Erfahrene Beobachtungen

Hatte ich besonders im lokalen Umfeld als Journalist die Erfahrung gemacht, dass die netten Musiker oft langweilige Musik machen und die üblen rücksichtslos arroganten Gesellen das Aufregende, Neue? Nun ja, zu einer gewissen Zeit ging man hin, machte ein Interview, versuchte zu verstehen, ging auf jemanden ein, übersetzte in andere Gedankenwelten. Es stellte sich etwas Persönliches her. Doch wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen, Vertrauen herzustellen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst und unbewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht wissen woher sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Dass sie zwischen Kulturen stehen. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Manchmal schien es mir so. Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten könnte, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Wo bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?

Samtene Erde

Sie hat sich auf vielerlei Kanälen bewiesen, wurde weit über die Region hinaus bekannt und prominent. Sie trat unter anderem mit Helmuth Hattler und mit der SWR Bigband auf, sie coachte bei RTL die „Superstars“ und wirbelte überall herum. Langsam aber sicher scheint sie sich in das Fusion-Umfeld und die Jazzgemeinde begeben zu haben, so kommt es einem vor. Doch Fola Dada kann ihr Fach, kein Zweifel. Sie experimentiert und probiert aus. Sie holt sich offenbar überall das ab, was sie für sich brauchen kann. Es lohnt sich einfach, ihr zuzuhören. Tolle Stimme, gewiss. Aber das haben andere auch. Sie aber scheint einem etwas melodisch einflüstern zu wollen, sie phrasiert mühelos, braucht offenbar nichts vorzuzeigen, alles scheint bei ihr relativ lässig integriert. Aus der eigenen Entfernung haben wir sie nach und nach verfolgt, haben ihre Entwicklung mit Sympathie begleitet. Aber wieso macht das nicht eine größere Gruppe von Leuten? Wieso ist sie als Sängerin nicht plötzlich hip? Hier in der Region Stuttgart kommt ihr jedenfalls so etwas wie Hochachtung entgegen. Meist von gestandenen Musikern, Leuten, die etwas von davon verstehen, die sich auf Gesang einlassen können.

 

Jetzt veröffentlicht sie ihr neues Album „Earth“. Warme, Samtene Klänge umschmeicheln ihre Stimme. Die Begleitband habe sich im Club Bix gefunden, so heißt es. Dies ist ein Jazzclub inmitten der Stadt, der sich zum Inkubationszentrum für Musiker aller Herkunft entwickelt hat. Diese Musiker bereiten ihr jedenfalls eine sehr passende und anschmiegsame musikalische Umgebung, die einen bleibenden Eindruck vermitteln kann. Das alles schleicht sich ins Bewusstsein, um sich dort festzuhaken und vielleicht in Träumen aller Art wieder aufzutauchen. Die weichen Klänge, das im besten Sinne gefühlige Spiel, der „innere“ Groove.... Da mag es sich auch lohnen, den Tonträger in bestmöglicher Qualität zu erwerben. Eine weiche Kontrolle über die musikalischen Vorgänge liegt über dem Album, eine Lässigkeit, die nichts mehr beweisen muss. Da träufelt sich „any questions one answer – love“ als zweiter Titel ins Bewusstsein, getragen von fließenden Klängen eines E-Pianos Auf diese Art würde man ihr die Botschaft des Songs abnehmen. Auf diese Art geht es weiter auf diesem Album: Sanft und samten übernimmt der Hörer, nimmt auf und entdeckt den Widerhall in sich. 

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Zeit und Geheimnis

Was früher die Welt der Rock- und Jazzmusik umgetrieben hat (nein, früher war nicht alles besser!)? Unter anderem ein Begriff von „Entschleunigung“. Ein „Sich entgrenzen“. Dies mag oft zu Drogenmissbrauch geführt haben und war somit diskreditiert. Doch es gab auch andere Wege. Musik stand für so etwas wie „Weiße Magie“. Es bedeutete eine Suche. Nach Freiheit, diesem so oft missbrauchten Begriff. Eine Sehnsucht. Was das bedeutete? Über oft kommerziell geprägte Erwartungen hin weg gehen, Klischees vermeiden, einen anderen Weg suchen. Was heute unter dem Begriff „Achtsamkeit“ in esoterisch gesinnten Kreisen abgefeiert wird, war „damals“ wie selbstverständlich Bestandteil dessen, was Musik sein konnte. Es ging keineswegs, die Kunststückchen zu bieten, die ein naives Publikum verblüffen konnten. Es gab auch genügend Künstler, die sich solchem Musizieren verschrieben hatten. McLaughlin strebte nach Erleuchtung, Weather Report hatte neben Zawinul einen offenen Geist wie Wayne Shorter, Ravi Shankar war noch aktiv, Santana wähnte sich mit „Love Devotion Surrender“ auf einem Weg...usw. „Im Geheimnis sein“ war ein Ziel, das viele Musiker auf unterschiedlichen Wegen anstrebten. Ein Sonderling zu sein, war ein tapferes Ziel. Wie sehr sich die Zeit und den sie durchwehenden Geist seitdem gedreht hat! Was heute erkennbar ist, scheint dem allem Hohn zu sprechen. Ein klein bisschen anzapfen könnten wir jene Ideale, ein wenig davon zu übernehmen, uns inspirieren lassen, - ob das möglich wäre?  

Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

Stimme und Ausdruck

Jetzt ist Aretha gestorben. Ray Charles und James Brown sind schon lange tot. Was faszinierte uns an ihnen? Weil sie Soul als Seele hatten. Tiefe Empfindung. Starke Stimmen, die uns beeinflusst haben. Weil sie Extremes zum Ausdruck brachten. Weil sie auf ihre Weise zu uns vordrangen. Klar, am Ende konnten sie auch gut singen. Aber im Wesentlichen war es ihre Stimme, ihr ureigener Ton, der uns überwältigte. Das, was sie emotional übermitteln konnten. Die per Gospelchor geübte Aretha hatte noch einen gewissen feministischen Unterton, der uns alle gefiel. „Respect“. Auch wenn es bei der Formel, bei der Stimme blieb... und hierzulande kaum jemand über das Inhaltliche nachdachte. Es war ein schöner Verlauf, ein berührender Song, der gewisse Situationen und Gefühle einfing. Eine tolle Stimme. Das Sinnliche. Ob es in diesem Falle ablenkte? „Respect“ stand für ein gewisses Aufbegehren dem latenten und offenen Rassismus gegenüber. Es wollte, so mochte es manchem vorkommen, auch eine Botschaft transportieren. Ob das geklappt hat?

 

Zweifel mögen erlaubt sein. Vielleicht ist es ein Weg solcher Gestalten gegenüber die Gegenrichtung einzuschlagen. Einen betont lässigen, dem Alltag entrissenen Gesang zu versuchen, mit anonymisierten Stimmen, im Vordergrund und im Hintergrund. So, wie die Realität es malt und klingen lässt. Vielleicht auch mal dünn, schwach und begrenzt. Und nur in Fetzen verständlich. Ob wir skeptisch dem gegenseitigen Verständnis gegenüber geworden sind? Keine Bemühung, Power zu erzeugen. Eindrucksvoll durch sich selbst sein. Und das als Modell vortragen, nachdem uns die Kopien der Kopien ausdrucksstarker Stimmen so gelangweilt haben. Neuer Minimalismus. Vielleicht. Wie schon erwähnt, - eine Möglichkeit.