Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist. 

Am Ende Daft Punk

Ich erinnere mich ganz subektiv (!), wie das war: Daft Punk betrieben damals den Kult der Anonymität, der unter Rockmusikern dem philosophischen Zeitgeist entsprechend beliebt war. Sie verbargen sich unter/hinter dicken, SFmäßig anmutenden Helmen, die aus „Krieg der Sterne“ hätten stammen können. Unter ihrem Etikett war oft befremdliche und mäßig produzierte Disco-Musik zu hören, von der man nicht genau wusste, wie sie gemeint war. Sie waren eine Art erfolgreiches und in Vocoder-Robotertönen geschwängertes Seitenphänomen für mich, so lange bis die Erfolgsscheibe „Random Access Memories“ 2013 kam, mit dem von mir ohnehin hochgeschätzten Nile Rogers und der in Töne gesetzten und mit allerlei Weisheiten versetzten Bio-Erzählung von Giorgio Moroder, dem Disco-Prinzipal der 70er Jahre. Ein Ohrwurm war „Get lucky“ mit Pharrell Williams, dem ich vor allem wegen dem Schlagzeuger Omar Hakim, dem Bassisten Nathan East und - natürlich - Nile Rogers nachhing. Es stellte sich jetzt die Frage danach, wie so etwas gemeint sein könne. Eine Denkanstrengung. Die Mehrheit - und auch ich! - hingen jedoch dem unnachahmlich körperbetonten Beat von „Get Lucky“ nach, der Single, die anscheinend in 30 Ländern Nummer Eins war. Ich hätte diesen Welthit damals unendlich viele Male hören können. Die beiden Protagonisten freilich verbargen sich immer noch hinter ihren futuristischen Helmen, tauchten ab in Anonymität und verdienten darüber viel Geld. Wie man so etwas durchhalten konnte, das nötigte mir immer noch Respekt ab. Ich tat es aber als Marketing-Gag ab. Seltsame Sachen waren diese gefällig montierten Zitate aus der Disco- und Dancefloor-Welt dann aber doch. Und den Kult mit den Helmen hatten die Macher auch durchgehalten bis zu ihrem Ende, das jetzt verkündet wurde. Hut ab!, sage ich da und beerdige zusammen mit dem Video „Epilogue“ (Zwei Männer unter Helmen gehen in die Wüste, man sprengt sich in die Luft, die Trivialparole „Love is the answer“ wird jubiliert) ein weiteres Stück meiner persönlich erinnerten Rockmusik.

Stars unter Sternen

Ganz im Sinne einer beschleunigten Realität kommen neue „Stars“ genauso schnell, wie sie wieder gehen oder sich in der Ferne verlieren. Der Einzelne, seine anhaltende Kreativität, verliert darin wohl immer mehr Bedeutung, er erhebt sich aus einer Art Schwarmintelligenz, ragt kurz heraus und geht dann wieder in ihr unter. Die Anfänge der Techno-Bewegung waren ungefähr so gestrickt, ehe sich dann doch wieder Marken und Stars gebildet haben, die sich in hohen Stückzahlen „durchgesetzt“ haben, die „den Markt penetriert“ haben, denen die Medien hohe Bedeutung zugesprochen haben. Offenbar scheint es eine starke Nachfrage nach solchen Einzelnen zu geben, weshalb ja im Popgeschäft die alten Schlachtrösser wie die Rolling Stones, Pink Floyd, Sting, U2 usw. höchstwahrscheinlich auch nach der Pandemie noch gewaltigen kommerziellen Erfolg haben werden. Ob's mit dem so beliebten Fetisch-Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu tun hat? 

Stellvertretend für uns leben die „Stars“ ihre Kreativität und ihre Vitalität aus, bestehen diese Abenteuer des Ichs, die uns das Dasein stellen könnte, die es aber demjenigen nicht abverlangt, der sich als einer unter vielen erfährt. Sie stehen in jenem Rampenlicht, nach dem wir uns sehnen, vor dessen Exposition wir aber trotzdem eine Scheu haben (auch bei Ratespielen etc. zu sehen...). Nicht einer sein, der irgendwann geboren wird und wieder stirbt. Just another.... Ohne Spuren. Ein paar Fragen und Wägbarkeiten sind einem diesbezüglich schon durch den Kopf gegangen..... Ob ihre Konsequenzen irgendeine Relevanz haben? Auf jeden Fall mögen sie schleunigst zur Verbesserung der Welt beitragen, bitte!. Mal sehen. Wir befürchten aber nicht nur im Bereich der Popmusik so manche Störungen. „Disfunktionalitäten“ würden Akademiker vielleicht so etwas nennen, "abweichendes Verhalten". 

