Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Musikstilblüten

Öffnen sich da große Räume, die uns geradezu einsaugen in sich? Zeigen da Klänge hinaus ins Nichts? Wehen daher, wie welke Blätter? Was ist mit der tief rollenden Bassdrum? Groll oder Roll? Wohin führt und fährt sie uns? Da ist ein ewiges Tanzen, - das mindestens!.... Fest steht, dass in Musik viel hinein projeziert (samt einer Leere, die nur für eine gewisse Zeit "wirkt"....) wird und dass gewisse Musiker samt ihrem Staff sich ein großes Geschäft daraus machen. Auf diese Weise können sie zur gegebenen Zeit sorglos eine riesige Villa oder einen italienischen Sportwagen erwerben und so zum Trendsetter für das lumpige Fußvolk werden. In Interviews mit der willig locker zur Hand gehenden Presse loben sie dann ihr Dasein und „verkaufen“ es auf der Promotiontour zur aktuellen Tour wie den ersten Preis eines Gewinnspiels. Ja, sie haben Glück gehabt und schreiben sich das wie selbstverständlich selbst zu. Schließlich haben sie auch Talent, - wie sie selbst meinen. Sie sind oft die Gralshüter eines Stils, den sie sehr früh in ihrer Biografie erfunden haben. „Erfunden“? „Stil“? Nun ja, sie haben oft etwas vorgefunden und dann Details zu ihren Gunsten verändert. Eigentlich funktioniert so die populäre Musik oft. Die Urheberrechte haben dieses Spiel aber verändert. Die wahren Erfinder dieser Stile blieben meist im Verborgenen, tragen unbekannte Namen, wofür auch die Gralshüter mit ihren großen, meist in der Vergangenheit liegenden Verdienste, tricky gesorgt haben.

Er stand an meiner Seite (2)

Er war einer, der für mich das Schaurige mit einbezog, war ich doch allein durch mein Universitätsstudium mit dem Expressionismus des Grausamen befasst gewesen, in was er trefflich zu passen schien: Tom Waits. Da war das Ungerade, Ungeschlachte, aber auch das Aufgeblähte, der Vaudeville, viel durchlöcherter Jazz, Musical, Jahrmarkt- und Kirmesmusik, Ironie, Humor, Unfassbares. Er warf Fragmentiertes in den Raum, blendete auch das Hässliche stark auf, das Leiden, das Röchelnde, er beschrie das Düstere, beschwor es, wobei er für seine Szene ungewöhnliche Instrumente einsetzte, Marimbas, Oboen, Fagott, Klarinette… etc. Damit schien er allzu oft auf dem Friedhof zu landen, aber auch auf der Abfallhalde. Er brachte Falsches in Anschlag, zelebrierte Sentimentalitäten, die Sehnsucht, das Richtige im Falschen - nur, um es im nächsten Song an scharfkantigen Realitäten zerschellen zu lassen. Er schien oft aus einer Gosse zu tönen und dem Sensenmann auf der Spur zu sein. Da war kein Schöngesang, eher ein grölendes Herausstoßen von Versen, Lauten, Klängen, oft durch ein verzerrendes Sprachrohr des übel Unverdauten gestoßen, des Beschimpften, versoffenen Tremolos, da war ein Keuchen oder Stöhnen, das in Brecht/Weill-ähnliche Landschaften führte, da war ein durch Abwasserschächte hindurch aufgenommenes Taumeln und Stolpern, ein Plärren und Geröchel, das mich manchmal ins Erschrecken führte, weg von den Plastikwelten, in Richtung Fremde. Jetzt sind für mich die Vinylscheiben da, aber auch die CDs. "Closing Time", "Small Change", "Foreign Affairs", "Swordfishtrombones", "Night on Earth", "BoneMachine", Orphans", "Alice, "Mule Variations" "Franks wild Years", "Heartattack and Vine", "Rain Dogs"... Wie oft habe ich "Blue Valentine" gehört und all die anderen seiner Scheiben...... das alles fühle ich in mir......  

