Erfahrene Beobachtungen

Hatte ich besonders im lokalen Umfeld als Journalist die Erfahrung gemacht, dass die netten Musiker oft langweilige Musik machen und die üblen rücksichtslos arroganten Gesellen das Aufregende, Neue? Nun ja, zu einer gewissen Zeit ging man hin, machte ein Interview, versuchte zu verstehen, ging auf jemanden ein, übersetzte in andere Gedankenwelten. Es stellte sich etwas Persönliches her. Doch wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen, Vertrauen herzustellen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst und unbewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht wissen woher sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Dass sie zwischen Kulturen stehen. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Manchmal schien es mir so. Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten könnte, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Wo bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?

Samtene Erde

Sie hat sich auf vielerlei Kanälen bewiesen, wurde weit über die Region hinaus bekannt und prominent. Sie trat unter anderem mit Helmuth Hattler und mit der SWR Bigband auf, sie coachte bei RTL die „Superstars“ und wirbelte überall herum. Langsam aber sicher scheint sie sich in das Fusion-Umfeld und die Jazzgemeinde begeben zu haben, so kommt es einem vor. Doch Fola Dada kann ihr Fach, kein Zweifel. Sie experimentiert und probiert aus. Sie holt sich offenbar überall das ab, was sie für sich brauchen kann. Es lohnt sich einfach, ihr zuzuhören. Tolle Stimme, gewiss. Aber das haben andere auch. Sie aber scheint einem etwas melodisch einflüstern zu wollen, sie phrasiert mühelos, braucht offenbar nichts vorzuzeigen, alles scheint bei ihr relativ lässig integriert. Aus der eigenen Entfernung haben wir sie nach und nach verfolgt, haben ihre Entwicklung mit Sympathie begleitet. Aber wieso macht das nicht eine größere Gruppe von Leuten? Wieso ist sie als Sängerin nicht plötzlich hip? Hier in der Region Stuttgart kommt ihr jedenfalls so etwas wie Hochachtung entgegen. Meist von gestandenen Musikern, Leuten, die etwas von davon verstehen, die sich auf Gesang einlassen können.

 

Jetzt veröffentlicht sie ihr neues Album „Earth“. Warme, Samtene Klänge umschmeicheln ihre Stimme. Die Begleitband habe sich im Club Bix gefunden, so heißt es. Dies ist ein Jazzclub inmitten der Stadt, der sich zum Inkubationszentrum für Musiker aller Herkunft entwickelt hat. Diese Musiker bereiten ihr jedenfalls eine sehr passende und anschmiegsame musikalische Umgebung, die einen bleibenden Eindruck vermitteln kann. Das alles schleicht sich ins Bewusstsein, um sich dort festzuhaken und vielleicht in Träumen aller Art wieder aufzutauchen. Die weichen Klänge, das im besten Sinne gefühlige Spiel, der „innere“ Groove.... Da mag es sich auch lohnen, den Tonträger in bestmöglicher Qualität zu erwerben. Eine weiche Kontrolle über die musikalischen Vorgänge liegt über dem Album, eine Lässigkeit, die nichts mehr beweisen muss. Da träufelt sich „any questions one answer – love“ als zweiter Titel ins Bewusstsein, getragen von fließenden Klängen eines E-Pianos Auf diese Art würde man ihr die Botschaft des Songs abnehmen. Auf diese Art geht es weiter auf diesem Album: Sanft und samten übernimmt der Hörer, nimmt auf und entdeckt den Widerhall in sich. 

