Digital gequetscht

Nils Petter Molvaer: seine Scheiben scheinen sich beständig zu drehen und neue Seiten an sich zu offenbaren. Ich sitze und höre „Solid Ether“ aufmerksam zu, dann „Khmer“ und „NP3“, wobei mir Instrumente und Verläufe auffallen, die in etwas Neues hinein führen. Zunächst nicht funktionierende CD-Kopien können mich dabei nicht bremsen. Ich kämpfe das durch und gelange stolz zum Hörgenuss. Da sind diese kratzigen Klänge, die in Elektronik gebadet scheinen, die auf hypnotischen Maschinen-Rhythmen tanzen, zerfetzt, verletzt, verwundet und sodann wieder in Schönheit strahlend, Bögen ziehend, aus dem Chaos aufsteigend, aus dem Grauen ins Goldene zielend, aus Sphären des Hintergrunds und wieder zurück blökend, sanft, dreckig wüst, aus Wolken hinein in ein Sandstrahlgebläse in Getragenem aufgehoben hinaus ins hektisch Getriebene, vom leise Zurückhaltenden hinaus in laute Betriebsamkeit, vom Maschinellen ins individuell Isolierte, ins traurig Suchende und im Nebel stochernde Unsicherheit, das aus dieser Zeit kommende über Rhythmen tanzende Etwas, aus digitalen Räumen gequetscht, mit Nachhall versetzt, aus Träumen gemacht in zerfließende Melancholien befeuert, aus der Scheise in den Äther strebend, zerkräuselt, auf Ruinen zerfetzt tanzend, pumpend eine Existenz zu entziffern suchend, röcheln, hechelnd dem Sein nahe, in Ignoranz und Dunkelheit abtauchend, sich ablösend in zerfließende Verheerung, schürfend und schroff schnorchelnd.

Eines dieser Alben

Ich nehme mir eine der CDs vor, die mich einst auf ihre Weise angesprochen hatte, weil ich das eigene Beherrschen der Gitarre, diese scheinbar eindringliche Stimme und das einigermaßen glaubwürdige Darstellen einer Figur da herauszuhören glaubte. Der Mann absolvierte große Tourneen durch große Hallen, hatte dazu fähige Bands beisammen, war im Sinne der Popmusik sehr erfolgreich. Ich lege mit einiger Neugier auf und höre eine freundlich produzierte CD, mit einem Schuss Folklore, aber nicht zu viel, ein bisschen bluesy, aber bloß nichts roh oder gar rau. Nichts geht da an irgendeine Grenze. Ich schlittre von einem Titel in den nächsten. Da ist nichts von einer Dringlichkeit, da strömt nichts, was etwas mit „Wahrheit“ zu tun hat, da ist alles wohl abgewogen und gut produziert. Wohlklang komfortabel. Luxus, in Luxus gebadet. Jetzt umstrickt mich da eine anvisierte, aber nicht ganz erreichte Folklore-Glaubwürdigkeit, aus dem Wohlfühlkabinett, die durch diese lockere Swimmingpool-Atmosphäre relativiert wird, durch diese Mühelosigkeit, die mir einst gefallen hat und die ich als natürlichen Ausfluss einer Musikalität deutete. Das ist für „freie“ Menschen, die gut situiert und alimentiert dem Tod entgegen vegetieren. Diesen "Artist" habe ich auch aus den Augen  verloren. Er war mir schlicht nicht mehr wichtig genug. Ach, diese wohlgestaltete Melancholie! Das alles konnte man sich leisten als wohlsituierter Pop-Senior. Das stellte man auf dieser Cd aus. Und das gab es damals in seiner Wohlabgewogenheit zu bestaunen. All diese freundlichen Anklänge. Könner halt. Smart wie das exotische Gewürz in der Kochshow: Der weiß, wie es geht! Jaja, das war noch die Zeit des „der“. Die Dominanz der Patriarchen. Inzwischen scheint sich alles geändert zu haben, auch die Stellung des Weiblichen im Popgeschehen!