Rastlose Verlierer

 

Er streichelt über die Tasten

entwickelt ein Thema, ein Motiv, eine Andeutung

über langen Spannungsbögen

er lässt es fließen

wird neugierig

lässt es gehen

es werden bald samtene Balladen

bald feurige Rhythmusstöße

nicht allzu einfach

nicht zu gefällig

in sich hinein

ziehen lassen

in andere Zusammenhänge

die vielleicht entspannend konzentrieren

die ein Fenster des Gefühles öffnen

und kaum abgleiten in Selbstgefälligkeiten

Er kann das nicht

imponieren mit schalen Effekten

er lauscht vielmehr dem Ton

er lässt ihn kommen

 

er lauscht ihm nach

Auf der Suche nach meiner Musik

Ich begegne meiner Musik und bin mal wieder erstaunt. Nabelschau ist damit angesagt. Kann man so sehen. Natürlich. Man entlarvt sich selbst. Blick in den Spiegel. Erfahren, was man da macht und vor allem: was man gemacht hat. Ich weiß ja, dass konventioneller Gesang in meinem Konzept keine Rolle spielt. Ich habe ein paar Stücke mit einer Art von poetischem Sprechgesang, meine Stimme in rhythmisierten Worten, weich und hart, sachlich und verklärend zugleich. Melodien tragen bei mir oft die Flöte und das Sax (meist Bariton). In der Pop- und Rockmusik ist ansonsten meist ein Gesang angesagt. Im günstigen Fall selbstvergessen, im weniger günstigen Falle ist das eitel und „Sich-andienend“. Mein zweites Instrument, die Gitarre, taucht überwiegend verzierend im Hintergrund auf. Was mir darin vorschwebt? Ich mochte einst Gitarristen der Vergangenheit wie Steve Hackett und David Rhodes. Lautmaler. Trotzdem tauchen bei mir immer wieder Stimmfetzen auf, deuten etwas an, und verschwinden. Sie wollen die gängigen Formen von Sinn verleugnen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhang aufnehmen. Ich nehme nur noch Bruchstücke, weil ich den gängigen Formeln der Selbsterfahrung misstraue, was ja meist als Motivation genannt wird. Ich füge mich ein in mich selbst, ich lasse Klischeehaftes, Andeutungen durch Räume rinnen. Gleichzeitig nehme ich bewusst und unbewusst meine Vergangenheit als Rockmusiker auf und wandle sie in meine Musik. Das Körperliche und Sinnliche der Musik versuche ich in pulsierenden Rhythmen einzufangen. Das Hypnotische auch. Das hinaus Zeigen ins Kosmische, in das wir eingebettet sind. Von hinten kommen zudem Erfahrungen von Kirchenmusik hinzu. Ich behaupte nicht, dass ich das alles kann, sondern ich stelle es in den Raum. Ich habe Respekt vor dem und denen, die ich als wahre Musiker erlebt habe. Meine Stärken vermute ich woanders.

 

Ich will andere Räume auftun, ein anderes Spielfeld, akustische Ereignisse, die da hindurch gehen, die manchmal herbe Gegensätze aufreißen, um sie sogleich wieder zuzuschütten in Klängen, ich will sie auf einer anderen Ebene aufheben. Ich will nicht mehr das Vorführen von technischen Fertigkeiten, die sich im Hektischen Rasanten ergehen, im Beherrschen von Vorgängen, sondern ich will eine gezielte Langsamkeit und Bedächtigkeit dagegen setzen. Ich will andere akustische Erlebnisse schaffen, will Alltagsgeräusche einbeziehen und doch meiner Biographie entsprechend an Pop andocken. Ich will auch die Leere abbilden, will mit schöner Ereignislosigkeit umgehen und mit Erwartungen spielen. Beschauliche Besinnlichkeit und das Baden in Klangschäumen ist weniger mein Ziel, als vielmehr die Irritation, auch das Zusammenführen von Gegensätzen in der Entäußerung. Nicht das Event, dass sich plötzlich in urwüchsiger Vitalität Bahn bricht, sondern das langsame Überführen von Gegensätzen auf eine andere Ebene ist mein Ziel. Nicht das selbstbesoffene „In-Sich-Waten“, die narzisstisch vorgeführte Ichsuche, die spirituelle Selbstoptimierung wäre mein Ziel, sondern vielmehr das Abschreiten der Einöde, des Steilen und Unwägbaren, das "Ungewöhnliche", das Streifen des Vulgären, Banalen und des „dreckigen“ Alltäglichen.