Wortgeplänkel

Auszug aus meinem Buch, das vielleicht eines Tages noch kommen wird:

Da ist nicht nur die Überwältigung von Gefühlen, die auch gerne von der Musikindustrie für ihre „Zwecke“ genutzt wird, sondern die Feier der Kreativität, die nicht nur im Subjektiven „Genialen“, sondern auch im Strom der Zeit verankert und zu verstehen ist. Nein, nicht das Elitäre, sondern das Massenhafte ist der Sound der Zeit. Doch das Ineinander von Verstehen und Erleben, von Rationalem und Irrationalem, das wäre es vielmehr, was ich an der Popmusik schätze.

Die Person und ihr Charisma, gewiss, die "Starqualität", - aber nur durch das, was daraus insgesamt wird! Da ist die Musik an sich, das Image, Auftreten und ein Ausdrucksvermögen. Charisma alleine halte ich für gefährlich und mit einem „Rattenfängermechanismus“ verbunden, der heutzutage etwas einseitig vor allem kommerziellen Interessen dient. David Bowie hat sich einmal darüber lustig gemacht, indem er sich mit Hitler verglich. Da ist vielmehr das Wecken von Verstand, die Feier des Individuums in der Masse, die sich auf keine These und kein finanzielles Interesse festlegen lässt, da ist eine Entfesselung von scheinbar gegensätzlichen Kräften, die auch etwas Anarchisches und Emanzipatorisches haben können. Ich höre dazu Udo Lindenberg „Mach dein Ding!“ singen. Das könnte es schon treffen. Wenn das auf diese Weise zustande Gekommene auch noch anderen gefällt und sie zu einer Suche jenseits des Profits anstiftet: umso besser. Poesie kann sich auf der Höhe der Zeit äußern, kann etwas Ekstatisches haben, das sich entzieht. Dagegen hat mich immer die Massendynamik geschreckt, das neurotische Mitklatschen, die Gleichrichtung der Gefühle, die keine Gedanken mehr zu brauchen scheinen.“

Es überkommt mich in letzter Zeit ein wachsendes Interesse an dem Zusammenspiel von Sprache und Musik. Der Zweifel an einer größeren Selbstverständlichkeit besonders bezüglich des Zusammenspiels von Englisch und Deutsch hat sowieso schon lange in mir gebohrt. In meiner Umgebung wurde oft kein Wort eines Textes verstanden, auch nicht der Geist, den er versprühen sollte. Das hat mir doch einige Bedenken eingebracht, die ich auch in Blogs und Notizen zu meiner eigenen Musik eingebracht habe.

Ich will den Mut zur Lücke und Leere haben, zum Nichts, - ich will ihn als vermeintliche Not zur Tugend machen („.....Da fehlt doch was...!“). Meine Stimme fällt wegen Bronchien/Astma aus, ist oft belegt, bzw. ist nur selten oder begrenzt einsetzbar. Leider habe ich bisher niemanden mit passender Stimme gefunden (habe mich auch zu wenig darum gekümmert). Insofern gestalte ich diese Leere, die mir selbst entspricht. Ich will damit Wahrnehmungsschablonen überschreiten. Ich gehe mit dem Nichts um, buchstäblich. In meiner eigenen Musik messe ich der Stimme als individuelles Ausdrucksmerkmal und Transportmittel von Poesie keine große Bedeutung zu. Stimmen, und besonders musikalische, sind inzwischen untergegangen in einem allgemeinen White Noise, in einem Rauschen, das vor allem aus Lügen besteht. Dagegen streue ich stimmliche Laute als Ausdruck der Emotion und Vitalgeräusche über meine Titel. Solche Töne können meist nicht lügen, und sind als Lügen nicht zu gebrauchen, - allenfalls als Samples.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Konventionen der Popmusik sind aus heutiger Sicht für mich nur noch begrenzt gültig. Worte sind meiner Ansicht nach befrachtet mit Lug, Trug und Interessen, Klappern und Klimpern. Sind zu Sklaven der Werbung und eines zielgerichteten Interesses geworden. Sie sind in ihrer Wirkung kalkuliert und selbst in ihrer als poetisch geltenden Wirkung oft sehr gezielt eingesetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Sie sind eingespannt. Worte sind Mittel zur Staffage der eigenen Persönlichkeit, kleiden sie interessant aus und verzieren sie. Sprache ist ein höchst missbrauchtes Medium, genauso wie das fotografische Bild. Beides wird in der Regel zu einem bestimmten, klar definierten Zweck „eingesetzt“, mehr oder weniger gekonnt. Poesie und vieles damit Zusammenhängende ist abgegriffen, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet, Meinung ist schlaff und beliebig geworden, hat jeder. Gleichwohl setze ich den Text, die Stimme gelegentlich nahezu konventionell ein, spiele damit, gehe mit dieser Form als Option um.