Leuchtpunkte

Da waren lauter farbig attraktive Punkte und grafisch anziehend gestaltete Vierecke, in denen auch noch etwas Geheimnisvolles schlummerte. Wir drückten uns die Nasen an Schaufenstern platt. Das war wie Weihnachten, war im strahlenden Geheimnis, offenbarte etwas, was uns als Versprechung lockte. Musik war in weitgehend festgelegten Albumlängen, in fixen Portionierungen gepackt, die man haptisch sogar be-greifen konnte. Das Äußere, das Grafische Illustrierte, das Innere. Es gab einen Zusammenhang, - zumindest in unseren Köpfen. Eines war klar: So und so viel passt drauf... basta! Jedes dieser so anziehenden Dinge umfasste eine zeitliche Einheit, sagte etwas über seinen Urheber aus, war zu erschließen, stellte einem Aufgaben. UrheberInnen gab es, sie waren in ihrer femininen Form aber selten. Meist dominierten Gruppen oder Bands, mit männlichen Langhaarfrisuren. Kollektives Schaffen hatte noch einen Raum. Heute gibt es meist die überzogenen Egos, das Dahinter spielt sich in anonymen Kollektiven ab, die bestenfalls eine Erwähnung auf verkauften „Alben“ wert sind. Trotz allem Nostalgiegeraune sind auch keine „Alben“ als künstlerisch und kommerziell bestimmte Zyklen mehr entscheidend, sondern einzelne Titel, Tracks, die möglichst schnell zur Sache, zum Refrain kommen sollen. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, die Konkurrenz bespielt den gesamten Freizeitmarkt. Aus einer Rockmusik, die auch aus künstlerischen Antrieben heraus etwas riskierte, ist eine genau auf eine Zielgruppe hin konstruierte Popmusik geworden, ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, dessen Verbreitungsweg kein auf Albumlänge gestrecktes Füllmaterial mehr kennt, sondern eine Datenansammlung ist, die beim Hören bei jedem Anlauf funktionieren soll: 30 Sekunden, - oder weniger. Playlist rules. Es steht nicht länger die Beschäftigung mit etwas Künstlerischem im Vordergrund, auch nicht ein festgelegter Veröffentlichungszyklus der auf den Punkt gebrachten künstlerischen Bemühungen, sondern ein Produkt, das vielmehr großen Konzernen als einzelnen künstlerischen Marken etwas einbringen soll. Es wird verdient. Nur das zählt. Es gab und gibt noch ein paar Indielabels, die anfangs als Symbole der Unabhängigkeit gefeiert wurden. Doch mit der Zeit wurden sie weniger, wurden aufgekauft und eingegliedert, gingen ein in ein großes Unterhaltungsgeschäft. Vielen von ihnen hatten wir ohnehin nicht so recht getraut. Nun waren manche von ihnen im Korruptionssumpf untergegangen. Alles war nur noch eine Frage des Geldes. Heutzutage gibt es ein paar Großkünstler, die ihren Nimbus aus alten Zeiten noch herübergerettet haben und mehr ihre Marke als ihre künstlerischen Bemühungen feil bieten. Nostalgia rules: früher war alles besser! Deshalb wollen wir noch einmal jung sein!  

Im Weißen Saal

Ich schrieb einen Nachruf für Jack Bruce im Oktober 2014 und mische dies mit sehr persönlichen aktuellen Gedanken: "Wie ging uns diese Stimme nahe! „White Room“ oder „Tales from brave Ulysess“ von der Cream- Live-Lp. Man lebte damit, es war fast, als drücke es einen selbst aus. Die dunklen abwärtsdräuenden Akkorde mit dieser Jack-Bruce-Stimme tätowierten sich einem ein. Überall: ins Gedächtnis, ins Gefühl und ins Gemüt. Und dann „Theme from an imaginary Western“: wie oft ging einem das durch den Kopf. Es war einer seiner unbestritten stärksten Songs. Pete Brown hatte die Lyrics dazu geschrieben. „When the wagons leave the City, for the Forrest and further on...“. Das alte romantische Wort „Sehnsucht“ und der Pioniergeist der US-Auswanderer des neunzehnten Jahrhunderts gingen da zusammen. Wie er das mit seiner Stimme gestaltete und ausformte! Das war groß. Vor etwas mehr als zwei Jahren, bei seinem Auftritt in Winterbach, da sang Jack Bruce auch diesen Song. Seine Ehefrau hatte Geburtstag und er war in Hochform. Mit ihr zusammen hatte er ja lange Zeit in Nellingen gelebt. Hier um die Ecke. In seiner Band hatte eingangs ein guter, ja ein starker Bassist gespielt und es wurde einem angst und bange, wie er selbst wohl danach aussehen würde. Wow, und dann zeigte er, was ein großer und toller Bassist ist. Er spielte nicht nur präzise. Das sowieso. Er war jederzeit in der Lage, auf die Ideen seiner Mitspieler einzugehen. Er spielte wunderbare flexible Linien auf seinem Bass, der diesen grummelnden, ganz leicht verzerrten Ton hatte. Er war frei und spielte gleichzeitig vom Blues und Rock kommende Strukturen. Er zeigte sich als ein Weiser dieses Instruments. Und nun ist Jack Bruce tot. Wie das? Er war ja immer da, hatte tolle Sachen aufgenommen und seine Stimme war stets ein Faszinosum gewesen. Faszinosum? Solch ein Wort geht uns normalerweise nicht so leicht von den Lippen. Aber bei ihm stimmte es. Es war einfach nicht bis zuletzt zu erklären, worauf die Strahlkraft dieser Stimme beruhte. Es zog einen immer wieder an. Der Mann hatte natürlich auch eine blühende musikalische  Phantasie. Er führte natürlich Jazz und Rock zusammen. Das behauptet sich heutzutage so leicht. Damals war das ein Wagnis.

Damals, in den Siebzigern, als seine Phase mit der „Supergruppe“ Cream zu Ende gewesen war und er zu sich selbst zurück kam. Er spielte unter anderem mit Dick Heckstall-Smit und mit Jon Hiseman, mit Clem Clempson, Gary Moore. Robin Trower und mit John Mayall, aber auch mit John McLaughlin, Tony Williams und Carla Bley: all diese großen Helden der Vergangenheit. Wo sind sie? Er war immer am Ball, auch nachdem er von Nellingen aus wieder Richtung England gezogen war. Alle wollten noch einmal mit ihm zusammen spielen, was sich unter anderem auf seiner 2014 erschienenen CD „Silver Rails“ dokumentiert. Aber er ging auch noch einmal mit Cream, mit Eric Clapton und Ginger Baker 2005 auf die Bühne. Man musste damals Angst um ihn haben. Er war ja so wacklig gezeichnet. Wir dachten kurz daran, was wohl wäre, wenn wir ihn nicht mehr hätten. Aber bei all dem schlechten Zustand: man zerschlug diese Gedanken wieder. Er war ja nicht so alt. Jetzt ist er mit 71 gestorben." 

Ausgezeichnet

Populärkultur. Meist werden da die Erfolgreichsten mit Preisen ausgezeichnet. Erfolgreich = kommerziell erfolgreich. Damen und Herren in Glitzerfummel treten dann zu irgendwelchen Galas an und die Medien reportieren brav. Was aber geschieht 2022 mit Kate Bush, die nach Jahrzehnten mit „Running up the Hill“ einen Megahit landete? Fällt aus dem Rahmen. Die begehrtesten Konzertkarten verkauften 2022 die Rolling Stones, The Cure, Genesis. Auch uralte Schlachtrösser, die teilweise ihre Abschiedstournee stemmten (wobei es niemanden erstaunen sollte, wenn darauf noch viele „Abschiedstourneen“ folgen). Komisch, alles retro, alles von gestern. Erfolgreichster Film war „Top Gun – Maverick“ mit Tom Cruise. Den Namen und den Titel, das Marketing-Logo hatte man ja auch schon mal mitgekriegt. Substanz da ist, wenn man derartig intensiv auf alte Sachen zurück greifen muss. Überhaupt: ob nicht bestimmte Sachen auch nach künstlerischen Kriterien ausgewählt werden könnten? Das wagemutigste, außergewöhnlichste und besonders gut produzierte Konzept? Vorgedrungen in bisher noch nicht gehörte Sphären? Traut man so etwas der Popmusik auch nach vielen Jahren nicht zu? Weil sie sich hauptsächlich durch ihre Verkaufszahlen, d.h. den Zuspruch der Massen legitimiert? Ob es da fiese Tricks gibt, mit denen man sich produktionstechnisch an den Mainstream der erfolgreichen Produktionen dran hängen kann? Möglicherweise hört man sich satt an solchen „Tricks“.