In Elysium

Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.

 

Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records.

Danach

Jetzt, anlässlich des Todes und nach dem Tod von Frank Fahrian, nach einem Film auch, scheinen alle nochmal kräftig abzukotzen wegen Milli Vanilli. Schlimme Finger! Dabei kam und kommt es mir vor, als seien solche „Betrügereien“ alltäglich im Popgeschäft. Da werden wohl immer noch Etiketten aufgeklebt, die an Irreführung grenzen. Da wird Know How und werden namenlose Fertigkeiten „beigesteuert“. Der Umsatz, den Künstler und Leute aus ihrem Umfeld so gerne „Erfolg“ nennen, regiert halt alles. Gelobt sei, was zum Mitklatschen animiert. Wer von seltsamen Machenschaften erfährt, soll den Mund halten, sonst wird er mit allerlei juristischen Maßnahmen überzogen. Behauptungen stehen im Raum. Na und? Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat, in dem gerne auch mal ein Schweigegeld bezahlt wird. Was machen eigentlich Produzenten? Zumindest scheinen sie über Möglichkeiten nachzudenken. Die Leute wollen doch betrogen werden, so eine zynische Feststellung, der ich mich oft gegenüber sah. Moral und Popgeschäft?  

Punky

So laut, grell, anarchisch und schmutzig wie Punk waren die Auftrittsmöglichkeiten. Da gehörte manchmal auch die Straße mit dazu. Ein Instrument sollte man nicht spielen können, so der Mythos. Dass Punk jedoch schon 1978 vereinnahmt war, bedachten etwa The Clash mit Hass und Häme. Bei uns mischte sich dann die Neue Deutsche Welle mit hinzu. Dabei ging es um die Deutung der Lage, Punk war die Waffe dafür. Doch bald schon war alles vermarktet. Das, was als Punk galt, verkaufte sich im Sonderangebot an das Musikfernsehen oder war ein teurer Irokesenhaarschnitt beim Coiffeur, eine auffällig getragene Kette aus dem schwarzen Aufzug heraus. Langsam aber sicher setzten sich nun wieder die kleinen Genies a la Damon Albarn oder Liam Gallagher (in England) durch. Das, was man zuvor abgelehnt hatte. Insgesamt waren solche Figuren aber kaum oder nur kurz und heftig in der Schar der „Superstars“ sichtbar. Ich selbst fasste Punk als eine Art Arbeitshypothese fürs Leben auf, weiß aber heute nicht mehr, wohin all die ehemaligen Punks gegangen sind. Punk ist, wie vieles in der Rockszene, zu einem Artikel der Lifestyleindustrie geworden. Es kam Green Day.

Anlagen

Wie „ärmlich“ fing das damals an? Ich war froh, überhaupt Sound über zwei Boxen stereo hören zu können. Dabei war ich überzeugt, dass dies Equipment Marke Eigenbau (von einem Bekannten realisiert!) so schlecht nicht war (was ich bis heute denke...)……. Man hörte darauf nahezu alles ab, entwickelte eigene Maßstäbe, passte sich den Gegebenheiten an und maß ihm eine persönliche Wichtigkeit zu. Mit der Zeit und über Umzüge hinweg wurde man dann doch anspruchsvoller. Eines Tages war man auch bei einem Kollegen eingeladen, der über eine Anlage hörte, die wohl im fünfstelligen Bereich gekostet hatte und der mein „Urteil“ über seinen Fetisch hören wollte. Natürlich war dieser Mensch auch ein Vinyl-Fanatiker, was ich mir niemals hätte leisten können und was zuvor so etwas wie "natürlich" war. Man legte sich dann aber doch Boxen zu (was damals noch möglich war), die besonders in Bezug auf Lautstärke besser waren und einem neue Möglichkeiten eröffneten. Auch das Hören bei einem Verwandten in der Schweiz zeigte mir auf, was möglich ist und ich hätte tagelang diesem Sound zuhören können. Alleine schon aus beruflichen Gründen sah man sich dann in der Lage, über eine neue, bessere Anlage hören zu sollen. Dem eine große Priorität einzuräumen, lag auf der Hand. Es war ein Ziel, auf das man damals sparte und das man dann auch realisierte. Die Rock- und Popmusik war damals in einer Phase, in der sie stark von den Möglichkeiten des Studios und der Technik bestimmt schien. Für mich taten sich (last but not least dadurch!) immer eindrucksvollere und komplexere digitale Räume auf, was natürlich in der Wohnstube in einer adäquaten Qualität reproduziert sein sollte. Hörte ich in Vertretung und mit den Ohren eines „Liebhabers“ in stiller Konzentration. Oder wollte ich den Sound eines Jedermann mithören (für den GEBRAUCH, für’s Nebenher hören)? Ich war flexibel, - das immerhin. Mal wieder: beides. Ich hörte natürlich immer über das bestmögliche Equipment. Man wollte die Fülle, man wollte alles, was ging…. Im Augenblick kann ich nur hoffen, das nichts kaputt geht und sich nicht seltsame Komplikationen auftun. Mir wird aber klar, dass es um das Hören in bestmöglicher Qualität geht, nicht um diese reduzierte Form des Streaming. Es verlangt mich danach.  

Yesterday

Beim Durchsehen und Sortieren alter Unterlagen, wurde mir bewusst, welch gewaltigen Anspruch manche Bands und Künstler damals formulierten und wo sie aus heutiger Sicht gelandet sind: Bei völlig gesichtslosen „Projekten“, die den einen oder anderen Kreuzer Honorar versprechen. Dafür ist man gezwungenermaßen bereit, „alles zu machen“. Die Nische finden, so lautet ein heutiges Gebot. Es kommt mir so vor, als sei die „Konzertszene“ einst sehr viel vielgestaltiger gewesen und habe auch etliche Überraschungen und Schattierungen geboten, das allzu Vorhersehbare war jedenfalls das, was mutmaßlich zu vermeiden war. Ich habe einen Label-Flyer in der Hand, der behauptet „Für uns sind Trends kein Thema – unser Musikangebot liegt sowieso im Trend – also erübrigt sich eine Diskussion darüber!“ Es ging also nicht unwesentlich darum, an herrschenden Trends irgendwie vorbei zu kommen, was den heutigen Trends geradezu diametral widerspricht. Mir scheint heute zu oft, als ginge es im Wesentlichen darum, jeden Trend irgendwie aufzunehmen und ihn einer nicht allzu geneigten Zuhörerschaft möglichst rückstands- ecken- und kantenlos zuzuführen sie so zu überwältigen, wie das die Werbung verspricht. Anpassung an Trends des Erfolgs ist auf diesem Weg schon der halbe Erfolg. Ich erfahre von gebührenpflichtigen Workshops, die Musiker genau das antrainieren: das mehr oder weniger subtile Aufnehmen von Trends, das „Richtig machen“ (vor allem technischer Probleme!), das „im Flow sein“, vorgeformten Hörgewohnheiten möglichst smart mit einem Hauch Individualität (aber nicht mehr!) zu entsprechen. „Musikalischer und kreativer Qualität“ habe man sich verschrieben, so die Info weiter, - man wolle „ausgewählte Qualität“ produzieren, „ohne elitäres Gehabe“.