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Zeit und Geheimnis

Was früher die Welt der Rock- und Jazzmusik umgetrieben hat (nein, früher war nicht alles besser!)? Unter anderem ein Begriff von „Entschleunigung“. Ein „Sich entgrenzen“. Dies mag oft zu Drogenmissbrauch geführt haben und war somit diskreditiert. Doch es gab auch andere Wege. Musik stand für so etwas wie „Weiße Magie“. Es bedeutete eine Suche. Nach Freiheit, diesem so oft missbrauchten Begriff. Eine Sehnsucht. Was das bedeutete? Über oft kommerziell geprägte Erwartungen hin weg gehen, Klischees vermeiden, einen anderen Weg suchen. Was heute unter dem Begriff „Achtsamkeit“ in esoterisch gesinnten Kreisen abgefeiert wird, war „damals“ wie selbstverständlich Bestandteil dessen, was Musik sein konnte. Es ging keineswegs, die Kunststückchen zu bieten, die ein naives Publikum verblüffen konnten. Es gab auch genügend Künstler, die sich solchem Musizieren verschrieben hatten. McLaughlin strebte nach Erleuchtung, Weather Report hatte neben Zawinul einen offenen Geist wie Wayne Shorter, Ravi Shankar war noch aktiv, Santana wähnte sich mit „Love Devotion Surrender“ auf einem Weg...usw. „Im Geheimnis sein“ war ein Ziel, das viele Musiker auf unterschiedlichen Wegen anstrebten. Ein Sonderling zu sein, war ein tapferes Ziel. Wie sehr sich die Zeit und den sie durchwehenden Geist seitdem gedreht hat! Was heute erkennbar ist, scheint dem allem Hohn zu sprechen. Ein klein bisschen anzapfen könnten wir jene Ideale, ein wenig davon zu übernehmen, uns inspirieren lassen, - ob das möglich wäre?  

Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

Stimme und Ausdruck

Jetzt ist Aretha gestorben. Ray Charles und James Brown sind schon lange tot. Was faszinierte uns an ihnen? Weil sie Soul als Seele hatten. Tiefe Empfindung. Starke Stimmen, die uns beeinflusst haben. Weil sie Extremes zum Ausdruck brachten. Weil sie auf ihre Weise zu uns vordrangen. Klar, am Ende konnten sie auch gut singen. Aber im Wesentlichen war es ihre Stimme, ihr ureigener Ton, der uns überwältigte. Das, was sie emotional übermitteln konnten. Die per Gospelchor geübte Aretha hatte noch einen gewissen feministischen Unterton, der uns alle gefiel. „Respect“. Auch wenn es bei der Formel, bei der Stimme blieb... und hierzulande kaum jemand über das Inhaltliche nachdachte. Es war ein schöner Verlauf, ein berührender Song, der gewisse Situationen und Gefühle einfing. Eine tolle Stimme. Das Sinnliche. Ob es in diesem Falle ablenkte? „Respect“ stand für ein gewisses Aufbegehren dem latenten und offenen Rassismus gegenüber. Es wollte, so mochte es manchem vorkommen, auch eine Botschaft transportieren. Ob das geklappt hat?

 

Zweifel mögen erlaubt sein. Vielleicht ist es ein Weg solcher Gestalten gegenüber die Gegenrichtung einzuschlagen. Einen betont lässigen, dem Alltag entrissenen Gesang zu versuchen, mit anonymisierten Stimmen, im Vordergrund und im Hintergrund. So, wie die Realität es malt und klingen lässt. Vielleicht auch mal dünn, schwach und begrenzt. Und nur in Fetzen verständlich. Ob wir skeptisch dem gegenseitigen Verständnis gegenüber geworden sind? Keine Bemühung, Power zu erzeugen. Eindrucksvoll durch sich selbst sein. Und das als Modell vortragen, nachdem uns die Kopien der Kopien ausdrucksstarker Stimmen so gelangweilt haben. Neuer Minimalismus. Vielleicht. Wie schon erwähnt, - eine Möglichkeit.  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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Gitarrenhexer

Was ich gerade höre:

