Zeitgeistpop

 Populäre Musik spielte immer schon mit vorgegebenen Formen, mit den Codices des Wohlfühlens. Der Entwicklung der Gesellschaft entsprechend gab sie sich in einem bestimmten Verhältnis dazu individuell, bildete den Zeitgeist der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit eigenen Mitteln ab. Sie war in Grenzen individuell. Beispielsweise ein Bob Dylan nahm die Formen auf, die ihm der Zeitgeist und das Grundgefühl des Aufbruchs gab. Aber auch die Inhalte. Er füllte die vorgegebenen Schablonen mit Eigenem auf. Die Prozesse der Vereinheitlichung, die eine größere Skalierung und Nivellierung zugunsten der Profitabilität bringen, auch der maschinellen Automatisierung, sind nach und nach so in die Popmusik eingezogen, dass sie mit der Zeit zu einer Entindividualisierung geführt haben, zu einem anonym vorgegebenen Wohlklang, der zunehmend normiert ist und von vorgebenen Codes bzw. Mustern abhängig ist, die nur noch minimal variiert werden. Überraschungen, die etwa durch die Individuen eingeben werden, sind selten geworden. Die vom anglophilen Markt zu uns vordrängende Popmusik ist stromlinienförmig, anonym und gleichförmig geworden, hörig den vorgegebenen Mustern. Es könnte darüber so etwas wie Schwarmintelligenz entstehen. Doch der Produktionsdruck, einen vorgegeben Output zu einer festgelegten Zeit abliefern zu müssen, ist größer.   

Einfädeln am Morgen

 „I get up in the morning, drink a cup of coffee, look out of the window, try to get it started….“ So beginnt der Texaner Lyle Lovett seinen Song „In my own mind“ und wir glauben manchmal, es seien unsere eigenen Worte. Dazu zieht und grillt er diese Worte in seiner eigenen Art. „I live in my own mind, ain`t nothing but a good time, no rain, just sunshine, out here in my own mind“. Wir wollen diese Einstellung zu uns herüber ziehen, sie uns zu eigen machen, auch mit seiner ureigenen Ironie. Lyle Lovett kommt aus West-Texas, wo im Unterschied zu Dallas oder Houston vor allem arme Leute leben. Der Mann selbst ist aber wohl kaum arm geblieben: hat Pferde, Hunde und seine funkelnde Ironie. Sein „Guten Morgen“-Song befindet sich auf der 2004 erschienen Scheibe „My Baby don`t tolerate“ auf der Dean Parks den Gitarristen geben muss. Der Mann ist und war ja bekannt für seine zurückhaltende, illustrative Art, Gitarre zu spielen. Manchmal gab es ein paar Einwürfe, ansonsten cleveres Hintergrund gestalten, illustrieren, bespielen, Akzente setzen. Hier auf diesem Album ist es anders: Besonders zu Beginn, im Titelsong, lässt er es fast vordergründig krachen. Er soll hier eine Art Texas Boogie machen, mit all diesen ZZTop-Klischees, die wir von tausend anderen Gitarristen kennen, von ihm aber nicht. Er muss hier offensiv spielen, was ihm nicht liegt, aber was er hier mit Bravour erledigt. So etwas wollte man von ihm immer schon mal hören! Dazu Lyle Lovett, der so manche Vordergründigkeit süffisant verschluckt, sie kaut und zerdehnt, zusammen mit der Gitarre. Ein Meister der Untertreibung. Wie er die Vokale genießerisch verschluckt und auf der Zunge zergehen lässt! Klasse! 

Unangepasst?

  Punk als Bewegung, als musikalischer Impuls hatte ich in seiner ganzen Tragweite eigentlich gar nicht so richtig ernst genommen, damals, Ende der siebziger Jahre. Als dann die zweiten und dritten Revivals über uns hereinbrachen, waren das für mich zeitgeistbewegte Aufgüsse und Zitate, - aber ohne Überzeugungskraft. Das übliche, wenn junge Menschen sich abgrenzen wollen und müssen. Aufbegehren als Pose. Der nihilistische Impuls darin wurde mir erst später klar, das Aufbegehren, das darin lag. Im Rotzigen auch, im nicht Gefälligen.

 

Abgesehen davon, dass ich damals selbst musikalisch aktiv war und andere musikalische Sorgen hatte, dass ich an der Universität studierte und unbedingt zum Ende kommen wollte, verschwendete ich nicht viel Energie auf dieses Symptom, nahm dieser „Bewegung“ die Rebellion, den Protest nicht ab. Da waren für mich zu viele Äußerlichkeiten dabei. Dahinter war für mich der Impuls oft nicht zu entdecken. Man konnte eigentlich auch ganz gut Punk in sich selbst sein, da brauchte es keine Sicherheitsnadel in der Wange, etwas was ich ohnehin verabscheute und mindestens genauso verabscheue, wie all die unsäglichen Tatoos, die inzwischen mainstreammäßig jeder zu tragen hat, der etwas Individuelles nach außen bedeuten will. Außerhalb und eigenwillig sein, Prol, direkt - das war wohl die ursprüngliche Message. Doch leider hat sich das (genauso wie der „Heavy“ Metal) in Richtung Mainstream bewegt, ist akzeptiert, toleriert und integriert. Diese Integrationsfalle hat auch bei Punk zugeschnappt. Das System funktioniert so, dass es einfach alles integriert, was ursprünglich widerborstig war. Es wird zur äußerlichen Masche, zum Auftritt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gegen den Strom schwimmen? Verweigerung? Das war vielleicht am Anfang so

Poesie der Straße

Dieser unglaublich hässliche Mann hatte sich in mein Bewusstsein geschlichen und mich über eine lange Zeit hinweg im positiven Sinne beeinflusst. „I love Everybody“ heißt das 1994 erschienene Album von Lyle Lovett, das ich mir so oft reinziehe, es in mir wirken und rückkoppeln lasse. Da ist ein Meister des Songschreibens, ein begnadeter Beobachter, ein toller Gitarrist (nur und ausschließlich acoustic-gtr) und Sänger. Ein Meister des Understatements, des sich gekonnt Zurücknehmens ohne E-Gitarre, ohne Imponiergehabe….., Straßenmusik von der sehr gepflegten Sorte. Natürlich tummeln sich hinter ihm, der eine kurze Zeit (93 bis 95) mal mit Julia Roberts in ihrer besten Zeit verheiratet war, wieder Studiomusiker der allerbesten Sorte. Diesmal fallen mir Russ Kunkel und Kenny Aronoff an den Drums auf: Russ (unzählige CDs) ein bisschen verspielt, Kenny (John Fogerty, Cougar Mellencamp u. Studio) mit harter Snare den Punkt treffend. Sie machen das unauffällig toll. Beide. Wie geht denn sowas? Sie spielen wie gewöhnliche Straßenmusiker, bauen aber Kleinigkeiten ein, holen Feeling heraus, blenden auf und ab, dosieren sich...beiläufig, unprätentiös, ganz normale Drummer Boys, denen man aber länger zuhören möchte… unbedingt. Ach, da sind die Paradoxa, die ich immer an ihm liebte: „I love everybody, but especially you…“ Das leicht Schräge, niemals übertrieben „Ich mag Pinguine, andere mögen tolle Schlitten, Juwelenringe oder Filmstars (haha….Roberts!), „Pinguine sind so sensibel, nur für mich…“ Der Pferdenarr Lovett lässt das Einfache einfach sein, mit dieser komischen Vieldeutigkeit, das Spiel mit dem scheinbar Beliebigen, plötzlich abgebogen in eine Art Parabel. „Just this morning“: So kann der Tag beginnen. „It`s just the morning, the coffee is almost done, you can smell it crawling in here from the kitchen, it`s just the morning, falling through the window and the floor is always cold….“ Wie konnte man so was, solch ein Alltagsfeeling in einen Song kleiden? Toll. Wie Lovett da schleift, phrasiert, zieht und vibriert, so völlig unaufdringlich und doch unglaublich gezielt dosiert und gekonnt….. Auch im Sound das Spiel mit dem Paradoxon verankert. Er gab mal das Biest im Spiel mit der Schönen. Sein Sound zerfließt episch zu Miniaturen der Lässigkeit…..ach, man zerplatzt fast……. 

Wie das war (oder anders)

 Wie war das mit der Rockmusik? Die Aufnahmen wurden immer besser, der Ausdruck ging darüber manchmal ein bisschen verloren. Ironie zog ein, Kunstkniffe zogen ein, Produzenten gewannen einen Namen, standen für einen bestimmten Sound. Die wussten, wie`sgeht: Eine der Technik geschuldete Transparenz war nun angesagt, der Überblick über ausladende Klanggebäude. . Aber man staunte trotzdem noch über das Songwriting, die Kunst, Songs eine Spannung und eine daran anknüpfende Entspannung zu geben, sie zu dramatisieren, mit tollen Melodien auch, mit akustischen Angeboten aller Art. Das eine oder andere glitt ab in Überproduktion, Aber das machte nichts. Man hörte die Doobie Brothers, Loggins & Messina und James Taylor. Das führte in den Adult orientated Rock, also die Klangwelten; die für Erwachsene bestimmt waren, die einige Hörerfahrung voraus setzten und sich klar vom lüstern Gehabe und den hormonisch gesteuerten Brunftarien der Teenie-Bands absetzten. Man interessierte sich für den, der da gerade Gitarre in einem unerhörten Sound spielte, man kroch geradezu hinein in gewisse Produktionen, ließ sich in Begeisterung verzaubern oder in ein überragendes Können auf dem Instrument. Das und nur „das hier“ war schwer zu spielen und überschlug sich geradezu in Raffinesse. „Das hier“. „Nicht das!“. Man musste „Die Neue“ von diesem oder jenem haben, man musste informiert, im Flow, im Groove sein. Kurz: es knüpfte sich so manches Interesse daran. Wer war das, was waren das für Leute. Guter und hochprofessioneller Sound kam oft aus LosAngeles, das in den USA zu einer Art Musikhauptstadt für ein vertontes Lebensgefühl wurde. Es wurde da manchmal auch ein Kokaingeschwängerter Sound abgesondert, der auch gepflegte Langeweile und sophisticated Swimmingpool-Gefühle transportierte. Man las in einschlägigen Magazinen über das opulent gestaltete Leben gewisser Rockstars, die die Massen bewegen konnten. Und – ach ja – die Spiritualitätsarien im Softrock. Man selbst nahm das mit, kannte es, aber es interessierte einen weniger. Was war das gegenüber den Tonkreationen eines Frank Zappa? Ja klar, mit so einem war man weit vorne dran. Dem musste man erstmal folgen können. Dem hypersensiblen Schwurbeln, der angefederten Melancholie. Aber da waren auch die hypnotisch im Hedonismus wühlenden Funk-Rhythmen. Gelegentlich versetzt mit anspruchsvollen Jazzgetue. Überhaupt: ein auf Äußerlichkeiten pochendes Getue kam auf. Der Glamrock. Und und und…..alles noch vor dem Erscheinen der CD als Hör-Format.