Selbstermächtigung

Es wird offenbar „Selbstermächtigung“ genannt, wenn nur noch der geschäftliche Erfolg im Markt der popmusikalischen Eitelkeiten zählt. Leute als Hiphopper aus scheinbar schlechten sozialen Verhältnissen geraten so, so die These, zur gesellschaftlichen Anerkennung und erkämpfen sich Teilhabe am Allgemeinen zu eigenen Bedingungen.

Merkwürdig, dass dieses Business auch auf dem deutschen „Markt“ nahezu ausschließlich der Hiphop mit seinen Figuren zu beherrschen scheint. So scheint es etwa in letzter Zeit einträgliche Mode geworden zu sein, eine Eistee-Dose unter dem eigenen Namen zu verkaufen. Dazu werden zusätzliche Produktlinien gefunden und verkauft: Schminkgadgets wie Eyeshadow, Freshadow, Mascara, allerlei Hautcremes, Bürstchen, um zusammengeklebte Wimpern zu trennen, Concealer gegen Augenschatten, Bronzing Powder, Skin Care, Kapseln zur Verbesserung der Haut- oder Haarstruktur, Kollagenpräparate, Anti-Aging-Präparate, Spray zur Stärkung und Straffung der Haarstruktur, Mundspülungen, komplette Bleachingverfahren, ätherische Öle, Antioxidantien u.a. Die Musik scheint da nur noch Beiwerk….. dazu Meditation am Morgen, im Urlaub weiße Sandstrände zur Steigerung des Wohlbefindens, regelmäßige Massagen, 

Kinderorgelhaft

Ich lese in einer Besprechung des neu gewendeten (neue Texte, andere SängerInnen aus dem iberischen Raum) Albums „This Years Model“ (Original von 1978) von Elvis Costello, die „Spielzeugorgel, die einst witzig gewesen sein mag, nervt heute eher... „ Dabei ist es das, was mir immer gefallen hat: der Stilbruch, dieses Anti-Rockistische, das Skurrile daran, dass diese manchmal schmierig billige Orgel trotz allem toll und stilsicher gespielt war, dass sie eine Art von schmierigem Punk-Element herein brachte, das Billige, Jahrmarkthafte, dass sich einer in einer Zeit der langen Soli so zurücknehmen konnte und dem Song mit Ausschmückungen und Brücken/Überleitungen, Soundhintergründen aller Art, mit Andeutungen und Chiffren dienen konnte…, das scheinbar unbekümmerte Reinhauen mit guten Songs.

Übrigens: Der Orgelspieler vor vielen Jahren hieß Steve Nieve und wurde nicht nur von mir damals heftig bewundert. Costellos Band hieß damals The Attractions und führte das scheinbar Abseitige auf ein neues Niveau der Rockmusik. Er bezog nicht-rockistische Elemente in sein Spiel ein und wagte das scheinbar Unpassende passend zu machen. Ich wünschte mir, „heutige“ Popmusik würde solche Elemente mehr in ihr Instrumentarium integrieren. Sie wäre viel überraschender, frischer und musikalisch unabhängiger. Aber ich vermute, dass hier und heute mehr auf vorformulierte Codes zurück gegriffen wird, auf feststehende Grooves und Stilmittel, die einem ganz genau vordefinierten Stil zugeschrieben werden. Das Crossover-Bemühen, das postmoderne Anspielen, Andeuten und Spotten im eigentlichen Sinn scheint es nicht mehr zu geben, es scheint alles im Voraus festgelegt. In diesem Rahmen wird wohl Individualisten eine Art Bewegungsraum gewährt, der später freilich von mächtigen „Produzenten“ eingesetzt, in einen Zusammenhang gestellt, gekürzt und bearbeitet wird.  

