In West-Texas

Es mag schon etliche Jahre her sein, als ich durch West-Texas kam. Die karge, aber abenteuerliche Atmosphäre dieses Landstrichs nahe Mexico gefiel mir, auch wenn ein breites Sortiment an giftigen Schlangen dieses Vergnügen mindern sollte. Da waren Freaks in der Einöde, die ihre schrullige Seltsamkeit niemals zur Schau stellten, auch weil sie arm waren und um ihre Existenz kämpfen mussten. Selten habe ich es erlebt, dass eine Musik so gut zu einer Gegend gepasst hat. Lyle Lovett, ein äußerlich hässlicher Mann, dem breiten Volk vor ein paar Jahren durch seine Ehe mit Julia Roberts bekannt geworden, hat mit dem Doppelalbum „Step inside this House“ eine an persönliche Bekanntschaften geknüpfte Hommage an jene in West-Texas wohnende Clique der Sänger/Songschreiber aufgenommen, deren Namen man zu einer genau definierten Zeit überall kannte: Townes van Zandt, der Melancholiker und Songpoet, Stephen Fromholz, Guy Clark, Robert Earl Keen und andere… Unspektakulär erzählend in Genrebildern nüchtern schwelgend (geht das? Ja, bei LL...) hier auch die Musik von Lyle Lovett. "Texas Trilogy", "Texas River Song" "Sleepwalking". Er kommt hier wohltuend schmucklos daher, wie wenn er das Übertriebene, dieses "Sich Anbiedern" nicht nötig hätte, - und doch scheint er ganz genau zu phrasieren, die Details des Ausdrucks abtastend, wie wenn er die Essenz des jeweiligen Songs in sich eingesogen hätte. Das alles ist bei ihm dramatisch untertrieben, das Understatement und die Lakonie feiernd, er lässt die Romantik des Einfachen hochleben, er lässt ein bisschen Ironie mitlaufen, ein bisschen Sarkasmus auch, er knurrt da kein bisschen gefallsüchtig oder in irgendeinem Sinne übertrieben, stellt den jeweiligen Song in den Vordergrund, ist gleichzeitig bodenständig und um Kunst bemüht, er lässt einzelne Vokale aufblitzen und schluckt sie zurück. Stark, dass er sich damit, wie auf Tonträger dokumentiert, auch in großen, bis zu 24köpfigen Big Bands darstellen konnte, ja, dass er ganz offensichtlich in seinen Songs die präzisen musikalischen Schattierungen genauso wie jene in seinem Gesang liebte und in Bezug zueinander brachte.

Glanztaten?

Ach ja, wie Ozzy Osbourne damals beim Treffen mit der Plattenfirma im Stechschritt über den Tisch marschierte, wie er seine Eier in ein Glas baumeln ließ und dann hinein urinierte: Frühe Glanztaten der Rockmusik, so wird geraunt. Der traut sich was. Der war durch das viele Geld legitimiert, das Black Sabbath damals verdienten und um das sie damals offenbar beschissen wurden, - wie geraunt wird. Dass man vom Managment betrogen wurde, scheint damals zum guten Ton gehört haben. Damals. Es war halt obligatorisch, ein abgründiges Grinsen. Eine Verehrung – wenn’s geht, in der Freizeit. Bewunderung dafür, wie es solchen Leuten möglich war, schon mal alles voll zu kotzen und trotzdem heftig hofiert zu werden, fähig zu sein, auch im hohen Alter den typischen Geruch von Schweiß und Bier, die Atmosphäre des Bösen und Düsteren noch einmal herauf zu beschwören. Was für tolle Schnurren boten diese in Schwarz gekleideten Jungs! Nun ja, da stanken Typen wie Townes van Zandt und seine leisen Lieder dagegen ab. Der ließ sich eines Tages aus einem Fenster fallen, - aus Verzweiflung, so wird kolportiert.

 

Man ließ bei Black Sabbath schon mal ein Kreuz um den Hals baumeln, dachte sich aber nicht viel dabei. Dafür konnte Ozzy saufen ohne Ende. Toll! Es sind womöglich noch ein paar andere Drogen hinzu gekommen, was ihn beinahe total ruinierte und sogar als Trunkenbold ins Taumeln brachte. Doch der tapfere Held des Musik-Metalls hat überlebt, ein bisschen auch wie Lemmy Kilmister, der ähnlich lange durchgehalten hat und seine öffentliche Rolle auch hingebungsvoll inszeniert hat. Osbourne hat aus einem Leben gar eine Reality-Show gemacht und hat bei einer Reunion-Tournee mitgewirkt, die die alten Mythen trotz eines fehlenden Gründungsmitglieds noch einmal beschworen hat.

Hinein gleiten

Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren New Yorker Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.

 

Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records.

Band on the Run

Die Band, in der Rockmusik ein Modell der Vergangenheit? Jüngste Äußerungen bestimmter „Superstars“ scheinen eine solche Ansicht zu stützen. Es schälen sich in diesem Entertainment-Business mit der Zeit Millionäre und Milliardäre heraus, die mit ihrer scheinbaren Kreativität weit über dem Fußvolk der „Umsetzer“ thronen. Sie haben, was das Wichtigste in unserem Wirtschaftssystem ist, eine „Marke“ heraus gebildet. Sie halten entscheidende Rechts daran. Sie geben die „Masterminds“. Sie haben die wichtigen Kompositionen getätigt. Sie könnten aus ihrer „Position“ heraus tun und lassen, was sie wollen. Stattdessen bringen sie den tausendsten Aufguss dessen, was sie längst realisiert hatten, auf den „Markt“. Klar, wer eine Marke geprägt hat, kann nicht plötzlich etwas ganz anderes machen, als das, was ihn berühmt gemacht hat. „Die andere Seite“, das Publikum, scheint es ja genauso so zu wollen. Es ist glücklich, die „alten Schlager“ wieder zu hören und damit bestimmte Reflexe in sich wach zu rufen. Als bewusster Zuhörer fand ich solches oft bfremdlich. Ich war vielmehr neugierig darauf, was ein solcher Pop-Protagonist in dieser heutigen Welt produzieren könnte. Etwas Neues. Etwas, was sich in diesen heutigen Verhältnissen bricht. 

Jeff im Ohr und im Körper

Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich war er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Ist eh vorbei. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck.

 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck gestorben.

Charisma!?

Nach dem Besuch eines Konzerts eines „Superstars“, geschrieben aus meiner für mich typischen Beobachter-Perspektive: Es ist ein einziger Gottesdienst, in dem seine großspurige Überheblichkeit und zynische Arroganz gefeiert wird. Seine Verächtlichmachung und sein Spott über all die, die schwach sind und nicht so reich wie er. Sie feiern ihn dafür. Er vermischt das damit, dass er spielerisch aufblitzen lässt, wie sehr er gleichzeitig einer von ihnen ist - der alte Pop-Trick. Er, so verbreitet er mit Gesten und Worten, breit grinsend, hat sich aus dem Sumpf heraus gearbeitet. Wieso nicht du? Die Medien berichten untertänigst darüber. Die Band spielt zwar fantastisch dazu, ist aber kaum einer Erwähnung wert, ihre Mitglieder sind austauschbar. Werbung blitzt auf, Werbung ist plötzlich überall. Nun ja, das machen zb. prominente Sportler auch so. Sie alle versuchen, „Prominenz“ in Geld zu verwandeln. Es ist dies hier eine Anbetungsorgie, in Geld gegossene Verehrung, auf peinliche Weise abgehoben von den Realitäten dieser Welt, denen man auch durch das Massenerlebnis ja gerade mit einem solchen charismatischen Wichser (Frauen scheinen an dieser Stelle noch weniger gefragt) entkommen will. Oder? Charisma? Wird hier ein bestimmtes faschistoides Verhaltensmuster eingeübt (z.b. eine Gleichgerichtetheit des „Gefühls“) oder - macht das nur „harmlosen“ Spass? Als „Freizeitaktivität“? Als Unterhaltung? Wird hier Charisma zum Zwecke der Verkaufe ausgenutzt? Ist das dort auf der Bühne eine Figur, die zum Konsum animieren soll? Marke, Markenaustausch. Wer ihn hört, findet auch die Marke toll. Entsteht dadurch eine Distanz zu den „Fans“? Oder sind diese inzwischen auf exakt solche Trips in einer durchkommerzialisierten Welt voller Werbeclips getrimmt? 

In Elysium

Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.

 

Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records.

Danach

Jetzt, anlässlich des Todes und nach dem Tod von Frank Fahrian, nach einem Film auch, scheinen alle nochmal kräftig abzukotzen wegen Milli Vanilli. Schlimme Finger! Dabei kam und kommt es mir vor, als seien solche „Betrügereien“ alltäglich im Popgeschäft. Da werden wohl immer noch Etiketten aufgeklebt, die an Irreführung grenzen. Da wird Know How und werden namenlose Fertigkeiten „beigesteuert“. Der Umsatz, den Künstler und Leute aus ihrem Umfeld so gerne „Erfolg“ nennen, regiert halt alles. Gelobt sei, was zum Mitklatschen animiert. Wer von seltsamen Machenschaften erfährt, soll den Mund halten, sonst wird er mit allerlei juristischen Maßnahmen überzogen. Behauptungen stehen im Raum. Na und? Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat, in dem gerne auch mal ein Schweigegeld bezahlt wird. Was machen eigentlich Produzenten? Zumindest scheinen sie über Möglichkeiten nachzudenken. Die Leute wollen doch betrogen werden, so eine zynische Feststellung, der ich mich oft gegenüber sah. Moral und Popgeschäft?  

Punky

So laut, grell, anarchisch und schmutzig wie Punk waren die Auftrittsmöglichkeiten. Da gehörte manchmal auch die Straße mit dazu. Ein Instrument sollte man nicht spielen können, so der Mythos. Dass Punk jedoch schon 1978 vereinnahmt war, bedachten etwa The Clash mit Hass und Häme. Bei uns mischte sich dann die Neue Deutsche Welle mit hinzu. Dabei ging es um die Deutung der Lage, Punk war die Waffe dafür. Doch bald schon war alles vermarktet. Das, was als Punk galt, verkaufte sich im Sonderangebot an das Musikfernsehen oder war ein teurer Irokesenhaarschnitt beim Coiffeur, eine auffällig getragene Kette aus dem schwarzen Aufzug heraus. Langsam aber sicher setzten sich nun wieder die kleinen Genies a la Damon Albarn oder Liam Gallagher (in England) durch. Das, was man zuvor abgelehnt hatte. Insgesamt waren solche Figuren aber kaum oder nur kurz und heftig in der Schar der „Superstars“ sichtbar. Ich selbst fasste Punk als eine Art Arbeitshypothese fürs Leben auf, weiß aber heute nicht mehr, wohin all die ehemaligen Punks gegangen sind. Punk ist, wie vieles in der Rockszene, zu einem Artikel der Lifestyleindustrie geworden. Es kam Green Day.

Anlagen

Wie „ärmlich“ fing das damals an? Ich war froh, überhaupt Sound über zwei Boxen stereo hören zu können. Dabei war ich überzeugt, dass dies Equipment Marke Eigenbau (von einem Bekannten realisiert!) so schlecht nicht war (was ich bis heute denke...)……. Man hörte darauf nahezu alles ab, entwickelte eigene Maßstäbe, passte sich den Gegebenheiten an und maß ihm eine persönliche Wichtigkeit zu. Mit der Zeit und über Umzüge hinweg wurde man dann doch anspruchsvoller. Eines Tages war man auch bei einem Kollegen eingeladen, der über eine Anlage hörte, die wohl im fünfstelligen Bereich gekostet hatte und der mein „Urteil“ über seinen Fetisch hören wollte. Natürlich war dieser Mensch auch ein Vinyl-Fanatiker, was ich mir niemals hätte leisten können und was zuvor so etwas wie "natürlich" war. Man legte sich dann aber doch Boxen zu (was damals noch möglich war), die besonders in Bezug auf Lautstärke besser waren und einem neue Möglichkeiten eröffneten. Auch das Hören bei einem Verwandten in der Schweiz zeigte mir auf, was möglich ist und ich hätte tagelang diesem Sound zuhören können. Alleine schon aus beruflichen Gründen sah man sich dann in der Lage, über eine neue, bessere Anlage hören zu sollen. Dem eine große Priorität einzuräumen, lag auf der Hand. Es war ein Ziel, auf das man damals sparte und das man dann auch realisierte. Die Rock- und Popmusik war damals in einer Phase, in der sie stark von den Möglichkeiten des Studios und der Technik bestimmt schien. Für mich taten sich (last but not least dadurch!) immer eindrucksvollere und komplexere digitale Räume auf, was natürlich in der Wohnstube in einer adäquaten Qualität reproduziert sein sollte. Hörte ich in Vertretung und mit den Ohren eines „Liebhabers“ in stiller Konzentration. Oder wollte ich den Sound eines Jedermann mithören (für den GEBRAUCH, für’s Nebenher hören)? Ich war flexibel, - das immerhin. Mal wieder: beides. Ich hörte natürlich immer über das bestmögliche Equipment. Man wollte die Fülle, man wollte alles, was ging…. Im Augenblick kann ich nur hoffen, das nichts kaputt geht und sich nicht seltsame Komplikationen auftun. Mir wird aber klar, dass es um das Hören in bestmöglicher Qualität geht, nicht um diese reduzierte Form des Streaming. Es verlangt mich danach.  

Yesterday

Beim Durchsehen und Sortieren alter Unterlagen, wurde mir bewusst, welch gewaltigen Anspruch manche Bands und Künstler damals formulierten und wo sie aus heutiger Sicht gelandet sind: Bei völlig gesichtslosen „Projekten“, die den einen oder anderen Kreuzer Honorar versprechen. Dafür ist man gezwungenermaßen bereit, „alles zu machen“. Die Nische finden, so lautet ein heutiges Gebot. Es kommt mir so vor, als sei die „Konzertszene“ einst sehr viel vielgestaltiger gewesen und habe auch etliche Überraschungen und Schattierungen geboten, das allzu Vorhersehbare war jedenfalls das, was mutmaßlich zu vermeiden war. Ich habe einen Label-Flyer in der Hand, der behauptet „Für uns sind Trends kein Thema – unser Musikangebot liegt sowieso im Trend – also erübrigt sich eine Diskussion darüber!“ Es ging also nicht unwesentlich darum, an herrschenden Trends irgendwie vorbei zu kommen, was den heutigen Trends geradezu diametral widerspricht. Mir scheint heute zu oft, als ginge es im Wesentlichen darum, jeden Trend irgendwie aufzunehmen und ihn einer nicht allzu geneigten Zuhörerschaft möglichst rückstands- ecken- und kantenlos zuzuführen sie so zu überwältigen, wie das die Werbung verspricht. Anpassung an Trends des Erfolgs ist auf diesem Weg schon der halbe Erfolg. Ich erfahre von gebührenpflichtigen Workshops, die Musiker genau das antrainieren: das mehr oder weniger subtile Aufnehmen von Trends, das „Richtig machen“ (vor allem technischer Probleme!), das „im Flow sein“, vorgeformten Hörgewohnheiten möglichst smart mit einem Hauch Individualität (aber nicht mehr!) zu entsprechen. „Musikalischer und kreativer Qualität“ habe man sich verschrieben, so die Info weiter, - man wolle „ausgewählte Qualität“ produzieren, „ohne elitäres Gehabe“. 

Haltung

Ich lese Biografisches über die Band Ton, Steine, Scherben und bewundere die Haltung dieser Musiker. Sie war wohl an gewissen nicht kollektiv vorgegebenen Werten orientiert, was heutzutage ziemlich selten geworden ist. Ihre erste Platte hieß wohl „Warum geht es mir so dreckig?“, gefolgt von „Keine Macht für Niemand“. War Rio ein Sänger (er hatte doch eine typische wiedererkennbare Stimme!)? Oder ein Poet? Rio Reiser jedenfalls wollte auf seinem Solo-Debüt „König von Deutschland“ werden, was wohl sein Streben nach der Existenz eines Popstars genau wie seine Verzweiflung und seinen Niedergang auf den Punkt bringt. Denn Am Ende waren T,S,Scherben wohl ziemlich abgebrannt, hatten eine Menge Schulden angehäuft und lebten in einer Art Kommune in ständigen Geldsorgen. Auf der linken politischen Seite hatten sie sich offenbar durch ihre Mitwirkung bei Hausbesetzungen beliebt gemacht. Die Zeiten hatten sich geändert. Was jetzt gefragt war, war eine verkaufsträchtige Single. Sich und ihre Lizenzen zu verkaufen hatten sie aber lange abgelehnt, mit dem Argument, ihre Unabhängigkeit nicht verlieren zu wollen. Hut ab! 

Ganz anders Rio mit seiner „Solo-Karriere“. Rio Reiser hatte unter anderem schon früh gezeigt, wie das Private öffentlich werden und Poesie wirkmächtig werden kann. Es war aber rund um diese Leute und die um sie kreisenden Vorgänge alles eine ziemlich verquere und schwer zu kapierende Geschichte, die wohl auch in der Abneigung gegen Großkonzerne und deren Hang zur Ausbeutung gipfelte. Ziemlich typisch scheint mir auch das Angeben einer Person, die als Managerin fungierte und es in der politischen Welt weit gebracht hat. Wenn sie jetzt in der Öffentlichkeit auftritt, scheint sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit ihrem alternativ subversiven Erbe anzugeben und jene Stimmen einzufangen, die sie so weit gebracht haben. Wohlgemerkt: So scheint es mir! Vielleicht war alles auch ganz anders. Rio hatte ein schwaches Herz. Der 20. August 1996 war sein letzter Tag. Titel von T,S, Scheiben und Rio: „Jenseits von Eden“, „Junimond“, „Alles Lüge“, „Der Traum ist aus“.  

Konsument

 „In der Rock- und Popmusik fungieren die Allzweckhallen durchweg als Kulturtempel. Sie sind in guten Zeiten der Jenseits- und Wallfahrtsort, den zuweilen dicke Busse voller "Fans" ansteuern. Es wird klar, dass populäre Dinge wie Popmusik eine große Nähe zum Sport haben, - und umgekehrt. Massenveranstaltungen. Ich schrieb einst in einer Notiz dazu: "Mir war die ganze Zeit über bewusst, dass hier Menschen wie Vieh behandelt werden, - alles schon sichtbar an den Gattern, die für Sicherheit sorgen sollen". Der Preis für eine Eintrittskarte ist trotzdem hoch, der angebotene Service mies (gelegentlich kann es große Mühe bereiten, überhaupt die Toilette zu finden…) und durch eine gewisse, überkommene „alternative“ Einstellung legitimiert. Wenn das besser werden solle, müssten Konzerte noch teurer werden, so hörte ich. Dieser Bereich des kulturellen Schaffens sei ja nicht subventioniert.

Stimmt. Sitzplätze? Iwo, wer braucht denn sowas? Wir sind doch jung! Stehplätze? Plätze? Gedränge? Das macht es ja erst interessant. Tuchfühlung. Nähe. Die gemeinsame Ausrichtung der Gefühle auch physisch spüren. Ja ist der Mensch denn eine Massenware geworden, die viel bezahlt hat und damit - ihren Zweck erfüllt hat? Wo bleibt die Kohle hängen? Wer greift das alles ab? Und wo bleibt das einstmals alternative Selbstverständnis? Wo bleiben Freiheit, Gleichheit, oder gar „Brüderlichkeit“? Lange her. Vergangenheit. Haha, hängt am Ende gar damit die "Nähe" zusammen? Klar, dass das alles längst untergegangen ist. Nur, wo bleiben diese einst jungen Menschen, die das ganze alternative Getue manchmal dermaßen ernst genommen haben, dass sie sogar dafür gestorben sind oder zumindest dafür bereit waren? Was geblieben ist, sind das Copyright und einige halbwegs anmaßende „Künstler“ samt ihrer geldgierigen Sachwalter.“ (aus meinem Buch „Zuhören“, ub 2022 (s.16).

 

 

Wiedergänger

Manchmal dachte ich mir: Ob diese ganzen Arschlöcher einfach nochmal die Musik ihrer Jugend als Katalysator hören wollen, koste es, was es wolle. Und sei es die eigene Glaubwürdigkeit.... Psychologisch sind gewisse Gefühle, die eine Persönlichkeit über längere Zeit bewegt haben, an eine gewisse Musik gebunden (dazu gibt es wohl zahlreiche Studien). Dazu vollführen heute „große Stars“ dann gut geschminkt und frisch frisiert Gesten und Posen, singen das hohe Lied der Liebe und der ewigen Gefühle (Vorsicht! Spekulation!). Das schafft Verbundenheit und Gleichgerichtetheit mit all den anderen. Dies freilich machten sich auch Figuren wie Adolf oder Goebbels in politischer Hinsicht (was schnurgerade ins Totalitäre, also die Totalität unseres Seins mündete) zunutze. Sie erzeugten eine Gemeinsamkeit des Augenblicks, die sich in ihrem Falle fortsetzen sollte bis in den Tod. Die Euphorie, die so etwas bedingt, wird im kommerziellen Popkonzert auch durch die perfekte Lightshow erzeugt. Kicks und Effekte aller Art befördern die Absicht noch wirksamer. Die Band spielt handwerklich gekonnt, der Sound ist am Reißbrett entworfen, nimmt Klischees auf und überführt sie gekonnt in eine Show. Die Betonung liegt herbei auf „gekonnt“, denn der technokratische Vorgang steht dabei oft im Vordergrund. Gezielte Provokationen können hinzu kommen und einen Gestus, ein Image unterstreichen. Was entsteht, mag so ziemlich das Gegenteil dessen sein, was man einst als „Geheimnis“ bezeichnete. Es ist sogar das pure Gegenteil davon, nämlich das allzu Offensichtliche, das Hergestellte, das Offensichtliche, das (gut) Gemachte. Wenn diese ganzen reichen alten Arschlöcher dem auf den Leim gehen, ist das ihre sentimentale Sache, darf aber benannt werden. 

Mit Nick Drake durch den Herbst

Ich gehe hinaus in den Herbst und habe dabei Nick Drakes Album „Five Leaves left“ im Sinn. Auf Nick Drakes Grabstein steht „Now we rise. And we are everywhere“. 1948 wurde er geboren. Habe ich erst kürzlich erfahren. Ja, klar, er war wohl „psychisch krank“. So würde man heute sagen. Doch was heißt das? Vincent van Gogh war auch krank. Was ist krank? Setzt das eine Abweichung von den Normen voraus? In eine niederschmetternde Sonderexistenz hinein geglitten? Sowas geht auch ohne Drogen…. Nick Drake schlitterte in den zwanziger Jahren seiner Existenz schon in den frühen siebziger Jahren in eine Depression, aus der er nicht mehr heraus kam. Es gibt wohl so etwas wie Biografien, aber mir scheinen sie nicht besonders aufschlussreich. Mir kommt es darauf an, was seine Musik für mich bedeutete und bedeutet. Nick Drake war und ist für mich ein absoluter Bezugspunkt, - Leute würden sagen „eine Referenz“… Traurigkeit, Melancholie: nirgendwo wirkt er übertrieben oder kitschig, aufdringlich, inszeniert etwas oder lässt „ein Produkt“ entstehen. Seine Songs (vor allem auf „Five Leaves Left“) sind Kleinode. Alles wirkt „entbeint“, auf den Punkt gebracht. Die String-Arrangements sind vielschichtig und drängen sich doch nie in den Vordergrund. Akustikgitarren dominieren. Richard Thompson, der als ehemaliger Fairport Conventionmusiker damals noch in England wohnte, stand ihm als Gitarrist zur Seite. Dave Pegg und Dave Mattacks später auch. Toll, Richard Thompson ist sowieso einer der Besten! Nick Drakes zarte, aber gleichzeitig scharf konturierende Stimme! Sie ist ins sich selbst entrückt, es werden Gefühle zurück geschluckt. Trotzdem entsteht eine Richtung, die in die zarte Verletztheit seiner Seele führt. Alles ist auf einen knappen Punkt gebracht. Ich liebe diese CDs mit seiner Musik! 

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Soundmelancholie

Nils Petter Molvaer: seine Scheiben scheinen sich beständig zu drehen und neue Seiten an sich zu offenbaren. Ich sitze und höre „Solid Ether“ aufmerksam zu, dann „Khmer“ und „NP3“, wobei mir Instrumente und Verläufe auffallen, die in etwas Neues hinein führen. Zunächst nicht funktionierende CD-Kopien können mich dabei nicht bremsen. Ich kämpfe das durch und gelange stolz zum Hörgenuss. Da sind diese kratzigen Klänge, die in Elektronik gebadet scheinen, die auf hypnotischen Maschinen-Rhythmen tanzen, zerfetzt, verletzt, verwundet und sodann wieder in Schönheit strahlend, Bögen ziehend, aus dem Chaos aufsteigend, aus dem Grauen ins Goldene zielend, aus Sphären des Hintergrunds und wieder zurück blökend, sanft, dreckig wüst, aus Wolken hinein in ein Sandstrahlgebläse in Getragenem aufgehoben hinaus ins hektisch Getriebene, vom leise Zurückhaltenden hinaus in laute Betriebsamkeit, vom Maschinellen ins individuell Isolierte, ins traurig Suchende und im Nebel stochernde Unsicherheit, das aus dieser Zeit kommende über Rhythmen tanzende Etwas, aus digitalen Räumen gequetscht, mit Nachhall versetzt, aus Träumen gemacht in zerfließende Melancholien befeuert, aus der Scheise in den Äther strebend, zerkräuselt, auf Ruinen zerfetzt tanzend, pumpend eine Existenz zu entziffern suchend, röcheln, hechelnd dem Sein nahe, in Ignoranz und Dunkelheit abtauchend, sich ablösend in zerfließende Verheerung, schürfend und schroff schnorchelnd.

Verwertungslogik

Ob das in einer gewissen Verwertungslogik steckt, dass Künstler, die einen Vertrag bei Plattenfirmen der Medienindustrie haben oder unter der eigenen Marke veröffentlichen, nach einer gewissen Zeit immer wieder „neue“ Alben „herausbringen“ müssen? Künstlerische Leistung abliefern? Ob sich beim „Verbraucher“ da eine gewisse Gewohnheit heraus bildet, auf die die Industrie zielt?: stets auf dem neuesten Stand sein zu wollen und dafür sich das neueste Album des jeweiligen Künstlers zu kaufen? Auch weil man gemeinsam älter geworden ist? Weil man den ja für alle Zeiten alte Zeiten gut findet? „Früher war alles besser“? Das Kaufen, ja das ist wichtig! Ob Künstlern da neue Sachen eingefallen sind, ob Weiterentwicklungen stattgefunden haben: egal. Hauptsache, was Neues, das „auf den Markt“ geworfen werden kann. So bilden sich beim „Konsumenten“ ganze Stapel voller Tonträger, die unübersichtlich groß werden können und von denen dieser „Konsument“ gar nicht mehr weiß, wieso er sie gekauft hat. Denn Maßstäbe, Hörerfahrungen, Bedürfnisse und Sensibilitäten entwickeln sich weiter. Was mir gestern gefallen hat, muss das nicht heute wieder tun. Vielleicht bin ich sogar richtiggehend entsetzt über meinen gestrigen Geschmack. Klar, die vielen TV-Sendungen, die tief in Nostalgie verwurzelt jetzt die Musikwelt von gestern beschwören, scheinen dem gegenzusteuern. Motto: Erinnern ist schön, verschafft ein wohliges Gefühl. Trotzdem staunen wir manchmal, was „die Leute“ in vergangenen Dekaden angesprochen hat. Was für oberflächlicher Stumpfsinn! Es ist ja nicht im Ernst so, dass gestern alles besser gewesen wäre. Es ist vielmehr so, dass sich bestimmte Zielgruppen dort, in ihrer Jugend, verwurzelt und geprägt sehen, dass alleine das Hören gewisser akustischer Signale bei ihnen Empfindungen/Emotionen auslöst, die eindeutig positiv besetzt sind.

