Crossover

 „Crossover“ scheint eine Zauberformel vergangener Zeiten, die Überschreitung der vor allem von Profitinteressen vorgegebenen Genregrenzen war damit gemeint. So war in der Vergangenheit die Vermischung von Metal und Funk beliebt. Geradezu spezielle Reize schien der Vermischung verschiedener Genrekennzeichen auf Künster der Popmusik auszuüben. Doch mittlerweile scheint sich das Blatt vollkommen gewandelt zu haben. Jegliche Art von Popmusik scheint streng formatiert und auf krass fraktionierte Ziwelgruppen zugeschnitten zu sein. Unter anderem, man weiß das wohl, scheint dies auch den Diktaten der „Playlists“ und der streamingorientierten Digitalwirtschaft geschuldet, die auf eine möglichst schnelle und effiziente Einordnung bedacht ist. Darin gleicht sie übrigens den Bestrebungen, denen die Menschen zunehmend ausgesetzt sind: auch sie sollen sich einordnen in globale und Marktorientierte Konsumprozesse. Dies erzeuge Wachstum, so die gängige Lüge. Und Wachstum befördere die Wirtschaft, sie brauche dies regelrecht, Wachsttum sei die Voraussetzung „für alles“. Meine eigene Musik, die eine Überschreitung von Genregrenzen quasi in sich trägt und die Einflüsse eines langen Zeitraums aufnehmen will, ist in puncto Hörerschaft radikal gescheitert. Es scheint sich nahezu niemand mehr für einen solchen Ansatz zu interessieren. Popmusik scheint zu einer allzeit und überall verfügbaren anonymen Masse geworden zu sein. Was zählt, ist der schnelle Kick und das durchschlagskräftige Lick. Dies spielt sich in einem digitalen Geschäft ab, das absolut und überall von Kaufleuten dominiert ist. Wo sind die Liebhaber und die Interessierten? Auch sie sind offenbar verschwunden, interessieren sich offenbar nur noch für ihre Wahrnehmungsblase. Für ihre, unter anderem auch sozial abhängige Auffassung von Gut und Schlecht.

Meditative Musik und Verkäuflichkeit

Natürlich schleppt der moderne Mensch eine Art „spirituelles“ oder „religiöses“ Anliegen mit sich herum, das er auch gerne mal auf die Musik projeziert. Musik soll ja das sein, was man nicht anders sagen kann…..sagen bedeutende Geister. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, - behauptete auch Nietzsche. Die ausschließliche Jagd nach Geld scheint jedenfalls den modernen Menschen nicht ausfüllen zu können. Der Markt der spirituellen Bewusstseinswaren wird also diesem Bedürfnis nachgehend immer größer. Der neueste Trend scheint spirituelle Erleuchtung per Internet zu sein. Hier einen Kurs zu buchen (mit meditativer Musik als unterspülender „Leichtmacher“), sich eines Coachings zu unterziehen oder sich per Skype unterweisen zu lassen, kann offenbar viel Kohle bringen (da springt auch etwas für den unbekannten Meister (oder die Meisterin?) heraus, der die Musik liefert). Es scheint jedenfalls darum zu gehen, sich selbst als Medium darzustellen, das offen ist für allerlei spirituelle Erfahrung. „Inspiration“ liefern, Menschen einen Kick in Richtung anderer Bewusstseinsebenen zu geben, das kann neben der guten alten Guru-Funktion, die Menschen zur Orientierung zu brauchen scheinen, ein gutes Geschäft sein. In der Rockmusik machten das schon früh unter anderem John McLaughlin und Carlos Santana klar. Gerade Santana scheint inzwischen abgekippt zu sein in die breite und völlig unspirituelle US-Popmusik. Von Spirituellem ist bei ihm offenbar nur noch in seinen Verkaufssprüchen und seinem Auftreten die Rede.

 

