Rastlose Verlierer

 

Er streichelt über die Tasten

entwickelt ein Thema, ein Motiv, eine Andeutung

über langen Spannungsbögen

er lässt es fließen

wird neugierig

lässt es gehen

es werden bald samtene Balladen

bald feurige Rhythmusstöße

nicht allzu einfach

nicht zu gefällig

in sich hinein

ziehen lassen

in andere Zusammenhänge

die vielleicht entspannend konzentrieren

die ein Fenster des Gefühles öffnen

und kaum abgleiten in Selbstgefälligkeiten

Er kann das nicht

imponieren mit schalen Effekten

er lauscht vielmehr dem Ton

er lässt ihn kommen

 

er lauscht ihm nach

Auf der Suche nach meiner Musik

Ich begegne meiner Musik und bin mal wieder erstaunt. Nabelschau ist damit angesagt. Kann man so sehen. Natürlich. Man entlarvt sich selbst. Blick in den Spiegel. Erfahren, was man da macht und vor allem: was man gemacht hat. Ich weiß ja, dass konventioneller Gesang in meinem Konzept keine Rolle spielt. Ich habe ein paar Stücke mit einer Art von poetischem Sprechgesang, meine Stimme in rhythmisierten Worten, weich und hart, sachlich und verklärend zugleich. Melodien tragen bei mir oft die Flöte und das Sax (meist Bariton). In der Pop- und Rockmusik ist ansonsten meist ein Gesang angesagt. Im günstigen Fall selbstvergessen, im weniger günstigen Falle ist das eitel und „Sich-andienend“. Mein zweites Instrument, die Gitarre, taucht überwiegend verzierend im Hintergrund auf. Was mir darin vorschwebt? Ich mochte einst Gitarristen der Vergangenheit wie Steve Hackett und David Rhodes. Lautmaler. Trotzdem tauchen bei mir immer wieder Stimmfetzen auf, deuten etwas an, und verschwinden. Sie wollen die gängigen Formen von Sinn verleugnen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhang aufnehmen. Ich nehme nur noch Bruchstücke, weil ich den gängigen Formeln der Selbsterfahrung misstraue, was ja meist als Motivation genannt wird. Ich füge mich ein in mich selbst, ich lasse Klischeehaftes, Andeutungen durch Räume rinnen. Gleichzeitig nehme ich bewusst und unbewusst meine Vergangenheit als Rockmusiker auf und wandle sie in meine Musik. Das Körperliche und Sinnliche der Musik versuche ich in pulsierenden Rhythmen einzufangen. Das Hypnotische auch. Das hinaus Zeigen ins Kosmische, in das wir eingebettet sind. Von hinten kommen zudem Erfahrungen von Kirchenmusik hinzu. Ich behaupte nicht, dass ich das alles kann, sondern ich stelle es in den Raum. Ich habe Respekt vor dem und denen, die ich als wahre Musiker erlebt habe. Meine Stärken vermute ich woanders.

 

Ich will andere Räume auftun, ein anderes Spielfeld, akustische Ereignisse, die da hindurch gehen, die manchmal herbe Gegensätze aufreißen, um sie sogleich wieder zuzuschütten in Klängen, ich will sie auf einer anderen Ebene aufheben. Ich will nicht mehr das Vorführen von technischen Fertigkeiten, die sich im Hektischen Rasanten ergehen, im Beherrschen von Vorgängen, sondern ich will eine gezielte Langsamkeit und Bedächtigkeit dagegen setzen. Ich will andere akustische Erlebnisse schaffen, will Alltagsgeräusche einbeziehen und doch meiner Biographie entsprechend an Pop andocken. Ich will auch die Leere abbilden, will mit schöner Ereignislosigkeit umgehen und mit Erwartungen spielen. Beschauliche Besinnlichkeit und das Baden in Klangschäumen ist weniger mein Ziel, als vielmehr die Irritation, auch das Zusammenführen von Gegensätzen in der Entäußerung. Nicht das Event, dass sich plötzlich in urwüchsiger Vitalität Bahn bricht, sondern das langsame Überführen von Gegensätzen auf eine andere Ebene ist mein Ziel. Nicht das selbstbesoffene „In-Sich-Waten“, die narzisstisch vorgeführte Ichsuche, die spirituelle Selbstoptimierung wäre mein Ziel, sondern vielmehr das Abschreiten der Einöde, des Steilen und Unwägbaren, das "Ungewöhnliche", das Streifen des Vulgären, Banalen und des „dreckigen“ Alltäglichen.

Wie man's macht

Clevere Burschen mit Startup-Gesicht programmieren Syntys auf ihrem Kanal, führen das alles vor und geben sich als Großproduzenten zu erkennen, die wissen, wo‘s lang geht und wie Erfolg möglich sein wird. Sie kennen sich aus und programmieren behend. Sie haben's drauf und sind ein echtes Vorbild. Wie man den Sound der aktuellen Charts produziert. Wie man das kopiert, was Kohle bringt, welchen Rechner man braucht, welche Software usw. Wie‘s die großen Acts machen, das ist das Vorbild, da geht‘s lang. Man kann das alles kopieren. Erst mal einen Überblick gewinnen über das Programm, was macht was, usw. kann man sich alles anzeigen lassen. Kreativ? Man mache sich sein eigenes Bild. Also machen wir‘s und kriegen‘s nicht so recht hin. Nochmal rückspulen, zurückklicken, nachschauen…...machen und tun….wieder nix. Was bedeutet das jetzt? Oder jenes? Was wir machen, ist erstmal egal? Oh je, ich will jetzt das mal ausprobieren….klingt geil! Hat aber nix mit dem zu tun, wo wir hin wollen? Klick, klick, klick… wo ist der Browser? Ziehen, klicken...und immer wissen, wo man ist. Mit gedrückter Maustaste auf die Clubsounds springen, Clap und Hihat, Conga, alles nett…..alles fett, hier seh‘n wir‘s in grün, gelb, rot oder schwarz unterlegt, ob wir‘s geloopt wollen? „Four to the Floor-Beat?“, Doppelklick auf die Spur, Command-Taste, dann Steuerungstaste, Bass-Drum, Hihat… echt cool....klar, so war das mit der Technik früher auch. Bloß jetzt soll man das alles selbst machen. Nach den Gesetzen der Globalisierung wird Personal eingespart, selbst ist der Künstler als Produzent und Toningenieur, fetter Bass, wow, der ist gut, ein bisschen Synty-Atmo,….und jetzt Gesang! Alles digital...... alles effizient

Popmusik als Kulturgut?

Ob Popmusik machen etwas mit Kunst zu tun hat? Und nicht mit Profit, Wertschöpfung, Equipment und Zielgruppenplanung? Das ist ein Konflikt, der gar nicht mal häufig ausgetragen zu sein scheint in der Welt der „Macher“. Aber auch nicht in der sonstigen Welt der Handelnden. Nun, Kunst zu schaffen setzt ein waches Publikum voraus. Es spricht aber so manches dafür, dass man es eher mit einer manipulierbaren Masse an „Konsumenten“ zu tun hat. Dass Musik etwas geworden ist, das überall kostenlos zu haben ist und deshalb wertlos ist. Es müsste aber Menschen geben, die sich auch auf etwas einlassen können. Die bereit sind, eine gewisse Strecke mit einem Abenteurer von der Art der Künstler zu unternehmen, etwas Neues zu erfahren, das das Überschreiten von Wahrnehmungsklischees mit sich bringt. Die das als Wert in sich erkennen. Die auch davon leben. Jaja, das bedeutet nicht nur Unterhaltung und Spaß machen!

 

Es scheint, dass sich alles in eine einzige Richtung entwickelt hat: Branche, Verdienst, Rendite. Gerade die offenbar zurück liegende Krisenzeit scheint mir da eine Art Beleg dafür zu sein. Das jetzt verabschiedete Konjunkturprogramm samt dem Gefasel um „Systemrelevanz“ scheint mir das zusätzlich zu unterfüttern. Was bleibt: Die Kultur ist schlecht dran. Viele Jahre scheinen mir auch Popakademien etc. solche wirtschaftlich motivierten Tendenzen verstärkt zu haben. Sie scheinen nur deshalb an Staatsknete gekommen zu sein, weil sie der Regierungsmacht eine blühende Branche mit florierenden Umsätzen versprachen. Wie ärmlich!