Sammlung

Wie soll ich da ran gehen? Das beschäftigt mich manchmal schon in der Aufwachphase. Fest steht, bestimmte Sachen will ich in der allerbesten mir möglichen Qualität hören, also auf der großen Anlage (von der ich hoffe, dass sie noch lange existiert). Möglicherweise lasse ich mich auf Verdacht mit einem Titel ankicken, gerate in eine Stimmung, gehe darin unter und weiter. Werde neugierig. Lasse mich hinein ziehen. Unterschwellig fühle ich mich verpflichtet, mehr von dieser Scheibe zu hören, was zweifellos von früher kommt, als man ganze Alben hörte. Außerdem hatte ich diese ganzen Sachen einmal gut gefunden, was wohl auch seine Gründe hatte. Ich stelle dann oft fest, dass sich mein Geschmack verändert hat: weiterentwickelt? Wie früher, höre ich auch jetzt oft situationsorientiert: bei der Küchenarbeit oder dem Bügeln höre ich anders, als wenn ich mich explizit hinsetze, um mir einen Künstler und seine Entwicklung zu erschließen. Oft flutet auch Sound die ganze Wohnung, füllt sie aus, dringt in mich ein, stößt in mir auf Reaktionen. Ich höre oft etwas, was an meinem Gemütszustand orientiert ist: manchmal suche ich Ermunterung, kunstvolle Konstruktion, Humor, ungewöhnliche Soundentwicklungen und manchmal schöne Melancholie. Manchmal auch das gelungene „Gesamtpaket“. Dann neige ich dazu, stets dieselben Register zu ziehen, also dieselben CDs raus zu kramen. Manchmal gehe ich auch von einem von mir gefundenen Künstler aus und suche von ihm aus weiter. Wer hat mit wem zusammen gespielt? Von wem habe ich schon Interessantes gehört? Wer hat den Horizont, der mir rein läuft? Der mich anspricht. Wahr ist auch: Manche „Künstler“ zelebrieren gerne ihr aufgeblähtes Ego. Ich selbst gehe in der Popmusik nicht von „Großkünstlern“ aus. Diese „Künstler“ produzierten oft nach kommerziellen oder technischen Gesichtspunkten, kaum nach ideellen oder künstlerischen, wie wir früher leider zu oft vermuteten.

Durch die Luft

Meist nehme ich mir erst die „Walkie Talkie“ und lasse sie mit ihrer ganzen schönen Teilnahmslosigkeit durch die Wohnung strömen. Es ist ein Automatismus. Beeinflusst mich das? Sich hinein fallen lassen in müde Gleichgültigkeit? Etwas Edles in sich hinein dudeln? Nein, ich kann mich abgrenzen. Es ist ein Modell, eine Möglichkeit. Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel sind Air. Duo. Sie wurden mit ihrer scheinbaren Coolness immer wieder mit Werbeagenturen etc. in Verbindung gebracht: chice Musik, die sich über die eigene Gleichgültigkeit und wie sie eingesetzt wird, mokiert. Designer-Pop. Es ist kein Beklagen. Es ist eine Art „Sich-Lustig-Machen“. Lahmes Kritisieren. Hoffen wir mal. Die Popmusik hat ja diesbezüglich oft getrogen und belogen. Sie kamen ja aus Paris, was mir alleine schon gefiel, wurde diese Stadt in ihrer Bedeutung für die populäre Musik lange Jahre zu sehr herunter gespielt. Nachdem auch Daft große Hits gelandet hatte, galt die Stadt ein paar Jahre lang als Mittelpunkt der Popwelt. Jetzt ist alles zu einer einzigen Sauce ineinander geflossen. Bedeutungen sind zerrieben.

Schon damals war alles nur noch ein Verweis, oder ein Zitat aus anderen Zeiten. Analoge Synthesizer galten zu dieser Zeit als besonders hip. Sie waren bei ihnen oft raffiniert eingesetzt. Elegante Basslinien kommen an mein Ohr. Ob man ihnen anhört, dass Nicolas Godin Bassist war? Ich sah sie mal live, da zelebrierte er diese Rolle ganz in Weiß gekleidet. Nebenher klang aber auch eine Akustikgitarre, was ja so recht eigentlich auch sein Job war. Wie ging das zu? Ich weiß es nicht mehr. Jetzt bin ich in „Moon Safari“, was ja einst hoch gelobt wurde und auch einen eigenen Sound hat. Später haben sie sich in ihren Alben verirrt, wobei sie nicht die Ersten waren, denen so etwas passiert. Sogar Pink-Floyd-ähnlichen Kram haben sie eingespielt. Schauderhaft. Ich füge meine damalige Besprechung aus dem Jahr 2012 zur Verdeutlichung an: „Nochmal zum Mond - das Duo Air macht Musik zum (Stumm-)film - Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel alias Air haben ein neues Album. Sie haben es als Soundtrack für den 1902 entstandenen und jetzt nachcolorierten Stummfilm „Le Voyage dans la Lune“ von Georges Méliès produziert, weshalb ihr knapp 32minütiges Werk jetzt auch so heißt. Gut abgefederter Luxus-Lounge-Pop wie in ihrem sehr erfolgreichen Debüt „Moon Safari“ ist das nicht. Sie haben für ihre Filmfantasie wieder einmal den alten Krautrock hervorgeholt und ihn aus heutiger Sicht neu poliert, was ihr Tun von den unzähligen Tracks der elektronischen Clubmusik immerhin abhebt. Wir hören die gewohnten Chöre gelegentlich hereinschweben und Pauken knallen auch mal in den Ohren, es gibt Synthesizer-Schlieren und ein paar nett integrierte Geräusche. Was zusammen mit dem Stummfilm noch funktionieren mag, entwickelt als eigenständige, im stillen Kämmerlein abgelauschte Musik höchstens eine angenehme Langeweile. Ach ja, Air: die können sich das erlauben. Als Idee ist das alles auch ganz nett. Ein bisschen mehr Aktion wäre aber auch nicht schlecht gewesen. Futter fürs Ohr. Anreiz. Motive, die nicht nur ohne Bild versagen und in sich selbst versacken. Air: Le Voyage dans la Lune. Emi Music.“  

Streben

Ob das eine Art mystischer Aufgalopp war, was ich in meiner Jugend suchte, als ich stundenlang auf dem Piano improvisierte? Etwas, was ins persönlich Religiöse führte, was sogar noch darüber hinaus ging? Etwas Individuelles finden, ein intim gefärbtes Ziel suchen, diesen Antrieb hatte ich schon nach der Lektüre Hermann Hesse empfunden. Geradezu trivial ist, dass damals jeder dem Zeitgeist entsprechend sein persönliches und manchmal auch psychedelisch veredeltes Heil suchte. Möglichst noch so etwas wie Erleuchtung, die Pop- und Rockmusik samt ihrer ausführenden Personen („Love, Devotion and Surrender“) konnten einem da manche Anregungen vermitteln, die Literatur auch. Der Zeitgeist strebte in diese Richtung. Blöd nur, dass ich auf diesem Weg nicht sonderlich weit voran kam, jedenfalls nicht sicht- und nachvollziehbar für meine Umwelt (die dazu oft Drogen nahm und mich ununterbrochen dazu verführen wollte). Was für meine Umwelt zählte, war zunehmend das Geld.

Und ich? Man klimperte, stümperte, improvisierte, und wollte dadurch in Kontakt mit etwas kommen, von dem nicht genau wissen konnte, was es war. Am Lagerfeuer versagte man, man zuckte seltsam auf der Gitarre herum, riss an, verwarf. Man blieb in den Augen der Umwelt Stümper, was zählte, war eine Art Virtuosität in bekannten Songs, kombiniert mit angelerntem Gestus des von seinem Talent Beschenkten. Man nahm das schon wahr, dass man abstank, dass man keinerlei Beachtung oder gar Anerkennung erfuhr. Es verletzte einen. Also spielte man in 1000 Bands mit (wo ich mich bewusst unterordnete, nicht, wie alle anderen, zum Solo drängte) und versuchte nebenher, sein eigenes Ding zu machen (wo ich meine eigenen Ideen verfolgen konnte, wobei mir jene Mitmusiker halfen, die sich einer Idee unterordnen konnten, "Solo-Projekt"). Es wurde nix nach gängigen Maßstäben. Diese „gängigen Maßstäbe“ setzte alleine das Geld. Auch auf diesem Gebiet versagte ich radikal. Geld erschien mir als ein Medium all dessen, was ich auf diese und jene sanfte Art bekämpfte. Ich ließ mich in die Literatur fallen, empfing von dort aus neue Anregungen. Danach kam das Studium, aus dem nun wiederum neue Anregungen erfuhr. Die Anregungen stießen mich seltsamerweise oft auf eine Realität, die von „Beziehungen“ (so nannte man damals noch das „Networking“) und Intrigen, von Gier und Trieb geprägt war. Man fühlte sich in die Rolle des Beobachters gedrängt und formte daraus später sein Verständnis von Journalismus, in das man sein Verständnis und seine Erfahrungen von Rock- und Popmusik einzubringen versuchte. Wiederum versprach man sich davon eine Art Ausstrahlungskraft und einen gewissen Ruf, was sich aber wiederum als eine krasse Fehlkalkulation heraus stellte.

Auch war man in einem solchen sozialen Zusammenhang (man fand sich im „Journalismus“ wieder) so etwas wie Mobbing und Karrierestreben ausgesetzt, was ich alleine schon aus meiner Erziehung gar nicht kannte. Später nahm ich mein altes Streben in der Musik wieder auf. Ich produzierte jahrelang vor mich hin und fand bestimmte Sachen gut, andere weniger gut. Doch ich konnte weder dies noch irgendetwas anderes „verkaufen“. Dass dies „Verkaufen“ insbesondere in einer schwäbischen Umwelt zählt und dass man sich dabei „hart anfassen“ lassen muss, gehört zu jenem, was ich der Folgezeit zu kapieren hatte. 

Der Leisespieler

Das leise Ausformulieren können. Mit Understatement und Spannungsbögen arbeiten. Da ist nirgendwo Imponiergehabe. Das geht mir ein, ohne sich anzubiedern. Man hat den Eindruck: das hat er besonders bei seinen eigenen Solo-Produktionen nicht mehr nötig. Der Gitarrist Dominic Miller hat viele lange Jahre bei Sting gespielt. Live und im Studio. Akustisch und elektrisch. Mit und ohne Sohn. Davor bei tausend Studioproduktionen mitgemacht. Unter anderem Phil Collins. Paul Young. Bryan Adams. Peter Gabriel. Luciano Pavarotti und viele andere. Dominic Miller ist Halb-Argentinier. In Buenos Aires geboren. Dort die ersten zehn Jahre seines Lebens zugebracht. Dann hinaus in die Welt. Er schöpft musikalisch mit seiner Nylon-Gitarre aus Jazz, Folklore, Rock und Pop. Miller vereint auch solistisch das Leichte mit dem Schweren. Darin ist er souverän. Virtuos. Wenn er in seinem Sound sehr leicht ist, geht das bei ihm nie in Geplätscher über. Wunderbar. Man hört ihm zu. Unwillkürlich. Wie macht er das? Kein Zweifel, das versteht er. Nicht nur darin ist er spitze. Ich höre jetzt „Fourth Wall“, habe auch noch einige andere Produktionen von ihm. Seine Begleiter sind genauso selbstlos wie er selbst. Spitzenkönner. Stellen sich in den Dienst der Sache. Das beruhigt positiv. Das lädt auf. Das schwebt in mir. Das entfaltet sich. 

Musik verändert die Welt

Paddy McAloon ist kein besonders religiöser Mensch. „Um ehrlich zu sein: Ich kann gar nicht sagen, was ich glaube. Reine Vernunft erscheint mir aber wie ein geschlossenes System. Sie kann nicht wirklich etwas außerhalb ihrer selbst erklären“ soll er gesagt haben. Mitte der achtziger Jahre war er mir schon aufgefallen als überragender Songschreiber, der mit seiner Band Prefab Sprout ein auf dem Cover der ersten Platte „Steve McQueen“ enges, auch optisch eindrucksvoll dokumentiertes Verhältnis pflegte. Umso erstaunlicher war es, als er 2010 eines unter seinen bisher letzten Alben „Let’s change the World with Music“ heraus brachte, im Alleingang aufgenommen, alle Instrumente von ihm gespielt. Es muss sich so ergeben haben, nachdem ihn erst ein schwerer Tinnitus (dadurch hört er bis heute keine Bässe mehr, sondern spürt sie nur noch), und dann eine Hornhautablösung überfallen haben. An Auftritte oder gar Tourneen mit seiner genau zu dieser Zeit extrem aufstrebenden Band war danach nicht mehr zu denken. McAloon strickte sich immer mehr in seine eigene Welt ein, erfand seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und erwarb unter Musikern und bei mir einen legendären Ruf. Doch jetzt „Let’s change the World with Music“. Gleich im ersten Titel „Let there be music“ heißt es in der allerersten Zeile: „ In the beginning was a mighty bang…“ und „God was moved He made a choice he said „let music be my voice“. Er spinnt das Thema über tollen Harmonieprogressionen weiter, zuerst bis zum Titel „God watch over you“. Nein, er ist oder war kein Verkündiger! Es gibt auch sehr weltliche Alben von ihm. Im erwähnten Titel aber heißt es „God watch over you, every minute, every moments“. Aha. Ein Mann und seine in Musik gesetzten Thesen. Next: „Earth: the Story so far“. ...There was a baby in a stable. Some say, it was the Lord singing „save me, save me“. In Skepsis gepuderte Agnostik. Persönliche, in Töne gesetzte Auffassungen. Liebe zur Musik. Ganz unironisch. Er hat das ganze Album auf einem kleinen Atari-Computer eingespielt. Unglaublich. Allgemeines kam ihm in den Sinn: „Ich kann mir gut Welten vorstellen. Darin bin ich stark seit meiner Kindheit. Das ist mein Thrill, etwas zusammenzusetzen, eine Welt, von der ich vielleicht nicht mal wirklich weiß, was sie bedeutet, oder vor der ich warten muss, bis sie mir vielleicht selbst sagt, was sie bedeutet“ 

Im Supermarkt der Popmusik

Ich bin immer noch stark interessiert daran, was mir als Popmusik begegnet. Unbedingt! Ich würde so gerne etwas finden, was mir entspricht, was mich anspricht. Doch bei den neueren Produktionen habe ich zu oft den Eindruck, dass sie sehr marketingtechnisch produziert sind und es zu trivial direkt auf Zielgruppen abgesehen haben. Dazu kommen dann oft auch Klischees und Phrasen zum Einsatz, die längst ausgesaugt sind. Komisch, dies scheint mir auch den Bereich des Jazz zu betreffen, obwohl da für mich eher etwas zu holen wäre. Was ich vermisse, sind die Originale, die „Urviecher“, die quasi aus sich selbst heraus etwas so machen, wie sie es machen. Die ihren Antrieb aus sich selbst holen und nicht aus dem neoliberalen Versprechen, möglichst viel daran zu verdienen, bestimmte Leute möglichst anzusprechen. Ich gebe es zu: es hat sich mir in den letzten Jahren eine Art Unbehagen eingestellt, eine Art Misstrauen, dass darauf zurückzuführen ist, dass ich viel zu oft das Gefühl hatte, es mit einem Produkt oder Artikel zu tun zu haben. Wenn ich daran denke, was mich einst und wie es mich geprägt hat, dann komme ich mir wie in einem Supermarkt vor, in dem ich mir nahezu alles kaufen kann und gleichgültig bleibe. Ich wähle aus, lasse kommen und - wichtig! -  bezahle! Ich hatte lange - bis jetzt! - schon aus Berufsgründen die einschlägigen Zeitschriften und Magazine gehalten. Durch sie hatte ich über die Zeit gesehen so manche Anregungen erhalten, war neugierig gemacht worden, bin einer Spur nach gegangen. Mittlerweile fällt mir nach Erhalt durch die Post alleine schon das Auspacken aus der Klarsichtfolie schwer. Ich traue denen nicht mehr. Zu oft haben sie mir eine Sau durch das Dorf getrieben, die kurz danach absolut vergessen war, die ihren speckigen Glanz vollkommen verloren hatte. Komischerweise und nicht im Sinne des Erfinders war das auch bei dem der Fall, was sich mir als „alternativ“ und „anders“ präsentierte. Solche Markenartikel will ich mir nicht mehr merken, die mir etwas versprachen, was sie dann nicht halten konnten.  

Ganz alleine

Ist das jetzt besonders eindringlich intim? Ja, man kann diesen Honig daraus saugen! Dem Klischee entsprechend. In tausend Formationen hat er seinen Ton eingebracht, mit sehr vielen Musikern hat er schon zusammen gespielt und Alben aufgenommen. Ja, er hat diesen typischen Ton, ob man ihn mag oder nicht. Er strebt einem Ziel entgegen, das er beharrlich auf vielen Wegen verfolgt. Jetzt kommt Pat Metheny er mit seiner Solo-CD „Dream Box“: Nur die Gitarre, sonst nichts. Er verschränkt hier mal wieder Schönheit mit Gefühl, Sound und Technik. Man glaubt Themen zu erkennen, Motive, die sich aber wieder verdunkeln. Er träufelt das in uns hinein, vorbei an vielen Gefälligkeiten, hinauf zu einem Ziel, das auch wir spüren können. Das Dunkle überquert das Offensichtliche. Er schöpft aus seinem Born mit einer Konsequenz, die ihn letztlich zum Star gemacht hat. Wer ihn je live erlebt hat, versteht das ohnehin noch besser. Wie er da seine Virtuosität in den Dienst seiner Sache gestellt hat!! Luftig ist das hier und gleichzeitig geerdet. Im letzten Moment biegt er ab und zeichnet nicht das Erwartete, das Offensichtliche. Im Gegenteil. Er strebt tatsächlich das Neue, Dunkle und Unerwartete an. Er wirft sich hinaus ins Ungeschützte.

 

Path Metheny, Dream Box, BMG/Modern Recordings 

Musik zuhören

Man versuchte sich über weit mehr als zwei Jahrzehnte hinweg an Bewertungen, Einordnungen bestimmter musikalischen Ausdrucksformen samt ihrer Begleiterscheinungen und sozialen Zuschreibungen, am Verstehen und an Geschmacksurteilen bestimmter Arten von nicht durch die öffentliche Hand unterstützter Musik, die sich immer mehr ausdifferenzierte und nur noch selten auf den gemeinsamen „Platz am Lagerfeuer“ zuführte. Man sah darin durch den Zeitgeist hindurch auf die Pole Kultur und Geschäft, man verwendete viel Energie, um sich das zu erarbeiten, was man früher nur nebenbei beobachtet hatte. Man ließ viel Persönliches einfließen, versuchte bestimmte Perspektiven verständlicher zu machen, man hatte Meinung eingestreut, Erlebtes, Erfahrungen und Beobachtungen, Ergebnisse von Gesprächen, man hatte den Austausch mit der anderen Meinung gepflegt, man war offen, man gab sich hin, man vergoss Herzblut und ließ auf sich wirken, ehe man sich um lockere Lesbarkeit bemüht zu einem Text verstieg.

Und plötzlich war man weg. 

Wie vom Erdboden verschluckt, was niemanden so recht zu stören schien. Man hatte seine Meinung in Gehirne geblasen, hatte teilweise Empörung geerntet - und war doch plötzlich verschwunden. Vom Vielen verschluckt. Die Vielfalt hatte einen wie ihn verschlungen, man war aufgegangen im Banalen und Unübersichtlichen, über dessen Radikalität man sich wunderte. Jedenfalls war man für die Masse der Leute weg. Und wie ging es weiter? Man hatte zu wenig verkauft, sich nicht günstig dargestellt, nicht teilgenommen am Diskurs oder sich in einer künstlichen Wichtigkeit gesonnt. Von außen her beobachtete man weiter, entdeckte größere Zusammenhänge, die man nun auch mit Hilfe seines einmal absolvierten Studiums besser verstehen lernte. Man ging ökonomischen und politischen Notwendigkeiten nach, spiegelte das persönlich Psychische im Gesellschaftlichen, gewann dadurch Erkenntnisse, stellte in größere Zusammenhänge und gewann neue Einsichten, ehe man in einen Schlund fiel…....

Glamour Profession

Mir fällt in letzter Zeit immer mehr auf, dass es zunehmend viele „Tribute to...-Shows“ gibt. Natürlich Elvis, das gab es neben den Pink Floyd-Tributes schon immer. Jetzt aber auch ein Tina Turner-Musical, AC/DC, Whitney Houston oder Abba: Ob da nicht auch die Sehnsucht nach den großen Stars, den gerationenübergreifend Begeisternden Figuren ganz vorne, die Suche nach dem großen Glamour un dem Außergewöhnlichen im Gewöhnlichen Dahinter steckt? Leute, die die Architektur der modernen Rockmusik mit geprägt haben, die den Gang der Dinge beeinflusst und die Massen bewegt haben? Schon die in diesem Zusammenhang eingepflegten Cover-Songs nahmen etwas davon mit, mit Interpreten, die wegen ihrer chamäleonhaften Kopierfähigkeit gelobt wurden, die in eine vorgegebene und jedem bekannte Rolle hinein schlüpfen konnten, die ihrer Huldigung „professionellen“ Ausdruck verleihen und unserem Bedürfnis, an einer Figur empor schauen zu wollen, etwas Spezielles geben können. Es gilt, das „Legendäre“ und das „Erfolgreiche“ zu beweihräuchern, das Tragische noch einmal zu bedauern, eine Wirklichkeit zusammen zu schauen. Jenseits des Atlantiks wird man dann gerne mal in die „Hall of Fame“ aufgenommen, was dann nicht nur von Feuilleton-Strategen beklatscht wird. 

Neu? Nicht neu?

Juhu, es gibt ein neues Album von Oasis! Und das mehr als 13 Jahre nach der Trennung der Band um die beiden Gallagher-Brüder. Gut ist es geworden! Toll! Ah! Ih! Was? Das Album ist mit KI entstanden? Im Stil von Oasis? Nun, das war schon lange zu erwarten. Immerhin ist bekannt geworden, dass dieses Album mit KI gestrickt wurde. Egal, dass sich die beiden garstigen Brüder überworfen haben. Die KI macht’s möglich: 8 neue Songs. Die beiden streitbaren Masterminds könnten sich zusammen gerissen haben. Oder? Das Album heißt „The Lost Tapes“ und neben der KI soll es eine britische Band zusammengestrickt haben. Identität verschwimmt. Authentizität auch. Genie ebenfalls. Schöpfergeist. Was vorher zu sehen war. Wenn schon Hologramme ganze ausverkaufte Shows bestreiten, nun ja, die Entwicklung wird weiter gehen und nicht Halt machen. Eine Software wird Songs stricken – und das in einer Qualität, die deutlich über den jetzigen Anfangsversuchen liegt. Dann wird sich die Szene der großen Namen und Marken auflösen. Kreativität? Künstlerisches? Iwo! 

Sachte

Erster Eindruck: das ist schon ziemlich kurz und knapp bestückt mit etwas über 30 Minuten! Weil: Man könnte sich ja einnisten in dieser neuen CD „Vagabond“ von Dominic Miller, man könnte es länger in dieser Klangwelt aushalten, man könnte sich so wohlfühlen, dass es einem vielleicht sogar weiterhelfen könnte. Dieses Album umfängt einen wie eine Schutzhülle. Wie er da wieder Klangzusammenhänge entwirft und sie sachte anführt! Jetzt wieder mal in einem Bandzusammenhang mit Jacob Karlzon, piano, Ziv Rvitz, drums und Nicolas Fiszman am Bass. Man spielt sich Zeichen der Verständigung zu. Man geht aufeinander ein. Sachte. Behutsam. Ob das ein Modell dafür sein könnte, wie es bei uns zugeht? Zugehen könnte? Umgang? Mal zuhören. Versuchen, die Zeichen zu verstehen. Versuchen, sich auf jemanden einzustellen. Austausch anstreben. Nie Konfrontation.

Er spielt die Nylonsaitengitarre. Hört man in solchen Zusammenhängen relativ selten. Hat vielleicht etwas mit seinem Geburtsland Argentinien zu tun. Vielleicht. Er hat ja bei tausend Studioproduktionen mitgewirkt, von Phil Collins bis Pavarotti. Die vergangenen tausend Jahre hat er mit Sting gespielt, live und im Studio. Dabei hat er auch schon mal seinen Sohn als zweiten Gitarristen mitgeschleppt.

Ich spüre hier schon mal, welch behutsames Tasten hier ist, wie sehr es hier ein Streicheln von Möglichkeiten gibt. Und dann etwas völlig Neues in diesem Zusammenhang: Schon im zweiten Stück „Cruel but fair“ fließt ein Thema, ein Motiv in unsere Gehörgänge, schmeichelt sich geschmeidig (man meint, vieles sei da spontan, kreativ aus der Luft gegriffen) so ein, dass dies Thema einen in großer Subtilität einen ganzen Tag lang begleiten kann. Ohrwurm? Ja, aber ganz vorsichtig abwägend und geradezu zärtlich. Nie aufdringlich. Das sechste Stück „Altea“ scheint auf diesem Album ganz ähnlich zu funktionieren.

 

Dominic Miller, Vagabond, ECM Records 2704 

Bilanz (1)

Ich habe mich damals mit der Musik sehr angestrengt, habe versucht, meine ganzen Erfahrungen in die Schreibe einfließen zu lassen und sogar meinen Lebenssinn daraus zu beziehen, während ich meine anderen Tätigkeit bei der Zeitung mehr als Gelderwerb betrachtete. Eine miese Erfahrung für mich war dann, dass man eiskalt auf meine Dienste verzichtete und mir einen Arschtritt gab. Solidarität unter Freien gibt es sowieso nicht. Jeder sucht ganz egoistisch seinen Vorteil. Frei. Selbständig. Stark. So die "offizielle" Einschätzung, die sich den "modernen" Lebensverhältnissen anhaltend verweigert. Jetzt fühle ich mich in einer anderen Lebensphase: mein Horizont hat sich geweitet von Pop weg und hin auf Kultur/Gesellschaft und die Zusammenhänge mit der Hedonismus-Industrie. Ich versuche jetzt mehr, die Dinge im Zusammenhang zu deuten, nehme alte Lebenslinien und Denkrichtungen wieder auf, höre alte Alben, - ohne freilich in Nostalgie zu verfallen. Ich will gewisse Dinge aus einer längerfristigen Perspektive sehen. Ich entdecke aber auf der anderen Seite, wie ich langsam aus der aktiven Gesellschaft heraus rücke und nehme auch meine eigenen Fehler intensiver wahr. Beispiel: Nahm Vieles in meinem Leben zu ernst, ließ es an mich heran, wo vielleicht mehr Leichtigkeit gefragt war. Ich versaute dadurch meine Lebensqualität. Bin jetzt in ein Universum der Stille eingebogen, entdecke, dass ich alt und älter werde, geworden bin, ohne es so richtig zu merken (wieder mal). Man ist jetzt nicht mehr dabei im aktiven Leben. Alles, was zählt, ist Produktivität. Geld. Da kann ich nicht (mehr) mithalten, will es auch nicht. Bin längst auf die Verliererstraße eingebogen und habe es nicht mal gemerkt.

