Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Berührt sein

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen "emovere": nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückenedes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, bsser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“.

 

Wir haben einen Sinn dafür, was unsere Existenz begründet, was ihr Grund sein könnte, wie wir auf die letzte Wirklichkeit bezogen sind. Man kann diese letzte Wirklichkeit auch Universum nennen. Oder das Leben. Oder die Wirklichkeit. Oder die Welt, oder die Natur. Aber man fühlt sich jedenfalls da hinein gestellt, ahnt, dass man ein Teil davon ist. Die Frage ist: wie sind wir darauf bezogen? Auf diese letzte Grundlegung. Ja, wir haben einen Sinn dafür. Er geht darauf zurück, dass am Grund unserer Existenz eine kollektive Antwort liegt. Jemand ist da, der uns hört und sieht, versprechen etwa Religionen. In uns und jenseits von uns. Beim Beten wird das deutlich: Man kann dabei nicht sagen, ob der Betende sich nach innen oder nach außen richtet. Beten ist eine ritualisierte Praxis, die eine Verbindung zwischen dem Innersten und dem Äußersten schafft. Es berührt mich und verflüssigt mich in meiner Verhärtung, es macht mich empfänglich. Religion beispielsweise schafft ein Bewusstsein dafür, dass wir mit dem Leben als Ganzes, mit Gott oder der Natur in einer Beziehung stehen. Mit der Kunst. Mit der Musik. Wichtig ist: Man weiß nicht recht, ob man nach innen oder nach außen hört. Das alles bedeutet aber nicht Welterklärung. Nicht Weltdeutung. Es geht nicht um sinnhafte und kognitive Weltdeutung. Also um das Verstehen vom Verstand her. 

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