Was mir vorschwebt

Ich wollte in meiner eigenen Musik nicht das scheinbar Passende kombinieren, das, was in den Gehörgängen vorgeprägt wurde und vielleicht „Erfolg“ verspricht, wollte nicht nur „Biz Kid“ sein, das im Kompromiss zwischen vielen Rezipienten den Weg der gelungenen Kopie sucht. Ich wollte bewusst die eigene Person als maßgeblichen Bezugspunkt deuten, so sonderbar das Ergebnis der Bemühungen auch ausfallen möge. Dabei strebe ich nicht das Abgehobene, Elitäre an, sondern bin bemüht, mich populär auszudrücken, im Flow der aktuellen Produktionen und Sounds zu sein, das kommerziell Populäre in meinem Sinne zu handhaben und zu verfremden, sowie das Historische mit zu nehmen. Meine Vergangenheit in verschiedenen Bands trägt zum Ergebnis auch bei. Besonders meine „jazzy“ Stücke bewegen sich meist in einem langsamen, schlurfigen, gemächlich bedächtigen Duktus, den man wohlmeinend auch als „sanft“ bezeichnen könnte. Einerseits will ich mich von der Hektik, von der gesellschaftlich vorherrschenden Sucht nach Geschwindigkeit absetzen, andererseits hat sich bei mir eine Verweigerung des fortwährenden Wettbewerbs, des Prinzips „Competition“ eingestellt: Da ist KEIN schneller, lauter, besser…. Ich wollte angesichts dessen schon immer sehr viel lieber in sachter Ereignislosigkeit schwelgen, wollte mit Leere oder Stille experimentieren, strebte „The easy way“ an, nicht den anstrengenden, alles andere verdrängenden Karriereweg, wollte es fließen lassen, was mir in meinen Projekten in letzter Zeit einigermaßen gut gelingt.

Piano im Strom

Heute habe ich beim Esbjörn-Svensson-Trio mal wieder damit begonnen, mir wichtige Alben aus meiner Sammlung heraus zu suchen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal hören. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche rein projeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die krachigen Passagen zeigten auf den Tod. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie.“

Impulse

Manchmal ist man froh darüber, eine bestimmte CD in der besten verfügbaren Tonqualität zu besitzen. Ich wünschte, ich hätte eine noch bessere Anlage, um den Unterschied zu den relativ armseligen Streaming-Angeboten noch ausgiebiger ausleben zu können. Jetzt umspült mich gerade die neue CD von Pat Metheny „Side Eye – NYC (V1-IV), die auf einer Reihe beruht, zu der Pat Methey junge Musiker eingeladen hat und die einen ersten Ausschnitt aus den Sessions präsentiert, die er mit ihnen absolviert hat. Dementsprechend ist das Album live aufgenommen. Die Scheibe tastet sich aber trotzdem sachte durch die Zeit, - aber natürlich sind da Virtuosen zugange, die eben dieses Könnertum aber niemals zeigen müssen, die keinen Zwängen zu unterliegen scheinen und es dementsprechend einfach laufen lassen können. Das jetzt vorliegende Album haben, wie ich dem Booklet entnehmen kann, Pat Metheny an den Gitarren sowie James Francies an der Orgel, dem Piano und den Synthesizern und Marcus Gilmore am Schlagzeug eingespielt. Flott geht es durch neue Titel, aber auch durch Metheny-Klassiker wie „Bright Size Life“, das man kaum wiedererkannt hätte. Ja ja, die Orgel von Francies kommt öfters durch, solistisch und per Soundhintergrund. Zusammen mit Metheny hat sein Bassist früherer Tage, Steve Rodby, das Album produziert: eine Art Raffinesse, da auf dem ganzen Album kein Bassist im konventionellen Sinne auftritt. Die Bässe kommen vielmehr von Metheny selbst („Guitar Bass“) oder von Francies. Es geht hinein in einen Strudel, flüssig und punktuell jazzig, aber nie aufdringlich, immer smooth, weich, anschmiegsam, butterweich. Schon der erste Titel „It starts when we disappear“, ein Titel, der in anderer Form auch schon mal da war, führt über 13 Minuten und 47 Sekunden in ein Labyrinth, in dem gläubige Jazzer den Einwand vor sich hin schnüffeln, wo denn hier die Widerstände seien, es sei doch alles zu „gefällig“. Metheny in seiner typischen Art flicht ein paar Töne ein, der Pianist geht rein, füllt aus, sessionartige Passagen wechseln mit sehr strukturiertem Material, mit Themen und Motiven, ab. Nicht zu vergessen auch der fünfte Titel, „Lodger“, bei dem Metheny eine verschärfte und leicht angezerrte Gitarre spielt, die viele schon als rockig bezeichnen würden. Und so führt das Album durch einen Traum, der schließlich im Beifall des Publikums verhallt und sich in uns verliert....