Habe damals Bücher gelesen. Habe mich mit Poptheorien beschäftigt. Habe mich gewundert, wie gewisse Popschreiber Karriere machten, scheinbar leicht an mir vorbei zogen und plötzlich Professoren waren, die ihre Weisheiten international verbreiten konnten. Das auf Karriere und Geld abzielende Spiel hatte ich zu wenig drauf (so denke ich heute) Habe viel gehört, aber keine einschlägigen Beziehungen geknüpft. Habe mich einzufühlen versucht und von dort aus „Kritiken“ zu schreiben. Dabei versuchte ich stets, mir eine eigene Meinung zu bilden und nicht dem nach zu hecheln, was gerade hip war. Habe Ironie und Humor walten lassen, versuchte, meinen eigenen Standpunkt nicht gar so wichtig zu nehmen. Dass dies auf vollkommene Ignoranz stieß, hat mich gestört, irritiert und fertig gemacht. Ist die Masse der Leute tatsächlich so blöde und verbohrt? Es wurde selten von der „Leserschaft“ bemerkt, auch von den Redakteuren nicht, die sich eigentlich mit dem Wort befassen hätten müssen. Stattdessen fuhren sie (bis auf das „Führungspersonal“) bei jedem ihrer Streiks in den Urlaub, was ich als Freier Mitarbeiter befremdlich fand. Außerdem schienen sie ohnehin dauernd in Urlaub (tariflich gesicherte "Ausgleichstage") zu sein, wenn ich schuften musste. Urlaub? Es war nie geregelt, was hätte eintreten können, wäre ich krank geworden. Alles war dadurch erledigt, dass man sich bei jedem Streik mieser fühlte, weil man zwangsläufig als Streikbrecher auftreten musste.

Ich ging davon aus, dass wir alle davon wüssten, dass sich gewisse Gruppen zu sehr mit den Hauptfiguren des Pop identifizierten (Fans). Ich gestattete mir zuweilen, mich mehr oder weniger versteckt über diese Mechanismen lustig zu machen. Von redaktionellen Kollegen wurde dies kritisiert: Ich sei zu distanziert. Es war für mich relativ schwer zu begreifen, dass sich schon damals Wahrnehmungsblasen heraus gebildet hatten, dass man Fragen nicht als produktiv empfand. Entsprechend reagierten diese Fan-Leute auch oft persönlich betroffen auf Kritiken von mir, was wiederum ich schlecht verstehen konnte. Es gab doch Phänomene, die so selbstverständlich nicht waren, wie man sie uns zu verkaufen versuchte, - so dachte ich. Darauf sollte man doch aufmerksam machen, dachte ich. Überhaupt: dies riesige Business, was die „Akteure“ (Stars) umrankte, war für mich immer fragwürdig und suspekt. Ich war nicht bereit, dies als gegeben hinzunehmen. Gewisse Interviewsituationen waren für mich dabei sehr instruktiv. Man wurde dann über zahlreiche Mittelsfrauen und -Männer in ein Hotelzimmer (meist eine Suite) gebeten, in dem der Star in typischer Situation (man sollte ja Konzertbesucher „herbei schreiben“, war Mittel zum Zweck) Audienz gewährte. Unterwürfigkeit war in dieser Situation geboten. Ehrfurcht vor dem Star. Ich empfand das wohl zu oft als Peinlichkeit.  

 

Progressiv voran

Seltsam abgehoben und geradezu autistisch in sich hinein dudelnd kamen sie mir vor, diese Helden der Progrock-Bands, deren Konzerte ich besuchte. Sie schienen mir als wohlgeratene und langhaarige Söhne ihrer Elternhäuser vorzuführen, wie gut sie nach einer langen Ausbildung ihr Instrument beherrschten und wie sie für gut erzogene Oberschüler spielen konnten, - sie hatten darüber hinaus aber wenig mitzuteilen. Es schien Vieles eine Feier ihres Egos zu sein, in die „die Fans“ mit einstimmten, indem sie diese „Virtuosen“ mit allen Mitteln (vor allem Merchandising) anbeteten. Diese zeitgenössischen Prog-Rock-Helden waren ja in Wirklichkeit die Erben jener ersten Generation von Progressiv Rockern a la Yes, E L P, King Crimson, Jethro Tull oder Genesis, die mit ihren ausufernden und manchmal an mysteriösen Themen orientierten „Werken“ und den Rahmen üblicher Popmusik sprengenden Stücken den Boden für solche zeitgenössischen Kunststücklereien bereitet hatten. Es kamen ja damals eine Flut von „Konzeptalben“ über einen, analog zu den früheren Opern. Auch ich sah damals noch genau darin einen Sinn über die Zelebrierung eines Egos hinaus in der Feier und Synthese von bildungsbürgerlichen Inhalten und Rock. Was mich störte, war der Kult, die sich nun entwickelnde und die unbedingte Anhängerschaft diesen Bands gegenüber, die scheinbar alles besser konnten. Schnell schien sich mir diese Anhängerschaft zu einer eigenen Gemeinde zu isolieren und sich neu definieren zu wollen zu einer Art Kadergemeinschaft, die „die wahren Ziele“ eines fortgeschrittenen Zuhörens verfolgte. Ausdruck, soziale Relevanz oder Nachvollziehbarkeit schien dabei keine Rolle mehr zu spielen. Was einen anzog, war die flotte Hinwegsetzung über vorgegebene Normen, zb. eine schamlose Überziehung jeglichen zeitlichen Rahmens.

"Ehrliche" Rockmusik

Ich lese ein Interview mit einem alteingesessenen Rockmusiker, der beklagt, vor einiger Zeit „unehrliche Musik“ eingespielt zu haben. Man wollte eigentlich das Image der Band korrigieren und traf voll daneben. Man wollte etwas Neues, was freilich im Bereich der ehemaligen Rockmusik eine Todsünde ist. „Ehrlichkeit“ scheint für die guten alten Mechanismen zu stehen. Denn das Zeichen zeigt allzu oft auf sich selbst zurück: Fans wollen möglichst immer dasselbe, etwas, worauf es gerade in der Wiederholung des scheinbar Beliebten abfährt, das, wofür es einen „act“ liebt, keine künstlerischen Offenbarungen oder Experimente, Grenzüberschreitungen, Selbstverwirklichungen, Neuerfindungen. Dabei scheint es auch immer konsequenter in Mode zu kommen, sein Ego aus Altergründen durch junge Musiker ersetzen zu lassen. Darstellung einer bestimmten, im Showbusiness sagenumwobenen Figur scheint dabei das Wichtige zu sein, aus dem Geld zu quetschen ist. Die oft beschworene „Würde“ oder „Haltung“ scheint dabei keine Rolle zu spielen. Hologramme und allerlei digitaler Mummenschanz soll sodann die quasi-religiöse Aufführung des Mythos bringen. Es scheint insofern nicht mehr um einzelne Künstler oder um Kreativität in weitem Maßstab zu gehen, sondern um die (seelenbewegende und finanziell großartige) Reproduktion eines Mythos, um seine Aufführung und Verehrung. Meist geht es dabei um Bands vergangener Tage, aber auch betagte Einzelkünstler werden als Monumente des Showbusiness auf dieser Basis inszeniert.

Abdruck

Mir geht es um so etwas wie den „Gesamtausdruck“ einer Person: genauso, wie ich einen ökologischen Fußabdruck hinterlasse, so hinterlasse ich in dieser Welt auch auf diese Weise einen allgemeinen „Fußabdruck“ oder habe Spuren meines Fußabdrucks und persönlichen Daseins hinterlassen. Wer solche eines Tages aufnehmen mag, ist eine andere Frage. Da zb. Musik in meinem Leben in verschiedenen Formen stets eine sehr wichtige Rolle spielte, da sie mich auch in verschiedene soziale und technologisch bestimmte Zusammenhänge trieb (z.b. spielte ich in tausend Bands, da früher die technische Entwicklung noch nicht so weit war, wie sie heute ist… Es war nicht möglich, per Sequenzerprogramm vor sich hin zu werkeln, die Vereinzelung war noch nicht dermaßen fortgeschritten), gehört für mich dies auch ganz klar dazu, sind das die persönlichen Spuren meiner Existenz. Aber auch das, was ich gedacht und in schriftlicher Form niedergelegt habe, was meine Phantasie oder Kreativität produziert und was sich in mir gespiegelt hat, mag zu meinen ganz persönlichen Spuren gehören. Es hat einen in gewisse Verhältnisse geworfen, man war bewusst oder unbewusst in manchen Verhältnissen angekommen, agierte unter gewissen Bedingungen, aus denen man sich nicht mehr befreien konnte (oder wollte), man war gefangen, weil man sich früh für etwas entschieden hatte (meine ureigene Obsession, mich nicht festzulegen, mag insofern ihre Gründe für mich (!!) gehabt haben). Es ist ja so, dass ein „Gesamtausdruck“ in diesem Sinne von ihrem gesellschaftlichen „Erfolg“ bestimmt ist.  

Digital gequetscht

Nils Petter Molvaer: seine Scheiben scheinen sich beständig zu drehen und neue Seiten an sich zu offenbaren. Ich sitze und höre „Solid Ether“ aufmerksam zu, dann „Khmer“ und „NP3“, wobei mir Instrumente und Verläufe auffallen, die in etwas Neues hinein führen. Zunächst nicht funktionierende CD-Kopien können mich dabei nicht bremsen. Ich kämpfe das durch und gelange stolz zum Hörgenuss. Da sind diese kratzigen Klänge, die in Elektronik gebadet scheinen, die auf hypnotischen Maschinen-Rhythmen tanzen, zerfetzt, verletzt, verwundet und sodann wieder in Schönheit strahlend, Bögen ziehend, aus dem Chaos aufsteigend, aus dem Grauen ins Goldene zielend, aus Sphären des Hintergrunds und wieder zurück blökend, sanft, dreckig wüst, aus Wolken hinein in ein Sandstrahlgebläse in Getragenem aufgehoben hinaus ins hektisch Getriebene, vom leise Zurückhaltenden hinaus in laute Betriebsamkeit, vom Maschinellen ins individuell Isolierte, ins traurig Suchende und im Nebel stochernde Unsicherheit, das aus dieser Zeit kommende über Rhythmen tanzende Etwas, aus digitalen Räumen gequetscht, mit Nachhall versetzt, aus Träumen gemacht in zerfließende Melancholien befeuert, aus der Scheise in den Äther strebend, zerkräuselt, auf Ruinen zerfetzt tanzend, pumpend eine Existenz zu entziffern suchend, röcheln, hechelnd dem Sein nahe, in Ignoranz und Dunkelheit abtauchend, sich ablösend in zerfließende Verheerung, schürfend und schroff schnorchelnd.

Eines dieser Alben

Ich nehme mir eine der CDs vor, die mich einst auf ihre Weise angesprochen hatte, weil ich das eigene Beherrschen der Gitarre, diese scheinbar eindringliche Stimme und das einigermaßen glaubwürdige Darstellen einer Figur da herauszuhören glaubte. Der Mann absolvierte große Tourneen durch große Hallen, hatte dazu fähige Bands beisammen, war im Sinne der Popmusik sehr erfolgreich. Ich lege mit einiger Neugier auf und höre eine freundlich produzierte CD, mit einem Schuss Folklore, aber nicht zu viel, ein bisschen bluesy, aber bloß nichts roh oder gar rau. Nichts geht da an irgendeine Grenze. Ich schlittre von einem Titel in den nächsten. Da ist nichts von einer Dringlichkeit, da strömt nichts, was etwas mit „Wahrheit“ zu tun hat, da ist alles wohl abgewogen und gut produziert. Wohlklang komfortabel. Luxus, in Luxus gebadet. Jetzt umstrickt mich da eine anvisierte, aber nicht ganz erreichte Folklore-Glaubwürdigkeit, aus dem Wohlfühlkabinett, die durch diese lockere Swimmingpool-Atmosphäre relativiert wird, durch diese Mühelosigkeit, die mir einst gefallen hat und die ich als natürlichen Ausfluss einer Musikalität deutete. Das ist für „freie“ Menschen, die gut situiert und alimentiert dem Tod entgegen vegetieren. Diesen "Artist" habe ich auch aus den Augen  verloren. Er war mir schlicht nicht mehr wichtig genug. Ach, diese wohlgestaltete Melancholie! Das alles konnte man sich leisten als wohlsituierter Pop-Senior. Das stellte man auf dieser Cd aus. Und das gab es damals in seiner Wohlabgewogenheit zu bestaunen. All diese freundlichen Anklänge. Könner halt. Smart wie das exotische Gewürz in der Kochshow: Der weiß, wie es geht! Jaja, das war noch die Zeit des „der“. Die Dominanz der Patriarchen. Inzwischen scheint sich alles geändert zu haben, auch die Stellung des Weiblichen im Popgeschehen!

Leuchtpunkte

Da waren lauter farbig attraktive Punkte und grafisch anziehend gestaltete Vierecke, in denen auch noch etwas Geheimnisvolles schlummerte. Wir drückten uns die Nasen an Schaufenstern platt. Das war wie Weihnachten, war im strahlenden Geheimnis, offenbarte etwas, was uns als Versprechung lockte. Musik war in weitgehend festgelegten Albumlängen, in fixen Portionierungen gepackt, die man haptisch sogar be-greifen konnte. Das Äußere, das Grafische Illustrierte, das Innere. Es gab einen Zusammenhang, - zumindest in unseren Köpfen. Eines war klar: So und so viel passt drauf... basta! Jedes dieser so anziehenden Dinge umfasste eine zeitliche Einheit, sagte etwas über seinen Urheber aus, war zu erschließen, stellte einem Aufgaben. UrheberInnen gab es, sie waren in ihrer femininen Form aber selten. Meist dominierten Gruppen oder Bands, mit männlichen Langhaarfrisuren. Kollektives Schaffen hatte noch einen Raum. Heute gibt es meist die überzogenen Egos, das Dahinter spielt sich in anonymen Kollektiven ab, die bestenfalls eine Erwähnung auf verkauften „Alben“ wert sind. Trotz allem Nostalgiegeraune sind auch keine „Alben“ als künstlerisch und kommerziell bestimmte Zyklen mehr entscheidend, sondern einzelne Titel, Tracks, die möglichst schnell zur Sache, zum Refrain kommen sollen. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, die Konkurrenz bespielt den gesamten Freizeitmarkt. Aus einer Rockmusik, die auch aus künstlerischen Antrieben heraus etwas riskierte, ist eine genau auf eine Zielgruppe hin konstruierte Popmusik geworden, ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, dessen Verbreitungsweg kein auf Albumlänge gestrecktes Füllmaterial mehr kennt, sondern eine Datenansammlung ist, die beim Hören bei jedem Anlauf funktionieren soll: 30 Sekunden, - oder weniger. Playlist rules. Es steht nicht länger die Beschäftigung mit etwas Künstlerischem im Vordergrund, auch nicht ein festgelegter Veröffentlichungszyklus der auf den Punkt gebrachten künstlerischen Bemühungen, sondern ein Produkt, das vielmehr großen Konzernen als einzelnen künstlerischen Marken etwas einbringen soll. Es wird verdient. Nur das zählt. Es gab und gibt noch ein paar Indielabels, die anfangs als Symbole der Unabhängigkeit gefeiert wurden. Doch mit der Zeit wurden sie weniger, wurden aufgekauft und eingegliedert, gingen ein in ein großes Unterhaltungsgeschäft. Vielen von ihnen hatten wir ohnehin nicht so recht getraut. Nun waren manche von ihnen im Korruptionssumpf untergegangen. Alles war nur noch eine Frage des Geldes. Heutzutage gibt es ein paar Großkünstler, die ihren Nimbus aus alten Zeiten noch herübergerettet haben und mehr ihre Marke als ihre künstlerischen Bemühungen feil bieten. Nostalgia rules: früher war alles besser! Deshalb wollen wir noch einmal jung sein!  

Im Weißen Saal

Ich schrieb einen Nachruf für Jack Bruce im Oktober 2014 und mische dies mit sehr persönlichen aktuellen Gedanken: "Wie ging uns diese Stimme nahe! „White Room“ oder „Tales from brave Ulysess“ von der Cream- Live-Lp. Man lebte damit, es war fast, als drücke es einen selbst aus. Die dunklen abwärtsdräuenden Akkorde mit dieser Jack-Bruce-Stimme tätowierten sich einem ein. Überall: ins Gedächtnis, ins Gefühl und ins Gemüt. Und dann „Theme from an imaginary Western“: wie oft ging einem das durch den Kopf. Es war einer seiner unbestritten stärksten Songs. Pete Brown hatte die Lyrics dazu geschrieben. „When the wagons leave the City, for the Forrest and further on...“. Das alte romantische Wort „Sehnsucht“ und der Pioniergeist der US-Auswanderer des neunzehnten Jahrhunderts gingen da zusammen. Wie er das mit seiner Stimme gestaltete und ausformte! Das war groß. Vor etwas mehr als zwei Jahren, bei seinem Auftritt in Winterbach, da sang Jack Bruce auch diesen Song. Seine Ehefrau hatte Geburtstag und er war in Hochform. Mit ihr zusammen hatte er ja lange Zeit in Nellingen gelebt. Hier um die Ecke. In seiner Band hatte eingangs ein guter, ja ein starker Bassist gespielt und es wurde einem angst und bange, wie er selbst wohl danach aussehen würde. Wow, und dann zeigte er, was ein großer und toller Bassist ist. Er spielte nicht nur präzise. Das sowieso. Er war jederzeit in der Lage, auf die Ideen seiner Mitspieler einzugehen. Er spielte wunderbare flexible Linien auf seinem Bass, der diesen grummelnden, ganz leicht verzerrten Ton hatte. Er war frei und spielte gleichzeitig vom Blues und Rock kommende Strukturen. Er zeigte sich als ein Weiser dieses Instruments. Und nun ist Jack Bruce tot. Wie das? Er war ja immer da, hatte tolle Sachen aufgenommen und seine Stimme war stets ein Faszinosum gewesen. Faszinosum? Solch ein Wort geht uns normalerweise nicht so leicht von den Lippen. Aber bei ihm stimmte es. Es war einfach nicht bis zuletzt zu erklären, worauf die Strahlkraft dieser Stimme beruhte. Es zog einen immer wieder an. Der Mann hatte natürlich auch eine blühende musikalische  Phantasie. Er führte natürlich Jazz und Rock zusammen. Das behauptet sich heutzutage so leicht. Damals war das ein Wagnis.

Damals, in den Siebzigern, als seine Phase mit der „Supergruppe“ Cream zu Ende gewesen war und er zu sich selbst zurück kam. Er spielte unter anderem mit Dick Heckstall-Smit und mit Jon Hiseman, mit Clem Clempson, Gary Moore. Robin Trower und mit John Mayall, aber auch mit John McLaughlin, Tony Williams und Carla Bley: all diese großen Helden der Vergangenheit. Wo sind sie? Er war immer am Ball, auch nachdem er von Nellingen aus wieder Richtung England gezogen war. Alle wollten noch einmal mit ihm zusammen spielen, was sich unter anderem auf seiner 2014 erschienenen CD „Silver Rails“ dokumentiert. Aber er ging auch noch einmal mit Cream, mit Eric Clapton und Ginger Baker 2005 auf die Bühne. Man musste damals Angst um ihn haben. Er war ja so wacklig gezeichnet. Wir dachten kurz daran, was wohl wäre, wenn wir ihn nicht mehr hätten. Aber bei all dem schlechten Zustand: man zerschlug diese Gedanken wieder. Er war ja nicht so alt. Jetzt ist er mit 71 gestorben." 

Ausgezeichnet

Populärkultur. Meist werden da die Erfolgreichsten mit Preisen ausgezeichnet. Erfolgreich = kommerziell erfolgreich. Damen und Herren in Glitzerfummel treten dann zu irgendwelchen Galas an und die Medien reportieren brav. Was aber geschieht 2022 mit Kate Bush, die nach Jahrzehnten mit „Running up the Hill“ einen Megahit landete? Fällt aus dem Rahmen. Die begehrtesten Konzertkarten verkauften 2022 die Rolling Stones, The Cure, Genesis. Auch uralte Schlachtrösser, die teilweise ihre Abschiedstournee stemmten (wobei es niemanden erstaunen sollte, wenn darauf noch viele „Abschiedstourneen“ folgen). Komisch, alles retro, alles von gestern. Erfolgreichster Film war „Top Gun – Maverick“ mit Tom Cruise. Den Namen und den Titel, das Marketing-Logo hatte man ja auch schon mal mitgekriegt. Substanz da ist, wenn man derartig intensiv auf alte Sachen zurück greifen muss. Überhaupt: ob nicht bestimmte Sachen auch nach künstlerischen Kriterien ausgewählt werden könnten? Das wagemutigste, außergewöhnlichste und besonders gut produzierte Konzept? Vorgedrungen in bisher noch nicht gehörte Sphären? Traut man so etwas der Popmusik auch nach vielen Jahren nicht zu? Weil sie sich hauptsächlich durch ihre Verkaufszahlen, d.h. den Zuspruch der Massen legitimiert? Ob es da fiese Tricks gibt, mit denen man sich produktionstechnisch an den Mainstream der erfolgreichen Produktionen dran hängen kann? Möglicherweise hört man sich satt an solchen „Tricks“. 

Modern Music

Haha, man weiß ja, welche „Hot Buttons“ man drücken müsste! Dauernd produzieren, großer Output, kreativ sein. Alles ist gleichförmiger geworden, weil sich die Formeln gleichen. Außerdem müsste man im Stream schnell zur Sache kommen, spätestens nach 30 Sekunden, 10 Sekunden wären besser! Refrain, das Eingängige, die Hookline. Denn es gilt, viral zu gehen. Jemanden sofort in seinen Bann zu ziehen. Eine Antwort wissen, auf u.a. Wie aktiviere ich mit Social Media meine Fans? Mit Instagram-Stories und -Fotos und Reels? Sich musiktaktisch richtig verhalten. Zuerst 10 dann 20, dann 50, dann 100, dann 200, dann 1000, dann 10 000, dann 100 000, dann 1 Mio…Schnell möglichst viele mögliche Hörer antriggern. Ob das musikalisch noch was reißt? ...Die Titel sind ja ohnehin immer kürzer und kürzer geworden. Tempo ist beim Streaming angesagt. 

Auf der Suche nach dem Original

Über einen wichtigen der von mir bewunderten Gitarristen, mit dem ich sogar einmal ein Interview hatte führen dürfen, hatte ich schon im Jahr 2005 geschrieben: „Richard Thompson, gut, dass es so einen gibt. Einen, der eine mehr als 50jährige Musikerkarriere vorweisen kann, der mit seiner ehemaligen Band Fairport Convention dem britischen Folkrock die wichtigsten Impulse gegeben hat und in seiner Entwicklung trotzdem nie stehen geblieben ist. Einer, der als Gitarrist wie als Sänger jeden seiner Töne neu zu erfinden scheint, der um sie ringt und trotzdem nie angestrengt oder bemüht klingt. Ein Songpoet, der nicht nur eitel um den eigenen Nabel kreist, sondern im Reflektieren der Welt sich selbst (er)findet. Ein Sucher und ein Finder. Schluss mit den Lobhudeleien. Richard Thompson ist ein Original. Basta.

Thompson hatte für mich im Laufe der Jahre immer mehr all das verkörpert, was ich von einem Rockgitarristen erwartete: Ein großes und durch manchmal auch spröde Phantasie gestütztes Talent fürs Songschreiben, dadurch eine Gestimmtheit erzeugen,  mit einem wunderbaren Gespür für Songdramatik, für Instrumentierung und Arrangement, für die Effekte von Spannung und Entspannung, in seinem brillanten Gitarrespiel kein eitles Vorzeigen von auswendig gelernten Phrasen, mit denen man schnell beeindrucken konnte, sondern den Kampf um den Ton, das manchmal dünne Vortasten zu einem Solo, in das man mehr geschoben wurde, als das man es angestrebt hatte. In den USA soll er damit viel Erfolg gehabt haben. Ausgerechnet in Europa, auf dessen musikalischen Traditionen er aufbaute, deutlich weniger. Dies mag auch einer der Gründe gewesen sein, wieso er in mehr als 30 Jahren nur ein einziges Mal in Stuttgart gespielt hat. Mein Pech. Als ich mit ihm sprach, war er ein höflicher Gentleman, der sein Licht niemals unter den Scheffel stellte, sondern den eine gewisse Bescheidenheit und Souveränität auszeichnete, - was ihn mir auch als Mensch noch sympathischer machte. 

In Hawaii

Ach, ich strebe wieder einmal an meiner CD-Sammlung (jawohl, keine MP3-Tonträger, sondern richtige CDs!) entlang und lasse mich inspirieren: Wie konnte ich das vergessen! The High Llamas können einem in den Tag helfen! Ich nehme immer die Scheibe „Hawaii“, die ja gar nichts Hawaiieskes an sich hat, sondern allenfalls ein fernes Paradies vertont, auf das soooo viele Sehnsüchte projeziert werden. The High Llamas waren damals ein Quintett, das auf dieser Scheibe mit vielen Bläsern und Streichern durch seine eigenen Hell-Dunkel-Kontraste ging, mal mit Gesang, mal ohne... Ich war in Hawaii und war insofern fast enttäuscht, zumal ich die hawaiianische Musik sehr mochte und mag. Auf dieser Scheibe ist nichts darauf zu finden! Doch halt! Da heißen Titel „Island People“ oder „Hawaiian Smile“: was es wohl damit auf sich hat? Es wird nicht klar, wie so vieles auf dieser CD, die ihre Rätselhaftigkeit eleganz und spooky verpackt. Allein schon, wie viele Instrumente da ineiander fließen! Ich schaue nach: Die Band war damals ein Quintett, das ursprünglich aus London kommt. Wikipedia schreibt: „Die Musik der High Llamas verbindet amerikanischen Pop und Folk der 1950er mit brasilianischem Jazz und Bossa Nova, Film-Komponisten der 1960er Jahre und elektronischer Musik der 1990er Jahre. Es besteht eine klangliche Nähe zu Easy Listening und Kitsch-Musik.“. Nun ja, da steht schon einiges drin – und auch nicht. Diese Stücke fließen scheinbar absichtslos ineinander, Klischees werden kunstvoll umschifft oder es wird mit ihnen umgegangen, sie werden eingesetzt, niemals rockig, dafür immer flockig, es tauchen Beatles- oder Neil Hannon-artige Melancholien auf, smart sich umkreisend, humoresk durch Vibraphone und komische Orgeln gestützt, immer easy, aber nie avantgardistisch, - insgesamt aber dann vieleicht doch….schwebend abgehoben. Alles scheint hier mit sich selbst zufrieden, nichts will zum Mitklatschen oder Mitsingen animieren, alles blubbert und tuckert vor sich hin. Schleifen kreisen um sich selbst, in sich hi9nein und aus sich heraus, da sind filmmusikartige Verläufe, die eine gefährliche Zweideutigkeit haben und in Hitchcockfilmen hätten zum Einsatz kommen können, vieles deutet auf eine Ebene dahinter, da sind für ein paar Takte elegante Castagnetten, alles ist freundlich hinterhältig und gemahnt daran, dass mit Humor Vieles auszuhalten wäre....