Zuerst ist man beim neuen Live-Album fast schon schockiert: er hat wieder mal eine neue Band zusammen gestellt. Kann er ja, soll er ja. Aber muss er mit dieser dann unbedingt ein Album aufnehmen? Wir hätten gerne eine andere Besetzung gehört. Aber solche Bedürfnisse hat Jeff Beck in seiner langen Karriere nie bedient. Er hat halt immer die Überraschungen geliebt, für sich, für andere, Stilbrüche, Melodien, die ihm unwiderstehlich durch den Kopf gegangen sind, Augenblicksassoziationen,  spontane Einfälle, die dienstbare Geister gleich aufgenommen hatten. Flugs mache ich mich auf die Suche nach einer alten Einführung zu ihm, die ich in den neunziger Jahren einmal geschrieben hatte. Ich schrieb, dass es eine großartige Spezialität von ihm sei, Gefühle durch die Gitarre sprechen zu lassen und dabei extreme Gegensätze gegenüber zu stellen: himmelhoch jauchzend in die Wolken entrückt mit den zärtlichsten Winseleien, um schon im nächsten Moment wieder abzustürzen in melancholisch bohrende Akkorde, aus denen sich auch plötzlich scharfe Klangsplitter lösen können. , die sich „aus dem scheinbaren Chaos zu einer einzigen empor strebenden Klangschleife ordnen“. Ich mochte auch immer seinen manchmal wüst bohrenden Stil, über dem er einen Kosmos von Gitarrenkunststücken vollführte, die er gleichwohl alle in den Dienst des Ausdrucks stellte. Ich schrieb auch: „Doch manchmal, - das sei nicht verschwiegen ,- verzettelte er sich auch in gitarristische Eitelkeiten, trieb seine Bands wegen Kleinigkeiten auseinander und profilierte sich als launenhafte Mimose". Höchstleistung und Versagen lagen für den 1944 im englischen Surrey geborenen Musiker immer dicht beieinander. Seine Biografie wird immer genannt, er ist ja ein altes Haus und sah immer schon irgendwie alt aus. Also schrieb ich auch, dass

es 1965 gewesen sei, als er Eric Clapton bei den Yardbirds ersetzte und mit ihnen Hits wie "For your love" einspielte. Er experimentierte damals mit Rückkoppelungseffekten, Vibratohebel und kalkulierten Verzerrungen, schied aber bereits 1966 wieder aus der Band aus, um nun seinerseits von seinem ehemaligen Kommilitonen und späteren Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page ersetzt zu werden. Mit Rod Stewart als Sänger und Ronnie Wood als zweitem Gitarristen stellte er 1967 seine eigene Jeff Beck Group zusammen, die unter anderem mit "Beck-Ola" einen Rock-Meilenstein setzte. Doch schon 1969 war wieder Schluss: Stewart und Wood suchten mit den Faces jenen Superstar-Status, zu dem der sensible Gitarrist ganz offensichtlich nicht taugte.

Es folgte eine Neuauflage der Jeff Beck Group, die kurze Zusammenarbeit mit dem Bassisten Tim Bogert und dem Schlagzeuger Carmine Appice, die Hinwendung vom Bluesrock zum Rockjazz, das Zusammenspiel mit dem Ex-Mahavishnu Orchestra-Keyboarder Jan Hammer und dem Wunderbassisten Stanley Clarke. Als Solist und Musiker blieb Beck ständig in Bewegung. Was aber seine Bands anging, blieb fast alles episodenhaft und fragmentarisch“. So auch jetzt wieder: einzig Rhonda Smith am Bass kennen wir aus anderen Besetzungen. Großartig, was sie begleitend an ihrem Instrument abliefert. Desweiteren dabei: Jimmy Hall, Vocals, Jonathan Joseph am Schlagzeug und Nicolas Meier an der Gitarre. Gitarre? Reicht denn des Meisters Spiel nicht? Hatte er zuletzt nicht den Sting-Keyboarder Jason Robello um sich und zudem mit tausend anderen Keyboard-Cracks schon zusammengespielt? Nein, diese Besetzung musste es sein. Jetzt. Tournee gemacht. Aufgenommen. Auf den Markt geworfen. Fertig.

Wer dann aber in das Album reinhört, bleibt unwiderstehlich kleben. „Morning Dew“ „Superstitious“, „Little Wing“, „Going Down“ und „Rollin' and Tumblin'“ sind typische Gitarrenvirtuosenstücke und alte Schinken, die freilich zu einer schlimmen Gniedelei werden können, vor denen wir regelrecht Angst haben. Was aber diese Besetzung daraus macht, ist unglaublich gut. Wir bleiben hängen, an jeder Phrase, die kunstvoll ausgekostet, die bis an den Rand ihrer Emotionen von ihm abgefühlt wird. Für Schnulzen wie das auf dem Album befindliche „Danny Boy“ hatte er ja ohnehin immer ein Händchen gehabt. Das alles kann einen sprachlos zurück lassen, auch nach 50 Jahren noch. Überwältigende Aufnahmetechnik. Ob das der Standard heute ist? Total aufgeblasen und gleichzeitig authentisch? Oder einfach nur so schludrig, wie es sonst niemand macht? Und dann „A Day in Life“ von den Beatles, das wir in keiner Fassung hatten und an das wir uns in vielen seiner Konzerte oder Fernsehauftritte erinnerten. Wie weich und fast zärtlich er das Thema vorstellt! Wie er es umkreist und es in den Arm nimmt, wie er es explodieren lässt, zerkrachen, zerpuffen, wie er es wieder aufnimmt und dessen Konturen leise streichelt! Wie er der Lakonie auch ihren Raum lässt! Da ist kein künstliches Pathos, sondern nur ein Herausmeißeln an der Gitarre. Ach, da sind auch noch zwei im Studio aufgenommene Bonus-Tracks, bei denen er wieder eine andere Band dabei hat mit Veronica Bellino am Schlagzeug und als Sängerin. Auch hier kann wieder die exzellente Aufnahmetechnik überraschen, die Seiten an ihm transportiert, die wir bisher nicht kannten. Leider sind die beiden Stücke zu schnell vorbei. Wir hätten uns ein Doppelalbum gewünscht: eine Seite live, eine im Studio. Doch klar, er hat noch nie Erwartungen bedient, er hat einem alles einfach nur vorgeworfen und sich ansonsten rar gemacht.   

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Richard und seine Gitarre

Wohl habe ich  „Electric“, das Album von Richard Thompson, unzählige mal gehört. Und immer wieder lege ich es auf. Es kommt mir vor, - und ich schäme mich nicht, dies zuzugeben - wie ein Wunder. Wieso komme ich aus dieser CD nicht heraus? Wieso eigentlich muss ich sie immer und immer wieder auflegen, ich hartgesottener Knochen? Wieso offenbart dies Album mir immer neue Details? Wieso kommen mir bei manchen Stellen geradezu die Tränen? Was zieht mich da so magisch an? Der Mann hat einst bei Fairport Convention Bahnbrechendes geleistet, hat Folk und Rock zusammengeführt, britische Renaissancemusik und Beat vermählt. Er hat damals in den späten Sechzigern Stimmungen per Gitarre gezaubert, er hat diese große Sängerin Sandy Denny begleitet und auch den Songpoeten Nick Drake. Jedes Album von Fairport war eine Abenteuer. Und dann immer dieser unglaublich flinkfingrige Gitarrist! Jigs and Reels in famoser Präzision, ein John McLaughlin der Folkmusik, so dachten wir damals. Schnelligkeit. Technische Fertigkeit. Ausdrucksstärke. Er war so unglaublich präsent im Understatement. Einer für Kenner. „What we did on our Holiday“, „Unhalfbrickling“, „Liege and Lief“ - was für Alben!! Aber die Rockmusik als Ganzes war ja damals noch ein Abenteuer.

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Kriechen auf elektronischen Straßen

Was ich gerade höre:

Das ist beiläufig und nie aufdringlich, mal neben dem Abwasch her und mal konzentriert im stillen Kämmerlein genossen. Ich beobachte mich, wie ich immer wieder zur CD „Space is only Noise“ von Nicolas Jaar greife. Die Scheibe kommt aus dem späten Jahr 2011 zu uns und trägt über weite Strecken einen Text, der nicht im herkömmlichen Sinne gesungen, sondern gemurmelt, geflüstert und beschworen an unser Ohr dringt. Da scheint es manchmal, als würden sich diese Worte eng an die Musik schmiegen, die nahezu impressionistische Trümmer neben rhythmische Strukturen stellt, die gelegentlich einen einfachen und direkten Groove tragen. Es ist Electro, aber kein Pop. Konventionelle Melodien kommen kaum vor, es prägen sich aber Momente und Stimmungsmalerereien ein, die digitale Einsprengsel durchdringen. Es gibt exotische Instrumente und so etwas wie Twang-Guitars, sie sind hart besaitet und herb verfremdet, sie wehen herein und hinaus, es scheint eine bittersüße Atmosphäre zu herrschen. Themen und Motive vermischen sich, winden sich scheinbar unterirdisch weiter, es herrscht eine Zeitlang ein bastardisierter Electro-Reggae und es gleitet in eine Art innerliches Tanzen. Mächtige Basslinien fügen sich ein, der Titel „Spectres of the Future“ stolpert über digitale Klippen und trickst ein wenig nach Art von Jazzern mit dem Rhythmus. Clapping ist Clapping und kein simuliertes Händeklatschen. Der erste Titel reitet auf einem Zitat von Jean-Luc Goddard und das Titelstück wispert leise: „ Space is only Noise if you can see, replace the word Space with a Drink and forget it“. Eine Formel, nahe am Unsinn und doch aufgeladen mit einer scheinbaren Bedeutung der Gegenwart. Alles ist elektronisch versetzt, manipuliert und organisiert, über Rhythmen verschwimmen akustische Ereignisse, ein Piano skizziert ein paar jazzige Phrasen. Schon das Cover gefällt uns und weißt einen Weg: Ein Kinderwagen mit Kindähnlichem, eine dreckige Straße in Schwarzweiß.

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David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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Versonnen in Trance

Was ich gerade höre:

Lambchop „Is a Woman“. Dieses Album war immer bei mir, seit es 2002 erschienen ist. Ich hole es immer wieder hervor, derzeit verstärkt. Ich lasse mich gehen, lasse mich an meinen CDs entlang gehen und irgendwohin zugreifen. So, wie mir der Sinn steht. Ich muss es gernicht mehr einordnen, dieses Album. Ich brauche es zum leben. Dies Album scheint eine Art mittel- und langfristiger Stimmungslage wiederzugeben, Melancholisch? Nein, eher lakonisch. Es ist ein undramatisches „Vor sich hin stammeln“, gebettet auf weichen Klängen, die sanft ineinander fließen, ohne sich damit jemals anzubiedern. Es ist eine Art „realistischer Musik“, die in sich versunken ist: „Nothing much to bark about...“. Da ist keinerlei Imponiergehabe. Kein aufdringliches Vorführen oder Verkaufen von etwas. Ich liebe alleine schon diese Haltung. Es ist eher eine Art persönlicher Brief. Wie in einer weichen Trance haucht er da seine Texte vor sich hin, ein Monolog, ein Selbstgespräch. Poetisch? Klar. Aber was heißt dies Wort schon? Es ist inzwischen völlig entwertet, missbraucht. Kurt Wagners Worte aber helfen der Phantasie auf die Sprünge, ganz sachte, ohne jene Agressivität, die so manch anderen Sprechgesang auszeichnet. Das braucht er nicht. Er scheint seiner Umwelt, - und scheint sie ihm noch so feindselig zu begegnen, - so etwas wie seine Liebe entgegen zu bringen. Seine Texte sind manchmal weitschweifig, nehmen Träume und traumhafte Situationen auf, sind in sich verwoben, gehen einem wie mir seltsamerweise nicht aus dem Sinn. Und die Musik? Traditionell? Mag sein. Aus Nashville kommend, amerikanisch. Hört man aber nicht. Verlorene Americana. Dazwischen fließen ein paar elektronische Einsprengsel wie beiläufig hindurch, untendurch, in uns hinein. Es schafft dies alles wie kein anderes Lambchop-Album eigene Bezüge, eigene Welten. Fremdheiten, die aufgeschlossen werden wollen.

Schon, wie er im ersten Titel „The daily Growl“ anhebt: „“Thought, I felt a chill, thought an underrated Skill, a hazard to the emotionally challenged...“. Ich bin da sofort drin, sie umfangen mich, diese Zeilen, sie geben Trost und Anregung, sei entfernen sich wieder, sie haben eine eigene Dynamik. Sie sehen aus einem regenverhangenen Fenster interessiert auf die Welt. „Gentle Revolution“, diese Wendung kommt dann noch bald hinzu. Ich bin bei ihm, ich stimme mit ihm überein. Ich sehe den Sänger, - vielmehr: die Stimme - Kurt Wagner, den ich tatsächlich einmal live erlebt habe, dazu mit seinem Hut. Unter seinem Hut. Schmucklose Verse, weit entfernt von jener Helene-Fischer-Welt, die die Musikindustrie mit allen ihren Tricks den Leuten da draußen so munter andient. Sind Lambchop, jenes Künstlerkollektiv aus Nashville, eigentlich ein bisschen verschwunden? Fast scheint es so! Aber es entspricht jener Rolle, die sie da mit „Is a Woman“ und anderen Alben so wunderbar angedeutet haben. Ein Zeichen voller Rätsel. Ein Phantom, von dem man nix Genaues weiß. Etwas aus dem Wind Gerauntes. Etwas Unbestimmtes. Lambchop war ja auch eine Band mit wechselnden Mitgliedern, ohne Stargesichter, ohne lächelnde Verkaufsflächen, kein Werbespot ihrer selbst. Eher ein Spiegel, ein Spiel mit der Möglichkeit unseres Selbst. Kein Zweifel, dass man diese CD nur in ihrer allerbesten Qualität haben muss. Sie wächst mit einem zusammen. 

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Gitarrenhexer

Was ich gerade höre:

Zuerst ist man beim neuen Live-Album fast schon schockiert: er hat wieder mal eine neue Band zusammen gestellt. Kann er ja, soll er ja. Aber muss er mit dieser dann unbedingt ein Album aufnehmen? Wir hätten gerne eine andere Besetzung gehört. Aber solche Bedürfnisse hat Jeff Beck in seiner langen Karriere nie bedient. Er hat halt immer die Überraschungen geliebt, für sich, für andere, Stilbrüche, Melodien, die ihm unwiderstehlich durch den Kopf gegangen sind, Augenblicksassoziationen,  spontane Einfälle, die dienstbare Geister gleich aufgenommen hatten. Flugs mache ich mich auf die Suche nach einer alten Einführung zu ihm, die ich in den neunziger Jahren einmal geschrieben hatte. Ich schrieb, dass es eine großartige Spezialität von ihm sei, Gefühle durch die Gitarre sprechen zu lassen und dabei extreme Gegensätze gegenüber zu stellen: himmelhoch jauchzend in die Wolken entrückt mit den zärtlichsten Winseleien, um schon im nächsten Moment wieder abzustürzen in melancholisch bohrende Akkorde, aus denen sich auch plötzlich scharfe Klangsplitter lösen können. , die sich „aus dem scheinbaren Chaos zu einer einzigen empor strebenden Klangschleife ordnen“. Ich mochte auch immer seinen manchmal wüst bohrenden Stil, über dem er einen Kosmos von Gitarrenkunststücken vollführte, die er gleichwohl alle in den Dienst des Ausdrucks stellte. Ich schrieb auch: „Doch manchmal, - das sei nicht verschwiegen ,- verzettelte er sich auch in gitarristische Eitelkeiten, trieb seine Bands wegen Kleinigkeiten auseinander und profilierte sich als launenhafte Mimose". Höchstleistung und Versagen lagen für den 1944 im englischen Surrey geborenen Musiker immer dicht beieinander. Seine Biografie wird immer genannt, er ist ja ein altes Haus und sah immer schon irgendwie alt aus. Also schrieb ich auch, dass

