Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist. 

Hey Jimi

Was war uns damals Jimi Hendrix? Es gehört ja heute zur aesthetical correctness, ihn als „besten Gitarristen aller Zeiten“ zu bezeichnen. Vor einiger Zeit freilich ging ich in seiner Heimatstadt Seattle so für mich hin und bedauerte, dass es keinen Anlaufpunkt für diesen berühmten Sohn der Stadt gab. War er eine „arme Sau“? Kein Teil der „offiziellen“ Kultur? Rassistisches Opfer? Natürlich empfanden wir damals alles von ihm als tolle Ungeheuerlichkeit. Es kam von einem fremden Stern über uns, wie so vieles in dieser Zeit. Grenzüberschreitung war immer und überall angesagt, neue Horizonte wollten erschlossen werden, Kreativität war ein wichtiger Wert und hatte noch nicht jenes Geschäftliche, was so viele von uns abstößt. Magie war ein wichtiger Wert. Unserer Sehnsucht gab er einen Rahmen, einen Ausdruck. Das Unglaubliche zu realisieren, schien ihm ein Anliegen zu sein. Ich habe noch oft empfunden, wie gut er war, gerade wenn ich seine vielen Epigonen und technisch ein bisschen begabten Kopierer hörte, diejenigen, die versuchten, ihn nachzumachen und daraus ein Geschäft zu machen. Es schien so, als würde vieles einfach aus ihm heraus kommen und als könne er das unmittelbar auf seinem Instrument umsetzen. Kein Zweifel, er war im wahrsten Sinne des Wortes ein naiver Künstler, machte sich keine großen Gedanken darüber, was es war, was da aus ihm drang, wie und warum er etwas machte. Die großen Linien: Ja. Er spielte ja auch diese großartige Version von „Stars Sprangled Banner“ und wollte dadurch etwas bewirken (und wenn es nur pure Aufmerksamkeit war...), er verbrannte seine Gitarre, spielte mit ihr hinter seinem Rücken (Chuck Berry-Schule!), liebkoste sie, warf sie von sich und vollführte noch so manches Mätzchen. Aber da schien (!) wenig Berechnung zu sein, - was ihn von vielen heutigen „Künstlern“ unterscheidet. Der Mann hatte seine Gitarre, aus der er seine Seele heraus holte und uns zeigte. Nichts als die Gitarre. Ja, wir nahmen ihm dies ab. Wir spürten, wie er das Innerste nach Außen kehrte. Er war Pionier und ging voran, ohne dass er es wusste. Und wir wussten, dass er kein Heiliger war, dass sich unter der Marke „Hendrix“ so manches geschäftliche Anliegen verbarg. Es schien uns nicht wesentlich zu sein. Eine Attraktion sollte ausgenommen und ausgebeutet werden, so die Gschäftlhuber. Ob der Künstler selbst gebührend davon profitierte?  

