King Crimson Reloaded

Am 9. September 2016 schrieb ich:

 

King Crimson in der Liederhalle

Schon der Bühnenaufbau kann überraschen: Drei Schlagzeuge nebeneinander, das ist in der Rockmusik unüblich und ward nie gesehen. Aber die Band King Crimson ist ja immer schon komplett überraschend gewesen, hat während der vergangenen fast 50 Jahre um ihren Kopf herum, den Gitarristen Robert Fripp, fortwährend die Besetzung geändert und stilprägenden Avantgarde-Rock der verschiedensten Ausprägung gespielt. Ein Mythos. Eine Legende. Gleich ein Doppelkonzert ihrer aktuellen Tournee spielen sie im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart, natürlich vor jeweils ausverkauftem Haus. Die drei Herren Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey eröffnen denn auch gleich mit ihrem Dreier-Intro das Konzert. Wir ahnen, dass diese Besetzung kein Gag ist, sondern dass sich diese drei auf das Trefflichste ergänzen wollen, dass sie hochkonzentriert ohne jede Showeinlagen ihre Rolle spielen werden, die eine fantasiereiche Aufsplitting der einzelnen percussiven Abläufe bringt, fein abgestimmte Übergaben des Rhythmus selbst mitten in ungeraden Metren und filigrane Ziselierungen mittels kurzer Akzente, aber auch Keyboardeinlagen und andere elektronische Einspielungen. Es ist ein Team, genauso wie die ganze Band, in der niemand herausragt oder sich als überragender Solist profilieren kann, weil die Dinge meist exakt festgelegt erscheinen und die Räume für allzu ausufernde Soli gar nicht existieren. Am ehesten noch scheint da Mel Collins, der aus den Anfangstagen der Band aufgetauchte Saxofonist und Flötist, sich noch gelegentlich in diese solistische Rolle hineintröten zu dürfen.

 

So geht’s nach der Schlagzeugereinleitung in die erste, sehr abgehoben und teilweise schroff wirkende Folge von Stücken, die weit vom üblichen Rockklischee entfernt scheinen. Wir, aber womöglich auch die Musiker, werden hineingezogen in einen eigenen Strom der Bezüglichkeiten, in der selbst der Bandboss Fripp nur ein Teil des Ganzen ist und in keinster Weise heraus ragt. Neben ihm agieren auf der zweiten Linie der Bühne mit dem Bassisten Tony Levin, mit dem Sängergitarristen Jakko Jaksyk und dem frühen Weggefährten Collins sowieso nur ausgewiesene Könner, die keinerlei Profilierung nötig haben und in diversen Bands ihre Spuren hinterlassen haben. Es taucht nun das eher grobe Stück „Easy Money“ auf, aber auch das feingliedrige „Epitaph“ oder das bekannte „In the Court of Crimson King“ aus den Anfangstagen der späten sechziger Jahre auf. Solche Stücke markieren ein typisches Kennzeichen der Band durch alle Besetzungen hindurch: das Wüste, Grobe und zuweilen auch stark rifforientierte Musizieren kann hier neben feingliedrigen Klangspekulationen stehen, die auf die verschiedenste Art verbunden erscheinen. Um die drei Stunden dauert der Auftritt und keine Sekunde davon ist langweilig: zum Schluss kommen beim Bowie-Heuler „Heroes“ und dann bei „21 Century Schizoid Man“ natürlich die gemeinschaftstiftenden Ohrwürmer: ein großartiges Konzert.

Hey Jimi

Was war uns damals Jimi Hendrix? Es gehört ja heute zur aesthetical correctness, ihn als „besten Gitarristen aller Zeiten“ zu bezeichnen. Vor einiger Zeit freilich ging ich in seiner Heimatstadt Seattle so für mich hin und bedauerte, dass es keinen Anlaufpunkt für diesen berühmten Sohn der Stadt gab. War er eine „arme Sau“? Kein Teil der „offiziellen“ Kultur? Rassistisches Opfer? Natürlich empfanden wir damals alles von ihm als tolle Ungeheuerlichkeit. Es kam von einem fremden Stern über uns, wie so vieles in dieser Zeit. Grenzüberschreitung war immer und überall angesagt, neue Horizonte wollten erschlossen werden, Kreativität war ein wichtiger Wert und hatte noch nicht jenes Geschäftliche, was so viele von uns abstößt. Magie war ein wichtiger Wert. Unserer Sehnsucht gab er einen Rahmen, einen Ausdruck. Das Unglaubliche zu realisieren, schien ihm ein Anliegen zu sein. Ich habe noch oft empfunden, wie gut er war, gerade wenn ich seine vielen Epigonen und technisch ein bisschen begabten Kopierer hörte, diejenigen, die versuchten, ihn nachzumachen und daraus ein Geschäft zu machen. Es schien so, als würde vieles einfach aus ihm heraus kommen und als könne er das unmittelbar auf seinem Instrument umsetzen. Kein Zweifel, er war im wahrsten Sinne des Wortes ein naiver Künstler, machte sich keine großen Gedanken darüber, was es war, was da aus ihm drang, wie und warum er etwas machte. Die großen Linien: Ja. Er spielte ja auch diese großartige Version von „Stars Sprangled Banner“ und wollte dadurch etwas bewirken (und wenn es nur pure Aufmerksamkeit war...), er verbrannte seine Gitarre, spielte mit ihr hinter seinem Rücken (Chuck Berry-Schule!), liebkoste sie, warf sie von sich und vollführte noch so manches Mätzchen. Aber da schien (!) wenig Berechnung zu sein, - was ihn von vielen heutigen „Künstlern“ unterscheidet. Der Mann hatte seine Gitarre, aus der er seine Seele heraus holte und uns zeigte. Nichts als die Gitarre. Ja, wir nahmen ihm dies ab. Wir spürten, wie er das Innerste nach Außen kehrte. Er war Pionier und ging voran, ohne dass er es wusste. Und wir wussten, dass er kein Heiliger war, dass sich unter der Marke „Hendrix“ so manches geschäftliche Anliegen verbarg. Es schien uns nicht wesentlich zu sein. Eine Attraktion sollte ausgenommen und ausgebeutet werden, so die Gschäftlhuber. Ob der Künstler selbst gebührend davon profitierte?  

Lambchop again

Ich habe die Neue von Lambchop bestellt. Hatte sie zuvor im Streaming gehört und sie gefiel mir so gut, dass ich sie permanent im Wohnzimmer hören wollte. Und ich habe mich an die Zeit erinnert, als diese Band viel für mich bedeutet hatte. Ich nehme jetzt hier eine Besprechung eines Konzerts auf, die auch in meinem kommenden Buch vorkommt und die mein Dasein damals sehr prägte:

Wieso soll das Lammkotelett eine Frau sein? Eine Frage, die uns bewegt, seit Lambchop ihre neue CD "Is a Woman" auf die Welt gebracht haben. Allein die Antwort, sie ist und bleibt das Geheimnis von Kurt Wagner, des Sonderlings aus Nashville, der als Sänger und Songschreiber diese wunderbare Platte so maßgeblich geprägt hat. Es wohnt noch so manches andere Geheimnis in Lambchop, jenem Kreis von Musikern, die einem normalen Tagesberuf nachgehen und abends ihren musikalischen Ideen einen weiten Auslauf gewähren. 17 waren sie, als sie mit der CD "Nixon" einer seltsamen Figur der jüngeren US-Geschichte nachspürten und dabei eine verschrobene Fusion aus Country und Soul auf die Beine stellten. 17 Musiker waren sie auch, als sie "Is a woman" jenen völlig intim wirkenden Rahmen gaben, der lauter schräge und auseinanderstrebende Elemente so überzeugend zu einer Einheit fasst. Und jetzt versammeln sie sich zu acht um jenen bebrillten Kauz in der Bühnenmitte, der auf einem Stuhl sitzend seine eigentümlichen Verse krächzt. Würden sie es schaffen, die in sublimen Klangfarben schillernde Atmosphäre der Platte auf die Bühne zu übersetzen? Nicht nur diese Frage, sondern auch die Medienresonanz auf die CD mögen bewirkt haben, dass die Manufaktur in Schorndorf an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Nun "Is a woman":

"Down the street you go, rumors of a one man show, how silly we can be about the future...": jene Stimme, sogleich durchsticht sie den Song "Daily Growl" so mit ihren scharfen Betonungen und einer Sehnsucht, dass er geradezu zu einem Menetekel wird. Für alltäglich schlummernde Abgründe? Für fremde Zusammenhänge, die uns die Orientierung nehmen? Es bleibt im Geheimnis. Dieser Gesang, der ja in seiner whiskeygeschwängerten Knarrzigkeit viel von einem dramatischen Erzählen hat, er gleitet nun dahin auf einem instrumentalen Film, in dem das Piano mit seinen weichen Harmonien die Führungsrolle spielt. Vom Barjazz mag da manches kommen, von einer Kammermusik des wilden Westens und vom lyrischen Plüsch längst vergangener Radiotage. Das Schlagzeug streichelt sachte die Felle und der Bass setzt leise Akzente, künstliche Aufgeregtheiten sind verpönt.

Darüber schillern die Gitarren in allerlei Farben, schrammeln in braver Gleichmut die Akkorde, schwelgen in gläsernem Vibrato, verlieren sich in digitalen Räumen und kreischen auch mal scharf. Hinter alledem tut sich ein unauffälliger Kosmos der elektronischen Geräusche auf, ein Gurgeln, ein Schleifen, ein Quietschen und Quetschen, das dem Ganzen eine unwirkliche Atmosphäre gibt und die scheinbar disziplinierte Harmonie fortwährend in Frage stellt. Die Arrangements sind genau, selbst das seltsame Saxofon-Riff von "The new cobweb summer" und die spitz gefistelten "Ah ah"-Chöre fehlen nicht. Eine feine Doppelbödigkeit durchzieht diese Musik, deren Entwurf von der Platte tatsächlich kongenial auf die Bühne übersetzt ist, ohne in eine feierlich verkrampfte Kunstanstrengung zu verfallen. Im Gegenteil: zwischen den Songs geht es lustig zu, Pianist Tony Crow erzählt Witze, während der freundliche Biertrinker Kurt Wagner eine Zigarette nach der anderen qualmt. Am Ende sind die zwei Stunden wie ein Traum vorübergezogen, unwiderstehlich, intensiv, anrührend. 

Und heute? Höre ich das neue Album „Flotus“ und bin etwas befremdet. Das Spiel mit den „Autotune“-Effekten, die unauffällig verschwimmende Begleitung: nun ja, schon mal besser gehört. Teilweise von Lambchop selbst. Wirkt auf mich etwas aufgesetzt. Wieso sollen sich solche Künstler nicht weiter entwickeln, mal etwas anderes wagen? Besonders der Wagner? Es scheint mir aber, als hätten sie sich in eine Richtung entwickelt, die von mir weg führt. Ich verstehe ja all das Experimentieren, das Machen und Tun, das Ringen um "Neues". Aber hätte es nicht in eine andere Richtung führen können? Eingedenk dessen, was gerade diese Band so gut kann? Das hier kommt mir ein bisschen formalistisch vor. Das tausendste Album im selben Stil hätte ich aber auch nicht gut gefunden. Was also? Ich wollte Besonderes erwarten. Eine Möglichkeit hätte sich mir eröffnen können.  Ja klar, ich habe hier an dieser Stelle „...Is a woman“ schon mal besprochen. Doch inzwischen, so glaube ich, hat sich meine Perspektive abermals geändert. Dazu kommt jetzt „Flotus“. Klar, das interessiert, im Gegensatz zu früher, niemanden. Ich kann bisher nicht viel mit diesem Album anfangen. Aber, wer weiß, vielleicht in 5 Jahren? Das Versprechen ist gegeben.....

Woodstock, ein Winken

Ach ja! Woodstock hatte „Jubiläum“. 15. August 1969. Auch schon vorbei! Ein schöner Traum ist halt nicht nur tagesaktuell. Love und Peace und all das! Eine für diesen Sommer geplante Wiederauflage ist aus Geldmangel gescheitert. Alleine schon das ist kennzeichnend. Die Helden von ehemals sind inzwischen gestorben, vergessen oder Besserverdienende, die sich mit tausend Reunion-Partys und -Tourneen um ihr finanzielles Fortkommen kümmern. Das Wetter soll damals nicht gut gewesen sein. Wir saßen viel zu spät in den Siebzigern im viel zu trockenen Jugendhaus in verfurzten Altsesseln und sahen per „Woodstock“- Film (woran sich ein Medienkonzern einen Arsch voll Geld verdient hat...) die Szenen, wie sie sich wonniglich genussvoll im Schlamm wälzten. Wer? Sie? Diejenigen, die sich nach „Freedom“ sehnten, wie Ritchie Havens damals sang. Sex & Drugs & Rock' n Roll? Und Trips? Änderung der Verhältnisse!, - wie nebulös auch immer! Heute hören wir Erinnerungen von Helden (weniger von Heldinnen...! außer natürlich Joan Baez....) des damaligen Geschehens, die das wie einen sentimentalen Traum aus der Kindheit oder Jugend erzählen. Free Concert? Klar ging das finanziell in die Binsen! Musste ja.... Es herrschen heute Megastars - nicht Jimi Hendrix! "Stadionrock heizt ein" und verlangt dafür nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gebührenden Eintritt. Um diese scheinbare Insel der Glückseligen herum war alles politisch und ökonomisch, was die damaligen Wohlfühl-Freakys ein bisschen unterschätzten. Es soll heute bekannte, angehimmelte und in Ehren alt gewordene Musiker gegeben haben, die damals schon mit der Bezahlung nicht einverstanden waren. Ach ja. Vornherum und hintenrum. Lüge und Realität. So etwas kann besoffen machen.....

Zeitgeistblüten

Geschrieben im Jahr 2004, dem alten Mythos Rockmusik samt seinen Idealen nachspürend:“Was Liebhabern des populären Liedes noch bleibt, sind die kleinen Entdeckungen im kreativen Biotop des Pop und Rock. Wer genügend Neugier und Zeit aufbringt, der weiß es schon lange: Die Faszination liegt in der Vielfalt, im schillernden Spiel der Fantasie, der Verweise und Genres, der Überlagerungen des Unerwarteten und der schillernden Kombinationen mit dem Altbekannten, ein Spiel, dessen Teil auch die Popstars des Mainstream sein können. Wieso nicht? Vielleicht ist es ja manchmal so, dass Massenprodukte wie Madonna oder Cristina Aguilera eine interessante Seite des Zeitgeists deshalb inhaliert haben, weil Kreativität und Know How - jetzt bitte keinen Einwand! - jederzeit käuflich sind und mit dem massenkompatibel Populären und unwiderstehlich Kommerziellen eine spannende Allianz eingehen können.

Dahingestellt mag bleiben, welche Auswirkungen die wirtschaftliche Krise der Branche weiterhin haben wird. Dieser wuchernde Blumengarten der Popmusik will ja gedüngt sein. Momentan deutet leider vieles in Richtung einer Austrocknung der kreativen Vielfalt. Die Medienkonzerne konzentrieren sich in der Krise auf das Kerngeschäft, ihre Superstars als Marken in den globalen Markt zu drücken. Aber es schaffen die neuen technischen Möglichkeiten auch neue Chancen, neue Vertriebsmöglichkeiten, vielleicht steht die Rock- und Popmusik ja vor einer neuen Blüte. Vielleicht erzeugt die Markenpenetranz der großen Konzerne eine Müdigkeit, die unabhängigen Plattenfirmen eine Chance gibt, mit einer glaubwürdigeren Anbindung an den kreativen Pool. Vielleicht ist die Rock- und Popmusik auch weiterhin das Biotop der wunderbaren Blüten.

 

Allein, das Versprechen des ganz Anderen, die Illusion des Umsturzes und Innovation, sie scheinen noch zu locken. Den Rock neu erfinden, in der Differenz zum Anderen eine Identität schaffen. Die Übertreibung, die Sensation, der Hype und die Mitläufer, - ein Phänomen der Massenkultur. Nach dem Knospen des Rock ’n’ Roll in den Fünfzigern waren es die alten 68er, die glaubten, sich von der Generation ihrer Eltern absetzen zu müssen. Sie „erfanden“ die Subkultur der Rockmusik samt ihrer subversiven Elemente. Sinnstiftung im Symbolischen. Erinnert sich noch jemand an Frank Zappa? Jimi Hendrix, Janis Joplin, die Woodstock-Generation, freie Liebe, Protest, Rebellion, Kommunen, Konsumkritik, Revolution, abgefahrene Utopien - all das. Die Rockmusik war noch bei sich selbst und erlebte ihr Goldenes Zeitalter. Sie war der Soundtrack ihrer Zeit, bildete gesellschaftliche Strömungen ab, schien kurzzeitig gar kultureller Motor zu sein. Damals, als alles besser war. Doch schon die Generation der 78er fiel in ein Loch, konnte sich nicht mehr so recht zwischen Konsumverweigerung und Karriereversprechen entscheiden. Die Rockmusik war für sie ein Supermarkt der Gefühle, - und mit der Subversion war’s auch nicht mehr weit her. Schon Punk bedeutete für die 78er eher Nihilismus als Rebellion.“