Etwas machen und es dann unter die Leute bringen

Seltsam, - ich lese diese Geschichtchen und kann mir ganz leicht vorstellen, wie diese Personen, die die Leute „Stars“ oder „Superstars“ nennen, den ganzen Tag über (Journalisten sind meist in einem Hotelzimmer einer nach dem anderen, alle 20 Minuten dran) ihre Geschichtchen erzählen, die sie in sich gespeichert haben und die ihr neuestes Erzeugnis interessant machen soll. Als Journalist soll man dann eine tolle Geschichte daraus machen….. Die übliche Begründung heißt: Jetzt interessieren sich Die Leute dafür! In eine andere Sprache übersetzt, heißt das: Jetzt muss das Produkt (Das Konzert, die Tournee…) beworben werden! Das muss unter die Leute gebracht werden (an Weihnachten macht sich das besonders als „Geschenk“ gut: Eine Konzertkarte!). Sternchen und Stars erzählen einem Geschichtchen rund um das Produkt, geben vor, eigene Dinge entdeckt und umgesetzt zu haben...usw. Sie wollen mit ihrer „Persönlichkeit“ beeindrucken, spielen Spontaneität, zelebrieren und verkörpern Mythos, - genau wie bei einem Konzert! Im Hintergrund freilich ist jede Bewegung durchgeplant und festgelegt. „Kann ja nicht anders funktionieren….“ sagte mir einst mal jemand Pop-Exponiertes, als ich das Phänomen ansprach. Es ist alles industriell und sehr arbeitsteilig „produziert“. Alle machen das, was sie scheinbar am besten können. Wenigstens in einem technischen Zusammenhang. Auch das kann man auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Das Produkt symbolisiert dann etwas, was die vielen auch sein wollen. Es ist eine Projektionsfläche, ein Fetisch. Leben in vollen Zügen. Selbstverwirklichung. Materieller Wohlstand. Herausragen aus der Masse und sich auf diese Weise selbst als etwas „Besonderes“ definieren. Identität gewinnen. Wenn‘s geht, ewiglich…...  

Lieder aus dem La-la-Land

Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Suren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Der Schlager ist wieder angesagt und gibt sich jetzt tanzbar. Wichtig ist: der Hook muss stimmen. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus bei dem jeder mit muss. Fruchtbar kann es sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. Ein Lied, das den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abzuschalten, nicht anstrengend zu sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau?

 

Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Spass? Ohnehin ist das die Kategorie. Ob man etwa Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss. Betrifft den Schlager nicht? Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat kürzlich Costa Cordalis verlauten lassen, der inzwischen wohl durchoperiert ist und wahrscheinlich ungewollt den Schlager gut verkörpert. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Muss auch mal erlaubt sein?  Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags (einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, gekonnt manipuliert, auf Genre getrimmt. Gefällig gemacht, geglättet? Alternde und erfahrungsgetränkte Produzenten greifen sich vermeintliche Talente, die sie formen und in ein „Konzept“ einfügen können, das unter anderem Applaus und Profit bringen soll (und, vielleicht, wenn's geht, noch etwas Zuwendung...) . „Da ist doch nichts dabei! Das machen alle...“ höre ich schon die vermeintlichen Einwände im Voraus. Dabei denke ich doch nur an eine Beschreibung, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als sei der Mix der Motive früher etwas vielschichtiger und geheimnisvoller gewesen. Mehr vom "Talent" gespeist und nicht so sehr von macherischer Cleverness. Als sei es damals oft darum gegangen, die wahren Motive von jemand erst herauszufinden. Spass und Kohle, das scheint mir heute allzu vordergründig und eindimensional die Motivation zu sein. Schlager und Pop sind enger zusammengerückt. Die sich ach so international gerierende Popmusik mag in Wirklichkeit und genau analysiert auch nichts anderes sein, als der (deutsche) Schlager. Es gilt bei beiden „Kategorien“, möglichst vielen Leuten zu gefallen, sie auf allen Ebenen anzusprechen und sich damit möglichst oft zu verkaufen (was offenbar schwieriger geworden ist). Positiv sein um jeden Preis. Das Abkacken der Welt vergessen. Möglichst leicht vermarktbar sein.

Beglaubiger, Superstar und Künstlerdarsteller

Eingeflossen in diese folgenden Betrachtungen sind vor allem Erfahrungen, die ich in den zurückliegenden Tagen mit den zahlreichen Medienerzeugnissen zum Erscheinen von Herbert Grönemeyers neuer CD „Tumult“ gemacht habe. Zudem und ergänzend sind da journalistische Erinnerungen, Beobachtungen und Notizen aus den zurück liegenden Jahren. Es scheint mir, dass in diesen Tagen auf nahezu allen medialen Kanälen eine Marke gepflegt werden soll, dass ein Interesse nicht mehr geweckt, sondern vor allem bedient werden soll. Die Marke und ihre redundanten Marotten nannte das Bildungsbürgertum früher „Stil“.

Dabei scheint es auch darum zu gehen, dass eine Projektionsfigur ihr Seelenleben vor uns ausbreitet, sensibel zwischen Gegensätzen schwankt und sich kantig reibt, andererseits aber doch die ziemlich opportunistischen Bedürfnisse des „Marktes“ bedient, - beides. Auch scheint sich die Figur des jeweiligen Popstars längst von der real lebenden Person gelöst zu haben. Ein moderner Mythos will auf diese Weise gefüttert und so bedient werden, dass möglichst viele Käufe ausgelöst werden. Es werden der Figur auf diese Weise Facetten verschafft, auf die ein gemeines Publikum offenbar nur mit dem staunenden Begriff „Künstler“ reagieren kann. Ein produktives Mysterium halt.