Neil Hannon, The Divine Comedy und die Kunstanstrengung

Ich erinnere mich gerne an das erste Konzert der Band The Divine Comedy, das ich damals im Vorprogramm von Tori Amos erlebte. Muss tief in den neunziger Jahren gewesen sein. Mir imponierte sofort der Humor, der ungewöhnliche Instrumenteneinsatz und vieles andere mehr an dieser Band, die mich stark beeindruckte, obwohl ich ja eigentlich über das eher humorlose Konzert der breitbeinig sich präsentierenden und über eine Vergewaltigung lamentierende Tori Amos an ihrem Großflügel zu berichten hatte. Die lässig dahin geworfenen Miniaturen von Divine Comedy kamen einem eher als ein Gegenentwurf dazu vor. Sehr bedauert habe ich es dann, als ich zur Kenntnis nehmen musste, dass The Divine Comedy sich als Band aufgelöst habe. Ihr Spiritus Rector, der Sohn des Bischofs von Clogher, Neil Hannon, hatte sich nicht aufgelöst, sondern in der Folge etliche Soloalben aufgenommen, die sich freilich aus anfänglicher Schrulligkeit und subversiver Energie immer mehr in Richtung schwerer Kost und Realisierung eines „Kunstgenies“ zu entwickeln scheinen. Großzügiger Umgang mit klassischen Mitteln, mit orchestralen Klangkörpern und akademisch geschultem Personal schienen mir diese Phase einer Rückkehr zu Inhalten des alten Bildungsbürgertums zu kennzeichnen. Ob er sich damals von der humoresken Lockerheit der Startphase gelöst hat, um sich immer mehr in eine Unkenntlichkeit und Mimikry zu entwickeln, die hinter all der Ironie nicht so leicht nachvollziehbar war? Oder ob er all das, was mit seiner Rolle verbunden war, ernst genommen hat? Wir wissen es nicht. Ob er tatsächlich vermitteln wollte, dass er das große schöpferische Genie sei, das souverän zwischen den klassisch geprägten Klangwelten hin und her pendelte? Mit neutönerischen Ambitionen hatte er es zunächst jedenfalls weniger, eher mit neoromantischen Einfällen und Posen. Seine Arrangements schienen manchmal seltsam kunstbeflissen und aufgeblasen. Doch als ich ihn dann einmal solo und „unplugged“ erlebt habe, trugen seine Songs auch das Spärliche und Geklampfte: kein Wunder, ich hatte immer ein sehr ausgefeiltes Songwriting und die kreativen Einfälle an ihm bewundert. In letzter Zeit (nun ja, das sind auch schon etliche Jahre...!) nun staunte ich nicht schlecht, als er die Band The Divine Comedy wieder auferstehen ließ, freilich in radikal veränderter Besetzung. Wenn ich nun seine neuesten Ergüsse mir anhöre, so habe ich den Eindruck, dass er das schwere klassische Element seiner Musik mit dem Pop neu verheiraten will, ohne die alten Vaudeville-Einflüsse zu vernachlässigen. Mir kommt es auch so vor, als habe er, Neil Hannon, selbst inzwischen ein Standing als Kulturdenkmal erworben, von dem aus sich bequem Kunst auch in Form geklampfter Kleinkunstlieder produzieren ließe. Es kommt mir so vor: es kann aber auch alles ganz anders sein. Den Aufbau und die Konstruktion seiner mit vielen kreativen Einfällen verzierten Songs bewundere ich immer noch sehr. Doch könnte er nach meinem Geschmack auch mal wieder etwas kleineres humorvolles produzieren, etwas, das mit seiner schwarzhumorigen englischen Art der Ironie getränkt wäre. Scherz, Satire und Ironie sind halt nicht sehr verbreitet in der Popmusik. 

Was das sein könnte

Ausschnitt aus einem größeren Text, der vielleicht im Rahmen eines Buches noch erscheinen mag:

 

Ist es nicht so, dass heutzutage alles irgendwie und irgendwo immer präsent und abrufbar ist, dass eine gewisse (möglichst verkaufstechnische) Relevanz nur auf eine bestimmte ausgeforschte Zielgruppe trifft - und das möglichst schnell und effektiv? Dass oberflächliche Effekte zählen? Reize? Gags? Kicks? Sensationen? Möglichst platte Pointen? Virale Effekte? Ich nehme jetzt noch stärker wahr, dass Tonträger einst meine Emotionen getragen haben, meine Lebenswelt, dass sie mir Sinn gespendet haben, dass sie mein Leben begleitet und „eingefriedet“ haben. Dass sie mir Struktur gegeben haben, Ziele. Herausforderungen. 

