Wohin es einen treibt

Ob irgendetwas in mir ins wilde Musikalische gedrängt hat? Ins akustische Experiment, in die akustische Erfahrung, in Richtung Pop? Wollten man mit Pop verständlich bleiben, weil man zuvor etliche „Werke“ der Avantgarde angehört hatte und sich ein Urteil darüber gemacht hatte, wer so etwas wirklich hört? Wer bei den Aufführungen im Publikum sitzt. Aus welcher sozialen Schicht diese Leute wohl überwiegend stammen? Welche Argumente sie treiben…… Ob Distinktion, also die Unterscheidung von der "Masse",  da eine Rolle spielt? Ob sie etwas davon haben und was das ist? Ob es Ausgesprochenes und Unausgesprochenes gibt, das eine wesentlich größere Rolle spielt? Das alles hat mich damals wenig interessiert. Ich wollte daran sein, was aus mir kommt. Es sprudelte und Improvisation war ohnehin angesagt, Keith Jarrett und solche Leute…… Hermann Hesse sang noch öffentlich wahrnehmbar das Lob der Innerlichkeit. „The inner mounting Flame“ des Mahavishnu Orchesters beeinflusste mich zusätzlich, leuchtete für mich neue Räume aus.

Ich wollte da auch rein, in diese Form der Realität in diese kühne Spekulation…..Ob mir das später gelungen ist?…. Ich hätte für mich so was wie "Erfolgskontrolle" machen sollen. Stattdessen strebte ich immer weiter in etwas, was mir die Musik verheißen hatte. Etwas Visionäres, etwas - wie ich heute weiß - chaotisch Utopisches. Nicht die akademisch geadelte, und über Jahre ausgebildete und geformte…. die von Professoren benotete und genehmigte Art der Akademien…. Sie blieb mir in diesem Zusammenhang fremd. Keine Zeit und Energie dafür. Eigentlich auch - Verachtung. Hatte auch solche Leute kennen gelernt, die so etwas Akademisches anstrebten und schließlich daran scheiterten. Diese Leute sind später natürlich nicht mehr sichtbar, sie leben ihren innerlichen Knacks im Geflecht der (künstlerischen?) Beziehungen aus, versuchen, für sich "das Beste daraus zu machen". Sie bekommen im günstigsten Falle irgendwelchen Ersatz zugewiesen, der ein Ersatz für das ganze Leben bleiben wird, - aber immerhin eine befriedigende Altersvorsorge garantiert…... 

Spieler hautnah

Oh, wie war das vor Jahren, vor Jahrzehnten! Pat Metheny entdeckt. In einem damals kleinen Club. Vollkommen überfüllt, also saßen wir so gut wie auf der Bühne, - dort gab es noch Platz. Schon diese Unmittelbarkeit gefiel mir. Höchstens 2 Meter hinter dem Schlagzeuger Dan Gottlieb gesessen, alles sehr direkt mitgekriegt. Metheny selbst war damals am Anfang einer langen Karriere, die ihn zu großen Erfolgen geführt (was natürlich allen „Jazzern“ suspekt war!) hat. Aber ich werde nie vergessen, wie eine Atmosphäre von freier Phantasie von diesen Musikern ausging. Ich habe damals ernsthaft Lyle Mays für mich entdeckt. Der war offenbar imstande, jeden Ball aufzunehmen und ihn zurück zu spielen. Ein loyal kreativer Begleiter. Wie aufmerksam sie aufeinander eingingen! Manchmal sah man es ihnen sogar an, wenn etwa ein kleines Lächeln genießerisch quittiert wurde. Wir saßen direkt hinter Dan Gottlieb, einer, der später schnell verstoßen ward und eines Tages in einem Rockgetümmel wieder auftauchte. Spielfeld getauscht. Wäre eigentlich keine Schande. Auch Steve Gadd spielt seit vielen Jahren für Eric Clapton.

Doch bei der Jazzgemeinde hatte es Gottlieb verschissen. So etwas macht man nicht!, so ihr Credo. Zurück zum Auftritt: Es war ein Feuerwerk der Phantasie, ein Zauberberg der Musik, der sich mir da öffnete…. anfangs hatte ich als Gitarrist noch auf das Griffbrett geschaut: Wie macht er das? Das war aber nur anfangs so, später empfand ich das Ganze, das in meine kleine flache Realität drang, das mir ein Abenteuer war und mich veränderte. Wie er es fließen ließ! Tolle Musikalität! Das war es, was ich auch anstrebte. Das pure Spiel, das man auch ausdrücken konnte, für das man die technischen Fähigkeiten hatte! Niemals als Selbstzweck. Viele viele Male habe ich danach noch Pat Metheny in seinen verschiedenen Besetzungen, aber auch solo erlebt. Eine Offenbarung......