Der Mann (meist sind es Männer…. auch so ein Grönemeyer‘sches Paradoxon...) macht etwas aus sich und aus seinen Liedern, gerade so, wie es der Gesellschaft passt, wie es ihr Ideal ist . Eine Rolle gerät außer Kontrolle und will doch immer wieder eingefangen werden, indem man sie und sich anpasst oder sie pflegt (was nicht gar so überraschend erscheint, denn ein „moderner“ Mensch ist in vielfältiger Weise gezwungen, Rollen zu spielen und Rollenkonflikte auszuhalten….). Es geht darum, ein Ego aufzublasen, das einen Künstler darstellen will und muss, der einerseits weit entfernt ist von der Existenz eines gemeinen Menschen und andererseits doch die Träume und Projektionen dieses "normalen" Menschen verkörpert, der nah und gleichzeitig fern ist. Zudem scheint dieser Star den Zwängen seines Geschäfts ausgeliefert und will sich oft so darstellen. Es geht bei der ganzen Bemühung offenbar um Vitalität, Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. 

Es geht auch darum, ein Ego aufzublasen, dass nicht nur sämtliche Fernsehformate, sondern auch Stadien zu füllen imstande ist. Das eine Art Gewährleister für Authentizität ist, dort, wo Authentizität kaum noch vorkommen darf, nämlich im Alltag der im Publikum applaudierenden Leute. Sie gilt es mit der Illusion einer Unmittelbarkeit, einer leibhaftiger Anwesenheit und tatsächlicher „analoger“ Gegenwart eine generelle Beglaubigung zu bedienen. Es gilt, etwas darzustellen: ein Ego, das ständiger Wandelbarkeit unterliegt, und doch immer bei sich selbst bleibt, - ein Ideal der Selbstoptimierung. Es geht auch darum, auf möglichst öffentlichkeitswirksame Weise auf uneitle Art Eitelkeiten zu pflegen. Eines der höchsten Ziele scheint dabei zu sein, sich als einfacher Mensch darzustellen und gleichzeitig den fernen „Superstar“ darzustellen, in aller Austauschbarkeit so etwas wie eine unangepasste „Haltung“ darzustellen und sich gleichzeitig allen Mechanismen des Geschäfts (z.b. scheint Interesse für einen Künstler oder sein „Album“ nur zu entstehen, wenn etwas Neues von ihm erscheint….) so willig wie selbstverständlich zu unterwerfen. Dies alles in diesem Blog ist keine Kritik oder ein Vorwerfen, sondern will Beobachtungen bündeln, Kritisches in den Raum stellen.

Popgeschäftsmechanismen

Ich frage mich, wieso ich mich immer weniger für einzelne Titel, immer weniger auch für Pop& Jazzalben insgesamt interessiere. Vielleicht weil ich immer deutlicher den gesellschaftlichen Zusammenhang sehe, als Teil einer Betäubungs- und Beträufelungsindustrie, in der der Konsument seinen persönlichen Geschmack als Merkmal der Unterscheidung pflegen kann? Das Spiel könnte lauten: wer hat den exquisiteren und „erarbeiteten (elaborated)" Geschmack? Ob mir dieses Stargehabe, dieses Heraushängen von Statusmerkmalen wie Lebensstil, Villenbesitz oder Sportwagen zunehmend verdächtig erscheint? Ob sich gewisse „Popstars“ als diejenigen profilieren wollen, die es „geschafft“ haben? Tatsache ist, dass mir dieser ganze Zirkus in seinem Zusammenhang zunehmend zuwider geworden ist. Diese daran hängenden Mechanismen der Vermarktung, der Imagebildung und der Beeinflussung des „gemeinen“ Konsumenten, sie schaffen gewiss auf der einen Seite ein Gegengewicht zum subventionierten Kulturbetrieb und seinen großen Kulturtempeln wie Staatstheater und gebenedeite Konzertsäale. Aber mit zunehmender Professionalisierung scheint mir da ein Maß verloren gegangen zu sein, eine Art des Gefühls für den „normalen“ Zuhörer und Konzertbesucher. Da scheint mir hier die Welt der hochvermögenden „Megastars“ und dort der ständig verarmenden Massen, die es nicht „geschafft“ haben. Ob die Unterhaltungsindustrie etwas damit zu tun hat, was schon das alte Colloseum in Rom befeuert hat? Ob die scheinbar „alternativen“ Kräfte im Popgeschäft nicht einfach zu denen gehören, die es noch nicht geschafft haben und dafür alles tun würden, zu der Sphäre der „Stars“ aufzuschließen? Ich bin da mit der Zeit immer skeptischer geworden.  

Steigerung

Fette Rave oder Techno-Parties ohne Drogen? Scheinbar undenkbar. Oktoberfest? Wies‘n ohne Bier? Undenkbar. „Höhere Kreise“ dieser aktuellen Gesellschaft scheinen zumindest leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus fröhnen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben….Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreise sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und Außen zusammen fallen. Schon die alten Romantiker wie Tieck, Eichendorff oder Novalis mochten so etwas im Sinne gehabt haben, teilweise mit anderen Mitteln als mit Drogen… möglicherweise kann der Phantasie auch anders auf die Sprünge geholfen werden. Manche Romantiker meinten, dass auch die Poesie ein gutes "Pegasus“, also ein Pferd zum anderen Ufer, sein könne.