Sensibel scheinen „Medien“ oft dadurch geworden zu sein, indem sie selbst trainiert oder „gecoacht“ wurden und sich allerlei Unterweisungen unterzogen. So machen Jünger ihre Jünger selbst, vervielfältigen ihre Ansichten, indem sie ein Bedürfnis ihrer Mitmenschen befriedigen. Es gilt für alle, „Wege in die Spiritualität“ zu weisen. Kam es Leuten wie mir immer so vor, als sei dies etwas höchst Individuelles sein, so scheint es den „Seelentröstern“ des Internet darum zu gehen, ihre Aussagen möglichst so breit multiplizieren zu können, sie so sehr zu einem gut verkäuflichen Artikel des Seelenlebens zu machen, dass das Ergebnis manchmal etwas unpersönlich und austauschbar erscheint. Manchmal winken dabei Karrieren, die Erstaunen auslösen, CDs aufnehmen und absetzen, Bücher schreiben und verkaufen, daraus Hörbücher erstellen, etwas im Hörer auslösen, vor allem etwas Kollektives bei Massenveranstaltungen wie etwa Konzerten, den großen Beeinflusser, Wegweiser und Vorausgeher mit dem ganzen Instrumentarium der Suggestion zu geben, das gehört eigentlich zum Rüstzeug eines jeden „spirituellen“ Bewusstseinsarbeiters, früher und heute. Für Skepsis oder Kritik bleibt da wenig Raum, es gilt vielmehr das widerspruchsfreie „ergriffen“ sein auslösen und verstärken und mitmachen in einem kollektiven Taumel, dem gerne ein quasi meditativen Anstrich gegeben wird, in dem der Eindruck vermittelt wird, man sei mit dem verbunden, was den Menschen so recht eigentlich ausmacht. „Positives Denken“ ist einer der Inhalte, die in diesem Zusammenhang immer wieder gepredigt werden. Spiritualität online verfügbar machen, das würde den zeitgeistigen Schritt in eine massenhafte Verwertbarkeit aufzeigen und sie in größer Breite zu teilen. Selbsthilfe im Netz vermag Millionenumsätze generieren. Besser noch, das Angebot ist garniert mit entspannender Musik. Der Welt etwas von einer anderen Wirklichkeit erzählen, mag nicht nur einen Drang zur massenhaften Verbreitung, sondern auch zu einer maximalen Verkäuflichkeit erzeugen. Ziel: Das sollen alle wissen! (und dafür zahlen). Dass dadurch allerlei Oberflächlichkeiten Tür und Tor geöffnet sind, mag geradezu folgerichtig erscheinen....Wow!

Musizieren

Was meine Musik ausgemacht hat, was alle Musik ausmacht, was sie jetzt ausmacht? Erstens: Musik wird nicht nur abstrakt geplant und arrangiert, sondern ist ein Ergebnis von sozialen Situationen. D.h., ob ich damals in Bands gespielt habe mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammen, die ganz bestimmte Qualitäten hatten und andere nicht, das war entscheidend für das Ergebnis. Das gilt auch für gewisse andere Musiker. Auch wie viele Gelegenheiten zur Probe es gab, welche Proberäume zur Verfügung standen, wie lange und wie oft wir sie nutzen konnten, welche Vorkenntnisse und Fertigkeiten es gab, wovon man „beeinflusst“ war, ob es Konflikte zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe (der Band) gab, welche Leute überhaupt mitmachten und wie sie sich beispielsweise identifizierten mit einem Ziel, wie sie sich "dran hängten" an gewisse Absichten, wie sehr sie von finanziellen Einkünften abhängig waren, wie lange sie durchhalten konnten, um ein gewisses Ziel zu erreichen … usw. Das alles hatte großen Einfluss auf unsere Übereinkunft, die sich in Musik ausdrückte und deren Umsetzung eingeübt werden wollte. Eine Zeit später bestimmten die sozialen Umstände einer Plattenfirma auf vielerlei Weise, was sich in einem musikalischen Projekt abspielen konnte, wie gut es voran kam usw..   Zweitens: Heutzutage, in der Vereinzelung neoliberaler Umstände, wenn jedermann seines eigenen Glückes Schmied ist, drückt sich das in der zur Verfügung stehenden Software und den Sounds aus, die in ein Ergebnis einfließen können. In dem, was eine bestimmte Software zulässt. Anders die reproduzierenden Musiker: sie sammelten Jobs und verdienten (spärliches) Geld und tun das heute noch. Sie wurden angerufen, der Recording-Vorgang, Aufnahmesessions waren zunächst nicht sehr wichtig für sie. Es mag sein, dass sich auf diese Weise auch gewisse „Stars“ heraus schälten und in einen Vorgang des selbständigen Verdienens einflossen. Dann wurde promoted, teuer aufgenommen, fotografiert und in alle Richtungen betreut, wie in der Popmusik. Es ging nun darum, "besser" als andere (Insbesondere der "Mitwettbewerber") zu sein. Beliebt schienen Vertretungsjobs gewesen zu sein, also das kurzfristige Einspringen für Kollegen, die verhindert waren. Aufgrund von exzellenten handwerklichen Fähigkeiten war dies jederzeit möglich. Im Bereich der Popmusik gibt es das wohl weniger, im Jazz hingegen sehr wohl. Heutzutage haben sich die Szenen radikal aufgesplittert, niemand weiß noch vom anderen, der andere Musik mit anderen Absichten macht. Dabei wäre gerade eine solche übergreifende Sicht auf so etwas wie Musik sehr wichtig.

Nicht alles war besser

Ein monatlich erscheinendes großes Musikmagazin halte ich mir noch, obwohl ich im Vergleich zu früheren Tagen selten da rein blicke. Jetzt scheint da eine Folge davon geprägt zu sein, dass „junge“ Künstler ihre alt gewordenen Vorbilder treffen und ihnen Komplimente machen. Offenbar wollen sie erfahren, „wie das echte Profis“ so machen. Dabei erscheint mir doch einigermaßen fraglich, wie sehr die „früheren“ Verhältnisse angehimmelt werden, welchen Einfluss doch bestimmte Umweltbedingungen auf die Musik haben und vieles anderes. Das scheint mir doch sehr aus der Perspektive derer niedergebracht zu werden, die immer auf der Sonnenseite des Lebensstanden. Da schwärmt etwa der gute alte Elton John unter anderem von Joni, Crosby, Stills and Nash und der großartigen Atmosphäre in Laurel Canyon, wo diese Leute damals lebten. Nun gut, ich mag Miss Joni auch sehr. Vor allem ihre Musik. Ich glaube, auch hier sollte man Werk und Künstler auseinander halten. Es ist doch einigermaßen bekannt geworden, wie „zielgerichtet“ etwa Joni ihre Karriere verfolgt hat und wie sehr private Verhältnisse wie etwa das Verhältnis zu ihrer Tochter darunter gelitten haben. Ich meine, dass man Jonis Musik trotzdem großartig finden kann, und überhaupt, dass ein Künstler seine Grenzen erkunden, sein „Ziel“ verfolgen - und anderes muss usw. (die Argumente liegen alle bereit), dass aber kein Anlass zu naiver Bewunderung besteht. Immerhin scheint sich Miss Joni durch nahezu die gesamte Künstlerkolonie auf Kosten anderer menschlicher Verbindungen gevögelt zu haben. Dass dann geschwärmt wird, wie „offen“ die damalige Zeit gewesen sei, dass man unerschrocken neue Dinge ausprobiert und experimentiert habe, dann mag das teilweise sogar stimmen. Doch es wird dann stets ein anderer Teil ausgeblendet, der vielleicht nicht gar so sonnig und „frei“ daher kommt. Am Rande kommen dabei auch der Einfluss der Drogen zur Sprache: Nun ja, sie scheinen nicht nur das Bewusstsein geöffnet, sondern auch Etliches kaputt gemacht zu haben. Man sollte sich der Janusköpfigkeit solcher Phänomene bewusst sein. 

Projektionen und Verkörperung

Projektionen sind das, was Leute in etwas oder Jemandem sehen wollen, was sie „hinein legen“. Es gilt nun für gewisse Leute, diese Stanzen, Schablonen und vorgeformten Erwartungen durch Sprüche, Haltungen und Anmutung handwerklich perfekt auszufüllen. Sie tun das gerade im Popgeschäft (aber auch in der Politik) viel, was nicht unbedingt mit ihrer Musik zu tun hat. Sie geben eine bestimmte Figur, nach der die Masse aus bestimmten Gründen verlangt. Prinzip: Es werden beispielsweise Sehnsüchte projeziert: der „Star“ lebt das, was jemand gerne sein würde. Er lebt in einem Märchen. Er lebt stellvertretend für jemanden etwas aus.

Er ist unermesslich reich, wo ich mir Gedanken um das Überleben in den nächsten Tag hinein machen muss. Meine Gefühle werden durch ihn fokussiert wie in einem Spiegel einer Figur. In der Rockmusik ist das unter anderem der unerschrockene Künstler, der Individualist, der bedingungslos sich selbst lebt. „Vitalismus“ nannte das 100 Jahre zuvor der Philosoph Friedrich Nietzsche. All das ist dem „normalen“ und mehrfach vergesellschafteten Konzertgänger nicht vergönnt. Der „Star“ (Mittlerweile bedeutet das gar nichts mehr: es soll schon ein „Superstar“ oder „Megastar“ sein!) zieht sämtliche Emotionen auf den eigenen Projektionsschirm, er vereint, bündelt und verkörpert sie, oft auch im Hinblick auf ein bestimmtes Handeln aus einer bestimmten Haltung heraus, - was eine gefährliche Nähe zu totalitären Machthabern abgibt, die ebenso zu so etwas neigen. Konzerte gestalten sich insofern wie Gottesdienste, bei denen es gilt, solchen industriegefertigten Figuren zu huldigen. Es werden scheinbar eherne Weisheiten verkündet, die Orientierung verleihen sollen und ein "Angebot" darstellen. Es gilt, Zeremonien der Verehrung und Bewunderung zu vollziehen.

Live-Konzert und Studiokonserve

Immer habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich doch die manchmal erhebliche Distanz zwischen Live-Konzert und Studioproduktion bei der Popkritik hingenommen wurde. Eine Studioproduktion hatte für mich oft die Bedeutung, zu erkennen, wohin die künstlerische Reise gehen sollte, was ein (!) Ziel sein könnte. Deshalb war ich oft bestrebt, die zur Tournee/ dem Konzert passende Produktion zuvor zu hören. Ich war ja bestrebt, an dem für mich erkenntlichen Ziel zu messen, und nicht unbedingt primär an meinen subjektiven Maßstäben (die fließen ohnehin in jede Kritik ein...). Doch ich musste oft feststellen, dass es in einem Konzert mehr um die „leibhaftige Präsenz“ eines Stars ging, um eine Art religiöser Verehrung, entgegen um eine musikalische Darbietung/Leistung/“Aussage“.

Von Seiten des „Stars“ ging es oft drum, eine Reihe von Hits abzuklappern, sie eigens im Moment (scheinbar) für den Einzelnen (schwer vorstellbar in einem Konzert) aufzuführen. Es war dies offensichtlich ein Mittel, um Eitelkeiten zu befriedigen und dem Publikum das zu geben, was es wollte (Standarderklärung). Ob sich ein Künstler dadurch ein bisschen verraten hat? Ob das Wesen einer Kunst darin liegen könnte, dass sie sich immer weiter entwickelt, dass sie einigermaßen unberechenbar sich in ständig neuen Verkörperungen darstellt? Ob die Befriedigung dessen, „was das Publikum will“, nicht eine Art Serviceleistung ist? Eine Serviceleistung, die oft damit zu tun hatte, dass Musik Gefühlszustände hervorrufen kann, die zeitlich weit liegen? Dass also in vielen Fällen eine Art gepflegter Nostalgie samt den damit einhergehenden angenehmen Gefühlszuständen hervorgerufen werden sollte? 

Ob angesichts dessen das Beharren auf einem sich verändernden Künstlertum nicht eine Art Eitelkeit wäre? „Give the people, what they want“, - ob so die Kinks einmal getönt haben? Ob bei ihnen damals ein bisschen Humor oder Zynismus mitschwang? Ob damals der Zeitgeist ohnehin ein komplett anderer war? Wer kennt eigentlich heute noch die Kinks? Gehören die nicht einer längst vergangenen Epoche an? (Witz komm raus…!) Mit Freude habe ich den Beitrag eines Kollegen gelesen, der anlässlich des Konzerts einer ihm offensichtlich verhassten Popkünstlerin dann doch ein paar Kriterien nannte, die eigentlich für alle Konzerte gelten könnte. Er lamentiert da über die „sich wandelnde Selbstinszenierung massenbegeisterter Popstars“. Da entsteht in ihm der „überwältigende Eindruck einer bizarren Billigkeit“, die für ihn etwas mit den „blechernen Sounds aus dem Keyboard“ zu tun hat, mit der „Lieblosigkeit", mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden“. Ein „Gehampel der Tänzer“. Dazwischen der Star, der sich offenbar „wie ein Showroboter bewegt….“, da ist die „Verlogenheit der Musik“, die nach meiner eigenen Erfahrung komplettiert wird mit allerlei keck zur Schau getragenen aufgesetzten Gefühlen, mit einem seltsam fokussierten Gefühl der Simulation, die im Publikum überschäumende Gefühle hervorzurufen scheint.… etc….. die Szenerie ist mir wohlbekannt. Ob sie aber, um mich zu wiederholen, nicht für nahezu alle Popkonzerte gilt? Auch für diejenigen, die der geschätzte Kritiker für künstlerisch wertvoll und großartig hält? Ob das nicht geradezu ein Kennzeichen eines Popkonzerts ist, das ja oft auf „die breiten Massen“ zielt und nicht etwa auf ein „elitäres Publikum“? Solche Fragen habe ich mir oft gestellt, fühlte mich dabei aber stets ein bisschen alleine damit…...  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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Gitarrenhexer

Was ich gerade höre:

Zuerst ist man beim neuen Live-Album fast schon schockiert: er hat wieder mal eine neue Band zusammen gestellt. Kann er ja, soll er ja. Aber muss er mit dieser dann unbedingt ein Album aufnehmen? Wir hätten gerne eine andere Besetzung gehört. Aber solche Bedürfnisse hat Jeff Beck in seiner langen Karriere nie bedient. Er hat halt immer die Überraschungen geliebt, für sich, für andere, Stilbrüche, Melodien, die ihm unwiderstehlich durch den Kopf gegangen sind, Augenblicksassoziationen,  spontane Einfälle, die dienstbare Geister gleich aufgenommen hatten. Flugs mache ich mich auf die Suche nach einer alten Einführung zu ihm, die ich in den neunziger Jahren einmal geschrieben hatte. Ich schrieb, dass es eine großartige Spezialität von ihm sei, Gefühle durch die Gitarre sprechen zu lassen und dabei extreme Gegensätze gegenüber zu stellen: himmelhoch jauchzend in die Wolken entrückt mit den zärtlichsten Winseleien, um schon im nächsten Moment wieder abzustürzen in melancholisch bohrende Akkorde, aus denen sich auch plötzlich scharfe Klangsplitter lösen können. , die sich „aus dem scheinbaren Chaos zu einer einzigen empor strebenden Klangschleife ordnen“. Ich mochte auch immer seinen manchmal wüst bohrenden Stil, über dem er einen Kosmos von Gitarrenkunststücken vollführte, die er gleichwohl alle in den Dienst des Ausdrucks stellte. Ich schrieb auch: „Doch manchmal, - das sei nicht verschwiegen ,- verzettelte er sich auch in gitarristische Eitelkeiten, trieb seine Bands wegen Kleinigkeiten auseinander und profilierte sich als launenhafte Mimose". Höchstleistung und Versagen lagen für den 1944 im englischen Surrey geborenen Musiker immer dicht beieinander. Seine Biografie wird immer genannt, er ist ja ein altes Haus und sah immer schon irgendwie alt aus. Also schrieb ich auch, dass

es 1965 gewesen sei, als er Eric Clapton bei den Yardbirds ersetzte und mit ihnen Hits wie "For your love" einspielte. Er experimentierte damals mit Rückkoppelungseffekten, Vibratohebel und kalkulierten Verzerrungen, schied aber bereits 1966 wieder aus der Band aus, um nun seinerseits von seinem ehemaligen Kommilitonen und späteren Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page ersetzt zu werden. Mit Rod Stewart als Sänger und Ronnie Wood als zweitem Gitarristen stellte er 1967 seine eigene Jeff Beck Group zusammen, die unter anderem mit "Beck-Ola" einen Rock-Meilenstein setzte. Doch schon 1969 war wieder Schluss: Stewart und Wood suchten mit den Faces jenen Superstar-Status, zu dem der sensible Gitarrist ganz offensichtlich nicht taugte.

Es folgte eine Neuauflage der Jeff Beck Group, die kurze Zusammenarbeit mit dem Bassisten Tim Bogert und dem Schlagzeuger Carmine Appice, die Hinwendung vom Bluesrock zum Rockjazz, das Zusammenspiel mit dem Ex-Mahavishnu Orchestra-Keyboarder Jan Hammer und dem Wunderbassisten Stanley Clarke. Als Solist und Musiker blieb Beck ständig in Bewegung. Was aber seine Bands anging, blieb fast alles episodenhaft und fragmentarisch“. So auch jetzt wieder: einzig Rhonda Smith am Bass kennen wir aus anderen Besetzungen. Großartig, was sie begleitend an ihrem Instrument abliefert. Desweiteren dabei: Jimmy Hall, Vocals, Jonathan Joseph am Schlagzeug und Nicolas Meier an der Gitarre. Gitarre? Reicht denn des Meisters Spiel nicht? Hatte er zuletzt nicht den Sting-Keyboarder Jason Robello um sich und zudem mit tausend anderen Keyboard-Cracks schon zusammengespielt? Nein, diese Besetzung musste es sein. Jetzt. Tournee gemacht. Aufgenommen. Auf den Markt geworfen. Fertig.

Wer dann aber in das Album reinhört, bleibt unwiderstehlich kleben. „Morning Dew“ „Superstitious“, „Little Wing“, „Going Down“ und „Rollin' and Tumblin'“ sind typische Gitarrenvirtuosenstücke und alte Schinken, die freilich zu einer schlimmen Gniedelei werden können, vor denen wir regelrecht Angst haben. Was aber diese Besetzung daraus macht, ist unglaublich gut. Wir bleiben hängen, an jeder Phrase, die kunstvoll ausgekostet, die bis an den Rand ihrer Emotionen von ihm abgefühlt wird. Für Schnulzen wie das auf dem Album befindliche „Danny Boy“ hatte er ja ohnehin immer ein Händchen gehabt. Das alles kann einen sprachlos zurück lassen, auch nach 50 Jahren noch. Überwältigende Aufnahmetechnik. Ob das der Standard heute ist? Total aufgeblasen und gleichzeitig authentisch? Oder einfach nur so schludrig, wie es sonst niemand macht? Und dann „A Day in Life“ von den Beatles, das wir in keiner Fassung hatten und an das wir uns in vielen seiner Konzerte oder Fernsehauftritte erinnerten. Wie weich und fast zärtlich er das Thema vorstellt! Wie er es umkreist und es in den Arm nimmt, wie er es explodieren lässt, zerkrachen, zerpuffen, wie er es wieder aufnimmt und dessen Konturen leise streichelt! Wie er der Lakonie auch ihren Raum lässt! Da ist kein künstliches Pathos, sondern nur ein Herausmeißeln an der Gitarre. Ach, da sind auch noch zwei im Studio aufgenommene Bonus-Tracks, bei denen er wieder eine andere Band dabei hat mit Veronica Bellino am Schlagzeug und als Sängerin. Auch hier kann wieder die exzellente Aufnahmetechnik überraschen, die Seiten an ihm transportiert, die wir bisher nicht kannten. Leider sind die beiden Stücke zu schnell vorbei. Wir hätten uns ein Doppelalbum gewünscht: eine Seite live, eine im Studio. Doch klar, er hat noch nie Erwartungen bedient, er hat einem alles einfach nur vorgeworfen und sich ansonsten rar gemacht.   

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Richard und seine Gitarre

Wohl habe ich  „Electric“, das Album von Richard Thompson, unzählige mal gehört. Und immer wieder lege ich es auf. Es kommt mir vor, - und ich schäme mich nicht, dies zuzugeben - wie ein Wunder. Wieso komme ich aus dieser CD nicht heraus? Wieso eigentlich muss ich sie immer und immer wieder auflegen, ich hartgesottener Knochen? Wieso offenbart dies Album mir immer neue Details? Wieso kommen mir bei manchen Stellen geradezu die Tränen? Was zieht mich da so magisch an? Der Mann hat einst bei Fairport Convention Bahnbrechendes geleistet, hat Folk und Rock zusammengeführt, britische Renaissancemusik und Beat vermählt. Er hat damals in den späten Sechzigern Stimmungen per Gitarre gezaubert, er hat diese große Sängerin Sandy Denny begleitet und auch den Songpoeten Nick Drake. Jedes Album von Fairport war eine Abenteuer. Und dann immer dieser unglaublich flinkfingrige Gitarrist! Jigs and Reels in famoser Präzision, ein John McLaughlin der Folkmusik, so dachten wir damals. Schnelligkeit. Technische Fertigkeit. Ausdrucksstärke. Er war so unglaublich präsent im Understatement. Einer für Kenner. „What we did on our Holiday“, „Unhalfbrickling“, „Liege and Lief“ - was für Alben!! Aber die Rockmusik als Ganzes war ja damals noch ein Abenteuer.

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Live-Konzert und Studiokonserve

Immer habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich doch die manchmal erhebliche Distanz zwischen Live-Konzert und Studioproduktion bei der Popkritik hingenommen wurde. Eine Studioproduktion hatte für mich oft die Bedeutung, zu erkennen, wohin die künstlerische Reise gehen sollte, was ein (!) Ziel sein könnte. Deshalb war ich oft bestrebt, die zur Tournee/ dem Konzert passende Produktion zuvor zu hören. Ich war ja bestrebt, an dem für mich erkenntlichen Ziel zu messen, und nicht unbedingt primär an meinen subjektiven Maßstäben (die fließen ohnehin in jede Kritik ein...). Doch ich musste oft feststellen, dass es in einem Konzert mehr um die „leibhaftige Präsenz“ eines Stars ging, um eine Art religiöser Verehrung, entgegen um eine musikalische Darbietung/Leistung/“Aussage“.

Von Seiten des „Stars“ ging es oft drum, eine Reihe von Hits abzuklappern, sie eigens im Moment (scheinbar) für den Einzelnen (schwer vorstellbar in einem Konzert) aufzuführen. Es war dies offensichtlich ein Mittel, um Eitelkeiten zu befriedigen und dem Publikum das zu geben, was es wollte (Standarderklärung). Ob sich ein Künstler dadurch ein bisschen verraten hat? Ob das Wesen einer Kunst darin liegen könnte, dass sie sich immer weiter entwickelt, dass sie einigermaßen unberechenbar sich in ständig neuen Verkörperungen darstellt? Ob die Befriedigung dessen, „was das Publikum will“, nicht eine Art Serviceleistung ist? Eine Serviceleistung, die oft damit zu tun hatte, dass Musik Gefühlszustände hervorrufen kann, die zeitlich weit liegen? Dass also in vielen Fällen eine Art gepflegter Nostalgie samt den damit einhergehenden angenehmen Gefühlszuständen hervorgerufen werden sollte? 

