Selbstverständlich weiblich

Komisch, was mir jetzt auffällt: Ich hatte fast immer über die Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen geschrieben. Über das weibliche Geschlecht und seine Kunst. Dessen war ich mir aber nicht bewusst. Ziemlich unbewusst nämlich hatte es sich so ergeben, dass fast immer ich derjenige war, der sich mit den Frauen in der Popmusik beschäftigte und zu beschäftigen hatte, insbesondere mit Singer/Songwriterinnen. Da ich alles annahm, was kam, war mir das recht. Ein Auftrag mehr. Ausnahmen waren persönliche Vorlieben meiner fest bestallten Auftraggeber oder ein übergroßer, sich in Besucherzahlen äußernder „Erfolg“, der offenbar eine gewisse journalistische Bearbeitung notwendig machte. Dabei hatte ich mich schon vor meiner Zeit als Schreiberling für Künstlerinnen und ihre Hervorbringungen interessiert. Joni Mitchell zum Beispiel hat mich nachhaltig beeindruckt und beeinflusst. Aber auch Rickie Lee Jones. Mir war damals einfach nicht klar geworden, dass das Geschlecht eine Dimension sein könnte, anhand dessen man Rockmusik beurteilen könne. Mich interessierte eigentlich nur, was ich für gut oder schlecht hielt, was originell oder kreativ war. Was für etwas stand. Gelegentlich mal kam es mir unter, dass ich das "spezifisch Weibliche" darin suchte, je nach geistiger Beschäftigung zum jeweiligen Zeitpunkt. Doch die Männer scheinen mir in puncto „Anpassungsfähigkeit“ um nichts den Künstlerinnen nachzustehen. Freilich war dies nichts, was mich heftig umtrieb. Rockmusik war für mich etwas Selbstverständliches, über Ethnien und Geschlechter hinweg. Mittlerweile scheint sich mir wieder ein starker informeller Impuls eingeschlichen zu haben, auch ein Aufwachen unter dem Stichwort „Me too“, das mir aber allzu sehr mit seiner Gegenbewegung korreliert. Es scheint mir Übertreibungen zu geben. Meine damals verlorene „Unschuld“, die Auffassung als „Selbstverständlichkeit“, scheint mir als Möglichkeit im derzeit herrschenden allgemeinen Diskurs verloren gegangen zu sein.

Mach's nochmal, Joe!

Unzählige Live-Konzerte habe ich von ihm besucht, ich weiß gar nicht mehr wie viele: Joe Jackson. Natürlich war er auch eingebunden in die Kreisläufe der Musikindustrie, musste dauernd neue Alben abliefern. Aber genau das bewunderte ich am Anfang an ihm: dass er jedes mal etwas anderes, etwas neues anbot. Dass er immer wieder neu klang, sich neu erfand, sich an anderen Genres ausprobierte. Nun, wenn ich mir das genau überlege, so erfand er seine Musik ständig neu, blieb sich selbst aber treu. Während „The long Song“ gab er stets alles, blähte sich ungeheuer auf und tat so, als könne er singen. Er neigte da zur Selbstermächtigung, denn im klassischen Sinne konnte er ja gar nicht singen. Er konnte aber alles geben, alles in seine Interpretation, in den Moment rein legen. Seine Halsschlagader schwoll dann, er wurde rot im Gesicht. Er neigte dann zu seiner Form der Selbstermächtigung, wollte Beifall und Liebe für sein Ego, wobei er dann aber auf dem nächsten Album untertauchen konnte in den Strudel einer völlig neu gearteten Musik, er machte sich an klassisch tönende und mit Geigen samt Gebläse intoniertem Zeug heran, er verwandte oft knitz eingesetzte Percussion, für die oft Sue Haedjopoulos verantwortlich war („Night an Day“), er integrierte die Synthesizerwelt und setzte seine Band ständig neu zusammen, wobei es eine Konstante gab: Graham Maby war/ist ein toller Bassist mit Groove und viel Einfallsreichtum, der ihn im Kreise verschiedener Bands sehr oft begleitete. Am Ende schien er bei wenig aufwendig mit Klavier instrumentierten Stücken zu landen, in die er live auch manche Coverversionen einstreute. Das wirkte so, als wolle er vom in der Jugend überhöhten Ego etwas absehen und auf andere Künstler zu verweisen, deren Klangwelt er selbst schätzte. Natürlich gab es da immer wieder direkte und indirekte Verweise auf Steely Dan. Er interpretierte aber auch Sachen von Bowie. Er konnte das souverän und mit einem ironischen Seitenblick tun. Joe Jackson hatte ja sein Standing längst. Vom Punk der Anfangszeit war er zum bewunderten Kulturdenkmal geworden. 