Ist es nicht so, dass „die Leute“ damals mehr oder weniger direkt Orientierung erwarteten, - den Fingerzeig auf das, was „gut“ und anstrebenswert sei? Immer habe ich mich damit schwer getan. Das Thema Dialektik und Zweideutigkeit der Dinge hat mich entscheidend gebremst. Ich hätte mit einer solchen Determiniertheit nicht unbedingt Lehrer werden können. Derjenige, der die Welt erklärt. Leider war ich nicht ein solcher. Sonst wäre manches einfacher gewesen. Anderen erklären, wie alles tickt? Hm, das war nicht mein Naturell. Es lockte mich vielmehr immer so etwas, was man heute als „Dekonstruktion“ bezeichnet. Das Auseinandernehmen und neu Zusammensetzen - unter meinen eigenen Vorzeichen. Meinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, meinen Einfällen und Gesponnenheiten entlang. Den schlauen, allwissenden und souveränen Autoren oder Lehrer zu geben lag mir nicht, auch was die Rock- und spätere Popmusik angeht. Es hat sich einfach zu vieles zu schnell zerfleddert, ehe ich es unter verschiedenen Blickwinkeln ernst nehmen konnte. Es änderte sich, ehe man es halbwegs erfassen konnte.

Heute sehe ich das Pop-Phänomen oft als eine Art hilfloser Geste des Selbstausdrucks in der industriell geprägten Gesellschaft, als einen Akt der künstlerisch-kreativen Selbstoptimierung, der „Verwirklichung“ und Selbstbespiegelung eines Ichs, so wie es heute die aktuellen Verhältnisse von jedem fordern. Gefragt ist der aktive Popmusiker. Der sich verkaufen kann. Weil das heute dazu gehört. Auch in Zeiten der Pandemie. Der auch unter erschwerten Bedingungen teilnimmt und sich "einbringt" bei den Medien. Der sich - im Falle des Erfolgs - in Gehirne schleicht, - und zwar ganz anders als die Art und Weise, die die „Künstler“ immer schon verfolgt haben. Dieser Popmusiker war einmal. Einer, der geschehen lässt. Rührend. So einer war ich auch. Ich neige auch dazu, diesen Mechanismus als eine typische Hysterie der ersten Lebenshälfte zu sehen, die sich dann allmählich in den blinden Reflexen der Masse verliert. Merkwürdig, das hatte mich früher nicht berührt, obwohl ich es permanent wahrgenommen hatte. Es muss wohl so etwas wie eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. Und die nimmt man nicht wirklich wahr. 

Spass für egomanische Oligarchen

Eben lese ich wieder, dass ein Popkünstler der allgemein angehimmelten Sorte mal wieder für gutes Geld für einen Oligarchen aufgespielt haben soll. Muss vor der Corona-Zeit gewesen sein. Jemand aus meiner Umgebung sagte auch, dass dieser Mensch halt das mitnehme, was die Gesellschaft ihm biete. Er lasse sich mieten, wie andere auch. Eigentlich sollte man nicht mehr überrascht von solchen Nachrichten sein. Ist man dann aber dennoch. Was sagten dessen Texte nochmal aus? Ließ man sie an sich heran? Nahm man sie halbwegs ernst? So etwas, solch eine Konzert-Einlage zeigt die ungeheure Distanz zwischen solchen angehimmelten „Stars“ und denen, die in ihrer Verehrung viel Geld dafür zahlen, mal bei einem Konzert oder sonstigen Date dieses prominenten Überwesens dabei gewesen zu sein. Livehaftig. Es hat etwas sehr religiöses.

Diese Leute leben ganz offensichtlich in einer anderen Welt und sind gleichzeitig - doch nur Menschen (Wie so mancher religiöse Held). Sie leben in einem Hype, von dem sie meist glauben, er sei selbst erschaffen. Käme aus ihnen selbst. Wachse aus ihrer Egomanie. Aus der Einbildung ihres "Genies". Was ja wohl auch der Fall ist, bis auf die Tatsache, dass sie andererseits auf einer Welle surfen, die sie trägt. Die Welle kommt aus der Gesellschaft und besteht unter anderem aus Projektion. Also der Sicht auf eine Lebensweise, die einer bestimmten öffentlichen Person angehängt, übergestülpt, angetragen wird. Sie ist die, die die anderen gerne wären. Sie scheint übernatürliche Fähigkeiten zu haben, ist obervital und weiß doch nur, wie man mit Erwartungen in Geld umgeht und auf diese Weise Geschäfte macht.

