Kritik der Kritik

Mehr aus Zufall, aus einer Laune heraus fange ich an, meine CDs aus anderer Lebenssituation heraus zu hören, gehe sie durch, aus anderer Perspektive, komme zu Schlüssen. Man war im Berufsleben als Journalist zu oft zu schnellem Urteil gezwungen, zu rationalem Handeln (wo man hätte auch mehr Emotionen einfließen lassen sollen), musste gewisse Maße und Vorgaben erreichen, gewisse Formen wahren. Man hätte sich länger einlassen sollen. Bedeutet das, dass meine Beurteilungen, Einschätzungen und Hörfrüchte dann anders ausgefallen wären? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich meine Einschätzungen damals komprimieren, schnell formulieren, war zu etwas gezwungen, was sonst nicht meinem Naturell entspricht. Jedenfalls fühlte ich mich keinen Vorurteilen ausgeliefert, war auch Beeinflussungsversuchen wenig zugänglich. Jaja, da war ohnehin vieles für den Augenblick produziert. Prinzip: Pop. Schnelligkeit und manchmal – ja!- Hektik hatte  manchmal auch in meiner Produktion Vorrang vor einer Bedacht, einer inneren Ausgewogenheit, die dem Umstand vielleicht eher gerecht hätte werden können, dass da jemand sich und seine ganze Kreativität investiert hat. So sieht es wenigstens aus heutiger Perspektive aus. Ich höre eine Scheibe aus der Sicht von Heute an – und sie verändert sich noch heute, geschweige denn, dass ich mir noch die Sicht von früher vergegenwärtigen könnte. Meine Sicht der Dinge ganz allgemein glich oft einem Kontinuum, das sich dauernd veränderte und sich Lebenssituationen anpasste. Dadurch kam es leider auch, dass ich als Musikjournalist keine Routinen entwickelte, ich musste ständig neu um eine Einschätzung kämpfen, jede Situation war neu für mich, stellte mir ihre Anforderungen. Und ich? Drückte aus mir heraus, was gefordert war. So gut es eben ging….. 

Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Popismen

Habe ich eigentlich eine besondere Erinnerung an Abba, für die ja jetzt die gesamte Popwelt jetzt zu schwärmen scheint? Ich befürchte, dass sie mir egal waren und ein Inbegriff der klischeehaften Popwelt: Kitschig, verlogen, - allenfalls. Ein Produkt – und kein besonders künstlerisches. Sie scheinen mir jene Mythen zu verkörpern, die die Popwelt immer umspielt hat. Projektionen, Sehnsüchte, Kunstwelten. Wenn sie jetzt als Knattles und alte Damen daher kommen, so heißt das, dass sie auch nur Menschen sind: Wie überraschend! „Dancing Queen“ und all das Zeug: Ohrwürmer, um Geld zu verdienen. Nix Besonderes auf dieser Welt. Wenn man aber die vielen lobhudelnden Geschichten von heute liest, dann waren sie für alle eine Verkörperung der wahren Liebe, des Sonnenscheins von Melodien, des verkitschten Burgjungfrau- und Ritter-Mythos, der schlechtesten und süßlichsten aller amerikanischen Träume in der Folge von Cadillac und Santa Claus.. Musical-Märchen. Irgendwie peinlich fand man das, wollte es sich aber leisten, sich nicht damit auseinander zu setzen. Wer das wollte, der sollte es haben.

 

Musikalische Perfektion“? Wird ja jetzt an Abba immer so gelobt. Für uns damals bedeutete das nichts. Eine Vertonung des Nichts. Sonst nichts. Altmodisches Zeugs. Keine klare Zuspitzung auf ein Thema außer dem der Unterhaltung. Die Herren fummelten an irgendwelchen Instrumenten herum und die Damen in ihren komischen Kostümen machten dazu eine gute Figur – halt in dem vorgegebenen Sinne. Insgesamt stellten sie ungefähr das dar, was heute an zurecht gecasteten Formationen in den Medien nervt. Gefühl, ja das Gefühl an ihnen wurde auch immer so gelobt in früheren und letzten Zeiten. Für mich waren sie das Gegenteil von Gefühl. Für mich waren sie Zuckerstil mit ein bisschen Disco, durch und durch künstlich, von dem, was wir unter Gefühl verstanden, keine Spur. Ein Medienprodukt. 

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Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Glanztaten?

Ach ja, wie Ozzy Osbourne damals beim Treffen mit der Plattenfirma im Stechschritt über den Tisch marschierte, wie er seine Eier in ein Glas baumeln ließ und dann hinein urinierte: Frühe Glanztaten der Rockmusik, so wird geraunt. Der traut sich was. Der war durch das viele Geld legitimiert, das Black Sabbath damals verdienten und um das sie damals offenbar beschissen wurden, - wie geraunt wird. Dass man vom Managment betrogen wurde, scheint damals zum guten Ton gehört haben. Damals. Es war halt obligatorisch, ein abgründiges Grinsen. Eine Verehrung – wenn’s geht, in der Freizeit. Bewunderung dafür, wie es solchen Leuten möglich war, schon mal alles voll zu kotzen und trotzdem heftig hofiert zu werden, fähig zu sein, auch im hohen Alter den typischen Geruch von Schweiß und Bier, die Atmosphäre des Bösen und Düsteren noch einmal herauf zu beschwören. Was für tolle Schnurren boten diese in Schwarz gekleideten Jungs! Nun ja, da stanken Typen wie Townes van Zandt und seine leisen Lieder dagegen ab. Der ließ sich eines Tages aus einem Fenster fallen, - aus Verzweiflung, so wird kolportiert.

 

Man ließ bei Black Sabbath schon mal ein Kreuz um den Hals baumeln, dachte sich aber nicht viel dabei. Dafür konnte Ozzy saufen ohne Ende. Toll! Es sind womöglich noch ein paar andere Drogen hinzu gekommen, was ihn beinahe total ruinierte und sogar als Trunkenbold ins Taumeln brachte. Doch der tapfere Held des Musik-Metalls hat überlebt, ein bisschen auch wie Lemmy Kilmister, der ähnlich lange durchgehalten hat und seine öffentliche Rolle auch hingebungsvoll inszeniert hat. Osbourne hat aus einem Leben gar eine Reality-Show gemacht und hat bei einer Reunion-Tournee mitgewirkt, die die alten Mythen trotz eines fehlenden Gründungsmitglieds noch einmal beschworen hat.

Hinein gleiten

Dass die Sängerin Jennifer Charles eine laszive Stimme habe, fällt wohl jedem ein. Stimmt auch. Unwillkürlich zieht sie jeden hinein, diese Stimme, in Richtung auf ein Geheimnis, von dem aus der Strom des Unbewussten über die Felder Elysiums auf uns zuläuft. Haucht sie da eine Ahnung von der Insel der Seligen? Ob die Botschaft in diesem unglaublichen Timbre liegt? Vielleicht kann ja dunkle Erotik und Bedeutung im Gesang zusammenfallen. Paradies und seine Auslöschung, Großstadt und Fantasie. Die Stimme gehört zur New Yorker Band Elysian Fields, deren Kern sie zusammen mit dem Gitarristen und Songschreiber Oren Bloedow sowie einem Kreis von weiteren New Yorker Musikern über nun fünf Alben hinweg gebildet hat. Eine meiner CDs heißt „The Afterlife“ und ist wieder so etwas ein Wunderwerk. Musikalisch in keine Schublade passend, gleiten ihre dunkel gefärbten Songs mit Gitarren und Piano oft über scheinbar klare und sehr einfallsreiche Liedstrukturen hinweg in gebrochene Akkorde, um sich dort mit genau arrangierten Streichern, Bläsertupfern und seltsamen Einsprengseln aller Art zu verbünden. Ein Album wie ein Traum. New York Avantgarde. Umgekehrter Jazz. Zurückhaltend und sehr dosiert. Sophisticated würden Amerikaner so etwas nennen. Da ist viel umgebogene Traurigkeit und ein düsterer Abgrund. Nacht und Dämmerung. Fabelhaft.

