Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Emotion und Ausdruck

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen emovere: nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

 

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückendes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, besser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“. 

Alles durch

 Ich höre eine dicke alte Vinyylscheibe, King Crimson's „Three of a perfect Pair“. Aus den achtziger Jahren. Der Vorgang“ hat und hatte im Gegensatz zu heute etwas mit Respekt und Aufmerksamkeit zu tun, mit einem Sichaussetzen ganzen Vinylscheiben gegenüber. By the way: Es hatte einen ja auch etwas gekostet. Kohle. Im äußersten Fall 19,80. Also wollte man sie nicht einfach ablegen, zur Seite legen. Sie hatte als ausgewachsenes Album eine große Fläche, sie war ein veritabler Gegenstand. Sie war auch farblich gestaltet. Hatte einen grafischen Entwurf. Sie fühlte sich an. Man hatte schon einen ganz bestimmten Griff parat, um sie aufzulegen. Man fühlte sich ein in sie, versuchte (im Rahmen der anderen Scheiben, deren Entwürfe einem vorgegeben waren...) zu verstehen. Man brachte dem gegenüber, die oder der sich das als „Künstler“ ausgedacht hatte, Respekt auf. Es nötigte einem Auseinandersetzung ab. Man gab den Dingen Zeit, um sich zu entwickeln. Überhaupt, die Scheiben hatten einen anderen Rhythmus, schienen genau dafür Zeit zu haben, sich zu entwickeln, Spannungsbögen entstehen zu lassen. Das alles hatte die Zeit, um schließlich Emotionen in einem auszulösen. Man bildete sich eine Meinung und konsumierte nicht nur. Man schrieb das Gehörte einigen Namen zu, man versuchte, das Typische daran zu erkennen, man brachte es in Beziehung zu einem selbst.

Aber alleine schon den Plattenspieler (welcher ist der Beste, den man sich gerade noch würde leisten können?) ständig auf dem neuesten Stand zu halten, ihm ein geeignetes Abnehmersystem (wie viele Diskussionen habe ich einst darüber geführt!) zu gönnen, die Werte an den dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.b. „Skating“) korrekt einzurichten, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine veritable Augabe, die vieles an einem forderte, wofür man sich gar nicht geeignet fühlte. Also versuchte man, halt so einigermaßen mitzuhalten.

Diese vorliegende Scheibe mag auf viele damals abstrakt und avantgardistisch gewirkt haben. Heute tut sie das nicht mehr. Sicher, vieles scheint schroff. Aber heute, wo die Gefälligkeit, die leichte Konsumierbarkeit überall zu regieren scheint, ist das pure Erholung. Es wird gegen den Strich gebürstet, das Unerwartete auf geradezu entspannte Weise gesucht. Ungerade Rhythmen schleichen sich in den Kopf. Bob Fripp? Ha! Bill Bruford? Ha. Hatte man ja in verschiedenen Zusammenhängen kennen gelernt. Tony Leven, der anpassungsfähige, variable und kahlköpfige Alleskönner. Wer war er wirklich? Immerhin scheint er hier die Synty-Tasten gedrückt zu haben. Adrian Belew schien mir damals bei King Crimson das Popelement beizusteuern, obwohl von ihm bei Zappa und bei den Talking Heads davon nicht viel zu hören gewesen war. Aber die Stimme: typisch! 

Es werden einem Aufgaben gestellt von jemandem, dem man sich anvertraut hat. Dafür muss man dann nach ungefähr 20 Minuten springen, um die Platte umzudrehen. Es ist kein komfortables, angenehmes Durchhören. Ein ständiges Rennen. Die Kratzer an den immergleichen Stellen ärgern einen auch. Überhaupt, man hatte viel gehört, das Gleiche wohl 30 mal hintereinander (oder noch wesentlich öfter...). In verschiedenen Lebenssituationen. Man hatte es auf sich wirken lassen. Man kannte vieles davon nahezu auswendig. Querverweise hatten sich einem aufgedrängt. Der mit dem und der mit jenem..... Weltbilder schienen aufeinander zu stoßen, es entwickelte sich ein Kaleidoskop der musikalischen Möglichkeiten. Es regte unsere Phantasie an. In viele Richtungen. Wir wurden dadurch einigermaßen „open minded“. Wir dachten, die ganze Welt solle so werden. Würde so werden. Wir staunten manchmal. Wir ordneten Sounds und Spielweisen Namen zu. Wir ließen sie an uns heran. Sie wurden ein Teil von uns....“Uns“? Von mir.

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Immer ganz neu

Ich habe mich früher oft gefragt, wieso es im Popgeschäft so sein muss, dass der Zyklus Album, PR-Tour, Tournee, neues Album so zwingend sein muss, dass alles zwangsläufig so abläuft. Mittlerweile haben sich die CD-Verkäufe kräftig reduziert und prompt scheint der Zyklus bei weitem nicht mehr so zwingend zu sein. Die Gewichte haben sich ja auch längst verschoben. Das Album und sein Verkauf ist bei weitem nicht mehr das Wichtigste. Eigentlich soll es nur noch die anstehende Tournee promoten. Früher war es umgekehrt. Aber es schien in Stein gemeißelt. Alle, ein ganzer „Markt“ handelte danach. Das Geschäft diktierte und die Künstler lieferten. Ich wunderte mich auch oft, dass die Künstler das „Bedürfnis“ nach Neuem so widerspruchslos zu erfüllen schienen, obwohl es nahezu unmöglich ist, fort während etwas Neues auszuspucken. Also spezialisierte man sich darauf, das Vorhandene zu perfektionieren und es zu variieren, eine Art „Stil“ daraus zu machen. Es rückten alleine schon aus Geschäftsgründen diejenigen Künstler in den Vordergrund, die sich fortwährend neu zu erfinden schienen, - siehe Madonna etc. Es hatten sich aber auch Mechanismen des Popgeschäfts herausgebildet, die etwas als selbstverständlich übernahmen, was so durch sich selbst verständlich gar nicht war. Die kapitalistische Logik bedingt es ja und bringt es mit sich, den Markt fortwährend mit Neuem zu füttern und Bedürfnisse zu wecken, die dann vom „Markt“ befriedigt werden können.

 

Doch die Popmusik und der mit ihr verbundene Lifestyle hatten Besonderheiten zu bieten. Beispielsweise galt es lange regelrecht als ein Gebot, jederzeit gut informiert und auf der Höhe der Zeit zu sein. Um hier eine Art Auslese zu schaffen, brauchte es fortwährend Neues, mit dem sich die Bescheidwisser abgrenzen konnten. Es war Gebot, neue Idiome zu kennen, „fortschrittlich“ zu sein, „forever young“ und in Bewegung: in der Popmusik wurden “Werke“ geschaffen, Konzept- und gewichtige Doppelalben lagen massenweise aus, lieferten Vorlagen für Filme, es gab Alben der philosophischen und esoterischen (weniger der politischen) Bekenntnisse, aufgemotzt durch „großartige“ Bookletzeilen und Beglaubigungen durch „große“ Namen, es schien alles große Kunst zu sein. Dann die postmoderne Phase: Anything goes. Anything sells. Heino neben Metallica, Frank Sinatra und U2. Ältere Musik auch, aber teuer verpackt. Vinyl und „Erstauflagen“ wie früher im Bildungsbürgertum beim Buchmarkt. Ganze Horden von Erklärern und Leuten, die ihre Existenz dem Übersteigern gewidmet zu haben schienen. Geschmäcklertum, das freilich keine große Anziehungskraft mehr zu haben schein, das längst in Beliebigkeiten und persönlich gefärbte Präferenzen abgerutscht war. Dem Behaupter sicherte es dadurch eine gewisse Einmaligkeit, etwas, das mit "Individualität" in Verbindung gebracht werden kann und auch in akademischen Kreisen sehr beliebt ist. Mittlerweile ist es so geworden, dass sich das Neueste (wenn es das unter solchen Verhältnissen noch gibt) vielleicht im Internet finden lässt, aber dass es keinen mehr interessiert. Teenager und Menschen in der Pubertät brauchen aber so etwas, um sich abzugrenzen. Sie scheinen es auch zu brauchen, um ihre eigene Vitalität zu feiern. Nur scheint Popmusik längst nicht mehr das adäquate Mittel dafür zu sein. Und der Wald dessen, das nur vorgefundene Muster variiert, scheint völlig unübersichtlich geworden zu sein. Die großen Medienfirmen scheinen auch zu lange überzogen zu haben, indem sie das kurzfristige Profitinteresse allzu sehr in den Vordergrund schoben und es versäumten, rechtzeitig große Künstler eines Schaffensversprechens, einer Kreativität aufzubauen. Ob etwa im deutschen „Markt“ eine Künstlerin wie Helene Fischer solche Versprechen einlösen kann, wird sich herausstellen. Skepsis scheint angebracht. Gut gelauntes Lächeln. 

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