Pop reloaded

Mal wieder bin ich total enttäuscht von dem von Kritikern total hochgepushten Neuen in der Popmusik. Es wurden mir Alben empfohlen, an denen ich beim Hören so gar nichts entdecken konnte. Bestenfalls Elemente, die schon mal besser da waren, etwas melancholische Themen und Stopper, die ich früher - ja! - schon einmal besser gehört hatte. Dabei wurde mir das vorliegende Album als extrem erfolgreich vom Rezensienten geschildert. Was ist los? Irgendetwas kann da nicht stimmen! Gibt es das wirklich, mit gebremsten, melancholischen Klängen riesige Erfolge einfahren? Etwas, das ein „Sich-einlassen“ geradezu fordert? Etwas, das in diesem Fall auch noch instrumental daher kommt? Das wäre mir zumindest neu, entspricht nicht den Gepflogenheiten und Markterherbebungen. Angesagt scheint mir vielmehr die möglichst in gepflegten Optimismus polierte Oberfläche des Populären, das klischeehaft Positive, das partout „rüberkommen“ soll. Stimmt da meine Perspektive „von außen“ nicht, bin ich alt geworden? Nicht auf der Höhe der Zeit? Wieso langweilt mich so etwas? Ob nicht gerade das Nichtlangweilen ein Merkmal von Pop ist? Das Aufregende, knallig Frische, das Starke und Direkte, das Eindeutige, - weniger das in sich Gebrochene?

Die in sich selbst drehende Aktion, die nirgendwo und überall ankommt, die nichts außer sich selbst transportiert, ist doch Träger eines derzeit grassierenden Kulturhabitus. Der schnelle Wegwerfgestus, der Popsong „to go“. Zum einen Ohr gut rein, zum anderen schnell wieder raus…. Nachdem ausgelutscht ist. Neues oder - wie manchmal gefordert - „Innovatives“ ist dabei kaum hörbar, na klar, - wie auch? Wer soll da dahinter stehen? Die Stäbe von Musikanten auf dem Weg zum Erfolg, die im Auftrag von anonymen „Stars“ ihre „Ideen“ absondern und in einen anonymen Topf hinzu geben? Klar, auch sie wollen Karriere machen. Wollen schlau und clever sein auf dem Weg nach oben. Wollen sich profilieren. Wollen ihre Verwendbarkeit und Anpassungsbereitschaft, ihr Können und Kennen zeigen. Ihr "Know-how". Wollen sich qualifizieren für höhere Aufgaben, wollen sich empfehlen für den „nächsten Schritt“. Ob das aber gerade mein Vergnügen sein soll? Wieso eigentlich? Der Erfolg? Das ist "to go"! Weg damit! Ex und hopp. Ich suche mir was anderes... 

Musikprodukt

Habe etwas von einem bisher unveröffentlichen Text darin verarbeitet:

Natürlich, da ist der Einfluss starker Persönlichkeiten auf Musikercliquen, auf local scenes, da sind die Strategien des gegenseitigen Abschauens, Lernens und Kopierens. Schnell können sich Formeln und Routinen bilden, die zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort hätten entstehen können und sich später dann doch an jedem anderen Ort reproduzieren lassen. Aber ist da auch das Publikum, das sich nach spezifischen Geschmackskriterien und einem Rezeptionsverhalten bilden würde? Das Publikum bildet sich durch die Medien. 