 

Elysian Fields: The Afterlife. Reverb Records.

Band on the Run

Die Band, in der Rockmusik ein Modell der Vergangenheit? Jüngste Äußerungen bestimmter „Superstars“ scheinen eine solche Ansicht zu stützen. Es schälen sich in diesem Entertainment-Business mit der Zeit Millionäre und Milliardäre heraus, die mit ihrer scheinbaren Kreativität weit über dem Fußvolk der „Umsetzer“ thronen. Sie haben, was das Wichtigste in unserem Wirtschaftssystem ist, eine „Marke“ heraus gebildet. Sie halten entscheidende Rechts daran. Sie geben die „Masterminds“. Sie haben die wichtigen Kompositionen getätigt. Sie könnten aus ihrer „Position“ heraus tun und lassen, was sie wollen. Stattdessen bringen sie den tausendsten Aufguss dessen, was sie längst realisiert hatten, auf den „Markt“. Klar, wer eine Marke geprägt hat, kann nicht plötzlich etwas ganz anderes machen, als das, was ihn berühmt gemacht hat. „Die andere Seite“, das Publikum, scheint es ja genauso so zu wollen. Es ist glücklich, die „alten Schlager“ wieder zu hören und damit bestimmte Reflexe in sich wach zu rufen. Als bewusster Zuhörer fand ich solches oft bfremdlich. Ich war vielmehr neugierig darauf, was ein solcher Pop-Protagonist in dieser heutigen Welt produzieren könnte. Etwas Neues. Etwas, was sich in diesen heutigen Verhältnissen bricht. 

Jeff im Ohr und im Körper

Mir zieht sich alles zusammen, wenn ich jetzt Jeff Becks Gitarre höre, das ist so komprimiert, so reduziert, so zwischen den Gefühlswelten wechselnd, so zwingend, so brutal, wüst und zärtlich..... eigentlich wollte ich selbst genau das immer umsetzen..... wahrscheinlich war er auf der persönlichen Ebene ein weiterer Popdepp, der gerne an Autos schraubt und auf eine lange Karriere mit vielen Erinnerungen zurückblickt. Wahrscheinlich wäre ich zu sehr von ihm enttäuscht, weshalb ich darüber nichts wissen will. Ist eh vorbei. Woher kommen seine Sounds? Die Schärfe, mit der das in meine Nerven schneidet, der Schneidbrenner, die Überlegenheit dem Instrument gegenüber, ein naives Naturtalent, ein Studierer und Suchender ein Leben lang, auch dafür spricht einiges..… sich nicht überschätzen lassen, er ist mal wieder dem Image eines Guitarhero enteilt, davon gerannt, womöglich hatte er Angst davor..…, das mag ich, wie er am Vibratohebel zieht, zerrt und wie er mit den Obertönen spielt, wie er sie einbaut und mit ihnen umgeht..... sie formt. Sie mitnimmt, er wollte sich ausdrücken, nicht unbedingt Popstar sein, was er aber des Geldes wegen durchaus gelegentlich mitnahm..... man verschwendet seine Zeit nicht mehr mit Erkundungsritten, man weiß, wo man was erwarten kann...… Beck machte sehr verschiedenes, aber alles mit einer eigenen Klasse“.

Im Jahr 2010 hatte ich über seinen Auftritt in der Liederhalle berichtet, wobei es mich regelrecht in das Gestühl gepresst hatte:

Er wirkt schüchtern, scheu, sehr bescheiden und fast schon ungelenk dort auf der Bühne. Kaum mal eine Ansage, den Blick meist zur Seite gewandt, scheint er sich aber dennoch über den Zuspruch zu freuen, der ihm aus dem nahezu ausverkauften Beethovensaal entgegenbrandet und sich immer weiter steigert. Jeff Beck könnte den Gitarrenhelden geben, fürwahr. Dass er das ist, was das Geschäft gerne eine Legende des Rock nennt: geschenkt. Schon den frühen sechziger Jahren Studiomusiker, dann bei den Yardbirds zusammen als Ersatzmann mit Jimmy Page, für seine eigene Band mal kurz Rod Stewart als Sänger geholt, die Trios, die Fusionbands, das Comeback im Trio und seitdem die Soloarbeiten, die bis zum viel kritisierten Album „Emotion & Commotion“ geführt haben: alles Geschichte. Jetzt steht ein dürrer Mann mit einer Gitarre auf der Bühne, der sich vor seiner hochkarätig besetzten Band auf seinen Ton konzentriert, der eine enorme emotionale Spannweite hat: zwischen zärtlichen Melodieverästelungen und wüst agressiven Metalattacken ist bei ihm alles möglich. Und er hat das, von dem alle Musiker träumen, ob in Klassik, Jazz oder Rock: einen eigenen Ton.Vom Blues kommend, hat er sich des Jazz bemächtigt, hat mit Elektronik und hartem Rock geflirtet und mit der Zeit seinen eigenen Stil geschaffen. Nein, er profiliert sich auch an diesem Abend nicht als Alleskönner, sondern er formuliert einen klaren und mit sich selbst identischen Ausdruck.

 

Melodiefantasien wie „Where were you“, „Declan“ oder „Angel“ kostet er mit nahezu unbeteiligter Miene bis ins Letzte aus und lässt seine Gitarre von Jason Rebellos warmen Keyboardklängen umhüllt ganz alleine im Himmel fliegen, mal euphorisch und mal betrübt, mit Flageoletts und delikat gebogenen Obertönen, um plötzlich zu brechen und in herben, bitteren Linien in den wüsten Hades des Rumorens abzustürzen. Von dort kommen Stücke wie „Dirty Mind“, zu dem die Bassistin Rhonda Smith ein rhythmisches Stöhnen gibt und dessen Gitarre ein obsessives Bohren mit einer eleganten Rhythmusschleife entlang jagt. Wie er den Ton aufsteigen und abstürzen lässt, wie ihn zu etwas Eigenem formt, wie er in „Rollin' and Tumblin'“ den Blues nimmt, ihn metallisch fräst und ihm dem polternden Narada Michael Walden am Schlagzeug zuspielt, das hat eine ganz eigene Klasse. Der Mann ist 66 und wird diese hohe Kunst des emotionalen Ausdrucks nicht mehr oft auf Tournee vorführen. Noch immer spielt er das Gitarrenmodell „Stratocaster“, wie es jeder kaufen kann. Nur für ein einziges Stück, für „How high the Moon“, das er als Hommage an den Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul spielt, nimmt er sich ein anderes Instrument. Gegen Schluss dann als einsamer Höhepunkt „A Day in Life“ von den Beatles in einer fulminanten Interpretation: den lakonischen Ton auf das Instrument übertragen, mit grandioser Dynamik gespielt als Wechselbad, fein und grob zugleich. Das funky Schlusstück heißt „I wanna take you higher“ und stammt ursprünglich von Sly & The Family Stone. Es hat an diesem Abend geklappt: Sein Spiel hat das Publikum zeitweise in höchste Höhen emporgetragen.“ Mittlerweile ist Jeff Beck gestorben.

Charisma!?

Nach dem Besuch eines Konzerts eines „Superstars“, geschrieben aus meiner für mich typischen Beobachter-Perspektive: Es ist ein einziger Gottesdienst, in dem seine großspurige Überheblichkeit und zynische Arroganz gefeiert wird. Seine Verächtlichmachung und sein Spott über all die, die schwach sind und nicht so reich wie er. Sie feiern ihn dafür. Er vermischt das damit, dass er spielerisch aufblitzen lässt, wie sehr er gleichzeitig einer von ihnen ist - der alte Pop-Trick. Er, so verbreitet er mit Gesten und Worten, breit grinsend, hat sich aus dem Sumpf heraus gearbeitet. Wieso nicht du? Die Medien berichten untertänigst darüber. Die Band spielt zwar fantastisch dazu, ist aber kaum einer Erwähnung wert, ihre Mitglieder sind austauschbar. Werbung blitzt auf, Werbung ist plötzlich überall. Nun ja, das machen zb. prominente Sportler auch so. Sie alle versuchen, „Prominenz“ in Geld zu verwandeln. Es ist dies hier eine Anbetungsorgie, in Geld gegossene Verehrung, auf peinliche Weise abgehoben von den Realitäten dieser Welt, denen man auch durch das Massenerlebnis ja gerade mit einem solchen charismatischen Wichser (Frauen scheinen an dieser Stelle noch weniger gefragt) entkommen will. Oder? Charisma? Wird hier ein bestimmtes faschistoides Verhaltensmuster eingeübt (z.b. eine Gleichgerichtetheit des „Gefühls“) oder - macht das nur „harmlosen“ Spass? Als „Freizeitaktivität“? Als Unterhaltung? Wird hier Charisma zum Zwecke der Verkaufe ausgenutzt? Ist das dort auf der Bühne eine Figur, die zum Konsum animieren soll? Marke, Markenaustausch. Wer ihn hört, findet auch die Marke toll. Entsteht dadurch eine Distanz zu den „Fans“? Oder sind diese inzwischen auf exakt solche Trips in einer durchkommerzialisierten Welt voller Werbeclips getrimmt? 

Kritik der Kritik

Mehr aus Zufall, aus einer Laune heraus fange ich an, meine CDs aus anderer Lebenssituation heraus zu hören, gehe sie durch, aus anderer Perspektive, komme zu Schlüssen. Man war im Berufsleben als Journalist zu oft zu schnellem Urteil gezwungen, zu rationalem Handeln (wo man hätte auch mehr Emotionen einfließen lassen sollen), musste gewisse Maße und Vorgaben erreichen, gewisse Formen wahren. Man hätte sich länger einlassen sollen. Bedeutet das, dass meine Beurteilungen, Einschätzungen und Hörfrüchte dann anders ausgefallen wären? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich meine Einschätzungen damals komprimieren, schnell formulieren, war zu etwas gezwungen, was sonst nicht meinem Naturell entspricht. Jedenfalls fühlte ich mich keinen Vorurteilen ausgeliefert, war auch Beeinflussungsversuchen wenig zugänglich. Jaja, da war ohnehin vieles für den Augenblick produziert. Prinzip: Pop. Schnelligkeit und manchmal – ja!- Hektik hatte  manchmal auch in meiner Produktion Vorrang vor einer Bedacht, einer inneren Ausgewogenheit, die dem Umstand vielleicht eher gerecht hätte werden können, dass da jemand sich und seine ganze Kreativität investiert hat. So sieht es wenigstens aus heutiger Perspektive aus. Ich höre eine Scheibe aus der Sicht von Heute an – und sie verändert sich noch heute, geschweige denn, dass ich mir noch die Sicht von früher vergegenwärtigen könnte. Meine Sicht der Dinge ganz allgemein glich oft einem Kontinuum, das sich dauernd veränderte und sich Lebenssituationen anpasste. Dadurch kam es leider auch, dass ich als Musikjournalist keine Routinen entwickelte, ich musste ständig neu um eine Einschätzung kämpfen, jede Situation war neu für mich, stellte mir ihre Anforderungen. Und ich? Drückte aus mir heraus, was gefordert war. So gut es eben ging….. 

Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Popismen

Habe ich eigentlich eine besondere Erinnerung an Abba, für die ja jetzt die gesamte Popwelt jetzt zu schwärmen scheint? Ich befürchte, dass sie mir egal waren und ein Inbegriff der klischeehaften Popwelt: Kitschig, verlogen, - allenfalls. Ein Produkt – und kein besonders künstlerisches. Sie scheinen mir jene Mythen zu verkörpern, die die Popwelt immer umspielt hat. Projektionen, Sehnsüchte, Kunstwelten. Wenn sie jetzt als Knattles und alte Damen daher kommen, so heißt das, dass sie auch nur Menschen sind: Wie überraschend! „Dancing Queen“ und all das Zeug: Ohrwürmer, um Geld zu verdienen. Nix Besonderes auf dieser Welt. Wenn man aber die vielen lobhudelnden Geschichten von heute liest, dann waren sie für alle eine Verkörperung der wahren Liebe, des Sonnenscheins von Melodien, des verkitschten Burgjungfrau- und Ritter-Mythos, der schlechtesten und süßlichsten aller amerikanischen Träume in der Folge von Cadillac und Santa Claus.. Musical-Märchen. Irgendwie peinlich fand man das, wollte es sich aber leisten, sich nicht damit auseinander zu setzen. Wer das wollte, der sollte es haben.

 

Musikalische Perfektion“? Wird ja jetzt an Abba immer so gelobt. Für uns damals bedeutete das nichts. Eine Vertonung des Nichts. Sonst nichts. Altmodisches Zeugs. Keine klare Zuspitzung auf ein Thema außer dem der Unterhaltung. Die Herren fummelten an irgendwelchen Instrumenten herum und die Damen in ihren komischen Kostümen machten dazu eine gute Figur – halt in dem vorgegebenen Sinne. Insgesamt stellten sie ungefähr das dar, was heute an zurecht gecasteten Formationen in den Medien nervt. Gefühl, ja das Gefühl an ihnen wurde auch immer so gelobt in früheren und letzten Zeiten. Für mich waren sie das Gegenteil von Gefühl. Für mich waren sie Zuckerstil mit ein bisschen Disco, durch und durch künstlich, von dem, was wir unter Gefühl verstanden, keine Spur. Ein Medienprodukt. 

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Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.

Kritik der Kritik

Mehr aus Zufall, aus einer Laune heraus fange ich an, meine CDs aus anderer Lebenssituation heraus zu hören, gehe sie durch, aus anderer Perspektive, komme zu Schlüssen. Man war im Berufsleben als Journalist zu oft zu schnellem Urteil gezwungen, zu rationalem Handeln (wo man hätte auch mehr Emotionen einfließen lassen sollen), musste gewisse Maße und Vorgaben erreichen, gewisse Formen wahren. Man hätte sich länger einlassen sollen. Bedeutet das, dass meine Beurteilungen, Einschätzungen und Hörfrüchte dann anders ausgefallen wären? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Vielleicht konnte ich meine Einschätzungen damals komprimieren, schnell formulieren, war zu etwas gezwungen, was sonst nicht meinem Naturell entspricht. Jedenfalls fühlte ich mich keinen Vorurteilen ausgeliefert, war auch Beeinflussungsversuchen wenig zugänglich. Jaja, da war ohnehin vieles für den Augenblick produziert. Prinzip: Pop. Schnelligkeit und manchmal – ja!- Hektik hatte  manchmal auch in meiner Produktion Vorrang vor einer Bedacht, einer inneren Ausgewogenheit, die dem Umstand vielleicht eher gerecht hätte werden können, dass da jemand sich und seine ganze Kreativität investiert hat. So sieht es wenigstens aus heutiger Perspektive aus. Ich höre eine Scheibe aus der Sicht von Heute an – und sie verändert sich noch heute, geschweige denn, dass ich mir noch die Sicht von früher vergegenwärtigen könnte. Meine Sicht der Dinge ganz allgemein glich oft einem Kontinuum, das sich dauernd veränderte und sich Lebenssituationen anpasste. Dadurch kam es leider auch, dass ich als Musikjournalist keine Routinen entwickelte, ich musste ständig neu um eine Einschätzung kämpfen, jede Situation war neu für mich, stellte mir ihre Anforderungen. Und ich? Drückte aus mir heraus, was gefordert war. So gut es eben ging….. 

