Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

Klangpoet bei mir (2)

Da schleift und schlurft einer durch die Zeit, nachdem ich seine mehr als 20 Jahre alte CD aus meiner Sammlung heraus gezogen habe: Bill Frisell ist als Nerd mit Nickelbrille auf der CD „Good Dog, Happy Man“ im Titel „Shenendoah“ zusammen mit dem Slide-Spezialisten Ry Cooder zugange. Unter anderem zieren Fotos mit seinem Hund und ihm als lächelndem Gitarristen das Cover. Sehr von hinten wirkt er auf diese Musik ein, da ist kein bisschen aufgeblasene Eitelkeit! Auch Viktor Krauss am Bass ist uns kein Unbekannter: unter anderem spielte er auf vielen CDs von Lyle Lovett und war eine Zeitlang der Modebassist schlechthin. Es herrscht Jam-Atmosphäre auf dieser CD. Man verlässt sich auf lässige Soli, die eine eigene Signatur tragen und die man aufscheinen lässt im Fluss der freundlich euphorisierenden Musik.

Klar, dass Greg Leisz, dieser Poet an den Saiten, da rein passt. Wunderbar zieht er Schleifen ein, scheint zu fliegen, in Höhen, die uns manchmal etwas an „Albatros“, den alten Titel von Fleetwood Mac erinnern. Wayne Horvitz fingert schelmisch kompetent die Orgel, kommt nach vorne, wirft ein, um im nächsten Moment wieder im Flow der Musik unter zu gehen. Jim Keltner rührt subtil die Drums und kommentiert geistreich, produziert gelassene Zwischeneinwürfe oder fließende Fills und hält doch auf unauffällige Weise den Beat. Er war uns zuallererst als Drummer von Joe Cocker Mad Dogs & Englishmen aufgefallen. Vor ewigen Zeiten!!! Geradlienig verspielt agierte er da zusammen mit Jim Gordon (2 Drummer!). Ach ja, alle zusammen waren sie gesuchte Edelsteine der LA-Studioszene! Bill Frisell lenkt mit seiner Gitarre das Geschehen subtil, vielleicht sind auch ein paar Akkorde im Voraus abgesprochen. Es herrscht offenbar magische Übereinstimmung. Auf diese Weise entstehen Melodiegeflechte, die hängen bleiben, die die berückende Atmosphäre dieser CD ausmachen. Da ist viel Entspannung und geschehen lassen. Sich in diesen Fluss fallen lassen, badend ausruhen, das wär’s jetzt….! 

Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Klangpoet bei mir zuhause

Wie macht der Bursche das bloß, dass man ihn überall heraus hört? Der glasige Sound? Scheint nur oberflächlich so zu sein. Er hat einen Wiedererkennungswert wie Eric Clapton, bewegt sich aber auf einer anderen Ebene. Naja, als Gitarrist hat er auch mal mit dem leider verstorbenen Ginger Baker zusammen gespielt, dem ehemaligen Bandkollegen von Clapton. Er hat schon sehr abstrakte Sachen gemacht, hat mit John Zorns Band Naked City einst extrem kurze und krachige Stücke aufgenommen, die uns irritierten. Damals wurde er dem Jazz zugezählt, weil er mit vielen Jazzcracks (u.a. Paul Motion, Joe Lovano), schon zusammen gespielt hatte. Heute vermuten wir, dass diese jazzy inspirierten Leute halt offen waren für diese ungewöhnlichen und irritierenden Wege, die Bill Frisell beschritt. Unter anderem bezog er immer mehr die Musik seiner Kindheit, die Country- und Bluegrassmusik in sein Musizieren mit ein. Hinzu kamen die Pophits seiner Kindheit, was etwa auf der CD „Guitar in the Space Age“, aber auch auf seinen früheren Alben gut zu hören ist (u.a. „Surfer Girl“, „Turn, turn, turn“, Messin’ with the Kid“, „Telstar“). Auch stellte Bill Frisell ganze im Jam-Stil locker eingespielte Alben klar durchkomponierten Alben gegenüber, brachte Soloalben („Music is“) und Alben mit wechselnden Ensembles heraus. Er bezieht schon mal Elektronik mit ein, hat aber auch ganze Alben im traditionellen Stil aufgenommen. Keine Scheu hatte er auch bei zahlreichen Gastauftritten mit Popstars (Loudon Wainwright, Marianne Faithful, Lucinda Williams etc.), denen er jeweils ein exklusives musikalisches Kleid zimmerte. Ich ziehe die CD „Small Town“, die Frisell zusammen mit Thomas Morgan eingespielt hat. Sofort bin ich eingesaugt in diese wunderbar wolkigen Klänge, die um ein Motiv herum zu schweben scheinen und sich dann immer mehr verdichten. Live ist das alles aufgenommen. Bravo! Wieder bezieht er auf subtile Weise Country, Pop und Folk mit ein, lässt kurz aufscheinen und lässt wieder verschwinden. Ein musikalischer Zauberer, fürwahr! Ich liebe seine Musik seit langem, habe etliche Alben von ihm, die mich immer wieder bestricken, verzücken, anziehen…... 

Zwei von einer Sorte

Wie sehr mochte ich in der Rockmusik immer diese Einzelgänger, die in sich bohrten! Howe Gelb oder Kurt Wagner, das Fischen im Universum der Assoziationen und der augenblicklichen Willensleistungen…..Vielleicht kam mir das aber auch nur so vor! Immerhin waren da Kurt Wagners lakonisch poetische Erzählungen, die über zarter und gleichzeitig sehr geerdeter Musik hinein führte in surreale Zusammenhänge, genauso, wie die Musik „von unten“ brodelte und einen hinein zog in einen Schwall des persönlich Überpersönlichen. Draußen im andern Zimmer läuft „Flotus“, die neue Scheibe von Lambchop: Es kommt mir vor, als passe er trotz behutsamem Einsatz von Elektronik nicht mehr so recht in die neuen Zusammenhänge des flüchtig Oberflächlichen….Wer hört ihm und Lambchop noch zu? Er ist langsam, er ist bedächtig, er ist lädelig…..ach! Entschleunigt? Die Übertreibungen sind seiner Musik fremd, sie scheint sich um sich selbst zu drehen…zu mäandrieren, anders, als bei Howe Gelb. Der versucht sich schon mal am Plakativen, spielt mit ihm, greift es, baut es um, verspottet und trottelt es! Aber nichts daran ist von dem Hochglanz, der heutzutage gefragt ist! Er gibt manchmal so bemüht den Rocker und reitet auf wüsten Gitarrensounds, dass wir ihm diese Pose fast glauben. Er kann aber auch in die Tasten des Pianos greifen, um eine Passage von Emerson, Lake & Palmer zu zitieren. Halt so! Weil es ihm jetzt gerade in den Sinn kommt. Musik als Spiel. Er kann sich zart um sich selbst drehen. Wie ein Cowboy! Elaboriert. Reif. Einer, der viel mitgemacht hat. Und jetzt „Fangerles“ mit sich selbst spielt, wobei ihn einfühlsame Kollegen begleiten.

Sharing Superfiles

Wir teilen uns alle Dateien, die wir aus dem Internet herunterladen. Aber wer hat sie produziert, hat geschwitzt, hat sein ganzes technisches und musikalisches Know-How eingebracht, hat sich Alternativen überlegt, hat sich entschieden und schließlich zu einer einzigen digitalen Datei als Endergebnis geformt? Was soll sein Lohn dafür sein? Wer legt ihn fest? Wer hängt sich womöglich an diesen Lohn an und versucht spezialisiert, seinen Profit damit zu machen? Als Company? Als Management, als Consultant? Gibt es überhaupt einen messbaren Lohn, aus dem heraus man als schaffender Musiker in dieser Wirtschaft leben könnte?

Gibt es einen „Bauplan“ für einen Hit und einen geeigneten Interpreten für eine Folge von Tönen, die wir gerne hören? Könnte man diesen Bauplan etwa in einem 3-D-Drucker drucken? Einen „intelligenten“ Computer damit füttern? Was könnte dabei heraus kommen? Ist es etwa so etwas, was heute viele TV-Sendungen und die Musikindustrie vorführen? Die Macher und Könner scheinen da zu regieren, unabhängig davon, was (!) sie da machen oder können. Es gilt, "Hörerwartungen" so zu entsprechen, dass ein "Hit" oder das Kennzeichen einer Marke daraus wird. Doch hat das auch etwas sehr Populistisches? Hört man diese „Produkte“, so könnte man an eine Machbarkeit anhand fester Kriterien denken, an das Formelhafte und Vorhersehbare, das nicht nur in der populären Musik steckt und das in Algorithmen einzugehen scheint . Das Wissen, das Know-How. Das Lernbare. Das Umsetzbare. Das Gekonnte und Versierte. Das, was als „richtig“ oder „falsch“ erscheint.

Und doch war es bisher oft etwas Außergewöhnliches, eine Form der Grenzüberschreitung oder eine Übertretung bislang geltender Konventionen, die einen Hit zu einem „Superhit“ hat werden lassen, zu etwas Unwiderstehlichem. Mit Gassenhauerqualität. Etwas, was sich festgesetzt hat, nicht nur durch starke Melodien, sondern auch durch prägnante Stellen und Übergänge, oder durch Stimmungen und Atmosphären, die solche Musik provoziert hat. Durch eine direkte Verbindung mit dem Zeitgeist auch, - eine Verbindung mit dem, was aktuell in der Luft liegt. Durch das „Andere“, das eine solche Musik kurz gestreift hat, um es schließlich in das „Normale“ und Alltägliche zu überführen. Natürlich versucht der Musiker, der Künstler, die Frontfigur eines Hits, immer wieder, eine solche Formel in ihrem „Schaffensprozess“ zu wiederholen (Ob so etwas „Stil“ ergibt?) und die Aufmerksamkeit auf die vermeintliche eigene Einmaligkeit und seine eigenen charismatischen Starqualitäten zu lenken. Auf das Genie, - was vor allem ein romantischer Begriff ist, der das Heil ausschließlich vom Ego erwartet. Natürlich klappt das oft. Und selten zugleich. 

 

Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts.