In West-Texas

Es mag schon etliche Jahre her sein, als ich durch West-Texas kam. Die karge, aber abenteuerliche Atmosphäre dieses Landstrichs nahe Mexico gefiel mir, auch wenn ein breites Sortiment an giftigen Schlangen dieses Vergnügen mindern sollte. Da waren Freaks in der Einöde, die ihre schrullige Seltsamkeit niemals zur Schau stellten, auch weil sie arm waren und um ihre Existenz kämpfen mussten. Selten habe ich es erlebt, dass eine Musik so gut zu einer Gegend gepasst hat. Lyle Lovett, ein äußerlich hässlicher Mann, dem breiten Volk vor ein paar Jahren durch seine Ehe mit Julia Roberts bekannt geworden, hat mit dem Doppelalbum „Step inside this House“ eine an persönliche Bekanntschaften geknüpfte Hommage an jene in West-Texas wohnende Clique der Sänger/Songschreiber aufgenommen, deren Namen man zu einer genau definierten Zeit überall kannte: Townes van Zandt, der Melancholiker und Songpoet, Stephen Fromholz, Guy Clark, Robert Earl Keen und andere… Unspektakulär erzählend in Genrebildern nüchtern schwelgend (geht das? Ja, bei LL...) hier auch die Musik von Lyle Lovett. "Texas Trilogy", "Texas River Song" "Sleepwalking". Er kommt hier wohltuend schmucklos daher, wie wenn er das Übertriebene, dieses "Sich Anbiedern" nicht nötig hätte, - und doch scheint er ganz genau zu phrasieren, die Details des Ausdrucks abtastend, wie wenn er die Essenz des jeweiligen Songs in sich eingesogen hätte. Das alles ist bei ihm dramatisch untertrieben, das Understatement und die Lakonie feiernd, er lässt die Romantik des Einfachen hochleben, er lässt ein bisschen Ironie mitlaufen, ein bisschen Sarkasmus auch, er knurrt da kein bisschen gefallsüchtig oder in irgendeinem Sinne übertrieben, stellt den jeweiligen Song in den Vordergrund, ist gleichzeitig bodenständig und um Kunst bemüht, er lässt einzelne Vokale aufblitzen und schluckt sie zurück. Stark, dass er sich damit, wie auf Tonträger dokumentiert, auch in großen, bis zu 24köpfigen Big Bands darstellen konnte, ja, dass er ganz offensichtlich in seinen Songs die präzisen musikalischen Schattierungen genauso wie jene in seinem Gesang liebte und in Bezug zueinander brachte.

Glanztaten?

Ach ja, wie Ozzy Osbourne damals beim Treffen mit der Plattenfirma im Stechschritt über den Tisch marschierte, wie er seine Eier in ein Glas baumeln ließ und dann hinein urinierte: Frühe Glanztaten der Rockmusik, so wird geraunt. Der traut sich was. Der war durch das viele Geld legitimiert, das Black Sabbath damals verdienten und um das sie damals offenbar beschissen wurden, - wie geraunt wird. Dass man vom Managment betrogen wurde, scheint damals zum guten Ton gehört haben. Damals. Es war halt obligatorisch, ein abgründiges Grinsen. Eine Verehrung – wenn’s geht, in der Freizeit. Bewunderung dafür, wie es solchen Leuten möglich war, schon mal alles voll zu kotzen und trotzdem heftig hofiert zu werden, fähig zu sein, auch im hohen Alter den typischen Geruch von Schweiß und Bier, die Atmosphäre des Bösen und Düsteren noch einmal herauf zu beschwören. Was für tolle Schnurren boten diese in Schwarz gekleideten Jungs! Nun ja, da stanken Typen wie Townes van Zandt und seine leisen Lieder dagegen ab. Der ließ sich eines Tages aus einem Fenster fallen, - aus Verzweiflung, so wird kolportiert.

 

Man ließ bei Black Sabbath schon mal ein Kreuz um den Hals baumeln, dachte sich aber nicht viel dabei. Dafür konnte Ozzy saufen ohne Ende. Toll! Es sind womöglich noch ein paar andere Drogen hinzu gekommen, was ihn beinahe total ruinierte und sogar als Trunkenbold ins Taumeln brachte. Doch der tapfere Held des Musik-Metalls hat überlebt, ein bisschen auch wie Lemmy Kilmister, der ähnlich lange durchgehalten hat und seine öffentliche Rolle auch hingebungsvoll inszeniert hat. Osbourne hat aus einem Leben gar eine Reality-Show gemacht und hat bei einer Reunion-Tournee mitgewirkt, die die alten Mythen trotz eines fehlenden Gründungsmitglieds noch einmal beschworen hat.

Hinein gleiten

Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren New Yorker Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.

 

Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records.

Band on the Run

Die Band, in der Rockmusik ein Modell der Vergangenheit? Jüngste Äußerungen bestimmter „Superstars“ scheinen eine solche Ansicht zu stützen. Es schälen sich in diesem Entertainment-Business mit der Zeit Millionäre und Milliardäre heraus, die mit ihrer scheinbaren Kreativität weit über dem Fußvolk der „Umsetzer“ thronen. Sie haben, was das Wichtigste in unserem Wirtschaftssystem ist, eine „Marke“ heraus gebildet. Sie halten entscheidende Rechts daran. Sie geben die „Masterminds“. Sie haben die wichtigen Kompositionen getätigt. Sie könnten aus ihrer „Position“ heraus tun und lassen, was sie wollen. Stattdessen bringen sie den tausendsten Aufguss dessen, was sie längst realisiert hatten, auf den „Markt“. Klar, wer eine Marke geprägt hat, kann nicht plötzlich etwas ganz anderes machen, als das, was ihn berühmt gemacht hat. „Die andere Seite“, das Publikum, scheint es ja genauso so zu wollen. Es ist glücklich, die „alten Schlager“ wieder zu hören und damit bestimmte Reflexe in sich wach zu rufen. Als bewusster Zuhörer fand ich solches oft bfremdlich. Ich war vielmehr neugierig darauf, was ein solcher Pop-Protagonist in dieser heutigen Welt produzieren könnte. Etwas Neues. Etwas, was sich in diesen heutigen Verhältnissen bricht. 

Jeff im Ohr und im Körper

Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich war er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Ist eh vorbei. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck.

 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck gestorben.