Alpenrauschen

Es gibt Termine und Konzertbesprechungen, an die erinnert man sich gerne. Die bringen einem persönlich etwas. Ich hatte damals einen Pflichttermin im Club Laboratorium auf dem Programm und recherchierte natürlich zuvor den Kontext. War dann zuerst überrascht und dann empor gezogen von einem Auftritt, den ich so intensiv nicht erwartet hatte. Ich habe dann erst später besser verstanden, welche Bedeutung diese Formation in der Schweiz hatte und welch ungeheures Talent da als Endo Anaconda auf der Bühne stand, umgeben von einer Band, die so recht zu ihm zu passen schien, die die richtigen Töne schuf. Jetzt erfuhr ich, dass das letzte Album von der Band Stiller Has‘ auf uns kommen soll. Aus diesem Anlass bringe ich nochmal meine Besprechung aus dem Laboratorium des Jahres 2006: „Zum Lachen schön - Stiller Has im Laboratorium - „Ich wünsche mir einen neuen Hintern, weil, mein alter hat ein Loch“. Sätze sind das, die zu Versen werden und zu Aphorismen gefrieren. Sätze, die zuerst in einem versuchten Hochdeutsch gesprochen und dann herb gesungen von der Bühne kommen. Der schlecht gescheitelte Sprecher, der korpulente Frontmann und raunzige Sänger heißt Endo Anaconda und steht der Band Stiller Has vor. Vielleicht sind er und seine drei Mitspieler schräge Typen. Vielleicht passen sie deshalb so gut zur Reihe „Alpenrauschen – schräge schweizer Töne“ im Laboratorium. Weil sie ja auch noch Schweizer sind. Dabei lauscht dieser Sänger dem Alltag nur seine eigene Perspektive ab, mit sanfter Ironie, beißender Selbstironie, mit skurrilem Zynismus und sentimental verdrehter Sehnsuchtspoesie. Ist das schräg? Oder ist der Alltag schräg? „Ich ziehe mein Gesicht aus, bleibe Clown und fahre bis zur Endstation. Das Leben ist eine Geisterbahn“.

Es ist so etwas wie ein eigenwillig tänzelnder Sprechgesang im berndeutschen Dialekt, der uns solche Apercus bereit hält und die Fantasie damit von Klippe zu Klippe springen lässt. Darunter federt weich die Musik, die aus sich selbst zu strömen scheint und die ist, die in diesem Moment einfach gemacht werden muss: ein bisschen Bluesswing, ein paar in melancholischem Moll durchstochene Akkorde und ein bisschen Beatmusik, die im Grunde so gewöhnlich wie der Umstand ist, dass in der Schweiz jeder Zweite Beat heißt. Nichts Aufdringliches, nichts bemüht Originelles, - aber das wirkungsvoll reduziert. Der Gitarrist Schifer Schafer meditiert seine Akkorde tief in sich versunken, der neue Schlagzeuger Martin Silfverberg streichelt listig die Felle und der ebenfalls neue Bassist Samuel Jungen zerrt grob an dicken Saiten oder brummelt „Ahoi“ ins Mikrofon.

 

Ich fühle mich wie ein gestrandeter Korsar im Emmental, Pirat zu sein ist ein Zustand der Seele“ beklagt der singende Sohn eines Polizisten aus dem Emmental und einer Österreicherin, um sogleich bitter Selbstvergessenes hinzuzusetzen: „Im Nordmeer ist mir die Hand abgefroren, die Nase blieb in der Beringsee. Auf dem linken Auge bin ich blind und den Spitz meines besten Stücks hat in Shanghai ein Hai abgebissen“. Wenn einem so viel Übles widerfährt, ist das schon einen Lacher wert. „Glugg, glugg, schon wieder ist ein Schiff versunken. Irgendwann einmal säuft jeder Seemann ab…“ heißt’s im Titel „Sonnenbrille“. Und es ist so etwas wie ein Refrain, wenn dann die Musiker um die Wette lachen „hahahahaha...“. Geisterbahn fahren kann zum Lachen schön sein.“