Für Jeff

 „Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich ist er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck. 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck 78 Jahre alt und wird uns hoffentlich noch eine Weile erhalten bleiben. 

Auf was es ankommt

Es komme auf den Wahnsinn an. Davon könne letztenendes eine ganze Band zehren, - so las ich unlängst. Ich selbst habe diese Vermutung schon seit längerem. Irgendetwas anzapfen, was über das Vordergründige hinaus zeigt. Andernfalls sei allenfalls Gefälliges zu erwarten, Korrektes, etwas, das okay ist. Ob im Wahnsinn immer das absolut Individuelle, das Kreative und Charakteristische liegt? Oder ob auch etwas ins Kollektive hinaus zeigt, in etwas, das uns alle betrifft?  Jedenfalls werden die Ansprüche in der veröffentlichten Kritik hochgeschraubt. Man erwartet nichts weniger als den „Hammer“. Ein kleines Genie, ein Original als Treibsatz, - vielleicht. Künstlerischer Anspruch. Dabei scheint mir gerade die gegenwärtige „Szene“ im Beliebigen unterzugehen. Es werden Paradiesvögel des Showbusiness bewundert, jeder muss da mit etwas namedropping glänzen, sonst ist er nicht auf der Höhe der Zeit. Aber diese Namen sind vor allem Markennamen. Da schrauben riesige Stäbe an kundigen Songarbeitern das musikalische Material zustimmen, dass sich möglichst an ein paar „Ideen“ der Namensgeber orientieren sollte, damit dieser die Tantiemen abkassieren kann. Dadurch wird alles kalt, im technischen Sinne gekonnt und anonym. Wo steht eine solche Popmusik im Vergleich zu den „Wahnsinnigen“? Zu den großen Impulsgebern, die etwas nachjagen, das sie selbst nicht immer definieren können? Die es immer noch gibt, die aber deutlich weniger geworden sind? Zu den Einzelnen, die etwas Seltenes formulieren? Früher waren da Hilfsmittel wie Drogen angesagt. Doch heute leben die Markennamen gesund und machen Werbung für ihr Fitnessstudio…. Ob so etwas mit der „Hässlichkeit der Welt“ zu tun hat und weniger mit dem Durchbruch auf Unergründetes, Abenteuerliches? 

Stoßtrupp der Musikalität

Auch wenn ich die Scheibe länger nicht mehr gehört habe, haut sie mich sofort um und verschafft mir jenes Gefühl, das ich hatte, als ich sie zum ersten Mal in Händen hielt. Das Coverbild mit der auf dem alten Motorrad kauernden Band mit Frau programmierte einen vor. Thomas Dolby, damals sehr angesagter Musiker und Produzent, hatte produziert: erste Ausläufer des Digitalen, klug vermischt mit herkömmlichem Rock-Instrumentarium: Ja, das war sein Konzept, das mir auf dieser „Steve McQueen“ überschriebenen Scheibe besonders gut aufzugehen schien. Das Album wurde, wie ich später erfahren habe, in den USA unter dem Titel „Two Wheels Good“ in Erwartung eines Rechtskonflikts mit dem Nachlass des amerikanischen Schauspielers Steve McQueen veröffentlicht. Aber hier war mit Paddy McAloon ein besonders einfallsreicher toller Songschreiber, der über ein breites Ausdrucksvermögen zu gebieten schien und auf dieser Scheibe auch als Sänger den Eindruck eines voll integrierten Mitglieds eines Stoßtrupps der Musikalität erweckte. Jawohl, Prefab Sprout waren eine Band und klangen auch so. Erst viele später nahm er jene Alben auf, für die er die jeweiligen Musiker engagierte, die seine kunstvollen Songs zum Leben erwecken konnten (ähnlich wie Steely Dan). Aber hier, auf „Steve McQueen“, der ersten Scheibe von Prefab Sprout, beginnt es mit „Faron Young“, einem Song, der alleine schon mit musikalischen Mitteln vollkommen überzeugen kann: Mit einer Art Western-Hall versehene Gitarren, riesige digitale Räume und trotzdem das Gefühl einer „richtigen“ Band: Sie jagen über gebrochene Akkorde vorwärts, diese unverschämten Gasgeber, sie setzen raffinierte Mittel im Vorbeifahren ein (z.b.gleichzeitig einfach und komplex zu klingen, etwas Zwingendes entstehen zu lassen), hinter den Akkorden lassen sie einen Gefühlsfilm ablaufen und raufen sich zu Chören mit einer Frauenstimme (Wendy Smith singt nie lead…) zusammen. Ich konnte damals viel von ihm über das Songschreiben lernen, über Akkorde und ihre gewissen Wirkungen). Aber Paddy McAloon war damals so gut, dass er mir fast unerreichbar erschien. Auch heute muss ich noch sagen: Das ist äußerst talentiert und geeignet, alles sofort wegzuspülen und einem Wege zu weisen. Schade, dass sehr viel später eine Krankheit, seine überragende Schaffenskraft ein bisschen zu bremsen schien. 