Wie das damals war (2)

Wie das damals war? Da waren als Leadsängerinnen beispielsweise zwei Französinnen hintereinander in meiner Band, völlig unterschiedlich im Wesen. Es hatte sich so ergeben und war weniger das Ergebnis einer gezielten Suche. Man erfuhr durch sie so manches Aufschlussreiche über die französische Gesellschaft. Zusammen gewann man sogar einmal einen großen überregionalen Wettbewerb, verbunden mit einem Geldpreis, den wir natürlich sofort in einen Studioaufenthalt umsetzten. Dabei trat meine "Partnerin" sogar mal bei RTL auf. Es gab auch Angebote von Plattenfirmen. Da ich wegen einer gravierenden Krankheit aber längere Zeit außer Gefecht war, nahm sie den Termin zusammen mit ihrem frisch vermählten Gatten wahr. Insgesamt muss es wohl so gewesen sein, dass nicht viel bei den „Verhandlungen“ heraus kam. Auch war nicht klar geklärt gewesen, wer als Songautor und treibende Kraft im Hintergrund genannt werden sollte. Argwohn schlich sich ein, weil sie allen Erfolg auf sich bezog. Es wurde auch offensichtlich, dass sie gar nicht die Antriebskraft wie ich hatte, einen Vertrag zu erhaschen, weil sie ja ohnehin die wohlbehütete Tochter einer höher gestellten Person war, die Ballett- und Gesangsunterricht genossen hatte. Sie hatte es also im Gegensatz zu mir quasi schon von Geburt aus geschafft. Nach den großen Erfolgen und Auftritten verlief sich alles im Sand.

 Man gründete unter anderem eine Band und unternahm sogar mal eine gemeinsame Fahrt in die Bretagne zu Martine’s Familie. Anschließend ging es nach Paris zu Martines Bruder. Sie mochte nichts, was amerikanisch war, zb. weigerte sie sich, Coca-Cola zu trinken. Die französische Sprache brachte man in die Songs genauso ein, wie etwa Deutsch oder Englisch. Sprache wurde das Mittel eines lautmäßigen, phonetischen Ausdrucks. Ein Organisationsdebakel war es aber mit beiden Damen immer. Sehr schwierig gestaltete es sich etwa, die „Band“ an einem Ort zusammen zu bringen oder sich zum Austausch von Gedanken und Bildern zu treffen. Dies war auch so, weil eine der beiden Damen in Deutschland frisch verheiratet war. Man bekam dadurch zwangsläufig einiges von der (spießigen) Lebenswelt der einen Dame mit, ließ aber alles gelten (man nahm lediglich wahr...) und buchte es in einer Art allgemeiner Toleranz ab. Es schwebte einem bei allen Bemühungen so etwas wie eine Art kreativer Nukleus aus Mann und Frau, Yin und Yang, vor. Man war von Psychologen wie CG Jung beeinflusst, man ließ sich Träume erzählen und Visionen, versuchte behilflich dabei zu sein, das in eine Form zu bringen. Dabei war man auch noch direkt von Dylan und seinen Rimbaud-Einflüssen geprägt. Man versuchte vieles vom andern aufzunehmen, auch sperrige Sachen, die nicht in ein Songkonzept passten. Leider kam bei diesen „Bemühungen“ nicht allzu viel heraus. Was ich nicht so recht wahrnahm oder gebührend ernst nahm, war, dass einem dabei ständig die Mann/Frau-Geschichte, die Geschlechtlereien unterstellt wurde. Es wurde taxiert, ob die jeweilige Partnerin „gut aussah“, ob sie eine "gute Figur" hatte etc.. Ich war dafür viel zu platonisch drauf, suchte beharrlich den Ausdruck und einen Dialog, nahm das Äußere irgendwie mit und nahm es nicht als genau den Tauschwert wahr, den es in unserer Gesellschaft und speziell im Showgeschäft bedeutet. Mir kam es viel mehr auf die Stimme und die Persönlichkeit an.

Neue Horizonte

Heute morgen hat es mich wieder einmal erwischt: Ich hatte in meiner Sammlung jahrelang immer auf die CD „Monkjack“ (1995) zugegriffen, wenn ich Jack Bruce wollte. Wie automatisch. Nun hörte ich auch andere CDs von ihm. Immer schon mochte ich seine Balladen, wenn seine Stimme toll zur Geltung kam, wenn dieser Wechsel von äußerster Sanftheit, ja Zärtlichkeit und heftiger Deutlichkeit bei ihm zum Ausdruck kam. Aber auch seine schrägen Akkorde, die er so unnachahmlich in seine Songs baute. Und die Zeilen, die er da zelebrierte: Er schien ja sein ganzes musikalisches Leben über die Texte dieses Pete Brown zu singen, den wir damals zur Kenntnis, aber nie richtig wichtig nahmen. Heute weiß ich: Das ist einer der besten Lyriker, die die Rockmusik jemals zu bieten hatte. Diese Mischung aus unsentimentaler Melancholie und Sehnsucht war in meinen Ohren immer unschlagbar gewesen, ja, sie brachte mich zuweilen regelrecht zum Weinen. Die ihr angemessene Wichtigkeit räumte man ihr aber trotzdem nicht ein. Brown deutete durch seine Worte oft eine Weite an, die ich in den USA auch erfuhr, wenn ich mich so manches mal in die Siedler hinein versetzte, die ins Ungewisse gen Westen zogen, einem neuen Leben entgegen. Jacks Stimme schien mir genau darauf zu passen. Das stimmt auch bei einem meiner Lieblingssongs, „Theme from an imaginary western“ (ursprünglich durch die Band Mountain bekannt geworden): „When the wagons leave the city, For the forest and further on, Painted wagons of the morning, Dusty roads where they have gone, Sometimes travelin' through the darkness, Met the summer comin' home, Fallen faces by the wayside, Looked as if they might have known, Oh, the sun was in their eye, And the desert that dry, In the country towns, Where the laughter sound, Oh, the dancing and the singing, Oh, the music when they played, Oh, the fire that they started….“ Ach, ich hatte diese Verse immer bei mir gehabt, im Geldbeutel. Unglaublich. Sie waren für mich für so intensiv, wie Worte nur sein können. Und ich war unter anderem im Death Valley in einem Museum, wo ich in ein paar Briefen der Siedler unter anderem von ihrem Heimweh lesen konnte: „And the desert that dry...“. Ja, das war hier sinnlich erfahrbar. Sie waren getrieben von der Suche nach einem neuen Anfang, von der Gier nach Gold, von einem Versprechen, dass sich für die meisten nie erfüllte. Wichtig war für sie aber neben der Familie im Planwagen auch das Streben nach neuen Horizonten, weg von der Not, weg von Verfolgung, weg von dem alten Leben, hinein in etwas Neues - was für manche von ihnen im Tod endete. Wunderbar konnte Jack Bruce dem mit seiner Stimme dem Ausdruck verleihen, Konturen heraus schleifen, seine Menschlichkeit einbringen und sie einem mitteilen. Zuletzt habe ich ihn live gehört, an seinem Geburtstag, wozu, wie ich später gehört habe, auch seine langjährige Herzdame gekommen sein soll, bei der er lange Jahre gewohnt hatte. Dabei hörte ich auch mal wieder einen sensationell guten Bassisten, der sein Instrument wie eine Selbstverständlichkeit behandelte: „Oh the music when they played…“ 

Im Schlagerland

Es gibt Einschnitte in unser Leben. Aber bald schon geht alles weiter und dödelt eine Melodie vor sich hin. „Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Spuren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Mal ausspannen. Man kann nicht immer Probleme wälzen – all das Geschwätz. Der Schlager ist zum tausendsten Mal wieder angesagt und gibt sich allzeit tanzbar. Wichtig ist: Die Hook muss stimmen. Etwas, das alle mitreißt. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus, bei dem jede(r) mit muss. Fruchtbar kann es dabei durchaus sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. „Stimmung“. Eine Zeile, eine Melodielinie, die den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abschalten, nicht anstrengend sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau? Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Könnte. Spass? Ohnehin ist das die Kategorie. Ob man Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss? - nur, auf welchem Niveau?

 

Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat der gealterte und längst verstorbene Schlagerheld Costa Cordalis einmal verlauten lassen, er, der inzwischen wohl durchoperiert war und wahrscheinlich ungewollt den deutschen Schlager recht gut verkörperte. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags ("Rationalitäten" aller Art einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, manipuliert. Gefällig gemacht, geglättet?

As you like it

Ich bin oft Menschen begegnet (und begegne ihnen immer noch), die sich sehr schnell bestimmte Geschmacksurteile über Musik erlauben. Diese sind naturgemäß geprägt durch ihre Sozialisation, durch das, was ihnen über all die Jahre hinweg begegnet ist und was „zu ihnen gesprochen hat“, d.h. was ihnen etwas bedeutet hat. Diese Leute haben sich oft in ihren Beurteilungskriterien verfangen, sie identifizieren sich damit, sie verfechten konsequent, was sie ein für allemal als ihren gewünschten Stil und ihre ästhetische Richtigkeit erkannt haben. Daraus resultiert dann ein locker dahergesprochenes „Das gefällt mir nicht….!“. So etwas ist jederzeit anzuerkennen, andererseits könnte ja auch die Anregung bestehen, so etwas mal zu „hinterfragen“. Ich weiß, das Wort „hinterfragen“ ist von vorgestern. Aber es geht darum, zu fragen, wie man über die Zeit zu einer bestimmten Aussage überhaupt gekommen ist (Wenn man etwas tiefer gehen will). Jahrzehntelange Erfahrung, - so vernehme ich etwas brummig. Ein „immer wieder schärfen“, - und zwar an der Realität der Gegenwart - so würde ich hinzufügen wäre da zu empfehlen. Es gibt ja wohl auch diejenigen, die sich der Beschränktheit ihrer Geschmacksurteile bewusst, aber darauf stolz sind. In einer Zeit, in der alles (besonders Musik) jederzeit verfügbar scheint (ändert sich gerade…), kann man sich rühmen, sich auf das zu konzentrieren, was man – einmal - als richtig für sich erkannt hat. Nur bedeutet das, dass man in seinen Werturteilen abgeschlossen für alle Zeiten wäre, dass man beusst negieren würde, dass sich die Welt um einen herum verändert. 

Trompetenflieger

Aus mehr als 10 Alben dieses Künstlers kann ich greifen und merke, wie oft und wie ritualisiert ich seine Musik aufnehme, die oft unter den Etiketten „Fusion“, "Ambient", "Trance", "Electro" oder „Avantgarde“ eingeordnet wurde und doch in keine Schubladen passt. An vielen Morgen ist sie das erste, was ich höre und was ich immer wieder neu genieße. Ein Bekannter empfahl mir einst den Trompeter Nils Petter Molvaer. Ich solle mir den mal anhören. Der passe zu mir. Der Norweger wollte sich nach einer etwa 2 Jahre währenden Ausbildung an der Musikakademie alleine, ohne akademische Weihen, ins Freie der Musik wagen. Hierzulande war er sodann mit seiner Band oft live zu hören. Nichtsdestotrotz besorgte ich mir erst mal seine Alben „Khmer“ und „Solid Ether“. Von Anfang an war ich begeistert von ihm, seines Konzeptes, seines Sounds, seiner Arrangements und seines Tones, der damals oft mit dem von Miles Davis verglichen wurde. Mit Verlaub, ich liebe Miles Davis, aber Molvaer scheint mir im Flow der Zeit weiter gekommen: Er scheint die Elektronik in seinen Sound aufgenommen zu habe. Er bläst wunderbare Phrasen, die manchmal aber kunstvoll abstürzen in Klangfetzen und Andeutungen, mit denen man in fragende Weiten plumpsen kann, rätselhaft unaufgelöst, in geheimnisvollen Linien, die mir gut tun, die mich stärken, die mich im Klang baden lassen. Die zwischendurch aber auch in einen geraden Vier-Viertel-Takt übergehen können. Immer wieder flicht er seltsame musikalische akustische Ereignisse ein, flirrendes und verzerrtes Zeugs auch, arbeitet mit Brechungen und Andeutungen, die immer wieder auf elegische und strahlend schwebende Passagen seiner Trompete zuführen. Gefällt mir dies oder jenes? Ich komme immer wieder dazu, zu meinen, dass mir an ihm alles gefällt: Sein Gefühl, sein Ausdruck, das, was er in seinem Spiel eingeschlossen hat und was seine Bands aufzunehmen oder wiederzugeben imstande sind. Bei mir kommt das als reine Klangpoesie an, als geformte Phantasie, die in Leuten wie mir ein Gefühl von Stärke hervor kitzeln können. Ob ich demnächst mal "Buoyancy“ bespreche, dieses 2016 erschienene Album, das nach etlichen Umbesetzungen in Molvaers Band für mich so viel Magie ausstrahlte?

Für Jeff 2

Zuvor hatte ich über sein Album „Commotion&Emotion“ geschrieben, das auf dieser Tournee wohl promoted werden musste. Das Album ist nicht unbedingt sein allerbestes, hat aber doch einiges von dem zu bieten, was andere nicht drauf haben: Tatsächlich eine besondere emotionale Qualität, etwas Drängendes, etwas, was vom Menschsein handelt, etwas, was nicht nur schön sein will, sondern auch heftig, wahnsinnig, drängend und dreckig. Für mich wurde er immer mehr zu einem der allerbesten. Der mir etwas mitzuteilen hatte. Der mit seiner Gitarre zu mir sprach. Oft auch verdreht und daneben. Aber sind wir das nicht auch oft? Natürlich war auch einer wie er den Mechanismen des Popgeschäfts ausgeliefert. Er spielte den Rockstar in Stiefeln mit der Mähne aus den 80ern. Er tat mit, so gut es eben ging und spielte seine Rolle bis ins hohe Alter, in dem er übrigens immer noch besser wurde. Noch heute durchbricht er mit seinem Gitarrenspiel jedes Gefühl von Gleichgültigkeit und Abgeklärtheit spielend. Ich höre ihm zu und bin fasziniert:

 

Jeff Beck mit neuem Album - Hochfliegender Stilist. Seine Artikulation ist scharf, seine Phrasierungen sind typisch. Ob langsam, oder schnell, ob mittleres Tempo, immer ist klar, wer hier Gitarre spielt: Jeff Beck. Wie seine lang gezogenen Töne vielsagend abbrechen, wie im Weichen das Harte lauert und durchbricht, um sich gleich wieder im Melodiösen zu verpuppen, wie er die Obertöne kitzelt und die Flageoletts auskostet, das hat allerhöchste Klasse, - nicht nur in der Rockmusik. Ein Stilist. Ein Ästhet. Seine Spielweise scheint oft eine eigene musikalische Art der Mitteilung zu sein, emotional aufgeladen, wild, roh und gleichzeitig sehr kultiviert die Details beherrschend und jederzeit formend. Es gilt dies auch für die von Kritikern vielgescholtene neue CD „Emotion & Commotion“, die mit Orchestereinsätzen nicht spart und sogar den Klassiker „Over the Rainbow“ mit geschwollenen Orchesterteppichen ins Beck'sche Arsenal holt. Großartig, wie er hier das alte Thema umspielt und wie er im darauf folgenden Alternativschlager „I put a spell on you“ Joss Stones' Stimme die Krone aufsetzt. In Wolken träumend, den einzelnen Ton auskostend kann seine Gitarre plötzlich hernieder brechen, sich derb ins Ätzende bohren, um dort neue Kraft zu schöpfen. Zuweilen hangelt sie sich auf „Emotion & Commotion“ sentimentale Schnörkel entlang, schmiegt sich ans wohlig Aufgelasene, in plüschige Puccini-Polster auch wie in „Nessun Dorma“ - und ist doch immer ganz klar bei sich selbst. „There's no other me – da ist kein anderes Ich in mir“ singt Joss Stone für ihn heftig rockend. Das macht Sinn. Er drückt es heraus, er legt es in den Ausdruck seiner Musik. Was? Alles. Auch auf diesem Album, das sich wegen seiner scheinbaren Sentimentalitäten zu Unrecht kritisieren lassen muss. Jeff Beck: Emotion & Commotion.“

Für Jeff

 „Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich ist er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck. 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck 78 Jahre alt und wird uns hoffentlich noch eine Weile erhalten bleiben. 

Auf was es ankommt

Es komme auf den Wahnsinn an. Davon könne letztenendes eine ganze Band zehren, - so las ich unlängst. Ich selbst habe diese Vermutung schon seit längerem. Irgendetwas anzapfen, was über das Vordergründige hinaus zeigt. Andernfalls sei allenfalls Gefälliges zu erwarten, Korrektes, etwas, das okay ist. Ob im Wahnsinn immer das absolut Individuelle, das Kreative und Charakteristische liegt? Oder ob auch etwas ins Kollektive hinaus zeigt, in etwas, das uns alle betrifft?  Jedenfalls werden die Ansprüche in der veröffentlichten Kritik hochgeschraubt. Man erwartet nichts weniger als den „Hammer“. Ein kleines Genie, ein Original als Treibsatz, - vielleicht. Künstlerischer Anspruch. Dabei scheint mir gerade die gegenwärtige „Szene“ im Beliebigen unterzugehen. Es werden Paradiesvögel des Showbusiness bewundert, jeder muss da mit etwas namedropping glänzen, sonst ist er nicht auf der Höhe der Zeit. Aber diese Namen sind vor allem Markennamen. Da schrauben riesige Stäbe an kundigen Songarbeitern das musikalische Material zustimmen, dass sich möglichst an ein paar „Ideen“ der Namensgeber orientieren sollte, damit dieser die Tantiemen abkassieren kann. Dadurch wird alles kalt, im technischen Sinne gekonnt und anonym. Wo steht eine solche Popmusik im Vergleich zu den „Wahnsinnigen“? Zu den großen Impulsgebern, die etwas nachjagen, das sie selbst nicht immer definieren können? Die es immer noch gibt, die aber deutlich weniger geworden sind? Zu den Einzelnen, die etwas Seltenes formulieren? Früher waren da Hilfsmittel wie Drogen angesagt. Doch heute leben die Markennamen gesund und machen Werbung für ihr Fitnessstudio…. Ob so etwas mit der „Hässlichkeit der Welt“ zu tun hat und weniger mit dem Durchbruch auf Unergründetes, Abenteuerliches? 

Stoßtrupp der Musikalität

Auch wenn ich die Scheibe länger nicht mehr gehört habe, haut sie mich sofort um und verschafft mir jenes Gefühl, das ich hatte, als ich sie zum ersten Mal in Händen hielt. Das Coverbild mit der auf dem alten Motorrad kauernden Band mit Frau programmierte einen vor. Thomas Dolby, damals sehr angesagter Musiker und Produzent, hatte produziert: erste Ausläufer des Digitalen, klug vermischt mit herkömmlichem Rock-Instrumentarium: Ja, das war sein Konzept, das mir auf dieser „Steve McQueen“ überschriebenen Scheibe besonders gut aufzugehen schien. Das Album wurde, wie ich später erfahren habe, in den USA unter dem Titel „Two Wheels Good“ in Erwartung eines Rechtskonflikts mit dem Nachlass des amerikanischen Schauspielers Steve McQueen veröffentlicht. Aber hier war mit Paddy McAloon ein besonders einfallsreicher toller Songschreiber, der über ein breites Ausdrucksvermögen zu gebieten schien und auf dieser Scheibe auch als Sänger den Eindruck eines voll integrierten Mitglieds eines Stoßtrupps der Musikalität erweckte. Jawohl, Prefab Sprout waren eine Band und klangen auch so. Erst viele später nahm er jene Alben auf, für die er die jeweiligen Musiker engagierte, die seine kunstvollen Songs zum Leben erwecken konnten (ähnlich wie Steely Dan). Aber hier, auf „Steve McQueen“, der ersten Scheibe von Prefab Sprout, beginnt es mit „Faron Young“, einem Song, der alleine schon mit musikalischen Mitteln vollkommen überzeugen kann: Mit einer Art Western-Hall versehene Gitarren, riesige digitale Räume und trotzdem das Gefühl einer „richtigen“ Band: Sie jagen über gebrochene Akkorde vorwärts, diese unverschämten Gasgeber, sie setzen raffinierte Mittel im Vorbeifahren ein (z.b.gleichzeitig einfach und komplex zu klingen, etwas Zwingendes entstehen zu lassen), hinter den Akkorden lassen sie einen Gefühlsfilm ablaufen und raufen sich zu Chören mit einer Frauenstimme (Wendy Smith singt nie lead…) zusammen. Ich konnte damals viel von ihm über das Songschreiben lernen, über Akkorde und ihre gewissen Wirkungen). Aber Paddy McAloon war damals so gut, dass er mir fast unerreichbar erschien. Auch heute muss ich noch sagen: Das ist äußerst talentiert und geeignet, alles sofort wegzuspülen und einem Wege zu weisen. Schade, dass sehr viel später eine Krankheit, seine überragende Schaffenskraft ein bisschen zu bremsen schien. 

Volle Kraft voraus!

 Wie das damals war? Man musste zumindest eine Pfeife oder eine Kawumm mitrauchen, bevor sich irgendetwas tat. Oder auch nicht. Das heißt, man stritt sich meist über musikidiologische Grundsatzprobleme. Über menschliche Grundsatzprobleme, über Gott und die Welt. Man trat zu einer Schicht an, schuftete für einen Traum, der sich immer mehr auflöste. Man war in einem technischen Wettbewerb, in dem es dauernd hieß: „Oh, der spielt viel besser“. Man munkelte über die hervorragenden Fähigkeiten eines Gitarristen, der unglaublich schnell wahre wunder auf dem Griffbrett vollbrachte und alles konnte, außer bei einem Song halbwegs kontrolliert mitzuspielen (Heute denke ich oft: er war wie Steve Vai, „far beyond“). Einer der sofort abhob und seine Gitarre dröhnen ließ. Der die Ekstasen umspielt und den Himmel küsste mit seinem Instrument. Der aber nicht in diesen einen verdammten Song passte. Denn: Eine Band ist mehr als die Summe ihrer Teile. Wir waren nicht mal die Summe unserer Teile. Wir übten für ein einziges Stück ein Jahr lang. Jeden Nachmittag immer wieder, oft war es laute Arbeit, kein Vergnügen. Ob die Ohren durchhielten, so direkt neben der 400 Watt-Box? Aber wir wollten ja Profis sein. Was übten wir eigentlich? Wir hatten Unsummen in unsere Instrumente investiert, wir hatten das modernste Equipment. Aber es klang nach nichts, das heißt, es war immer kurz davor: wir konnten uns dauernd vorstellen, dass eine kleine Überarbeitung dem Ganzen den notwendigen Kick geben würde. Und dann war es wieder nichts. Drei von uns waren als Musiklehrer tätig. Äußerste Genauigkeit, - naturgemäß. Das war gefordert. Bis zur Sterilität. Work in progress. Wir übten wie die Besessenen und hatten nach einem Jahr wackliges Material für eine knappe Stunde. Das reichte nicht mal für einen Auftritt!. Aber die Musiker waren gut, das wussten wir. Die Welt wusste das freilich nicht. Sie war nur immer kurz davor, es zu wissen. Progressive Bands aller Art – wieso brachten die so etwas fertig, und wir nicht? Mal eben schnell wurde noch ein Bandname gesucht und sogar gefunden: Mainforce.  

In West-Texas

Es mag schon viele Jahre her sein, als ich durch West-Texas kam. Die karge, aber abenteuerliche Atmosphäre dieses Landstrichs nahe Mexico gefiel mir, auch wenn ein breites Sortiment an giftigen Schlangen dieses Vergnügen mindern sollte. Da waren Freaks in der Einöde, die ihre schrullige Seltsamkeit niemals zur Schau stellten, auch weil sie arm waren und um ihre Existenz kämpfen mussten. Selten habe ich es erlebt, dass eine Musik so gut zu einer Gegend gepasst hat. Lyle Lovett, ein äußerlich hässlicher Mann, dem breiten Volk durch seine Ehe mit Julia Roberts bekannt geworden, hat mit dem Doppelalbum „Step inside this House“ eine Hommage an jene in West-Texas wohnende Clique der Sänger/Songschreiber aufgenommen, deren Namen man zu einer genau definierten Zeit überall kannte: Townes van Zandt, der Melancholiker und Songpoet, Stephen Fromholz, Guy Clark, Robert Earl Keen und andere… Unspektakulär erzählend in Genrebildern nüchtern schwelgend (geht das? Ja, bei LL...) hier auch die Musik von Lyle Lovett. "Texas Trilogy", "Texas River Song" "Sleepwalking". Er kommt wohltuend schmucklos daher, wie wenn er das Übertriebene, dieses "Sich Anbiedern" nicht nötig hätte, - und doch scheint er ganz genau zu phrasieren, die Details des Ausdrucks abtastend, wie wenn er die Essenz des jeweiligen Songs in sich eingesogen hätte. Das alles ist bei ihm dramatisch untertrieben, das Understatement und die Lakonie feiernd, er lässt die Romantik des Einfachen hochleben, er lässt ein bisschen Ironie mitlaufen, ein bisschen Sarkasmus auch, er knurrt da kein bisschen gefallsüchtig oder in irgendeinem Sinne übertrieben, stellt den jeweiligen Song in den Vordergrund, ist gleichzeitig bodenständig und um Kunst bemüht, er lässt einzelne Vokale aufblitzen und schluckt sie zurück. Stark, dass er sich damit, wie auf Tonträger dokumentiert, auch in großen, bis zu 24köpfigen Big Bands durchsetzen konnte, ja, dass er ganz offensichtlich in seinen Songs die präzisen musikalischen Schattierungen genauso wie jene in seinem Gesang liebte und in Bezug zueinander brachte.  

Kick Klick Chic

Wieso eigentlich müssen Popsongs immer zwischen drei und vier Minuten lang sein? Keine Frage, Popsongs bewegen sich heutzutage auf einem zu früheren Jahren völlig veränderten Markt, sie müssen Reize setzen, Kicks, sich möglichst übers Bild und viel weniger über musikalischen Einfallsreichtum möglichst schnell vermitteln. Sie müssen InfluencerInnen auf den einschlägigen Medien geben. Es gilt, Videos auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen und anderswo abzustreuen, Nachrichten aus dem Privatleben (hauptsächlich: wer mit wem? ...und am besten einige freizügige Fotos! Am und im Luxusschlitten...) und dem vorgegebenen Ideal nachhechelnde Operationen sind heutzutage Pflicht. Die eigentlichen Songs (als ein Punkt unter anderen) haben ihren Aufbau verändert, zollen der veränderten (nach dem Intro möglichst schnell zur Sache kommen…) Aufmerksamkeitsspanne gebührende Beachtung und….sind im Wesentlichen seit vielen Jahren gleich geblieben. In musikalischer Hinsicht. Wie aber wird es sein, wenn diese Art der Popmusik in das „Metaverse“ einrückt? Welche Rolle wird es und sie da spielen? Die großen Medienkonzerne und Plattenfirmen werden einen Weg finden, wie sie möglichst viel am Erscheinen ihrer „Stars“ verdienen können. Aber wird die Schar der meist unreifen Rezipienten da mitziehen, wird es Probleme mit den ProduzentInnen geben? Gibt es reife und unreife RezipientInnen bei der Popmusik? Ex und Hopp!

Auf Safari

Ich gleite hinüber zu Air. Wieso habe ich dermaßen viele Alben von denen? Vielleicht war es ja auch ein bisschen der Chic von Paris, das sacht Fließende, am Bombast vorbei, das in uns hinein und gleichzeitig in Notre-Dame führte (nur in den besten Momenten). Ich beginne mit „Moon Safari“, dem Electronica-Album, das wohl ihren Ruhm (auch bei mir!!!) begründet hat. Ja klar, da ist das samten Dahingleitende, das alle damals eingesponnen hat, das man damals allzu schnell mit Air identifiziert hat. Einlullen, ein weiches Spielfeld entwerfen, in die die Ideen wohltemperiert einfließen, das war ihr Ding. Da ist so etwas wie ein typischer Groove, fein verästelt in manchen Titeln aber tragend.

 

Ich sah sie mal auf TV bei einem Konzert. Sie waren beide, Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin weiß gekleidet und machten ganz lässig ihren Sound, der offenbar nur aus ihnen kommen konnte. Die Art, wie sie agierten, hat mich beeindruckt. Später, besonders beim Album „Walkie Talkie“, hat man ihnen kühlen Designer-Pop unterstellt. Diese Bezeichnung fand ich nicht mal störend. Jetzt aber „All I need“ auf „Moon Safari“: Ein paar namenlose Frauenstimmen, sehr eingängigen Chören entlang: „All I need is a little time, to get behind this sun and cast my weight…“ Bass, Guitare, Mini-Moog...(hört man...diese Wärme ist auch nach vielen Jahren noch toll) Beth Hirsch – Gesang, sie taucht noch öfters auf…..glasige Rhodes-Passagen, die die Seele streicheln, dazwischen Instrumentals im selben weichen Duktus…..schöne Platte für diese Stimmung. Schade, dass sie dann später ein bisschen vom Kurs abgekommen sind. Sie selbst würden es wohl als eine Art „musikalischer Weiterentwicklung“ verkaufen, was sie beispielsweise auf „10 000 Hz Legend“ gemacht haben: überproduzierter Sound, Spacy, Spooky, elektrisch Electro Beck Hansen machte mit, mit „Le voyage dans la Lune“ (2012) und einem hübschen Sound, der aber nicht an „Moon Safari“ anknüpfen konnte. Jarvis Cocker und Neil Hannon singen auf dem Album „Pocket Symphony“ des Jahres 2007. Auch nicht schlecht…. Auf „Love 2“ aus dem Jahr 2009 schienen ihnen die Ideen ganz ausgegangen zu sein, es klang ein bisschen nach Deutsch-Rock-Klischees, vielleicht wollten sie aber auch etwas ganz anderes machen. Ich kaufte sie immer noch, aber das, was ich bei ihnen suchte, schien weitgehnd weg zu sein. 

Der Sound der Höhlenmenschen?

Zuerst fiel mir dieser seltsame Name auf: Dead can dance. Das hatte etwas aus der Welt der Höhlenmalerei, etwas Ursprüngliches, Rituelles und etwas Verdrängtes. Sie kamen wohl aus Australien, der Welt der Aborigines, für deren Vorstellungungen ich mich damals auch interessierte. Dann hörte ich etwas von ihnen und sah sie live: etwa 8 Personen, wobei sich etliche in Schwarz Vermummte an den Perkussionsinstrumenten zu schaffen machen, - wozu auch dicke fette Pauken gehörten. Das hatte etwas Schamanenhaftes, Bizarres. Es kam ein Sound über einen, der hypnotisch war, gothic-gruftig und geheimnisvoll. Die Sängerin befleißigte sich einer Art Scat-Gesangs der Alt-Phantasien, schien sich in von dunklen Syntyschlieren unterstützte Melodieschleifen hinein zu taumeln in Richtung auf eine individuelle Sprache und Mitteilungsweise. Betörend. Der Sänger kurvte in im Vergleich dazu konventionellen Gesangsschleifen und bediente tausend Saiteninstrumente, von denen die Gitarre nur eines von vielen war. Aber auch Bombarde, Dudelsack und Drehleier waren von ihm oft zu hören. Daheim besorgte ich mir weitere Alben von Dead can Dance, die sich bald als das Duo Mann/Frau/Lisa Gerard/Brendan Perry herausstellten und meist auf dem Label 4AD aufgenommen waren. Es ging von ihnen etwa Dunkles, Düsteres aus, das auf den Alben freilich aufnahmetechnisch brillant umgesetzt war und die in diesem musikalischen Umfeld oft gehörten Dilettantismen vermied. Auch war das übliche Rockinstrumentarium weitgehend verbannt (Der Multiinstrumentalist Brendan Perry setzte nur auf seinem Soloalbum „Eye of the Hunter“ viele Akustikgitarren ein… Lisa nutzte das gesamte Spektrum der Synthesizer- und Samplertechnologie). Wer wollte, konnte Mittelalterliches im DcD-Sound finden, aber auch Arabisch-Orientalisches, Gregorianisches und Afrikanisches. Erst viel viel später fand ich meine „alten“ Alben in aufgehübscht remasterten Versionen und konnte Lisa Gerrard (die Sängerin und Keyboarderin) als eine gesuchte Hollywood-Soundtrackkomponistin identifizieren („Gladiator“). Was diese Leute aus Hollywood suchten? Das Mystische, in sich Ruhende, das sich Drehende (fast im Stile der Sufis), das Tranceartig Rituelle, das sie für sich einsetzen und nutzen wollten. Und Lisa machte offenbar alles mit. Das dämpfte meine Begeisterung später. Beide kamen ursprünglich aus Australien. Er lebt und arbeitet heute offenbar in der Bretagne und lädt Lisa Gerrard, die mit tausend verschiedenen Partnern Alben aufgenommen hat, manchmal zu DcD-Sessions ein. Nach einer längeren Pause sind die beiden nun wieder fortwährend auf Tournee (mit tausend Live-Alben) und haben Alben aufgenommen, die eher einen Duocharakter haben, die sehr professionell gemacht sind, aber viel von dem Geheimnis früherer Tage verloren haben. Aus dem einstigen DcD-Sound war offenbar ein Muster, ein Rezept und Konzept des Erfolgs geworden. Auch störten mich etwas die offenkundigen Tendenzen zur Personaleinsparung und der Eingang in die Charts. Die breite personelle Aufstellung hatte das Duo früher in offen kollektive Felder und andere Wahrnehmungshorizonte geführt, was nun offenbar vorbei war. Ich greife mir aus meinen vielen DcD-Alben meist „Spiritchaser“ (1996) und „Into the Labyrinth“ (1993) heraus, lasse mich davon tragen und zum selbstvergessenen Dödeln animieren.  

Sexismusrock

Der Alltagssexismus in der Rockmusik. Es kommt mir so vor, als seien die Frauen spätestens in der zweiten Phase der Rock- und Popmusik (ab ca. 1980) bewusst und unbewusst benachteiligt gewesen, als seien sie zu den Sensiblen und – schlimm! - weichen Waschlappen mit stets anmachigem und sexy Aussehen eingeordnet worden. Daneben waren ein paar harte Metal-Damen zugelassen - als Ausnahme! Instrumentalistinnen gab es sowieso kaum. Ich erinnere mich auch an meinen beruflichen Alltag, wenn ich etwa auf Joni Mitchell Bezug nahm und mich dafür begrinsen lassen musste. Ich wusste damals nicht, was das bedeuten sollte. Schon früh hatte ich etwa Jonis Live-Album „Miles of Aisles“ bewundert und Jonis Werdegang später immer weiter verfolgt. Auch Rickie Lee Jones, Marianne Faithfull, Figuren wie Suzanne Vega, Kate Bush oder Tori Amos, aber auch unbekannte Künstlerinnen wie Tzudi Tzuke, Stina Nordenstam, Anja Garbarek und viele andere Rockfrauen nahm ich als wichtige weitere Einflüsse mit, wie selbstverständlich. Ich dachte an und empfand nur die Musik und sonst nichts. Ich ordnete weibliches Schaffen nicht wie automatisch dem Genre "Liedermacherinnen" oder "Singer/Songwriter" zu, ich war dafür viel zu offen.  

Irgendwann fiel mir auf, dass wichtige Rocksänger gerne hinter sich einen Papagaienchor versammelten, ausschließlich mit Frauen besetzt. Die wiederholten dann gewisse Gesangsphrasen und veredelten sie auf diese Weise. Ich hielt dies für eine Art Mimikry: ich stellte das fest und kritisierte es (zu) matt. Man munkelte zudem damals, dass gewisse Damen aus dem Hintergrund den Herren im Vordergrund gefügig seien. Auch nahm ich aus den Augenwinkeln solche Songs wie „Under my thumb“ (Rolling Stones) wahr und nahm es als Ausweis dafür, dass ich selbst zu weich und sensibel an das Thema heran ging.

Die alles beherrschende Schallplattenindustrie?  Vom Techniker über den A&R-Typen bis hin zum Plattenboss war sie männlich und machte doofe Witze über singende blonde Frauen. Konsequent. Es war einfach so in der Popindustrie, wie so manches in der Popmusik. Wie das wohl zuging? Ob es da auch gewisse #metoo-Vorgänge gab?

Unter freiheitsliebenden "open minded"-Leuten, so schien es mir klar zu sein, würden Frauen selbstverständlich ihr Teil zum allgemeinen Schaffen und Schöpfen beitragen: Geschlecht war da kein Kriterium. Das stand für mich völlig außer Frage. Da gab es kein Privileg der nett aussehenden und genau so singenden Frauen. Doch irgendwann registrierte ich, dass ich in meinem Berufsalltag als Popkritiker den Frauenversteher gab und fast nur ich mit CD-Rezensionen von Popkünstlerinnen und Bands mit Sängerinnen beauftragt wurde. Es war wohl mein Fach. Frauen wurden zwar ernst genommen, aber halt nicht richtig. Ich war da in eine Rolle gerutscht, ohne es zu merken. Mein Problem war, dass so etwas wie ein derartiger Sexismus in meiner Weltsicht nicht vorkam. Dem entsprechend brauchte ich lange, um so etwas zu kapieren, wenn Kollegen mit leuchtenden Augen von den Haaren oder allgemein, dem Aussehen gewisser Künstlerinnen schwärmten. Wer die Macht und die Möglichkeiten dazu hatte, schrieb auch für ein Zeitungspublikum im geschilderten Sinne darüber. 

Klangtupfer, sanft

Wie habe ich ihn eigentlich entdeckt? Da war eine Art Dandy aus der früheren Hit-Band Japan, dem man vor vielen Jahren alleine schon von seinem Äußeren her nicht allzu viel zutraute. Aber, man muss es offen bekennen: Die CD „Secrets of the Beehive“ überzeugte einen damals total und tut es auch heute noch. Da ist ein feines Tasten an Grenzlinien entlang: sanft ätherisch zwischen sehr wacher Konzentration und Müdigkeit: entschleunigt würde man das heute nennen. Gehauchter Gesang, der Bassist Danny Thompson, den ich sowieso mag, dabei mit tollen Linien. Der Keyboarder Ruichi Sakamoto auch, den auf dieser Spur endgültig entdeckt hatte und von dem ich später noch so manches Album erstand. Steve Jansen, ein toller Drummer, der es fertig brachte, die lyrische und die groovige Seite seines Instruments zusammen zu bringen. Avantgarde war nur angedeutet, nie selbstgefällig damit umgegangen, David Torn und Phil Palmer mit ein bisschen Gitarre, ein Element, das später zunehmen sollte. Die einzelnen Songs als Miniaturen liebevoll gezeichnet, mit einer Prise Jazz, aber immer meditativ in sich versunken, langsames, höchstens mal mittleres Tempo, sachte Klangtupfer, sehr verwinkelt gesetzt und mit Orchesterhintergrund toll verschränkt, ein bisschen Satie auch, lyrisch gezeichnet, ein paar fernöstliche Andeutungen - so war das damals. Natürlich ging das in einen ein, füllte einen ganz und gar aus, wurde später und mit der Zeit ein fester Bestandteil meiner Gefühlswelt, gefolgt von dem schleunigst gekauften Album „Brilliant Trees, das eine Art Fortsetzung von „Secrets of the Beehive“ ist, die elektrischen Gitarren aber ein bisschen mehr nach vorne schiebt, leicht unterkühlt genossen. Kenny Wheeler dabei, Mark Isham und Jon Hassell: wunderbarer Einsatz von Blechbläsern. Insgesamt nicht gar so zurückhaltend. Es sind noch viele Alben von ihm in meine Sammlung gefolgt. Ich habe immer wieder Honig gesogen bei ihm, auch hin zu „Dead bees on a Cake“, diesem wunderbar zusammengestellten Album und der Zusammenarbeit mit Bob Fripp. 

Mit dem Pedal (3)

Ich hatte in diesem Blog wohl schon einiges geschrieben über Daniel Lanois und seine Auffassung von Produktion, die er gemeinsam mit Kumpel Eno unter anderem in so manche Produktion der Band U2, in eine Produktion von Emmylou Harris und in das Schaffen von Bob Dylan eingebracht hat. Nicht umsonst heißt ein ziemlich prominentes Album von denen „Joshua Tree“ und deutet damit auf ein Wüstengebiet mit typischem (Nicht-)Bewuchs und langgestreckten Flächen, besiedelt von einem kargen Zauberwald. Langgestreckte Flächen zeichnet er auch immer wieder in seine Stücke, die viel von der stillen Wüstenatmosphäre ausstrahlen, in der Lanois offenbar lebt: im Zions National Park, in Utah. Wir hören bei ihm viel Reduktion und ein Schwelgen im Spröden, das er ausgerechnet mit seiner Pedal Steel guitar zeichnet, der man ja meist eine ausgeprägte Sentimentalität und Country-Seligkeit nachsagte, was bei genauerem Nachhören auch nicht immer stimmt. Am deutlichsten wird Lanois’ Liebe zur Pedal Steel Guitar auf dem Album „Belladonna“, das mit seinen instrumentalen Solostücken wohl als eine einzige Hommage an die Pedal Steel gehört werden kann.

Doch glaube ich entdeckt zu haben, dass mich der schleifende Klang dieses Instruments irgendwie auch zu Nils Petter Molvaers Album „Buoyancy“ gebracht hat. Nach einer Änderung in der Besetzung seiner Band spielt der Norweger (von dem ich ohnehin tausend Alben besitze, die ich in diesem Blog auch noch besprechen will) hier mit seiner Trompete oft in einer Verbindung mit der Pedal Steel seines damals neuen Gitarristen Geir Sandstol, er geht auf ihn ein, wirft ihm in einer weitflächigen Klanglandschaft zwischen Jazz und Elektronik Andeutungen zu und spielt seine Band in rätselhafte Landschaften hinein. Besonders die beiden Eröffnungsstücke „Ras Mohammad“ und „Gilimanuk“ bringen viel Steel Guitar, was ein Kollege in seiner CD-Besprechung einmal als „nicht überzeugend“ bezeichnet hat. Doch wer unerwartete Klangerfahrungen machen will, wer sich davon bestricken lassen will, wer sich einlassen kann auf diese schwebende Schlieren, wer das alles nicht mit US-amerikanischer Country-Musik assoziiert, der ist hier richtig, der sollte aufmerksam verfolgen, wie dieses Instrument auch gespielt werden kann. 

Jäger der Phantasie

Ach, von den Nits habe ich auch etliche Alben! Mir fällt als erstes ein Titel ein, den ich auf Album, ja auf Tontrager!, gar nicht habe: „Schwebebahn“. Das holländische Trio produzierte hier Töne in deutscher Sprache. Der zurückgenommene, mit starkem holländischem Akzent vorgetragene Titel erzählt einerseits von einem Zeitzeugen des Kennedy-Besuchs in Berlin 1963 („Ich bin ein Berliner!“) und andererseits von einer Frau, die in der Wuppertaler Schwebebahn des Jahres 2011 an diesen Mann zurückdenkt. Das war ungefähr 2012. Nach weiteren 10 Jahren sind die drei Musiker ergraut, aber Henk Hofstede, Robert Jan Stips und Rob Kloet sind wohlgelaunt noch unter uns. Stips? Ja, das war der zeitweilige Keyboarder von Golden Earring, der aber anschließend zu den Nits ging und dort mit seinen einfallsreichen Klängen und Ideen bis heute musiziert. Bei uns scheinen sie weniger prominent zu sein, in der niederländischen Heimat läuft es umso besser, auch im hohen Alter. Ich höre ihren kleinen Hit „In the dutch mountains“ und bin wieder begeistert von ihrer Art des feinen Humors, der Ironie, des Spiels. Nie habe ich bei ihnen die typischen Macho-Spielchen mit der Gitarre gehört, immer waren ihre Szenarien surreal und plastisch zugleich, ihre Musik lautmalerisch, mit Andeutungen spielend, leicht und doch manchmal experimentell. Aber niemals elitär. Sie kamen mir manchmal so vor, als seien sie die Jahrmarktsakteure, die uns mit den vorgehalten Spiegeln einher springen. Ich weiß noch, wie sehr mir damals ihr Albumtitel „Da da da“ gefiel. Eine Prise Dadaismus, Verherrlichung des Unsinns und des Sinnes im Unsinn war oft in ihren Sachen. Abstand. Ironie. Humor. Skepsis. Spiel.  

Sich selbst verwirklichen

Haben nicht sehr wichtige Wissenschaftler wie David Graeber zu zeigen versucht, dass ein hoher Prozentsatz der Menschen eine Arbeit verrichtet, die eigentlich sinnlos ist und das Gemeinwohl kein bisschen befördert ("bullshit jobs")? Und gibt es nicht Hinweise auf Organisationsformen des Menschen, die ihm deutlich mehr Freiraum bringen könnten als die jetzige Form der untergehenden Globalisierung und des darnieder liegenden Kapitalismus? Ob da die Kreativität, jede einzelne Form der Kreativität auch eine Richtungsmöglichkeit andeuten könnte? Zum Beispiel das Musik machen? Jawohl, dieses „aus sich selbst schöpfen“, das eine Art Selbstvertrauen und vom Können handelt, dieses umzusetzen, das ein Verlangen nach kreativer Selbstvergewisserung voraussetzt und nicht unbedingt in einen kommerziellen (also einen Verkaufs-) Erfolg münden muss? Haben wir so etwas in unserer Laufbahn und Entwicklung durchaus schon über längere Zeit kennen gelernt und hatten uns dann damit auseinander zu setzen, dass viele Musiker ihr Tun als technischen Vorgang und sehr viel weniger als Form der Selbstentäußerung, als Form eines kreativen Schaffens, als eine Spielart des freien Geistes, auffassen? Haben wir uns dann mit dem Hinweis auseinander setzen müssen, dass sich sowieso nichts ändert, dass etwas so ist, wie es ist, - und dass letztlich nur der kommerzielle Erfolg zählt, der in gewisser Weise auch ein Zeichen dafür sein soll, dass etwas gehört wird, dass ein Verlangen (eine „Nachfrage“) nach etwas besteht? Hat so etwas nicht auch politische Implikationen?

Bischoffssohn

Ich muss runter von David Sylvian, koste es, was es wolle. Habe leider noch viele weitere Alben von ihm, die ich hören müsste. Ein Segen ist es, dass ganz in seiner Nähe die Alben eines Künstlers stehen, den man etwa 1997 im Vorprogramm von Tori Amos hörte und restlos begeistert war. Eine skurrile Band mit Cello und weiteren Streichern, mit Cembalo und einem knitzen Gesang, der trockenen schwarzen Humor intonierte: toll, ich erinnere mich genau. Das war einer der ganz guten Momente! Der Mann hieß Neil Hannon und seine Band nannte er The Divine Comedy. Im Laufe der nun folgenden Jahre wechselte er oft seine musikalischen Begleiter und keiner wusste, wieso er manche Projekte mit seinem Namen überschrieb, manche als The Divine Comedy und manche als Neil Hannon and the Divine Comedy. Aber man wusste so manches nicht bei diesem schmächtigen Jüngling mit dem Aussehen eines Nerds, der manchmal so etwas wie eine altenglische Aura sowie etwas Monty Python’s Flying Circus ausstrahlte und der Sohn des Bischoffs von Glogher sein sollte.
Wow! Ich hatte einen tollen Songschreiber entdeckt. Skurril im höchsten Ausmaß! Aber nicht als Gag, sondern der Mann war echt, durch und durch seltsam. Sofort das Album her! Möglichst alles Verfügbare! Hier höre ich in „Death of a supernaturalist“: „See my solitude, Where once was truth now only doubt, Touch my tortured skin,Torn from within and from without, Kiss my blistered lips, My fingertips frost-bitten and grey, Heal my wound within, And watch the dead skin fall away...“ Ein Spiel mit der Romantik, Zitat eines Gefühls, „Miss Marple“-Filmmusikähnlich, ausgestaltet anfangs mit Cello und höchst spritzigem Popgesang. „Badadadaba….“ Gleich darauf noch spritziger, noch leichter, Hohn und Spott, wie war’s gemeint?. Meine damalige Freundin und ich befanden sich in einem edlen Wettstreit: Wer hatte welches Album und konnte es sodann triumphierend dem andern vorspielen? Eine Sonntagnachmittagausfahrt auf der ersten Scheibe: „Your daddy’s Car“: We took your daddy's car, And drove it into town, We steamed into a bar, And we bought the biggest, Bottle of champagne, And driving through the rain, We sang "God bless this car, And all who sail in her…..We took your daddy's car, And wrapped it 'round a tree, We didn't know what for, We didn't feel like driving anymore, It was so good we got bored, And we are driving from the day, We are born" Haha und nochmal haha: „Wrapped it round a tree“. Um einen Baum gewickelt. Drunter eine tolle Melodie. Als Abschluss „Can you feel the sadness in our love?, Well it's the only kind we're worthy of, And can you feel the madness in our hearts?, As the key turns and the engine starts, Can you feel the engine start?, Engine start“ Ach, erinnere mich auch an seltsame Synthesizerspiele, muss auf einem Album meiner Freundin gewesen sein. Jaja, er mochte Human League, das wusste man. Und er hasste Musikmaschinen. Aber was er damit machte? „Promenade“, „Casanova“, „Fin de siecle“….So hießen einige der folgenden Alben. Ich breche zusammen. Ich brauche mehr davon! Ich höre jetzt „Absent Friends“, das Album, mit dem er mal wieder gnadenlos überraschte: Tendierte er bisher eher zum Kleinen, Verschmitzten, so drehte er hier das ganz große Rad und machte ein Fass auf. Breite Orchesterflächen, schön konturiert, manchmal zurück geführt auf zb. ein Duo, er wieder mit seinem dünnen Stimmchen will den großen Bariton geben, gibt dabei alles und karikiert es gleichzeitig in Thomas-Bernhard-Manier. Wieder das Spiel mit Stilmitteln. Romantische Klangzusammenballungen mit einer Prise Pop. Ich ziehe noch mal das Album „Absent Friends“ aus dem Jahr 2004 heraus. Hier höre ich sein „The Wreck of the Beautiful“: „I thought I heard her call, maybe I heard nothing at all. I thought I heard her call from the wreck of the Beautiful“ Ach, klasse! Ich habe ihn noch 1000 mal erlebt, einmal sogar unplugged, nur zur Akustikgitarre. Er ist auch rein musikalisch ein toller Songschreiber. Gut, dass es solche noch gibt!

Antriebe (2)

Man bog damals schon ein in das Zeitgefühl der Achtsamkeit, was ich aber schon damals und sehr früh als einen vorübergehenden Trend und nicht allzu ernst zu nehmende Orientierung erkannte. Aus all diesen Strukturen fühlte ich mich sowieso schon früh ausgestoßen. Auch passte ich nicht in das, was dem Mainstream der Gesellschaft als typische Familienstruktur vorschwebte. Alles mag auch an meiner Unfähigkeit und Kommunikationsarmut gelegen haben: Effekt war, dass ich niemals „dabei“ war. Intelligentes und gleichzeitig populär verständliches Agieren, war das, was ich mir nicht nur in der Musik zum Ziel gesetzt habe. Inspiration und Kreativität anstreben. Heute weiß ich, dass ich damit zwischen allen Stühlen saß. In meiner jetzigen Lebensphase wird mir bewusst, dass ich in meiner Musik sanft und liebevoll sein will, dass das Paradox in mir wohnen soll und dass ich behutsam, fast beiläufig neue akustische Räume streifen will. Dabei agierte ich jahrelang auf einem Equipment, das auf Popmusik ausgerichtet war. 

Etwas wie „Wahrhaftigkeit“ will ich dadurch wenigstens für mich anstreben. Dem vermeintlichen Zeitgeist nachzuhecheln erschien mir stets armselig läppisch, war aber der Weg zum „Erfolg“. Ich hatte damit „umzugehen“. Damit „umzugehen“ scheint mir aber Grenzen zu haben. Auch diesem in den Medien oft beschworenen Scheitern und immer wieder Aufstehen scheinen mir Grenzen gesetzt. Ich fand mich schließlich wieder als „Free Lancer“ von Beruf und schien mich manchmal mit einer Szene auseinandersetzen zu sollen, die das Vulgäre, Grelle und Simple bevorzugte, ja, die geradezu fasziniert davon war. Dem gegenüber stand die Inszenierung seiner selbst, seines Ego, in einem Prozess, der gerne als „Networking“ beschrieben wird und auf die Ausnutzung menschlicher Ressourcen zielt, was ich auch nicht anstrebte und es auch nicht konnte, wozu ich nicht konstruiert war. Ich habe das bis heute nicht in mir, es geht nicht. Auch war dieses sich „Entwickeln“, das ja in der Öffentlichkeit dauernd betont wird, mir zu sehr am Fortschrittsgedanken dran, den ich auf allen Gebieten verabscheute. Klar, dass inzwischen vom „Fortschritt“ niemand mehr spricht. Vielmehr wird überall die „Innovation“ beschworen, als Motor der kapitalistischen Entwicklung.

Antriebe (1)

Man wollte an das Zeitgefühl und die scheinbare Ereignislosigkeit von John Cage anknüpfen. Er war offenbar in den Kosmos des Klangs eingegangen und badete in der Ruhe. Dazu kam das Gefühl des Groove, also für ein drängendes akustisches Ereignis, für ein spannendes Riff, das niemals aufhören sollte und scheinbar das Gegenteil dieses "John-Cage-Feelings" war. Es war dies ein oft nicht erreichter Anreiz. Es drängte für mich unter anderem in die Richtung, die Philipp Glass eine Zeitlang verkörperte: Repetition und ihre Wirkung nach Veränderung winziger Details. Ich hatte auch „Einstein on the Beach“ live auf der Bühne gesehen, was mich stark beeindruckt hatte. Dazu kamen bei mir Randerfahrungen bei KH Stockhausen, Nono und etlichen sogenannten „Neutönern“, deren „Avantgarde“ ich nicht unbedingt so aufregend fand, wie sie gekocht wurde. Was mir unter anderem an ihnen gefiel, war, dass sie nicht unbedingt auf eine Massenhysterie zielten, was keine Kunst ist, wenn man aus dem Kulturtempel heraus massiv subventioniert wird.