Ob angesichts dessen das Beharren auf einem sich verändernden Künstlertum nicht eine Art Eitelkeit wäre? „Give the people, what they want“, - ob so die Kinks einmal getönt haben? Ob bei ihnen damals ein bisschen Humor oder Zynismus mitschwang? Ob damals der Zeitgeist ohnehin ein komplett anderer war? Wer kennt eigentlich heute noch die Kinks? Gehören die nicht einer längst vergangenen Epoche an? (Witz komm raus…!) Mit Freude habe ich den Beitrag eines Kollegen gelesen, der anlässlich des Konzerts einer ihm offensichtlich verhassten Popkünstlerin dann doch ein paar Kriterien nannte, die eigentlich für alle Konzerte gelten könnte. Er lamentiert da über die „sich wandelnde Selbstinszenierung massenbegeisterter Popstars“. Da entsteht in ihm der „überwältigende Eindruck einer bizarren Billigkeit“, die für ihn etwas mit den „blechernen Sounds aus dem Keyboard“ zu tun hat, mit der „Lieblosigkeit", mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden“. Ein „Gehampel der Tänzer“. Dazwischen der Star, der sich offenbar „wie ein Showroboter bewegt….“, da ist die „Verlogenheit der Musik“, die nach meiner eigenen Erfahrung komplettiert wird mit allerlei keck zur Schau getragenen aufgesetzten Gefühlen, mit einem seltsam fokussierten Gefühl der Simulation, die im Publikum überschäumende Gefühle hervorzurufen scheint.… etc….. die Szenerie ist mir wohlbekannt. Ob sie aber, um mich zu wiederholen, nicht für nahezu alle Popkonzerte gilt? Auch für diejenigen, die der geschätzte Kritiker für künstlerisch wertvoll und großartig hält? Ob das nicht geradezu ein Kennzeichen eines Popkonzerts ist, das ja oft auf „die breiten Massen“ zielt und nicht etwa auf ein „elitäres Publikum“? Solche Fragen habe ich mir oft gestellt, fühlte mich dabei aber stets ein bisschen alleine damit…...  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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Gitarrenhexer

Was ich gerade höre:

Zuerst ist man beim neuen Live-Album fast schon schockiert: er hat wieder mal eine neue Band zusammen gestellt. Kann er ja, soll er ja. Aber muss er mit dieser dann unbedingt ein Album aufnehmen? Wir hätten gerne eine andere Besetzung gehört. Aber solche Bedürfnisse hat Jeff Beck in seiner langen Karriere nie bedient. Er hat halt immer die Überraschungen geliebt, für sich, für andere, Stilbrüche, Melodien, die ihm unwiderstehlich durch den Kopf gegangen sind, Augenblicksassoziationen,  spontane Einfälle, die dienstbare Geister gleich aufgenommen hatten. Flugs mache ich mich auf die Suche nach einer alten Einführung zu ihm, die ich in den neunziger Jahren einmal geschrieben hatte. Ich schrieb, dass es eine großartige Spezialität von ihm sei, Gefühle durch die Gitarre sprechen zu lassen und dabei extreme Gegensätze gegenüber zu stellen: himmelhoch jauchzend in die Wolken entrückt mit den zärtlichsten Winseleien, um schon im nächsten Moment wieder abzustürzen in melancholisch bohrende Akkorde, aus denen sich auch plötzlich scharfe Klangsplitter lösen können. , die sich „aus dem scheinbaren Chaos zu einer einzigen empor strebenden Klangschleife ordnen“. Ich mochte auch immer seinen manchmal wüst bohrenden Stil, über dem er einen Kosmos von Gitarrenkunststücken vollführte, die er gleichwohl alle in den Dienst des Ausdrucks stellte. Ich schrieb auch: „Doch manchmal, - das sei nicht verschwiegen ,- verzettelte er sich auch in gitarristische Eitelkeiten, trieb seine Bands wegen Kleinigkeiten auseinander und profilierte sich als launenhafte Mimose". Höchstleistung und Versagen lagen für den 1944 im englischen Surrey geborenen Musiker immer dicht beieinander. Seine Biografie wird immer genannt, er ist ja ein altes Haus und sah immer schon irgendwie alt aus. Also schrieb ich auch, dass

es 1965 gewesen sei, als er Eric Clapton bei den Yardbirds ersetzte und mit ihnen Hits wie "For your love" einspielte. Er experimentierte damals mit Rückkoppelungseffekten, Vibratohebel und kalkulierten Verzerrungen, schied aber bereits 1966 wieder aus der Band aus, um nun seinerseits von seinem ehemaligen Kommilitonen und späteren Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page ersetzt zu werden. Mit Rod Stewart als Sänger und Ronnie Wood als zweitem Gitarristen stellte er 1967 seine eigene Jeff Beck Group zusammen, die unter anderem mit "Beck-Ola" einen Rock-Meilenstein setzte. Doch schon 1969 war wieder Schluss: Stewart und Wood suchten mit den Faces jenen Superstar-Status, zu dem der sensible Gitarrist ganz offensichtlich nicht taugte.

