrückt hat. Rückschritt als Fortschritt, - eine gute Idee? Wer wohl davon profitiert? Ob dabei die ganze Jämmerlichkeit und dekadente Verkommenheit dessen, was sich gerne als „Rebellion“ gibt, offenbar wird? 

Untergehen in Eingängigkeiten

Was heißt es beispielsweise für alternde Popstars, den „Zenit überschritten“ zu haben? Eine „Marke“ samt ihres Bedeutungsvorhofes mittels eines Auftritts noch einmal vorführen? Scheinbare Zeitlosigkeit zelebrierend. Etwas verstetigen, etwas verfestigen, was einst der ewigen Jugend geschuldet war, was ihr überantwortet war, was aus ihr gewachsen ist? So etwas wie die ewige Kreativität? Sie überführen in eine öffentlich bestätigte Selbstvergewisserung? Nach dem Motto: Alles hat seinen Preis, - ich auch. Das bedeutet gesellschaftlichen Status in der Industriegesellschaft. Sich nachträglich vergewissern, dass man nicht nur Mist gemacht hat? Eine kollektive Vergewisserung dergestalt, dass man den Leuten gegeben hat, was sie wollten? Materialisierte Träume. Aufbereitete Lügen. Sie zu seinem eigenen Zweck geformt: es ist eine Urfigur des Bestehenden. „Slowly fade away“? Oder vielmehr die sich selbst bestätigende Wiederholung? Das Angekommensein im gesellschaftlich Produktiven, das auch entsprechend honoriert und belohnt wird? (nur halt als wohlfeile Erinnerung...) Eine Bedürfnisbefriedung der Vielen, so, wie es diese Gesellschaft verlangt. Das Aufgehobensein im Kollektiven? Ob Künstler sich jemals als ein Instrument dieses kollektiven Willens gefühlt haben? Manche ja, die meisten wahrscheinlich nicht. Ein „Sich spiegeln in der Masse“? Formulierung einer Generation, einer gemeinsamen Zeiterfahrung? Das Ausloten eines gemeinsamen Raumes und ihn überführen in unglaublich triviale Aussagen? In Refrains gezwängte Parolen. In nette Eingängigkeiten, scheinbar beiläufig. „Halt so...“. Oder als gezielte Marketingspekulation, die freilich verinnerlicht wurde nach dem Motto: „das ist professionell, so ist das Geschäft“. Sie als letzte Gewissheiten verkaufen in einer Welt des ständigen Wandels und der Unübersichtlichkeit? Ein trotziges Festhalten? Es ist dies alles auch – und noch viel mehr. Es zu erkennen wäre erstmal wichtig und primär. Was uns umgibt, umschwirrt und wieder vergeht... 

Christmas Dreams

Es ist immer dasselbe: Ein paar Wochen vor Weihnachten erscheinen die zahlreichen Best-of...“-Zusammenstellungen, die Compilations, die Remix-Alben, die allesamt wenig Neues bringen über das hinaus, was ohnehin bekannt ist. Sie enthalten Pop und manche sentimentale Rock-Zusammenstellung aus Zeiten, als alles besser war... Deutlich erkennbares Ziel: Diese Ware unter die Leute zu bringen, sie zu verkaufen. Dabei könnte solche Musik ja andere Horizonte eröffnen jenseits des Konsumwahns, der die Reichen noch reicher machen soll. Jedenfalls trug sie mal dieses Versprechen, ob es nun falsch war oder nicht. Heute kommen einem Sprüche der Unangepasstheit wie Marketingbotschaften vor, die etwas vortäuschen sollen, was nicht in erster Linie Zweck der Übung ist. Besonders Angehörige dessen, was man mal einst „Underground“ nannte befleißigen sich offenbar sehr gerne dieser Methode. Alte, reife und dekadente Säcke der Rockmusik lassen mit einem hämischen Grinsen einstmalige Hauptwerke veröffentlichen, verkaufen sie mit einem Goldglanz an eine Industrie, der man einst sehr skeptisch gegenüber stand und die jetzt ihre tönenden Goldschätze unter tausend blinkenden Lichtlein verkauft. Ob die Pandemie daran etwas ändert? Zu befürchten ist, dass sie das nicht tut. Nie war der Impuls zur Flucht in kitschige Erinnerungen stärker, nie war die Trennlinie zwischen Arm und Reich deutlicher, nie bereicherte man sich schamloser als in diesen Zeiten, die unter dem Banner des Fetischs „Wachstums“ der Wirtschaft immer noch alles erlauben will.  

Positionierung

Immer diese Sprüche!“. Das neue Album sei das beste überhaupt, was sie bisher gemacht habe, so lese ich über die Neuveröffentlichung eines „Megastars“. Aha! Das hatte ich noch nie gehört... oder doch? Man habe sich selbst erst richtig kennen gelernt bei der Erstellung des Albums. Ach so! Dann die Songs, die sich an die grassierenden Trends hängen, ohne dass (mir!) die Protagonistin bisher dadurch aufgefallen wäre, dass sie sich in einem bestimmten Sinne besonders engagiert habe. Aber es braucht ja „street credibility“, klaro! Die Dosis genau treffen!, so lautet offenbar die Devise, sowohl was den Sound angeht, als auch die Texte. Immer so mitschwimmen, dass man sich als „vorne dran“ verkaufen kann, - aber nicht so sehr! Die derzeit angesagten Produzenten engagieren und sie einbauen in das eigene Konzept, das da heißt: möglichst mit Schmackes an die Spitze der Hitparaden! Die richtigen Duopartner auswählen, das gehört auch dazu! Alle Möglichkeiten des Imagetransfers nutzen und sich selbst möglichst „auf aktuell“ und progressiv menschenfreundlich frisieren. Wunderbar sei das alles, so hecheln Vertreter der veröffentlichten Meinung um die Wette. Ganz toll! Kritische Einlassungen? Fehlanzeige. Sachte wird ein bisschen herumgemäkelt, aber ansonsten ist alles prima! Sagen die Meinungsführer. Schade, so finde ich. Sich dermaßen zum Büttel der Industrie zu machen….Nun ja. 

Werk und Wirkung, Clapton und der Blues

Aber ja, wir hatten das damals nicht allzu ernst genommen. Schließlich war Eric Clapton nicht unbedingt für seine politisch profunden Aussagen bekannt und wir hatten ihn auch alle wegen anderer Qualitäten gern. Überhaupt bemerkte ich bei mir eine Tendenz, diejenigen Aussagen von Künstlern, die ihrer Prominenz geschuldet waren, nicht allzu ernst zu nehmen. Das war mir sowieso zu nah an dem von der Werbung hingebungsvoll gepflegten Image-Transfer dran. Wen ich ernst nahm: z.b. Frank Zappa, der sich ganz offensichtlich schon von Beginn seiner „Karriere“ an Gedanken über Wahrnehmungsgewohnheiten gemacht hatte und die Provokation zur Irritation und Verunsicherung dieser Gewohnheiten einsetzte. Das schien mir einigermaßen tiefgehend. Dass er eine Art (SEINE Art!) Anarchist war, war offensichtlich. Aber Clapton? Wir fassten ihn stets als reinen Musiker auf, der nichts als das im Sinne hatte. Dass er den Blues vergötterte, ihn aber stets als so etwas wie ein folkloristisches Zitat vorführte, nahmen wir mehr von der Seite aus zur Kenntnis. So what?

Als dann später von ihm seltsame Zitate kolportiert wurden, nahmen wir das zur Kenntnis, konnten es aber nicht so richtig einordnen. Nun, dass der Blues ursprünglich etwas mit der Hautfarbe zu tun hatte, war für uns kein Thema bei ihm. Das Leiden war ja in seiner Musik, das genügte uns. Es hatte aber bei ihm vor allem individuelle Qualität (z.b. seine Drogenerfahrungen und der Fenstersturz seines Sohnes) und weniger eine soziale Dimension. Er nahm später dann auch mal eine Scheibe zusammen mit BB King auf: ja klar, der war ja auch nahe am Blues dran. Doch jetzt fällt uns auf, dass Clapton all die Jahre kaum einmal ein Wort über die soziale Qualität des Blues hat fallen lassen. Armut, Monotonie, Gewalt und Diskriminierung war offenbar nicht drin in seinem Weltbild. Das schienen „die Anderen“ zu sein, deren überragende Ausdrucksqualitäten man gerne in sich selbst aufgenommen hatte. Ich habe später einmal ein Interview mit BB King führen dürfen. Er sprach damals mit Hochachtung von „seinem Freund“ Eric Clapton. Ob dies aber eher auf gemeinsame geschäftliche Interessen fußte, denn auf menschlicher Sympathie? Wir wissen es nicht. Unser beidseitiges Interesse war jedenfalls klar vorgegeben. Außerdem: Es gibt viele andere Figuren nichtweißer Hautfarbe, von denen wir das auch nicht so genau wissen. Sie schienen oft in einer Art Mimikry aufzugehen, die durch ihre Posen und Gesten in einem damals von nahezu ausschließlich weißen Geschäftemachern bestimmten Business wohl zeigen sollte, dass sie mindestens genauso viel wert waren, wie ihre „Mitbewerber“. Dass sie mit ihrer „Race Music“ bestehen konnten in diesem „Rat Race“. So war‘s.

