Klangpoet bei mir (2)

Da schleift und schlurft einer durch die Zeit, nachdem ich seine mehr als 20 Jahre alte CD aus meiner Sammlung heraus gezogen habe: Bill Frisell ist als Nerd mit Nickelbrille auf der CD „Good Dog, Happy Man“ im Titel „Shenendoah“ zusammen mit dem Slide-Spezialisten Ry Cooder zugange. Unter anderem zieren Fotos mit seinem Hund und ihm als lächelndem Gitarristen das Cover. Sehr von hinten wirkt er auf diese Musik ein, da ist kein bisschen aufgeblasene Eitelkeit! Auch Viktor Krauss am Bass ist uns kein Unbekannter: unter anderem spielte er auf vielen CDs von Lyle Lovett und war eine Zeitlang der Modebassist schlechthin. Es herrscht Jam-Atmosphäre auf dieser CD. Man verlässt sich auf lässige Soli, die eine eigene Signatur tragen und die man aufscheinen lässt im Fluss der freundlich euphorisierenden Musik.

Klar, dass Greg Leisz, dieser Poet an den Saiten, da rein passt. Wunderbar zieht er Schleifen ein, scheint zu fliegen, in Höhen, die uns manchmal etwas an „Albatros“, den alten Titel von Fleetwood Mac erinnern. Wayne Horvitz fingert schelmisch kompetent die Orgel, kommt nach vorne, wirft ein, um im nächsten Moment wieder im Flow der Musik unter zu gehen. Jim Keltner rührt subtil die Drums und kommentiert geistreich, produziert gelassene Zwischeneinwürfe oder fließende Fills und hält doch auf unauffällige Weise den Beat. Er war uns zuallererst als Drummer von Joe Cocker Mad Dogs & Englishmen aufgefallen. Vor ewigen Zeiten!!! Geradlienig verspielt agierte er da zusammen mit Jim Gordon (2 Drummer!). Ach ja, alle zusammen waren sie gesuchte Edelsteine der LA-Studioszene! Bill Frisell lenkt mit seiner Gitarre das Geschehen subtil, vielleicht sind auch ein paar Akkorde im Voraus abgesprochen. Es herrscht offenbar magische Übereinstimmung. Auf diese Weise entstehen Melodiegeflechte, die hängen bleiben, die die berückende Atmosphäre dieser CD ausmachen. Da ist viel Entspannung und geschehen lassen. Sich in diesen Fluss fallen lassen, badend ausruhen, das wär’s jetzt….! 

Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Klangpoet bei mir zuhause

Wie macht der Bursche das bloß, dass man ihn überall heraus hört? Der glasige Sound? Scheint nur oberflächlich so zu sein. Er hat einen Wiedererkennungswert wie Eric Clapton, bewegt sich aber auf einer anderen Ebene. Naja, als Gitarrist hat er auch mal mit dem leider verstorbenen Ginger Baker zusammen gespielt, dem ehemaligen Bandkollegen von Clapton. Er hat schon sehr abstrakte Sachen gemacht, hat mit John Zorns Band Naked City einst extrem kurze und krachige Stücke aufgenommen, die uns irritierten. Damals wurde er dem Jazz zugezählt, weil er mit vielen Jazzcracks (u.a. Paul Motion, Joe Lovano), schon zusammen gespielt hatte. Heute vermuten wir, dass diese jazzy inspirierten Leute halt offen waren für diese ungewöhnlichen und irritierenden Wege, die Bill Frisell beschritt. Unter anderem bezog er immer mehr die Musik seiner Kindheit, die Country- und Bluegrassmusik in sein Musizieren mit ein. Hinzu kamen die Pophits seiner Kindheit, was etwa auf der CD „Guitar in the Space Age“, aber auch auf seinen früheren Alben gut zu hören ist (u.a. „Surfer Girl“, „Turn, turn, turn“, Messin’ with the Kid“, „Telstar“). Auch stellte Bill Frisell ganze im Jam-Stil locker eingespielte Alben klar durchkomponierten Alben gegenüber, brachte Soloalben („Music is“) und Alben mit wechselnden Ensembles heraus. Er bezieht schon mal Elektronik mit ein, hat aber auch ganze Alben im traditionellen Stil aufgenommen. Keine Scheu hatte er auch bei zahlreichen Gastauftritten mit Popstars (Loudon Wainwright, Marianne Faithful, Lucinda Williams etc.), denen er jeweils ein exklusives musikalisches Kleid zimmerte. Ich ziehe die CD „Small Town“, die Frisell zusammen mit Thomas Morgan eingespielt hat. Sofort bin ich eingesaugt in diese wunderbar wolkigen Klänge, die um ein Motiv herum zu schweben scheinen und sich dann immer mehr verdichten. Live ist das alles aufgenommen. Bravo! Wieder bezieht er auf subtile Weise Country, Pop und Folk mit ein, lässt kurz aufscheinen und lässt wieder verschwinden. Ein musikalischer Zauberer, fürwahr! Ich liebe seine Musik seit langem, habe etliche Alben von ihm, die mich immer wieder bestricken, verzücken, anziehen…... 

Zwei von einer Sorte

Wie sehr mochte ich in der Rockmusik immer diese Einzelgänger, die in sich bohrten! Howe Gelb oder Kurt Wagner, das Fischen im Universum der Assoziationen und der augenblicklichen Willensleistungen…..Vielleicht kam mir das aber auch nur so vor! Immerhin waren da Kurt Wagners lakonisch poetische Erzählungen, die über zarter und gleichzeitig sehr geerdeter Musik hinein führte in surreale Zusammenhänge, genauso, wie die Musik „von unten“ brodelte und einen hinein zog in einen Schwall des persönlich Überpersönlichen. Draußen im andern Zimmer läuft „Flotus“, die neue Scheibe von Lambchop: Es kommt mir vor, als passe er trotz behutsamem Einsatz von Elektronik nicht mehr so recht in die neuen Zusammenhänge des flüchtig Oberflächlichen….Wer hört ihm und Lambchop noch zu? Er ist langsam, er ist bedächtig, er ist lädelig…..ach! Entschleunigt? Die Übertreibungen sind seiner Musik fremd, sie scheint sich um sich selbst zu drehen…zu mäandrieren, anders, als bei Howe Gelb. Der versucht sich schon mal am Plakativen, spielt mit ihm, greift es, baut es um, verspottet und trottelt es! Aber nichts daran ist von dem Hochglanz, der heutzutage gefragt ist! Er gibt manchmal so bemüht den Rocker und reitet auf wüsten Gitarrensounds, dass wir ihm diese Pose fast glauben. Er kann aber auch in die Tasten des Pianos greifen, um eine Passage von Emerson, Lake & Palmer zu zitieren. Halt so! Weil es ihm jetzt gerade in den Sinn kommt. Musik als Spiel. Er kann sich zart um sich selbst drehen. Wie ein Cowboy! Elaboriert. Reif. Einer, der viel mitgemacht hat. Und jetzt „Fangerles“ mit sich selbst spielt, wobei ihn einfühlsame Kollegen begleiten.

Sharing Superfiles

Wir teilen uns alle Dateien, die wir aus dem Internet herunterladen. Aber wer hat sie produziert, hat geschwitzt, hat sein ganzes technisches und musikalisches Know-How eingebracht, hat sich Alternativen überlegt, hat sich entschieden und schließlich zu einer einzigen digitalen Datei als Endergebnis geformt? Was soll sein Lohn dafür sein? Wer legt ihn fest? Wer hängt sich womöglich an diesen Lohn an und versucht spezialisiert, seinen Profit damit zu machen? Als Company? Als Management, als Consultant? Gibt es überhaupt einen messbaren Lohn, aus dem heraus man als schaffender Musiker in dieser Wirtschaft leben könnte?

Gibt es einen „Bauplan“ für einen Hit und einen geeigneten Interpreten für eine Folge von Tönen, die wir gerne hören? Könnte man diesen Bauplan etwa in einem 3-D-Drucker drucken? Einen „intelligenten“ Computer damit füttern? Was könnte dabei heraus kommen? Ist es etwa so etwas, was heute viele TV-Sendungen und die Musikindustrie vorführen? Die Macher und Könner scheinen da zu regieren, unabhängig davon, was (!) sie da machen oder können. Es gilt, "Hörerwartungen" so zu entsprechen, dass ein "Hit" oder das Kennzeichen einer Marke daraus wird. Doch hat das auch etwas sehr Populistisches? Hört man diese „Produkte“, so könnte man an eine Machbarkeit anhand fester Kriterien denken, an das Formelhafte und Vorhersehbare, das nicht nur in der populären Musik steckt und das in Algorithmen einzugehen scheint . Das Wissen, das Know-How. Das Lernbare. Das Umsetzbare. Das Gekonnte und Versierte. Das, was als „richtig“ oder „falsch“ erscheint.

Und doch war es bisher oft etwas Außergewöhnliches, eine Form der Grenzüberschreitung oder eine Übertretung bislang geltender Konventionen, die einen Hit zu einem „Superhit“ hat werden lassen, zu etwas Unwiderstehlichem. Mit Gassenhauerqualität. Etwas, was sich festgesetzt hat, nicht nur durch starke Melodien, sondern auch durch prägnante Stellen und Übergänge, oder durch Stimmungen und Atmosphären, die solche Musik provoziert hat. Durch eine direkte Verbindung mit dem Zeitgeist auch, - eine Verbindung mit dem, was aktuell in der Luft liegt. Durch das „Andere“, das eine solche Musik kurz gestreift hat, um es schließlich in das „Normale“ und Alltägliche zu überführen. Natürlich versucht der Musiker, der Künstler, die Frontfigur eines Hits, immer wieder, eine solche Formel in ihrem „Schaffensprozess“ zu wiederholen (Ob so etwas „Stil“ ergibt?) und die Aufmerksamkeit auf die vermeintliche eigene Einmaligkeit und seine eigenen charismatischen Starqualitäten zu lenken. Auf das Genie, - was vor allem ein romantischer Begriff ist, der das Heil ausschließlich vom Ego erwartet. Natürlich klappt das oft. Und selten zugleich. 

 

Star, Superstar, Charisma (2)

Dies ist ein kurzer Text aus meinem Buch, das auch meine vergangenen Jahre als Musikjournalist in einem größeren Zusammenhang beleuchten will. Ich staune, dass darin dieselben Argumente samt David Bowie auftauchen, die ja schon meinen ersten Text unter diesem Titel beeinflusst haben:  "Ob dieses Charisma auch etwas Beängstigendes haben kann? Gerade in Deutschland hat man diesbezüglich einige schreckliche Erfahrungen gemacht. Die Gabe, Massen mitzureißen, sie zu Dingen bewegen zu können, sie aufzuhetzen, gegen etwas und alles, sie auf sich einzuschwören, bedingungslosen Gehorsam einzufordern....usw. Ob David Bowies Spruch, dass er selbst populärer als einst Hitler sei, in diese Richtung geht? Ob er sich tatsächlich als Popgott fühlte? Oft haben mich Popkonzerte aus dieser Richtung abgestoßen: diese Massendynamik, die auf diese Weise entsteht und die offenbar alle suchen... Ob sie etwas mit Propaganda gemein hat? Ich habe oft Interviews geführt, in denen ich den Eindruck hatte, dass mein Gegenüber ganz direkt an den Mythos glaubte, den er bei den Massen zu hinterlassen imstande war. Iwo, dass ist ja nur Unterhaltung, harmloses Schwärmen? Nun gut, auch solche scheinbare Harmlosigkeiten lassen vielleicht bei öfterer Wiederholung eine Haltung, Einstellung, eine Heilserwartung entstehen. Öfterer Wiederholung? Ob Fan sein und bei jeder Gelegenheit vorgezeigte Anhängerschaft etwas damit zu tun? Mir ist oft durch den Kopf gegangen, dass auf diese Weise ein Verhalten eingeübt wird, das abseits seiner immer wieder vorgetragenen "Spaßorientierung" eindeutig faschistoide Züge hat. Ich selbst wollte nie in der Masse aufgehen, in mir sperrte sich etwas und wahrte automatisch Distanz. Das hat mich zu einem Kritiker dieser Richtung werden lassen, einer der registriert und sich weniger mitreißen lässt. Schon gar nicht von oberflächlichem Reflexverhalten.

Früher Trip?

Was mir beim Hören älterer Tonträger durch den Kopf geht: Man hatte ja als Musiker geglaubt, die andern seien in allem besser. Man hatte noch nicht die Vielschichtigkeit all dieser Fragen im Kopf. Wer mit wem, welche Instrumente, welche Produktionsmittel etc. Als Musiker ging es darum: Kannst du es spielen, oder nicht? Hast du die Phantasie, das Vorstellungsvermögen eines Sounds, kannst du dich da hinein fallen lassen? Auch war es ja nicht so, dass man in 10 Minuten Entfernung zum Meeresstrand lebte. Es war eine andere Lebenswirklichkeit, in die man da hineingeworfen war: beengt, klein, übersichtlich, in Mittelmäßigkeit zurecht kommend. Erst später habe ich radikaler erfahren, wie einen so etwas wie Umgebung beeinflussen kann, was es mit einem (wie mich) machen kann. Wir waren aufgehoben und abgefedert in unserer Mittelklassewelt, wir waren sicher.

Und wir waren getrieben von einem Versprechen von Freiheit, die sich erst noch heraus schälen musste. Dafür glaubte auch ich skeptischer Sack, in einer Art Blase, in einer unausgesprochenen Gemeinsamkeit der Gutmeinenden, aufgehoben zu sein. Sie hat sich später aufgelöst in verschiedene Trips, Marotten, die nach meiner Ansicht nichts Politisches hatten, eine überspannende Relevanz. Gewiss, es ist Vieles anders geworden. Aber so? Es scheint uns, als sei die Rockmusik, die einst dies Versprechen mit trug und die selbst den Hörern Abenteuer bescheren konnte, ein Friedhof von Toten und Untoten. Die irgendwie vieles überwölbende Utopie war weg und man hatte damals keine Ahnung davon, wie wenig ernst das alles gemeint war, wie lässlich und nachlässig das alles in einen Trip führte, aus dem man jederzeit wieder aussteigen konnte. Und da war ich, der sich ohnehin außerhalb dieses Zugs fühlte, der skeptisch und kritisch war, der sich der Ironie verschrieben hatte. Wo bin ich heute? Wo ist der Kick, das Kitzeln, das Versprechen? Lohnt es sich, in den Resten der Dekadenz nachzuschauen? 

Mit der Stimme

Ich komme jetzt über einen Artikel, den ich 2005 geschrieben habe und in dem ich mir anhand eines Auftritts von Al Jarreau eher beiläufig Gedanken über die Stimme und das Singen gemacht hatte:

 

"Ich wählte die Überschrift „Mit der Stimme ein Häusle bauen“ zu „Al Jarreau und Band auf der Esslinger Burg“ - Ob die Stimme wirklich das Fenster der Seele ist? Oder ob diesbezüglich die Augen mehr sagen? Welche Rolle spielt dabei die „innere Stimme“? „Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht“: Der Schiller hat’s behauptet und deshalb gibt’s uns zu denken. Ob’s stimmt? Herje, der zurzeit wieder schwer gehypte Klassiker wusste natürlich um den Gehalt seiner Behauptungen, - wer denn sonst?

Trotzdem, schöne Spekulationen sind’s, große Fragen für Psychologen, Dichter und esoterische Geister. Was ist die Stimme überhaupt im innersten? Bla bla, ratter ratter... Nun gut, Die Stimme ist ein Musikinstrument, das ist sie schon. Seele und Gefühle drücken sich vielleicht doch am Unmittelbarsten durch sie aus. Eine Ahnung davon überkommt uns, als wir Al Jarreau direkt vor uns auf der Bühne der Burg in Esslingen hören und sehen. Wie er da in ganzer Person zu seiner Stimme wird, wie er in ihr sich zu konzentrieren scheint, wie er sich durch sie in Töne verwandelt, wie er gurrt und gackert, raunt und flüstert und schreit und – singt, mal sanft weich, mal nachdrücklich hart und überhaupt, alles dazwischen auch, wie er Klänge aus der Luft holt und sie formt, sich aneignet, wie er sich strömen lässt in seiner Stimme, sich windet, tanzt und grimassiert, da scheint er sich selbst geradezu nach außen zu stülpen, da wird er selbst zu einem Instrument. Ob er uns damit etwas über sich erzählt? Das schon. Nur was? Wieder rattert das Gehirn etwas von Leidenschaft und Seele und Identität und Persönlichkeit. Bloß, was heißt das eigentlich konkret? Könnte es nicht auch sein, dass das in Wirklichkeit täuscht, das alles „nur“ ein Trick ist? Ein Showtrick, eine lebenslang eingeübte Nummer, die dieser Mann mit seinen 65 Jahren halt nun ganz besonders gut beherrscht? Schöner Schein. Tolle Stimme. Es ist das, was es ist, dieses „Stimmwunder“."

In Bewunderung für Miss Joni

Ihre erzählerische Stimme, die sich in nie gehörten Schnörkeln vollzog, die Gitarre, die einen mit ihren offenen Stimmungen hinein zog, der untergründige Groove, diese Art der Untertreibung, die sich nirgendwo anbiederte: Ich erinnere mich noch gut, wie ich auf Joni Mitchell stieß und wie sie mich sofort faszinierte. Das war es, was ich gesucht hatte! Alleine schon von den äußeren Aufmerksamkeitsfeatures, von dem her, was andere Menschen an Hitparadenmaterial anzieht: Sie hatte das alles wie selbstverständlich! In ihrer Stimme, die von den höchsten Höhen am Beginn ihrer Karriere bis zu irritierenden Tiefen an deren Ende reicht, schwingt der ganze Mythos Joni mit. Später erfuhr ich mehr über sie: Die kanadische Sängerin ist feministische Ikone, aufrechte politische Kämpferin und bahnbrechende Songwriterin. Dass sie nahezu alles Private ihrem Künstlertum geopfert haben soll, dass sie offenbar eine Tochter hatte, die sie vernachlässigt hatte, dass sie das Girl als Trophäe war, das bei den Männern im Laurel Canyon bei Los Angeles herumgereicht wurde: Nun gut, das gehört anscheinend zu ihr. Und ihre Kunst gehört zu mir. Das immerhin ist möglich mit den vielen Alben, die ich im Laufe der Jahre angeschafft habe. Dass sie später selbst oder irgendwelche Bewunderer ihr Gitarrenspiel „Akkorde der Erkundung“ genannt haben, trifft die Sache. Sie war im Geheimnis. Und sie hatte den Mut zur Innensicht, wie in dieser Zeit nur wenige. Das brachte sie auch ein in ihre spätere, jazzige Phase mit Pat Metheny, Jaco Pastorius und anderen, die nach dem L.A.Express, ihrer Begleitband zu Beginn der Siebziger, sie umgab. Danach schien sie mir in eine Phase einzutreten, in der sie erstklassige Begleitmusiker umgaben und in der sie auch klar zeigte, welch hervorragende Songschreiberin sie war. Ich werde noch mehr über sie schreiben. Sie war und ist sehr sehr wichtig für mich. 

Identität und Musik

Mir ist ein Zettel in die Hände gefallen, der Notizen und Aufzeichnungen zum Aufsatz „Musik und Identität“ von Simon Frith aus dem Jahr 1996 enthielt. Ach!, so denke ich. Das passt gut in die Jetztzeit. Frith beschreibt den akademischen Diskurs, der gerne mal davon ausgehe, dass Sounds „auf irgendeine Weise die Menschen widerspiegeln oder repräsentieren“. Das analytische Problem liege dann immer in dem Unterfangen, eine Verbindung zwischen dem Werk (der Partitur, dem Song, dem Beat) und den sozialen Gruppierungen herzustellen, die es produzieren und konsumieren. Meine Beobachtung hingegen war, dass sich nicht nur in der Popmusik die musikalischen Zeichen längst von ihrer (sozialen) Bedeutung gelöst haben. Populäre Musik scheint sich meiner Ansicht nach stets überall dort „bedient“ zu haben, wo das erfolgversprechend war.

So ist etwa die einst umstritten populäre Weltmusik-Welle längst abgeebbt: Fans scheinen sich nicht mehr für folkloristisch (also regional verwurzelte) geprägte Musik interessiert zu haben. Teils mag es ihnen auch zu anstrengend und zu weit entfernt von ihren eigenen Hörgewohnheiten vorgekommen sein. Sie interessierten sich einfach nicht dafür. Auch nicht grundsätzlich für ein anderes kulturelles und soziales Zeichensystem, als ihr lange eingeübtes. Es mag ein kurzfristiger Schlenker gewesen sein, eine augenblickliche Laune. Ob das aber heute für den Vorwurf des Rassismus und Kolonialismus schon ausreichen würde? Die jüngste Konjunktur der Identitätspolitik habe „kraftvoller als jemals“ die Annahme gestützt, dass zum Beispiel nur Afroamerikaner einen Zugang zu afroamerikanischer Musik haben (was war dann das, was mit Clapton, Beck oder Page damals anfing?), dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Ausdrucksformen gebe und dass die „Globalisierung lokaler Musiken einem kulturellen Genozid gleichkommt“. (War damals eine populäre Ansicht, die jetzt wieder in Schwung zu kommen scheint). 

Beim Hören

Ich notiere beim Hören: Steely Dan geht immer noch in mich über, drückt mich aus, in fein artikulierten Tönen, in jenem blümerant zurück gelehnten Pessimismus, der damals in mir war und jetzt noch ist, völlig unzeitgemäß woanders herkommend, von dem auch her kommend, was damals als „cool“ oder "hip" galt und doch viel zeitloser war. Dieser Musik war es nicht wichtig, „Stars“ zu gebären. Nein, sie machte sie sich zunutze und fügte sie ein in ihr Konzept, in ihre Vision. Walter mag gestorben sein. Aber es ist schön und inspirierend, dass wir diese Musik noch auflegen können und sie nicht wie ein Zitat aus weit entfernten Zeiten klingt. Auch dafür strengten sich die beiden mächtig an. Diese Musik führte Überraschungen geheimnisvoll um ein Eck herum, war im Flow und entbot uns glitzernde musikalische Edelsteine. Auch heute noch, trotz zeitgeistiger Einordnung in das „Classic Rock“-Format! Wie sie sich entwickelt hat, diese Musik! Es war damals alles so sehr in Bewegung, dass wir alle sehnsüchtig auf das kommende Album von Steely Dan warteten. Ob Donald jemals so gesungen hat, wie man das heute als „gekonnt“ bezeichnen würde? Ob er bei „Deutschland sucht den Superstar“ eine Chance hätte?

Star, Superstar, Charisma.....

Kein Zweifel, Adolf hatte Charisma. Die Auswirkungen sind bekannt. Mir war immer ein bisschen komisch zumute, wenn ich Musikgroßveranstaltungen besuchte: Das Gleichschalten der Gefühle, das Kollektive, das Viele so gerne mit „Stimmung“ umschreiben, das schien mich selbst deutlich mehr zu isolieren und ließ mich als einzelnes Ego empfinden, als dass es mich hinein zog in ein gleichgeschaltetes Erleben, das ja im Bereich der Musik meist mit der beliebig zu ergänzenden Bemerkung „das ist doch nur…..“ ergänzt und „verkauft wird. Was ist das, Charisma? Vielleicht kann ein Blick in die Welt des Sports helfen. Dort werden Figuren angebetet, die ihren eng definierten Erfolg den Massen vorführen und sich dadurch als umglänztes Ego profitieren. Kurze Zeit nach Karriereende scheinen sie dann aber vergessen zu sein. Die Verehrung besteht offensichtlich nur so lange, wie „die Leistung“ stimmt und so lange die Ausstrahlung des „Erfolgs“ von solchen Figuren ausgeht. In dieser Zeit heften sich offenbar auch viele Werbeversprechen an sie, sind sie Träger von Sehnsüchten, die von den Vielen meist verpasst wurden, für die sie zu wenig Ehrgeiz aufgebracht haben, was sie von ihrer Umwelt von klein auf als „zu wenig Talent“ bescheinigt bekommen haben.

 

Aber hatten politische „Führer“ jemals das Talent zur Menschenführung und Verführung? Was waren die Voraussetzungen für ihren „Erfolg“? Bowie verglich sich (wir wissen es nicht so recht, ob es humorvoll gemeint war…) mit Adolf und gewisse Mechanismen bei Großkonzerten lassen so etwas nicht allzu abwegig erscheinen. In der Spätphase von Stars oder Superstars scheint die Karriere ein gewisser Selbstläufer zu sein, der sich selbst befördert: es wird eine Aura erwartet, die alleine schon durch das Erscheinen einer Person eingelöst wird. Leibhaftig erscheinen, das ist es, was auch jetzt in pandemischen Zeiten zählt. Es stand halt Bowie oder Beyonce auf der Bühne und nicht irgendwer….. Es war die durch tausend Porträts, Mythen und Beweihräucherungen aller Art geadelte Person, die erschien und dadurch Macht über die Massen erlangte. Würde sie als Person irgendwo anonym auftreten, wäre ihr „Erfolg“ schon deutlich weniger: der „Vorhof“ der Bedeutung macht‘s, Ein Raum öffentlicher Bewunderung, die Aura, die gewissen Personen voraus eilt, das Leuchten, das sie mit sich zu schleppen scheint und das sie offenbar heraus hebt aus der Masse, - um gleichzeitig die Verbindung zu ihr zu halten. Denn Stars und Superstars sind nicht nur „etwas Besonderes“, sondern sie sind gleichzeitig „einer von uns“, sie gehören zu den Vielen, drücken deren Gefühle und Bedürfnisse aus, leben stellvertretend  die Sehnsüchte der Vielen. Sie haben auch die Fähigkeit an sich entwickelt, die Aufmerksamkeit der Vielen auf sich zu ziehen. Sie gehen mit dem um, was „Erfolg“ genannt wird, können das in etwas Hierarchisches ummünzen, können sich als Boss und Chef profilieren, - etwas, was „die Vielen“ aus ihrem Alltag kennen. Unterwerfung oder völlige Hingabe an ein kollektives Ziel, das meist das in einem Wettbewerb sich wähnende Unternehmen vorgibt.  

Am Ende Daft Punk

Ich erinnere mich ganz subektiv (!), wie das war: Daft Punk betrieben damals den Kult der Anonymität, der unter Rockmusikern dem philosophischen Zeitgeist entsprechend beliebt war. Sie verbargen sich unter/hinter dicken, SFmäßig anmutenden Helmen, die aus „Krieg der Sterne“ hätten stammen können. Unter ihrem Etikett war oft befremdliche und mäßig produzierte Disco-Musik zu hören, von der man nicht genau wusste, wie sie gemeint war. Sie waren eine Art erfolgreiches und in Vocoder-Robotertönen geschwängertes Seitenphänomen für mich, so lange bis die Erfolgsscheibe „Random Access Memories“ 2013 kam, mit dem von mir ohnehin hochgeschätzten Nile Rogers und der in Töne gesetzten und mit allerlei Allerweltsweisheiten versetzten Bio-Erzählung von Giorgio Moroder, dem Disco-Prinzipal der 70er Jahre. Ein Ohrwurm war „Get lucky“ mit Pharrell Williams, dem ich weniger wegen der Melodie, als vielmehr vor allem wegen dem Schlagzeuger Omar Hakim, dem Bassisten Nathan East und - natürlich - Nile Rogers nachhing. Es stellte sich jetzt die Frage danach, wie so etwas gemeint sein könne. Eine Denkanstrengung. Die Mehrheit - und auch ich! - hingen jedoch dem unnachahmlich körperbetonten Beat von „Get Lucky“ nach, der Single, die anscheinend in 30 Ländern Nummer Eins war. Ich hätte diesen Welthit damals unendlich viele Male hören können. Die beiden Protagonisten freilich verbargen sich immer noch hinter ihren futuristischen Helmen, tauchten ab in Anonymität und verdienten darüber viel Geld. Wie man so etwas durchhalten konnte, das nötigt mir immer noch Respekt ab. Ich tat es aber als Marketing-Gag ab. Seltsame Sachen waren diese gefällig montierten Zitate aus der Disco- und Dancefloor-Welt dann aber doch. Und den Kult mit den Helmen hatten die Macher auch durchgehalten bis zu ihrem Ende, das jetzt verkündet wurde. Hut ab!, sage ich da und beerdige zusammen mit dem Video „Epilogue“ (Zwei Männer unter Helmen gehen in die Wüste, man sprengt sich in die Luft, die Trivialparole „Love is the answer“ wird jubiliert) ein weiteres Stück meiner persönlich erinnerten Rockmusik.

Stars unter Sternen

Ganz im Sinne einer beschleunigten Realität kommen neue „Stars“ genauso schnell, wie sie wieder gehen oder sich in der Ferne verlieren. Der Einzelne, seine anhaltende Kreativität, verliert darin wohl immer mehr Bedeutung, er erhebt sich aus einer Art Schwarmintelligenz, ragt kurz heraus und geht dann wieder in ihr unter. Die Anfänge der Techno-Bewegung waren ungefähr so gestrickt, ehe sich dann doch wieder Marken und Stars gebildet haben, die sich in hohen Stückzahlen „durchgesetzt“ haben, die „den Markt penetriert“ haben, denen die Medien hohe Bedeutung zugesprochen haben. Offenbar scheint es eine starke Nachfrage nach solchen Einzelnen zu geben, weshalb ja im Popgeschäft die alten Schlachtrösser wie die Rolling Stones, Pink Floyd, Sting, U2 usw. höchstwahrscheinlich auch nach der Pandemie noch gewaltigen kommerziellen Erfolg haben werden. Ob's mit dem so beliebten Fetisch-Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu tun hat? 