 An irgendeinem Punkt ihrer Karriere hat diese Person dann ihr Streben in professionelle Hände gelegt, hat diesen Teil ihrer Existenz an Andere delegiert, die sich speziell aufs gesellschaftliche Fortkommen und aufs Geldverdienen mit möglichst allen, auch brutalen Mitteln, verlegt haben. Jegliche moralische Bedenken sind in diesem Moment externalisiert an „Profis“, die die durchsetzungsstarke Rücksichtslosigkeit zu ihrem Beruf gemacht haben und die unter anderem auch mühelos Verträge mit Oligarchen aushandeln. Es geht darum, mit Charisma zu handeln, es zu Geld zu machen. Auf der einen Seite steht Image, Marke und Ruf, auf der anderen Seite die „angemessene“ Bezahlung, die sich an Begriffen wie „Reichweite, Umsatzstärke“, Chartplazierungen usw. bemisst. Man ist käuflich, alles ist nur eine Frage der in Rede stehenden Summe. Ob wir das von anderen Lebensbereichen kennen?  

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist. 

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik als Abgrenzung

Popmusiker und Popkritiker. Als Popkritiker hört man das Zeugs ja ununterbrochen, es ist Material, zu dessen Anhören man gezwungen ist. Kein Wunder, dass man irgendwann anfängt, im allmählich gehassten „Mainstream“ das Außergewöhnliche oder das "Innovative" zu suchen und dann zu propagieren, es öffentlich regelrecht zu fordern und zu lieben. Man hat ja den Überblick. Die meisten Kritiker freilich wollen diese ihre Sicht dann absolut setzen, womit sie schon den ersten Schritt der Entfernung vom „Normalkonsumenten“ machen, der Musik höchstens mal zwischendrin zur Entspannung hört und sehr viel mehr auf billige Popheldenverehrungsreflexe denn auf Kritikerergüsse reagiert, wofür das Gros der Popmusik auch gemacht ist. Im Rahmen seiner Rolle als Avantgardist, der alles souverän zu überblicken glaubt, scheint der Popkritiker mit solchen populären Reflexen so gar nichts am Hut zu haben und grenzt sich also fortwährend gegen solche „irrelevanten“ Bestrebungen ab. Er selbst wähnt sich viel näher am Gral, sieht sich als reflektierten Menschen, vergisst aber darüber gerne, dass die drei Buchstaben „Pop“ für „populär“ stehen. Also eine Musik, die in industriellen Verhältnissen produziert unter anderem mit grellen Effekten und Übertreibungen operiert, mit Vereinfachungen, Reflexen und Hörgewohnheiten, die nichts oder wenig auf Geschmäcklereien von "Durchblickern" gibt, sondern die Masse des Volkes („Populus“) bedient. Dieses Volk macht sie dann durch Tricks und Effekte (oft Sex, aber auch andere Egokultismen...) des Hervortuns zu Konsumenten und in der Folge zu Bewunderern, die das ausleben, was man selbst als Angehöriger einer Masse gerne ausleben würde, es aber nicht kann. Pop ist also Massenkultur, hat aber im Laufe seiner Entwicklung auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Deren scheinbare „Relevanz“ und Wichtigkeit für den Fortgang des Ganzen aufzuzeigen, hat sich der Popkritiker oft vorgenommen. Seine Recherche beschränkt sich dabei allzu oft auf dem Nachspüren von Trends, im Untergrund, in der Avantgarde dessen, was man für so „relevant“ hält, dass es gar seinen Einfluss auf Massenphänomene nehmen könnte. Die Gefahr: sich in der Mitte eines Flow zu wähnen, der nur dazu da ist, bestimmten Leuten eine Möglichkeit zur Abgrenzung zu verschaffen, sich als Wissender einzuordnen, dort wo plumpe Reflexe regieren. Sicher, es gilt das Originelle aufzuspüren, das, was potentiell auch eine Masse ansprechen könnte, das mit seiner Kreativität nahezu überwältigt. Doch betrachte ich die Realität der Popkritik, so kommen mir erhebliche Zweifel an einer solchen Sicht. Meist scheint mir ja doch das nachgeäfft zu werden, was unter Wissenden und Auskennern gerade angesagt ist. 

Albenpoesie

Wenn ich mir altem Speckkopf so zusehe, dann muss ich feststellen, dass ich ganz gegen die Gewohnheiten der „heutigen“ Hörer meist ganze Alben durchhöre – oder zumindest mehrere Titel lang einem Künstler auf diesem Wege zuhöre. Ich lasse die Sounds auch oft lange Zeit durch meine Räume strömen. Mir kommt es so vor – sei es Zufall oder nicht, seien es Gewohnheiten oder ein von „oben“ gegebenes Maß – dass das typische Album eine ganz gute Länge hat, um einen aktuellen „Zustand“ zu dokumentieren. Außerdem bricht sich Kreativität in diesem Falle an mehreren Formen, zeigt, in welche „Gewänder“ und Ausdrucksformen sie schlüpfen kann. Den aktuellen Stand der Band oder der KünstlerIn wird so besser deutlich. Auch die jeweile Organisation von Klängen und Spielformen, also das Arrangement, sagt doch etwas über eine künstlerische Bemühung aus. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: einem „Kennenlernen“ des Künstlers und seiner Eigenarten, die an mehreren Stücken auch deutlich besser möglich ist als an einem einzigen Stück, das mir vielleicht zur eigenen Belustigung dienen kann, mit dem jeweiligen Künstler aber nicht viel zu tun hat. So hat mich zum Beispiel der Künstler Pat Metheny (ein besonders populärer Musiker der „Jazzszene“, - igitt!) immer gefallen und es wuchs zunehmend der Wusch in mir, seine Entwicklung nachzuverfolgen. Es fehlten mir aber auch Passagen aus der Vergangenheit, die ich nach und nach mit dem Anschaffen früherer Alben ausglich. Genauso ging es mir mit Laurie Anderson und anderen, - was eine kritische Auseinandersetzung nicht ausschloß und weit von jenem Fan-Tum, dieser fanatisch faszinierten Anhängerschaft,  entfernt war, das die heutige Szene so sehr prägt. Und, was soll ich sagen? Ich habe in einem nachhaltigen Sinne davon profitiert, glaube, des Künstlers Ausdrucksformen besser verstanden zu haben, seine Phrasierungseigenheiten, seinen Klang, seine Eigenheiten - kurzum: seine musikalische Mitteilungsform.

Nur ein Spiel

Nun ja, ein bisschen ist es ja eine philosophische Frage: Diese Remix- und Remastered-Versionen von alten Meisterwerken. Das Bemühen ist ja erkennbar, nämlich alte Sachen mit dem heutigen Stand der Technik aufpolieren, sie heutigen Standards anzupassen. Doch dahinter erscheint auch ein anderes Bemühen erkennbar: noch einmal abkassieren mit legendären Werken, noch einmal verdienen und Kohle machen. Ob aber dahinter auch die Frage auftaucht, ob denn bestimmte „Meisterwerke“ in eine bestimmte Zeit gehören, ob sie sie auf ihre Weise spiegeln und eine Art Zeitzeugnis sind, das nicht unbedingt mit „heutigen“ Mittel verfremdet und „aufpoliert" werden muss? Ob jemand eine "Aktualisierung" der Werke von Johann Sebastian Bach wünscht? Ob alleine schon das andere Zeitgefühl, das solche Aufnahmen in den 60er, 70er und 80er Jahren meist prägte, zwingend dazu gehört zu einer bestimmten Produktion? Die langen Anlauf- und Aufbauzeiten, das ausgedehnte Intro samt den von virtuosen Soli durchfurchten Durchführungen gehörte ja damals dazu, waren ein Zeugnis der Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, - oder? Andererseits könnte es wohl ein reizvolles Spiel sein, sich anzuhören, wie denn eine mit heutigen technischen Mitteln geglättete Version des alten sich anhören könnte (Die Drums ein bisschen mehr "Wumms" geben, die Raumeffekte ein bisschen ausbauen, mehr Präsenz insgesamt...etc.). Das damals vorherrschende Modell einer Band, also eines Gang-artigen Gruppenkonsenes, wird ja heute oft repräsentiert von „prominenten“ Mitgliedern solcher Bands, die sich für eine Neuinterpretation ihrer Eingebungen meist monatelang in ein Studio eingeschlossen haben. Man sollte solche noch einmal veröffentlichten „Kicks“ nicht allzu ernst nehmen, meine ich. Etwas zu renovieren und es restaurieren schafft eben gerade nicht dieses Abbild einer Zeit und der zu ihr gehörenden technischen Möglichkeiten. Es ist eine Art von Herüberretten von industriell hergestellter Volksmusik, die immer schon von den jeweiligen technischen Bedingungen abhängig war. Es ist ein Spiel zum Zwecke des Profitmachens, - sonst nichts. 

One World!

Diese Leute bohren sich offensichtlich auf recht luxuriöse Weise durch ihren Alltag. Man glaubt den jederzeit auftauchenden Diener, der ihnen willfährig zu Diensten steht, geradezu zu ahnen. Er liegt „in der Luft“. „In the Air“. Dazu tun sie so, als würden sie Klavier spielen können und nennen es „One World: Together at home“. Die Wunder des Digitalen machen es möglich. Schon ein bisschen peinlich, wenn viele von ihnen „so tun als ob“. Dabei ist alles künstlich und virtuell. Hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigen sie oft ganze Stäbe an dienstbaren Geistern, die auf allerlei Maschinen den Sound für sie machen, die Unterlage, auf der sie glänzen wollen. Sie tragen dann meist eine vage Idee bei, damit sie später Tantiemen abgreifen können. Wichtig ist, dass sie so tun, als seien wir alle beieinander. Irgendwie. Wir alle. Wenn auch virtuell. Große ausladende Kamine durften wir bewundern. Große Räume, die die Sicherheitsabstände locker garantieren..... Bourgoises Gediegenheits-Getue. Oder auch nicht gemachte Betten, - alles zum Zwecke der Erzeugung von Authentizität. Sich selbst zur Marke machen, sich inszenieren. Wird auch an den Popakademien gelehrt.  

 

Schmalzstullen gab es genug. Lieder, die rühren und einem nahe gehen sollen. Tanzchoreografien weniger. Großmogule des populären Lieds präsentierten sich und ihre Herrlichkeit (bzw. Dämlichkeit). Die Stones dabei. Boten Handgearbeitetes dar. „You can‘t always get, what you want“. Die alten Schrumpelgesichter. Wissen, wie's alles geht! Hoben sich zwangsläufig ein bisschen ab von all den glänzenden Oberflächlichkeiten und aufpolierten Fassaden der andern. Der Trick: genau das ist ihr Image! Die unverwüstlichen Kerle! Publikumswirksam focht man dann noch einen alten Strauß mit dem Kollegen McCartney aus. Nun ja! Beatles gegen Stones. Hm. Die Festivals fallen jetzt alle aus. Es stehen zunächst also keine Pilgerfahrten der Gemeinsamkeit mehr an. Die großen Gassenhauer muss man sich zunächst in leibhaftiger Darbietung verkneifen. Sie fallen zum Leid der armen Veranstalter aus. Nun ja, für in geschwollene  Töne gesetzte und gospelgetränte Rufe nach dem Herrn (im schwarzen Smoking) sind solche Festivals ja sowieso wenig geeignet. Mir scheint, dass durch diese Show eine Art Distanz demonstriert wurde und das, wozu das Popgeschäft in Jahrzehnten nach „Live Aid“ geworden ist.