(Pat Metheny, Side Eye NYC (V1.IV)Modern Recordings

Pop reloaded

Mal wieder bin ich total enttäuscht von dem von Kritikern total hochgepushten Neuen in der Popmusik. Es wurden mir Alben empfohlen, an denen ich beim Hören so gar nichts entdecken konnte. Bestenfalls Elemente, die schon mal besser da waren, etwas melancholische Themen und Stopper, die ich früher - ja! - schon einmal besser gehört hatte. Dabei wurde mir das vorliegende Album als extrem erfolgreich vom Rezensienten geschildert. Was ist los? Irgendetwas kann da nicht stimmen! Gibt es das wirklich, mit gebremsten, melancholischen Klängen riesige Erfolge einfahren? Etwas, das ein „Sich-einlassen“ geradezu fordert? Etwas, das in diesem Fall auch noch instrumental daher kommt? Das wäre mir zumindest neu, entspricht nicht den Gepflogenheiten und Markterherbebungen. Angesagt scheint mir vielmehr die möglichst in gepflegten Optimismus polierte Oberfläche des Populären, das klischeehaft Positive, das partout „rüberkommen“ soll. Stimmt da meine Perspektive „von außen“ nicht, bin ich alt geworden? Nicht auf der Höhe der Zeit? Wieso langweilt mich so etwas? Ob nicht gerade das Nichtlangweilen ein Merkmal von Pop ist? Das Aufregende, knallig Frische, das Starke und Direkte, das Eindeutige, - weniger das in sich Gebrochene?

Die in sich selbst drehende Aktion, die nirgendwo und überall ankommt, die nichts außer sich selbst transportiert, ist doch Träger eines derzeit grassierenden Kulturhabitus. Der schnelle Wegwerfgestus, der Popsong „to go“. Zum einen Ohr gut rein, zum anderen schnell wieder raus…. Nachdem ausgelutscht ist. Neues oder - wie manchmal gefordert - „Innovatives“ ist dabei kaum hörbar, na klar, - wie auch? Wer soll da dahinter stehen? Die Stäbe von Musikanten auf dem Weg zum Erfolg, die im Auftrag von anonymen „Stars“ ihre „Ideen“ absondern und in einen anonymen Topf hinzu geben? Klar, auch sie wollen Karriere machen. Wollen schlau und clever sein auf dem Weg nach oben. Wollen sich profilieren. Wollen ihre Verwendbarkeit und Anpassungsbereitschaft, ihr Können und Kennen zeigen. Ihr "Know-how". Wollen sich qualifizieren für höhere Aufgaben, wollen sich empfehlen für den „nächsten Schritt“. Ob das aber gerade mein Vergnügen sein soll? Wieso eigentlich? Der Erfolg? Das ist "to go"! Weg damit! Ex und hopp. Ich suche mir was anderes... 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Live-Konzert und Studiokonserve

Immer habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich doch die manchmal erhebliche Distanz zwischen Live-Konzert und Studioproduktion bei der Popkritik hingenommen wurde. Eine Studioproduktion hatte für mich oft die Bedeutung, zu erkennen, wohin die künstlerische Reise gehen sollte, was ein (!) Ziel sein könnte. Deshalb war ich oft bestrebt, die zur Tournee/ dem Konzert passende Produktion zuvor zu hören. Ich war ja bestrebt, an dem für mich erkenntlichen Ziel zu messen, und nicht unbedingt primär an meinen subjektiven Maßstäben (die fließen ohnehin in jede Kritik ein...). Doch ich musste oft feststellen, dass es in einem Konzert mehr um die „leibhaftige Präsenz“ eines Stars ging, um eine Art religiöser Verehrung, entgegen um eine musikalische Darbietung/Leistung/“Aussage“.

Von Seiten des „Stars“ ging es oft drum, eine Reihe von Hits abzuklappern, sie eigens im Moment (scheinbar) für den Einzelnen (schwer vorstellbar in einem Konzert) aufzuführen. Es war dies offensichtlich ein Mittel, um Eitelkeiten zu befriedigen und dem Publikum das zu geben, was es wollte (Standarderklärung). Ob sich ein Künstler dadurch ein bisschen verraten hat? Ob das Wesen einer Kunst darin liegen könnte, dass sie sich immer weiter entwickelt, dass sie einigermaßen unberechenbar sich in ständig neuen Verkörperungen darstellt? Ob die Befriedigung dessen, „was das Publikum will“, nicht eine Art Serviceleistung ist? Eine Serviceleistung, die oft damit zu tun hatte, dass Musik Gefühlszustände hervorrufen kann, die zeitlich weit liegen? Dass also in vielen Fällen eine Art gepflegter Nostalgie samt den damit einhergehenden angenehmen Gefühlszuständen hervorgerufen werden sollte? 