Mittlerweile hat sich das radikal gewandelt, alles in der Popmusik ist in meinen Augen ortlos, anonym und global geworden. Das, was war, war die alte, analoge Welt. Heute funktioniert das auf digitale Weise. Spezialisten spielen sich heute per Internet die Files zu, von irgendeinem Ort der Welt aus, egal wo. Sie bilden vielköpfige Stäbe, die hierarchisch organisiert wiederum den Produzenten zuarbeiten. Gebündelt wird das ganze dann unter einer Marke, meist US-amerikanischer Herkunft. Der Star. Der Superstar. Der Megastar. Die Band als soziales Modell scheint ausgedient zu haben, überhaupt scheint der soziale Austausch an Bedeutung verloren zu haben. Was zählt, ist der US-amerikanisch dominierte Erfolg, wie er etwa an den Posen und dem Auftreten eines US-Präsidenten abzulesen ist. Die Wertschöpfungskette soll schließlich dem „America first“ gehorchen, was alleine schon eine gewaltige Anmaßung ist, denn „America“ ist der Name des gesamten Kontinents, der in seinem Süden auch Länder wie Brasilien oder Argentinien umfasst. Was aber gilt, ist wirtschaftliche Power. Die Reichen sind die Mächtigen im Staate, - nie waren die Mächtigen der USA darin schamloser als jetzt gerade.“

King Crimson Reloaded

Am 9. September 2016 schrieb ich:

 

King Crimson in der Liederhalle

Schon der Bühnenaufbau kann überraschen: Drei Schlagzeuge nebeneinander, das ist in der Rockmusik unüblich und ward nie gesehen. Aber die Band King Crimson ist ja immer schon komplett überraschend gewesen, hat während der vergangenen fast 50 Jahre um ihren Kopf herum, den Gitarristen Robert Fripp, fortwährend die Besetzung geändert und stilprägenden Avantgarde-Rock der verschiedensten Ausprägung gespielt. Ein Mythos. Eine Legende. Gleich ein Doppelkonzert ihrer aktuellen Tournee spielen sie im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart, natürlich vor jeweils ausverkauftem Haus. Die drei Herren Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey eröffnen denn auch gleich mit ihrem Dreier-Intro das Konzert. Wir ahnen, dass diese Besetzung kein Gag ist, sondern dass sich diese drei auf das Trefflichste ergänzen wollen, dass sie hochkonzentriert ohne jede Showeinlagen ihre Rolle spielen werden, die eine fantasiereiche Aufsplitting der einzelnen percussiven Abläufe bringt, fein abgestimmte Übergaben des Rhythmus selbst mitten in ungeraden Metren und filigrane Ziselierungen mittels kurzer Akzente, aber auch Keyboardeinlagen und andere elektronische Einspielungen. Es ist ein Team, genauso wie die ganze Band, in der niemand herausragt oder sich als überragender Solist profilieren kann, weil die Dinge meist exakt festgelegt erscheinen und die Räume für allzu ausufernde Soli gar nicht existieren. Am ehesten noch scheint da Mel Collins, der aus den Anfangstagen der Band aufgetauchte Saxofonist und Flötist, sich noch gelegentlich in diese solistische Rolle hineintröten zu dürfen.

 

So geht’s nach der Schlagzeugereinleitung in die erste, sehr abgehoben und teilweise schroff wirkende Folge von Stücken, die weit vom üblichen Rockklischee entfernt scheinen. Wir, aber womöglich auch die Musiker, werden hineingezogen in einen eigenen Strom der Bezüglichkeiten, in der selbst der Bandboss Fripp nur ein Teil des Ganzen ist und in keinster Weise heraus ragt. Neben ihm agieren auf der zweiten Linie der Bühne mit dem Bassisten Tony Levin, mit dem Sängergitarristen Jakko Jaksyk und dem frühen Weggefährten Collins sowieso nur ausgewiesene Könner, die keinerlei Profilierung nötig haben und in diversen Bands ihre Spuren hinterlassen haben. Es taucht nun das eher grobe Stück „Easy Money“ auf, aber auch das feingliedrige „Epitaph“ oder das bekannte „In the Court of Crimson King“ aus den Anfangstagen der späten sechziger Jahre auf. Solche Stücke markieren ein typisches Kennzeichen der Band durch alle Besetzungen hindurch: das Wüste, Grobe und zuweilen auch stark rifforientierte Musizieren kann hier neben feingliedrigen Klangspekulationen stehen, die auf die verschiedenste Art verbunden erscheinen. Um die drei Stunden dauert der Auftritt und keine Sekunde davon ist langweilig: zum Schluss kommen beim Bowie-Heuler „Heroes“ und dann bei „21 Century Schizoid Man“ natürlich die gemeinschaftstiftenden Ohrwürmer: ein großartiges Konzert.