Kunst- was ist das?

Haha, alten Text über Popsongs gelesen. Da wird im Ernst gefragt, ob sich die Betreffende, die einem mit „wohltuendem Schwachsinn“ zugesetzt hat, ob sie also am Ende sich als Künstlerin erweist. Mir kommt es so vor, als sei der Begriff der Künstlerin oder des Künstlers nicht erst jetzt dermaßen aufgeweicht, dass sowieso niemand mehr weiß, wer oder was das ist….. Abgesehen davon ist es mir subjektiv längst egal, ob etwas künstlerisch wertvoll ist. Objektiv kann ich natürlich alles jederzeit erklären. Künstler? Pah! Und dann ausgerechnet Popmusiker? Deren „Erfolg“ sich mit einem infernalischen Grinsen nach dem Umsatz bemisst? Haha, ich las etwas von „leichter Schläfrigkeit“ und "verträumter Melancholie“: nein, nein, es ging in diesem Falle nicht über Lana del Rey! Das mit der lebensverändernden Kraft eines Songs kenne ich auch, funktioniert bei mir aber wesentlich seltener. Hab’s nicht so im Griff! „Fadenscheinig“ und „abgestanden“ werde der betreffende Song bald wirken. Hm, leider denke und fühle ich das gleich mit, wenn ich den Song zum ersten Mal höre. Ein dreiminütiger Popsong könne halt „seine Geheimnisse nicht ewig bewahren“, so lese ich... Klaro, so denke ich mir. Das liegt am Wesen eines Popsong. Dann geht es um den „Wegwerfcharakter“ von Popmusik und dann langweilt mich das alles, obwohl ein großer Name den Buchumschlag ziert. 

Popismen

Habe ich eigentlich eine besondere Erinnerung an Abba, für die ja jetzt die gesamte Popwelt jetzt zu schwärmen scheint? Ich befürchte, dass sie mir egal waren und ein Inbegriff der klischeehaften Popwelt: Kitschig, verlogen, - allenfalls. Ein Produkt – und kein besonders künstlerisches. Sie scheinen mir jene Mythen zu verkörpern, die die Popwelt immer umspielt hat. Projektionen, Sehnsüchte, Kunstwelten. Wenn sie jetzt als Knattles und alte Damen daher kommen, so heißt das, dass sie auch nur Menschen sind: Wie überraschend! „Dancing Queen“ und all das Zeug: Ohrwürmer, um Geld zu verdienen. Nix Besonderes auf dieser Welt. Wenn man aber die vielen lobhudelnden Geschichten von heute liest, dann waren sie für alle eine Verkörperung der wahren Liebe, des Sonnenscheins von Melodien, des verkitschten Burgjungfrau- und Ritter-Mythos, der schlechtesten und süßlichsten aller amerikanischen Träume in der Folge von Cadillac und Santa Claus.. Musical-Märchen. Irgendwie peinlich fand man das, wollte es sich aber leisten, sich nicht damit auseinander zu setzen. Wer das wollte, der sollte es haben.