Mimikry

Ich weiß durchaus noch, wie sehr sich Kollegen befremdet fühlten von Auftritten afroamerikanischer Bands wie The Four Tops oder The Temptations (Ja, die waren zu einer gewissen Zeit durchaus auf Europa-Tournee!!). Durchgestylte Choreographie, synchronisierte Tanzschritte (im Gegensatz zum eher auf Vereinzelung zielenden Tanz der Hippies und ihrer europäischen Ableger...), gelackte Show und falsch strahlende Gesichter in Glitzeranzügen, Falsettos und funky elektrisierende Musik. Damit konnten sie nichts anfangen. Mich würde interessieren, wie dieselben Kollegen heute die Auftritte diverser HipHop- oder Rapstars bewerten: Goldkettchenbehängte „Erfolgsmenschen“, die ihren Ruhm gleichzeitig für den Abverkauf von Parfums oder Energy-Drinks nutzen, die die ihnen gegen Geld ergebenen Musiker gleich den ihnen hörigen Chicks nach Wahl benutzen und wegwerfen, die Hiphop längst zu einer Form des technischen Könnens und einer Art Mainstream gemacht haben.

Ich stehe amüsiert an der Seitenauslinie und kann das ganze Theater nicht ernst nehmen. Die Showdarbietung. Die angeberische Pose. Es galt schon damals, die Symbolik dahinter wahrzunehmen. Das war doch schon immer eine Anverwandlung dessen, was in dieser Gesellschaft als vorbildhaft gilt und nahm das auf, was besonders in der amerikanischen Gesellschaft als „Erfolg“ gilt: mit Mimikry, in Rollen schlüpfen, übertrieben kopieren und ins Extreme treiben, Reichtum darstellen - dabei aber trotz aller Charity persönlich profitieren. Mithilfe von irgendwelchen Abflusskanälen, durch die das pure Geld fließen konnte. Verhaltens- und Rollenmodelle, Reaktionsmuster und ihre Äußerlichkeiten (hierzulande oft der Gebrauch gewisser Automobile), "Narrative", "Framing" und "Wording" . Die Absurdität und das Groteske dieser Posen mussten eingefangen sein, Maßanzüge und dicke Schlitten mussten unbedingt sein..... Also in etwa auch das dekadente Verhalten, das gewisse Oligarchen verschiedener Gesellschaften heutzutage an den Tag legen...  

Then they were three

Ich lese vom letzten Konzert von Genesis. Phil Collins im Stuhl, stark steh- und gehbehindert, rutscht sich zurecht, seine Stimme soll sich verändert haben. Sein Sohn am Schlagzeug, die alten Weggefährten neben und hinter sich. Daryl Stuermer auch dabei. All das konnten wir uns damals nicht vorstellen, damals, als Popmusik noch jung war. Wir strebten zu einem Konzert, damals noch mit Peter Gabriel: Lamb-lies-down-Tour. Dann haben sich Genesis selbst zerlegt: Steve Hackett etwa tauchte solo auf, Rutherford auch (sogar ziemlich erfolgreich waren seine Mike & The Mechanics...). Später sind auch Genesis als Trio auf den Pop-Zug aufgestiegen und Phil Collins quakte solo sowieso aus jeder Radioline. Das alles ist nun vorbei, heute offenbar nicht mal eine kleine Meldung in der Tageszeitung wert. Die Leute sind älter und alt geworden, - genau wie wir. Kann das jemand heute noch raffen, dass uns das stark beeinflusst hat, dass wir extrem neugierig waren, wie sich das wohl entwickeln würde, - auch wenn man nicht unbedingt Hardcore-Fan war? Das spülte in unseren Gefühlhaushalt hinein, das drückte etwas in uns aus, das wurde und war ein Teil von uns. Heute: Phil Collins kann offenbar schon länger nicht mehr Schlagzeug spielen, mindestens zwei Mitglieder tragen Maßanzüge, die großen Zeiten sind vorbei. Was war das? Eine Projektion? Ein Trugbild? Regierte schon damals das große Business im Hintergrund? Schotter? Kohle? Ich kann mich an die riesigen Apparate erinnern, mit denen diese „Künstler“ später unterwegs waren. Einige Konzerte nahm ich noch mit. Doch sie hatten nicht diesen Einfluss auf mich, - bei weitem nicht….  

Ein Versuch

Was ich 2016 über Bob Dylan’s Album „Fallen Angels“ schrieb, obwohl ich Dylan stets schätzte, ja, mich zu einer zeitweiligen Begeisterung von ihm hinreißen ließ. Es scheint mir die Zeit für eine gewisse Relativierung, eines gewissen Abstands, einer kritischen Haltung - trotz des Respekts für ein "Lebenswerk":

"Er bringt jetzt ein Album heraus, das „Fallen Angels“ heißt. Allein schon der Titel. Bob Dylan hat ja immer gerne abgegriffene, leicht kitschige Bilder umgesetzt, verarbeitet, verfremdet, um damit den Anschluss an jenes kollektive Moment zu wahren, das jeder populären Musik inne wohnt. Aber jetzt und heute ein ganzes Album mit diesem Titel? Nun ja. Einer, der nächste Woche 75 Jahre alt wird, darf das vielleicht. Er darf dies ganze Album womöglich auch mit klassischen alten amerikanischen Songs besetzen, von denen kein einziger von ihm selbst stammt und die gerne mal als Evergreens oder legendär bezeichnet werden. Titel wie „Young at Heart“, „It had to be you“, „Nevertheless“ oder „Melancholy Mood“ würden in dieser Form in jede Nachtbar des klassisch seriös gehobenen Zuschnitts passen, in die es solche Best Ager wie Dylan nach dem Besuch der örtlichen Disco vielleicht noch zu einem kleinen Absacker hinzieht.