Das Wort und die Relevanz sämtlicher Äußerungen des Individuums überhaupt scheint in unserer Gesellschaft doch stark zurück gegangen zu sein. Was vorerst bleibt, sind vielleicht Fragmente, Fetzen, Verfremdungen (auch in meiner Musik). Ich mache mir auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei. Dieser Einzelne scheint sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Alles erscheint austauschbar. Die Lüge beherrscht das Feld. Es herrscht das Kollektive, „Big Data“, der Algorithmus, das kalte Berechnen, - auch gerade der Emotionen. Das technokratisch „Gekonnte“ scheint hierbei das Ideal, nicht das Erschaffene, aus dem Nichts Geschöpfte, das zurecht Manipulierte. Das „Tun-so-als-ob“ beherrscht die Szenerie. Songlyrics werden heutzutage „gemacht“, zusammengesetzt aus Versatzstücken, aus synthetischen Perspektiven. Es wird dadurch alles (auch die Images) immer austauschbarer, es wird zur kalten Ziffer, zur Zahl, zum manipulierten Etwas.

Musikstilblüten

Öffnen sich da große Räume, die uns geradezu einsaugen in sich? Zeigen da Klänge hinaus ins Nichts? Wehen daher, wie welke Blätter? Was ist mit der tief rollenden Bassdrum? Groll oder Roll? Wohin führt und fährt sie uns? Da ist ein ewiges Tanzen, - das mindestens!.... Fest steht, dass in Musik viel hinein projeziert (samt einer Leere, die nur für eine gewisse Zeit "wirkt"....) wird und dass gewisse Musiker samt ihrem Staff sich ein großes Geschäft daraus machen. Auf diese Weise können sie zur gegebenen Zeit sorglos eine riesige Villa oder einen italienischen Sportwagen erwerben und so zum Trendsetter für das lumpige Fußvolk werden. In Interviews mit der willig locker zur Hand gehenden Presse loben sie dann ihr Dasein und „verkaufen“ es auf der Promotiontour zur aktuellen Tour wie den ersten Preis eines Gewinnspiels. Ja, sie haben Glück gehabt und schreiben sich das wie selbstverständlich selbst zu. Schließlich haben sie auch Talent, - wie sie selbst meinen. Sie sind oft die Gralshüter eines Stils, den sie sehr früh in ihrer Biografie erfunden haben. „Erfunden“? „Stil“? Nun ja, sie haben oft etwas vorgefunden und dann Details zu ihren Gunsten verändert. Eigentlich funktioniert so die populäre Musik oft. Die Urheberrechte haben dieses Spiel aber verändert. Die wahren Erfinder dieser Stile blieben meist im Verborgenen, tragen unbekannte Namen, wofür auch die Gralshüter mit ihren großen, meist in der Vergangenheit liegenden Verdienste, tricky gesorgt haben.

Mitmusiker

Ich habe neulich einem alten Bekannten, der sich auch aktuell noch als Musiker betätigt (sogar in einer herkömmlichen Band...) eine meiner Aufnahmen geschickt, mit der Bitte, er möge sich doch dazu äußern, seinen Senf dazu geben, ein paar Bemerkungen dazu ablassen. Ich hatte ihn zuvor wieder kennen gelernt als einen von seiner eigenen Spur sehr überzeugten Zeitgenossen, der dazu neigte, rechts oder links seiner eigenen Position nicht viel zuzulassen. Er glaubte auch, wichtige Songtexte verfasst zu haben. Soll er doch!, so denke ich mir, ich habe nichts mehr dagegen... Aber ich denke und dachte, dass man das alles als Musiker überwunden haben müsste, diese Konkurrenz, diesen Wettbewerb.... Da freilich nach einer mehr oder weniger freundlichen Formel keinerlei Kritik mehr zu meinem Schnipsel kam, bin ich baff. Ist Musik garnichts mehr? Nicht mal unter „alten Bekannten“? Hat man keine Zeit oder ist so mit sich selbst beschäftigt, dass man für anderes keine Zeit mehr zu haben scheint? Und das „lebenslang“? Wie lässt sich so etwas durchhalten? 

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist. 

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist.