"Szene"

Es scheint mir unter dem Popvolk, wie in der übrigen Gesellschaft! eine Verwirrung zu herrschen, die keineswegs kreativ ist und letztlich nur die Fraktionierung der Gesellschaft befördert. Alles, jegliche Diskussion, scheint sich in irgendwelche Nischen von Spezialisten zu verlagern, die „Auskenner“ dominieren überall und verteidigen ihre Claims erbittert. Alle anderen haben ja sowieso keine Ahnung! Daneben herrscht ein riesiger Markt von genormten Produkten, der die Masse Mensch überschwemmt und sie mit allen Mitteln zu überwältigen und zu überrennen versucht. Showbusiness as usual. Was ich bei Konzerten gesehen habe: Da scheint es immer noch die Männer in ärmelloser Lederweste zu geben, mit der Spoilerfrisur und dem in den achtziger und neunziger Jahren eingeübten Verhalten. Enge Sackhosen mit lederverziertem Schritt samt Cowboystiefeln und Luftgitarrenkult mit breitem Grinsen zu den alten Riffs. Soli bis zum Abwinken. Aber nur Gitarrensoli! Frauen scheinen hier nur ergebene "Fotzen". Mittlerweile trete ich ihnen anders gegenüber als noch vor 10 Jahren..... Beim andern Konzert sind die ehemaligen Hippies unter sich, mit unterlaufenen Augen und arg ausgebeulter Bluejeansjacke, die auch einige Gramm von irgendwelchem Zeug bergen könnte. Der verklärte Blick gehört dazu, die Nickelbrille und die Anrede „Du ah äh….“ Ich habe früher schon über solche Phänomene gestaunt und mir oft gedacht: „Wo kommen die her?“. Diejenigen, die auf der Höhe des Zeitgeists sein wollen habe ich auch im Blick... sie wollen "was Ordentliches, das knallt...". Sie sind oft finanzkräftig und stellen gerne ihr cooles Gebaren aus. Die Nerds laufen auch noch rum. Sie kennen sich zu jedem Detail aus, haben sich seriös informiert, wissen genau Bescheid und blicken etwas verspannt auf der Szene herum...

Anleihen

Ich erinnere mich noch, wie einst die Leute bekämpft wurden, die einen wie auch immer gearteten Brückenschlag zwischen folkloristischer Musik außerhalb des anglophonen Sprachraums und der gängigen Popmusik versuchten (Oberflächlichkeit war damals so ein gängiger Vorwurf, - als sei ausgerechnet Popmusik ein Beispiel für kulturellen Tiefgang!!, - von Kolonialismus und Imperialismus war gerne mal die Rede, von Dünnbrettbohrereien, Oberflächlichkeiten und zu schneller Effizienz (ich hörte in Gesprächen oft, das alles sei „zu schnell“ produziert und zusammengeschustert…). Positiv schien das so gemeint zu sein: Man wolle „fremde“ Kulturen ernster nehmen, ihnen nicht ihre Identität klauen. 

 

Mittlerweile ist es wohl an der Zeit, den Vorwurf umzudrehen und denen entgegen zu halten, die mit ihrer anglophonen Scheise die ganze Welt überschwemmen, die „ihre“ Popmusik als Maß aller Dinge sehen wollen, weil sie ja die großen Medienkonzerne samt Vertriebskanälen halten und dafür die Macht inne haben (jawohl, es geht um die Macht über Vertriebskanäle...). Jegliche „andere“ Musik wurde von ihnen als „irrelevant“ bezeichnet, damit sie den Markt mit ihren speziell formatierten Produkten besser überschwemmen konnten. Oft genug erhoben sie auch noch den Anspruch, sich mit ihrem Geschmack und mit ihren „Produkten“ als das Wichtigste der Welt und „Referenzpunkt“ zu verkaufen… Bah! Welche Arroganz! Klar, inzwischen hat sich der ganze Freizeitmarkt stark verändert, die sozialen Medien spielen ihre globale Rolle, die Popmusik ist als Showbusiness ganz und scheinbar mühelos ins Geflecht wirtschaftlicher Interessen gewechselt, usw. In Wirklichkeit scheinen mir aber diejenigen die Imperialisten zu sein, die andere überschwemmen, überwältigen und ausbeuten wollen mit ihren „Produkten“. Vorläufig noch…..

Times they are changing

Was mir anlässlich des neuen Albums mit Johnny Cash und Bob Dylan auffiel: Die einen, die neuen, machen blanken Mainstream-Pop und wollen sich nicht dazu bekennen, sie teilen mit, dass sie etwas ganz Besonderes geschaffen haben...etc.. Sie fühlen sich immer noch als etwas Besonderes, als Inkarnation des „Künstlers“. Die anderen, die alten, kramen irgendwelche Bänder aus irgendwelchen Archiven und entdecken darauf Material, das sie schleunigst veröffentlichen, gebenedeit durch ihre eigene sonnige Ausstrahlung einer großartigen Bedeutsamkeit. Das Popgeschäft scheint mir sehr dekadent geworden zu sein, wobei sich „die Alten“ gerne anschließen, solange ein bisschen Kohle für sie heraus kommt. Es geht in diesem Showgeschäft nur um das Geld, was so neu nicht ist, in dieser Radikalität dann aber doch überrascht. Es müssen Villen, tausend „inoffizielle“ Kinder finanziert und ein gewisser Lebensstil gesichert werden, - zudem bedeutet Geld Anerkennung. Die großen Namen schlachten ihren Namen noch einmal aus, lassen in vergangenen Zeiten und deren Bezüglichkeiten schwelgen, während sie selbst in ihrem Egoismus zu baden scheinen. Sie verraten so ziemlich alles, wofür sie einmal zu stehen schienen, sie werden dabei Millionäre und Milliardäre und wirken gerne am Geflecht dieser rücksichtslosen Realität mit, sie reihen sich ein und bestärken sie. Die neuen wollen Kunst produzieren und bedienen dabei einen Massenmarkt. Worin die Widersprüche liegen, wird gerne als neue Unübersichtlichkeit und Notwehr getarnt oder verklärt.