Ob angesichts dessen das Beharren auf einem sich verändernden Künstlertum nicht eine Art Eitelkeit wäre? „Give the people, what they want“, - ob so die Kinks einmal getönt haben? Ob bei ihnen damals ein bisschen Humor oder Zynismus mitschwang? Ob damals der Zeitgeist ohnehin ein komplett anderer war? Wer kennt eigentlich heute noch die Kinks? Gehören die nicht einer längst vergangenen Epoche an? (Witz komm raus…!) Mit Freude habe ich den Beitrag eines Kollegen gelesen, der anlässlich des Konzerts einer ihm offensichtlich verhassten Popkünstlerin dann doch ein paar Kriterien nannte, die eigentlich für alle Konzerte gelten könnte. Er lamentiert da über die „sich wandelnde Selbstinszenierung massenbegeisterter Popstars“. Da entsteht in ihm der „überwältigende Eindruck einer bizarren Billigkeit“, die für ihn etwas mit den „blechernen Sounds aus dem Keyboard“ zu tun hat, mit der „Lieblosigkeit", mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden“. Ein „Gehampel der Tänzer“. Dazwischen der Star, der sich offenbar „wie ein Showroboter bewegt….“, da ist die „Verlogenheit der Musik“, die nach meiner eigenen Erfahrung komplettiert wird mit allerlei keck zur Schau getragenen aufgesetzten Gefühlen, mit einem seltsam fokussierten Gefühl der Simulation, die im Publikum überschäumende Gefühle hervorzurufen scheint.… etc….. die Szenerie ist mir wohlbekannt. Ob sie aber, um mich zu wiederholen, nicht für nahezu alle Popkonzerte gilt? Auch für diejenigen, die der geschätzte Kritiker für künstlerisch wertvoll und großartig hält? Ob das nicht geradezu ein Kennzeichen eines Popkonzerts ist, das ja oft auf „die breiten Massen“ zielt und nicht etwa auf ein „elitäres Publikum“? Solche Fragen habe ich mir oft gestellt, fühlte mich dabei aber stets ein bisschen alleine damit…...  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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Pop reloaded

Mal wieder bin ich total enttäuscht von dem von Kritikern total hochgepushten Neuen in der Popmusik. Es wurden mir Alben empfohlen, an denen ich beim Hören so gar nichts entdecken konnte. Bestenfalls Elemente, die schon mal besser da waren, etwas melancholische Themen und Stopper, die ich früher - ja! - schon einmal besser gehört hatte. Dabei wurde mir das vorliegende Album als extrem erfolgreich vom Rezensienten geschildert. Was ist los? Irgendetwas kann da nicht stimmen! Gibt es das wirklich, mit gebremsten, melancholischen Klängen riesige Erfolge einfahren? Etwas, das ein „Sich-einlassen“ geradezu fordert? Etwas, das in diesem Fall auch noch instrumental daher kommt? Das wäre mir zumindest neu, entspricht nicht den Gepflogenheiten und Markterherbebungen. Angesagt scheint mir vielmehr die möglichst in gepflegten Optimismus polierte Oberfläche des Populären, das klischeehaft Positive, das partout „rüberkommen“ soll. Stimmt da meine Perspektive „von außen“ nicht, bin ich alt geworden? Nicht auf der Höhe der Zeit? Wieso langweilt mich so etwas? Ob nicht gerade das Nichtlangweilen ein Merkmal von Pop ist? Das Aufregende, knallig Frische, das Starke und Direkte, das Eindeutige, - weniger das in sich Gebrochene?

Die in sich selbst drehende Aktion, die nirgendwo und überall ankommt, die nichts außer sich selbst transportiert, ist doch Träger eines derzeit grassierenden Kulturhabitus. Der schnelle Wegwerfgestus, der Popsong „to go“. Zum einen Ohr gut rein, zum anderen schnell wieder raus…. Nachdem ausgelutscht ist. Neues oder - wie manchmal gefordert - „Innovatives“ ist dabei kaum hörbar, na klar, - wie auch? Wer soll da dahinter stehen? Die Stäbe von Musikanten auf dem Weg zum Erfolg, die im Auftrag von anonymen „Stars“ ihre „Ideen“ absondern und in einen anonymen Topf hinzu geben? Klar, auch sie wollen Karriere machen. Wollen schlau und clever sein auf dem Weg nach oben. Wollen sich profilieren. Wollen ihre Verwendbarkeit und Anpassungsbereitschaft, ihr Können und Kennen zeigen. Ihr "Know-how". Wollen sich qualifizieren für höhere Aufgaben, wollen sich empfehlen für den „nächsten Schritt“. Ob das aber gerade mein Vergnügen sein soll? Wieso eigentlich? Der Erfolg? Das ist "to go"! Weg damit! Ex und hopp. Ich suche mir was anderes... 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Live-Konzert und Studiokonserve

