Angestelltenpop

Der gut angezogene und abgewaschene Angestellte zeigt mir mit einem Lächeln, wie man mit dem Computer „richtig“ Musik macht. „Nachmachen, aber nicht jeden Ton, sondern das Schema erfassen“, so seine Empfehlung. Dass Musik eine Abenteuerfahrt sein könnte, ein aufregendes Experiment, vielleicht sogar eine Suche nach Menschwerdung, dass man damit etwas sehr Persönliches transportieren könnte, scheint in seinem Kosmos nicht vorzukommen. Der Gesamtzusammenhang des Menschen, sein Ausdruck, scheint auch keine große Rolle zu spielen. Es geht darum, etwas „richtig zu machen“ möglichst schnell und effizient zu einem Ziel zu kommen, das in der Popmusik klar definiert ist: Beliebtheit, Umsatz….. Ein Prozess der Effektivität, technisch optimiert. Er macht auch Werbejingles „für die Industrie“ und scheint davon gut leben zu können. Ich lasse meine Phantasie spielen und komme zu dem Ergebnis, dass ihm wohl etwas von den „Vorgesetzten“ in Umrissen geschildert wird, was er realisieren soll. Er nimmt diesen gegebenen Rahmen und füllt ihn mit seinem eigenen Tun aus. Aber: alles ist vorgegeben. Das Ergebnis wird verworfen oder akzeptiert. Wie bei einer Werbeagentur. Das alles, der ganze Prozess mündet dann in das, was er selbst und viele andere Personen gerne als „professionell“ bezeichnen. Er stellt seine Person in den Dienst der ihm vorgegebenen Sache und kassiert Kohle dafür.

 

Ich merke, wie ich jetzt empfänglich für seine Tipps werde. „Ach, das habe ich auch noch nicht gewusst…!“. „ach, das geht so einfach!“?, „ach, das klingt ja gut….“. Man „produziert“ Musik, wird Teil einer Kampagne zur Überwältigung von Menschen. Kaufen und konsumieren heißt das Ziel. Bis jetzt habe ich das noch nicht so anstandslos geschafft. Ich hatte wohl zu viele Bedenken. „Komponieren“ heißt hier die Aneinanderreihung von Mustern, die man tunlichst beherrschen sollte. 

Vom Musiker zum Know How-Spezialisten

Heute tun Sparkassenangestellte und beschlagene Technokraten Dienst im Musikgeschäft. Sie sind die Direktoren und Gebieter des Geschehens. Sie zeigen einem, wie's geht. Man wird von ihnen unterwiesen in allerlei Techniken, - selbstverständlich in kostenpflichtigen Kursen, die sie dann leiten und die ihnen eine gute Einkommensgelegenheit samt Aufmerksamkeitsfaktor bescheren . Zuerst scheint es darum zu gehen, ein musikalisches „Produkt“ zu schaffen, das "auf der Höhe der Zeit" ist. Der Umgang mit der gängigen Software ist – wie in anderen Berufen auch – das A und O. Das kann heißen, dass im zu erstellenden „Produkt“ Gimmicks und Features vorkommen sollten, die jetzt gerade angesagt sind, die die Leute scheinbar hören wollen, die in den Charts sind. Gewusst, wie! scheint die Devise zu sein. Sie wissen es, sie zeigen es, so wird einem suggeriert. Es geht offenbar nicht mehr darum, möglichst kreativ zu sein, indem die Grenzüberschreitung gesucht wird. Es zählt vielmehr eine Art Kreativität im Kleinen, eine bestimmte Aufgabe, eine Konstellation, die eingebettet ist in eine größeres Projekt. Danach geht es darum, das Produkt möglichst gut und effektiv zu verkaufen. Sich verkaufen ist ohnehin das Wichtigste. Das Internet erlaubt heute eine Selbstvermarktung, für die man nicht notwendig eine Plattenfirma (wie früher) braucht. Doch das Tückische Daran: der oder die einzelnen können nicht überblicken, welche Aspekte das „professionelle“ Geschäft alles umfasst: Marketing, Platzierung in den social media, Covergestaltung, Präsentation, Booking, Besetzung bestimmter Medienevents, Erzeugung von speziellen Effekten in der Musik und außerhalb, wozu auch generell eine optische Präsentation und die mit allen Mitteln angestrebte Erregung von Aufmerksamkeit sowie ihre Bewahrung gehört. Sich platzieren im Ensemble des Ganzen (im "Markt"), per Facebook oder Youtube, die Medienkanäle für sich nutzen, aber auch per Homepage (mit ihren Abverkaufsmöglichkeiten): das ist die Aufgabe, die sich stellt. Was entsteht so? Marktwirtschaftliche Musik. Verschiedene spezialisierte Akademien können einen das lehren.  Sie werfen jedes Jahr weitere "Bewerber" als Absolventen aus.....die womöglich alle dasselbe gelernt und verinnerlicht haben. 

Frühe Impulse

Das sind Notizen, die ich zu meiner eigenen Musik gefunden habe: "Ich will mich nicht perfekt akademisch abgestimmt und unterfüttert in die Techno-, Elektro- und Popszene schleichen, um dort als „Alleskönner“ zu brillieren..... ich will mich dazu auch nicht "spezialisieren", sondern will den Ausdruck, der meinem manchmal sprunghaften und widersprüchlichen Ego entspricht….. (was niemand von mir annimmt...ich gelte wohl weithin als genau kalkulierender „Hirni“). Ich will etwas vom ursprünglichen Punk-Impetus in meiner Musik haben, vom Dilettantischen, Expressionistischem, das auf dem subjektiven Ich beharrt und es gegen den vermeintlichen Feinsinn der „Kulturmenschen“ setzt (da ist beispielsweise der Einfluss des „Steinzeitmenschen“, ich fühle mich zu ihm hingezogen….). Ich will das „Primitive“ preisen, das "Unbehauene", das, was in unserem Rückgrat haust und uns über viele Jahre hinweg zu Menschen gemacht hat, wie es sie heute gibt (bald nicht mehr?), es gibt Zeugnisse des frühen Willens zum Ausdruck (die mich immer faszinierten...), aber da ist auch die Evolution, die schillernde, der Mensch will sich derzeit mittels Hilfsmittel darüber erheben. Ich will die Improvisation gegenüber der Berechnung verteidigen, die Improvisation gegenüber der Komposition. Ich will auch in die Hölle, in das Unangenehme, Ekelhafte und Hässliche eintauchen und ihm akustische Konturen geben, sie einbeziehen in den Kosmos meiner Möglichkeiten....denn es ist ohnehin in uns......"

Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen?