Selbstermächtigung

Es wird offenbar „Selbstermächtigung“ genannt, wenn nur noch der geschäftliche Erfolg im Markt der popmusikalischen Eitelkeiten zählt. Leute als Hiphopper aus scheinbar schlechten sozialen Verhältnissen geraten so, so die These, zur gesellschaftlichen Anerkennung und erkämpfen sich Teilhabe am Allgemeinen zu eigenen Bedingungen.

Merkwürdig, dass dieses Business auch auf dem deutschen „Markt“ nahezu ausschließlich der Hiphop mit seinen Figuren zu beherrschen scheint. So scheint es etwa in letzter Zeit einträgliche Mode geworden zu sein, eine Eistee-Dose unter dem eigenen Namen zu verkaufen. Dazu werden zusätzliche Produktlinien gefunden und verkauft: Schminkgadgets wie Eyeshadow, Freshadow, Mascara, allerlei Hautcremes, Bürstchen, um zusammengeklebte Wimpern zu trennen, Concealer gegen Augenschatten, Bronzing Powder, Skin Care, Kapseln zur Verbesserung der Haut- oder Haarstruktur, Kollagenpräparate, Anti-Aging-Präparate, Spray zur Stärkung und Straffung der Haarstruktur, Mundspülungen, komplette Bleachingverfahren, ätherische Öle, Antioxidantien u.a. Die Musik scheint da nur noch Beiwerk….. dazu Meditation am Morgen, im Urlaub weiße Sandstrände zur Steigerung des Wohlbefindens, regelmäßige Massagen, 

Kinderorgelhaft

Ich lese in einer Besprechung des neu gewendeten (neue Texte, andere SängerInnen aus dem iberischen Raum) Albums „This Years Model“ (Original von 1978) von Elvis Costello, die „Spielzeugorgel, die einst witzig gewesen sein mag, nervt heute eher... „ Dabei ist es das, was mir immer gefallen hat: der Stilbruch, dieses Anti-Rockistische, das Skurrile daran, dass diese manchmal schmierig billige Orgel trotz allem toll und stilsicher gespielt war, dass sie eine Art von schmierigem Punk-Element herein brachte, das Billige, Jahrmarkthafte, dass sich einer in einer Zeit der langen Soli so zurücknehmen konnte und dem Song mit Ausschmückungen und Brücken/Überleitungen, Soundhintergründen aller Art, mit Andeutungen und Chiffren dienen konnte…, das scheinbar unbekümmerte Reinhauen mit guten Songs.

Übrigens: Der Orgelspieler vor vielen Jahren hieß Steve Nieve und wurde nicht nur von mir damals heftig bewundert. Costellos Band hieß damals The Attractions und führte das scheinbar Abseitige auf ein neues Niveau der Rockmusik. Er bezog nicht-rockistische Elemente in sein Spiel ein und wagte das scheinbar Unpassende passend zu machen. Ich wünschte mir, „heutige“ Popmusik würde solche Elemente mehr in ihr Instrumentarium integrieren. Sie wäre viel überraschender, frischer und musikalisch unabhängiger. Aber ich vermute, dass hier und heute mehr auf vorformulierte Codes zurück gegriffen wird, auf feststehende Grooves und Stilmittel, die einem ganz genau vordefinierten Stil zugeschrieben werden. Das Crossover-Bemühen, das postmoderne Anspielen, Andeuten und Spotten im eigentlichen Sinn scheint es nicht mehr zu geben, es scheint alles im Voraus festgelegt. In diesem Rahmen wird wohl Individualisten eine Art Bewegungsraum gewährt, der später freilich von mächtigen „Produzenten“ eingesetzt, in einen Zusammenhang gestellt, gekürzt und bearbeitet wird.  