Stellvertretend für uns leben die „Stars“ ihre Kreativität und ihre Vitalität aus, bestehen diese Abenteuer des Ichs, die uns das Dasein stellen könnte, die es aber demjenigen nicht abverlangt, der sich als einer unter vielen erfährt. Sie stehen in jenem Rampenlicht, nach dem wir uns sehnen, vor dessen Exposition wir aber trotzdem eine Scheu haben (auch bei Ratespielen etc. zu sehen...). Nicht einer sein, der irgendwann geboren wird und wieder stirbt. Just another.... Ohne Spuren. Ein paar Fragen und Wägbarkeiten sind einem diesbezüglich schon durch den Kopf gegangen..... Ob ihre Konsequenzen irgendeine Relevanz haben? Auf jeden Fall mögen sie schleunigst zur Verbesserung der Welt beitragen, bitte!. Mal sehen. Wir befürchten aber nicht nur im Bereich der Popmusik so manche Störungen. „Disfunktionalitäten“ würden Akademiker vielleicht so etwas nennen, "abweichendes Verhalten". 

Wortgeplänkel

Auszug aus meinem Buch, das vielleicht eines Tages noch kommen wird:

Da ist nicht nur die Überwältigung von Gefühlen, die auch gerne von der Musikindustrie für ihre „Zwecke“ genutzt wird, sondern die Feier der Kreativität, die nicht nur im Subjektiven „Genialen“, sondern auch im Strom der Zeit verankert und zu verstehen ist. Nein, nicht das Elitäre, sondern das Massenhafte ist der Sound der Zeit. Doch das Ineinander von Verstehen und Erleben, von Rationalem und Irrationalem, das wäre es vielmehr, was ich an der Popmusik schätze.

Die Person und ihr Charisma, gewiss, die "Starqualität", - aber nur durch das, was daraus insgesamt wird! Da ist die Musik an sich, das Image, Auftreten und ein Ausdrucksvermögen. Charisma alleine halte ich für gefährlich und mit einem „Rattenfängermechanismus“ verbunden, der heutzutage etwas einseitig vor allem kommerziellen Interessen dient. David Bowie hat sich einmal darüber lustig gemacht, indem er sich mit Hitler verglich. Da ist vielmehr das Wecken von Verstand, die Feier des Individuums in der Masse, die sich auf keine These und kein finanzielles Interesse festlegen lässt, da ist eine Entfesselung von scheinbar gegensätzlichen Kräften, die auch etwas Anarchisches und Emanzipatorisches haben können. Ich höre dazu Udo Lindenberg „Mach dein Ding!“ singen. Das könnte es schon treffen. Wenn das auf diese Weise zustande Gekommene auch noch anderen gefällt und sie zu einer Suche jenseits des Profits anstiftet: umso besser. Poesie kann sich auf der Höhe der Zeit äußern, kann etwas Ekstatisches haben, das sich entzieht. Dagegen hat mich immer die Massendynamik geschreckt, das neurotische Mitklatschen, die Gleichrichtung der Gefühle, die keine Gedanken mehr zu brauchen scheinen.“

Es überkommt mich in letzter Zeit ein wachsendes Interesse an dem Zusammenspiel von Sprache und Musik. Der Zweifel an einer größeren Selbstverständlichkeit besonders bezüglich des Zusammenspiels von Englisch und Deutsch hat sowieso schon lange in mir gebohrt. In meiner Umgebung wurde oft kein Wort eines Textes verstanden, auch nicht der Geist, den er versprühen sollte. Das hat mir doch einige Bedenken eingebracht, die ich auch in Blogs und Notizen zu meiner eigenen Musik eingebracht habe.

Ich will den Mut zur Lücke und Leere haben, zum Nichts, - ich will ihn als vermeintliche Not zur Tugend machen („.....Da fehlt doch was...!“). Meine Stimme fällt wegen Bronchien/Astma aus, ist oft belegt, bzw. ist nur selten oder begrenzt einsetzbar. Leider habe ich bisher niemanden mit passender Stimme gefunden (habe mich auch zu wenig darum gekümmert). Insofern gestalte ich diese Leere, die mir selbst entspricht. Ich will damit Wahrnehmungsschablonen überschreiten. Ich gehe mit dem Nichts um, buchstäblich. In meiner eigenen Musik messe ich der Stimme als individuelles Ausdrucksmerkmal und Transportmittel von Poesie keine große Bedeutung zu. Stimmen, und besonders musikalische, sind inzwischen untergegangen in einem allgemeinen White Noise, in einem Rauschen, das vor allem aus Lügen besteht. Dagegen streue ich stimmliche Laute als Ausdruck der Emotion und Vitalgeräusche über meine Titel. Solche Töne können meist nicht lügen, und sind als Lügen nicht zu gebrauchen, - allenfalls als Samples.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“, mehr oder weniger gekonnt. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Das Wort und die Relevanz sämtlicher Äußerungen des Individuums überhaupt scheint in unserer Gesellschaft doch stark zurück gegangen zu sein. Was vorerst bleibt, sind vielleicht Fragmente, Fetzen, Verfremdungen (auch in meiner Musik). Ich mache mir auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei. Dieser Einzelne scheint sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Alles erscheint austauschbar. Die Lüge beherrscht das Feld. Es herrscht das Kollektive, „Big Data“, der Algorithmus, das kalte Berechnen, - auch gerade der Emotionen. Das technokratisch „Gekonnte“ scheint hierbei das Ideal, nicht das Erschaffene, aus dem Nichts Geschöpfte, das zurecht Manipulierte. Das „Tun-so-als-ob“ beherrscht die Szenerie. Songlyrics werden heutzutage „gemacht“, zusammengesetzt aus Versatzstücken, aus synthetischen Perspektiven. Es wird dadurch alles (auch die Images) immer austauschbarer, es wird zur kalten Ziffer, zur Zahl, zum manipulierten Etwas.

Musikstilblüten

Öffnen sich da große Räume, die uns geradezu einsaugen in sich? Zeigen da Klänge hinaus ins Nichts? Wehen daher, wie welke Blätter? Was ist mit der tief rollenden Bassdrum? Groll oder Roll? Wohin führt und fährt sie uns? Da ist ein ewiges Tanzen, - das mindestens!.... Fest steht, dass in Musik viel hinein projeziert (samt einer Leere, die nur für eine gewisse Zeit "wirkt"....) wird und dass gewisse Musiker samt ihrem Staff sich ein großes Geschäft daraus machen. Auf diese Weise können sie zur gegebenen Zeit sorglos eine riesige Villa oder einen italienischen Sportwagen erwerben und so zum Trendsetter für das lumpige Fußvolk werden. In Interviews mit der willig locker zur Hand gehenden Presse loben sie dann ihr Dasein und „verkaufen“ es auf der Promotiontour zur aktuellen Tour wie den ersten Preis eines Gewinnspiels. Ja, sie haben Glück gehabt und schreiben sich das wie selbstverständlich selbst zu. Schließlich haben sie auch Talent, - wie sie selbst meinen. Sie sind oft die Gralshüter eines Stils, den sie sehr früh in ihrer Biografie erfunden haben. „Erfunden“? „Stil“? Nun ja, sie haben oft etwas vorgefunden und dann Details zu ihren Gunsten verändert. Eigentlich funktioniert so die populäre Musik oft. Die Urheberrechte haben dieses Spiel aber verändert. Die wahren Erfinder dieser Stile blieben meist im Verborgenen, tragen unbekannte Namen, wofür auch die Gralshüter mit ihren großen, meist in der Vergangenheit liegenden Verdienste, tricky gesorgt haben.

Mitmusiker

Ich habe neulich einem alten Bekannten, der sich auch aktuell noch als Musiker betätigt (sogar in einer herkömmlichen Band...) eine meiner Aufnahmen geschickt, mit der Bitte, er möge sich doch dazu äußern, seinen Senf dazu geben, ein paar Bemerkungen dazu ablassen. Ich hatte ihn zuvor wieder kennen gelernt als einen von seiner eigenen Spur sehr überzeugten Zeitgenossen, der dazu neigte, rechts oder links seiner eigenen Position nicht viel zuzulassen. Er glaubte auch, wichtige Songtexte verfasst zu haben. Soll er doch!, so denke ich mir, ich habe nichts mehr dagegen... Aber ich denke und dachte, dass man das alles als Musiker überwunden haben müsste, diese Konkurrenz, diesen Wettbewerb.... Da freilich nach einer mehr oder weniger freundlichen Formel keinerlei Kritik mehr zu meinem Schnipsel kam, bin ich baff. Ist Musik garnichts mehr? Nicht mal unter „alten Bekannten“? Hat man keine Zeit oder ist so mit sich selbst beschäftigt, dass man für anderes keine Zeit mehr zu haben scheint? Und das „lebenslang“? Wie lässt sich so etwas durchhalten? 

Geschäftsgebaren

Wenn wir ins Fernsehen blicken und sehen Leute, die wir in dem Sinne ernst genommen haben, dass ihre Worte uns etwas angingen, so wird uns zum Kotzen schlecht: Wieso? Weil sie sich und das, wofür sie standen, für einen zu billigen Unterhaltungseffekt verkaufen. Sie rennen in doofen Kostümen einher, werben im surrealen Duktus für enorm empfehlenswerte Artikel der Industrie oder beantworten saublöde Fragen bei Ratespielen. Früher dachten wir, wir könnten bestimmte Leute wegen ihres sensibel widerständigen Geistes schätzen. Irgendwie. Doch jetzt, wo Barack Obama und Bruce Springsteen zusammen ein Podcast machen, zerstiebt auch diese blauäugige Hoffnung. Der schlaue Bob Dylan etwa wird für sein Gebaren eine oberclevere Begründung haben. Allein, er wirbt wohl schon mal für den Verkauf von Unterhosen einer bestimmten Marke und empfiehlt uns, unser Geld bei einer ganz bestimmten Bank zu bunkern. So war in der STZ jetzt auch zu lesen, dass Dylan wohl die Rechte an vielen seiner Songs verkauft habe, als wohlfeile Kapitalanlage…. ob ich da etwas falsch verstanden habe? Hoffentlich! So etwas sei wohl „das Normale“, so die sich selbsterklärende und deswegen nicht ausformulierte Journalisten-Erklärung. Und der Mann mit den ach so poetischen Versen braucht das wohl, in diesen Zeiten darbt er zu offensichtlich…..Ach, und Neil Young macht so etwas anscheinend auch. Und Shakira (na, von der hatten wir nichts anderes angenommen). Na, dann ist ja alles gut… Ob wir da vom Glauben abfallen?  

Fresszwang

Wenn ich mich an meine Zeit als Musikkritiker erinnere, so geht mir immer noch im Kopf herum, dass die Konzertbesucher oft genug wegen des Fressens und Saufens gekommen zu sein schienen. Was steckt da dahinter, dass bei manchem Konzert im Vorraum, in dem meist Merchandising und Fastfood verkauft wurde, mehr Besucher standen als im Hauptraum, in dem die Musik spielte? Der gut gelaunte Schwenk mit dem Bierglas und das feist spassige  Grinsen dazu schien oft interessanter zu sein, als das eigentliche Ereignis des Abends. Das soziale Ereignis, ich weiß. Klar ist da das Erstaunen, hin zu jetzigen Zeiten, in denen selbst dies nicht mehr möglich wäre und aus den bekannten Gründen auch keine Konzerte stattfinden, inzwischen eingeübt: Eines Tages wird wohl der Mangelzustand, das grundgesetzwidrige Verbieten und Verordnen „normal“ sein, die Leute werden es akzeptiert haben, so, wie sie nahezu alles zu akzeptieren und in sich hinein zu fressen scheinen. Doch mir bleibt das Erstaunen darüber, dass zum geselligen Konsumieren von kulturellen „Events“ das Fressen und Saufen und sich lautstark unterhalten das bestimmende Element des Daseins sein muss. Immerhin ist das relativ teuer. Es riss mich, dem es selbstverständlich in erster Linie und zum tausendsten Male um die Musik ging, aus allen Selbstverständlichkeiten. Ich nahm erstaunt zur Kenntnis, wunderte mich aber nicht darüber, sondern buchte das in meinem Toleranzbegriff in scheinbarer Großzügigkeit ab. Der Mensch braucht sozialen Umgang..... "Alles gut".

Musiker, vorbei gehuscht

Man geht die lange Reihe der von mir so eingeordneten lokalen CDs entlang und denkt: „Aus denen hätte was werden können!“ "Wären sie doch nur hartnäckiger dahinter her gewesen..."  Ob aus denen etwas geworden ist, ein persönlicher Erfolg, etwas nach außen gebracht, - gezeigt, dass man es auch kann? Auf der Suche gewesen danach, wer man ist? Doch da sind Namen mit Geschichten dahinter, längst vergessen..... untergegangen im Staub.… nie mehr etwas gehört von denen.. die sind heute als Grafiker, als Bildende Künstler, Innenarchitekten, als Lehrer und Rhetoriklehrer, als Anwälte, als Willy Wichtig oder als Persönlichkeitscoach so erfolgreich, dass ihnen selbst die Pandemie am Arsch vorbei geht... oft sind sie auch als Erben abgeblieben irgendwo im Nebel, hatten keine Lust, wollten sich nicht verbiegen lassen, gingen neue Partnerschaften und Verpflichtungen ein...... Natürlich gibt es auch die Verlierer, die nicht stark genug waren oder die damaligen Ideale zu ernst genommen haben, die sich nicht "durchgesetzt" haben. Seltsam, wie wenig kennzeichnend doch die Musik für sie alle geworden ist, sie war wohl nur die Signatur eines bestimmten Lebensabschnitts, konnte aber mühelos zugunsten einer industriell verwertbaren "kreativen" Beschäftigung wieder zurück gelassen werden, etwas, was mir selbst viel zu wenig gelungen ist…...Im Gegenteil: Ich kam darauf zurück..... In der Vergangenheit gelang's, jetzt nicht mehr.....

Er stand an meiner Seite (2)

Er war einer, der für mich das Schaurige mit einbezog, war ich doch allein durch mein Universitätsstudium mit dem Expressionismus des Grausamen befasst gewesen, in was er trefflich zu passen schien: Tom Waits. Da war das Ungerade, Ungeschlachte, aber auch das Aufgeblähte, der Vaudeville, viel durchlöcherter Jazz, Musical, Jahrmarkt- und Kirmesmusik, Ironie, Humor, Unfassbares. Er warf Fragmentiertes in den Raum, blendete auch das Hässliche stark auf, das Leiden, das Röchelnde, er beschrie das Düstere, beschwor es, wobei er für seine Szene ungewöhnliche Instrumente einsetzte, Marimbas, Oboen, Fagott, Klarinette… etc. Damit schien er allzu oft auf dem Friedhof zu landen, aber auch auf der Abfallhalde. Er brachte Falsches in Anschlag, zelebrierte Sentimentalitäten, die Sehnsucht, das Richtige im Falschen - nur, um es im nächsten Song an scharfkantigen Realitäten zerschellen zu lassen. Er schien oft aus einer Gosse zu tönen und dem Sensenmann auf der Spur zu sein. Da war kein Schöngesang, eher ein grölendes Herausstoßen von Versen, Lauten, Klängen, oft durch ein verzerrendes Sprachrohr des übel Unverdauten gestoßen, des Beschimpften, versoffenen Tremolos, da war ein Keuchen oder Stöhnen, das in Brecht/Weill-ähnliche Landschaften führte, da war ein durch Abwasserschächte hindurch aufgenommenes Taumeln und Stolpern, ein Plärren und Geröchel, das mich manchmal ins Erschrecken führte, weg von den Plastikwelten, in Richtung Fremde. Jetzt sind für mich die Vinylscheiben da, aber auch die CDs. "Closing Time", "Small Change", "Foreign Affairs", "Swordfishtrombones", "Night on Earth", "BoneMachine", Orphans", "Alice, "Mule Variations" "Franks wild Years", "Heartattack and Vine", "Rain Dogs"... Wie oft habe ich "Blue Valentine" gehört und all die anderen seiner Scheiben...... das alles fühle ich in mir......  

Er stand an meiner Seite (1)

Ich lasse mich durch meine CD-Sammlung treiben und bleibe an einem hängen, der inzwischen verstummt zu sein scheint. Wir wissen nichts mehr über ihn, nachdem er bis tief hinein in die 2000er Jahre eine Art Kult, Säulenheiliger und Unberührbarer gewesen war, der sich zumindest in Europa beliebig von der veröffentlichten Meinung feiern lassen konnte: Tom Waits. Es wird wohl eines Tages seine Todesmeldung samt den damit verbundenen lobhudelnden Nachrufen kommen. 

Welch seltsame Wendungen aber seine musikalische Persönlichkeit genommen hat! Ich war darin stets einer der aufmerksamen Begleiter; Er stellte mir Rätsel. Er erschuf sich wohl als eine Art Kunstfigur, so recht durchsichtig war das für mich nie. Genau das schien das Faszinierende zu sein. In den Zeitgeist passte er eine Weile, - wenigstens hierzulande. Dabei schien er sich zunehmend in eine Art Kunstwelt der Hochkultur abzusetzen. Dass seine Ehefrau zunehmend einen großen Anteil an all seinen künstlerischen Umtrieben hatte, - gewiss. Aber was bedeutet das? Robert Wilson, dessen Oper „Einstein on the Beach“ ich einst erlebt hatte, scheint auch einen großen Einfluss auf ihn gehabt zu haben. Diese surrealen Welten, diese farbigen Opulenzen, sie wurden spät zwar diskreditiert und schienen für bestimmte Kritiker ein Abdriften ins allzu Künstlerische zu signalisieren. In mir schienen sie aber immer wieder auf und ich war nicht sehr überrascht, als Waits sich zum Projekt „The Black Rider“ (1993) nach Motiven von Carl Maria von Webers „Freischütz“ mit Wilson einließ. Schon 1982 hatte er die melancholische Träumermusik zum Film „One from the Heart“ geschaffen, wozu ich extra ins Kino gegangen war und mir die Vinylscheibe angeschafft hatte. Heute scheinen das Episoden aus meinem Leben, die ich immer noch nicht ausgedeutet habe. Fest steht, dass sie mich stark beeinflusst haben. Die Anfänge, „Closing Time“ etc. ….ich habe sie mir später zu erschließen versucht, ein paar Songs waren auch zuvor schon zu mir herüber geweht. Auch durch seine Kurzzeitpartnerschaft mit Rickie Lee Jones hatte sich mir das einigermaßen erschlossen, war er doch zu jener Zeit noch ein einigermaßen konventioneller Songschreiber. Später wehte als eine Art seltsam funkelnder Edelstein der Song „A Tinker and a Tailor“ an mir vorbei. Wie schön war das in die Welt geworfen!

Auskennermeinung

Wenn ich heute Artikel über Popmusik lese, so stelle ich fest, dass der Trend zum Hype, vermischt mit sehr persönlichen Vorlieben, sich noch verstärkt hat seitdem ich aus diesem Bereich gegangen bin. Wenn überhaupt etwas Substanzielles abgesondert wird, so werden ziemlich unverblümt sehr subjektive Geschmacksurteile vermischt mit dem gerade grassierenden Hype aufgefahren, um eine eben nett ausgespuckte „Meinung“ sofort zu verallgemeinern und - ganz wichtig! - um auf der Höhe der Zeit im Kanon mit den "Auskennern" zu sein. Es wird offenbar ein Kaufrausch inszeniert, dem sich der „normale“ alltägliche „Konsument“ allein schon aus Mangel an Geld gar nicht hingeben könnte. Bei der Wahrnehmung solcher Mechanismen konnte ich lächelnd auf eigene als „Lesefrüchte“ formulierte Erfahrungen zurück greifen. Postmoderne ahoi! Was zählte und hip war, das war die kopfnickende Zustimmung zu heiligen Kühen des Popkanons, dieses Gefühl des „Dabei-seins“, und „ganz-vorne-seins“, das für mich stark in eine bestimmte soziale Richtung zeigte: Distinktion war angesagt, „drin“ und „draußen“ sein. Etwas, was ich zu kennen glaubte. Ein Wissender sein, der völlig seiner Wahrnehmungsblase verhaftet, ignorant und arrogant den Kanon dessen beschwor, was als „hip“ galt. Es gab dabei Chiffren des Auskennens, die dem Bildungsbürgertum und seinen „Kriterien“ ziemlich nahe standen.

 

Pop musste grell, unanständig und lustbetont sein, sonst taugte es nichts. Basta. Je mehr, desto besser. Wo war da der Zweifel, der uns, die wir uns um etwas anderes mühten, alle gelegentlich beschlich? Wo war das Argument, das uns betroffen hatte, all die Unsicherheiten, die uns und eine bestimmte Art von Musik grundsätzlich absetzte von diesen eitlen Kulturpäpsten, den geschmäcklerischen Selbstinszenierern, den Bescheidwissern der Kultur, die halt in der Arena der netten Formulierungen eine weitere Pirouette drehten, ohne jemals die gesellschaftlichen Bedingungen für ihr Kritiker- aber auch für das „Künstlerdasein“ zu berücksichtigen? Waren wir allwissend? Wer waren wir überhaupt? Es schien bei all diesen hippen Aufgeregtheiten um eine Art Konsumberatung zu gehen und um eine durch extreme Formulierungen oder steile Thesen aufgepumpte „Expertise“ des Kundigen, um Demonstration von Insidertum. Das alles fing damit an, dass das Gefällige und Artige, das handwerklich „Gut Gemachte“ als Pop plötzlich angesagt war, mochte es sich auch noch so schlimmen Klischees der Götzenanbetung bedienen und affirmativ im Einklang mit der es umgebende Kulturszene sein. Im allgemeinen Getümmel von Techno, Punk, Metal, Elektro oder Grunge schien das sowieso egal zu sein. Da blickte sowieso niemand mehr durch. Und dazwischen der gehasste Mainstream, das Gewöhnliche und Alltägliche, von dem man sich mit allen Mitteln abzusetzen versuchte. Dass Pop irgendetwas mit dem Wort „popular“ zu tun hatte, wurde durchweg geleugnet und war etwas für die stumpfe Masse der „Konsumenten“, von denen man sich kraft seines selbstgenügsamen Auskennertums in seine Nische absetzen konnte. Ja, aber so hat Pop und Rock immer funktioniert! Ein System von Zeichen verstehen, im Gegensatz zu „den Anderen“. Mittlerweile hat sich all das nivelliert und ist in einem Strom von überall grassierenden Klängen untergegangen. Der Mechanismus funktioniert längst nicht mehr und ist im anonymen Showbiz verschwunden.

Teure Erinnerungen

Natürlich hatten wir mit einem Seitenblick all die Berichte über alternde Rockstars wahrgenommen, von denen viele eine Existenz als begüterte Landedelmänner (Männer!!!!, die "alten Zeiten" scheinen nicht besonders emanzipiert gewesen zu sein...) zu fristen scheinen. Von dem, was einem dazu blieb: David Gilmour, der Pink Floyd-Gitarrist, der schon vom Äußeren her das zu repräsentieren scheint, was man an ihm beobachtet: Zu reich, um noch irgendwelche Reunion-Versuche zusammen mit jungen Musikern zu versuchen. Damit beschäftigt, einen reichen und vielköpfigen Kindernachwuchs materiell zu befriedigen, was speziell dieser Person nicht allzu schwer fallen dürfte. Derartige Figuren scheint es im angelsächsischen Raum viele zu geben. 

Bei all der durchlebten Vergangenheit aber immer noch gut drauf, was das eigene Solo-Werk angeht: gelegentliche Tourneen werden von der veröffentlichten Meinung erwartungsgemäß und PR-gestützt durchweg bejubelt. Der feingliedrige Feingeist, der, der einst in eine Psychedelikdurchwirkte Band eingestiegen war, die allerlei Experimente versuchte und die dem Autor dieser Zeilen dabei auch ein paar nette Momente beschert hatte: zum teuren Besuch der Konzerte dieser Spielgruppe hatte dieser "Autor" sich jedoch nie entschließen können. Allein die Opulenz, die Bombastik und die nach seiner Einschätzung völlig übertriebene Selbstinszenierung hatte ihn schon früh gestört.

Hinzu kamen dann verschiedene personelle Empfindlichkeiten innerhalb dieser völlig überschätzten Kapelle, was nach dem vielverkauften Doppelalbum „The Wall“ in der Rockszene zu einer permanenten Beobachtung der personellen Dinge dieser Band führte.

Wiedervereinigung, ja oder nein? Versöhnung?  Ob das berechtigt war? Ich mochte immer den Gitarrenstil von Gilmour, fand aber die Kreativität dieser Band einigermaßen überbewertet. All die Posen jener Zeit werden darüber hinaus von den reich und satt gewordenen Protagonisten dieser Zeit noch einmal vorgeführt, was mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die Schockrocker, die Hippieposen, die Süßlichkeiten und Verklärungen, die Verklärungen des einzig Echten und Ehrlichen. Man würde sich wünschen, dass mehr Menschen diese berechnende Posen endlich durchblicken würden und nicht nur ihr Vorführen in seltsamen Erstarrungen blind und unreflektiert feiern würden, unter anderem in sentimentalen diffusen Erinnerungen. 

Comeback der Untoten

Mal sehen, ob das jetzt nach den Wahlen in den USA ein bisschen besser wird: Gealterte Rockhelden schreiben blümerante Verse über ihr Land, schwelgen in Erinnerungen an die guten Zeiten, entwerfen Symbole, fühlen sich wohl im Kreise grau gealterter Bandkumpels als alte Kameraden, spekulieren über das Kosmische, das in allen Dingen wohnt, ergehen sich in sarkastischen Humor und loben den Geist bestimmter Bands, blicken zurück in Wehmut, beleben die bewährten Formeln noch einmal - kommen aber ob all der verspannten Poesie nie zur Sache. Engagement? Politische Reflektion? Fehlanzeige! Dabei leben sie doch in einer sozialen Wirklichkeit, müssten auch von Menschen umgeben sein, die nicht unbedingt aus der eigenen Wahrnehmungsblase kommen. Rassismus, Faschismus, Klimakatastrophe? Wo leben diese Leute? Es erhebt sich der Verdacht, dass sie sich ihre eigene Welt leisten können, dass sie sich dem vermeintlichen Hedonismus der Privilegierten hingeben, dass sie alte Mythen als das einzig wahre Echte wieder aufleben lassen wollen, - natürlich zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen. Wie ein Zirkuspferd werden sie dann auf Comeback-Tourneen alte Lebenslügen jeden Abend zelebrieren und ihre Faltengesichter gegen untertänigst bereit gestellte Kameras halten. Sie werden ihre alten Geschichten in neuen Schläuchen präsentieren, im Internet, auf den Social Media Kanälen. Sie werden überall wie Spieluhren alte Songs repetieren, weil sie dafür Geld bekommen. Dafür werden sie junge Musiker engagieren, die unter alten Namen ihre alte Musik handwerklich perfekt herstellen können. Fast würde man sich wünschen, dass manche derartige Figuren rechtzeitig gestorben wären, bevor sie in meinen Augen alles verraten haben, wofür sie mal standen.   

Pophedonismus

Ich überflog unlängst einige journalistische Einlassungen zu den neuen Alben von Taylor Swift und Miley Cyrus. Dabei ergab sich das Übliche: Die Damen wurden in den höchsten Tönen als „das Beste“ überhaupt gepriesen, das Maß aller Dinge. Daneben waren nicht einmal Andeutungen dazu zu lesen, wie man zu solchen Beurteilungen gekommen war, wie sie entstanden sind. Ob es nicht auch andere Meinungen dazu gibt? Oder ob es eine besonders fundierte Meinung einer Expertin/Experten ist? Meiner Einschätzung nach wird auf diese Weise das alte populistische Spiel weiter eingeübt, dass es etwas nachzuäffen gibt, um vor allem „im Strom der Zeit“ zu sein. Pop als Zeitgeistsymptom. Genderspiele. Klamotten. Image. „Dabei sein“. Grenzüberschreitungen aller Art, die auf mich uninteressant langweilig wirken. 

Dabei war doch sowas wie Kreativität einstmals auch ein Kriterium. Dazu ist festzustellen, dass heutzutage gewisse Alben mit denselben Sounds von denselben Stäben erstellt wurden. Dasselbe marketingorientierte Tempo, die kalkulierten Sounds, Von irgendwelcher Kreativität oder Originalität der dahinter stehenden Personen erscheint mir da wenig zu spüren zu sein. Ausdrucksvermögen, Stil? Nun ja, darin gleicht ein Album dem nächsten, egal welche Person als Urheber dazu genannt wird. So kommt es mir jedenfalls vor. Stehen diese Personen überhaupt für irgendetwas? Nun ja, sie scheinen den Hedonismus zu signalisieren, der sich über alles hinweg setzt, was gerade jetzt, in Corona-Zeiten, eine eigene Relevanz zu zeigen scheint. 