Zurück zu Clapton. Ob er wohl hätte etwas sagen können zu den sozialen Zusammenhängen? Vielleicht sogar sich engagieren? Dass er seine 1976 ins Publikum geschossenen Tiraden (2017 soll er so etwas noch einmal wiederholt haben…) nie richtig zurück genommen hat: Wir nahmen ihn auf dieser Ebene sowieso nicht ernst. So etwas wie eine Distanzierung oder Differenzierung wäre ihm aber gut angestanden. Denn es gibt ja auch dieses weitgehend unreflektierte Massenpublikum, das Vieles nahezu ungefiltert aufnimmt. Und „normale“ Bildungsbürger nehmen so etwas als Gegensatz zwischen Werk und Wirkung auf. Auch Künstler mit schwachem oder inkorrektem Charakter können faszinierende Kunst schaffen. 

Selbstverständlich weiblich

Komisch, was mir jetzt auffällt: Ich hatte fast immer über die Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen geschrieben. Über das weibliche Geschlecht und seine Kunst. Dessen war ich mir aber nicht bewusst. Ziemlich unbewusst nämlich hatte es sich so ergeben, dass fast immer ich derjenige war, der sich mit den Frauen in der Popmusik beschäftigte und zu beschäftigen hatte, insbesondere mit Singer/Songwriterinnen. Da ich alles annahm, was kam, war mir das recht. Ein Auftrag mehr. Ausnahmen waren persönliche Vorlieben meiner fest bestallten Auftraggeber oder ein übergroßer, sich in Besucherzahlen äußernder „Erfolg“, der offenbar eine gewisse journalistische Bearbeitung notwendig machte. Dabei hatte ich mich schon vor meiner Zeit als Schreiberling für Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen interessiert. Joni Mitchell zum Beispiel hat mich nachhaltig beeindruckt und beeinflusst. Aber auch Rickie Lee Jones. Mir war damals einfach nicht klar geworden, dass das Geschlecht eine Dimension sein könnte, anhand dessen man Rockmusik beurteilen könne. Mich interessierte eigentlich nur, was ich für gut oder schlecht hielt, was originell oder kreativ war. Was für etwas stand. Gelegentlich mal kam es mir unter, dass ich das "spezifisch Weibliche" darin suchte, je nach geistiger Beschäftigung zum jeweiligen Zeitpunkt. Doch die Männer scheinen mir in puncto „Anpassungsfähigkeit“ um nichts den Künstlerinnen nachzustehen. Freilich war dies nichts, was mich heftig umtrieb. Rockmusik war für mich etwas Selbstverständliches, über Ethnien und Geschlechter hinweg. Mittlerweile scheint sich mir wieder ein starker informeller Impuls eingeschlichen zu haben, auch ein Aufwachen unter dem Stichwort „Me too“, das mir aber allzu sehr mit seiner Gegenbewegung korreliert. Es scheint mir Übertreibungen zu geben. Meine damals verlorene „Unschuld“, die Auffassung als „Selbstverständlichkeit“, scheint mir als Möglichkeit im derzeit herrschenden allgemeinen Diskurs verloren gegangen zu sein.

Mach's nochmal, Joe!