Volle Kraft voraus!

 Wie das damals war? Man musste zumindest eine Pfeife oder eine Kawumm mitrauchen, bevor sich irgendetwas tat. Oder auch nicht. Das heißt, man stritt sich meist über musikidiologische Grundsatzprobleme. Über menschliche Grundsatzprobleme, über Gott und die Welt. Man trat zu einer Schicht an, schuftete für einen Traum, der sich immer mehr auflöste. Man war in einem technischen Wettbewerb, in dem es dauernd hieß: „Oh, der spielt viel besser“. Man munkelte über die hervorragenden Fähigkeiten eines Gitarristen, der unglaublich schnell wahre wunder auf dem Griffbrett vollbrachte und alles konnte, außer bei einem Song halbwegs kontrolliert mitzuspielen (Heute denke ich oft: er war wie Steve Vai, „far beyond“). Einer der sofort abhob und seine Gitarre dröhnen ließ. Der die Ekstasen umspielt und den Himmel küsste mit seinem Instrument. Der aber nicht in diesen einen verdammten Song passte. Denn: Eine Band ist mehr als die Summe ihrer Teile. Wir waren nicht mal die Summe unserer Teile. Wir übten für ein einziges Stück ein Jahr lang. Jeden Nachmittag immer wieder, oft war es laute Arbeit, kein Vergnügen. Ob die Ohren durchhielten, so direkt neben der 400 Watt-Box? Aber wir wollten ja Profis sein. Was übten wir eigentlich? Wir hatten Unsummen in unsere Instrumente investiert, wir hatten das modernste Equipment. Aber es klang nach nichts, das heißt, es war immer kurz davor: wir konnten uns dauernd vorstellen, dass eine kleine Überarbeitung dem Ganzen den notwendigen Kick geben würde. Und dann war es wieder nichts. Drei von uns waren als Musiklehrer tätig. Äußerste Genauigkeit, - naturgemäß. Das war gefordert. Bis zur Sterilität. Work in progress. Wir übten wie die Besessenen und hatten nach einem Jahr wackliges Material für eine knappe Stunde. Das reichte nicht mal für einen Auftritt!. Aber die Musiker waren gut, das wussten wir. Die Welt wusste das freilich nicht. Sie war nur immer kurz davor, es zu wissen. Progressive Bands aller Art – wieso brachten die so etwas fertig, und wir nicht? Mal eben schnell wurde noch ein Bandname gesucht und sogar gefunden: Mainforce.  

In West-Texas

Es mag schon viele Jahre her sein, als ich durch West-Texas kam. Die karge, aber abenteuerliche Atmosphäre dieses Landstrichs nahe Mexico gefiel mir, auch wenn ein breites Sortiment an giftigen Schlangen dieses Vergnügen mindern sollte. Da waren Freaks in der Einöde, die ihre schrullige Seltsamkeit niemals zur Schau stellten, auch weil sie arm waren und um ihre Existenz kämpfen mussten. Selten habe ich es erlebt, dass eine Musik so gut zu einer Gegend gepasst hat. Lyle Lovett, ein äußerlich hässlicher Mann, dem breiten Volk durch seine Ehe mit Julia Roberts bekannt geworden, hat mit dem Doppelalbum „Step inside this House“ eine Hommage an jene in West-Texas wohnende Clique der Sänger/Songschreiber aufgenommen, deren Namen man zu einer genau definierten Zeit überall kannte: Townes van Zandt, der Melancholiker und Songpoet, Stephen Fromholz, Guy Clark, Robert Earl Keen und andere… Unspektakulär erzählend in Genrebildern nüchtern schwelgend (geht das? Ja, bei LL...) hier auch die Musik von Lyle Lovett. "Texas Trilogy", "Texas River Song" "Sleepwalking". Er kommt wohltuend schmucklos daher, wie wenn er das Übertriebene, dieses "Sich Anbiedern" nicht nötig hätte, - und doch scheint er ganz genau zu phrasieren, die Details des Ausdrucks abtastend, wie wenn er die Essenz des jeweiligen Songs in sich eingesogen hätte. Das alles ist bei ihm dramatisch untertrieben, das Understatement und die Lakonie feiernd, er lässt die Romantik des Einfachen hochleben, er lässt ein bisschen Ironie mitlaufen, ein bisschen Sarkasmus auch, er knurrt da kein bisschen gefallsüchtig oder in irgendeinem Sinne übertrieben, stellt den jeweiligen Song in den Vordergrund, ist gleichzeitig bodenständig und um Kunst bemüht, er lässt einzelne Vokale aufblitzen und schluckt sie zurück. Stark, dass er sich damit, wie auf Tonträger dokumentiert, auch in großen, bis zu 24köpfigen Big Bands durchsetzen konnte, ja, dass er ganz offensichtlich in seinen Songs die präzisen musikalischen Schattierungen genauso wie jene in seinem Gesang liebte und in Bezug zueinander brachte.