Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

George Martin, indeed

Natürlich wäre zu George Martin viel zu schreiben, vieles muss man erwähnen, wenn man über ihn schreibt, ihn, der jetzt gestorben ist. Damals kam er mit vielem Fremdem rüber, das er den genialen Beatles mitgab und unterschob. Nein, er war nicht dieser Produzententyp, der sein Ego überall in den Vordergrund schieben und eine „eindeutige Handschrift“ hinterlassen muss. Er war, so scheint es mir, vielmehr einer, der jeweils das Beste aus seinen „Schützlingen“ herausholte, der ihnen schlichtweg half und einen Rahmen gab, der sein Ohr lieh, der einen Geschmack einbrachte, eine Idee vielleicht. Der insgesamt, alles in allem jedoch trotzdem, einen großartigen Sound hatte, der freilich an keiner Stelle eitel klang. Typisch britisch, das. Natürlich half er den Beatles damals bei ihren großartigen Sachen, sorgte für Ausdruckserweiterungen, versetzte einer eher rauen Rockband feingeistige Impulse, ließ sie über den Tellerrand blicken, brachte sich ein, wurde Übersetzer und Beistand. Das alles war zu hören, bzw. ist heute noch zu hören und lässt einen nachdenken über einen solchen Job. Natürlich hatte er auch Glück, indem er in einem der damals besten Studios auf tolle Musiker traf. Er machte mit ihnen zusammen das Allerbeste daraus. Er bleibt damit im Ohr, er formte unser Empfinden mit, er ging Dimensionen und Möglichkeiten nach. Ja klar, das darf man durchaus alles schreiben und ist keinerlei Verherrlichung. 

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Rückblick auf eine erwachende Begeisterung

"Ich bewunderte ihren ökonomischen Einsatz von Instrumenten und Musikern: Von nichts zu viel oder zu wenig, stets das Treffende suchend, den Einsatz reduzierend und so etwas wie "The Fire below" zelebrierend, den eklektischen Zynismus wie eine Selbstverständlichkeit pflegend. „Cool“ wurden sie dafür genannt. Sie waren damals Vorläufer und Wegbereiter all dieser L.A.-Bands, die dann aber doch nur einen lahmen Steely Dan-Aufguss schafften. Ich brachte nicht mal dieses hin, liebte aber ihr „um die Ecke spielen“, als musikalische Chamäleons verkleidet, meist verhalten indirekte Anspielungen pflegend. Sich distanziert und cool auf nichts Endgültiges einlassen, das machte mich an Steely Dan regelrecht verrückt, verschaffte mir permanente Gänsehaut. Dazu kam diese Perfektion auf allen Ebenen, die sich im Studio fast schon zur Sterilität verstieg und immer nur kurz davor abbremste. Für das Album „Gaucho“ standen sie monatelang jeweils für ein einziges Stück im Studio und schafften damit ein Niveau, das es erlaubt, solche Produktionen auch heute noch zu hören, - mit heutigen Hörgewohnheiten und heutigen Maßstäben. Gab es je in der Popmusik eine Klassik? Ein paar Bands werden diesen Status wohl erreicht haben. Steely Dan gehören zweifellos dazu.

Eine Reihe kleiner obskurer Labels veröffentlichten uralte Demos von ihnen und fanden damit ihren Absatz. Auch tief im Loch ihres Verschwindens waren Steely Dan damals immer noch präsent und ein Maßstab. Ein Mythos. Fagen produzierte auch die LP der Songpoetin Rosie Vela, zudem wirkte er bei der LP „Pirates“ von Ricki Lee Jones in einer winzigen Nebenrolle mit. Sie operierten mit Understatement und „Coolness“, aber nicht wie Zappa in verwegenen Collagen, sondern sie setzten versteckte Anspielungen, bauten Jazzelemente ein und ließen den Charakter von erstklassigen Studio- oder Jazzmusikern im Rahmen ihrer Vorgaben glänzen." 

(aus meinem Buch "Hinhören". Im Buchhandel unter ISBN 9789462540538 oder bei Amazon unter

http://www.amazon.de/Hinh%C3%B6ren-Ulrich-Bauer/dp/9462540535/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1446636604&sr=8-1&keywords=Hinh%C3%B6ren+Bauer)

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"Live"-Alben"

Ein Live-Album, das ist für mich fast schon so etwas ein Widerspruch in sich. Entweder ein Konzert, oder eine Platte, das war und ist für mich die Alternative. Eine Kreuzung ist problematisch. Natürlich zeigen Musiker auf der Bühne meist in epischer Länge, was sie können. Aber ist es das, was heutzutage noch interessant sein kann? Zumal die meisten Live-Alben in dem Sinne „gefälscht“ sind, dass sie im nachhinein bearbeitet wurden, dass Spuren „begradigt“, korrigiert, hinzugefügt oder rausgenommen wurden. Im stillen Kämmerlein sitzen und publikumsanimierten Eitelkeiten lauschen? Und die Musiker?: Die ganz billigen Reflexe abrufen und damit prahlen? Ich habe das schon seit vielen Jahren so empfunden. Die Konzentration auf den Song, das Stück, das ist in diesem Augenblick perdu und funktioniert vor allem direkt vor Ort in einer Halle. Aber aus meinen Boxen? Frischer sei's, direkter und spontaner, so höre ich manchmal. Auch sei das Gefühl einer Art von „Geschmacksgemeinschaft“ ausgeprägter, die "Stimmung" würde sich mitteilen. Für eine ganz bestimmte Art von Musik scheint das zu gelten. Aber es gibt ja inzwischen so viele verschiedene Arten. Manche Musiker scheinen sich auch darauf spezialisiert zu haben, ihr Material möglichst zu reproduzieren und weniger darauf, es zu interpretieren, was dann im stillen Kämmerlein Freude bereiten soll. Auch das leuchtet mir nicht ein und geht auch zu oft schief. 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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