Was mir vorschwebt

Ich wollte in meiner eigenen Musik nicht das scheinbar Passende kombinieren, das, was in den Gehörgängen vorgeprägt wurde und vielleicht „Erfolg“ verspricht, wollte nicht nur „Biz Kid“ sein, das im Kompromiss zwischen vielen Rezipienten den Weg der gelungenen Kopie sucht. Ich wollte bewusst die eigene Person als maßgeblichen Bezugspunkt deuten, so sonderbar das Ergebnis der Bemühungen auch ausfallen möge. Dabei strebe ich nicht das Abgehobene, Elitäre an, sondern bin bemüht, mich populär auszudrücken, im Flow der aktuellen Produktionen und Sounds zu sein, das kommerziell Populäre in meinem Sinne zu handhaben und zu verfremden, sowie das Historische mit zu nehmen. Meine Vergangenheit in verschiedenen Bands trägt zum Ergebnis auch bei. Besonders meine „jazzy“ Stücke bewegen sich meist in einem langsamen, schlurfigen, gemächlich bedächtigen Duktus, den man wohlmeinend auch als „sanft“ bezeichnen könnte. Einerseits will ich mich von der Hektik, von der gesellschaftlich vorherrschenden Sucht nach Geschwindigkeit absetzen, andererseits hat sich bei mir eine Verweigerung des fortwährenden Wettbewerbs, des Prinzips „Competition“ eingestellt: Da ist KEIN schneller, lauter, besser…. Ich wollte angesichts dessen schon immer sehr viel lieber in sachter Ereignislosigkeit schwelgen, wollte mit Leere oder Stille experimentieren, strebte „The easy way“ an, nicht den anstrengenden, alles andere verdrängenden Karriereweg, wollte es fließen lassen, was mir in meinen Projekten in letzter Zeit einigermaßen gut gelingt.

Piano im Strom

Heute habe ich beim Esbjörn-Svensson-Trio mal wieder damit begonnen, mir wichtige Alben aus meiner Sammlung heraus zu suchen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal hören. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche rein projeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die krachigen Passagen zeigten auf den Tod. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie.“

Impulse

Manchmal ist man froh darüber, eine bestimmte CD in der besten verfügbaren Tonqualität zu besitzen. Ich wünschte, ich hätte eine noch bessere Anlage, um den Unterschied zu den relativ armseligen Streaming-Angeboten noch ausgiebiger ausleben zu können. Jetzt umspült mich gerade die neue CD von Pat Metheny „Side Eye – NYC (V1-IV), die auf einer Reihe beruht, zu der Pat Methey junge Musiker eingeladen hat und die einen ersten Ausschnitt aus den Sessions präsentiert, die er mit ihnen absolviert hat. Dementsprechend ist das Album live aufgenommen. Die Scheibe tastet sich aber trotzdem sachte durch die Zeit, - aber natürlich sind da Virtuosen zugange, die eben dieses Könnertum aber niemals zeigen müssen, die keinen Zwängen zu unterliegen scheinen und es dementsprechend einfach laufen lassen können. Das jetzt vorliegende Album haben, wie ich dem Booklet entnehmen kann, Pat Metheny an den Gitarren sowie James Francies an der Orgel, dem Piano und den Synthesizern und Marcus Gilmore am Schlagzeug eingespielt. Flott geht es durch neue Titel, aber auch durch Metheny-Klassiker wie „Bright Size Life“, das man kaum wiedererkannt hätte. Ja ja, die Orgel von Francies kommt öfters durch, solistisch und per Soundhintergrund. Zusammen mit Metheny hat sein Bassist früherer Tage, Steve Rodby, das Album produziert: eine Art Raffinesse, da auf dem ganzen Album kein Bassist im konventionellen Sinne auftritt. Die Bässe kommen vielmehr von Metheny selbst („Guitar Bass“) oder von Francies. Es geht hinein in einen Strudel, flüssig und punktuell jazzig, aber nie aufdringlich, immer smooth, weich, anschmiegsam, butterweich. Schon der erste Titel „It starts when we disappear“, ein Titel, der in anderer Form auch schon mal da war, führt über 13 Minuten und 47 Sekunden in ein Labyrinth, in dem gläubige Jazzer den Einwand vor sich hin schnüffeln, wo denn hier die Widerstände seien, es sei doch alles zu „gefällig“. Metheny in seiner typischen Art flicht ein paar Töne ein, der Pianist geht rein, füllt aus, sessionartige Passagen wechseln mit sehr strukturiertem Material, mit Themen und Motiven, ab. Nicht zu vergessen auch der fünfte Titel, „Lodger“, bei dem Metheny eine verschärfte und leicht angezerrte Gitarre spielt, die viele schon als rockig bezeichnen würden. Und so führt das Album durch einen Traum, der schließlich im Beifall des Publikums verhallt und sich in uns verliert....

(Pat Metheny, Side Eye NYC (V1.IV)Modern Recordings