Der Improvisator

Das Folgende muss ich irgendwann geschrieben haben. Den genauen Zeitpunkt kann ich leider nicht ermitteln. Auch habe ich ein paar Formulierungen verändert:

Durch Improvisation über sich selbst hinaus kommen? Das Bewusstsein erweitern? Progressiv sein? Fortschrittlich? Fortschreiten zu fernen Ufern? Und gleichzeitig darin auch noch schön sein? Schönheit im Ausdruck als Instrument der Befreiung. Ob freies Spiel überhaupt möglich ist? Vollkommen frei sein? Auch gesellschaftlich? Durch überragende technische Möglichkeiten augenblickliche Ideen und Einfälle in ein Fingerzucken, ein feingliedrige Motorik verwandeln? Das Feierliche feiern. Kann das jedermann? Oder ist's nur Genies möglich? Typische Themen der späten Sechziger und frühen Siebziger des vorigen Jahrhunderts, als Keith Jarrett groß wurde und der Fortschritt noch etwas Erstrebenswertes war, an das alle glaubten. Ein Großmeister der Jazzimprovisation. Jazz? Der Mann hat ja auch auf der Orgel an Bach'schen Goldberg-Variationen herumimprovisiert und dies in dicken Tonkonserven auf den Markt geworfen. Markt? Solch ein profanes Wort im Zusammenhang mit Keith Jarrett? Jawohl, er hat ja einige der im Jazz meistverkauften Schallplatten-Kassetten wie zum Beispiel „Köln Concerts“ und „Bremen Lausanne“ auf diesen Markt gebracht, fabelhaft gestaltete Doppel- und Dreifachalben, - drunter tat er's damals nicht. Gut Ding will Weile haben, - und LP-Seiten hatten um die 20 Minuten Spielzeit, vielleicht auch mal 25 oder noch einen Tick mehr. Dann war aber Schluss. Dann hatte die Improvisation ein Ende und man musste umdrehen. Ach, wie er in die Tasten der kleinen Farfisa-Orgel gedrückt hatte, damals in der Band von Miles Davis! Und Joe Zawinul war auch dabei. Welch eine Keyboardabteilung!! Zuweilen taten auch Chick und Herbie damals mit. All das, was später mit dem Etikett „Fusion“ in Verruf geraten sollte, war damals noch am Anfang, war ein Abenteuer und ziemlich aufregend. Jazz und Rock. Wie treibend Al Foster damals den Beat über dem Ostinato-Bass einbrachte! Eine unwiderstehliche Maschine. Unglaublich! Und die Trompete tanzte silbern darüber....wie auf einem anderen Stern!

Jarrett wurde ja in der Folge zum grauhaarigen Priester einer alternativen Kaste der besserverdienenden Geschmäckler, er wurde von tausend Erschöpfungszuständen befallen und hat das Hochamt seiner gar so empfindlichen Empfindsamkeiten nur noch selten live ausgeübt. Er konnte sich dann überwinden. Sich selbst besiegen. Triumph des kreativen Willens. Ganz alleine, aus sich selbst heraus. In exklusivem Ambiente, für Eintrittspreise, die solide im dreistelligen Eurobereich liegen mussten. Er war reif geworden. Er spulte, wie es hieß, keine Keith Jarrett-Routinen ab, wenn er spielte. Nie. Hat er nie getan. Er schöpfte aus der Luft. Er, als Schöpfer. Kreativ. Ein Luftgeist. Er improvisierte. Er brach sein Konzert auch mal ab. Das ist bekannt. Weil jemand hustete. Mittendrin scheint er dann am Ende zu sein. Überraschend natürlich. Der Schwabe rechnete dann sofort: Ob sich's gelohnt hat? Das viele Geld! Oh gemeiner Mensch, du Wurm! Meist kommt der Künstler dann aber doch wieder. „Einer geht noch!“. Oder auch zwei. Bloß nicht räuspern! Oder gar husten! Das unterbricht den Fluss seiner unvergleichlichen Ideen. Darauf reagiert er empfindlich und hört auf. Jetzt hat Keith Jarrett mal wieder eine neue Scheibe heraus gebracht. Er konnte nicht einfach aufhören. Bis alles gut sei.... 

Rebellion von alten Helden

Es wird mir durch einen verdienstvollen Aufsatz jetzt klarer, was die Faszination für eine gewisse reifer gewordene Zielgruppe ausmachen könnte, die unlängst die Kunde hat vernehmen dürfen, dass eine ihrer Lieblingsbands aus Australien trotz herber personeller Verluste ein neues Album heraus bringen will. Es ist da die Rede vom Symbol, das diese Band inzwischen ausmache. Ein Symbol für Rebellion, das sich in einem dem Publikum in Schuluniform vorgeführten Veitstanz mit der Gitarre und der Entblößung von Hinterteilen ausdrücken soll. Dass man zum Verständnis dieser Musik keinerlei Bildung brauche, ja, dass sie bei der Rezeption geradezu hinderlich sei, wird hier als großer Vorteil vorgeführt. Mein Verdacht ist, dass hierbei "Symbole" noch einmal kräftig ausgebeutet werden sollen. Wer viel Geld hat, braucht dringend noch mehr, - auch und gerade „im Alter“.

Die Musik ist dabei offenbar nur Mittel zum Zweck, sie soll ihr Publikum animieren und alte Stimmungen noch einmal wiederbeleben. Der Begriff „Bürgerschreck“ soll auf diese Weise mit einem Lächeln im Gesicht noch einmal wiederbelebt werden, eine Unsäglichkeit, die sich darüber hinweg setzt, dass die einstigen „Bürgerschrecks“ zu Bürgern des Besitztums geworden sind. Dass sie erzkonservative Beharrungskräfte des Wahren und Echten verkörpern. Noch einmal die Musik: Sie kommt mir mit ihren lächerlichen Gitarrenriffs in diesem Falle so staubig alt und aus der Zeit gefallen vor, wie es beispielsweise Donald Trump mit seinem Spruch „Making America great again“ als Slogan ausgedrückt hat. Rückschritt als Fortschritt, - eine gute Idee? Wer wohl davon profitiert? Ob dabei die ganze Jämmerlichkeit und dekadente Verkommenheit dessen, was sich gerne als „Rebellion“ gibt, offenbar wird? 

Untergehen in Eingängigkeiten

Was heißt es beispielsweise für alternde Popstars, den „Zenit überschritten“ zu haben? Eine „Marke“ samt ihres Bedeutungsvorhofes mittels eines Auftritts noch einmal vorführen? Scheinbare Zeitlosigkeit zelebrierend. Etwas verstetigen, etwas verfestigen, was einst der ewigen Jugend geschuldet war, was ihr überantwortet war, was aus ihr gewachsen ist? So etwas wie die ewige Kreativität? Sie überführen in eine öffentlich bestätigte Selbstvergewisserung? Nach dem Motto: Alles hat seinen Preis, - ich auch. Das bedeutet gesellschaftlichen Status in der Industriegesellschaft. Sich nachträglich vergewissern, dass man nicht nur Mist gemacht hat? Eine kollektive Vergewisserung dergestalt, dass man den Leuten gegeben hat, was sie wollten? Materialisierte Träume. Aufbereitete Lügen. Sie zu seinem eigenen Zweck geformt: es ist eine Urfigur des Bestehenden. „Slowly fade away“? Oder vielmehr die sich selbst bestätigende Wiederholung? Das Angekommensein im gesellschaftlich Produktiven, das auch entsprechend honoriert und belohnt wird? (nur halt als wohlfeile Erinnerung...) Eine Bedürfnisbefriedung der Vielen, so, wie es diese Gesellschaft verlangt. Das Aufgehobensein im Kollektiven? Ob Künstler sich jemals als ein Instrument dieses kollektiven Willens gefühlt haben? Manche ja, die meisten wahrscheinlich nicht. Ein „Sich spiegeln in der Masse“? Formulierung einer Generation, einer gemeinsamen Zeiterfahrung? Das Ausloten eines gemeinsamen Raumes und ihn überführen in unglaublich triviale Aussagen? In Refrains gezwängte Parolen. In nette Eingängigkeiten, scheinbar beiläufig. „Halt so...“. Oder als gezielte Marketingspekulation, die freilich verinnerlicht wurde nach dem Motto: „das ist professionell, so ist das Geschäft“. Sie als letzte Gewissheiten verkaufen in einer Welt des ständigen Wandels und der Unübersichtlichkeit? Ein trotziges Festhalten? Es ist dies alles auch – und noch viel mehr. Es zu erkennen wäre erstmal wichtig und primär. Was uns umgibt, umschwirrt und wieder vergeht... 

Christmas Dreams

Es ist immer dasselbe: Ein paar Wochen vor Weihnachten erscheinen die zahlreichen Best-of...“-Zusammenstellungen, die Compilations, die Remix-Alben, die allesamt wenig Neues bringen über das hinaus, was ohnehin bekannt ist. Sie enthalten Pop und manche sentimentale Rock-Zusammenstellung aus Zeiten, als alles besser war... Deutlich erkennbares Ziel: Diese Ware unter die Leute zu bringen, sie zu verkaufen. Dabei könnte solche Musik ja andere Horizonte eröffnen jenseits des Konsumwahns, der die Reichen noch reicher machen soll. Jedenfalls trug sie mal dieses Versprechen, ob es nun falsch war oder nicht. Heute kommen einem Sprüche der Unangepasstheit wie Marketingbotschaften vor, die etwas vortäuschen sollen, was nicht in erster Linie Zweck der Übung ist. Besonders Angehörige dessen, was man mal einst „Underground“ nannte befleißigen sich offenbar sehr gerne dieser Methode. Alte, reife und dekadente Säcke der Rockmusik lassen mit einem hämischen Grinsen einstmalige Hauptwerke veröffentlichen, verkaufen sie mit einem Goldglanz an eine Industrie, der man einst sehr skeptisch gegenüber stand und die jetzt ihre tönenden Goldschätze unter tausend blinkenden Lichtlein verkauft. Ob die Pandemie daran etwas ändert? Zu befürchten ist, dass sie das nicht tut. Nie war der Impuls zur Flucht in kitschige Erinnerungen stärker, nie war die Trennlinie zwischen Arm und Reich deutlicher, nie bereicherte man sich schamloser als in diesen Zeiten, die unter dem Banner des Fetischs „Wachstums“ der Wirtschaft immer noch alles erlauben will.  

Positionierung

Immer diese Sprüche!“. Das neue Album sei das beste überhaupt, was sie bisher gemacht habe, so lese ich über die Neuveröffentlichung eines „Megastars“. Aha! Das hatte ich noch nie gehört... oder doch? Man habe sich selbst erst richtig kennen gelernt bei der Erstellung des Albums. Ach so! Dann die Songs, die sich an die grassierenden Trends hängen, ohne dass (mir!) die Protagonistin bisher dadurch aufgefallen wäre, dass sie sich in einem bestimmten Sinne besonders engagiert habe. Aber es braucht ja „street credibility“, klaro! Die Dosis genau treffen!, so lautet offenbar die Devise, sowohl was den Sound angeht, als auch die Texte. Immer so mitschwimmen, dass man sich als „vorne dran“ verkaufen kann, - aber nicht so sehr! Die derzeit angesagten Produzenten engagieren und sie einbauen in das eigene Konzept, das da heißt: möglichst mit Schmackes an die Spitze der Hitparaden! Die richtigen Duopartner auswählen, das gehört auch dazu! Alle Möglichkeiten des Imagetransfers nutzen und sich selbst möglichst „auf aktuell“ und progressiv menschenfreundlich frisieren. Wunderbar sei das alles, so hecheln Vertreter der veröffentlichten Meinung um die Wette. Ganz toll! Kritische Einlassungen? Fehlanzeige. Sachte wird ein bisschen herumgemäkelt, aber ansonsten ist alles prima! Sagen die Meinungsführer. Schade, so finde ich. Sich dermaßen zum Büttel der Industrie zu machen….Nun ja. 

Werk und Wirkung, Clapton und der Blues

Aber ja, wir hatten das damals nicht allzu ernst genommen. Schließlich war Eric Clapton nicht unbedingt für seine politisch profunden Aussagen bekannt und wir hatten ihn auch alle wegen anderer Qualitäten gern. Überhaupt bemerkte ich bei mir eine Tendenz, diejenigen Aussagen von Künstlern, die ihrer Prominenz geschuldet waren, nicht allzu ernst zu nehmen. Das war mir sowieso zu nah an dem von der Werbung hingebungsvoll gepflegten Image-Transfer dran. Wen ich ernst nahm: z.b. Frank Zappa, der sich ganz offensichtlich schon von Beginn seiner „Karriere“ an Gedanken über Wahrnehmungsgewohnheiten gemacht hatte und die Provokation zur Irritation und Verunsicherung dieser Gewohnheiten einsetzte. Das schien mir einigermaßen tiefgehend. Dass er eine Art (SEINE Art!) Anarchist war, war offensichtlich. Aber Clapton? Wir fassten ihn stets als reinen Musiker auf, der nichts als das im Sinne hatte. Dass er den Blues vergötterte, ihn aber stets als so etwas wie ein folkloristisches Zitat vorführte, nahmen wir mehr von der Seite aus zur Kenntnis. So what?

Als dann später von ihm seltsame Zitate kolportiert wurden, nahmen wir das zur Kenntnis, konnten es aber nicht so richtig einordnen. Nun, dass der Blues ursprünglich etwas mit der Hautfarbe zu tun hatte, war für uns kein Thema bei ihm. Das Leiden war ja in seiner Musik, das genügte uns. Es hatte aber bei ihm vor allem individuelle Qualität (z.b. seine Drogenerfahrungen und der Fenstersturz seines Sohnes) und weniger eine soziale Dimension. Er nahm später dann auch mal eine Scheibe zusammen mit BB King auf: ja klar, der war ja auch nahe am Blues dran. Doch jetzt fällt uns auf, dass Clapton all die Jahre kaum einmal ein Wort über die soziale Qualität des Blues hat fallen lassen. Armut, Monotonie, Gewalt und Diskriminierung war offenbar nicht drin in seinem Weltbild. Das schienen „die Anderen“ zu sein, deren überragende Ausdrucksqualitäten man gerne in sich selbst aufgenommen hatte. Ich habe später einmal ein Interview mit BB King führen dürfen. Er sprach damals mit Hochachtung von „seinem Freund“ Eric Clapton. Ob dies aber eher auf gemeinsame geschäftliche Interessen fußte, denn auf menschlicher Sympathie? Wir wissen es nicht. Unser beidseitiges Interesse war jedenfalls klar vorgegeben. Außerdem: Es gibt viele andere Figuren nichtweißer Hautfarbe, von denen wir das auch nicht so genau wissen. Sie schienen oft in einer Art Mimikry aufzugehen, die durch ihre Posen und Gesten in einem damals von nahezu ausschließlich weißen Geschäftemachern bestimmten Business wohl zeigen sollte, dass sie mindestens genauso viel wert waren, wie ihre „Mitbewerber“. Dass sie mit ihrer „Race Music“ bestehen konnten in diesem „Rat Race“. So war‘s.

Zurück zu Clapton. Ob er wohl hätte etwas sagen können zu den sozialen Zusammenhängen? Vielleicht sogar sich engagieren? Dass er seine 1976 ins Publikum geschossenen Tiraden (2017 soll er so etwas noch einmal wiederholt haben…) nie richtig zurück genommen hat: Wir nahmen ihn auf dieser Ebene sowieso nicht ernst. So etwas wie eine Distanzierung oder Differenzierung wäre ihm aber gut angestanden. Denn es gibt ja auch dieses weitgehend unreflektierte Massenpublikum, das Vieles nahezu ungefiltert aufnimmt. Und „normale“ Bildungsbürger nehmen so etwas als Gegensatz zwischen Werk und Wirkung auf. Auch Künstler mit schwachem oder inkorrektem Charakter können faszinierende Kunst schaffen. 

Selbstverständlich weiblich

Komisch, was mir jetzt auffällt: Ich hatte fast immer über die Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen geschrieben. Über das weibliche Geschlecht und seine Kunst. Dessen war ich mir aber nicht bewusst. Ziemlich unbewusst nämlich hatte es sich so ergeben, dass fast immer ich derjenige war, der sich mit den Frauen in der Popmusik beschäftigte und zu beschäftigen hatte, insbesondere mit Singer/Songwriterinnen. Da ich alles annahm, was kam, war mir das recht. Ein Auftrag mehr. Ausnahmen waren persönliche Vorlieben meiner fest bestallten Auftraggeber oder ein übergroßer, sich in Besucherzahlen äußernder „Erfolg“, der offenbar eine gewisse journalistische Bearbeitung notwendig machte. Dabei hatte ich mich schon vor meiner Zeit als Schreiberling für Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen interessiert. Joni Mitchell zum Beispiel hat mich nachhaltig beeindruckt und beeinflusst. Aber auch Rickie Lee Jones. Mir war damals einfach nicht klar geworden, dass das Geschlecht eine Dimension sein könnte, anhand dessen man Rockmusik beurteilen könne. Mich interessierte eigentlich nur, was ich für gut oder schlecht hielt, was originell oder kreativ war. Was für etwas stand. Gelegentlich mal kam es mir unter, dass ich das "spezifisch Weibliche" darin suchte, je nach geistiger Beschäftigung zum jeweiligen Zeitpunkt. Doch die Männer scheinen mir in puncto „Anpassungsfähigkeit“ um nichts den Künstlerinnen nachzustehen. Freilich war dies nichts, was mich heftig umtrieb. Rockmusik war für mich etwas Selbstverständliches, über Ethnien und Geschlechter hinweg. Mittlerweile scheint sich mir wieder ein starker informeller Impuls eingeschlichen zu haben, auch ein Aufwachen unter dem Stichwort „Me too“, das mir aber allzu sehr mit seiner Gegenbewegung korreliert. Es scheint mir Übertreibungen zu geben. Meine damals verlorene „Unschuld“, die Auffassung als „Selbstverständlichkeit“, scheint mir als Möglichkeit im derzeit herrschenden allgemeinen Diskurs verloren gegangen zu sein.

Mach's nochmal, Joe!

Unzählige Live-Konzerte habe ich von ihm besucht, ich weiß gar nicht mehr wie viele: Joe Jackson. Natürlich war er auch eingebunden in die Kreisläufe der Musikindustrie, musste dauernd neue Alben abliefern. Aber genau das bewunderte ich am Anfang an ihm: dass er jedes mal etwas anderes, etwas neues anbot. Dass er immer wieder neu klang, sich neu erfand, sich an anderen Genres ausprobierte. Nun, wenn ich mir das genau überlege, so erfand er seine Musik ständig neu, blieb sich selbst aber treu. Während „The long Song“ gab er stets alles, blähte sich ungeheuer auf und tat so, als könne er singen. Er neigte da zur Selbstermächtigung, denn im klassischen Sinne konnte er ja gar nicht singen. Er konnte aber alles geben, alles in seine Interpretation, in den Moment rein legen. Seine Halsschlagader schwoll dann, er wurde rot im Gesicht. Er neigte dann zu seiner Form der Selbstermächtigung, wollte Beifall und Liebe für sein Ego, wobei er dann aber auf dem nächsten Album untertauchen konnte in den Strudel einer völlig neu gearteten Musik, er machte sich an klassisch tönende und mit Geigen samt Gebläse intoniertem Zeug heran, er verwandte oft knitz eingesetzte Percussion, für die oft Sue Haedjopoulos verantwortlich war („Night an Day“), er integrierte die Synthesizerwelt und setzte seine Band ständig neu zusammen, wobei es eine Konstante gab: Graham Maby war/ist ein toller Bassist mit Groove und viel Einfallsreichtum, der ihn im Kreise verschiedener Bands sehr oft begleitete. Am Ende schien er bei wenig aufwendig mit Klavier instrumentierten Stücken zu landen, in die er live auch manche Coverversionen einstreute. Das wirkte so, als wolle er vom in der Jugend überhöhten Ego etwas absehen und auf andere Künstler zu verweisen, deren Klangwelt er selbst schätzte. Natürlich gab es da immer wieder direkte und indirekte Verweise auf Steely Dan. Er interpretierte aber auch Sachen von Bowie. Er konnte das souverän und mit einem ironischen Seitenblick tun. Joe Jackson hatte ja sein Standing längst. Vom Punk der Anfangszeit war er zum bewunderten Kulturdenkmal geworden. 

Pop reloaded

Mal wieder bin ich total enttäuscht von dem von Kritikern total hochgepushten Neuen in der Popmusik. Es wurden mir Alben empfohlen, an denen ich beim Hören so gar nichts entdecken konnte. Bestenfalls Elemente, die schon mal besser da waren, etwas melancholische Themen und Stopper, die ich früher - ja! - schon einmal besser gehört hatte. Dabei wurde mir das vorliegende Album als extrem erfolgreich vom Rezensienten geschildert. Was ist los? Irgendetwas kann da nicht stimmen! Gibt es das wirklich, mit gebremsten, melancholischen Klängen riesige Erfolge einfahren? Etwas, das ein „Sich-einlassen“ geradezu fordert? Etwas, das in diesem Fall auch noch instrumental daher kommt? Das wäre mir zumindest neu, entspricht nicht den Gepflogenheiten und Markterherbebungen. Angesagt scheint mir vielmehr die möglichst in gepflegten Optimismus polierte Oberfläche des Populären, das klischeehaft Positive, das partout „rüberkommen“ soll. Stimmt da meine Perspektive „von außen“ nicht, bin ich alt geworden? Nicht auf der Höhe der Zeit? Wieso langweilt mich so etwas? Ob nicht gerade das Nichtlangweilen ein Merkmal von Pop ist? Das Aufregende, knallig Frische, das Starke und Direkte, das Eindeutige, - weniger das in sich Gebrochene?

Die in sich selbst drehende Aktion, die nirgendwo und überall ankommt, die nichts außer sich selbst transportiert, ist doch Träger eines derzeit grassierenden Kulturhabitus. Der schnelle Wegwerfgestus, der Popsong „to go“. Zum einen Ohr gut rein, zum anderen schnell wieder raus…. Nachdem ausgelutscht ist. Neues oder - wie manchmal gefordert - „Innovatives“ ist dabei kaum hörbar, na klar, - wie auch? Wer soll da dahinter stehen? Die Stäbe von Musikanten auf dem Weg zum Erfolg, die im Auftrag von anonymen „Stars“ ihre „Ideen“ absondern und in einen anonymen Topf hinzu geben? Klar, auch sie wollen Karriere machen. Wollen schlau und clever sein auf dem Weg nach oben. Wollen sich profilieren. Wollen ihre Verwendbarkeit und Anpassungsbereitschaft, ihr Können und Kennen zeigen. Ihr "Know-how". Wollen sich qualifizieren für höhere Aufgaben, wollen sich empfehlen für den „nächsten Schritt“. Ob das aber gerade mein Vergnügen sein soll? Wieso eigentlich? Der Erfolg? Das ist "to go"! Weg damit! Ex und hopp. Ich suche mir was anderes... 

Musikprodukt

Habe etwas von einem bisher unveröffentlichen Text darin verarbeitet:

Natürlich, da ist der Einfluss starker Persönlichkeiten auf Musikercliquen, auf local scenes, da sind die Strategien des gegenseitigen Abschauens, Lernens und Kopierens. Schnell können sich Formeln und Routinen bilden, die zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort hätten entstehen können und sich später dann doch an jedem anderen Ort reproduzieren lassen. Aber ist da auch das Publikum, das sich nach spezifischen Geschmackskriterien und einem Rezeptionsverhalten bilden würde? Das Publikum bildet sich durch die Medien. 

Mittlerweile hat sich das radikal gewandelt, alles in der Popmusik ist in meinen Augen ortlos, anonym und global geworden. Das, was war, war die alte, analoge Welt. Heute funktioniert das auf digitale Weise. Spezialisten spielen sich heute per Internet die Files zu, von irgendeinem Ort der Welt aus, egal wo. Sie bilden vielköpfige Stäbe, die hierarchisch organisiert wiederum den Produzenten zuarbeiten. Gebündelt wird das ganze dann unter einer Marke, meist US-amerikanischer Herkunft. Der Star. Der Superstar. Der Megastar. Die Band als soziales Modell scheint ausgedient zu haben, überhaupt scheint der soziale Austausch an Bedeutung verloren zu haben. Was zählt, ist der US-amerikanisch dominierte Erfolg, wie er etwa an den Posen und dem Auftreten eines US-Präsidenten abzulesen ist. Die Wertschöpfungskette soll schließlich dem „America first“ gehorchen, was alleine schon eine gewaltige Anmaßung ist, denn „America“ ist der Name des gesamten Kontinents, der in seinem Süden auch Länder wie Brasilien oder Argentinien umfasst. Was aber gilt, ist wirtschaftliche Power. Die Reichen sind die Mächtigen im Staate, - nie waren die Mächtigen der USA darin schamloser als jetzt gerade.

King Crimson Reloaded

Am 9. September 2016 schrieb ich:

 

King Crimson in der Liederhalle

Schon der Bühnenaufbau kann überraschen: Drei Schlagzeuge nebeneinander, das ist in der Rockmusik unüblich und ward nie gesehen. Aber die Band King Crimson ist ja immer schon komplett überraschend gewesen, hat während der vergangenen fast 50 Jahre um ihren Kopf herum, den Gitarristen Robert Fripp, fortwährend die Besetzung geändert und stilprägenden Avantgarde-Rock der verschiedensten Ausprägung gespielt. Ein Mythos. Eine Legende. Gleich ein Doppelkonzert ihrer aktuellen Tournee spielen sie im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart, natürlich vor jeweils ausverkauftem Haus. Die drei Herren Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey eröffnen denn auch gleich mit ihrem Dreier-Intro das Konzert. Wir ahnen, dass diese Besetzung kein Gag ist, sondern dass sich diese drei auf das Trefflichste ergänzen wollen, dass sie hochkonzentriert ohne jede Showeinlagen ihre Rolle spielen werden, die eine fantasiereiche Aufsplitting der einzelnen percussiven Abläufe bringt, fein abgestimmte Übergaben des Rhythmus selbst mitten in ungeraden Metren und filigrane Ziselierungen mittels kurzer Akzente, aber auch Keyboardeinlagen und andere elektronische Einspielungen. Es ist ein Team, genauso wie die ganze Band, in der niemand herausragt oder sich als überragender Solist profilieren kann, weil die Dinge meist exakt festgelegt erscheinen und die Räume für allzu ausufernde Soli gar nicht existieren. Am ehesten noch scheint da Mel Collins, der aus den Anfangstagen der Band aufgetauchte Saxofonist und Flötist, sich noch gelegentlich in diese solistische Rolle hineintröten zu dürfen.

 

So geht’s nach der Schlagzeugereinleitung in die erste, sehr abgehoben und teilweise schroff wirkende Folge von Stücken, die weit vom üblichen Rockklischee entfernt scheinen. Wir, aber womöglich auch die Musiker, werden hineingezogen in einen eigenen Strom der Bezüglichkeiten, in der selbst der Bandboss Fripp nur ein Teil des Ganzen ist und in keinster Weise heraus ragt. Neben ihm agieren auf der zweiten Linie der Bühne mit dem Bassisten Tony Levin, mit dem Sängergitarristen Jakko Jaksyk und dem frühen Weggefährten Collins sowieso nur ausgewiesene Könner, die keinerlei Profilierung nötig haben und in diversen Bands ihre Spuren hinterlassen haben. Es taucht nun das eher grobe Stück „Easy Money“ auf, aber auch das feingliedrige „Epitaph“ oder das bekannte „In the Court of Crimson King“ aus den Anfangstagen der späten sechziger Jahre auf. Solche Stücke markieren ein typisches Kennzeichen der Band durch alle Besetzungen hindurch: das Wüste, Grobe und zuweilen auch stark rifforientierte Musizieren kann hier neben feingliedrigen Klangspekulationen stehen, die auf die verschiedenste Art verbunden erscheinen. Um die drei Stunden dauert der Auftritt und keine Sekunde davon ist langweilig: zum Schluss kommen beim Bowie-Heuler „Heroes“ und dann bei „21 Century Schizoid Man“ natürlich die gemeinschaftstiftenden Ohrwürmer: ein großartiges Konzert.

Hey Jimi

Was war uns damals Jimi Hendrix? Es gehört ja heute zur aesthetical correctness, ihn als „besten Gitarristen aller Zeiten“ zu bezeichnen. Vor einiger Zeit freilich ging ich in seiner Heimatstadt Seattle so für mich hin und bedauerte, dass es keinen Anlaufpunkt für diesen berühmten Sohn der Stadt gab. War er eine „arme Sau“? Kein Teil der „offiziellen“ Kultur? Rassistisches Opfer? Natürlich empfanden wir damals alles von ihm als tolle Ungeheuerlichkeit. Es kam von einem fremden Stern über uns, wie so vieles in dieser Zeit. Grenzüberschreitung war immer und überall angesagt, neue Horizonte wollten erschlossen werden, Kreativität war ein wichtiger Wert und hatte noch nicht jenes Geschäftliche, was so viele von uns abstößt. Magie war ein wichtiger Wert. Unserer Sehnsucht gab er einen Rahmen, einen Ausdruck. Das Unglaubliche zu realisieren, schien ihm ein Anliegen zu sein. Ich habe noch oft empfunden, wie gut er war, gerade wenn ich seine vielen Epigonen und technisch ein bisschen begabten Kopierer hörte, diejenigen, die versuchten, ihn nachzumachen und daraus ein Geschäft zu machen. Es schien so, als würde vieles einfach aus ihm heraus kommen und als könne er das unmittelbar auf seinem Instrument umsetzen. Kein Zweifel, er war im wahrsten Sinne des Wortes ein naiver Künstler, machte sich keine großen Gedanken darüber, was es war, was da aus ihm drang, wie und warum er etwas machte. Die großen Linien: Ja. Er spielte ja auch diese großartige Version von „Stars Sprangled Banner“ und wollte dadurch etwas bewirken (und wenn es nur pure Aufmerksamkeit war...), er verbrannte seine Gitarre, spielte mit ihr hinter seinem Rücken (Chuck Berry-Schule!), liebkoste sie, warf sie von sich und vollführte noch so manches Mätzchen. Aber da schien (!) wenig Berechnung zu sein, - was ihn von vielen heutigen „Künstlern“ unterscheidet. Der Mann hatte seine Gitarre, aus der er seine Seele heraus holte und uns zeigte. Nichts als die Gitarre. Ja, wir nahmen ihm dies ab. Wir spürten, wie er das Innerste nach Außen kehrte. Er war Pionier und ging voran, ohne dass er es wusste. Und wir wussten, dass er kein Heiliger war, dass sich unter der Marke „Hendrix“ so manches geschäftliche Anliegen verbarg. Es schien uns nicht wesentlich zu sein. Eine Attraktion sollte ausgenommen und ausgebeutet werden, so die Gschäftlhuber. Ob der Künstler selbst gebührend davon profitierte?  

Neil Hannon, The Divine Comedy und die Kunstanstrengung

Ich erinnere mich gerne an das erste Konzert der Band The Divine Comedy, das ich damals im Vorprogramm von Tori Amos erlebte. Muss tief in den neunziger Jahren gewesen sein. Mir imponierte sofort der Humor, der ungewöhnliche Instrumenteneinsatz und vieles andere mehr an dieser Band, die mich stark beeindruckte, obwohl ich ja eigentlich über das eher humorlose Konzert der breitbeinig sich präsentierenden und über eine Vergewaltigung lamentierende Tori Amos an ihrem Großflügel zu berichten hatte. Die lässig dahin geworfenen Miniaturen von Divine Comedy kamen einem eher als ein Gegenentwurf dazu vor. Sehr bedauert habe ich es dann, als ich zur Kenntnis nehmen musste, dass The Divine Comedy sich als Band aufgelöst habe. Ihr Spiritus Rector, der Sohn des Bischofs von Clogher, Neil Hannon, hatte sich nicht aufgelöst, sondern in der Folge etliche Soloalben aufgenommen, die sich freilich aus anfänglicher Schrulligkeit und subversiver Energie immer mehr in Richtung schwerer Kost und Realisierung eines „Kunstgenies“ zu entwickeln scheinen. Großzügiger Umgang mit klassischen Mitteln, mit orchestralen Klangkörpern und akademisch geschultem Personal schienen mir diese Phase einer Rückkehr zu Inhalten des alten Bildungsbürgertums zu kennzeichnen. Ob er sich damals von der humoresken Lockerheit der Startphase gelöst hat, um sich immer mehr in eine Unkenntlichkeit und Mimikry zu entwickeln, die hinter all der Ironie nicht so leicht nachvollziehbar war? Oder ob er all das, was mit seiner Rolle verbunden war, ernst genommen hat? Wir wissen es nicht. Ob er tatsächlich vermitteln wollte, dass er das große schöpferische Genie sei, das souverän zwischen den klassisch geprägten Klangwelten hin und her pendelte? Mit neutönerischen Ambitionen hatte er es zunächst jedenfalls weniger, eher mit neoromantischen Einfällen und Posen. Seine Arrangements schienen manchmal seltsam kunstbeflissen und aufgeblasen. Doch als ich ihn dann einmal solo und „unplugged“ erlebt habe, trugen seine Songs auch das Spärliche und Geklampfte: kein Wunder, ich hatte immer ein sehr ausgefeiltes Songwriting und die kreativen Einfälle an ihm bewundert. In letzter Zeit (nun ja, das sind auch schon etliche Jahre...!) nun staunte ich nicht schlecht, als er die Band The Divine Comedy wieder auferstehen ließ, freilich in radikal veränderter Besetzung. Wenn ich nun seine neuesten Ergüsse mir anhöre, so habe ich den Eindruck, dass er das schwere klassische Element seiner Musik mit dem Pop neu verheiraten will, ohne die alten Vaudeville-Einflüsse zu vernachlässigen. Mir kommt es auch so vor, als habe er, Neil Hannon, selbst inzwischen ein Standing als Kulturdenkmal erworben, von dem aus sich bequem Kunst auch in Form geklampfter Kleinkunstlieder produzieren ließe. Es kommt mir so vor: es kann aber auch alles ganz anders sein. Den Aufbau und die Konstruktion seiner mit vielen kreativen Einfällen verzierten Songs bewundere ich immer noch sehr. Doch könnte er nach meinem Geschmack auch mal wieder etwas kleineres humorvolles produzieren, etwas, das mit seiner schwarzhumorigen englischen Art der Ironie getränkt wäre. Scherz, Satire und Ironie sind halt nicht sehr verbreitet in der Popmusik. 

Was das sein könnte

Ausschnitt aus einem größeren Text, der vielleicht im Rahmen eines Buches noch erscheinen mag:

 

Ist es nicht so, dass heutzutage alles irgendwie und irgendwo immer präsent und abrufbar ist, dass eine gewisse (möglichst verkaufstechnische) Relevanz nur auf eine bestimmte ausgeforschte Zielgruppe trifft - und das möglichst schnell und effektiv? Dass oberflächliche Effekte zählen? Reize? Gags? Kicks? Sensationen? Möglichst platte Pointen? Virale Effekte? Ich nehme jetzt noch stärker wahr, dass Tonträger einst meine Emotionen getragen haben, meine Lebenswelt, dass sie mir Sinn gespendet haben, dass sie mein Leben begleitet und „eingefriedet“ haben. Dass sie mir Struktur gegeben haben, Ziele. Herausforderungen. 

Ist es nicht so, dass „die Leute“ damals mehr oder weniger direkt Orientierung erwarteten, - den Fingerzeig auf das, was „gut“ und anstrebenswert sei? Immer habe ich mich damit schwer getan. Das Thema Dialektik und Zweideutigkeit der Dinge hat mich entscheidend gebremst. Ich hätte mit einer solchen Determiniertheit nicht unbedingt Lehrer werden können. Derjenige, der die Welt erklärt. Leider war ich nicht ein solcher. Sonst wäre manches einfacher gewesen. Anderen erklären, wie alles tickt? Hm, das war nicht mein Naturell. Es lockte mich vielmehr immer so etwas, was man heute als „Dekonstruktion“ bezeichnet. Das Auseinandernehmen und neu Zusammensetzen - unter meinen eigenen Vorzeichen. Meinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, meinen Einfällen und Gesponnenheiten entlang. Den schlauen, allwissenden und souveränen Autoren oder Lehrer zu geben lag mir nicht, auch was die Rock- und spätere Popmusik angeht. Es hat sich einfach zu vieles zu schnell zerfleddert, ehe ich es unter verschiedenen Blickwinkeln ernst nehmen konnte. Es änderte sich, ehe man es halbwegs erfassen konnte.

Heute sehe ich das Pop-Phänomen oft als eine Art hilfloser Geste des Selbstausdrucks in der industriell geprägten Gesellschaft, als einen Akt der künstlerisch-kreativen Selbstoptimierung, der „Verwirklichung“ und Selbstbespiegelung eines Ichs, so wie es heute die aktuellen Verhältnisse von jedem fordern. Gefragt ist der aktive Popmusiker. Der sich verkaufen kann. Weil das heute dazu gehört. Auch in Zeiten der Pandemie. Der auch unter erschwerten Bedingungen teilnimmt und sich "einbringt" bei den Medien. Der sich - im Falle des Erfolgs - in Gehirne schleicht, - und zwar ganz anders als die Art und Weise, die die „Künstler“ immer schon verfolgt haben. Dieser Popmusiker war einmal. Einer, der geschehen lässt. Rührend. So einer war ich auch. Ich neige auch dazu, diesen Mechanismus als eine typische Hysterie der ersten Lebenshälfte zu sehen, die sich dann allmählich in den blinden Reflexen der Masse verliert. Merkwürdig, das hatte mich früher nicht berührt, obwohl ich es permanent wahrgenommen hatte. Es muss wohl so etwas wie eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. Und die nimmt man nicht wirklich wahr. 

Spass für egomanische Oligarchen

Eben lese ich wieder, dass ein Popkünstler der allgemein angehimmelten Sorte mal wieder für gutes Geld für einen Oligarchen aufgespielt haben soll. Muss vor der Corona-Zeit gewesen sein. Jemand aus meiner Umgebung sagte auch, dass dieser Mensch halt das mitnehme, was die Gesellschaft ihm biete. Er lasse sich mieten, wie andere auch. Eigentlich sollte man nicht mehr überrascht von solchen Nachrichten sein. Ist man dann aber dennoch. Was sagten dessen Texte nochmal aus? Ließ man sie an sich heran? Nahm man sie halbwegs ernst? So etwas, solch eine Konzert-Einlage zeigt die ungeheure Distanz zwischen solchen angehimmelten „Stars“ und denen, die in ihrer Verehrung viel Geld dafür zahlen, mal bei einem Konzert oder sonstigen Date dieses prominenten Überwesens dabei gewesen zu sein. Livehaftig. Es hat etwas sehr religiöses.

Diese Leute leben ganz offensichtlich in einer anderen Welt und sind gleichzeitig - doch nur Menschen (Wie so mancher religiöse Held). Sie leben in einem Hype, von dem sie meist glauben, er sei selbst erschaffen. Käme aus ihnen selbst. Wachse aus ihrer Egomanie. Aus der Einbildung ihres "Genies". Was ja wohl auch der Fall ist, bis auf die Tatsache, dass sie andererseits auf einer Welle surfen, die sie trägt. Die Welle kommt aus der Gesellschaft und besteht unter anderem aus Projektion. Also der Sicht auf eine Lebensweise, die einer bestimmten öffentlichen Person angehängt, übergestülpt, angetragen wird. Sie ist die, die die anderen gerne wären. Sie scheint übernatürliche Fähigkeiten zu haben, ist obervital und weiß doch nur, wie man mit Erwartungen in Geld umgeht und auf diese Weise Geschäfte macht.

 An irgendeinem Punkt ihrer Karriere hat diese Person dann ihr Streben in professionelle Hände gelegt, hat diesen Teil ihrer Existenz an Andere delegiert, die sich speziell aufs gesellschaftliche Fortkommen und aufs Geldverdienen mit möglichst allen, auch brutalen Mitteln, verlegt haben. Jegliche moralische Bedenken sind in diesem Moment externalisiert an „Profis“, die die durchsetzungsstarke Rücksichtslosigkeit zu ihrem Beruf gemacht haben und die unter anderem auch mühelos Verträge mit Oligarchen aushandeln. Es geht darum, mit Charisma zu handeln, es zu Geld zu machen. Auf der einen Seite steht Image, Marke und Ruf, auf der anderen Seite die „angemessene“ Bezahlung, die sich an Begriffen wie „Reichweite, Umsatzstärke“, Chartplazierungen usw. bemisst. Man ist käuflich, alles ist nur eine Frage der in Rede stehenden Summe. Ob wir das von anderen Lebensbereichen kennen?  

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

König Crimson mit Hofstaat

Ich höre King Crimson, springe von Scheibe zu Scheibe, von Zeit zu Zeit: Einerseits sind das aufgeblasene Egomanien, anstrengend in sich selbst hinein bohrend, andererseits zeitlos in sich ruhend, nervös am Eigentlichen grabend. Gebilde:

Ich höre eine dicke alte Vinyylscheibe, King Crimson's „Three of a perfect Pair“. Aus den achtziger Jahren. Der Vorgang hat und hatte im Gegensatz zu heute etwas mit Respekt und Aufmerksamkeit zu tun, mit einem Sich Aussetzen ganzen Vinylscheibenseiten gegenüber. Es hatte einen ja auch etwas gekostet. Kohle. Im äußersten Fall 19,80 Mark. Also wollte man sie nicht einfach ablegen, zur Seite legen. Sie hatte als ausgewachsenes Album eine große Fläche, sie war ein veritabler Gegenstand. Sie war auch farblich gestaltet. Hatte einen grafischen Entwurf. Sie fühlte sich an. Man fühlte sich ein in sie, versuchte (im Rahmen der anderen Scheiben, deren Entwürfe einem vorgegeben waren...) zu verstehen. Man brachte dem gegenüber, der sich das als „Künstler“ ausgedacht hatte, Respekt auf. Es nötigte einem Auseinandersetzung ab. Man gab den Dingen Zeit, um sich zu entwickeln. Überhaupt, die Scheiben hatten einen anderen Rhythmus, schienen genau dafür Zeit zu haben, sich zu entwickeln, Spannungsbögen entstehen zu lassen. Das alles hatte die Zeit, um schließlich Emotionen in einem auszulösen. Man bildete sich eine Meinung und konsumierte nicht nur. Man schrieb das Gehörte einigen Namen zu, man versuchte, das Typische, Eigene und Eigenartige daran zu erkennen, man brachte es in Beziehung zu einem selbst.

Aber alleine schon den Plattenspieler (welcher ist der Beste, den man sich gerade noch würde leisten können?) ständig auf dem neuesten Stand zu halten, ihm ein geeignetes Abnehmersystem (wie viele Diskussionen habe ich einst darüber geführt!) zu gönnen, die Werte an den dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.b. „Skating“) korrekt einzurichten, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine veritable Aufgabe, die vieles an einem forderte, wofür man sich gar nicht geeignet fühlte. Also versuchte man, halt so einigermaßen mitzuhalten.

Diese vorliegende Scheibe mag auf viele damals abstrakt und avantgardistisch gewirkt haben. Heute tut sie das nicht mehr. Sicher, vieles scheint schroff. Aber heute, wo die Gefälligkeit, die leichte Konsumierbarkeit überall zu regieren scheint, ist das pure Erholung. Es wird gegen den Strich gebürstet, das Unerwartete auf geradezu entspannte Weise gesucht. Ungerade Rhythmen schleichen sich in den Kopf. Bob Fripp? Ha! Bill Bruford? Ha. Hatte man ja in verschiedenen Zusammenhängen kennen gelernt. Tony Leven, der anpassungsfähige, variable und kahlköpfige Alleskönner. Wer war er wirklich? Immerhin scheint er hier auch mal die Synty-Tasten gedrückt zu haben. Adrian Belew schien mir damals bei King Crimson das Popelement beizusteuern, obwohl von ihm bei Zappa und bei den Talking Heads davon nicht viel zu hören gewesen war. Aber seine Stimme: typisch! 

Es werden einem Aufgaben gestellt von jemandem, dem man sich anvertraut hat. Dafür muss man dann nach ungefähr 20 Minuten herbei springen, um die Platte umzudrehen. Es ist kein komfortables, angenehmes Durchhören. Ein ständiges Rennen. Die Kratzer an den immergleichen Stellen ärgern einen auch. Überhaupt, man hatte damals viel gehört, das Gleiche wohl 30 mal hintereinander (oder noch wesentlich öfter...). In verschiedenen Lebenssituationen. Man hatte es auf sich wirken lassen. Man kannte vieles davon nahezu auswendig. Querverweise hatten sich einem aufgedrängt. Der mit dem und der mit jenem..... Weltbilder schienen aufeinander zu stoßen, es entwickelte sich ein Kaleidoskop der musikalischen Möglichkeiten. Es regte unsere Phantasie an. In viele Richtungen. Wir wurden dadurch einigermaßen „open minded“. Wir dachten, die ganze Welt solle so werden. Würde so werden. Wir staunten manchmal. Wir ordneten Sounds und Spielweisen Namen zu. Wir ließen sie an uns heran. Sie wurden ein Teil von uns....“Uns“? Von mir. 

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Lambchop again

Ich habe die Neue von Lambchop bestellt. Hatte sie zuvor im Streaming gehört und sie gefiel mir so gut, dass ich sie permanent im Wohnzimmer hören wollte. Und ich habe mich an die Zeit erinnert, als diese Band viel für mich bedeutet hatte. Ich nehme jetzt hier eine Besprechung eines Konzerts auf, die auch in meinem kommenden Buch vorkommt und die mein Dasein damals sehr prägte:

Wieso soll das Lammkotelett eine Frau sein? Eine Frage, die uns bewegt, seit Lambchop ihre neue CD "Is a Woman" auf die Welt gebracht haben. Allein die Antwort, sie ist und bleibt das Geheimnis von Kurt Wagner, des Sonderlings aus Nashville, der als Sänger und Songschreiber diese wunderbare Platte so maßgeblich geprägt hat. Es wohnt noch so manches andere Geheimnis in Lambchop, jenem Kreis von Musikern, die einem normalen Tagesberuf nachgehen und abends ihren musikalischen Ideen einen weiten Auslauf gewähren. 17 waren sie, als sie mit der CD "Nixon" einer seltsamen Figur der jüngeren US-Geschichte nachspürten und dabei eine verschrobene Fusion aus Country und Soul auf die Beine stellten. 17 Musiker waren sie auch, als sie "Is a woman" jenen völlig intim wirkenden Rahmen gaben, der lauter schräge und auseinanderstrebende Elemente so überzeugend zu einer Einheit fasst. Und jetzt versammeln sie sich zu acht um jenen bebrillten Kauz in der Bühnenmitte, der auf einem Stuhl sitzend seine eigentümlichen Verse krächzt. Würden sie es schaffen, die in sublimen Klangfarben schillernde Atmosphäre der Platte auf die Bühne zu übersetzen? Nicht nur diese Frage, sondern auch die Medienresonanz auf die CD mögen bewirkt haben, dass die Manufaktur in Schorndorf an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Nun "Is a woman":

"Down the street you go, rumors of a one man show, how silly we can be about the future...": jene Stimme, sogleich durchsticht sie den Song "Daily Growl" so mit ihren scharfen Betonungen und einer Sehnsucht, dass er geradezu zu einem Menetekel wird. Für alltäglich schlummernde Abgründe? Für fremde Zusammenhänge, die uns die Orientierung nehmen? Es bleibt im Geheimnis. Dieser Gesang, der ja in seiner whiskeygeschwängerten Knarrzigkeit viel von einem dramatischen Erzählen hat, er gleitet nun dahin auf einem instrumentalen Film, in dem das Piano mit seinen weichen Harmonien die Führungsrolle spielt. Vom Barjazz mag da manches kommen, von einer Kammermusik des wilden Westens und vom lyrischen Plüsch längst vergangener Radiotage. Das Schlagzeug streichelt sachte die Felle und der Bass setzt leise Akzente, künstliche Aufgeregtheiten sind verpönt.

Darüber schillern die Gitarren in allerlei Farben, schrammeln in braver Gleichmut die Akkorde, schwelgen in gläsernem Vibrato, verlieren sich in digitalen Räumen und kreischen auch mal scharf. Hinter alledem tut sich ein unauffälliger Kosmos der elektronischen Geräusche auf, ein Gurgeln, ein Schleifen, ein Quietschen und Quetschen, das dem Ganzen eine unwirkliche Atmosphäre gibt und die scheinbar disziplinierte Harmonie fortwährend in Frage stellt. Die Arrangements sind genau, selbst das seltsame Saxofon-Riff von "The new cobweb summer" und die spitz gefistelten "Ah ah"-Chöre fehlen nicht. Eine feine Doppelbödigkeit durchzieht diese Musik, deren Entwurf von der Platte tatsächlich kongenial auf die Bühne übersetzt ist, ohne in eine feierlich verkrampfte Kunstanstrengung zu verfallen. Im Gegenteil: zwischen den Songs geht es lustig zu, Pianist Tony Crow erzählt Witze, während der freundliche Biertrinker Kurt Wagner eine Zigarette nach der anderen qualmt. Am Ende sind die zwei Stunden wie ein Traum vorübergezogen, unwiderstehlich, intensiv, anrührend. 

Und heute? Höre ich das neue Album „Flotus“ und bin etwas befremdet. Das Spiel mit den „Autotune“-Effekten, die unauffällig verschwimmende Begleitung: nun ja, schon mal besser gehört. Teilweise von Lambchop selbst. Wirkt auf mich etwas aufgesetzt. Wieso sollen sich solche Künstler nicht weiter entwickeln, mal etwas anderes wagen? Besonders der Wagner? Es scheint mir aber, als hätten sie sich in eine Richtung entwickelt, die von mir weg führt. Ich verstehe ja all das Experimentieren, das Machen und Tun, das Ringen um "Neues". Aber hätte es nicht in eine andere Richtung führen können? Eingedenk dessen, was gerade diese Band so gut kann? Das hier kommt mir ein bisschen formalistisch vor. Das tausendste Album im selben Stil hätte ich aber auch nicht gut gefunden. Was also? Ich wollte Besonderes erwarten. Eine Möglichkeit hätte sich mir eröffnen können.  Ja klar, ich habe hier an dieser Stelle „...Is a woman“ schon mal besprochen. Doch inzwischen, so glaube ich, hat sich meine Perspektive abermals geändert. Dazu kommt jetzt „Flotus“. Klar, das interessiert, im Gegensatz zu früher, niemanden. Ich kann bisher nicht viel mit diesem Album anfangen. Aber, wer weiß, vielleicht in 5 Jahren? Das Versprechen ist gegeben.....

Rastlose Verlierer

 

Er streichelt über die Tasten

entwickelt ein Thema, ein Motiv, eine Andeutung

über langen Spannungsbögen

er lässt es fließen

wird neugierig

lässt es gehen

es werden bald samtene Balladen

bald feurige Rhythmusstöße

nicht allzu einfach

nicht zu gefällig

in sich hinein

ziehen lassen

in andere Zusammenhänge

die vielleicht entspannend konzentrieren

die ein Fenster des Gefühles öffnen

und kaum abgleiten in Selbstgefälligkeiten

Er kann das nicht

imponieren mit schalen Effekten

er lauscht vielmehr dem Ton

er lässt ihn kommen

 

er lauscht ihm nach

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

Von der Leichtigkeit des Seins

Da scheinen sich das Piano und die Stimme in sich zu versenken, aber nicht mit teutonischem Tiefsinn, sondern mit einer Leichtigkeit, die aus dem Bossa kommt. Vielleicht auch aus dem Bolero. Aus der Leichtigkeit des Jazz und Latin. Auf der Platte „Alma Nuestra“ des Sängers Salvador Sobral umtänzelt die Stimme Sobrals das Piano von Victor Zamora ständig, angeschoben von der Rhythmusgruppe André Sousa Machado, Drums, und Nelson Cascale, Bass. Schon die Schwarzweißfotografien im Booklet der CD schaffen eine Atmosphäre der Konzentration aufs Wesentliche, sie malen das Zusammenfinden von Künstlern aus, die ihre Botschaft in die Welt hinaus bringen wollen. Wir dürfen dabei sein, bei dieser Versenkung, bei der Meditation und Konzentration aufs Wesentliche. Der Bassist zeigt sich von hinten, aber nicht als unfreundlicher Akt, sondern als Fingerzeig auf das Geheimnis. Das Piano perlt, es tanzt, die Produktion holt es schon vom ersten Titel „Oh Vida“ an ganz klar heraus. Da kriecht zusammen mit dem Pianoman jemand in die Musik hinein, hat mit ihr Spass und kommt mit einer Erfahrung heraus. Gewiss, Sobral sang beim European Songcontest 2017, siegte gar, überwältigte alle und – hatte danach eine harte Zeit. Gesundheitliche Rückschläge zwangen ihn dazu, dass er erst im Mai 2018 auf die Bühne zurück kehren konnte. Seine sanft konzentrierte Art, seine Beweglichkeit und Ausdruckskraft mag einen auf dem neuen Album überwältigen, doch es ist diese freundlich aufmerksame Art, aufeinander einzugehen, die das Album prägt. Sinnigerweise heißt der letzte Titel dieses Albums „Nostalgia“: Ein Blick zurück, umgewandelt in Töne, nie verklärend, aber stets sanft integrierend.

(Salvador Sobral, Alma Nuestra) 

Auf der Suche nach meiner Musik

Ich begegne meiner Musik und bin mal wieder erstaunt. Nabelschau ist damit angesagt. Kann man so sehen. Natürlich. Man entlarvt sich selbst. Blick in den Spiegel. Erfahren, was man da macht und vor allem: was man gemacht hat. Ich weiß ja, dass konventioneller Gesang in meinem Konzept keine Rolle spielt. Ich habe ein paar Stücke mit einer Art von poetischem Sprechgesang, meine Stimme in rhythmisierten Worten, weich und hart, sachlich und verklärend zugleich. Melodien tragen bei mir oft die Flöte und das Sax (meist Bariton). In der Pop- und Rockmusik ist ansonsten meist ein Gesang angesagt. Im günstigen Fall selbstvergessen, im weniger günstigen Falle ist das eitel und „Sich-andienend“. Mein zweites Instrument, die Gitarre, taucht überwiegend verzierend im Hintergrund auf. Was mir darin vorschwebt? Ich mochte einst Gitarristen der Vergangenheit wie Steve Hackett und David Rhodes. Lautmaler. Trotzdem tauchen bei mir immer wieder Stimmfetzen auf, deuten etwas an, und verschwinden. Sie wollen die gängigen Formen von Sinn verleugnen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhang aufnehmen. Ich nehme nur noch Bruchstücke, weil ich den gängigen Formeln der Selbsterfahrung misstraue, was ja meist als Motivation genannt wird. Ich füge mich ein in mich selbst, ich lasse Klischeehaftes, Andeutungen durch Räume rinnen. Gleichzeitig nehme ich bewusst und unbewusst meine Vergangenheit als Rockmusiker auf und wandle sie in meine Musik. Das Körperliche und Sinnliche der Musik versuche ich in pulsierenden Rhythmen einzufangen. Das Hypnotische auch. Das hinaus Zeigen ins Kosmische, in das wir eingebettet sind. Von hinten kommen zudem Erfahrungen von Kirchenmusik hinzu. Ich behaupte nicht, dass ich das alles kann, sondern ich stelle es in den Raum. Ich habe Respekt vor dem und denen, die ich als wahre Musiker erlebt habe. Meine Stärken vermute ich woanders.

 

Ich will andere Räume auftun, ein anderes Spielfeld, akustische Ereignisse, die da hindurch gehen, die manchmal herbe Gegensätze aufreißen, um sie sogleich wieder zuzuschütten in Klängen, ich will sie auf einer anderen Ebene aufheben. Ich will nicht mehr das Vorführen von technischen Fertigkeiten, die sich im Hektischen Rasanten ergehen, im Beherrschen von Vorgängen, sondern ich will eine gezielte Langsamkeit und Bedächtigkeit dagegen setzen. Ich will andere akustische Erlebnisse schaffen, will Alltagsgeräusche einbeziehen und doch meiner Biographie entsprechend an Pop andocken. Ich will auch die Leere abbilden, will mit schöner Ereignislosigkeit umgehen und mit Erwartungen spielen. Beschauliche Besinnlichkeit und das Baden in Klangschäumen ist weniger mein Ziel, als vielmehr die Irritation, auch das Zusammenführen von Gegensätzen in der Entäußerung. Nicht das Event, dass sich plötzlich in urwüchsiger Vitalität Bahn bricht, sondern das langsame Überführen von Gegensätzen auf eine andere Ebene ist mein Ziel. Nicht das selbstbesoffene „In-Sich-Waten“, die narzisstisch vorgeführte Ichsuche, die spirituelle Selbstoptimierung wäre mein Ziel, sondern vielmehr das Abschreiten der Einöde, des Steilen und Unwägbaren, das "Ungewöhnliche", das Streifen des Vulgären, Banalen und des „dreckigen“ Alltäglichen.

Wie man's macht

Clevere Burschen mit Startup-Gesicht programmieren Syntys auf ihrem Kanal, führen das alles vor und geben sich als Großproduzenten zu erkennen, die wissen, wo‘s lang geht und wie Erfolg möglich sein wird. Sie kennen sich aus und programmieren behend. Sie haben's drauf und sind ein echtes Vorbild. Wie man den Sound der aktuellen Charts produziert. Wie man das kopiert, was Kohle bringt, welchen Rechner man braucht, welche Software usw. Wie‘s die großen Acts machen, das ist das Vorbild, da geht‘s lang. Man kann das alles kopieren. Erst mal einen Überblick gewinnen über das Programm, was macht was, usw. kann man sich alles anzeigen lassen. Kreativ? Man mache sich sein eigenes Bild. Also machen wir‘s und kriegen‘s nicht so recht hin. Nochmal rückspulen, zurückklicken, nachschauen…...machen und tun….wieder nix. Was bedeutet das jetzt? Oder jenes? Was wir machen, ist erstmal egal? Oh je, ich will jetzt das mal ausprobieren….klingt geil! Hat aber nix mit dem zu tun, wo wir hin wollen? Klick, klick, klick… wo ist der Browser? Ziehen, klicken...und immer wissen, wo man ist. Mit gedrückter Maustaste auf die Clubsounds springen, Clap und Hihat, Conga, alles nett…..alles fett, hier seh‘n wir‘s in grün, gelb, rot oder schwarz unterlegt, ob wir‘s geloopt wollen? „Four to the Floor-Beat?“, Doppelklick auf die Spur, Command-Taste, dann Steuerungstaste, Bass-Drum, Hihat… echt cool....klar, so war das mit der Technik früher auch. Bloß jetzt soll man das alles selbst machen. Nach den Gesetzen der Globalisierung wird Personal eingespart, selbst ist der Künstler als Produzent und Toningenieur, fetter Bass, wow, der ist gut, ein bisschen Synty-Atmo,….und jetzt Gesang! Alles digital...... alles effizient

Popmusik als Kulturgut?

Ob Popmusik machen etwas mit Kunst zu tun hat? Und nicht mit Profit, Wertschöpfung, Equipment und Zielgruppenplanung? Das ist ein Konflikt, der gar nicht mal häufig ausgetragen zu sein scheint in der Welt der „Macher“. Aber auch nicht in der sonstigen Welt der Handelnden. Nun, Kunst zu schaffen setzt ein waches Publikum voraus. Es spricht aber so manches dafür, dass man es eher mit einer manipulierbaren Masse an „Konsumenten“ zu tun hat. Dass Musik etwas geworden ist, das überall kostenlos zu haben ist und deshalb wertlos ist. Es müsste aber Menschen geben, die sich auch auf etwas einlassen können. Die bereit sind, eine gewisse Strecke mit einem Abenteurer von der Art der Künstler zu unternehmen, etwas Neues zu erfahren, das das Überschreiten von Wahrnehmungsklischees mit sich bringt. Die das als Wert in sich erkennen. Die auch davon leben. Jaja, das bedeutet nicht nur Unterhaltung und Spaß machen!

 

Es scheint, dass sich alles in eine einzige Richtung entwickelt hat: Branche, Verdienst, Rendite. Gerade die offenbar zurück liegende Krisenzeit scheint mir da eine Art Beleg dafür zu sein. Das jetzt verabschiedete Konjunkturprogramm samt dem Gefasel um „Systemrelevanz“ scheint mir das zusätzlich zu unterfüttern. Was bleibt: Die Kultur ist schlecht dran. Viele Jahre scheinen mir auch Popakademien etc. solche wirtschaftlich motivierten Tendenzen verstärkt zu haben. Sie scheinen nur deshalb an Staatsknete gekommen zu sein, weil sie der Regierungsmacht eine blühende Branche mit florierenden Umsätzen versprachen. Wie ärmlich!

Alpenrauschen

Es gibt Termine und Konzertbesprechungen, an die erinnert man sich gerne. Die bringen einem persönlich etwas. Ich hatte damals einen Pflichttermin im Club Laboratorium auf dem Programm und recherchierte natürlich zuvor den Kontext. War dann zuerst überrascht und dann empor gezogen von einem Auftritt, den ich so intensiv nicht erwartet hatte. Ich habe dann erst später besser verstanden, welche Bedeutung diese Formation in der Schweiz hatte und welch ungeheures Talent da als Endo Anaconda auf der Bühne stand, umgeben von einer Band, die so recht zu ihm zu passen schien, die die richtigen Töne schuf. Jetzt erfuhr ich, dass das letzte Album von der Band Stiller Has‘ auf uns kommen soll. Aus diesem Anlass bringe ich nochmal meine Besprechung aus dem Laboratorium des Jahres 2006: „Zum Lachen schön - Stiller Has im Laboratorium - „Ich wünsche mir einen neuen Hintern, weil, mein alter hat ein Loch“. Sätze sind das, die zu Versen werden und zu Aphorismen gefrieren. Sätze, die zuerst in einem versuchten Hochdeutsch gesprochen und dann herb gesungen von der Bühne kommen. Der schlecht gescheitelte Sprecher, der korpulente Frontmann und raunzige Sänger heißt Endo Anaconda und steht der Band Stiller Has vor. Vielleicht sind er und seine drei Mitspieler schräge Typen. Vielleicht passen sie deshalb so gut zur Reihe „Alpenrauschen – schräge schweizer Töne“ im Laboratorium. Weil sie ja auch noch Schweizer sind. Dabei lauscht dieser Sänger dem Alltag nur seine eigene Perspektive ab, mit sanfter Ironie, beißender Selbstironie, mit skurrilem Zynismus und sentimental verdrehter Sehnsuchtspoesie. Ist das schräg? Oder ist der Alltag schräg? „Ich ziehe mein Gesicht aus, bleibe Clown und fahre bis zur Endstation. Das Leben ist eine Geisterbahn“.

Es ist so etwas wie ein eigenwillig tänzelnder Sprechgesang im berndeutschen Dialekt, der uns solche Apercus bereit hält und die Fantasie damit von Klippe zu Klippe springen lässt. Darunter federt weich die Musik, die aus sich selbst zu strömen scheint und die ist, die in diesem Moment einfach gemacht werden muss: ein bisschen Bluesswing, ein paar in melancholischem Moll durchstochene Akkorde und ein bisschen Beatmusik, die im Grunde so gewöhnlich wie der Umstand ist, dass in der Schweiz jeder Zweite Beat heißt. Nichts Aufdringliches, nichts bemüht Originelles, - aber das wirkungsvoll reduziert. Der Gitarrist Schifer Schafer meditiert seine Akkorde tief in sich versunken, der neue Schlagzeuger Martin Silfverberg streichelt listig die Felle und der ebenfalls neue Bassist Samuel Jungen zerrt grob an dicken Saiten oder brummelt „Ahoi“ ins Mikrofon.

 

Ich fühle mich wie ein gestrandeter Korsar im Emmental, Pirat zu sein ist ein Zustand der Seele“ beklagt der singende Sohn eines Polizisten aus dem Emmental und einer Österreicherin, um sogleich bitter Selbstvergessenes hinzuzusetzen: „Im Nordmeer ist mir die Hand abgefroren, die Nase blieb in der Beringsee. Auf dem linken Auge bin ich blind und den Spitz meines besten Stücks hat in Shanghai ein Hai abgebissen“. Wenn einem so viel Übles widerfährt, ist das schon einen Lacher wert. „Glugg, glugg, schon wieder ist ein Schiff versunken. Irgendwann einmal säuft jeder Seemann ab…“ heißt’s im Titel „Sonnenbrille“. Und es ist so etwas wie ein Refrain, wenn dann die Musiker um die Wette lachen „hahahahaha...“. Geisterbahn fahren kann zum Lachen schön sein.“

Eric, bleib' noch!

Eric hat das Glück, das in seinen Gitarrentönen das Geheimnis wohnt. Hat es schon mal irgendjemand heraus gebracht, worin es besteht? Unzählige Kurse und Videoworkshops gibt es dazu inzwischen. Alle wollen sie spielen wie er. Der Blues, die Intensität. Sein Stil, logo. Der Ausdruck, - ja klar, so sage ich mir das seit Jahren. Noch heute muss ich geradezu weinen, wenn ich manche seiner Soli höre. Auf irgendeine Weise gehen sie mir nahe, sie treffen mich extrem. Worauf dieser Effekt beruht, weiß ich bis heute nicht. Er scheint mit seinem Spiel aber auch große Massen an Leuten faszinieren zu können. So etwas habe ich immer gesucht: Den Geschmack der großen Massen mit meinem Geschmack vereinen zu können! Kein Rockmusiker aus jener Zeit, in der Eric Clapton aufgetaucht ist, vermag auch heute noch solch große Arenen zu füllen und so viele Menschen anziehen zu können. Trotz Jimmy Page und Jeff Beck, denen Clapton einst bei den Yardbirds (kennt die noch irgendjemand?) begegnet ist oder die er abgelöst hat. Dass er große Schicksalsschläge zu erleiden hatte, macht ihn der Masse noch sympathischer. Er ist für uns durch die Hölle gegangen. Ihm scheint, - allein schon durch sein Spiel, - jene Authentizität zugetraut zu werden, nach der andere inzwischen so heftig streben. Vieles mehr könnte man über Eric Clapton schreiben. 

Ein wichtiges Erlebnis war es für mich aber, als ich durch Zufall einst einem Blindfoldtest unterzogen wurde: Wir fuhren im Auto eines Freundes und in der Autoanlage lief Musik. Es kam aber ein Titel, der mich ganz besonders traf: ich weiß noch, wie unglaublich ich ihn wegen der Gitarre fand. Ich fragte, wer denn der Gitarrist sei und bekam zur Auskunft: Eric Clapton. Das war‘s für mich: Ich war aus heiterem Himmel, ohne weiteres Wissen, mit dieser Gitarre konfrontiert, die mich ins Mark traf. Ich stelle fest, dass es manchmal nur zwei Töne sein können, die er aber auf seine Weise phrasiert, mit seinem Timing, mit seinen Eigenarten. Natürlich hat er auch viel Mist gemacht, hat sich Schnulzen aufschwätzen lassen, hat musikalisch im Schmutz gewühlt - und wenn er als Studiomusiker auftrat, dann wollte jeder "Gastgeber" in den Genuss dieses seines Geheimnisses kommen. Das muss ihn unter Druck gesetzt haben. Dass er in früheren Zeiten diesen Druck oft nicht aushalten konnte, dass er er regelrecht vor ihm geflohen ist in die scheinbare Anonymität und die Drogenwelt, mag er später besser in den Griff bekommen haben. Doch allmählich verglüht sein Stern und geht unter. Eric, bleibe noch ein bisschen! Ein paar Leute brauchen deine Musik geradezu als Lebensmittel.

Wer die Welt hält

Was wurden einst die Leute bekämpft, die einen wie auch immer gearteten Brückenschlag zwischen folkloristischer Musik außerhalb des anglophonen Sprachraums und ihrer eigenen Musik versuchten (Oberflächlichkeit war auch so ein gängiger Vorwurf, als sei ausgerechnet Popmusik ein Beispiel für kulturellen Tiefgang!!), auch von Kolonialismus und Imperialismus war gerne mal die Rede. Romantizismus in jeder Richtung schien verbreitet zu sein unter kundigen Geistern. Der Vorwurf müsste umgedreht werden und denen entgegen gehalten werden, die mit ihrer anglophonen Scheise die ganze Welt überschwemmen, weil sie die großen Medienkonzerne in ihren Kapitalfängen halten und dadurch die Macht haben, die jegliche andere Musik als irrelevant bezeichnen und sich selbst und ihren Geschmack als Nabel der Welt verkaufen.… In Wirklichkeit sind diejenigen die Imperialisten, die andere in anderen Ländern mit ihren „Produkten“ überschwemmen, die Geschmackskriterien diktieren und den „Markt“ des Showgeschäfts beherrschen. Sie scheinen sich inzwischen „durchgesetzt“ zu haben und mischen den Markt mit undefinierbarem Quark und einer wenig definierten Massenmusik auf, für die sie die Protagonisten einfach erfinden (lassen ------>Castings) Kreative Persönlichkeiten haben unter ihren Bedingungen keine Chance mehr, wozu sicher auch das auf gewisse dressierte und programmierte Abläufe gedrillte Publikum seinen Teil beiträgt. Eines, das sich um die Welt einen Dreck schert und vor allem auf sich selbst blickt. 

Star und Rolle

Ich will die Rolle des Popstars besser begreifen. Dabei geht es mir nicht um „Stars“ und Promis“, wie sie nicht nur in den Programmen des Frühstücksfernsehens dauernd vorgeführt werden, sondern um das Begreifen einer sozialen Rolle, einer Funktion für die Gesellschaft. Ich lerne: Diese Popstar-Leute wollten schon früh um jeden Preis nach vorne, (landläufig „Ehrgeiz“ genannt), erfüllten teilweise die ihnen durch negatives oder positives Beispiel aus der Familie „eingeimpften“ Werthaltungen, gebrauchten oder missbrauchten Personen und Dinge auf dem "Weg nach oben"  nach Belieben und stellten alles in den Dienst ihrer Sache, um nach vorne zu kommen. Dazu gehört auch, dass sie, je nachdem, ihre Identität wechselten, sich fortwährend interessant machten und den Aufmerksamkeitsfaktor für sich kitzelten. Sie arbeiteten hart am Image (Ruf), legten sich teilweise gar ein altruistisches Image zu, feilten an ihrer Herkunft aus der Gosse, ließen das herausarbeiten, womit sie eine gewisse Bodenständigkeit, eine "Credibility" und damit sowie einen hohen Identifikationsfaktor als auch eine Fähigkeit zur Empathie erwecken wollten, - und doch lebten sie in Saus und Braus als Verkörperung des Emporkömmlings und dessen, der es schafft, wenn er nur richtig will. Er lernt, sich an die Mechanismen des Business anzupassen und wie ein Schirm die versteckten Bedürfnisse und Träume der Leute auf sich zu ziehen, um sie stellvertretend für sie zu verkörpern und auszuleben. Sie lernen, Medien dafür zu gebrauchen, sie für ihre persönlichen Ziele einzusetzen. Sie akzeptieren vieles, was damit verbunden ist, als „notwendiges Übel“, sie passen sich möglichst lautlos an. Wenn nicht, inszenieren sie dies als besondere Raubeinigkeit und Eigenwilligkeit, die sich andere Leute (hauptsächlich diejenigen des Alltags) nicht leisten können, - obwohl sie es gerne würden.  Sie selbst qualifizieren sich dadurch als "auserwählt" (ein quasi-religiöser Vorgang), was zu aufgeblasenen Egos führt. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist. 

Musik erleben

Ich nehme wahr, wie sehr Pat Metheny mit seiner Gitarre einen eigenen Sound und eine typische Tonbildung hat. Das scheint mir in heutigen Zeiten eine große Leistung zu sein. Seine Alben geben gerade jetzt viel Energie, strahlen Mut und Empfindsamkeit aus. Ich hatte ihn aber auch mehrmals live erlebt, unter anderem auf seiner „Orchestrion“-Tour, die mir eine unglaubliche und alles überragende Musikalität gezeigt hat... ich konnte es nicht fassen, wie einer auf eine solche Weise mit sich selbst und seinen eigenen Linien, Motiven und Themen spielen konnte. Egomane? Mag sein. Person und Musik sollte man nicht verwechseln. Über den Auftritt habe ich freilich nicht geschrieben, weil ich da nicht im Auftrag hingegangen sondern aus freien Stücken hingegangen war. Ich schrieb allerdings in einer „Kritik“ des Jahres 2014 über sein Album „Kin“: Pat Metheny, Aufregende Wechselspiele - Was wurde und wird ihm nicht alles vorgeworfen: Zuckerguss, Esoterik, Wellness. Womöglich auch deshalb, weil er ein erfolgreicher Jazzgitarrist ist. Jazz und Erfolg, das geht laut Purismus nicht zusammen. Jetzt hat Pat Metheny zusammen mit seiner Unity Group das neue Album „Kin“ herausgegeben. Es bietet so gar nicht die leichte Kost, die ihm gerne zugeschrieben wird. Zudem präsentiert sich die Unity Group hier als echte Gruppe, die ihre Ideen zusammen im Kollektiv entwickelt und mit dem Saxofonisten Chris Potter über einen weiteren erstklassigen Solisten neben Metheny verfügt. Ihr Wechselspiel, ihre Begegnungen und Ergänzungen, ihre Berührungen mit der Rhythmusgruppe, das zu verfolgen macht alleine schon das Album lohnend. Auch das gemeinsame Schaffen von Spannungen, deren feinfühlige Entladung und das Suchen in einem musikalischen Horizont, der durchaus auch nachvollziehbar sein kann, machen das Album gut. Pat Metheny. Kin. Nonesuch/Warner.“

 Ich führte auch mal ein Interview mit ihm. Eine Passage daraus lautete: „Auf ihrer Platte scheinen ja auch folkloristische Motive eine Rolle zu spielen. Welche Beziehung haben Sie zum traditionellen Folk?" - "Grundsätzlich ist für mich alle Musik eins. Die Klänge und Harmonien, von denen ich mich angezogen fühle, hängen alle auf logische Weise zusammen. Das schließt eine große stilistische Breite ein. Es war immer ganz natürlich für mich, die Dinge zu spielen, die ich als Hörer und Musiker liebe. Dazu gehören aber auch jene Songs, die ich hörte, als ich im Mittleren Westen aufwuchs und die man wohl Folksongs oder Volkslieder nennt. Ich glaube nicht einmal, dass das irgendetwas mit Geografie zu tun hat“. Ich denke mir: Das alles wächst gerade jetzt immer weiter in mir. Es aktiviert mich und entwickelt sich weiter. Ich bin dankbar dafür." 

Wie ein Hauch

Ich habe einen der Schätze meiner CD-Sammlung gehoben, einer meiner Referenzpunkte, die mir wertvoll geworden sind und immer noch sind. Einer, der in seiner Musik vollkommen in sich gekehrt und fern ab aller Eitelkeiten zu existieren schien: „gereinigt“ scheint mir das beste Wort dafür. Er war nach heutigen Maßstäben ein introvertierter Leisetreter und ist mir auch gerade darin sooo wertvoll. Nick Drake hatte ein niederschmetterndes Leben, war in Depressionen versunken und hatte schließlich mit 26 Jahren Selbstmord begangen. Ich greife mir meist das Album „Five Leaves left“ heraus, auf dem ihn Richard Thompson an der Gitarre begleitet hatte. Was für luzide Songs! Wie zurückhaltend! Es liegt eine große Traurigkeit, Verlorenheit und Verzweiflung über ihnen, auch eine Lakonie. Es sind Songs, die einem bis heute nachts einfallen können, - hier und jetzt! - die etwas Wesentliches und Überwältigendes haben, das zu greifen gar nicht so leicht ist. Ich könnte weinen alleine schon beim Gedanken an sie…. Werk und Person: hier scheinen sie mir etwas miteinander zu tun zu haben. Berichten muss ich mir lassen (weil ich kaum Werbespots verfolge), dass Musik von Nick Drake für die Automobil-Werbung benutzt und missbraucht worden sei. Womöglich wurde diese leicht herauszuhörende Abgehobenheit, dieser besondere Ton einer wunderbaren Entrücktheit und die spezielle Melancholie dieser Musik gesucht und kommerziell planiert. Alleine schon die Vorstellung daran tut mir weh und beweist mir, dass diese Gesellschaft und ihre die Konjunktur-Werbefritzen vor nichts zurück schrecken.  

Einen Horizont aufreißen

Ich entdecke Pat Metheny für mich wieder, lass seine Cds laufen und fühle mich ein in eine Klangwelt. Kann sie in mein Zimmer holen. Bin dafür dankbar. Erinnere mich, dass ich ihn mehrfach live erlebt hatte, unter anderem sehr früh bei einem Konzert mit der PMG in der damaligen Manufaktur in Schorndorf. Man konnte oder musste da beinahe auf der Bühne neben den Künstlern sitzen, was einen ziemlich engen Kontakt ermöglichte. Schon damals fiel mir diese überwältigende Musikalität auf! Er und Lyle Mays konnten Horizonte aufreißen! Sich Bälle zuspielen! Gingen enorm aufeinander ein! Jazzer hielten Metheny oft vor, dass er seicht sei….. ob sie etwas nicht verstanden haben? Ob sie sich nicht genug einlassen konnten? Ob sie das an etwas maßen, das sie sich für sich selbst auch aus Gründen der Distinktion ausgekuckt hatten? Auch heute noch höre ich keinerlei anbiedernde New Age-Welt bei Metheny….. im Gegenteil, es gibt ziemlich herbe Sachen von ihm….(u.a. zusammen mit Michael Brecker….).

 

Nun, nicht erst seit jetzt begreife ich besser, dass er immer seinen eigenen Weg suchte. Radikal. Später durfte ich auch noch ein Interview mit ihm führen, in dem dieser Zug an ihm ganz klar heraus kam., egal, was ihm immer wieder unterstellt wurde…. Nie hatte ich Lyle Mays als Methenys Stichwortgeber, Sideman, Unterstützer oder Soundfrickler verstanden. Schon damals bewunderte ich die tollen Soli, das Aufeinander hören, das Reagieren können und die freie Umgangsweise von Mays und Metheny. Dan Gottliebs Cymbalspiel: toll! Auch die Oberheim-Klangwelt von Mays machte mich gewaltig an! „As falls Wichita, so falls Wichita“, das Duo-Album der beiden, hörten wir damals intensiv: Mays konnte sich genauso wie Metheny dosieren, konnte sich zurück nehmen, um im richtigen Augenblick nach vorne zu kommen und Akzente zu setzen.... „American Garage“: Klaro. „Offramp“: tolle CD! Denke ich auch heute noch…. Gut, dass ich die CDs habe. Lyle Mays ist unlängst gestorben. Wir hätten ihn ein bisschen länger gebraucht. Was für tolle Musiker!

Abschaben von sich

Es überkommen mich Erinnerungen, gerade jetzt, in schwieriger Situation: daran, wie tierisch ich als Musikkritiker Angst hatte, dass mir (am andern Morgen) nichts Essentielles einfallen würde, denn ich wollte nicht in den Plauderton der andern verfallen, wollte nicht allzu locker die Klischees abliefern, die gerade im Umlauf waren, ja, ich kannte und hasste sie, die flotten Formulierungen. Ich quälte mich und lächelte dazu. Die andern waren besser, - immer. Die waren schneller. Ich war zu bedächtig. Aber all das kannte ich schon – von mir selbst. All der Jazz und der Blues, den man durch sich hindurch gelassen, der einen das Abwarten, das Sich-Einlassen und Verarbeiten gelehrt hatte, den man in sich aufgenommen hatte, - konnte das jetzt einfließen in meine Worte? Es war wie so oft in meinem Leben: ich meinte es zu ernst, war verbissen in meine Aufgabe - ohne dass man das merkte. Ich gab alles, was freilich total daneben war und verpuffte. Das Ergebnis war zumeist ungenügend. Ich versuchte oft, aus mir selbst das Geforderte hervor zu schaufeln, es mir abzuzwingen, es auch unter Schmerzen abzuschaben. Ich sollte ja zu allem eine Meinung haben, die ich aufschreiben wollte und sollte.

Ich erinnere mich, wie ich in einem Konzert von Randy Newman war und mein eigenes Bild von ihm in mir hervorholte, um von ihm aus meine einigermaßen dramatisch journalistisch beschriebenen Loblieder zu singen. Ja, ich war da gewesen. Ich mochte seine Ironie. Bei meinen Bemühungen kam natürlich nicht das heraus, was man sich so vorstellte, was genügend bündig und journalistisch war. Am Ende meines Schreibens und meiner persönlichen "Karriere"  hatte ich jedoch auch die Routine und das beiläufige Können, den Plauderton zu zelebrieren, dem ich freilich oft jene sehr eigene Überlegungen und Brechungen mitgab, die sich deutlich absetzen wollten von dem, was gerade hip war. Übrigens: Alles schien möglich zu sein, aber „Ich“ durfte man niemals sagen. Man schwurbelte herum, griff zu einem „Wir“ und transportierte damit auf dunklen Wegen etwas Individuelles mit dem Pluralis Majestatis. Man stellte sich als repräsentativ dar, als eine Art Messinstrument. Man war ja im Auftrag des Lesers da, nicht in dem der Zeitung, - oder? 

Was gewesen ist

Ich sehe The Who live im Fernsehen und es springt bei mir fast dieselbe Faszination über wie damals, als Rasen angesagt war in einer Halle in Sindelfingen. Vita, das Leben, es ist eine einzige Feier des Lebens. „I'm free“, kein Zweifel, dass das damals noch ernst gemeint war. Keine geldgeilen Posen, das kam auch für The Who sehr viel später. Junge Leute, über die der Reichtum hereingebrochen war. Die in den Wahnsinn zielten. Dieses verrückte Harlekin-Gesicht von Keith Moon: der gab damals alles. Aus dem Moment heraus. Wenig Berechnung. Über die Stränge. Eine Gruppe, eine Band, die zusammen gefunden hatte, um gemeinsam zu rasen. Die Bassoli von The Ox gefallen mir auch heute noch wie damals. Das war sehr individuell, nicht einfach nur eitel vorgespielt. „Summertime Blues“. Die Sprünge und die Gitarrenwindmühle von Townsend wurden erst später zu einem Marken- und Erkennungszeichen. Später. Es schien damals aus ihm heraus zu kommen. „Behind blue Eyes“: ideale Zartheiten mit Härte vermischt. Alleine Körpersprache: springt über. Entgrenzung würden Philosophen heute dazu sagen. Über sich selbst hinaus kommen. "Shakin' all over“. Sehr sehr stark. Übertrug sich. Ich sehe das heute ohne Nostalgie. Ich sehe die Unterschiede zur gegenwärtigen Rockszene, die längst zu einem Popgeschehen geworden ist. Die feierten damals, dass sie jung waren. Heutzutage ist etwas als The Who unterwegs, zu dem sich unverständlicherweise auch der alte Pete Townsend gesellt. Sie verkaufen jetzt alles. Sind Teil eines Geschäfts mit den Erinnerungen. Aber unter den jetzigen Bedingungen. Ob die eines Tages einfach so weitermachen können?

„My Generation“. Die spielten im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Heute spielen sie für Kohle. Ist "normal" geworden. Profis halt. Natürlich spielte auch damals schon das Geld seine Rolle: aber nicht so dominierend wie heute. Vier Individuen, ausgeprägte Charaktere. „The Ox“ John Entwistle: der Ruhige. Pete Townsend: das Hirn. Roger Daltrey: der oberflächliche Poser. Keith Moon: Der Clown, nahe am Wahnsinn. Sensationelle Gitarrensoli: aus dem Vollen heraus gespielt, aus gebündelten Tönen, die man bildungsbürgerlich „Harmonien“ nennt. „Who are you“: Townsend'sche Wortspiele. Wir mochten das. Dazu das Überberstende der Live-Auftritte, bei denen neu zelebriert wurde. Der Bogen gedehnt bis zum Überspannen. Der pure Krach, die Aggression wurde mit einbezogen. Es wurden Himmelfahrten unternommen, von denen Moon eines Tages nicht mehr zurück kehrte. Der legte alles, vor allem sich selbst, in sein Spiel. Zumindest kam das alles so rüber. Irgendwann kippte das und ging in Dekadenz über. 

Nothilfe

Darf man noch am Leben sein oder ist das zu dramatisch formuliert? Mitleid scheint in den letzten Tagen besonders den Künstlern und Kleinstunternehmern entgegen zu schlagen. Existenzvernichtung etc. . Arme Wirtschaft! Schlittert Rezession entgegen, wenn nicht gar einer Depression. Mittlerweile geht es offensichtlich darum, als Mensch vorgerückten Alters überhaupt noch zu überleben. Oder nicht? Oder ist das eine Falschinformation? Man kommt auch hier, - nicht nur in China!, - langsam ins Schwimmen. Die Strukturen sollen in eine Zeit nach dem Virus herüber gerettet werden, so scheint es mir. Die Großen sollen die Großen bleiben und die Kleinen die Kleinen. Wichtige Leute in dunklen Anzügen halten dazu wichtige Reden. Jeder ist sich selbst der Nächste….. und all das neoliberale Geschwätz…. Der Staat scheint mir in großer Gönnerpose aufzutreten, nachdem er die Kleinen ausgepresst hat. Z.b. Börsenanleger sind sowieso samt und sonders nur üble Spekulanten und überhaupt, der Staat regelt alles….. Spricht für sich. Gerade die Linken scheinen diesen Quatsch zu glauben. "Der Staat" bedeutet ihnen viel zu viel, scheint demokratisch legitimiert und darf deshalb alles. Doch mir scheint, dass jetzt Vieles zu spät kommt, wenn es überhaupt kommt… von denen initiiert, die sogenannte „Menschenführung“ vortäuschen und "den Staat" repräsentieren.… Vielleicht müsste hier auch ein Umdenken einsetzen. Wer in welcher Hinsicht wichtig ist…. wer mit der Not „handelt“ und Geschäfte macht...etc. Die Künstler jedenfalls müssen ihre Miete aus dem Nichts heraus zahlen, - staatliche Hilfe ist versprochen.  