Dylan hatte diese seltsame Rückwärtsgewandtheit ja schon mit seinem Vorgängeralbum angedeutet, auf dem er mit seiner typisch knarrzigen Schnarrstimme lauter Frank Sinatra-Songs zu verhaltener Instrumentierung interpretierte. Eigentlich skurril, die Idee. Dass Meister Dylan sich aber dazu herabließ, war ja schon das einzigartige Ereignis. Eine Neuinterpretation aus seiner Sicht, aus der des ständigen Beinahe-Literaturnobelpreisträgers! Jawohl. Nur, das musste wirklich nicht sein. Außer für notorische Dylan-Freaks, von denen es freilich immer noch viele gibt.

Dass der amerikanische Altmeister sich in seiner langen Karriere gerne in Rätsel hüllte, mit dem Geheimnis der Geheimnisse per Du war und tolle Anspielungen wie auch literarische Vorlagen jeder Art verarbeitete: okay. Die Meriten dafür hat er längst eingesackt. Die Orden, - auch die symbolischen, - baumeln an seinem Revers. Ob es jetzt aber die Legenden der Popularmusik sein müssen, denen er sich anverwandelt, mag dahingestellt bleiben. Niemand von den großen Popkennern mag es zugeben, - aber es ist stinklangweilig, dieses Album. Von vorne bis hinten. Und es ist vielleicht ja so etwas wie der Bankrott eines großen Songschreibers. Die Erklärung könnte ja ganz einfach sein: nämlich, dass ihm nichts Eigenes mehr einfällt. Auch das. Nichtdoch. Kann nicht sein, das, behaupten Connaisseure. Da ist viel Erweckung und Erleuchtung, Ehrfurcht auch. Die Feuilletons quellen ja nach wie vor über in heißer Bewunderung und feinsinnigster Deutung. Für Bildungsbeflissene ein Fan von Dylan zu sein, ist Pflicht. Muss man kennen. Gehört zum Kanon. Ist geradezu Herzenssache. Jedenfalls für die älteren Menschen unter ihnen.

Natürlich hat er auch auf seinem neuen Album wieder ein paar sehr gute Musiker an der Hand, die das legendäre „Material“ mit der heutigen Aufnahmetechnik state of the art interpretieren und es auf diese Weise weit übers Niveau der bloßen Barunterhaltung erheben. Über all seine wunderbaren „Begleitmusiker“ durfte ohnehin meist gestaunt werden. Natürlich gibt er selbst den Songs seine persönliche Färbung, seinen Rhythmus, seinen Zungenschlag. Na und? Ob das reicht? Zu wissen, dass dies „der große Dylan“ ist? Vielleicht wollte er auch Songs einem Publikum näher bringen, vor denen er selbst so etwas wie Demut empfindet. Die ihn geprägt haben. Songs, die auch ohne jenes große elektronische Brimborium funktionieren, das heute vielfach die großen Hitparadenerfolge trägt. Mag sein. Ehrenwert ist's, allenthalben. 

Vielleicht spielt bei ihm ja aber auch sowas wie Humor oder Ironie mit. Es wäre nicht das erste Mal. Zu wissen, dass sie jetzt alle staunen und ihn dafür kratzbuckelnd verehren, dass sie sich alle anstrengen und seine ach so weisen Absichten auszulegen versuchen. Gevatter selbst sitzt derweil vergnügt in seiner Klause und grinst sich eins, macht sich lustig über die Methoden der Helden- und Idol-Verklärung, während er sich auf den nächsten Auftritt irgendwo irgendwie vorbereitet, indem er etwas trinkt, was er so in seinem Alter nicht mehr tun sollte. Lacht sich in seine neuesten uralten Songs hinein, die diese unerträgliche „Früher war alles besser“-Nostalgie mit sich tragen und dafür doch nichts können. So ist's, so ist der Welten Lauf. Sie müssen aufschauen zu Häuptlingen, die dann aber auch mal ganz banal in der nach allen Regeln der Werbekunst beworbenen Unterhose dastehen, um sich darin ganz alleine und furchtbar einsam zu fühlen. Manche brauchen das halt. Viele aber brauchen dies „neue“ Dylan-Album, das immerhin 37., - ganz und gar nicht."