Ob es dadurch, durch Pop und seine Mechanismen, zu einer Verbindung der Einzelnen kam, ob es eine „Verzahnung“ mit der „gemeinen“ Realität kam? Das scheint mir heutzutage am ehesten dadurch zustande zu kommen, dass die inzwischen preiswert gewordene Elektronik mit ins Schaffen einbezogen wird. Sie scheint auch in vielerlei Hinsicht Teil der „gemeinen“ Realität zu sein. Politiker geloben bei jeder Gelegenheit, die Digitalisierung voran zu treiben. Irgendeine Stellung dazu sollte der genialische „Künstler“ einnehmen. Neue musikalische Räume können durch elektronische Verfremdung und - überhaupt - Manipulation geradezu beiläufig entstehen. In der Zeit davor bedurfte es dazu eines riesigen Aufwands. Studios, Effektgeräte, Personal etc. Nach wie vor interessant erscheint mir das Konzept des „Minimalismus“, der offiziell auf Wiederholung und winzige Veränderungen im zeitlichen Verlauf setzt, der mir aber bedeutete, das man mit wenig Einsatz hohe Wirkung erzielen konnte. Leider war meine eigene „Vermarktung“ schlecht. Dafür sorgten einerseits die vom Staat bestellten Vermarkter und andererseits die Popheinis von den Plattenfirmen, die stets nach dem Versprechen auf Profit fahndeten und weniger an musikalischer Kreativität interessiert schienen. Dies galt mir insbesondere für sog. „Independent Labels“, die im Vorfeld der großen Plattenfirmen agierten und am Ende ihres Schaffens immer weniger zustande brachten. 

Jeder ist ersetzbar

Alan White und Andy Fletcher sind gestorben. Die Individuen und mehr oder weniger prägenden Figuren mit einer Art Künstlerpersönlichkeit werden immer weniger, nachdem sie gealtert und gestorben sind. Auf der Bühne werden sie locker ersetzt durch diejenigen, die alles spielen können, die clever namenlosen Musiktechnokraten. Ob aber das Gruppengefüge (Sofern es so etwas gibt….) und/oder der Startrip weiter funktioniert? Ist das etwas relativ Sensibles? Egal, die Fans machen die Erfahrung und lernen sie, dass jeder, jede, jedes ersetzt werden kann. Es ist im Hintergrund des Geschehens angesiedelt, es ist eine Art Black Box, - ob das tatsächlich so funktioniert? Ich habe einst die Beach Boys erlebt, die ihre „alten“ Hits gespielt haben und dabei auf der Bühne wichtige Mitglieder durch fähige Platzhalter ersetzt haben. Das Ergebnis klang, man muss es zugeben, im rein musikalischen Sinne besser als zuvor. Natürlich fehlten die großen Egos. Aber wer hat das abseits der Besetzungslisten, des Line-up, tatsächlich negativ bemerkt? 

Egal, Alan White war für mich derjenige, der eine Art Gegengewicht zu dem esoterischen Sänger Jon Anderson als Nachfolger von Bill Bruford der Band Yes damals eine Art Bodenständigkeit gab. Nachdem er zuvor schon für Joe Cocker und Gary Wright gespielt hatte, brachte er solche Erfahrungen in eine Band ein, die später auch durch den Tod wichtiger Mitglieder immer mehr zerfledderte und als letzten Anker wohl ihn hatte. Ich muss gestehen, ich habe sie ein bisschen aus den Augen verloren, nachdem ich in grauen Vorzeiten zu ihren Konzerten getigert war. Sie waren für mich auch immer ein Musterbeispiel, wie aus Rockmusik so etwas wie Entertainment, eine Marke, eine Firma geworden war. Prog-Rock als Geschäft. Andy Fletcher? Hat mich nie so recht interessiert. Ich hatte ihn hinter den meisten Kompositionen von Depeche Mode vermutet. Ob es tatsächlich so war, weiß ich nicht. Jedenfalls führten sich Dave Gahan und Martin Gore selbst als genialisch charismatische Anführer vor. Andy Fletcher schien zu jenen zu gehören, die jederzeit ersetzbar sind. Natürlich werden Depeche Mode weiter auftreten und wird es ein neues Album sowie eine Tournee geben, alleine schon wegen der Umsätze. Ob aber das Ding im Hintergrund noch weiterhin funktioniert, wird sich heraus stellen. Hauptsache, es kommt dabei etwas heraus, so die utilitaristische Denke. Moral von der Geschicht’: Jeder ist ersetzbar. 

Priesterin guten Geschmacks

Sie hat anfangs schockierende Sachen gemacht, Sachen, mit denen niemand so recht etwas anzufangen wusste, auch wenn beflissene Kulturjournalisten lange Erklärorgien veranstalteten. Sie ging mit Phantasie gegen die Denkfaulheit an, setzte Zeichen, wies kreativ auf etwas hin, was zu erraten war, in dessen Richtung man sich bewegen konnte. Doch irgendwann ging Laurie Anderson in den herrschenden Kulturbetrieb über, wurde ein Teil von ihm und genoss es offenbar, dass man sie derart als Protagonistin des guten Geschmacks anhimmelte. Ihr Ego erschien (auch von ihr selbst!) aufgeblasen, sie inszenierte sich selbst, sie wurde das Kunstorakel, das die Prophezeiungen erfüllte, die sie sich selbst gestellt hatte, Laurie Anderson badete in Anerkennung. Es wurden Ausstellungen und hochdekorierte „Konzerte“ veranstaltet, sie heiratete Lou Reed (auch so ein Monument!!!) und wurde u.a. zum Aushängeschild ihrer Heimat New York. Wer etwas auf sich hielt und sich von dem Publikum abgrenzen wollte, das heute zu den Konzerten von Helene Fischer rennt, der sprach in hochandächtiger und beweihräuchernder Bewunderung von Laurie Anderson. Ab und zu produzierte sie noch eine CD/DVD, umgab sich dabei mit hochpreisigen und teils sehr populären Studiomusikern und stellte Enigmatisches/Seherisches zusammen. Ansonsten ruhte sie (aus meiner Sicht) sich auf einem beachtlichen Kissen spitzzüngiger Kulturanerkennung aus und genoss ihren Ruf als Priesterin des Fortgangs technologischer Entwicklung, worin sie meiner Meinung nach einen streng amerikanischen Kurs einschlug, der dem unbedingten Optimismus der Technik gegenüber verpflichtet war. Verschwunden schien mir ihr anfänglicher Skeptizismus, den sie nun nur in jenen Dosen vorführte, die dem vor allem linksliberal orientierten Kulturbetrieb verträglich waren. 

Im Geheimnis sein

Wie fühlte sich das an, wenn wir meinten, durch einen Song „Im Geheimnis“ zu sein? Dachten wir wie heute darüber nach, wie jemand das macht? Woher das kommt? Der technische Vorgang? Wie könnte etwas ähnlich funktionieren? Damals war vieles noch nicht so festgelegt/normiert wie heute. Ob das eine Rolle gespielt hat? Eine Art Durchbruch ins bisher Unbekannte (zb Hendrix)? War so etwas nahe an der Hypnose, die irgendwie (so klar ist uns das niemals…) Macht über uns gewinnt? 

Ging es vor allem um einen Ausbruch aus dem Alltag? Um Nachrichten aus einer anderen Realität? Signalisiert so etwas eine Einmaligkeit? Das uns mitreißt aus Gründen, die wir so genau nicht kennen….. Ich lese jetzt etwas von einer Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit, die von einem Stück Pop ausgehe? Ich lese etwas von einer „rätselhaften Verästelung zwischen Poesie, Parole und Popkultur“, was mich die nette Alliteration bemerken lässt, die da drin steckt. Ob diese Alliterationen etwas von Eitelkeit haben? Ich lese von „ungewöhnlichen Songs“, die sich „am eigenen Schopf aus dem Diskurssumpf ziehen“, es zeige, wie „Platitüden neu und kraftvoll zu inszenieren“ seien. Ob ich da noch mitgehe? Ob es das ist, was uns damals bewegte (heute bin ich wahrscheinlich viel zu oft zu abgezockt dazu...)?

Schlag den Schlager

Schlager, so las ich neulich, spreche direkt die Sehnsüchte der Menschen an. Und zwar in einer Art, wie man es als normaler Mensch nicht formulieren könne. Funktioniert das, wird Musik zum Ventil für Gefühle. Menschen fänden sich dann in einem Song wieder. Nun scheinen das die scheinbar unabhängige Musik und die Kulturgeschmäckler immer wieder für sich zu entdecken. Wer zu lange dem sarkastisch Gebrochenen, dem ironisch Gemeinten, dem humoristisch Kritischen des allzu Rationalen nachgehängt ist, der verlegt sich allzu gerne mal aufs pure Gegenteil. Da las ich von „der Tendenz zur Größe, zum Direkten, zur Emotion und dem Pathos, zum „Geschwelge“ und zum - Kitsch. Es wird da unter anderem das Loblied auf „den Poser“ gesungen. Auch wird das Loblied gesungen auf die Songs, die wetlook-gegelter und gleichförmiger als das "Gewohnte" sind. Ein bisschen gebläht vielleicht auch. "Wenig Ziel. Kaum Drang“. Das alles schließt mit dem Doppelsatz: „Man müsste als Künstler Fanatiker sein, um dem zu entgehen. Niemand mag Fanatiker.“

Nun, dies lässt tief schließen auf Motivationen. Wie etwas gemeint sein könnte. Auf welche Regionen im Menschen es zielen würde, welche Klischees es für sich gebrauchen könnte - vielleicht. Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein.

Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat der gealterte und mittlerweile verstorbene Schlagerheld Costa Cordalis einmal verlauten lassen, er, der inzwischen wohl durchoperiert war und wahrscheinlich ungewollt den deutschen Schlager recht gut verkörperte. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Fun und Hedonismus, - Frohsinn und Party! "Party!". Zack, zack, zack..... Monotonien vermeiden! Am besten alles Schlag auf Schlag.....Schlager. Sexy Sex. Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags ("Rationalitäten" aller Art einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, manipuliert. Gefällig gemacht, geglättet?

Wohin es einen treibt

Ob irgendetwas in mir ins wilde Musikalische gedrängt hat? Ins akustische Experiment, in die akustische Erfahrung, in Richtung Pop? Wollte man mit Pop verständlich bleiben, weil man zuvor etliche „Werke“ der Avantgarde angehört hatte und sich ein Urteil darüber gemacht hatte, wer so etwas wirklich hört? Wer bei den Aufführungen im Publikum sitzt. Aus welcher sozialen Schicht diese Leute wohl überwiegend stammen? Welche Argumente sie treiben…… Ob Distinktion, also die Unterscheidung von der "Masse",  da eine Rolle spielt? Ob sie etwas davon haben und was das ist? Ob es Ausgesprochenes und Unausgesprochenes gibt, das eine wesentlich größere Rolle spielt? Das alles hat mich damals wenig interessiert. Ich wollte daran sein, was aus mir kommt. Es sprudelte und Improvisation war ohnehin angesagt, Keith Jarrett und solche Leute…… Hermann Hesse sang noch öffentlich wahrnehmbar das Lob der Innerlichkeit. „The inner mounting Flame“ des Mahavishnu Orchesters beeinflusste mich zusätzlich, leuchtete für mich neue Räume aus.

Ich wollte da auch rein, in diese Form der Realität in diese kühne Spekulation…..Ob mir das später gelungen ist?…. Ich hätte für mich so was wie "Erfolgskontrolle" machen sollen. Stattdessen strebte ich immer weiter in etwas, was mir die Musik verheißen hatte. Etwas Visionäres, etwas - wie ich heute weiß - chaotisch Utopisches. Nicht die akademisch geadelte, und über Jahre ausgebildete und geformte…. die von Professoren benotete und genehmigte Art der Akademien…. Sie blieb mir in diesem Zusammenhang fremd. Keine Zeit und Energie dafür. Eigentlich auch - Verachtung. Hatte auch solche Leute kennen gelernt, die so etwas Akademisches anstrebten und schließlich daran scheiterten. Diese Leute sind später natürlich nicht mehr sichtbar, sie leben ihren innerlichen Knacks im Geflecht der (künstlerischen?) Beziehungen aus, versuchen, für sich "das Beste daraus zu machen". Sie bekommen im günstigsten Falle irgendwelchen Ersatz zugewiesen, der ein Ersatz für das ganze Leben bleiben wird, - aber immerhin eine befriedigende Altersvorsorge garantiert…... 

Spieler hautnah

Oh, wie war das vor Jahren, vor Jahrzehnten! Pat Metheny entdeckt. In einem damals kleinen Club. Vollkommen überfüllt, also saßen wir so gut wie auf der Bühne, - dort gab es noch Platz. Schon diese Unmittelbarkeit gefiel mir. Höchstens 2 Meter hinter dem Schlagzeuger Dan Gottlieb gesessen, alles sehr direkt mitgekriegt. Metheny selbst war damals am Anfang einer langen Karriere, die ihn zu großen Erfolgen geführt (was natürlich allen „Jazzern“ suspekt war!) hat. Aber ich werde nie vergessen, wie eine Atmosphäre von freier Phantasie von diesen Musikern ausging. Ich habe damals ernsthaft Lyle Mays für mich entdeckt. Der war offenbar imstande, jeden Ball aufzunehmen und ihn zurück zu spielen. Ein loyal kreativer Begleiter. Wie aufmerksam sie aufeinander eingingen! Manchmal sah man es ihnen sogar an, wenn etwa ein kleines Lächeln genießerisch quittiert wurde. Wir saßen direkt hinter Dan Gottlieb, einer, der später schnell verstoßen ward und eines Tages in einem Rockgetümmel wieder auftauchte. Spielfeld getauscht. Wäre eigentlich keine Schande. Auch Steve Gadd spielt seit vielen Jahren für Eric Clapton.

Doch bei der Jazzgemeinde hatte es Gottlieb verschissen. So etwas macht man nicht!, so ihr Credo. Zurück zum Auftritt: Es war ein Feuerwerk der Phantasie, ein Zauberberg der Musik, der sich mir da öffnete…. anfangs hatte ich als Gitarrist noch auf das Griffbrett geschaut: Wie macht er das? Das war aber nur anfangs so, später empfand ich das Ganze, das in meine kleine flache Realität drang, das mir ein Abenteuer war und mich veränderte. Wie er es fließen ließ! Tolle Musikalität! Das war es, was ich auch anstrebte. Das pure Spiel, das man auch ausdrücken konnte, für das man die technischen Fähigkeiten hatte! Niemals als Selbstzweck. Viele viele Male habe ich danach noch Pat Metheny in seinen verschiedenen Besetzungen, aber auch solo erlebt. Eine Offenbarung......

Mimikry

Ich weiß durchaus noch, wie sehr sich Kollegen befremdet fühlten von Auftritten afroamerikanischer Bands wie The Four Tops oder The Temptations (Ja, die waren zu einer gewissen Zeit durchaus auf Europa-Tournee!!). Durchgestylte Choreographie, synchronisierte Tanzschritte (im Gegensatz zum eher auf Vereinzelung zielenden Tanz der Hippies und ihrer europäischen Ableger...), gelackte Show und falsch strahlende Gesichter in Glitzeranzügen, Falsettos und funky elektrisierende Musik. Damit konnten sie nichts anfangen. Mich würde interessieren, wie dieselben Kollegen heute die Auftritte diverser HipHop- oder Rapstars bewerten: Goldkettchenbehängte „Erfolgsmenschen“, die ihren Ruhm gleichzeitig für den Abverkauf von Parfums oder Energy-Drinks nutzen, die die ihnen gegen Geld ergebenen Musiker gleich den ihnen hörigen Chicks nach Wahl benutzen und wegwerfen, die Hiphop längst zu einer Form des technischen Könnens und einer Art Mainstream gemacht haben.

Ich stehe amüsiert an der Seitenauslinie und kann das ganze Theater nicht ernst nehmen. Die Showdarbietung. Die angeberische Pose. Es galt schon damals, die Symbolik dahinter wahrzunehmen. Das war doch schon immer eine Anverwandlung dessen, was in dieser Gesellschaft als vorbildhaft gilt und nahm das auf, was besonders in der amerikanischen Gesellschaft als „Erfolg“ gilt: mit Mimikry, in Rollen schlüpfen, übertrieben kopieren und ins Extreme treiben, Reichtum darstellen - dabei aber trotz aller Charity persönlich profitieren. Mithilfe von irgendwelchen Abflusskanälen, durch die das pure Geld fließen konnte. Verhaltens- und Rollenmodelle, Reaktionsmuster und ihre Äußerlichkeiten (hierzulande oft der Gebrauch gewisser Automobile), "Narrative", "Framing" und "Wording" . Die Absurdität und das Groteske dieser Posen mussten eingefangen sein, Maßanzüge und dicke Schlitten mussten unbedingt sein..... Also in etwa auch das dekadente Verhalten, das gewisse Oligarchen verschiedener Gesellschaften heutzutage an den Tag legen...  

Then they were three

Ich lese vom letzten Konzert von Genesis. Phil Collins im Stuhl, stark steh- und gehbehindert, rutscht sich zurecht, seine Stimme soll sich verändert haben. Sein Sohn am Schlagzeug, die alten Weggefährten neben und hinter sich. Daryl Stuermer auch dabei. All das konnten wir uns damals nicht vorstellen, damals, als Popmusik noch jung war. Wir strebten zu einem Konzert, damals noch mit Peter Gabriel: Lamb-lies-down-Tour. Dann haben sich Genesis selbst zerlegt: Steve Hackett etwa tauchte solo auf, Phil Collins sowieso, Rutherford auch (sogar ziemlich erfolgreich waren seine Mike & The Mechanics...). Später sind auch Genesis als Trio auf den Pop-Zug aufgestiegen und Phil Collins quakte solo sowieso aus jeder Radioline. Das alles ist nun vorbei, heute offenbar nicht mal eine kleine Meldung in der Tageszeitung wert. Die Leute sind älter und alt geworden, - genau wie wir. Kann das jemand heute noch raffen, dass uns das stark beeinflusst hat, dass wir extrem neugierig waren, wie sich das wohl entwickeln würde, - auch wenn man nicht unbedingt Hardcore-Fan war? Das spülte in unseren Gefühlhaushalt hinein, das drückte etwas in uns aus, das wurde und war ein Teil von uns. Heute: Phil Collins kann offenbar schon länger nicht mehr Schlagzeug spielen, mindestens zwei Mitglieder tragen Maßanzüge, die großen Zeiten sind vorbei. Was war das? Eine Projektion? Ein Trugbild? Regierte schon damals das große Business im Hintergrund? Schotter? Kohle? Ich kann mich an die riesigen Apparate erinnern, mit denen diese „Künstler“ später unterwegs waren. Einige Konzerte nahm ich noch mit. Doch sie hatten nicht diesen Einfluss auf mich, - bei weitem nicht….  

Ein Versuch

Was ich 2016 über Bob Dylan’s Album „Fallen Angels“ schrieb, obwohl ich Dylan stets schätzte, ja, mich zu einer zeitweiligen Begeisterung von ihm hinreißen ließ. Es scheint mir die Zeit für eine gewisse Relativierung, eines gewissen Abstands, einer kritischen Haltung - trotz des Respekts für ein "Lebenswerk":

"Er bringt jetzt ein Album heraus, das „Fallen Angels“ heißt. Allein schon der Titel. Bob Dylan hat ja immer gerne abgegriffene, leicht kitschige Bilder umgesetzt, verarbeitet, verfremdet, um damit den Anschluss an jenes kollektive Moment zu wahren, das jeder populären Musik inne wohnt. Aber jetzt und heute ein ganzes Album mit diesem Titel? Nun ja. Einer, der nächste Woche 75 Jahre alt wird, darf das vielleicht. Er darf dies ganze Album womöglich auch mit klassischen alten amerikanischen Songs besetzen, von denen kein einziger von ihm selbst stammt und die gerne mal als Evergreens oder legendär bezeichnet werden. Titel wie „Young at Heart“, „It had to be you“, „Nevertheless“ oder „Melancholy Mood“ würden in dieser Form in jede Nachtbar des klassisch seriös gehobenen Zuschnitts passen, in die es solche Best Ager wie Dylan nach dem Besuch der örtlichen Disco vielleicht noch zu einem kleinen Absacker hinzieht.

Dylan hatte diese seltsame Rückwärtsgewandtheit ja schon mit seinem Vorgängeralbum angedeutet, auf dem er mit seiner typisch knarrzigen Schnarrstimme lauter Frank Sinatra-Songs zu verhaltener Instrumentierung interpretierte. Eigentlich skurril, die Idee. Dass Meister Dylan sich aber dazu herabließ, war ja schon das einzigartige Ereignis. Eine Neuinterpretation aus seiner Sicht, aus der des ständigen Beinahe-Literaturnobelpreisträgers! Jawohl. Nur, das musste wirklich nicht sein. Außer für notorische Dylan-Freaks, von denen es freilich immer noch viele gibt.

Dass der amerikanische Altmeister sich in seiner langen Karriere gerne in Rätsel hüllte, mit dem Geheimnis der Geheimnisse per Du war und tolle Anspielungen wie auch literarische Vorlagen jeder Art verarbeitete: okay. Die Meriten dafür hat er längst eingesackt. Die Orden, - auch die symbolischen, - baumeln an seinem Revers. Ob es jetzt aber die Legenden der Popularmusik sein müssen, denen er sich anverwandelt, mag dahingestellt bleiben. Niemand von den großen Popkennern mag es zugeben, - aber es ist stinklangweilig, dieses Album. Von vorne bis hinten. Und es ist vielleicht ja so etwas wie der Bankrott eines großen Songschreibers. Die Erklärung könnte ja ganz einfach sein: nämlich, dass ihm nichts Eigenes mehr einfällt. Auch das. Nichtdoch. Kann nicht sein, das, behaupten Connaisseure. Da ist viel Erweckung und Erleuchtung, Ehrfurcht auch. Die Feuilletons quellen ja nach wie vor über in heißer Bewunderung und feinsinnigster Deutung. Für Bildungsbeflissene ein Fan von Dylan zu sein, ist Pflicht. Muss man kennen. Gehört zum Kanon. Ist geradezu Herzenssache. Jedenfalls für die älteren Menschen unter ihnen.

Natürlich hat er auch auf seinem neuen Album wieder ein paar sehr gute Musiker an der Hand, die das legendäre „Material“ mit der heutigen Aufnahmetechnik state of the art interpretieren und es auf diese Weise weit übers Niveau der bloßen Barunterhaltung erheben. Über all seine wunderbaren „Begleitmusiker“ durfte ohnehin meist gestaunt werden. Natürlich gibt er selbst den Songs seine persönliche Färbung, seinen Rhythmus, seinen Zungenschlag. Na und? Ob das reicht? Zu wissen, dass dies „der große Dylan“ ist? Vielleicht wollte er auch Songs einem Publikum näher bringen, vor denen er selbst so etwas wie Demut empfindet. Die ihn geprägt haben. Songs, die auch ohne jenes große elektronische Brimborium funktionieren, das heute vielfach die großen Hitparadenerfolge trägt. Mag sein. Ehrenwert ist's, allenthalben. 

Vielleicht spielt bei ihm ja aber auch sowas wie Humor oder Ironie mit. Es wäre nicht das erste Mal. Zu wissen, dass sie jetzt alle staunen und ihn dafür kratzbuckelnd verehren, dass sie sich alle anstrengen und seine ach so weisen Absichten auszulegen versuchen. Gevatter selbst sitzt derweil vergnügt in seiner Klause und grinst sich eins, macht sich lustig über die Methoden der Helden- und Idol-Verklärung, während er sich auf den nächsten Auftritt irgendwo irgendwie vorbereitet, indem er etwas trinkt, was er so in seinem Alter nicht mehr tun sollte. Lacht sich in seine neuesten uralten Songs hinein, die diese unerträgliche „Früher war alles besser“-Nostalgie mit sich tragen und dafür doch nichts können. So ist's, so ist der Welten Lauf. Sie müssen aufschauen zu Häuptlingen, die dann aber auch mal ganz banal in der nach allen Regeln der Werbekunst beworbenen Unterhose dastehen, um sich darin ganz alleine und furchtbar einsam zu fühlen. Manche brauchen das halt. Viele aber brauchen dies „neue“ Dylan-Album, das immerhin 37., - ganz und gar nicht."    

Wie eine Rose

Wieder einmal komme ich über Elvis Costello und die vielen Alben, die ich von ihm besitze. Tatsache ist, dass er sehr viele, ja, geradezu unübersichtlich viele Scheiben gemacht hat. Ich lege eine alte Scheibe, „Get Happy!“ auf und kann das Gefühl immer noch nicht einordnen: ist da die Aufforderung zum Optimismus, oder wird dieses Gefühl zitiert? Rebellion oder Anpassung? Diese Kriterien galten schon damals nicht. Die Scheibe enthält energiegeladene Songs, über die man an vielen Stellen nachdenken kann. Seine Band hieß damals noch The Attractions, der Bassist Bruce Thomas schied später aus, obwohl er wunderbare und prägnante Basslinien beigesteuert hatte. Was da wohl dahinter steckte? Costello wird es wohl in 1000 Interviews nicht verraten haben. Der Schlagzeuger spielte in der Tradition der Schießbuden a la Ringo Starr, insgesamt mit viel Power, - aber insgesamt und nicht prahlerisch. Er steuerte aber auf seine eigene Weise viel Fahrt bei…… Der Keyboardsspieler Steve Nieve war sowieso immer mein Held: scheinbar unauffällige Rhythmusarbeit, zeitweise im Kirmesorgelsound, die billigsten und gleichzeitig besten Sachen steuerte er bei, grundierte phantasievoll, spielte mit Anklängen, machte zeitweise auch den kompletten Sound (ein Soloalbum von ihm habe ich auch: "Keyboard Jungle", auf dem er zeigen kann, über welche überragende technische Fähigkeiten er am Piano verfügt....), da sich Costellos Gitarre nicht besonders in den Vordergrund spielte…...die Songs wirken auf mich ein, sie verleihen mir etwas...ich ziehe „Mighty like a Rose“ heraus. Damals, Anfang der 90er Jahre, hatte er seine Ausdruckskunst schon perfektioniert, hatte dosieren gelernt und setzte herrliche Akkorde in den Verlauf, platzierte großartige Intros: „Invasion Hit Parade“…...“Now that you set everybody free, what are you going to do about me?“….. Benmont Tench machte mit, Mitchell Froom auch (später ein teurer Vorzeige-Produzent...), unter anderem T-Bone Walker, Marc Ribot und Larry Knechtel…. ach ja…... Elvis Costello solo, ohne Attractions und strenges Bandfeeling…..das alles öffnete Horizonte….. 