Die Zwei beiden

Ich erinnere mich, dass ich irgendwo etwas über die Pet Shop Boys gelesen hatte - und wie gut sie sich in Berlin fühlten. Dort könne man auch unerkannt untertauchen und in der Masse aufgehen. Doch wenn ich mich an die neunziger Jahre und Konzerte von ihnen erinnere, so kosteten diese genau diese völlig überhöhten Eintrittspreise aus wie die Darbietungen anderer Rockartisten auch. Mir kam es damals so vor, als zelebrierten sich diese Pet Shop Boys ganz besonders stark als angesagte Popstars (von den informierten Journalisten natürlich als ironische Überhöhung gedeutet). Natürlich gab es diejenigen, die es ihnen als ganz besonders intelligente Darbietung auslegten: dadurch käme ihre spezielle Kritik am Business besonders sublim zum Ausdruck. Nun ja, eher aus den Augenwinkeln heraus (ich war damals weder Fan“ noch lehnte ich sie ab, sie waren mir als Popstars gleichgültig…) glaubte ich damals wahr zu nehmen, dass genau diese überintelligenten Boys nahezu bei jeder gut bezahlten Gelegenheit auftraten (sah ich sie auch bei den M-TV-Awards? Ich weiß es nicht mehr genau…). Dass genau diese Boys zumindest für mich dieses um jeden Euro feilschende Business verkörperten, das für jene Klasse der aalglatten Karrieristen zu stehen schien, die sich in neoliberaler Manier gegen jeden und jedes durchsetzten, die es platt machten und sich mit ganzer Gier vor der globalen Schulklasse aufspielten. Sie taten das mit jenen aalglatten, äußerst gefällig ins Ohr gehenden, fast musicalhaft wirkenden Melodien und jenem fast unbeteiligt wirkenden Gesang, der auf manches Gemüt mit seiner ironischen Distanz so ungemein Eindruck zu machen imstande war. Man war und wurde in eine spezielle Ambivalenz versetzt, in ein „einerseits“ und ein „andererseits“. Ob es das war, was diese Bescheidwisser so in Begeisterung versetzte? Jedenfalls scheinen sie ihr Rezept bis heute, bis ins hohe Alter durchzuziehen. Jüngst soll eine neue Platte, ein Tonträger (ach, wie altmodisch!!!) von ihnen erschienen sein. Die veröffentlichte Meinung scheint davon zum zigten Male sehr angetan zu sein. Ich mochte sie als ein Teil des Ganzen, sah in ihnen aber nicht unbedingt die großen Innovatoren. Dies glatten Gefälligkeiten, die so ganz besonders als Begleittrack gut zum Bügeln der letzten Wäsche passten: Sie ließen mich kalt. Heute höre ich ihre neuesten Absonderungen nicht einmal: sie sind mir tendenziell schon zu oft zu langweilig gewesen.   

Da und nicht da

Wie ich damals bei nahezu jedem Konzert auf bestimmte Gestalten traf! Etwa auf jenen im ersten Moment sehr „normalen“ und angepassten Typen, der auf einschlägigen Konzerten aus einem dunklen Anzug heraus sich regelmäßig mit Bier voll laufen ließ, aber gleichzeitig messerscharfe Analysen liefern konnte. Er erläuterte mir damals, ich erinnere mich noch gut an diese Szene, einigermaßen „nebenher“ zwischen zwei Schlücken und Stücken das Konzept der EBM (Electric Body Music), die ich zuvor ziemlich abstoßend gefunden hatte und die ich auf diesem Wege ein bisschen besser verstehen gelernt hatte. Aber, was heißt hier verstehen? Dies „Attribut "Body“ in ihrer schubladenhaften Ablage schien durchaus auf gewisse Züge hinzuweißen: auf ein Vergessen und Selbstvergessen im Maschinenrhythmus, ein Zeigen ins Aufgehen und Eins sein. Es war mir fremd gewesen. Ich ließ mich aber jetzt darauf ein und war dieser die Augen rollenden Schnapsdrossel dankbar. Sie hatte mir einen neuen und anderen Horizont eröffnet. Später dann fiel mir auf, dass diese Figur nicht mehr zu den Konzerten kam, nicht mehr da war, auch bei den einschlägigsten der einschlägigen Konzerte. Seltsam, wir hatten so etwas wie eine Verbindung entwickelt. Eine Verbindung, die ich damals glaubte mit wohlwollender Gleichgültigkeit wahrnehmen zu können. Später fehlten mir solche Begegnungen.....

 

Nun, als der Mann nicht mehr da war und ich annehmen musste, dass dies möglicherweise mit seinem extremen Bierkonsum zusammen hing, fehlte mir diese Kurzeinweisung, diese prägnanten Hinweise aus lallendem Mund, dieses dionysische Gebabbel, das ganz im Gegensatz zu der Performance zu sein schien, die ich selbst im Anschluss an solche Konzerte abzuliefern hatte. Dieses einsame und trockene Schreiben, das Abwägen und sich-selbst-Abringen vor leerem Blatt Papier/Computerbildschirm: es war einigermaßen hilflos im Vergleich zu solch teilnehmendem Dabei sein, zu einem Sich fallen lassen und gleichzeitig wahrnehmen, das in ihm vorzugehen schien. Zu solch widerständigem Mitgehen (das mir seine "Gefährlichkeiten" aber auch offenbarte) und "Sich-Treiben-lassen". Ich hingegen wollte mich doch nur einlassen auf etwas, wollte es besser verstehen, wollte es fühlen, wollte es halbwegs zutreffend benennen und darum mit meinen Mitteln kämpfen. Ich war für seine ehrlichen Hinweise dankbar, für etwas Menschliches in diesen Rhythmusstürmen, zu denen die Band blökende Befehlstöne zu Marschrhythmen im Kasernenhofton ausstieß. Hm.

Atmosphäre, Stimmung

Ich erinnere mich immer wieder, auch im Traum, an meine Tätigkeit als Konzertkritiker. Der Druck, immer etwas darüber schreiben oder absondern zu müssen… andere Leute schienen so etwas viel besser wegzustecken…. mit der Zeit glaubte ich, diesen Druck nicht mehr wahrzunehmen. Man hatte ihn als Journalist internalisiert. Er war in einem scheinbar verschwunden. Jetzt kommt er wieder. Ich erinnere mich an all die vergeudeten Wochenenden, in denen man unterwegs war, wie man reportierte, machte und tat, - auch bei Regen und schlechtem Wetter. Schon am darauf folgenden Montag machte man den nächsten Job. Schonzeit, wie im Tarifvertrag vorgesehen, gab es für mich nicht. Ich war ja kein Angestellter. Ich war Sklave. Freier Mitarbeiter. Ich erinnere mich an die große Mehrzweckhalle, die ich immer wieder zu besuchen hatte. Sie war ohne jede Identität, diente mehreren Zwecken, - wie es ihrer Bestimmung entsprach. Ihr Name soll an einen Arbeitgeberpräsidenten der Nachkriegszeit erinnern, der von Terroristen ermordet wurde. Bahnte man sich den Weg hinein, so ging man erstmal an langen Reihen von Ständen mit Merchandising-Artikeln entlang, die lediglich von für einen längeren Zeitraum befestigten Werbebotschaften durchbrochen waren. Fressen und Saufen war das nächste. Kaum jemand um einen herum schien es auszuhalten ohne überteuerten Verzehr von Pommes Frites, Wurst oder in Plastikbecher geschänktes und mit völlig überhöhtem Pfand bedachten Bier. Die Arena ist dann mit aufdringlich aufblitzenden Laufschriften belegt. Andere Werbe-Einfälle schmücken zudem das Rund, in dem gelegentlich noch glitzernd blitzende Automobile ausgestellt waren. Kam langsame oder romantische Stücke, so zückt man das Handy oder Smartphone. Früher erfüllten Wunderkerzen und Feuerzeugen diese Funktion, die allgemeine Ergriffenheit und wundersames Erstaunen signalisieren soll. Digitale Armbänder und in vielen Farben funkelnde Zauberstöcke schienen ein Übriges zu tun: Wo war ich? Wie wanderte dieser Kommerzzirkus in mich ein? Beeinflusste er mich? Oder das, was ich schrieb? Die Aura der Wichtigs, der heute so genannten „Prominenten“, die umgab einen an diesen Orten, die die Oberklasse des Verdienens signalisierten. Aber man selbst war immerhin so wichtig, dass man mit diesen Wichtigs Interviews führen gedurft hatte. "Große" Namen, einfache Menschen. Im Vorfeld natürlich. Zum Anheizen des Eintrittskartenvorverkaufs. Man übersah solches geflissentlich. Die Mechanismen des Showgeschäfts. Schließlich gehörte man auch selbst dazu. War ihm ausgeliefert. Man nahm es hin, fand es unter anderem „professionell“ 

Grenzüberschreitung und Popmusik

Putzig, wie immer wieder die Grenzüberschreitung zum Rock- und dann Pophandwerk gehörte. Alice Cooper, Ozzy Osbourne, Rammstein – es galt und gilt, sich abzugrenzen durch einen Tabubruch. Auch dies scheint mir bei den Rechtsrockbands heutiger Tage nicht anders zu sein: Jugendliche und überhaupt: Menschen wollen Identität gewinnen, indem sie sich durch Schock und Tabubruch von anderen abgrenzen. Sie wollen anders sein, um nicht dazu zu gehören zum großen Mainstream. Viele Jahre lang galt Antisemitismus aus gutem Grund verpönt in Deutschland. Nun ist es eine unglaubliche und peinliche Tatsache, dass solche Bestrebungen Auferstehung feiern in einem Land, das sich aus guten Gründen für diesen Teil seiner Geschichte schämen müsste. Doch in heutigen Zeiten, in denen die Elterngeneration durch eine Grünen-, und manchmal auch Hippie-Sozialisation gegangen ist, in der das freie Spiel der Kräfte dem scheinbar Stärksten alle Rechte einräumt, in der Sex in allen Spielarten kein Tabu mehr ist, in der die Medien Gewalt in allen Formen vorführen, gibt es nicht mehr viel gesellschaftlichen Gebiete, in denen ein Tabubruch möglich wäre. In tausend Versen wird recht biedermeierlich das Liebesglück beschworen, das eigentlich nur aus einer intakten Beziehung erstehen kann. Sehnsucht, ich höre dir in einer Welt der kaputten Beziehungen trapsen....Verlogenheit wird überall zelebriert, alles soll möglichst viel Spass machen und schön sein. Das Geld als ökonomische Größe hat die Religion abgelöst. Profit geht offenbar über alles. Kaufmann sein, heißt leider allzuoft, den Andern, oder wie das Christentum sagte, den Nächsten, möglichst effektiv übers Ohr zu hauen, ihm seine eigenen Emotionen und Bedürfnisse zu verkaufen, ihn in Betäubung einzulullen und effektiv auszunehmen. Ramstein hat daraus viel gemacht. "Mein Teil" und "Mutter", Blut und Feuer speiende Maschinen (!), düstere Anmutung und so..... Rüpel waren beliebt im Rock – aus den geschilderten Gründen - reiche Poseure der Grenzüberschreitung forderten zum Mitmachen auf. Dabei wurde immer wieder sklavisch dem Zeitgeist gefolgt, egal, ob es um Emanzipation oder Unterwerfung und Versklavung ging.

Handwerk, Mittel zum Zweck

Wir hatten damals klassische Musiker oder Musiker der Klassik bewundert, weil diese offenbar handwerklich so gut waren. Konnten alles vom Blatt weg spielen. Erst viel später merkte ich, dass die das unter Umständen zwar sehr akkurat können, - darüber hinaus aber nichts. Endgültig klar wurde mir das, als mich einst ein Musiker und Pianist, der Tschaikowsky und Rachmanninoff auf CD eingespielt hatte (das galt damals noch was!) und als ein absolutes Ass der Musik galt, mich bat, ihm das Improvisieren beizubringen. So etwas war meine Spezialität und so bat ich ihn, mir 3 Töne zu geben, ich wolle mit ihm auf diesen 3 Tönen erst improvisieren und anschließend einen ganzen Song zusammenstellen. Wir brachten das tatsächlich zustande und der Mann war mir allzeit dankbar, denn ich war sogar darauf eingerichtet, mit ihm eine Aufnahme seiner neu gewonnenen Fertigkeit zu machen. Mir aber wurde klar, was mit mir so einher gegangen war: die Musik als dauernder Begleiter, die einem Melodien und Stimmungen einflößte und mich überallhin begleitete….- ihn offenbar nicht. Er war ein typischer reproduzierender Künstler, konnte seine Phantasien nicht umsetzen, was hingegen mein Schwarzbrot war. So konnten wir uns optimal ergänzen. Jeder ließ die Eigenheit des Anderen gelten. Da wurde mir klar: uns und mir war es immer unter anderem um so etwas wie Selbstverwirklichung gegangen, um Ausdruck meiner selbst und von Phantasien. Die Erschaffung von etwas rein aus dem Moment und der Luft heraus war sogar meine Spezialität. Klassische Musiker ging es um möglichst optimale Reproduktion, um Handwerk... und trotz aller Beteuerungen weniger um das Verstehen und „Erfühlen“ einer Musik. 

Frühe Banderfahrungen

(Erfahrungen gegossen in einen unveröffentlichten Roman, der unter anderem typische Banderfahrungen aufzeigte) Nun ja, es entwickelte sich sogar ein Wir-Gefühl zwischen uns: Wir fühlten uns wie ein kreativer Stoßtrupp, wir suchten ganze Nachmittage lang nach der einen, der großartigen Melodie, nach dem Einfall, der uns hinweg tragen würde in all seiner.... . Aber wir fanden nur fremd klingende Breaks, verhuschte Passagen, rhythmische Katastrophen, tonale Andeutungen, die völlig unbrauchbar für die richtige Rockmusik der Tatmenschen waren. Wir streiften zusammen durch musikalische Landschaften, die zwar wildromantisch waren, aber einfach nicht auf eine Weise zu kultivieren waren, dass sie in einem Jugendhaus irgend jemanden von einem dieser alten, verstunkenen und verfurzten Sofas gerissen hätten. Das ging nicht ab. Das ging schon gar niemanden in die Beine. Das war einfach nur unverständlich und verschroben. Im Grunde die reine klangliche Kloake. Aber wir waren infiziert davon, wir waren - glücklich - damit. Wir hatten etwas aus dem Nichts geschaffen, über das wir eine Weile staunten und das dann wieder zurück fiel in das Nichts. Wir waren auf einer Mission, deren Sinn, deren Reichtum sich erst noch später enthüllen sollte, - vielleicht sehr viel später. Erst musste von uns aber noch die dafür nötige Erforschung gemacht werden...

Jugendmusikschule

Ob das damals eine Rolle gespielt hat, dieses Überführen von Privatem in das Öffentliche? Ich glaube nicht, dass dies der Fall war, als ich anfing, selbst Musik zu machen. Es lag damals in der Luft, - das reichte. Und: Ich wollte gehört werden. Von den richtigen Menschen. Dass ich mich damals schon immer mehr in meinen eigenen Kokon verfing, glich ich mit meinen handwerklichen Fähigkeiten aus, indem ich in tausend Bands spielte und manchmal auch sehr kurzfristig Jobs übernahm. Ich war damals in der Lage, ganze Auftrittsprogramme kurzfristig einzustudieren und danach zu „performen“. Ich gab Musikstunden, unterwies kleine Idioten ins Gitarrenspiel. Ich nahm damals schon viel auf, im eigenen kleinen Studio, dessen Einrichtung ich mir vom Mund abgespart hatte und das ich immer wieder mit Leihen zu kompettieren versuchte. Ich war wendig und agressiv, ging an und probierte. Doch im Rückblick hat dies nicht viel genützt. Ich konzentrierte mich anschließend auf meine Fähigkeit zur Reflektion, denn Musik (nicht nur Rockmusik!) war mir immer wichtig, sie beschäftigte mich, sie füllte mich aus. Gelegentlich nahm ich dabei auch meine Kenntnisse bzgl Adorno zu Hilfe. Auch andere Philosophen, wie etwa Nietzsche lieferten mir Material. Doch ich bin aktuell wohl nicht an die richtigen Adressen und "Verbindungen" gekommen (etwas, was mir sowieso ferne lag und was ich glaubte mir leisten zu können) und glaubte vernachlässigen zu können, dass Musik einen Überbau hat, der nur etwas für akademisch geweihte Würdenträger ist. Man gärte in sich hinein, machte sich brotlose Gedanken, war froh, wenn man ein paar Cent verdiente….. Doch damals hatte man noch genügend Selbstvertrauen, um sich zu sagen „Du wirst es auf diese oder jene Art schaffen! Musst nur weiter machen...“. Leider zerschellte auch diese Einschätzung. 

Crossover

 „Crossover“ scheint eine Zauberformel vergangener Zeiten, die Überschreitung der vor allem von Profitinteressen vorgegebenen Genregrenzen war damit gemeint. So war in der letzten Vergangenheit die Vermischung von Metal und Funk beliebt. Geradezu spezielle Reize schien der Vermischung verschiedener Genrekennzeichen auf Künster der Popmusik auszuüben. Doch mittlerweile scheint sich das Blatt vollkommen gewandelt zu haben. Jegliche Art von Popmusik scheint streng formatiert und auf krass fraktionierte Ziwelgruppen zugeschnitten zu sein. Unter anderem, man weiß das wohl, scheint dies auch den Diktaten der „Playlists“ und der streamingorientierten Digitalwirtschaft geschuldet, die auf eine möglichst schnelle und effiziente Einordnung bedacht ist. Darin gleicht sie übrigens den Bestrebungen, denen die Menschen zunehmend ausgesetzt sind: auch sie sollen sich einordnen in globale und Marktorientierte Konsumprozesse. Dies erzeuge Wachstum, so die gängige Lüge. Und Wachstum befördere die Wirtschaft, sie brauche dies regelrecht, Wachsttum sei die Voraussetzung „für alles“. Meine eigene Musik, die eine Überschreitung von Genregrenzen quasi in sich trägt und die Einflüsse eines langen Zeitraums aufnehmen will, ist in puncto Hörerschaft radikal gescheitert. Es scheint sich nahezu niemand mehr für einen solchen Ansatz zu interessieren. Popmusik scheint zu einer allzeit und überall verfügbaren anonymen Masse geworden zu sein. Was zählt, ist der schnelle Kick und das durchschlagskräftige Lick. Dies spielt sich in einem digitalen Geschäft ab, das absolut und überall von Kaufleuten dominiert ist. Wo sind die Liebhaber und die Interessierten? Auch sie sind offenbar verschwunden, interessieren sich offenbar nur noch für ihre Wahrnehmungsblase. Für ihre, unter anderem auch sozial abhängige Auffassung von Gut und Schlecht.

Meditative Musik und Verkäuflichkeit

Natürlich schleppt der moderne Mensch eine Art „spirituelles“ oder „religiöses“ Anliegen mit sich herum, das er auch gerne mal auf die Musik projeziert. Musik soll ja das sein, was man nicht anders sagen kann…..sagen bedeutende Geister. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, - behauptete auch Nietzsche. Die ausschließliche Jagd nach Geld scheint jedenfalls den modernen Menschen nicht ausfüllen zu können. Der Markt der spirituellen Bewusstseinswaren wird also diesem Bedürfnis nachgehend immer größer. Der neueste Trend scheint spirituelle Erleuchtung per Internet zu sein. Hier einen Kurs zu buchen (mit meditativer Musik als unterspülender „Leichtmacher“), sich eines Coachings zu unterziehen oder sich per Skype unterweisen zu lassen, kann offenbar viel Kohle bringen (da springt auch etwas für den unbekannten Meister (oder die Meisterin?) heraus, der die Musik liefert). Es scheint jedenfalls darum zu gehen, sich selbst als Medium darzustellen, das offen ist für allerlei spirituelle Erfahrung. „Inspiration“ liefern, Menschen einen Kick in Richtung anderer Bewusstseinsebenen zu geben, das kann neben der guten alten Guru-Funktion, die Menschen zur Orientierung zu brauchen scheinen, ein gutes Geschäft sein. In der Rockmusik machten das schon früh unter anderem John McLaughlin und Carlos Santana klar. Gerade Santana scheint inzwischen abgekippt zu sein in die breite und völlig unspirituelle US-Popmusik. Von Spirituellem ist bei ihm offenbar nur noch in seinen Verkaufssprüchen und seinem Auftreten die Rede.

 

Sensibel scheinen „Medien“ oft dadurch geworden zu sein, indem sie selbst trainiert oder „gecoacht“ wurden und sich allerlei Unterweisungen unterzogen. So machen Jünger ihre Jünger selbst, vervielfältigen ihre Ansichten, indem sie ein Bedürfnis ihrer Mitmenschen befriedigen. Es gilt für alle, „Wege in die Spiritualität“ zu weisen. Kam es Leuten wie mir immer so vor, als sei dies etwas höchst Individuelles sein, so scheint es den „Seelentröstern“ des Internet darum zu gehen, ihre Aussagen möglichst so breit multiplizieren zu können, sie so sehr zu einem gut verkäuflichen Artikel des Seelenlebens zu machen, dass das Ergebnis manchmal etwas unpersönlich und austauschbar erscheint. Manchmal winken dabei Karrieren, die Erstaunen auslösen, CDs aufnehmen und absetzen, Bücher schreiben und verkaufen, daraus Hörbücher erstellen, etwas im Hörer auslösen, vor allem etwas Kollektives bei Massenveranstaltungen wie etwa Konzerten, den großen Beeinflusser, Wegweiser und Vorausgeher mit dem ganzen Instrumentarium der Suggestion zu geben, das gehört eigentlich zum Rüstzeug eines jeden „spirituellen“ Bewusstseinsarbeiters, früher und heute. Für Skepsis oder Kritik bleibt da wenig Raum, es gilt vielmehr das widerspruchsfreie „ergriffen“ sein auslösen und verstärken und mitmachen in einem kollektiven Taumel, dem gerne ein quasi meditativen Anstrich gegeben wird, in dem der Eindruck vermittelt wird, man sei mit dem verbunden, was den Menschen so recht eigentlich ausmacht. „Positives Denken“ ist einer der Inhalte, die in diesem Zusammenhang immer wieder gepredigt werden. Spiritualität online verfügbar machen, das würde den zeitgeistigen Schritt in eine massenhafte Verwertbarkeit aufzeigen und sie in größer Breite zu teilen. Selbsthilfe im Netz vermag Millionenumsätze generieren. Besser noch, das Angebot ist garniert mit entspannender Musik. Der Welt etwas von einer anderen Wirklichkeit erzählen, mag nicht nur einen Drang zur massenhaften Verbreitung, sondern auch zu einer maximalen Verkäuflichkeit erzeugen. Ziel: Das sollen alle wissen! (und dafür zahlen). Dass dadurch allerlei Oberflächlichkeiten Tür und Tor geöffnet sind, mag geradezu folgerichtig erscheinen....Wow!

Musizieren

Was meine Musik ausgemacht hat, was alle Musik ausmacht, was sie jetzt ausmacht? Erstens: Musik wird nicht nur abstrakt geplant und arrangiert, sondern ist ein Ergebnis von sozialen Situationen. D.h., ob ich damals in Bands gespielt habe mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammen, die ganz bestimmte Qualitäten hatten und andere nicht, das war entscheidend für das Ergebnis. Das gilt auch für gewisse andere Musiker. Auch wie viele Gelegenheiten zur Probe es gab, welche Proberäume zur Verfügung standen, wie lange und wie oft wir sie nutzen konnten, welche Vorkenntnisse und Fertigkeiten es gab, wovon man „beeinflusst“ war, ob es Konflikte zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe (der Band) gab, welche Leute überhaupt mitmachten und wie sie sich beispielsweise identifizierten mit einem Ziel, wie sie sich "dran hängten" an gewisse Absichten, wie sehr sie von finanziellen Einkünften abhängig waren, wie lange sie durchhalten konnten, um ein gewisses Ziel zu erreichen … usw. Das alles hatte großen Einfluss auf unsere Übereinkunft, die sich in Musik ausdrückte und deren Umsetzung eingeübt werden wollte. Eine Zeit später bestimmten die sozialen Umstände einer Plattenfirma auf vielerlei Weise, was sich in einem musikalischen Projekt abspielen konnte, wie gut es voran kam usw..   Zweitens: Heutzutage, in der Vereinzelung neoliberaler Umstände, wenn jedermann seines eigenen Glückes Schmied ist, drückt sich das in der zur Verfügung stehenden Software und den Sounds aus, die in ein Ergebnis einfließen können. In dem, was eine bestimmte Software zulässt. Anders die reproduzierenden Musiker: sie sammelten Jobs und verdienten (spärliches) Geld und tun das heute noch. Sie wurden angerufen, der Recording-Vorgang, Aufnahmesessions waren zunächst nicht sehr wichtig für sie. Es mag sein, dass sich auf diese Weise auch gewisse „Stars“ heraus schälten und in einen Vorgang des selbständigen Verdienens einflossen. Dann wurde promoted, teuer aufgenommen, fotografiert und in alle Richtungen betreut, wie in der Popmusik. Es ging nun darum, "besser" als andere (Insbesondere der "Mitwettbewerber") zu sein. Beliebt schienen Vertretungsjobs gewesen zu sein, also das kurzfristige Einspringen für Kollegen, die verhindert waren. Aufgrund von exzellenten handwerklichen Fähigkeiten war dies jederzeit möglich. Im Bereich der Popmusik gibt es das wohl weniger, im Jazz hingegen sehr wohl. Heutzutage haben sich die Szenen radikal aufgesplittert, niemand weiß noch vom anderen, der andere Musik mit anderen Absichten macht. Dabei wäre gerade eine solche übergreifende Sicht auf so etwas wie Musik sehr wichtig.

Nicht alles war besser

Ein monatlich erscheinendes großes Musikmagazin halte ich mir noch, obwohl ich im Vergleich zu früheren Tagen selten da rein blicke. Jetzt scheint da eine Folge davon geprägt zu sein, dass „junge“ Künstler ihre alt gewordenen Vorbilder treffen und ihnen Komplimente machen. Offenbar wollen sie erfahren, „wie das echte Profis“ so machen. Dabei erscheint mir doch einigermaßen fraglich, wie sehr die „früheren“ Verhältnisse angehimmelt werden, welchen Einfluss doch bestimmte Umweltbedingungen auf die Musik haben und vieles anderes. Das scheint mir doch sehr aus der Perspektive derer niedergebracht zu werden, die immer auf der Sonnenseite des Lebensstanden. Da schwärmt etwa der gute alte Elton John unter anderem von Joni, Crosby, Stills and Nash und der großartigen Atmosphäre in Laurel Canyon, wo diese Leute damals lebten. Nun gut, ich mag Miss Joni auch sehr. Vor allem ihre Musik. Ich glaube, auch hier sollte man Werk und Künstler auseinander halten. Es ist doch einigermaßen bekannt geworden, wie „zielgerichtet“ etwa Joni ihre Karriere verfolgt hat und wie sehr private Verhältnisse wie etwa das Verhältnis zu ihrer Tochter darunter gelitten haben. Ich meine, dass man Jonis Musik trotzdem großartig finden kann, und überhaupt, dass ein Künstler seine Grenzen erkunden, sein „Ziel“ verfolgen - und anderes muss usw. (die Argumente liegen alle bereit), dass aber kein Anlass zu naiver Bewunderung besteht. Immerhin scheint sich Miss Joni durch nahezu die gesamte Künstlerkolonie auf Kosten anderer menschlicher Verbindungen gevögelt zu haben. Dass dann geschwärmt wird, wie „offen“ die damalige Zeit gewesen sei, dass man unerschrocken neue Dinge ausprobiert und experimentiert habe, dann mag das teilweise sogar stimmen. Doch es wird dann stets ein anderer Teil ausgeblendet, der vielleicht nicht gar so sonnig und „frei“ daher kommt. Am Rande kommen dabei auch der Einfluss der Drogen zur Sprache: Nun ja, sie scheinen nicht nur das Bewusstsein geöffnet, sondern auch Etliches kaputt gemacht zu haben. Man sollte sich der Janusköpfigkeit solcher Phänomene bewusst sein. 

Projektionen und Verkörperung

Projektionen sind das, was Leute in etwas oder Jemandem sehen wollen, was sie „hinein legen“. Es gilt nun für gewisse Leute, diese Stanzen, Schablonen und vorgeformten Erwartungen durch Sprüche, Haltungen und Anmutung handwerklich perfekt auszufüllen. Sie tun das gerade im Popgeschäft (aber auch in der Politik) viel, was nicht unbedingt mit ihrer Musik zu tun hat. Sie geben eine bestimmte Figur, nach der die Masse aus bestimmten Gründen verlangt. Prinzip: Es werden beispielsweise Sehnsüchte projeziert: der „Star“ lebt das, was jemand gerne sein würde. Er lebt in einem Märchen. Er lebt stellvertretend für jemanden etwas aus.

Er ist unermesslich reich, wo ich mir Gedanken um das Überleben in den nächsten Tag hinein machen muss. Meine Gefühle werden durch ihn fokussiert wie in einem Spiegel einer Figur. In der Rockmusik ist das unter anderem der unerschrockene Künstler, der Individualist, der bedingungslos sich selbst lebt. „Vitalismus“ nannte das 100 Jahre zuvor der Philosoph Friedrich Nietzsche. All das ist dem „normalen“ und mehrfach vergesellschafteten Konzertgänger nicht vergönnt. Der „Star“ (Mittlerweile bedeutet das gar nichts mehr: es soll schon ein „Superstar“ oder „Megastar“ sein!) zieht sämtliche Emotionen auf den eigenen Projektionsschirm, er vereint, bündelt und verkörpert sie, oft auch im Hinblick auf ein bestimmtes Handeln aus einer bestimmten Haltung heraus, - was eine gefährliche Nähe zu totalitären Machthabern abgibt, die ebenso zu so etwas neigen. Konzerte gestalten sich insofern wie Gottesdienste, bei denen es gilt, solchen industriegefertigten Figuren zu huldigen. Es werden scheinbar eherne Weisheiten verkündet, die Orientierung verleihen sollen und ein "Angebot" darstellen. Es gilt, Zeremonien der Verehrung und Bewunderung zu vollziehen.