es 1965 gewesen sei, als er Eric Clapton bei den Yardbirds ersetzte und mit ihnen Hits wie "For your love" einspielte. Er experimentierte damals mit Rückkoppelungseffekten, Vibratohebel und kalkulierten Verzerrungen, schied aber bereits 1966 wieder aus der Band aus, um nun seinerseits von seinem ehemaligen Kommilitonen und späteren Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page ersetzt zu werden. Mit Rod Stewart als Sänger und Ronnie Wood als zweitem Gitarristen stellte er 1967 seine eigene Jeff Beck Group zusammen, die unter anderem mit "Beck-Ola" einen Rock-Meilenstein setzte. Doch schon 1969 war wieder Schluss: Stewart und Wood suchten mit den Faces jenen Superstar-Status, zu dem der sensible Gitarrist ganz offensichtlich nicht taugte.

Es folgte eine Neuauflage der Jeff Beck Group, die kurze Zusammenarbeit mit dem Bassisten Tim Bogert und dem Schlagzeuger Carmine Appice, die Hinwendung vom Bluesrock zum Rockjazz, das Zusammenspiel mit dem Ex-Mahavishnu Orchestra-Keyboarder Jan Hammer und dem Wunderbassisten Stanley Clarke. Als Solist und Musiker blieb Beck ständig in Bewegung. Was aber seine Bands anging, blieb fast alles episodenhaft und fragmentarisch“. So auch jetzt wieder: einzig Rhonda Smith am Bass kennen wir aus anderen Besetzungen. Großartig, was sie begleitend an ihrem Instrument abliefert. Desweiteren dabei: Jimmy Hall, Vocals, Jonathan Joseph am Schlagzeug und Nicolas Meier an der Gitarre. Gitarre? Reicht denn des Meisters Spiel nicht? Hatte er zuletzt nicht den Sting-Keyboarder Jason Robello um sich und zudem mit tausend anderen Keyboard-Cracks schon zusammengespielt? Nein, diese Besetzung musste es sein. Jetzt. Tournee gemacht. Aufgenommen. Auf den Markt geworfen. Fertig.

Wer dann aber in das Album reinhört, bleibt unwiderstehlich kleben. „Morning Dew“ „Superstitious“, „Little Wing“, „Going Down“ und „Rollin' and Tumblin'“ sind typische Gitarrenvirtuosenstücke und alte Schinken, die freilich zu einer schlimmen Gniedelei werden können, vor denen wir regelrecht Angst haben. Was aber diese Besetzung daraus macht, ist unglaublich gut. Wir bleiben hängen, an jeder Phrase, die kunstvoll ausgekostet, die bis an den Rand ihrer Emotionen von ihm abgefühlt wird. Für Schnulzen wie das auf dem Album befindliche „Danny Boy“ hatte er ja ohnehin immer ein Händchen gehabt. Das alles kann einen sprachlos zurück lassen, auch nach 50 Jahren noch. Überwältigende Aufnahmetechnik. Ob das der Standard heute ist? Total aufgeblasen und gleichzeitig authentisch? Oder einfach nur so schludrig, wie es sonst niemand macht? Und dann „A Day in Life“ von den Beatles, das wir in keiner Fassung hatten und an das wir uns in vielen seiner Konzerte oder Fernsehauftritte erinnerten. Wie weich und fast zärtlich er das Thema vorstellt! Wie er es umkreist und es in den Arm nimmt, wie er es explodieren lässt, zerkrachen, zerpuffen, wie er es wieder aufnimmt und dessen Konturen leise streichelt! Wie er der Lakonie auch ihren Raum lässt! Da ist kein künstliches Pathos, sondern nur ein Herausmeißeln an der Gitarre. Ach, da sind auch noch zwei im Studio aufgenommene Bonus-Tracks, bei denen er wieder eine andere Band dabei hat mit Veronica Bellino am Schlagzeug und als Sängerin. Auch hier kann wieder die exzellente Aufnahmetechnik überraschen, die Seiten an ihm transportiert, die wir bisher nicht kannten. Leider sind die beiden Stücke zu schnell vorbei. Wir hätten uns ein Doppelalbum gewünscht: eine Seite live, eine im Studio. Doch klar, er hat noch nie Erwartungen bedient, er hat einem alles einfach nur vorgeworfen und sich ansonsten rar gemacht.   