Immer habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich doch die manchmal erhebliche Distanz zwischen Live-Konzert und Studioproduktion bei der Popkritik hingenommen wurde. Eine Studioproduktion hatte für mich oft die Bedeutung, zu erkennen, wohin die künstlerische Reise gehen sollte, was ein (!) Ziel sein könnte. Deshalb war ich oft bestrebt, die zur Tournee/ dem Konzert passende Produktion zuvor zu hören. Ich war ja bestrebt, an dem für mich erkenntlichen Ziel zu messen, und nicht unbedingt primär an meinen subjektiven Maßstäben (die fließen ohnehin in jede Kritik ein...). Doch ich musste oft feststellen, dass es in einem Konzert mehr um die „leibhaftige Präsenz“ eines Stars ging, um eine Art religiöser Verehrung, entgegen um eine musikalische Darbietung/Leistung/“Aussage“.

Von Seiten des „Stars“ ging es oft drum, eine Reihe von Hits abzuklappern, sie eigens im Moment (scheinbar) für den Einzelnen (schwer vorstellbar in einem Konzert) aufzuführen. Es war dies offensichtlich ein Mittel, um Eitelkeiten zu befriedigen und dem Publikum das zu geben, was es wollte (Standarderklärung). Ob sich ein Künstler dadurch ein bisschen verraten hat? Ob das Wesen einer Kunst darin liegen könnte, dass sie sich immer weiter entwickelt, dass sie einigermaßen unberechenbar sich in ständig neuen Verkörperungen darstellt? Ob die Befriedigung dessen, „was das Publikum will“, nicht eine Art Serviceleistung ist? Eine Serviceleistung, die oft damit zu tun hatte, dass Musik Gefühlszustände hervorrufen kann, die zeitlich weit liegen? Dass also in vielen Fällen eine Art gepflegter Nostalgie samt den damit einhergehenden angenehmen Gefühlszuständen hervorgerufen werden sollte? 

Ob angesichts dessen das Beharren auf einem sich verändernden Künstlertum nicht eine Art Eitelkeit wäre? „Give the people, what they want“, - ob so die Kinks einmal getönt haben? Ob bei ihnen damals ein bisschen Humor oder Zynismus mitschwang? Ob damals der Zeitgeist ohnehin ein komplett anderer war? Wer kennt eigentlich heute noch die Kinks? Gehören die nicht einer längst vergangenen Epoche an? (Witz komm raus…!) Mit Freude habe ich den Beitrag eines Kollegen gelesen, der anlässlich des Konzerts einer ihm offensichtlich verhassten Popkünstlerin dann doch ein paar Kriterien nannte, die eigentlich für alle Konzerte gelten könnte. Er lamentiert da über die „sich wandelnde Selbstinszenierung massenbegeisterter Popstars“. Da entsteht in ihm der „überwältigende Eindruck einer bizarren Billigkeit“, die für ihn etwas mit den „blechernen Sounds aus dem Keyboard“ zu tun hat, mit der „Lieblosigkeit", mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden“. Ein „Gehampel der Tänzer“. Dazwischen der Star, der sich offenbar „wie ein Showroboter bewegt….“, da ist die „Verlogenheit der Musik“, die nach meiner eigenen Erfahrung komplettiert wird mit allerlei keck zur Schau getragenen aufgesetzten Gefühlen, mit einem seltsam fokussierten Gefühl der Simulation, die im Publikum überschäumende Gefühle hervorzurufen scheint.… etc….. die Szenerie ist mir wohlbekannt. Ob sie aber, um mich zu wiederholen, nicht für nahezu alle Popkonzerte gilt? Auch für diejenigen, die der geschätzte Kritiker für künstlerisch wertvoll und großartig hält? Ob das nicht geradezu ein Kennzeichen eines Popkonzerts ist, das ja oft auf „die breiten Massen“ zielt und nicht etwa auf ein „elitäres Publikum“? Solche Fragen habe ich mir oft gestellt, fühlte mich dabei aber stets ein bisschen alleine damit…...  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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