Regression White Christmas

Es kam mir die Meinung unter, dass Pop zu einem Retro-Ding geworden sei, indem Pop keinerlei Gespür mehr für die Gegenwart entwickle und sich im Nachempfinden früherer Stile erschöpfe. Das Vorangegangene eröffne ein Archiv der Zeichen, mit denen sich die Popmusik vor allem beschäftige. Dadurch ginge das Interesse an Originalität und Innovation verloren. Mir kommt es so vor, als würde ich selbst solche steilen Thesen nicht allzu sehr beklagen, bildet sich so gerade dadurch das Gefühl der Gegenwart ab. Alles war schon einmal, alles ist in sich selbst erschöpft, es tauchen dadurch die uralten Dämonen und Mythen wieder auf! Etwa das Recht des Stärkeren, die Sehnsucht nach einem "Führer"..... Eine Art Gegenwelt zu erschaffen, dafür hat ein Phänomen wie Pop meiner Einschätzung schon längst die Kraft verloren. Es herrscht meiner Einschätzung nach „White Christmas“ und all die regressiv erträumten Vorstellungen von Geborgenheit, Vertrautheit und „Bei-sich-sein“. Auch die Vision einer konstruktiven Subkultur per Pop scheint mir zu den schlaff abgehangenen und längst erledigten Träumen zu gehören, die von der Industrie okkupiert und für ihre Zwecke eingesetzt wurden. Doch wer beklagt, dass sich Pop in Vergangenem erschöpfe, sollte meiner Ansicht nach auch erwägen, ob er nicht einem Mythos des ewig Neuen und sich Erneuerndem nachhängt, meist in Form der Innovation gepriesen und typisch für den Kapitalismus? Eine Zeit lang wurde auch, so glaube ich mich zu erinnern, der „Dekonstruktivismus“ gepriesen. Das Verfremden und neu Zusammenbauen von Vorgefundenem scheint sich aber auch längst erschöpft zu haben, heute scheint mir der alte Cadillac aus den 50er Jahren wieder hervor geholt zu werden, um neben den völlig identitätslosen Hochglanzprodukten der Jetztzeit neu aufblühen zu können. Aber gibt es gute und schlechte Zitate? Was ist Pop überhaupt in diesen Zeiten? Wer wollte sich aufschwingen, dies alles zu beurteilen?  

Größenwahnsinn

Vielleicht ist es ein Witz, eine Karikatur, ein Fake, ein Spiel oder sonstwas….Die Figuren, die ihren Größenwahnsinn und Narzissmus bis zur absoluten Grenze zelebrieren. Mir kommt es so vor, als würde Kanye West auch dazu gehören. Natürlich haben wir Versteher alle gelernt, dass man Werk und Person auseinanderhalten solle. Es gibt genügend Beispiele in der Literatur dafür: Ezra Pound, der poetische Gedichte von großem Rang schrieb, aber offen für den Faschismus plädierte. Oder Ernst Jünger, den manche auch als großen Philosophen und Dichter preisen. Dass er wohl ein Verherrlicher des Krieges war: Nun gut, dass musste man mitnehmen, wenn man ihm nahe kommen wollte. Wagner, der große Komponist, wurde von den Nationalsozialisten in Anspruch genommen und profilierte sich offenbar als Antisemit. Dass Christa Wolf, die große Dichterin der DDR, nach 1990 noch eine Erzählung „Was bleibt“ schrieb, die von ihrer eigenen Überwachung durch die Stasi handelte: Ratlosigkeit allenthalben. Neulich scheinen die Werke des Malers Axel Krause verbannt worden zu sein, weil der Mann offenbar der AfD nahe steht…..und und und, der Beispiele wären viele.

 

Dass wir aber den afroamerikanischen Popmusiker Kanye West und seine Musik jetzt losgelöst von seiner Person verstehen sollen, erscheint doch einigermaßen mühsam. Ob er ein Ego-Tripper ist? Der Mann will nach etlichen Ego-Eskapaden jetzt wohl Präsident der USA werden. Nun ja, das haben auch schon andere geschafft, von denen wir das nie gedacht hätten. Er sieht sich anscheinend als Instrument Gottes, in dem dieser seinen Willen kund tut. Er musiziert sozusagen „im Auftrag“. Dass er sich offensichtlich als Großkünstler sieht, der die Sphäre der Zeitlosigkeit mühelos erreicht: Nun ja. Großkonzerne scheinen das gerne zu unterstützen. Er schwingt sich ja wohl auch in die Späre eines Pablo Picasso auf. Modeklamotten preist er wohl auch an, mit der Sexikone Kim Kardashian ist er verheiratet. Zu seinem neuesten Werk soll es einen IMAX-Film als flankierendes PR-Element geben. Hm. Das alles mag seinen Rang als kreatives Wesen noch aufpoppen, allein mich langweilte seine Musik oft. Nur seine Musik. Sie löste für mich nicht mal das Versprechen des Größenwahnsinns ein, ihre Gesten erschienen mir hohl zu sein. Erleuchtung und Offenbarung waren für mich, rein von der Musik her!, allzu fern. Jedenfalls schien mir das Thema neue Ausdrucksformen zu suchen. Nun ist ja die Selbstüberhöhung in der Popmusik ein erprobtes Instrument. Allein Mr. West scheint da noch eins drauf setzen zu wollen. Bei mir erzeugt das nur jene Langeweile, die ich auch nicht mit dem Verweis auf jenes abgegriffene „Jeder nach seinem Geschmack...“ abtun kann.

"Szene"

Es scheint mir unter dem Popvolk, wie in der übrigen Gesellschaft! eine Verwirrung zu herrschen, die keineswegs kreativ ist und letztlich nur die Fraktionierung der Gesellschaft befördert. Alles, jegliche Diskussion, scheint sich in irgendwelche Nischen von Spezialisten zu verlagern, die „Auskenner“ dominieren überall und verteidigen ihre Claims erbittert. Alle anderen haben ja sowieso keine Ahnung! Daneben herrscht ein riesiger Markt von genormten Produkten, der die Masse Mensch überschwemmt und sie mit allen Mitteln zu überwältigen und zu überrennen versucht. Showbusiness as usual. Was ich bei Konzerten gesehen habe: Da scheint es immer noch die Männer in ärmelloser Lederweste zu geben, mit der Spoilerfrisur und dem in den achtziger und neunziger Jahren eingeübten Verhalten. Enge Sackhosen mit lederverziertem Schritt samt Cowboystiefeln und Luftgitarrenkult mit breitem Grinsen zu den alten Riffs. Soli bis zum Abwinken. Aber nur Gitarrensoli! Frauen scheinen hier nur ergebene "Fotzen". Mittlerweile trete ich ihnen anders gegenüber als noch vor 10 Jahren..... Beim andern Konzert sind die ehemaligen Hippies unter sich, mit unterlaufenen Augen und arg ausgebeulter Bluejeansjacke, die auch einige Gramm von irgendwelchem Zeug bergen könnte. Der verklärte Blick gehört dazu, die Nickelbrille und die Anrede „Du ah äh….“ Ich habe früher schon über solche Phänomene gestaunt und mir oft gedacht: „Wo kommen die her?“. Diejenigen, die auf der Höhe des Zeitgeists sein wollen habe ich auch im Blick... sie wollen "was Ordentliches, das knallt...". Sie sind oft finanzkräftig und stellen gerne ihr cooles Gebaren aus. Die Nerds laufen auch noch rum. Sie kennen sich zu jedem Detail aus, haben sich seriös informiert, wissen genau Bescheid und blicken etwas verspannt auf der Szene herum...

Anleihen

Ich erinnere mich noch, wie einst die Leute bekämpft wurden, die einen wie auch immer gearteten Brückenschlag zwischen folkloristischer Musik außerhalb des anglophonen Sprachraums und der gängigen Popmusik versuchten (Oberflächlichkeit war damals so ein gängiger Vorwurf, - als sei ausgerechnet Popmusik ein Beispiel für kulturellen Tiefgang!!, - von Kolonialismus und Imperialismus war gerne mal die Rede, von Dünnbrettbohrereien, Oberflächlichkeiten und zu schneller Effizienz (ich hörte in Gesprächen oft, das alles sei „zu schnell“ produziert und zusammengeschustert…). Positiv schien das so gemeint zu sein: Man wolle „fremde“ Kulturen ernster nehmen, ihnen nicht ihre Identität klauen. 

 

Mittlerweile ist es wohl an der Zeit, den Vorwurf umzudrehen und denen entgegen zu halten, die mit ihrer anglophonen Scheise die ganze Welt überschwemmen, die „ihre“ Popmusik als Maß aller Dinge sehen wollen, weil sie ja die großen Medienkonzerne samt Vertriebskanälen halten und dafür die Macht inne haben (jawohl, es geht um die Macht über Vertriebskanäle...). Jegliche „andere“ Musik wurde von ihnen als „irrelevant“ bezeichnet, damit sie den Markt mit ihren speziell formatierten Produkten besser überschwemmen konnten. Oft genug erhoben sie auch noch den Anspruch, sich mit ihrem Geschmack und mit ihren „Produkten“ als das Wichtigste der Welt und „Referenzpunkt“ zu verkaufen… Bah! Welche Arroganz! Klar, inzwischen hat sich der ganze Freizeitmarkt stark verändert, die sozialen Medien spielen ihre globale Rolle, die Popmusik ist als Showbusiness ganz und scheinbar mühelos ins Geflecht wirtschaftlicher Interessen gewechselt, usw. In Wirklichkeit scheinen mir aber diejenigen die Imperialisten zu sein, die andere überschwemmen, überwältigen und ausbeuten wollen mit ihren „Produkten“. Vorläufig noch…..

Times they are changing

Was mir anlässlich des neuen Albums mit Johnny Cash und Bob Dylan auffiel: Die einen, die neuen, machen blanken Mainstream-Pop und wollen sich nicht dazu bekennen, sie teilen mit, dass sie etwas ganz Besonderes geschaffen haben...etc.. Sie fühlen sich immer noch als etwas Besonderes, als Inkarnation des „Künstlers“. Die anderen, die alten, kramen irgendwelche Bänder aus irgendwelchen Archiven und entdecken darauf Material, das sie schleunigst veröffentlichen, gebenedeit durch ihre eigene sonnige Ausstrahlung einer großartigen Bedeutsamkeit. Das Popgeschäft scheint mir sehr dekadent geworden zu sein, wobei sich „die Alten“ gerne anschließen, solange ein bisschen Kohle für sie heraus kommt. Es geht in diesem Showgeschäft nur um das Geld, was so neu nicht ist, in dieser Radikalität dann aber doch überrascht. Es müssen Villen, tausend „inoffizielle“ Kinder finanziert und ein gewisser Lebensstil gesichert werden, - zudem bedeutet Geld Anerkennung. Die großen Namen schlachten ihren Namen noch einmal aus, lassen in vergangenen Zeiten und deren Bezüglichkeiten schwelgen, während sie selbst in ihrem Egoismus zu baden scheinen. Sie verraten so ziemlich alles, wofür sie einmal zu stehen schienen, sie werden dabei Millionäre und Milliardäre und wirken gerne am Geflecht dieser rücksichtslosen Realität mit, sie reihen sich ein und bestärken sie. Die neuen wollen Kunst produzieren und bedienen dabei einen Massenmarkt. Worin die Widersprüche liegen, wird gerne als neue Unübersichtlichkeit und Notwehr getarnt oder verklärt.

Schubladenmusik

Format, Schublade, Scheuklappe, Kisten, Denk- und Fühlklischee? Mir fällt auf, dass eine gewisse Neugier und eine prinzipielle Offenheit gewissen Spielformen der Musik gegenüber total in die Defensive geraten ist. Da wird nur noch das gehört, was die Vielen Heavy Metal nennen, Deep House, Club, Pop, Progressive, Elektro, Folk, Alternative, Ambient, Country, Indie (und noch vieles andere). Wahrnehmungsblasen, Resonanz- oder Echokammer, geschlossenes Weltbild sind angesagt. Dabei wäre meiner Meinung nach diese spezielle Offenheit dem Unerwarteten ein positiver Zug der Musik generell gegenüber, der unser Bewusstsein offen zu halten imstande wäre. Gängige Argumente dagegen sind aber: Man könne nix anfangen mit einer gewissen Art von Musik, man kenne den Code und die Zusammenhänge nicht, sie gehöre einer gewissen Szene an, die man sowieso nicht verstehe und der Maßstäbe man keineswegs teilen könne... usw. Dabei ist es doch genau dies, was einem neue Perspektiven und Ausblicke verschaffen könnte. Das Überschreiten von Denk- und Fühlklischees, das Kennenlernen anderer Erfahrungsräume und Motivationen, das spielerische „Sich Vortasten“ in andere Erfahrungsräume, das könnte das Neue ermöglichen und Leben ausmachen oder nicht? Wieso Beschränkungen akzeptieren, die oft genug auch noch in einem bestimmten geschäftlichen Interesse gesetzt sind? Ja klar, wir wollen Schneisen schlagen, wir brauchen Muster, um etwas zu erkennen, wir wollen Orientierung, wir wollen etwas begreifen…. Doch erscheint es mir ein ungünstiger Einfluss zu sein, den da gewisse Radioformate, gewisse Streaming- und Hostdienste ausüben. Sie fördern das Denken in Schablonen, das einem Ur-Impuls der Musik krass entgegenläuft, das ihm total widerspricht. Wer sich als Künstler sieht, sollte das extrem nachempfinden können, - doch leider ist es so, dass gerade hier das Schubladendenken extrem verbreitet ist. Fixierung ist angesagt, auch wenn es anders genannt wird.

Bedürfnissbefriedigungsmaschinen

Ich scheine langsam aber immer intensiver zu begreifen, dass auch und gerade die Popmusik ein Medium, ein Mittel zu sein scheint, das in eine Technik der sozialen Verdrängung zu führen scheint. Sich hinweg träumen, sich ablenken, sich betäuben, sich suhlen und dann aufgehen in einem Gefühl der Masse, oder in kollektiven Genuss, könnte eine Strategie sein, die politisch sehr gefährlich sein könnte, die im wirtschaftlichen Sinne aber "etwas" sein könnte, um "etwas" besser zu verdauen, - aber keineswegs mit ihm fertig zu werden. Gerade der deutsche Schlager in seiner vergangenen, aber auch in seiner aktuellen Form, könnte dazu viele sehr offensichtliche Hinweise liefern. Aber auch die internationale Popindustrie samt ihrer Ablegern in der Nostalgie- und Mechandisingindustrie liefert dazu Anschauung. Es könnte darum gehen, „Spass zu haben“, sich gut zu fühlen, abseits aller garstigen Realität. Technokraten der Seele (oft Psychologiestudenten) erfüllen spezialisiert darauf einen "Job". Das innere Erleben also, das oft nicht reich sein muss, sondern meist (wie bereits erwähnt) recht normiert in ein Aufgehen in der Masse oder dem von der Industrie geschaffenen Kollektiv mündet, - einem einig sein (mit sich und den andern) damit, - könnte dabei erleichternde Effekte liefern, könnte eine Art Ventil für die Verhältnisse abgeben. Die künstlerische Ausdifferenzierung scheint unter diesem Aspekt nur eine Methode dazu zu sein, dass „jeder Topf sein Deckelchen findet“, also bestimmte Bedürfnisse vergleichsweise differenziert befriedigt werden können (was generell eine Methode der Wirtschaft zu sein scheint).

Es geht also um Bedürfnisbefriedigung, um Produkte, um Marketing, um die teilweise raffinierte Verknüpfung von Bedürfnissen und Produkt, - (sehr viel) weniger um künstlerische Anstrengung. Dazwischen haben sich aber doch Individuen durch künstlerische Bemühung heraus gebildet. Künstler scheinen mir in ihrer Mehrzahl allzu bereit zu sein, ihrem eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Fortkommen zunutze, dies in all seinen Erscheinungsformen zu akzeptieren. Sie machen sich zu gerne zu Sklaven, Ausnützern und Tricksern, wenn sie entsprechend abgegolten werden. Gewisse Formen des Showgeschäfts scheinen diese Erkenntnis zu unterfüttern und geradezu bestärken zu wollen. Modernere Formen von solchen Bedürfnisweckern und „Hinweise“ gebenden Bedürfnisbefriedigungsmaschinen, von der Industrie geprägten Absatzförderern und Konsumagenten wie etwa Influencer (die meist so gar nichts Künstlerisches an sich haben...), scheinen mir gerade in einem solchen wirtschaftlichen Prozess sehr passgenau zu agieren. 

Fluchtweg Schlagerpop

Was wohl Leistungssport und Schlagergeschäft gemeinsam haben? In beiden Bereichen wird oft und gerne behauptet, man sei „unpolitisch“, überhaupt sei man in einer Branche, die ganz und gar „unpolitisch“ sei. Sich von allem Politischen abzuschotten, mit der schmutzigen Politik nichts zu tun zu haben, das wird da dauernd behauptet und für sich in Anspruch genommen. Aber, beim besten Willen,  wie soll das möglich sein, in einer Gesellschaft, deren vorgegebene Lebensverhältnisse nahezu alles durchdringen? Es könnte sogar so sein, dass es extrem politisch ist, zu behaupten, man sei unpolitisch. Es könnte eine Art Haltung sein, die den Schlagerpop und den Sport vereinen, die eine große Gemeinsamkeit darstellen.

Dabei erscheint es mir im Leistungssport fast noch grotesker, zu behaupten, man sei unpolitisch. Die, die das behaupten, steigen in ihre Groß- und Prahllimousinen, um genau auf diese Weise zu demonstrieren, wie sehr ihnen ein bestimmtes politisches System nützt, wie gesellschaftliche Verhältnisse ihre privilegierte Lebenswelt stützen. Werden auch die Olympischen Spiele unter seltsamen Vorzeichen veranstaltet, von einer Funktionärsclique, die angesichts von Skandalberichten über unwürdige Arbeitsverhältnisse in einem der reichsten Staaten der Welt wenig Unrechtsbewusstsein ausstrahlt. Auch scheint die Propagierung von autokatischen Weltsichten und konkreten Machtansprüchen seitens "der Politik" sehr beliebt: Der Sport macht mit, er ist dabei, die „Aktiven“, besonders die Leitfiguren, die das Leistungsbewusstsein direkt und indirekt in breite Bevölkerungsschichten drücken sollen. Sie strahlen und lächeln nach „Erfolgen“ und Medaillen, was viele im Publikum für sich zu brauchen scheinen. Kein Wunder, denn sie, die da in der Masse verschwinden, sind ja so programmiert und dressiert. „Was der für ein Menschenbild hat?“ würde da der Fernsehmensch Markus Lanz fragen. Soll er mal unverbindlich in eine Wissenschaft namens Soziologie rein schauen. Sie wagt sich ebenfalls zu solchen Erkenntnissen vor und gibt dem Vorgang der Dressur so technokratisch klingende Bezeichnungen wie „Sozialisation“. Immerhin: Sie erlaubt statistisch unterfütterte Aussagen zu einem (späteren) Verhalten. 

Dass im Leistungssport das Ganze auch noch mit einem unsäglichen Medaillenspiegel und seltsamen Ritualen wie Hymnen und Fahnen verquickt wird, dass im öffentlichen Raum dauernd von einem „Wir“ ("Wir gewinnen, wenn wir über die Flügel spielen, wir sollten mehr über die Außen kommen, wir haben heute eine Medaillenhoffnung am Start...") und einer nationalen Gemeinsamkeit ("Wir Deutschen....") geredet wird, setzt dem Fass die Krone auf. Unpolitisch? Keineswegs. Doch die Wettbewerbe und Preisverleihungen im Popgeschäft scheinen diesem Muster ja zu folgen. Nach amerikanischem Vorbild. Erfolge werden in Umsatzzahlen gemessen und mit Preisen der Industrie belohnt. Sie scheinen mitzuhelfen, wenn Popleute behaupten, ihre eigene Welt um sich herum aufzubauen, die nichts mit der Politik zu tun hat. Beliebt sind in der Popwelt aber auch gut bezahlte Sondergastspiele bei Potentaten und Diktatoren aller Art.  „Positive Welten schaffen“ so lautet im Pop das oft verkündete Credo, dem die Vielen so überaus gerne zustimmen. Das Vergessen, Entfliehen und Betäuben mag dabei auch seine Rolle spielen.  Wichtig. Wege aus dem Alltag heraus.....

Sternengriff

Da krakelte noch vor kurzem der große Lemmy mit seiner Warze auf den Bühnen dieser Welt herum. Rechtzeitig hatte er seine Figur heraus modelliert, stand für etwas und war damit bis zum Ende erfolgreich. Aber sterblich war er doch, auch wenn er von sich möglicherweise das Gegenteil behauptete, - wie berichtet wird. Jimi Hendrix griff nach den Sternen und genoss im Übrigen die Gnade der frühen Geburt. Jaco Pastorius ersoff im Rausch und viele andere folgten ihm nach, als Reflektion des Zeitgeists. Nach den Sternen greifen. Die Gemeinsamkeit zwischen Musikern und Drogenleuten. Was ist dieser damalige Zeitgeist heute noch wert? Es wurde gestorben, der Tod fraß Vieles auf. Die Hippies sind ein verblasster Mythos, sie wollten viel und erreichten nichts.

 Interessiert sich noch jemand dafür, oder sind wir schon längst weiter auf unserem Weg in den Abgrund? Ein großer Romanautor bringt seinen tausendsten Roman auf den Markt: Er hat es raus, gewiss. Eine Figur der Kultur. Damen sind im Zeitgeist geschminkt, Herren sind sowieso nicht mehr das, was sie einmal waren. Die einstigen Berufsjugendlichen sind grau geworden, da ist nichts mehr zu verbergen. Eric Clapton, so geht die Kunde, müsse jetzt auf die Bühne geschoben werden. BB King hat es ihm wohl vorgemacht. Einzig der unverwüstliche Jeff Beck macht auch mit Lederhaut immer noch sein Ding, stiefelt mit Sternentönen einher und formt etwas, das er durch die Zeit treibt. So privilegiert müsste man sein! Das alte Ideal des Rock‘n Rollers hochhalten. Amy Winehouse? Tragisch! Ach ja, die Rolling Stones sind auch noch da und absolvieren offenbar eine weitere Luxus-Tournee…. Man ist inzwischen so weit, dass man das gut finden kann. Auch sie, die Stones, sind eine Spur der Zeit, doch welcher? Die neuen Wilden sind inzwischen längst die alten Wilden und Wim Wenders schauet mild auf dem Tisch herum. Die Struwelpeters, gewiss, sie sind verschwunden. Sie sind nicht mehr korrekt, so sagt man, so sagen gewisse Leute. Keith Emerson hat längst aufgegeben, nachdem ihm Jack Bruce ein Beispiel gab. Sie haben alle mit Wasser gekocht, so die Entdeckung heute. Stephen Stills soll eine Villa in Beverly Hills bewohnen und sich über die Ruchlosigkeit der gegenwärtigen Popszene beklagen. Überall Verkäufer. Besonders viele scheinen sich in der Popszene zu befinden. Sie sind pünktlich zur Stelle bei großen Events, bei denen sie ihre „Kunst“ gegen Eintrittsgeld verkaufen. Selbst die Sternstunde von einst kostet jetzt Geld. Sterne sind zu "Stars" geworden. "Prominente". Jack Nichelson geistert mit irrem Blick hindurch. Er hat einst diese irren Träume bevölkert, die einem jetzt verkauft werden sollen. Populismus, was ist das? Hat das etwas mit Popstars zu tun? Die original Batik-Gedächtnis-T-Shirts sind heute teuer…. Vietnamkrieg? Verrückte „Bewusstseinserweiterung“? Die einstigen Protestonkels geben sich inzwischen alle Mühe. Richard Nixon wollte sich als präsidialer Zampano verkaufen und scheiterte kläglich. Die Lüge ist jetzt der neue Glaube und überhaupt: Alles wird gut. Manager, Geschäftemacher und Halsabschneider haben längst die Macht übernommen und lassen sich abends und morgens per Helicopter ins traute Heim fliegen. Das Tolle: Sie akzeptieren das alle. Müssen eine Familie versorgen, ein Haus abzahlen. Wollen weiterleben. Können es sich leisten oder nicht leisten…. 

Angestelltenpop

Der gut angezogene und abgewaschene Angestellte zeigt mir mit einem Lächeln, wie man mit dem Computer „richtig“ Musik macht. „Nachmachen, aber nicht jeden Ton, sondern das Schema erfassen“, so seine Empfehlung. Dass Musik eine Abenteuerfahrt sein könnte, ein aufregendes Experiment, vielleicht sogar eine Suche nach Menschwerdung, dass man damit etwas sehr Persönliches transportieren könnte, scheint in seinem Kosmos nicht vorzukommen. Der Gesamtzusammenhang des Menschen, sein Ausdruck, scheint auch keine große Rolle zu spielen. Es geht darum, etwas „richtig zu machen“ möglichst schnell und effizient zu einem Ziel zu kommen, das in der Popmusik klar definiert ist: Beliebtheit, Umsatz….. Ein Prozess der Effektivität, technisch optimiert. Er macht auch Werbejingles „für die Industrie“ und scheint davon gut leben zu können. Ich lasse meine Phantasie spielen und komme zu dem Ergebnis, dass ihm wohl etwas von den „Vorgesetzten“ in Umrissen geschildert wird, was er realisieren soll. Er nimmt diesen gegebenen Rahmen und füllt ihn mit seinem eigenen Tun aus. Aber: alles ist vorgegeben. Das Ergebnis wird verworfen oder akzeptiert. Wie bei einer Werbeagentur. Das alles, der ganze Prozess mündet dann in das, was er selbst und viele andere Personen gerne als „professionell“ bezeichnen. Er stellt seine Person in den Dienst der ihm vorgegebenen Sache und kassiert Kohle dafür.

 

Ich merke, wie ich jetzt empfänglich für seine Tipps werde. „Ach, das habe ich auch noch nicht gewusst…!“. „ach, das geht so einfach!“?, „ach, das klingt ja gut….“. Man „produziert“ Musik, wird Teil einer Kampagne zur Überwältigung von Menschen. Kaufen und konsumieren heißt das Ziel. Bis jetzt habe ich das noch nicht so anstandslos geschafft. Ich hatte wohl zu viele Bedenken. „Komponieren“ heißt hier die Aneinanderreihung von Mustern, die man tunlichst beherrschen sollte. 

Vom Musiker zum Know How-Spezialisten

Heute tun Sparkassenangestellte und beschlagene Technokraten Dienst im Musikgeschäft. Sie sind die Direktoren und Gebieter des Geschehens. Sie zeigen einem, wie's geht. Man wird von ihnen unterwiesen in allerlei Techniken, - selbstverständlich in kostenpflichtigen Kursen, die sie dann leiten und die ihnen eine gute Einkommensgelegenheit samt Aufmerksamkeitsfaktor bescheren . Zuerst scheint es darum zu gehen, ein musikalisches „Produkt“ zu schaffen, das "auf der Höhe der Zeit" ist. Der Umgang mit der gängigen Software ist – wie in anderen Berufen auch – das A und O. Das kann heißen, dass im zu erstellenden „Produkt“ Gimmicks und Features vorkommen sollten, die jetzt gerade angesagt sind, die die Leute scheinbar hören wollen, die in den Charts sind. Gewusst, wie! scheint die Devise zu sein. Sie wissen es, sie zeigen es, so wird einem suggeriert. Es geht offenbar nicht mehr darum, möglichst kreativ zu sein, indem die Grenzüberschreitung gesucht wird. Es zählt vielmehr eine Art Kreativität im Kleinen, eine bestimmte Aufgabe, eine Konstellation, die eingebettet ist in eine größeres Projekt. Danach geht es darum, das Produkt möglichst gut und effektiv zu verkaufen. Sich verkaufen ist ohnehin das Wichtigste. Das Internet erlaubt heute eine Selbstvermarktung, für die man nicht notwendig eine Plattenfirma (wie früher) braucht. Doch das Tückische Daran: der oder die einzelnen können nicht überblicken, welche Aspekte das „professionelle“ Geschäft alles umfasst: Marketing, Platzierung in den social media, Covergestaltung, Präsentation, Booking, Besetzung bestimmter Medienevents, Erzeugung von speziellen Effekten in der Musik und außerhalb, wozu auch generell eine optische Präsentation und die mit allen Mitteln angestrebte Erregung von Aufmerksamkeit sowie ihre Bewahrung gehört. Sich platzieren im Ensemble des Ganzen (im "Markt"), per Facebook oder Youtube, die Medienkanäle für sich nutzen, aber auch per Homepage (mit ihren Abverkaufsmöglichkeiten): das ist die Aufgabe, die sich stellt. Was entsteht so? Marktwirtschaftliche Musik. Verschiedene spezialisierte Akademien können einen das lehren.  Sie werfen jedes Jahr weitere "Bewerber" als Absolventen aus.....die womöglich alle dasselbe gelernt und verinnerlicht haben. 