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Richard und seine Gitarre

Wohl habe ich  „Electric“, das Album von Richard Thompson, unzählige mal gehört. Und immer wieder lege ich es auf. Es kommt mir vor, - und ich schäme mich nicht, dies zuzugeben - wie ein Wunder. Wieso komme ich aus dieser CD nicht heraus? Wieso eigentlich muss ich sie immer und immer wieder auflegen, ich hartgesottener Knochen? Wieso offenbart dies Album mir immer neue Details? Wieso kommen mir bei manchen Stellen geradezu die Tränen? Was zieht mich da so magisch an? Der Mann hat einst bei Fairport Convention Bahnbrechendes geleistet, hat Folk und Rock zusammengeführt, britische Renaissancemusik und Beat vermählt. Er hat damals in den späten Sechzigern Stimmungen per Gitarre gezaubert, er hat diese große Sängerin Sandy Denny begleitet und auch den Songpoeten Nick Drake. Jedes Album von Fairport war eine Abenteuer. Und dann immer dieser unglaublich flinkfingrige Gitarrist! Jigs and Reels in famoser Präzision, ein John McLaughlin der Folkmusik, so dachten wir damals. Schnelligkeit. Technische Fertigkeit. Ausdrucksstärke. Er war so unglaublich präsent im Understatement. Einer für Kenner. „What we did on our Holiday“, „Unhalfbrickling“, „Liege and Lief“ - was für Alben!! Aber die Rockmusik als Ganzes war ja damals noch ein Abenteuer.

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Kriechen auf elektronischen Straßen

Was ich gerade höre:

Das ist beiläufig und nie aufdringlich, mal neben dem Abwasch her und mal konzentriert im stillen Kämmerlein genossen. Ich beobachte mich, wie ich immer wieder zur CD „Space is only Noise“ von Nicolas Jaar greife. Die Scheibe kommt aus dem späten Jahr 2011 zu uns und trägt über weite Strecken einen Text, der nicht im herkömmlichen Sinne gesungen, sondern gemurmelt, geflüstert und beschworen an unser Ohr dringt. Da scheint es manchmal, als würden sich diese Worte eng an die Musik schmiegen, die nahezu impressionistische Trümmer neben rhythmische Strukturen stellt, die gelegentlich einen einfachen und direkten Groove tragen. Es ist Electro, aber kein Pop. Konventionelle Melodien kommen kaum vor, es prägen sich aber Momente und Stimmungsmalerereien ein, die digitale Einsprengsel durchdringen. Es gibt exotische Instrumente und so etwas wie Twang-Guitars, sie sind hart besaitet und herb verfremdet, sie wehen herein und hinaus, es scheint eine bittersüße Atmosphäre zu herrschen. Themen und Motive vermischen sich, winden sich scheinbar unterirdisch weiter, es herrscht eine Zeitlang ein bastardisierter Electro-Reggae und es gleitet in eine Art innerliches Tanzen. Mächtige Basslinien fügen sich ein, der Titel „Spectres of the Future“ stolpert über digitale Klippen und trickst ein wenig nach Art von Jazzern mit dem Rhythmus. Clapping ist Clapping und kein simuliertes Händeklatschen. Der erste Titel reitet auf einem Zitat von Jean-Luc Goddard und das Titelstück wispert leise: „ Space is only Noise if you can see, replace the word Space with a Drink and forget it“. Eine Formel, nahe am Unsinn und doch aufgeladen mit einer scheinbaren Bedeutung der Gegenwart. Alles ist elektronisch versetzt, manipuliert und organisiert, über Rhythmen verschwimmen akustische Ereignisse, ein Piano skizziert ein paar jazzige Phrasen. Schon das Cover gefällt uns und weißt einen Weg: Ein Kinderwagen mit Kindähnlichem, eine dreckige Straße in Schwarzweiß.

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