Im Strom der Daten

Ob einen nicht gelegentlich ein komisches Gefühl durchzuckt, wenn man wieder mal den Streaming-Dienst benutzt? Alles total offen? Zuleitungen etc. …..Ob es da nicht etliche neugierige Nasen gibt? Datensauger sind unterwegs, die ihre Erkenntnisse für die Werbewirtschaft und … manchmal… auch für Geheimdienst „auswerten“. Oder schlicht ...verkaufen. Was ein „Datensatz“ wert ist? Anscheinend kann es dabei auch um Daten gehen, die Befindlichkeiten offenbaren. Verfassung. Haltung. Reiz- und Schlüsselwörter sollen dabei etwas offenbaren. Also, Vorsicht walten lassen beim Sprachgebrauch! Das Gesundheitsarmband gibt im Zweifelsfall noch Daten hinzu und zeigen unter Umständen Stimmungslagen an, was den Datenauswertern anscheinend einen Blick in die Psyche erlaubt. Dabei geht man auch gerne in die Erkenntnisse der Psychologie: Es geht dabei um „Valence“, ein Wert, der zwischen 0 und 1 festlegt, ob etwas eher fröhlich (positiv) oder traurig (negativ) ist. Dabei geht es offenbar darum, rote Fäden zu erkennen. Kombiniert mit anderen, anderswo erhobenen Daten zeichnen sie ein Bild unserer Persönlichkeit, das möglicherweise zutreffender ist als das, was wir uns selbst von uns machen. Dies mag dabei eine Rolle spielen, Werbung möglichst zielsicher zu plazieren. Ob es dabei eine Art „globaler Gemütsverfassung“ gibt? Könnte viel, allzu viel, über uns verraten. Jedenfalls wird die Überwachung immer feinmaschiger, als wir zu ahnen wagen. Dabei geht es wohl auch um "Granularität", also die immer genauere Erfassung von immer mehr Parameter... Anscheinend spielt bei der Überwachung der Bürger eine Lauschsoftware eine große Rolle, die besonders bei Geheimdiensten, aber auch bei derm organisierten Kriminalität sehr beliebt sein woll. Prinzip: Smartphone nimmt Gespräche auf, macht Fotos und legt die Datenbahnen zur gezielten Überwachung fei...., Die so gewonnen Daten können natürlich wieder kombiniert werden Oh weh! Es graust einem.....

Räume der Seele

Mir ist eine bestimmte Cd zugegangen, aus gutem Grunde. Die Pianistin Olivia Trummer war mir früher schon einmal aufgefallen als tüchtige Jazz-Pianistin, die aus einem Pianisten-Haushalt stammt und das Piano quasi mit der Muttermilch in sich aufgesogen hat. Klar, dass die Musikakademie ein Ziel für sie darstellen musste. Sich ausbilden lassen und lernen. Sich absetzen, sich unterscheiden, Distinktion. New York, New York! Geschmack! Den Jazz aufgreifen, als eine Spielform der zur Elite gewordenen Hörerschaft. Bloß kein Mainstream! Achtsamkeit. Erbaulichkeit. Zärtlichkeit. Sanftheit. Klar, auch die Klassik, die Klassik auch. Fähige Pianistin. Kann alles. Toll.

Jetzt scheint sie vor allem in Berlin zu leben (Wo denn sonst?) und hat von dort aus ihr Album „For You“ herausgebracht. Sie sei bei ihrer Entwicklung unter anderem unter dem Einfluss von Steely Dan gestanden, so verlautet jetzt. Nun ja, Donald Fagen von Steely Dan hat die meisten seiner Songs mit einer charmanten Nichtstimme absolviert, ist anfangs gar angeeckt damit, hat einen „besseren“ Sänger engagiert und scheint dann doch recht schnell herausgefunden zu haben, dass es genau um jenen sehr individuellen und in diesem Fall manchmal sogar gequält wirkenden Ausdruck geht, der einem Hörer etwas sagen kann.

 

Bei „For You“, das im Trio, mit dem Lebenspartner zusammen, sowie mit Gästen unter anderem auch in Mailand aufgenommen wurde, flötet einem gleich am Anfang eine gefällige, im zugehörigen Script als „kristallgolden“ beschriebene Stimme entgegen, vor dem Hintergrund eines sehr gediegen jazzig aufspielenden Trios, sachte in die Ohren „For You“. „Der Titel sagt“, so der Begleittext weiter, „Mache dir die Poesie dieser nonchalanten Verbindung von Musik und gesungenem Wort zu eigen, finde deine eigene Geschichte in ihr, denn die Songs sind auch „Für Dich“ da! Selbstgnade ist ein Begriff, der wie eine Art Schlüsselcode zum Öffnen der Räume dient, die sie mit ihrem Trio und ausgewählten Solisten einladend ausleuchtet. Es sind Räume der Seele, Räume voller Geheimnisse und delikater Widersprüche. Hier finden Licht und Schatten menschlicher Existenz zu einer klischeefrei formulierten Sinfonie der Leidenschaften zusammen“. Nun ja, ob auf diese Weise irgendeine CD, ein Album der Formation Steely Dan beschrieben werden könnte? Mir kommt es so vor, als seien die Songs von Steely Dan im Gegensatz zum vorliegenden Album auf einem Amboss der perfektionistischen Individualität gehärtet, als hätten sie zunehmend Gefälligkeiten aller Art hinter sich gelassen, als hätten sie vielmehr cool damit gespielt, um auf eine an den gängigen Musikformen lässig abprallend und allerlei Formen für eigene Zwecke gebrauchend ihren individuellen Weg zu suchen.

Im Geheimnis

Wie bin ich überhaupt an meine erste Scheibe von ihnen gekommen? Ich weiß es nicht mehr….zugegeben! Ich greife Elysian Fields „Bleed your Cedar“ heraus und stelle fest, dass ich diese Scheibe immer wieder gehört habe. Haha, sie schrieben der Stimme der Sängerin Jennifer Charles regelmäßig viel Erotik zu, zeigten aber darüberhinaus, dass sie über lange Jahre hinweg mit dieser wunderbaren Band nichts anfangen konnten. Was sie für einen Stil hat/hatte? Typisch New York: Ein freies Gehen durch verschiedene Einflüsse und ein Finden einer eigenen Identität, die nie etwas mit zeitgeistigen Strömungen zu tun hatte. Gebrochene, aus dem Jazz kommende Harmonien, individuelle Songverläufe und – viel Geheimnis. Ein Fließen durch klangliche Welten, ein neugierig scheues Kombinieren, ein Spielen mit Formen, ein Anverwandeln von in der Luft Liegendem, ein Erzählen aus der Fremde..., seltsam, dass so etwas nie wirklich populär wurde! Sie waren sehr selten auf Tournee in Europa, haben aber dankenswerterweise durchgehalten bis heute. Etliche CDs haben sie gemacht, Jennifer Charles und der multiinstrumentale Gitarrist Ed Pastorini, alle mit einer inneren Spannung und im Geheimnis, was vielleicht mit der Stimme von Jennifer Charles zu tun hat. Ein unglaublicher Fakt, dass dies hierzulande nicht angekommen ist! Für mich war das über all die Jahre eine Art Seelennahrung und es war tröstlich, dass sie durchgehalten haben!Im

Zeit anhalten

Im Wohnzimmer stapeln sich die CD-Sondereditionen: Beatles, U2, Led Zeppelin oder Pink Floyd etc. Was soll das? Neu abgemischt, Remastered, Best-of, De Luxe, neu entdeckt, aus dem Archiv usw. Ist das für die Käufer mit dem prallen Konto der Versuch, den Augenblick festzuhalten? Damals, als alles anders war? Reiche Leute können sich aus dem Fenster lehnen und das eben mitnehmen. Musik von reichen Leuten für reiche Leute. Und jetzt, hören? Ein untauglicher Versuch, das Älter werden zu überlisten? Wer diese Leute heute sieht mit ihren zerfurchten und Botoxgespritzten Gesichtern, der mag schockiert sein. Viele sind inzwischen weggestorben aus der "heroischen" Generation. Drogen und allerlei Unpässlichkeiten…...Andere pflegen heute das Dasein eines Edelmannes und ließen sich zum Ritter schlagen, - ja von einem „System“, gegen das sie einst vorgaben, anzutreten. War alles nur Pose und Showgeschäft? Nun ja. Auf Youtube können wir uns noch einmal der Illusion hingeben, sie seien vital und agil, sie würden an der Gitarre zerren und wüst in Tasten greifen…..“Marken“ nennt die Wirtschaft so etwas. Wer will, der kann auch nach London fahren und die Abba-Klone mit sich selbst im Publikum bestaunen. Zeit anhalten, ein teurer Sport?  

Der Überschreiter

Habe unlängst etwas gelesen über Elvis Costello, etwas Belustigtes dergestalt, dass man seine zuletzt arg bemühten „Werke“ ja nur noch mit Kravatte habe genießen können. Ja klar, er hat etwas mit der Sängerin klassischer Musik, Anne-Sofie Otter gemacht, er hat Ballettmusik veröffentlicht und sich unter anderem an intimen Balladen und Countrymusik in amerikanischer Machart versucht. Was ich aber immer an ihm geschätzt habe und womit er mich gewonnen hat, war, dass er dabei gut hörbar alles gegeben hat, dass er versucht hat, etwas Überraschendes aus sich heraus zu holen und seinen eroberten Pophorizont zu überschreiten, als einer, der versucht hat, über sich selbst hinaus zu gehen und das als „heißes Bemühen“ hörbar werden zu lassen. Ja, er hat sich der bürgerlichen E-Musik-Kultur angedient, aber man hatte oft den Eindruck, dass er sich dabei nur der Möglichkeiten bediente, die sich ihm dadurch eröffneten, dass er sich auf anderen musikalischen Feldern versucht hatte. Den ursprünglichen Punk, der etwas von sich selbst nach außen schleudern wollte, schien er dabei stets mit und in sich getragen zu haben.... So schien es jedenfalls mir...

Dass er sich jetzt mit dem Album „The Boy named 2“ an die ungehobelten Krächzer, Nöler und Schluchzer seiner punkbeeinflussten Anfangszeit erinnert, nahm der feine Herr Medien-Autor mit Erstaunen zur Kenntnis, wobei es mir erscheint, als könne Elvis Costello dies nur vor dem Hintergrund seiner breiten Experimente, in die er jeweils seinen subjektiven Ausdruck einzubringen versucht hat. Jetzt, im vorgerückten Alter, scheint er diesen unsentimentalen Blick zurück riskieren zu können, jetzt scheint (!!) er unbefangen spielen zu können, jetzt scheint er noch (oder wieder?) das Feuer zu spüren, das ihn einst getrieben haben mag. Soll ich erwähnen, dass ich solches Suchen im Experiment, im Ungestümen, von der heutigen „Szene“ vermisse? Allenfalls scheint noch das professionelle Vorführen des „Gekonnten“ angesagt, das eitle Posieren und Vorführen der scheinbar (weil von einem breiten Kollektiv in anonymer Könnerschaft realisierten) Möglichkeiten sich zu erschöpfen. 

Kritik der Kritik

Mehr aus Zufall, aus einer Laune heraus fange ich an, meine CDs aus anderer Lebenssituation heraus zu hören, gehe sie durch, aus anderer Perspektive, komme zu Schlüssen. Man war im Berufsleben als Journalist zu oft zu schnellem Urteil gezwungen, zu rationalem Handeln (wo man hätte auch mehr Emotionen einfließen lassen sollen), musste gewisse Maße und Vorgaben erreichen, gewisse Formen wahren. Man hätte sich länger einlassen sollen. Bedeutet das, dass meine Beurteilungen, Einschätzungen und Hörfrüchte dann anders ausgefallen wären? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich meine Einschätzungen damals komprimieren, schnell formulieren, war zu etwas gezwungen, was sonst nicht meinem Naturell entspricht. Jedenfalls fühlte ich mich keinen Vorurteilen ausgeliefert, war auch Beeinflussungsversuchen wenig zugänglich. Jaja, da war ohnehin vieles für den Augenblick produziert. Prinzip: Pop. Schnelligkeit und manchmal – ja!- Hektik hatte  manchmal auch in meiner Produktion Vorrang vor einer Bedacht, einer inneren Ausgewogenheit, die dem Umstand vielleicht eher gerecht hätte werden können, dass da jemand sich und seine ganze Kreativität investiert hat. So sieht es wenigstens aus heutiger Perspektive aus. Ich höre eine Scheibe aus der Sicht von Heute an – und sie verändert sich noch heute, geschweige denn, dass ich mir noch die Sicht von früher vergegenwärtigen könnte. Meine Sicht der Dinge ganz allgemein glich oft einem Kontinuum, das sich dauernd veränderte und sich Lebenssituationen anpasste. Dadurch kam es leider auch, dass ich als Musikjournalist keine Routinen entwickelte, ich musste ständig neu um eine Einschätzung kämpfen, jede Situation war neu für mich, stellte mir ihre Anforderungen. Und ich? Drückte aus mir heraus, was gefordert war. So gut es eben ging….. 

The Highflyer

Folgendes lese ich meinem noch erscheinenden Buch, das an vielen Stellen auf bereits veröffentlichten Konzertbesprechungen etc. beruht: „Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich ist er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Wir rocken das

Es scheinen sich Klischees und Schablonen bezüglich der Rockmusik herausgebildet zu haben im öffentlichen Raum. Dies scheint mir auch seine sprachliche Seite zu haben. So stelle ich immer öfter den Sprachgebrauch „Wir rocken das Haus...“ fest. Rockmusik, vor allem in seiner Heavy Metal-Spielart scheint zum Synonym für wüste Lebenskraft und rauhe Unangepasstheit geworden zu sein, tatooübersät, laut und wild aussehend. Dabei scheint mir genau dieses Auftreten genauer Berechnung zu entspringen, es scheint mir auf ein Bedürfnis in dieser Gesellschaft zu reagieren, um damit vor allem Geschäfte zu machen. „Rocken“ heißt in diesem Sinne: überwältigt sein, hinein gezogen in etwas Rohes, in eine Kraft, die uns Menschen entspringt. Die Nähe zum Karneval mit seinem Entfliehen der bürgerlichen Rollenzuweisungen scheint mir hier durchaus gegeben. Doch genau wie beim Karneval scheint es mir dabei ein herbes Erwachen zu geben, den Tag danach, an dem alles wie immer seine Bahnen entlang läuft, die überschüssige Energie scheint mir an die institutionalisierten Blitzableiter abgegeben zu sein: Die Psychoanalyse würde so etwas vielleicht „Sublimation“ nennen.

Und so scheint es mir mit dem Heavy Metal auch zu sein: Star-Personen scheinen etwas auszuleben, das latent in uns allen schlummert und das sie stellvertretend vorleben, nur um später dem alltäglichen Leben umso eifriger und durch die Abführung gewisser Energien ungebremster nachgehen zu können. Ich bezweifle zudem, dass die Leute dieses Sprachgebrauchs auch nur eine entfernte Ahnung davon haben, was Metal alles bedeuten kann. Das in jeder Hinsicht Kratzbürstige dieses Stils scheint bei Ihnen keine Rolle zu spielen. Sie scheinen mir einer lockeren Verallgemeinerung aufzusitzen, die sich zunehmend ausbreitet in einem bestimmten Bedeutungsraum. Dabei scheint mir das, was „rocken“ bedeuten könnte, viel differenzierter zu sein. So gibt es in der zugunsten einer kommerziellen Popmusik untergegangenen Rockmusik unzählige Spielarten, denen man auch das Attribut „rocken“ zuschreiben könnte. Man könnte es als differenzierter beschrieben, als vielgestaltiger, unter anderem auch als Versuch, das Wilde Ungezügelte mit dem Überlegten und Bewussten zusammenzubringen.

Aber Abba

Ich nehme wahr, dass im kommenden Frühjahr Avatare der Popgruppe Abba auf einer eigens dafür erstellten Bühne auftreten sollen. Hinzu kommt, dass das „neue“ Abba-Album „Voyage“ hierzulande extrem erfolgreich ist. Ob ich mich ekeln soll, ob ich so etwas erstaunlich finde, befremdlich oder merkwürdig? Ein illuminierter Mythos, ein altersloses Gesäusel aus dem Off, ob das etwas über die Popwelt aussagt (In der Filmwelt wird schon lange mit animierten Figuren gearbeitet..)? Ob sie ganz besonders weit vorne ist, - oder einfach nur dekadent? Nun ja, man hatte zuvor schon etwas von anderen Künstlern mitgekriegt, die offenbar ähnliches geplant hatten. Aber so richtig zur Ausführung scheint es nicht gekommen zu sein. Nun aber, das Abba-Ding, das den Mythos dieser eigentlich ziemlich belanglosen Trällergruppe noch einmal inszeniert, um posthum noch einmal Kohle zu schürfen? Im Rückblick scheint das Ding viel größer zu sein, als damals, - trotz aller Erfolge. Es scheint die Träller- Hook- und Ohrwurmqualität zu zählen, - nichts anderes. Sie wurden und werden zu Göttern erklärt. Es scheint dies ein weiterer Schritt in der Auflösung der Grenze zwischen Doppelgänger und Originalen. Doch die Originale scheinen nicht gar so wichtig zu sein, der merkantile Effekt, das Aufblasen eines Konsummythos umso mehr. „Forever young“, das scheint das Versprechen hinter dem seltsamen Projekt. Da ist kein Altern und keine Sterblichkeit, - wie im „richtigen“ Leben – sondern die ewig gleiche Performance von künstlich virtuellen Wesen, - wobei das in Zukunft ja noch besser werden muss! Hologramm – nun ja! Vielleicht gibt es ja bald leistungsfähigere Roboter, die einen Popmythos einigermaßen „echt“ darstellen, präzise abgekupfert, übertragen und in Szene gesetzt. Das alte Zeug noch einmal raus holen und die Musikclownerien noch einmal auf Überlebensgröße aufblasen, - das ganze Musikbus macht da mit! 

 

Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Popismen

Habe ich eigentlich eine besondere Erinnerung an Abba, für die ja jetzt die gesamte Popwelt jetzt zu schwärmen scheint? Ich befürchte, dass sie mir egal waren und ein Inbegriff der klischeehaften Popwelt: Kitschig, verlogen, - allenfalls. Ein Produkt – und kein besonders künstlerisches. Sie scheinen mir jene Mythen zu verkörpern, die die Popwelt immer umspielt hat. Projektionen, Sehnsüchte, Kunstwelten. Wenn sie jetzt als Knattles und alte Damen daher kommen, so heißt das, dass sie auch nur Menschen sind: Wie überraschend! „Dancing Queen“ und all das Zeug: Ohrwürmer, um Geld zu verdienen. Nix Besonderes auf dieser Welt. Wenn man aber die vielen lobhudelnden Geschichten von heute liest, dann waren sie für alle eine Verkörperung der wahren Liebe, des Sonnenscheins von Melodien, des verkitschten Burgjungfrau- und Ritter-Mythos, der schlechtesten und süßlichsten aller amerikanischen Träume in der Folge von Cadillac und Santa Claus.. Musical-Märchen. Irgendwie peinlich fand man das, wollte es sich aber leisten, sich nicht damit auseinander zu setzen. Wer das wollte, der sollte es haben.

 

Musikalische Perfektion“? Wird ja jetzt an Abba immer so gelobt. Für uns damals bedeutete das nichts. Eine Vertonung des Nichts. Sonst nichts. Altmodisches Zeugs. Keine klare Zuspitzung auf ein Thema außer dem der Unterhaltung. Die Herren fummelten an irgendwelchen Instrumenten herum und die Damen in ihren komischen Kostümen machten dazu eine gute Figur – halt in dem vorgegebenen Sinne. Insgesamt stellten sie ungefähr das dar, was heute an zurecht gecasteten Formationen in den Medien nervt. Gefühl, ja das Gefühl an ihnen wurde auch immer so gelobt in früheren und letzten Zeiten. Für mich waren sie das Gegenteil von Gefühl. Für mich waren sie Zuckerstil mit ein bisschen Disco, durch und durch künstlich, von dem, was wir unter Gefühl verstanden, keine Spur. Ein Medienprodukt. 

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Indie-Melancholia, Umstieg in den Umsatz

Ach toll! Alles ächzt unter der Last der Pandemie, erwartet das Christkind an Weihnachten oder ist vollkommen passiv und depressiv geworden: Da kommt eine Adele mit ihrem neuen Album „30“ gerade recht. Dicke, fette Balladen, triefende Schlieren, Langsamkeit und Melancholie sind Pflicht. Die ARD hat die Sendung „Ein Abend mit Adele“ gesendet, mit Songs, gesungen und veredelt von einer 15 Grammy-Stimme, die nicht nur wegen ihrer Bodenständigkeit gerühmt wird, - ganz einfach: Die Frau! Sie hat sogar den Song „I drink wine“ am Start, der mit den Gefühlen spielt, denen so viele jetzt gerade ausgeliefert sind. Ach, man will den Kopf im Kissen vergraben und…...Was mich ein bisschen stutzig macht, ist die mutmaßliche Berechnung, die mir dahinter zu stehen scheint, wenn eine solch prominente Schöndame auf der Welle unserer Gefühle zu reiten scheint, um aus dem daraus fließenden Effekt dann Gold zu machen. War sie nicht vor Jahren als eine etwas dickliche und leicht überkandidelte Indie-Dame ins Musikbusiness gestartet? Sie spreche und singe so etwas wie einen Cockney-Akzent, ließ man uns verklickern, wobei keiner hierzulande wusste, was das genau ist. Genau deshalb musste man sich Jahre danach erklären lassen, dass das mit dem Cockney-Akzent doch nicht ganz stimme. 

Natürlich soll sie das Album in Pandemiezeiten geschaffen haben. Natürlich sind da die vielen bösen Männer, die die Frauen fertigmachen. Okay, ist mittlerweile Pflicht. Ach, „Rolling in the Deep“ gefiel mir anfangs auch. Besonders die Bass-Drum. Aber da das dann überall und dauernd zu hören war wie weiland Phil Collins, das hat mir so manches daran dann doch vergällt. Ob das Overkill und letztes Aufbäumen eines Big Business war, bevor es im Dschungel der Rechte, Urheberrechte und Streaming verschwand? Ach sie zelebrierte mir die Melancholie hier und da etwas zu berechnend, verkaufte sie in Kitsch triefend dem werten Kunden allzu eifrig. Sie scheint sich eingereiht zu haben unter die großen Showdamen, die es zu etwas gebracht haben und die sich nun im Schatten ihres großartigen Egos sonnen. Jetzt große Presstour und entsprechende Auftritte, die das Erscheinen in den einschlägigen Medien nach vorne zu bringen garantieren. Nun ja, die einzige einstige Indie-Dame, die solche Auftritte hinlegt, ist sie ja sowieso nicht. Oder?  

Das einst populäre Geschäft

Mir kommt es schon lange so vor, als sei Popmusik sehr zielgruppengerecht zubereitet. Es macht einen großen Unterschied, ob ich etwa das Publikum von Lady Gaga oder alternativ gesinnte Kreise ansprechen will. Je nachdem, werden die Zutaten gemixt, wird Rebellisches dazu getan, wird etwas mit Widerständigem (besonders in den Lyrics!) leicht gewürzt und dann auf den dazu geeigneten Bahnen (Marketing!) den Zielgruppen angedient. Die begleitenden Medien tun ein Übriges, verbreiten Mythen in Tüten und lassen solche „Produkte“ interessant erscheinen. Dies scheint auch und gerade für die sich alternativ gerierenden „Acts“ zu gelten. Für die „Mainstream-Medien“ ist es dann nur noch eine Frage des Geldes, solche „Acts“ zu kaufen und für die eigenen Interessen einzusetzen. Es gilt im Popgeschäft die Pose, der ausgegebene Eindruck, der Schein, niemals das Sein und Substantielle. In geradezu bizarrer Weise passen sich die handelnden „Stars“ dann dem Format an, das ihnen von cleveren Managern übergestülpt wird. Das ist zu negativ? Nun ja, Beispiele gibt es viele und ich selbst habe diese Erfahrungen bei zahlreichen journalistischen Interviews gemacht. Diese „Stars“ oder „Superstars“ halten sich selbst für schöpferische Genies, selbst wenn sie von geschäftlichen Interessen „gebraucht“ und „benutzt“ werden und allzu offensichtlich das Produkt einer Teamarbeit sind, in der die erbarmungslosen Gesetze des Marktes gelten. Wichtig scheint es, den Sehnsüchten und Wünschen der Zielgruppe mit überwältigender Macht Ausdruck zu verleihen

So könnte es auch sein - oder nicht?

Ob es so war, dass man neugierig war, dass man Grenzen, Horizonte überschreiten wollte, - auch mittels der Musik? Dass das drin war in der Rockmusik, dass genau das einen immer wieder anzog und sogar eine Art Freiheitsversprechen abgab? Dass sogar der Blues als scheinbar eng begrenztes Zeichensystem einem Aufgaben stellen konnte und einen hinein zwang in einen fremden Kontext. Man wollte das besser verstehen und arbeitete sich also ein, fühlte sich ein, versuchte, dem Wesen des Blues näher zu kommen, ohne sich damit identifizieren zu müssen. Es wurde eine Art Politik daraus, eine Art Herangehensweise, ein Umgangston, eine Weltsicht (so was ist unter Umständen weit entfernt davon, was viele heute als „Identitätspolitik“ bezeichnen). Heute ist es schwer, das alles als Pose zu begreifen, als Haltung, aus der man sich solange davon stehlen kann, wie man selbst davon profitiert (so der derzeit herrschende Zeitgeist). Ich habe oft auch als Kritiker versucht, gewisse Kreationen aus dieser Sicht, aus der Sicht eines kreativen „Mutes zum Eigenen“ zu beurteilen. Es ist mir nicht immer gelungen, zumal noch andere Faktoren in meine Beurteilungen herein spielten. Aber es war ein wesentlicher Gesichtspunkt.

Aber wie war das beispielsweise bei Steely Dan? Sie schienen mir trotz aller Professionalität einen eigenen, hart geschliffenen Weg zu verfolgen, sie schienen mir Vieles, auch Körper und Geist (!), auf einen Nenner zu bringen und in einer Haltung distanzierter Coolness zusammen zu fassen. Es schien ein Weg zu sein, eine Möglichkeit, eine Richtungsanzeige auf eine Art Metaebene. Dabei ließen sie vor allem Einflüsse aus dem Jazz herein, schauten sich um, nahmen von allem das Beste und fügten es demütig neu zusammen, versuchten, Paradoxa auszuhalten (Walter auch mit Drogen, was wohl einigermaßen schief ging) und eine Haltung zu demonstrieren.  

Spiel mit der Musik

Das Spielerische, das reine Probieren hat mich immer fasziniert am Musizieren. In den früheren Bands hieß das: Jammen, Improvisieren. Doch jetzt geht es nicht nur in der Musik darum, Probleme zu lösen, wissen, wie’s gemacht wird und den großen „Stars“ nachzueifern. Auch scheint es darauf anzukommen, aus anderen "Künstlern" möglichst viel (auch anhand von "Rechten") heraus zu quetschen: Man soll an einem Sound stricken, nacheifern, Know How und Ingenieurtum erreichen. Ich selbst habe zum Beispiel immer meinen Spass darin gefunden, das Handgemachte und das Maschinelle so zu vermischen, dass am Ende niemand (teilweise inklusive meiner selbst..) mehr geblickt hat, wie etwas zustande gekommen ist. Das war mein Vergnügen in Cubase. Diese Software hat es für mich möglich gemacht.

Doch jetzt nehme ich Seminare wahr, in denen man lernt, wie man einen „erfolgreichen“ Sound kopiert, wie man eine Erfolgsformel auf sich selbst überträgt, wie man auf Hörerwartungen surft. Ob damit dann danach die Welt bewegt wird, bleibt dem einzelnen Online-Kunden überlassen. Hauptsache, der Erlös reicht dafür, den eigenen riesigen SUV so zu finanzieren, dass er demnächst gegen einen „Stromer“ eingetauscht werden kann. Ich selbst stehe dem fassungslos und staunend gegenüber, frage mich, mit was ich meine kleine Rente angesichts derer große Pensionen/Renten/Einkommen verdient habe. Es gleicht einer Strafe und bevorteilt solche Typen, wie sie die jüngsten Finanzskandale in Deutschland verursacht haben. Und: es widerspricht krass dem, was Rockmusik mal wollte...