Frühe Impulse

Das sind Notizen, die ich zu meiner eigenen Musik gefunden habe: "Ich will mich nicht perfekt akademisch abgestimmt und unterfüttert in die Techno-, Elektro- und Popszene schleichen, um dort als „Alleskönner“ zu brillieren..... ich will mich dazu auch nicht "spezialisieren", sondern will den Ausdruck, der meinem manchmal sprunghaften und widersprüchlichen Ego entspricht….. (was niemand von mir annimmt...ich gelte wohl weithin als genau kalkulierender „Hirni“). Ich will etwas vom ursprünglichen Punk-Impetus in meiner Musik haben, vom Dilettantischen, Expressionistischem, das auf dem subjektiven Ich beharrt und es gegen den vermeintlichen Feinsinn der „Kulturmenschen“ setzt (da ist beispielsweise der Einfluss des „Steinzeitmenschen“, ich fühle mich zu ihm hingezogen….). Ich will das „Primitive“ preisen, das "Unbehauene", das, was in unserem Rückgrat haust und uns über viele Jahre hinweg zu Menschen gemacht hat, wie es sie heute gibt (bald nicht mehr?), es gibt Zeugnisse des frühen Willens zum Ausdruck (die mich immer faszinierten...), aber da ist auch die Evolution, die schillernde, der Mensch will sich derzeit mittels Hilfsmittel darüber erheben. Ich will die Improvisation gegenüber der Berechnung verteidigen, die Improvisation gegenüber der Komposition. Ich will auch in die Hölle, in das Unangenehme, Ekelhafte und Hässliche eintauchen und ihm akustische Konturen geben, sie einbeziehen in den Kosmos meiner Möglichkeiten....denn es ist ohnehin in uns......"

Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen? 

Duo wiederentdeckt

Wieder einmal gehe ich meine Tonträger-Sammlung entlang. Diesmal aber ziemlich zielgerichtet. Ich bin durch einen Facebook-Post auf Hall & Oates gekommen. Wie konnte ich die beiden wegdrücken? Ihre Namen vergessen? Ihre Platten waren sehr wichtig für mich. Heute werden sie hierzulande gepriesen, weil sie mit „Blueyed Soul“ die Wegbereiter für Simply Red gewesen seien. Quatsch! Sie waren absolut erstklassige Songschreiber, die einen Maßstab abgaben für alle, die auf diesem Feld tätig waren! Das, was sie machten, war wichtig. Sie konnten Elemente des Songs sehr wirksam einsetzen und blieben dabei immer noch Pop. Komplex, aber eingängig. Lächerlich, wer glaubt, „Maneater“ sei ihr Aushängeschild! Das lag auf dem Weg, passte sich ein in das Konzept eines Albums! Das war eine Richtung, in die sie eine Weile gingen. Das Schöne und das Grausame, - direkt nebeneinander. Ineinander übergehend. Die knarrenden Bässe, und das Bumbum-Schlagzeug, das war damals Zeitgeist. Damit reflektierten sie, was um sie herum vorging. Damit brachten sie es in eine eigene Sprache. Ich ziehe Vinylscheiben heraus. Von Hall & Oates habe ich relativ viele. Wie sie mit dem Gesang umgingen, das war klasse. Ich ertappe mich, wie mich dies uralte Material immer noch bezaubert und bestrickt, wie sie mich rumkriegen, wie ich emotional die zuckersüßen Elemente in das Ganze einfüge und auf diese Weise etwas von ihrer Phantasie habe! Wie sie mich kriegen! Ob das etwas mit der Idee von Pop zu tun hat? Ich lasse mich treiben und bin froh, dies Duo für mich wiederentdeckt zu haben.  Oates ist gestorben, aber Hall ist immer noch unterwegs......

Samt vom Piano

Was ich gerade höre: Sachte und samten lässt er Pianotöne gleiten. Sie schleichen sich mir spätabends und frühmorgens ins Gehör und wirken auf mich nie aufdringlich, entfalten aber eine eigene Wirksamkeit, - je länger, desto mehr. Nachthaltig? Nachtclub? Ach wenn es doch solche Nachtclubs gäbe! Jacob Karlzon hat seine CD „Open Waters“ genannt. Ich lege sie unwillkürlich immer wieder ein, nehme ein Bad in ihr, lasse mich umfangen von diesen Tönen, die oft im klassischen Pianotrio wie damals bei Esbjörn Svensson daherkommen, versetzt mit ein bisschen unaufdringlicher Elektronik – um dann aber eine eigene Dynamik zu entfalten, mich mit ihrer Atmosphäre zu umstricken. Jaja, der Anschlag, - man wurde lange in der Klavierstunde gequält damit. Man sollte dies und jenes...! Er scheint das aber intuitiv richtig zu machen! Es geht Richtung Meer damit, ins Freie hinaus. Im Pressetext dazu lese ich: „Ein Meer, das man nun zu sehen, zu riechen, zu hören glaubt“. Stimmt. Aufgehoben sein im Meer, im Urvertrauen, darin untergehen….. ach solche großen Worte! Es ist aber etwas dran, es geht für mich tatsächlich davon aus. Es „zieht mich hinan“, würde Goethe sagen. Der Dichter zielte damit auf „das ewig Weibliche“. Von mir aus auch das. Wer aber ist dieser Jacob Karlzon? Offenbar einer, der über das Vorzeigen von technischen Fähigkeiten hinaus kommen will. In Göteburg hat er sein Album aufgenommen. Alter Schwede! Für mich eine Neuentdeckung. „How it ends“, „Ever Changing“, „Panorama“: Kopfkino? Hindurch gleiten, sich um- und überspülen lassen, es kommen lassen.

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Popdekadenz

Es gibt nichts und niemanden mehr zu beweihräuchern in der Popindustrie. Schade. Über die Stones und ihre angeblich so exzentrischen Eskapaden wollen wir nun wirklich nichts mehr lesen. Diese dekadenten Säcke nötigen mir keine Kommentare mehr ab, ihre Musik schon noch. Neil Young ist auch mit vielfach in „Harvest“-Weinerlichkeit gefaltetem Gesicht noch aktiv. Grobschlächtig, gewiss. Holzen und Dreschen. Er sei der „Godfather“ des Punk, - basta! So geht die Kunde. Das gibt es jetzt keineswegs mehr am Fließband der Aktualitäten. Gevatter ahoi! Dylan ist jetzt sogar durch den Nobelpreis geadelt. Der Vorzeigepoet schlechthin, für viele. Macht aus der Preisverleihung eine Show, er lässt erscheinen. Typisch, - so meinen die Fans. Ziemlich eitel, so finden die Kritiker. Dabei ist er vielleicht ein Schelm, dieser Sinnproduzent des Verqueren. Rootstock forever! Auch Sting ist mit seinen zahlreichen Schlössern und gesammelten Sportwagen weit weg vom ehemals engagierten Image als Regenwaldschützer. Ach ja, „Fields of Gold“. Früher war alles besser und überhaupt: Hendrix der Übervirtuose. Ob sich die Erinnerungen noch einmal neu verkaufen lassen? Mark Daddler dödelt auf seiner vergoldeten Gitarre das Neue, das in Wiederholungen des Erfolgreichen besteht. Zur Marke geworden. Füllig und feist. Das letzte Bier ist getrunken. Das alte, Ungehobelte zieht noch. Schlimme Finger. Zu den Wurzeln zurück. Black Sabbath und Alice Cooper. Mitklatschen. Es krachen lassen. Ja klar, was denn sonst?

Der Jubel und die Anbetungsprosa sind verebbt, die Helden lassen sich in gesetzten Worten im Edelzwirn über die Unflätigkeiten der Wirklichkeit aus, um sich gleich anschließend zum unterwürfigen Luxusinterview in die Luxusherberge chauffieren zu lassen. Gutes Design ist wichtig, Style und Spass auch. Die Schleimer des Hofstaats sind mehr geworden, eindeutig. Dass die Tonträgerindustrie in einer Absatzkrise steckt, erfahren wir seit Jahrzehnten: es hängt uns zum Halse heraus. Noch einmal anknüpfen an die großen Erfolge? Phono und Porno? Irgendwas gemein? Langeweile. Abgestandenheit. Konsum-Verfurztheit. Es gibt keine neuen Helden, die alten sterben aus. Sie hatten Glück: waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Wurden irgendwie zu neuer Kunst. Und „Sounds“ berichtete darüber. Jack White ist ausgeleiert. Der Indie-Gitarrist. Seine Lieder werden jetzt im Stadion gesungen. Was heißt da jetzt? Seit langem! Die einstmals jungen Helden sind jetzt Helden der Nische. Willfährige Journalisten bereiten ihnen ihre subtilen Interpretationen zu. Blöd nur, dass das außer ihnen selbst niemand interessiert.

 

Woodstock, ein Winken

Ach ja! Woodstock hatte „Jubiläum“. 15. August 1969. Auch schon vorbei! Ein schöner Traum ist halt nicht nur tagesaktuell. Love und Peace und all das! Eine für diesen Sommer geplante Wiederauflage ist aus Geldmangel gescheitert. Alleine schon das ist kennzeichnend. Die Helden von ehemals sind inzwischen gestorben, vergessen oder Besserverdienende, die sich mit tausend Reunion-Partys und -Tourneen um ihr finanzielles Fortkommen kümmern. Das Wetter soll damals nicht gut gewesen sein. Wir saßen viel zu spät in den Siebzigern im viel zu trockenen Jugendhaus in verfurzten Altsesseln und sahen per „Woodstock“- Film (woran sich ein Medienkonzern einen Arsch voll Geld verdient hat...) die Szenen, wie sie sich wonniglich genussvoll im Schlamm wälzten. Wer? Sie? Diejenigen, die sich nach „Freedom“ sehnten, wie Ritchie Havens damals sang. Sex & Drugs & Rock' n Roll? Und Trips? Änderung der Verhältnisse!, - wie nebulös auch immer! Heute hören wir Erinnerungen von Helden (weniger von Heldinnen...! außer natürlich Joan Baez....) des damaligen Geschehens, die das wie einen sentimentalen Traum aus der Kindheit oder Jugend erzählen. Free Concert? Klar ging das finanziell in die Binsen! Musste ja.... Es herrschen heute Megastars - nicht Jimi Hendrix! "Stadionrock heizt ein" und verlangt dafür nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gebührenden Eintritt. Um diese scheinbare Insel der Glückseligen herum war alles politisch und ökonomisch, was die damaligen Wohlfühl-Freakys ein bisschen unterschätzten. Es soll heute bekannte, angehimmelte und in Ehren alt gewordene Musiker gegeben haben, die damals schon mit der Bezahlung nicht einverstanden waren. Ach ja. Vornherum und hintenrum. Lüge und Realität. So etwas kann besoffen machen.....

Neu,- durch's globale Dorf getrieben

Es scheint wohl stets dasselbe zu sein (und ein Muster, das sich unter herrschenden Bedingungen in der Popmusik immer wieder wiederholt): es wird ein Album (?, was ist das im Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit?) von „Kulturkundigen“ in den Himmel gelobt. Bahnbrechendes wird versprochen, Großartiges würde auf den Hörer herniederkommen. Tolle Refrains (?, bei Auflösung gängiger Songformeln?), Kunst und Freiheit allüberall, ein überwältigendes Gefühl. Für die Zukunft gültig, - keine Frage. Verbindung zwischen Unterleib und Gehirn, zwischen Testosteron und Nüchternheit, zwischen rechter und linker Gehirnhälfte….. ach was? (ob man das schon mal gehört hat?) Ursprünglich sei‘s, fett und groovig, die Grenzen auslotend und weit weg vom Mittelmaß. Ach so. Sphärig, spirituell, esoterisch korrekt und mit unerhörten Samples. Und überhaupt: transzendent ansprechend. Aha. Ich lese etwas von „gurgelnden Synthesizern“ und bin gespannt. Funk, Jazz, Hiphop: alles nur Grenzen, die es zu überschreiten gilt. Gut so. Aufmerksam als „Underdog“ sein. Den Protest der Straße in die Smartness des Jet Set überführt. Kann das sein? Auf jeden Fall: Klasse! Wie eine Rakete, besser: wie ein Meteorit eingeschlagen. Ins Irgendwo und ins Nirgendwo. Ähhh…? Das Traditionelle aufnehmend. Trotz und Rotz, von anderen Musikern verehrt, gesellschaftskritisch und „progressiv“ (was das wohl heutzutage bedeutet?). Man kommt da nicht mit…. Also flott den Sound besorgt und: Man ist enttäuscht, so, wie man schon tausend mal enttäuscht war. Ich hätte es besser wissen müssen!, so die Blitzerkenntnis. Die Offenbarung ist‘s wohl nicht, eher ein Zeugnis der Vorlieben der rezensierenden Person, die stets auf dem Laufenden bleiben will. Das Laufende. Ist hip. Ist ex und hop. Wer erinnert sich noch an Banks? Bloß als Beispiel. War damals das Größte überhaupt. Damals. Wer erwähnt sie jetzt noch? 

Rock'n Roll zu verkaufen

Das fing doch schon sehr früh an. Ich erinnere mich an ein Konzert eines hochgelobten britischen Gitarristen, dessen Konzert vollkommen bepflastert war mit den Werbebotschaften eines Unterhaltungselektronikherstellers, der wohl global tätig war. So kam und ging so manches Konzert, dessen beide Screens rechts und links der Bühne teilweise sehr aufdringliche Spots und Werbebotschaften versendete. Unbewusst ließ das in einem Fragen aufsteigen. Flankiert wurde das ganze Geschehen meist mit dem sogenannten „Merchandising“, wenn völlig überteuerte T-Shirts mit dem Konterfei und der jeweils aktuell aufgedruckten Tournee des Großkünstlers sowie allerhand anderer Tand feilgeboten wurden. Sehr fleißig und in großer Stückzahl wurde dies natürlich in Verehrung des Auftretenden gekauft. 

Man schien sich daran zu gewöhnen, es wurde normal, schuf aber ziemlich aktiv eine Atmosphäre, in der man sich als „Verbraucher“ vorkam, als Konsument, der mit allen Mitteln abgezockt und mit den Werbebotschaften der Sponsoren zugedeckt wurde. Blöd nur, wenn es sich dabei um alte Helden handelte, die früher vielleicht einmal gegen die Zwänge der Konsumwelt und der bürgerlichen Gesellschaft anmusiziert hatten. Irgendwann wurden dann auch statt, wie früher, der Feuerzeuge die Smartphones hochgehalten, die per App auf „Taschenlampe“ gestellt waren. Sehr romantisch, das. Jetzt, so höre ich, werden sogar Chips am Eingang verteilt, die Daten zum Veranstalter senden und die der kollektiven Begeisterung dadurch Ausdruck verschaffen sollen, dass sie zentral gesteuert und auf das Bühnengeschehen abgestimmt beispielsweise in verschiedenen Farben schwelgen. Nebenher geben sie noch über den Getränkekonsum bei gewissen Stilarten Auskunft. Überhaupt bei allen Spielarten und Stilarten.  Wie das korreliert. Die Bediensteten sollen somit auch weniger bescheisen können. Dies scheint auch mit elektronischen Armbändern gut zu funktionieren. Gleichschaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Datenverwertung und Algorithmus. Überwachung im großen Stil. Vollverwertung. Und niemand scheint sich daran zu stören. So wandert zunehmend etwas ein in die Popszene, das zumindest erkannt werden sollte. 

Persönliches Einheizen

Ich las neulich eine Posse, in der jemand, der für eine Zeitung als Kritiker unterwegs ist, sich lustig machte über die Formulierung „sein persönlichstes Album“. Ja klar, das war auch bei uns ein Running Gag, über den man sich nicht mehr einkriegte. Wenn dann von Live-Konzerten die Schreibe war, so war bei eher unbedarften Geistern des Alltagsgeschäfts stets zu lesen, wie sehr doch die Band (oder der Künstler) dem Publikum „einheizte“. Haha. Darüber muss ich auch heute noch grinsen. „Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“, dieses und viele andere abgegriffene Zitate von gutbürgerlichen Philosophen fallen einem dazu ein. Man lachte jedenfalls heftig ab, wenn einem solche Formulierungen unter kamen. Es scheint Klischees der Akzeptanz von künstlerischen Bemühungen zu geben, die auf mehr oder weniger blümerante Weise zu signalisieren scheinen, dass der Autor mit dem akustischen Ereignis so richtig gar nichts anfangen kann. Dass er versucht, das jeweilige Ereignis in seine eigene Lebens- und Erlebniswelt einzulehnen. Dass er gerne kollektive Redewendungen verwendet, über deren Bedeutung er sich nie wirklich Gedanken gemacht hat, - genauso wie das Publikum, das solche „Ereignisse“ genauso wie ihre populären „Kritiken“ zu goutieren scheint.

Gerade bei der Popmusik scheint es so zu sein, dass sich ein Ereignis mehr oder weniger mühelos in eine bestimmte Erlebniswelt einfügen sollte. Etwas ist gut, wenn es „abgeht“. Super. Voll geil. Das „heizt“ dann „ein“. Das stimuliert offenbar etwas Kollektives. „Ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss….“ hieß es früher etwas abfällig im Bildungsbürgertum, dessen hoch subventionierte Bildungsmusik natürlich nicht abgehen musste. Es genügte in diesem Falle vielmehr, wenn Musik weitgehend unverständlich und also „künstlerisch“ war. Distinktion, - sich absetzen von der Masse.... so die elitäre Funktion. Die Masse freilich schien eine Art „Mehrwert“ für sich aus der Musik generieren zu wollen. Es musste so richtig abgehen. Es musste ein Stimmung entfacht werden. Je mehr Stimmung, desto besser….. es musste und sollte populär sein. Man musste mitsingen können, mitschunkeln, die Feuerzeuge oder Smartphones schwenken, man musste den Alltag vergessen können, man musste einfach Spass haben",..... ja, das musste schon möglich sein. Ein akustisches Erlebnis nicht zu reflektieren, sondern es in eine populäre Mainstreamwelt überführen zu versuchen, dies schien mir eine Grenzlinie zu markieren zwischen einem "Bericht" und einer "Kritik". Da musste man drüber kommen. Das war einem als Aufgabe gestellt. Schließlich wollte man die reale Welt samt ihrer akustischen Absonderungen (besser) verstehen. Doch mit was hatte man sich auseinander zu setzen? Hauptsache mitmachen, Hauptsache das Gefühl, dabei zu sein. Erst linke Hälfte des Publikums, dann rechte Hälfte. Dann beide zusammen: mitsingen, mitmachen, mitklatschen…...Stimmung! Was konnte man jetzt daraus machen, wie konnte man so etwas "reflektieren"? Hier fing erst die Schreibe über Musik für mich an. Solche Mechanismen bedeuten etwas, etwas , was für den jeweiligen Künstler möglicherweise typisch war. Möglicherweise. Möglicherweise aber auch für populäre Musik insgesamt..... 

HipHop und so.....

Ach ja, Hiphop...Jugendkultur und so…….Am Anfang dachte ich noch, da würde ziemlich viel Ironie und Unberechenbarkeit dahinter stecken. Das konnte man ja nicht ernst nehmen, das Gehabe mit den Goldkettchen, den „Bitches“ und den großen Limousinen. Ach, dieser Machismus, dieser lächerliche Manneskult - sollte man das ernst nehmen? Mit der Zeit begriff man, dass es sehr wohl ernst gemeint war, dass man sich als Bewegung „von unten“ und als "Neue Jugendkultur"  verstand - und dass das als Accessoire, dieses Vorzeigen und Imponiergehabe, da dazu gehörte: Gangsta-Rap und so….. das waren Posen, die einem bekannt vorkamen. Klar dass sich in Deutschland die Hiphop-Helden der ersten Stunde dran zu hängen versuchten. Mit Verzögerung natürlich, wie bei allem, was aus den USA kam. Da war ja viel zu verdienen, da wollte man auf jeden Fall dabei sein. Das war ein sozialer Kanal nach oben.... Das Spiel schienen die hiesigen Gangsta-Freunde gut kapiert zu haben, denn sie fuhren riesige Limousinen, pflegte Clan-Freundschaften und ließen von den ihnen folgenden Jugendbewegten ihr Bankkonto auffüllen, ohne dass jemand in seltsamen Aktionen zu Tode kam, wie etwa in den USA. Man strahlte „Street credibility“ aus und man wurde nun zunehmend Mainstream, die Hiphop-Kultur wechselte über zur Hauptkultur. Haha, es wird derzeit auch so manches Duett zwischen Schlagersternchen und Hiphoppern aufgenommen. Mal was anderes. Ach so! Ob man's wirklich ernst nehmen soll? Ob's ein Ausweis dafür ist, keine Scheuklappen zu haben?

Wichtig: Das ist nett, das geht ein, da kann man mit, da ist man dabei, das versteht jeder – was ja das wichtigste ist im Zeitalter industriell gefertigter Popmusik. Dies ganze Spiel kam einem ohnehin bekannt vor, Provokation zu PR-Zwecken hatte immer dazu gehört im Popgeschäft, genauso wie das „Crossover“, mit dem sich die Medienindustrie beim allgemeinen Marketing bediente. Alles abgenutzte Muster, so dachte und denkt man. Dabei wandert solch Gehabe, solche Attitüde ein in eine Szene, die sich weitgehend widerborstig gibt, indem sie ihren Reichtum sehr betont offensiv herzeigt und das auch noch ernst nimmt. Ernst? Vielleicht sollte man Ironie walten lassen, Humor. Ja klar, alles andere außerhalb des Hiphop wurde von bestimmten Leuten als „bürgerlich“ bezeichnet, weil ja „bürgerlich“ verpönt war. Man war stolz, dass man ganz von unten kam und man benutzte Codes, die man so richtig nicht verstand. Dass mit manchen Floskeln solche peinlichen Bereiche wie Antisemitismus oder brutaler Machismus gestreift wurde: ja klar, Provokation….. aber hier in Deutschland dürfen solche Codes nicht einfach so benutzt werden, weil es gerade rein passt. Tabu. Ein klein bisschen sollte man den Hintergrund schon kennen gelernt haben, - „street credibility“ hin oder her. HipHop mag ja ein Code geworden sein. Nur, dieser sollte sich nicht nur auf sich selbst beziehen. Sollte? Moral? Igitt....  

Frau Schmidt als Pop-Denkmal

Ja klar repräsentierte Patti Smith ein anderes Bild der Frau: sie war aufmüpfig, nie geschminkt, war nie passives Opfer sondern aktiv in ihren Richtungen, erfüllte sämtliche männlichen Rollenerwartungen nicht. Dass sie danach aber immer mehr zur edlen und nostalgisch verklärten Oma der Kulturindustrie wurde, dass sie scheinbar so distanzlos einverstanden damit war, das hatte uns dann doch ein wenig enttäuscht. Sie kam ja von der Dichterseite, was uns damals Eindruck machte. Sie hatte Lesungen veranstaltet und sich als Kulturmensch profiliert. Aber es schien so, dass von ihr ein Funke Unberechenbarkeit ausging, dass sie sich aufs Pferd des Risikos schwang, um zu sehen, wie weit es sie trug. Sie schien Berührung mit dem Chaos zu haben, obwohl ihr „Because the Night... belongs to Lovers“ nicht von ihr selbst, sondern im hemdsärmeligen Stil von einem Bekannten geschrieben wurde, der auf dem Weg zum Megastar war. Ihr Künstlertum schien davon unberührt, schien über jeden Zweifel erhaben. Sie schien einfach integer. Doch genauso, wie die Goa-Hippie-Szene sich auflöste und lauter kleine Unternehmer oder Geschäftsinhaber von Fachgeschäften für teure Räucherstäbchen gebar, so schien diese Frau sich zu wandeln. Ja klar, da waren die immer wieder aufgewärmten Stories ihrer Liebschaften und der männlichen Personen, die sie beeinflussten. Dies schien der Kosmos zu sein, in dem ihre Persönlichkeit funkelte. Sie selbst tat ja auch einiges, um dieses Bild zu bestärken. Doch so unbemerkt allmählich, wie uns allerlei digitale Gadgets unterjubelt werden, wandelte sie sich zum Denkmal ihrer selbst, das heutzutage in der entsprechenden Altersklasse ein Murmeln der verehrenden Ehrerbietung hervorzurufen weiß. Das ging so weit, dass sogar ihre handwerklich musikalischen Fähigkeiten bewundert wurden. Mir schien es, als käme sie vom exakten Gegenteil, als hätte die Figur, die sie darstellte, den unmittelbaren Ausdruck gesucht, - auch auf Kosten der handwerklichen Mittel. Der Smith‘sche Pop wurde so allmählich zum Geschäft, zur Ware, Ja klar, die alte Formel des Pop: Selbstverliebtheit und Narzissmus als Existenzgrundlage. Mittlerweile scheint alles ein Zitat, eine erstarrte Pose, die noch einmal ausgenommen werden kann. Ob das irgendjemand verletzen könnte, ist natürlich in keinster Weise interessant. 

 

Gefühlig

Was ich erlebt habe: Dass bloßes andächtiges Beweihräuchern der Emotion etwas vortäuschen sollte beim Kritiker. Betont oberflächliche Kategorien wurden so dem Pop gemäß eingesetzt, dem Pop, in dem das Überwältigt sein und die Anbetung von „Stars“ sowieso eine große Rolle spielt. Worum es geht? Ergriffen sein um jeden Preis. Projektion. Ich sehe darin auch eine große Eitelkeit, denn ich führe mich, - eigentlich sondere ich so etwas als "Meinung" ab, - als Gradmesser der Emotionalität vor. Ich bin derjenige, auf den es ankommt. Lobe ich, so ist es gut. Tadle ich, so ist es schlecht. Meine Naivität zeigt es stellvertretend: bewegend soll es sein – und ich bin der Indikator. Meine Ahnungslosigkeit ist dabei sakrosankt.

Eine größere Eitelkeit ist für mich kaum vorstellbar. Gleichwohl scheint so etwas von gewissen Leuten goutiert zu werden. Sie scheinen Orientierung zu brauchen. Ich war da stets auf Abstand. Es war mir fremd. Ich versuchte zu objektivieren, quer zu schießen, nicht die Mehrheit der Hipness nachzustammeln, versuchte, hinter Kulissen zu schauen, aufklärerisch vorzugehen. Ich versuchte meine eigene Einstellung dazu zu gewinnen, was ich erlebte. Ich versuchte abzuwägen. Ich wurde skeptisch mir selbst gegenüber, ließ Ironie walten, wenn mir die Emotion (und nichts als das!) durchging. Dieses hippe „auf-der-Welle- des-Zeitgeists reiten“ war mir zuwider. Gerade dann wurde ich umso aufmerksamer…….Ich? Autismusverdacht.

Mir wurde immer wieder bewusst, wie viele Dimensionen das hatte, über das ich zu schreiben hatte. Was mein großer Fehler war: Ich nahm das ernst. Ich versuchte die unterschiedlichsten Kritiken aus unterschiedlichen Zeitungen zu lesen, versuchte ihre jeweilige Perspektive zu ergründen. Nicht zuletzt meine Beschäftigung mit der Soziologie hatte mir einen gewissen Abstand („das kalte Auge“) auf das Geschehen nahe gelegt. Die Massenbegeisterung zu beobachten, sie zu beschreiben, sie zu analysieren versuchen - sie aber nicht zu teilen, im Gegenteil: sich fremd zu fühlen. Darum ging es mir. Dafür musste ich mich oft und heftig kritisieren lassen. Mir reichte es, besser zu verstehen, indem ich mich mit etwas beschäftigte. Teilen musste ich das nicht, um es nachfühlen zu können. Die emotionale Ebene, gewiss. Nur: für mich war das eine Perspektive unter vielen. 

Machen und Tun in der Popmusik

Weil Popmusik inzwischen etwas geworden ist, das weitgehend techniziert und in Codes aufgelöst ist, an denen in unpersönlicher Weise gestrickt wird, wird sie sich auch optimal für die Künstliche Intelligenz eignen (selbstredend zuerst die „Lyrics“, die heute schon nach solchen Prinzipien zu funktionieren scheinen). Es wird darin nur noch darum gehen, vorgeprägte Muster wiederzuerkennen und das daraus folgende Gefühl zu genießen, es als angenehm zu empfinden (dazu gehört übrigens auch das Grundgefühl "Rebellion"). Individuelle Entscheidung, der sog. „Freie Wille“ oder Individualität wird darin kaum noch eine Rolle spielen. Der einzelne Mensch wird zur Maschine, die beliebig zu manipulieren ist und in die gewisse akustische Reize geträufelt werden. Erinnerungen, auch sämtliche Gedankeninhalte werden manipulierbar sein, das Gehirn wird dadurch auch zur kapitalistischen („Wettbewerbsorientierten“) Spielwiese. In der Folge wird sich eine Klasse von technizistisch aufgerüsteten und durch Implantate in Reihe geschalteten „Supermenschen“ vs. eine Klasse von „Prekären“ geben. Gesellschaftliche Polarisierung wird angesagt sein. Gewalt direkter und indirekter Art wird die bestimmende Methode der Auseinandersetzung sein. Luxus-Implantate werden zusammengeschaltet und so eine Art „Superintelligenz“ erzeugen, die das Individuum als kleinste gemeinsame Einheit (die die Aufklärung hervorgebracht hat) ablösen werden.