Unzählige Live-Konzerte habe ich von ihm besucht, ich weiß gar nicht mehr wie viele: Joe Jackson. Natürlich war er auch eingebunden in die Kreisläufe der Musikindustrie, musste dauernd neue Alben abliefern. Aber genau das bewunderte ich am Anfang an ihm: dass er jedes mal etwas anderes, etwas neues anbot. Dass er immer wieder neu klang, sich neu erfand, sich an anderen Genres ausprobierte. Nun, wenn ich mir das genau überlege, so erfand er seine Musik ständig neu, blieb sich selbst aber treu. Während „The long Song“ gab er stets alles, blähte sich ungeheuer auf und tat so, als könne er singen. Er neigte da zur Selbstermächtigung, denn im klassischen Sinne konnte er ja gar nicht singen. Er konnte aber alles geben, alles in seine Interpretation, in den Moment rein legen. Seine Halsschlagader schwoll dann, er wurde rot im Gesicht. Er neigte dann zu seiner Form der Selbstermächtigung, wollte Beifall und Liebe für sein Ego, wobei er dann aber auf dem nächsten Album untertauchen konnte in den Strudel einer völlig neu gearteten Musik, er machte sich an klassisch tönende und mit Geigen samt Gebläse intoniertem Zeug heran, er verwandte oft knitz eingesetzte Percussion, für die oft Sue Haedjopoulos verantwortlich war („Night an Day“), er integrierte die Synthesizerwelt und setzte seine Band ständig neu zusammen, wobei es eine Konstante gab: Graham Maby war/ist ein toller Bassist mit Groove und viel Einfallsreichtum, der ihn im Kreise verschiedener Bands sehr oft begleitete. Am Ende schien er bei wenig aufwendig mit Klavier instrumentierten Stücken zu landen, in die er live auch manche Coverversionen einstreute. Das wirkte so, als wolle er vom in der Jugend überhöhten Ego etwas absehen und auf andere Künstler zu verweisen, deren Klangwelt er selbst schätzte. Natürlich gab es da immer wieder direkte und indirekte Verweise auf Steely Dan. Er interpretierte aber auch Sachen von Bowie. Er konnte das souverän und mit einem ironischen Seitenblick tun. Joe Jackson hatte ja sein Standing längst. Vom Punk der Anfangszeit war er zum bewunderten Kulturdenkmal geworden. 

Pop reloaded

Mal wieder bin ich total enttäuscht von dem von Kritikern total hochgepushten Neuen in der Popmusik. Es wurden mir Alben empfohlen, an denen ich beim Hören so gar nichts entdecken konnte. Bestenfalls Elemente, die schon mal besser da waren, etwas melancholische Themen und Stopper, die ich früher - ja! - schon einmal besser gehört hatte. Dabei wurde mir das vorliegende Album als extrem erfolgreich vom Rezensienten geschildert. Was ist los? Irgendetwas kann da nicht stimmen! Gibt es das wirklich, mit gebremsten, melancholischen Klängen riesige Erfolge einfahren? Etwas, das ein „Sich-einlassen“ geradezu fordert? Etwas, das in diesem Fall auch noch instrumental daher kommt? Das wäre mir zumindest neu, entspricht nicht den Gepflogenheiten und Markterherbebungen. Angesagt scheint mir vielmehr die möglichst in gepflegten Optimismus polierte Oberfläche des Populären, das klischeehaft Positive, das partout „rüberkommen“ soll. Stimmt da meine Perspektive „von außen“ nicht, bin ich alt geworden? Nicht auf der Höhe der Zeit? Wieso langweilt mich so etwas? Ob nicht gerade das Nichtlangweilen ein Merkmal von Pop ist? Das Aufregende, knallig Frische, das Starke und Direkte, das Eindeutige, - weniger das in sich Gebrochene?

Die in sich selbst drehende Aktion, die nirgendwo und überall ankommt, die nichts außer sich selbst transportiert, ist doch Träger eines derzeit grassierenden Kulturhabitus. Der schnelle Wegwerfgestus, der Popsong „to go“. Zum einen Ohr gut rein, zum anderen schnell wieder raus…. Nachdem ausgelutscht ist. Neues oder - wie manchmal gefordert - „Innovatives“ ist dabei kaum hörbar, na klar, - wie auch? Wer soll da dahinter stehen? Die Stäbe von Musikanten auf dem Weg zum Erfolg, die im Auftrag von anonymen „Stars“ ihre „Ideen“ absondern und in einen anonymen Topf hinzu geben? Klar, auch sie wollen Karriere machen. Wollen schlau und clever sein auf dem Weg nach oben. Wollen sich profilieren. Wollen ihre Verwendbarkeit und Anpassungsbereitschaft, ihr Können und Kennen zeigen. Ihr "Know-how". Wollen sich qualifizieren für höhere Aufgaben, wollen sich empfehlen für den „nächsten Schritt“. Ob das aber gerade mein Vergnügen sein soll? Wieso eigentlich? Der Erfolg? Das ist "to go"! Weg damit! Ex und hopp. Ich suche mir was anderes...