Schubladenmusik

Format, Schublade, Scheuklappe, Kisten, Denk- und Fühlklischee? Mir fällt auf, dass eine gewisse Neugier und eine prinzipielle Offenheit gewissen Spielformen der Musik gegenüber total in die Defensive geraten ist. Da wird nur noch das gehört, was die Vielen Heavy Metal nennen, Deep House, Club, Pop, Progressive, Elektro, Folk, Alternative, Ambient, Country, Indie (und noch vieles andere). Wahrnehmungsblasen, Resonanz- oder Echokammer, geschlossenes Weltbild sind angesagt. Dabei wäre meiner Meinung nach diese spezielle Offenheit dem Unerwarteten ein positiver Zug der Musik generell gegenüber, der unser Bewusstsein offen zu halten imstande wäre. Gängige Argumente dagegen sind aber: Man könne nix anfangen mit einer gewissen Art von Musik, man kenne den Code und die Zusammenhänge nicht, sie gehöre einer gewissen Szene an, die man sowieso nicht verstehe und der Maßstäbe man keineswegs teilen könne... usw. Dabei ist es doch genau dies, was einem neue Perspektiven und Ausblicke verschaffen könnte. Das Überschreiten von Denk- und Fühlklischees, das Kennenlernen anderer Erfahrungsräume und Motivationen, das spielerische „Sich Vortasten“ in andere Erfahrungsräume, das könnte das Neue ermöglichen und Leben ausmachen oder nicht? Wieso Beschränkungen akzeptieren, die oft genug auch noch in einem bestimmten geschäftlichen Interesse gesetzt sind? Ja klar, wir wollen Schneisen schlagen, wir brauchen Muster, um etwas zu erkennen, wir wollen Orientierung, wir wollen etwas begreifen…. Doch erscheint es mir ein ungünstiger Einfluss zu sein, den da gewisse Radioformate, gewisse Streaming- und Hostdienste ausüben. Sie fördern das Denken in Schablonen, das einem Ur-Impuls der Musik krass entgegenläuft, das ihm total widerspricht. Wer sich als Künstler sieht, sollte das extrem nachempfinden können, - doch leider ist es so, dass gerade hier das Schubladendenken extrem verbreitet ist. Fixierung ist angesagt, auch wenn es anders genannt wird.

Bedürfnissbefriedigungsmaschinen

Ich scheine langsam aber immer intensiver zu begreifen, dass auch und gerade die Popmusik ein Medium, ein Mittel zu sein scheint, das in eine Technik der sozialen Verdrängung zu führen scheint. Sich hinweg träumen, sich ablenken, sich betäuben, sich suhlen und dann aufgehen in einem Gefühl der Masse, oder in kollektiven Genuss, könnte eine Strategie sein, die politisch sehr gefährlich sein könnte, die im wirtschaftlichen Sinne aber "etwas" sein könnte, um "etwas" besser zu verdauen, - aber keineswegs mit ihm fertig zu werden. Gerade der deutsche Schlager in seiner vergangenen, aber auch in seiner aktuellen Form, könnte dazu viele sehr offensichtliche Hinweise liefern. Aber auch die internationale Popindustrie samt ihrer Ablegern in der Nostalgie- und Mechandisingindustrie liefert dazu Anschauung. Es könnte darum gehen, „Spass zu haben“, sich gut zu fühlen, abseits aller garstigen Realität. Technokraten der Seele (oft Psychologiestudenten) erfüllen spezialisiert darauf einen "Job". Das innere Erleben also, das oft nicht reich sein muss, sondern meist (wie bereits erwähnt) recht normiert in ein Aufgehen in der Masse oder dem von der Industrie geschaffenen Kollektiv mündet, - einem einig sein (mit sich und den andern) damit, - könnte dabei erleichternde Effekte liefern, könnte eine Art Ventil für die Verhältnisse abgeben. Die künstlerische Ausdifferenzierung scheint unter diesem Aspekt nur eine Methode dazu zu sein, dass „jeder Topf sein Deckelchen findet“, also bestimmte Bedürfnisse vergleichsweise differenziert befriedigt werden können (was generell eine Methode der Wirtschaft zu sein scheint).

Es geht also um Bedürfnisbefriedigung, um Produkte, um Marketing, um die teilweise raffinierte Verknüpfung von Bedürfnissen und Produkt, - (sehr viel) weniger um künstlerische Anstrengung. Dazwischen haben sich aber doch Individuen durch künstlerische Bemühung heraus gebildet. Künstler scheinen mir in ihrer Mehrzahl allzu bereit zu sein, ihrem eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Fortkommen zunutze, dies in all seinen Erscheinungsformen zu akzeptieren. Sie machen sich zu gerne zu Sklaven, Ausnützern und Tricksern, wenn sie entsprechend abgegolten werden. Gewisse Formen des Showgeschäfts scheinen diese Erkenntnis zu unterfüttern und geradezu bestärken zu wollen. Modernere Formen von solchen Bedürfnisweckern und „Hinweise“ gebenden Bedürfnisbefriedigungsmaschinen, von der Industrie geprägten Absatzförderern und Konsumagenten wie etwa Influencer (die meist so gar nichts Künstlerisches an sich haben...), scheinen mir gerade in einem solchen wirtschaftlichen Prozess sehr passgenau zu agieren.