Es folgte eine Neuauflage der Jeff Beck Group, die kurze Zusammenarbeit mit dem Bassisten Tim Bogert und dem Schlagzeuger Carmine Appice, die Hinwendung vom Bluesrock zum Rockjazz, das Zusammenspiel mit dem Ex-Mahavishnu Orchestra-Keyboarder Jan Hammer und dem Wunderbassisten Stanley Clarke. Als Solist und Musiker blieb Beck ständig in Bewegung. Was aber seine Bands anging, blieb fast alles episodenhaft und fragmentarisch“. So auch jetzt wieder: einzig Rhonda Smith am Bass kennen wir aus anderen Besetzungen. Großartig, was sie begleitend an ihrem Instrument abliefert. Desweiteren dabei: Jimmy Hall, Vocals, Jonathan Joseph am Schlagzeug und Nicolas Meier an der Gitarre. Gitarre? Reicht denn des Meisters Spiel nicht? Hatte er zuletzt nicht den Sting-Keyboarder Jason Robello um sich und zudem mit tausend anderen Keyboard-Cracks schon zusammengespielt? Nein, diese Besetzung musste es sein. Jetzt. Tournee gemacht. Aufgenommen. Auf den Markt geworfen. Fertig.

Wer dann aber in das Album reinhört, bleibt unwiderstehlich kleben. „Morning Dew“ „Superstitious“, „Little Wing“, „Going Down“ und „Rollin' and Tumblin'“ sind typische Gitarrenvirtuosenstücke und alte Schinken, die freilich zu einer schlimmen Gniedelei werden können, vor denen wir regelrecht Angst haben. Was aber diese Besetzung daraus macht, ist unglaublich gut. Wir bleiben hängen, an jeder Phrase, die kunstvoll ausgekostet, die bis an den Rand ihrer Emotionen von ihm abgefühlt wird. Für Schnulzen wie das auf dem Album befindliche „Danny Boy“ hatte er ja ohnehin immer ein Händchen gehabt. Das alles kann einen sprachlos zurück lassen, auch nach 50 Jahren noch. Überwältigende Aufnahmetechnik. Ob das der Standard heute ist? Total aufgeblasen und gleichzeitig authentisch? Oder einfach nur so schludrig, wie es sonst niemand macht? Und dann „A Day in Life“ von den Beatles, das wir in keiner Fassung hatten und an das wir uns in vielen seiner Konzerte oder Fernsehauftritte erinnerten. Wie weich und fast zärtlich er das Thema vorstellt! Wie er es umkreist und es in den Arm nimmt, wie er es explodieren lässt, zerkrachen, zerpuffen, wie er es wieder aufnimmt und dessen Konturen leise streichelt! Wie er der Lakonie auch ihren Raum lässt! Da ist kein künstliches Pathos, sondern nur ein Herausmeißeln an der Gitarre. Ach, da sind auch noch zwei im Studio aufgenommene Bonus-Tracks, bei denen er wieder eine andere Band dabei hat mit Veronica Bellino am Schlagzeug und als Sängerin. Auch hier kann wieder die exzellente Aufnahmetechnik überraschen, die Seiten an ihm transportiert, die wir bisher nicht kannten. Leider sind die beiden Stücke zu schnell vorbei. Wir hätten uns ein Doppelalbum gewünscht: eine Seite live, eine im Studio. Doch klar, er hat noch nie Erwartungen bedient, er hat einem alles einfach nur vorgeworfen und sich ansonsten rar gemacht.   

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Richard und seine Gitarre

Wohl habe ich  „Electric“, das Album von Richard Thompson, unzählige mal gehört. Und immer wieder lege ich es auf. Es kommt mir vor, - und ich schäme mich nicht, dies zuzugeben - wie ein Wunder. Wieso komme ich aus dieser CD nicht heraus? Wieso eigentlich muss ich sie immer und immer wieder auflegen, ich hartgesottener Knochen? Wieso offenbart dies Album mir immer neue Details? Wieso kommen mir bei manchen Stellen geradezu die Tränen? Was zieht mich da so magisch an? Der Mann hat einst bei Fairport Convention Bahnbrechendes geleistet, hat Folk und Rock zusammengeführt, britische Renaissancemusik und Beat vermählt. Er hat damals in den späten Sechzigern Stimmungen per Gitarre gezaubert, er hat diese große Sängerin Sandy Denny begleitet und auch den Songpoeten Nick Drake. Jedes Album von Fairport war eine Abenteuer. Und dann immer dieser unglaublich flinkfingrige Gitarrist! Jigs and Reels in famoser Präzision, ein John McLaughlin der Folkmusik, so dachten wir damals. Schnelligkeit. Technische Fertigkeit. Ausdrucksstärke. Er war so unglaublich präsent im Understatement. Einer für Kenner. „What we did on our Holiday“, „Unhalfbrickling“, „Liege and Lief“ - was für Alben!! Aber die Rockmusik als Ganzes war ja damals noch ein Abenteuer.

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