Musik und Bildung

Etwas professionell klingen zu lassen, bedeutet heute, dass etwas nach vorgegebenen Mustern funktioniert und einen ganz bestimmten Höreindruck fabriziert (jawohl, vieles davon ist Handwerk!). Diese massenhaft bewusst oder unbewusst eingesetzten Standards garantieren Popularität, - oder Untergehen in der Masse…. Diese Grenzen (wie auch allgemein menschliche) zu erweitern hatte man sich früher vorgenommen. Jetzt ist alles codiert und formatiert, läuft wie auf Schienen (die die Scheine bedeuten sollen). Es gab eine Zeit, in der man neugierig war, in der man Grenzen und Horizonte erweitern wollte. Jetzt ist kollektive Beruhigung angesagt, ein Beharren auf dem Gegebenen, ein Praktizieren der vorgegebenen Mechanismen. An dieser Stelle mag sich die Frage erheben, ob hier nicht ganz bestimmte Interessen auch dahinter stehen, ob in einer Situation, in der in Deutschland 2% der Bevölkerung etwa 35 % des verfügbaren Einkommens gehören, eine bestimmte Klasse von Menschen eine unbedingte Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebt. Was wohl in diesem Zusammenhang die „Panama" und "Pandora Papers“ bedeuten? Musiker wollen Hits fabrizieren, egal unter welchen Bedingungen. Kreativität ist in Bahnen gelenkt…..Erzeugt werden auf diesem Wege lauter kleine Rädchen, die in einem vorgegebenen Mechanismus optimal funktionieren, dicht daneben aber überhaupt nicht...- was so ziemlich das Gegenteil von klassischer Bildung ist. 

Mit dem Pedal (2)

Dass er Bob Dylan und andere Größen produziert hat, hatte ich ja schon erwähnt. Sie alle schätzten dieses Gefühl von trauriger Gedämpftheit, dass auf Waschzetteln so gerne als „melancholisch“ beschrieben wird. „Time out of mind“ oder Oh Mercy“ sollen Belege dafür sein. Jedenfalls ziehen langgestreckte Pedal-Steel-Schlieren durch das Klanggebäude, die mich immer wieder damit überrascht haben, dass sie scheinbar mühelos das Klischee von Country-Seligkeit überschritten haben. Er hatte und hatte überhaupt kein digitales Konzept, sondern er erschuf auf analogem Wege Klangbilder, die beispielsweise als Soundtrack in Wim Wenders’ Filme passten. Da waren oft einfache Songstrukturen, in die hinein Lanois das einfangen wollte, was man wohl als „magischen Moment“ bezeichnet. Gekonnt „unterproduziert“ könnte man so etwas vielleicht nennen. Dazu trug oft genug eine chronisch untertreibende Band bei, der unter anderem oft der sensible und technisch sehr versierte Star-Drummer Brian Blade angehörte. Dabei sang Lanois relativ selten, obwohl er eine ruhige, eigentlich gute Stimme hatte. Atmosphärisch schwebten darüber und darunter verschiedene Gitarren. Ich lasse es verklingen mit dem eingängigen Refrain von !Power of one“…...

Digitale Verse

Schon lange plagt mich der Verdacht, dass gewisse Texte, Verse in der Rockmusik auf digitalem Wege geschrieben seien, dass sie zielgruppengerecht abgefasst und hauptsächlich von Algorithmen „generiert“ in die Gesänge von maschinell agierenden und vorgegebene Posen einehmende Popfiguren geschleust ihre kalkulierte Wirkung entfalteten. Selbstverständlich mag auch die unterlegte Musik nach solchen Prinzipien per Software erzeugt worden sein. Das anarchisch Menschliche, aber auch das spielerisch Kreative, ja, auch das Rebellische wären auf diese Weise verloren für die Gesellschaft. Werte haben sich wohl auf Kosten anderer Werte gewandelt. Dass diese Gesellschaft freilich von „digitalen Dichtern und Denkern“ (also von Ingenieuren, Programmierern bzw. Umsetzern aller Art u.ä.) angeführt werden solle, war jetzt ganz explizit im deutschen Wahlkampf zu erfahren. Selbstverständlich sollten die so erzeugten „Produkte“ der „Klimaneutralität“ und ähnlichen schwammigen Zielphrasen dienen. Hohle Sprechblasen des Polittalk abzusondern, darin werden die Entscheider-Gesichter sowieso nicht müde.

Ob die derzeitigen „Produkte“ der Popindustrie dem genügen? Noch funkt ein anarchischer Geist oft störend dazwischen, wenn solche Klischees und Phrasen als Zielprojektionen unter die Leute gebracht werden sollen. Das Konzept ist noch nicht ganz konsistent. Doch das Ziel ist klar erkennbar: Gab es früher ein Ideal der Empathie, des Strebens nach Kunst, Tugend und Gelehrsamkeit, das zu einer Emanzipation des Menschen führen sollte, so ist jetzt das Ideal des digitalen Denkers gefragt: jemand, der die ihm vorgegebenen Ziele möglichst willfährig umsetzt, ohne dabei nach Fernzielen oder gar Visionen samt Utopien zu fragen. Möglichst zweckdienlich im Sinne der technischen Umsetzbarkeit und politisch brauchbar soll sein Produkt sein. Dass ein solches Bewusstsein auch zu in betrügerischer Absicht eingesetzter Software führen kann, die „klimafreundliche“ Abgasemission vortäuscht, wurde ja offensichtlich. Dass auf dem Wege der künstlichen Intelligenz auch Popmusikprodukte erzeugt werden können, die den Konsumenten gekonnt täuschen, ist mir schon lange geläufig und alltäglich hörbar.  

Identität?

Ja ja, es geht um Identität, auch in der Popmusik. Als Ganzes, Stimme, Sound, Arrangement, Einsatz von Gadgets usw. eine persönliche Welt schaffen, so das erkennbare Ziel. Auch ohne genauere und akademisch erwerbbare Kenntnisse der Musik. Nach letzten Entwicklungen werden dabei auch die neuesten Effekte mit einbezogen, und zwar im Falle von Autotune in einer Breite und Ausführlichkeit, die einen müde und derer überdrüssig werden lässt, seit Cher mit „Believe“ den Effekt zum ersten Mal vernehmbar gebraucht hatte. Was man sonst noch mit dem Klang einer Stimme (das ist nicht gleichbedeutend „Singen können“, sondern vielmehr seine „Stimme einsetzen können“, so dass sie nach mir selbst klingt) anfangen kann, entwickelt sich im Vergleich zu den Autotune-Welten eher langsam. Ein paar Halleffekte hier, ein bisschen Echo da, - so wird Verfremdung. Es kommt aber in Cyborg-Gefühl auf, das impliziert, dass leistungsfähige Maschinen immer mehr in das Eigene, Persönliche integriert werden, womit eine Steigerung (der Leistung?) bewirkt werden soll. Das bringt auch einen gewissen Widerspruch zu dem Bedürfnis nach Identität mit sich, denn auf diese Weise dominiert immer mehr das Technologische das Persönliche, was freilich im Ideal zu einer neuen Symbiose führen müsste (In der Praxis ist das leider nicht der Fall, denn immer mehr dominiert auch das Codierte, Vorproduzierte, das, was allgemein akzeptiert „angesagt“ ist...).

 

 

Selbstermächtigung

Es wird offenbar „Selbstermächtigung“ genannt, wenn nur noch der geschäftliche Erfolg im Markt der popmusikalischen Eitelkeiten zählt. Leute als Hiphopper aus scheinbar schlechten sozialen Verhältnissen geraten so, so die These, zur gesellschaftlichen Anerkennung und erkämpfen sich Teilhabe am Allgemeinen zu eigenen Bedingungen.

Merkwürdig, dass dieses Business auch auf dem deutschen „Markt“ nahezu ausschließlich der Hiphop mit seinen Figuren zu beherrschen scheint. So scheint es etwa in letzter Zeit einträgliche Mode geworden zu sein, eine Eistee-Dose unter dem eigenen Namen zu verkaufen. Dazu werden zusätzliche Produktlinien gefunden und verkauft: Schminkgadgets wie Eyeshadow, Freshadow, Mascara, allerlei Hautcremes, Bürstchen, um zusammengeklebte Wimpern zu trennen, Concealer gegen Augenschatten, Bronzing Powder, Skin Care, Kapseln zur Verbesserung der Haut- oder Haarstruktur, Kollagenpräparate, Anti-Aging-Präparate, Spray zur Stärkung und Straffung der Haarstruktur, Mundspülungen, komplette Bleachingverfahren, ätherische Öle, Antioxidantien u.a. Die Musik scheint da nur noch Beiwerk….. dazu Meditation am Morgen, im Urlaub weiße Sandstrände zur Steigerung des Wohlbefindens, regelmäßige Massagen, 

Kinderorgelhaft

Ich lese in einer Besprechung des neu gewendeten (neue Texte, andere SängerInnen aus dem iberischen Raum) Albums „This Years Model“ (Original von 1978) von Elvis Costello, die „Spielzeugorgel, die einst witzig gewesen sein mag, nervt heute eher... „ Dabei ist es das, was mir immer gefallen hat: der Stilbruch, dieses Anti-Rockistische, das Skurrile daran, dass diese manchmal schmierig billige Orgel trotz allem toll und stilsicher gespielt war, dass sie eine Art von schmierigem Punk-Element herein brachte, das Billige, Jahrmarkthafte, dass sich einer in einer Zeit der langen Soli so zurücknehmen konnte und dem Song mit Ausschmückungen und Brücken/Überleitungen, Soundhintergründen aller Art, mit Andeutungen und Chiffren dienen konnte…, das scheinbar unbekümmerte Reinhauen mit guten Songs.

Übrigens: Der Orgelspieler vor vielen Jahren hieß Steve Nieve und wurde nicht nur von mir damals heftig bewundert. Costellos Band hieß damals The Attractions und führte das scheinbar Abseitige auf ein neues Niveau der Rockmusik. Er bezog nicht-rockistische Elemente in sein Spiel ein und wagte das scheinbar Unpassende passend zu machen. Ich wünschte mir, „heutige“ Popmusik würde solche Elemente mehr in ihr Instrumentarium integrieren. Sie wäre viel überraschender, frischer und musikalisch unabhängiger. Aber ich vermute, dass hier und heute mehr auf vorformulierte Codes zurück gegriffen wird, auf feststehende Grooves und Stilmittel, die einem ganz genau vordefinierten Stil zugeschrieben werden. Das Crossover-Bemühen, das postmoderne Anspielen, Andeuten und Spotten im eigentlichen Sinn scheint es nicht mehr zu geben, es scheint alles im Voraus festgelegt. In diesem Rahmen wird wohl Individualisten eine Art Bewegungsraum gewährt, der später freilich von mächtigen „Produzenten“ eingesetzt, in einen Zusammenhang gestellt, gekürzt und bearbeitet wird.  

Was mir vorschwebt

Ich wollte in meiner eigenen Musik nicht das scheinbar Passende kombinieren, das, was in den Gehörgängen vorgeprägt wurde und vielleicht „Erfolg“ verspricht, wollte nicht nur „Biz Kid“ sein, das im Kompromiss zwischen vielen Rezipienten den Weg der gelungenen Kopie sucht. Ich wollte bewusst die eigene Person als maßgeblichen Bezugspunkt deuten, so sonderbar das Ergebnis der Bemühungen auch ausfallen möge. Dabei strebe ich nicht das Abgehobene, Elitäre an, sondern bin bemüht, mich populär auszudrücken, im Flow der aktuellen Produktionen und Sounds zu sein, das kommerziell Populäre in meinem Sinne zu handhaben und zu verfremden, sowie das Historische mit zu nehmen. Meine Vergangenheit in verschiedenen Bands trägt zum Ergebnis auch bei. Besonders meine „jazzy“ Stücke bewegen sich meist in einem langsamen, schlurfigen, gemächlich bedächtigen Duktus, den man wohlmeinend auch als „sanft“ bezeichnen könnte. Einerseits will ich mich von der Hektik, von der gesellschaftlich vorherrschenden Sucht nach Geschwindigkeit absetzen, andererseits hat sich bei mir eine Verweigerung des fortwährenden Wettbewerbs, des Prinzips „Competition“ eingestellt: Da ist KEIN schneller, lauter, besser…. Ich wollte angesichts dessen schon immer sehr viel lieber in sachter Ereignislosigkeit schwelgen, wollte mit Leere oder Stille experimentieren, strebte „The easy way“ an, nicht den anstrengenden, alles andere verdrängenden Karriereweg, wollte es fließen lassen, was mir in meinen Projekten in letzter Zeit einigermaßen gut gelingt.

Piano im Strom

Heute habe ich beim Esbjörn-Svensson-Trio mal wieder damit begonnen, mir wichtige Alben aus meiner Sammlung heraus zu suchen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal hören. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche rein projeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die krachigen Passagen zeigten auf den Tod. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie.“

Impulse

Manchmal ist man froh darüber, eine bestimmte CD in der besten verfügbaren Tonqualität zu besitzen. Ich wünschte, ich hätte eine noch bessere Anlage, um den Unterschied zu den relativ armseligen Streaming-Angeboten noch ausgiebiger ausleben zu können. Jetzt umspült mich gerade die neue CD von Pat Metheny „Side Eye – NYC (V1-IV), die auf einer Reihe beruht, zu der Pat Methey junge Musiker eingeladen hat und die einen ersten Ausschnitt aus den Sessions präsentiert, die er mit ihnen absolviert hat. Dementsprechend ist das Album live aufgenommen. Die Scheibe tastet sich aber trotzdem sachte durch die Zeit, - aber natürlich sind da Virtuosen zugange, die eben dieses Könnertum aber niemals zeigen müssen, die keinen Zwängen zu unterliegen scheinen und es dementsprechend einfach laufen lassen können. Das jetzt vorliegende Album haben, wie ich dem Booklet entnehmen kann, Pat Metheny an den Gitarren sowie James Francies an der Orgel, dem Piano und den Synthesizern und Marcus Gilmore am Schlagzeug eingespielt. Flott geht es durch neue Titel, aber auch durch Metheny-Klassiker wie „Bright Size Life“, das man kaum wiedererkannt hätte. Ja ja, die Orgel von Francies kommt öfters durch, solistisch und per Soundhintergrund. Zusammen mit Metheny hat sein Bassist früherer Tage, Steve Rodby, das Album produziert: eine Art Raffinesse, da auf dem ganzen Album kein Bassist im konventionellen Sinne auftritt. Die Bässe kommen vielmehr von Metheny selbst („Guitar Bass“) oder von Francies. Es geht hinein in einen Strudel, flüssig und punktuell jazzig, aber nie aufdringlich, immer smooth, weich, anschmiegsam, butterweich. Schon der erste Titel „It starts when we disappear“, ein Titel, der in anderer Form auch schon mal da war, führt über 13 Minuten und 47 Sekunden in ein Labyrinth, in dem gläubige Jazzer den Einwand vor sich hin schnüffeln, wo denn hier die Widerstände seien, es sei doch alles zu „gefällig“. Metheny in seiner typischen Art flicht ein paar Töne ein, der Pianist geht rein, füllt aus, sessionartige Passagen wechseln mit sehr strukturiertem Material, mit Themen und Motiven, ab. Nicht zu vergessen auch der fünfte Titel, „Lodger“, bei dem Metheny eine verschärfte und leicht angezerrte Gitarre spielt, die viele schon als rockig bezeichnen würden. Und so führt das Album durch einen Traum, der schließlich im Beifall des Publikums verhallt und sich in uns verliert....

(Pat Metheny, Side Eye NYC (V1.IV)Modern Recordings

Mit dem Pedal

Direkt neben Ry Cooder stehen die Alben von Daniel Lanois. Ich greife „Shine“ und „Here is what is“, habe aber daneben noch weitere Alben stehen. Die meisten Leute kennen ihn als Produzenten von U2-Alben, neben denen er als Produzent unter anderem noch Bob Dylan („Oh mercy“, „Time out of mind“) oder Peter Gabriel („Us“) und Emmy Harris als Referenz vorweisen könnte. Ein Starproduzent, fürwahr! Mich selbst haben seine Soloalben weitaus mehr interessiert, als diese Vorzeigenamen der alten Säcke. Darauf zieht er als lautmalerischer Pedal Steel-Gitarrist seine ruhigen Kreise, entwirft Klangbilder, die ihn auch schon als Soundtrackproduzenten für Starregisseure wie Wim Wenders qualifizierten. Seine Sachen sind meist von einer gedämpften und gleichzeitig abgeklärten Traurigkeit, auf die der zumindest zeitweise genutzte Wohnort mitten in der Wüste von Arizona abgefärbt haben könnte. Diese Wüste dort ist auch von keiner aufgesetzten Fröhlichkeit, entpuppt sich aber je länger desto mehr als eine Art „magischer Ort“, dessen Schmucklosigkeit heilsam ist für jemand, der aus der Überflussgesellschaft kommt. Ob so etwas abgefärbt hat?

 

Entspannter Rückzug scheint hier angesagt, die materiellen Voraussetzungen dafür wird er sich wohl als Produzent längst geschaffen haben. Schnell ist herauszuhören bei ihm: Er vertritt kein digitales Konzept, das im Heimstudio schnell zusammen gezimmerte Demo wäre ihm suspekt, er steht wahrscheinlich mehr auf die aufwendig analog produzierten Breitwandformate, die die technischen Gimmicks eher versteckt untergehen lassen in einem Gesamtkonzept. Dazu scheint für Lanois zu gehören, dass er im Studio „magische Momente“ einfangen will, die für die richtigen Vibes sorgen und der Aufnahme eine Art Geheimnis geben sollen. Dazu setzt er oft relativ einfache Songstrukturen ein, die er jedoch vielgestaltig ruhig akustisch und mit sehr versierten Begleitern ausmalt. Eine oft uneitle und meist heftig untertreibende Band entwirft ihm dazu atmosphärische Strukturen und einen groovenden Beat, sie scheint seiner Vision folgen zu können. Dass dabei die von ihm oft zelebrierte Pedal Steel Gitarre eine wichtige Rolle spielt, macht seine Alben besonders wertvoll. Wer die Pedal Steel als ein bevorzugt in der Country-Musik eingesetztes sentimentales Instrument sieht, sollte unbedingt in Lanois’ Alben reinhören und seine Vorurteile korrigieren. Darauf ist dann meist auch Brian Blade (Gastmusiker sehr vieler Produktionen, u.a. Herbie Hancock, Joni Mitchell) zu hören, ein unglaublich sensibler und gleichzeitig sehr versierter Drummer, dessen Tracks von Lanois oft in den Hintergrund gemischt wurde. Wer die High Tech-Produktionen der amerikanischen Cracks des Zeitgeists gewohnt ist, wird Lanois Alben im ersten Eindruck für unterproduziert, langweilig und geradezu einfältig halten. Es entfaltet sich jedoch für den, der sich auf sie einlässt, ein eigener Charme, eine Anziehungskraft, ja eine Magie, die sich auch auf kommerziellem Parkett durchgesetzt hat (Die Soloscheiben verkauften sich eher lausig, sein Soundverständnis brachte er jedoch bei Dylan oder U 2 ein). Mit dem eingängigen Refrain von „Power of one“ gehe ich raus aus seiner Klangwelt, die mich mit ihrer eigenen Klangsprache sanft umstrickt und umschmeichelt hat.

Latinvirtuose

Heute morgen Ry Cooders „Chavez Ravine“ herausgegriffen, dessen CDs neben denen von Daniel Lanois stehen. Seinen Soundtrack zum Film „Paris/Texas“ kennt natürlich jeder, - ein Klassiker. Sah zuvor im Fernsehen auch wieder mal „Buena Vista Social Club“ und erinnerte mich an die positive Rolle als Katalysator, die Ry Cooder dabei wohl gespielt hat und was dieses Zufallsensemble Wunderbares zustande gebracht hat. Dabei kamen mir dabei aber auch seine wunderbaren Gitarrenlinien in den Sinn. Einfühlsam, nie eitel, träumerisch realistisch. Schon sehr früh hatten mich seine Soloscheiben hingerissen, wobei ich seine Zeit bei Captain Beefheart bis heute nicht genau kenne. Dabei scheint er seine Gitarre auf seinen Soloalben meist sehr sparsam aber intensiv einzusetzen, was ihn mir umso sympathischer macht. Er scheint eine Art aktiver Musikethnologe zu sein, der alte Stile und Spielweisen ausgräbt, um sie sich teilweise vorsichtig und behutsam für eigene Versuche anzueignen und zu bearbeiten. Ja klar, darin ist er mir in Fleisch und Blut übergegangen, wie ich jetzt merke. Auf „Chavez Ravine“ sind allerlei Instrumente rund um seine Gitarre, kunstvoll verschlungen, Technokraten würden sagen „gut gemischt“. Den Gesang bestreitet er selten, meist überlässt er das anderen, von denen viel Gefühl und Hingabe auf den Hörer kommt. Oft ist bei ihm Akkordeon dabei, ein Instrument, das in der Rockmusik relativ selten blieb. Auf „Chavez Ravine“ mag ich unter anderem den wunderbar nach vorne marschierenden Rhythmus, mit tausend Timbales und Congas aufgepimpt, über die sich unter seiner Slide tausend (gefühlt) Instrumente gruppierten. Auch mag ich sehr den Grundsound des Studios, das mitzufedern scheint. Jetzt „Los chucos suaves“: wahnsinnig, wie der Rhythmus treibt! Klasse, wie das Piano perlt! Und erst der tolle Lalo Guerrero: seine Stimme zieht hinein, sie verleiht einem Energie, sie bringt etwas zu einem, sie drängt hinaus in Begeisterung! Jim Keltner, Drums, ist auch nicht einer der schlechtesten. Ein Crack. Ein Dosierer und Kommentierer, kein Prügler. „Chinito, chinito“: Juliette Commagere und Carla Commagere, als wunderbares Gesangspaar der guten Laune inmitten mieser Verhältnisse, mit Joachim Cooder, Drums, dem Sohn, der auch in „Buena Vista Social Club“ zu sehen und hören ist. Wie der Bass wühlt! Wie können die so etwas zustande kriegen? „Cool Cats“ von Jerry Leiber und Mike Stoller: sehr sehr cool! Schweine zum Mitmachen…. Little Willie G. Leadvoc, großartige Stimme, begnadeter Mitreißbeat! Ausgegraben aus dem Jahr 1953. Jay Edgar Hoover scheint ein Lieblingsgegner von Cooder zu sein. Nun ja, der hat ja auch etliche Sauereien auf dem Kerbholz, dieser ehemalige Geheimdienstchef! Cooder spielt damit, klagt an, lässt alles auf dem Trampolin seiner Persönlichkeit federn. Die Texte kommen in Spanisch und englischer Übersetzung daher. Später tritt noch der Akkordeonspieler Flaco Jiminez auf, mit dem Ry Cooder damals oft arbeitete.

Heute?

An dieser Stelle wurde oft und vielgestaltig moniert, dass Rockmusik und Subkultur kein Träger von Haltungen mehr ist. Dass sie nichts mehr bedeutet. Und doch wird mir immer wieder bewusst, dass sie immerhin Teil der Entertainmentindustrie geworden ist, dass sie aber keinerlei Ansprüche mehr entwickelt, auch nicht den, über das Spießertum einer Elterngeneration hinaus zu kommen ("Break on through the other side, Doors"). Diese Eltern hatten mittlerweile oft selbst Eltern aus der „68er“-Generation, die mit ihrer Existenz übers Spießertum der Enge hinaus kommen wollten. Es gibt also nichts mehr, gegen das es in Abgrenzung und in der Herausbildung einer eigenen Persönlichkeit zu protestieren lohnte.

 

Inzwischen scheint sich eine Art von Klassenaspekt in das Leben „junger Leute“ gemischt zu haben: Wer es sich leisten kann, ein bisschen mehr „Freiheit“ anzustreben, tut das (von den Eltern unterstützt) im Freistil. Für ein Jahr im Ausland studieren, das muss sein! Nur so als Beispiel! Wer aber aus einer deprivierten Gruppe heraus keinerlei Aussicht auf eine unbefristete Arbeitsstelle hat, wer unter dem Klimaaspekt einer verheerenden Zukunft entgegen sieht, wer sich auf einer sozial abschüssigen Bahn wähnt und schon früh im Leben sich einem untergehenden Rentensystem ausgeliefert fühlt, wird sich nicht so leicht einer wie auch immer gearteten „Befreiung“ verschreiben, für den rücken die luftigen Aussagen der Popleute in den Bereich eines speziell auf eine bestimmte Zielgruppe abgerichteten und munter daher gelaberten Entertainmentgedankens. Industrie halt, die, wie es sich insbesondere in den Pandemie zeigte, im Rahmen „des Ganzen“ mit ihren kurzfristig gehypten "Megastars" nicht mal besonders wichtig ist. 

Göttin der Neuen Zeit

Die Heldin und Göttin dieser Zeiten im Pop scheint eindeutig Billie Eilish zu sein. Grenzenloser Erfolg aus dem Kinderzimmer, Popularität für jede(n) erreichbar. Sie schwebt über allem als Lichtgstalt, irgendwie depressiv und doch gleichzeitig hedonistisch, - wie die Zeit. Heiter dem Abgrund entgegen. Der Bruder bereitet daheim im Kinderzimmer das Soundkonzept, bedient die Digi-Maschinen, führt Regie. Privates Gefühl soll dominieren, Authentizität, fürwahr, die Teenager-Queen will sich abschotten, einigeln, für sich sein. Das alles zusammen soll ihre Bedeutung ausmachen, das „Nicht-Verortbare, Beliebige“, das „Geheimnisvolle“ und „Visionäre“, was sie auch in ihre Rolle als Foto-Modell, als It-Girl, Social-Media-Influencerin und Markenbotschafterin einfließen lässt. Niemand dürfte überrascht sein, wenn sie nach dem Vorbild etlicher Kolleginnen mit ihrem Image demnächst als Unternehmerin auftreten würde und Lippenstifte samt passender Unterwäsche verkaufen würde. Natürlich werden viele Master-Interpreten wieder einiges hinein geheimnissen in ihr „Werk“, das aus einer Nische heraus die Welt erobert hat. Blecheimerpercussion, künstlich digitales Glucksen und Vervielfältigungen: Sie ist wohl auf der Höhe der Zeit und drückt die Gefühle der Vielen aus. In ihrem Kerngeschäft, der Musik, hat sie jüngst wieder ein Album heraus gebracht, auf dem sie schon jetzt die Bilanz ihres Lebens zu ziehen scheint, als lebensgetränkten Rückblick, gelassen abgeklärt und gleichzeitig mit musikalisch raffiniertem Panik und Gothik-Unheil gespeist. Jetzt scheint sie umzuschwenken auf etwas gediegenere Klänge, mit denen sie ihre Zielgruppe sicherlich nnoch einmal erweitert. Wer und wo sie ist, für was sie steht und vor was sie flieht: Erst einmal zurück gestellt. Es mögen andere Zeiten kommen, in denen sie auch den reiferen Jahrgängen einen wohllüstigen Schrecken einjagt. Alles ist dafür vorbereitet.