 

Musikalische Perfektion“? Wird ja jetzt an Abba immer so gelobt. Für uns damals bedeutete das nichts. Eine Vertonung des Nichts. Sonst nichts. Altmodisches Zeugs. Keine klare Zuspitzung auf ein Thema außer dem der Unterhaltung. Die Herren fummelten an irgendwelchen Instrumenten herum und die Damen in ihren komischen Kostümen machten dazu eine gute Figur – halt in dem vorgegebenen Sinne. Insgesamt stellten sie ungefähr das dar, was heute an zurecht gecasteten Formationen in den Medien nervt. Gefühl, ja das Gefühl an ihnen wurde auch immer so gelobt in früheren und letzten Zeiten. Für mich waren sie das Gegenteil von Gefühl. Für mich waren sie Zuckerstil mit ein bisschen Disco, durch und durch künstlich, von dem, was wir unter Gefühl verstanden, keine Spur. Ein Medienprodukt. 

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Schwebende Soundgespinste

Was ich einst über ein 2012 erschienenes Album mit Ryuichi Sakamoto und Christopher Willits geschrieben habe:  

 

Schwebende Klangpoesie als Geschenk

 

Der Freistilmusiker Ryuichi Sakamoto hat eine neue musikalische Begegnung gesucht.  

Sanft schweben sie herein und breiten sich aus, sie scheinen aus dem Dunkeln zu kommen, um ins Licht zu gehen: Die Stücke des Albums „Ancient Future“ des Duos Christopher Willits und Ryuichi Sakamoto umfangen uns weich, hüllen uns ohne Gefälligkeiten freundlich ein. Sie haben Titel wie „Abandoned Silence“, „I don't want to understand“ oder „Levitation“. Gut getroffen, so denken wir. Tonzusammenballungen, die aus digitalen Klangspendern kommen, aber auch herkömmlich akustisch erzeugte Pianoklänge kräuseln sich dazwischen, um sich selbst kreisend, als Angebot zum Staunen. Die beiden sind zusammen auf einer Art Reise und spielen sich nicht in der Weise die Bälle zu, wie das zuletzt auf dem Album „Flumina“ Sakamoto und Christian Fennesz getan haben, jener Gitarrist und Elektroniker, der Christopher Willits in manchem ähnlich zu sein scheint. Sie verfolgen vielmehr einen anderen Ansatz, betonen mehr das musikalische Miteinander.

Sakamoto hat ja immer wieder die kreative Begegnung gesucht und hat unzählige Male versucht, avantgardistischen Klangexpeditionen aus ihrer Verschlossenheit herauszuführen. Es ist ja ein Grundimpuls seiner Arbeit als Musiker, Produzent, Arrangeur, Komponist, Fotograf und Schauspieler. Er bewegt sich gerne zwischen Welten, nicht als kurzweiliger Gag, sondern als weit gespanntes Motiv. Er hat mit und für Madonna, Brian Wilson, David Bowie, David Byrne und vielen anderen Popgrößen gearbeitet. Er ist als Keyboarder zusammen mit dem Rockmusiker David Sylvian bis an den Rand der populären Musik gegangen und er hat für Bernardo Bertolucci Filmmusik geschrieben, auch für Regisseure wie David Lynch und Oliver Stone. Der heute 60Jährige hat einmal Musik in Tokio studiert und sucht fortwährend eigene Verbindungen zwischen fernöstlicher und die europäischer Musiktradition. Tastend, suchend, immer wieder neu ansetzend seine Einfälle in verschiedene Formen der Kompaktheit packend, sie hineinzwingend in immer neue Formen. Wir können jetzt wieder dabei sein bei einem solchen Versuch. Durch Atmosphären schleichend, durch Stimmungen gleitend, Hörräume behutsam mit Fantasie ausfüllend, dem Freistil zwischen Ambient Music und Avantgarde  Schwingen verleihend. Aus der Stille heraus in die Stille hinein. Eine Vision. Ein Traum. Einfach kompliziert.

 

Christopher Willits/Ryuichi Sakamozo: Ancient Future. Ghostly International

Begeisterung mit Distanz

Wir sind dem unablässigen Beschuss durch kulturelle Versatzstücke ausgeliefert. Etwas steht für etwas. Hat sich verselbständigt. Ist zum industriell geprägten Zeichen, zum auf sich selbst zeigenden Hinweis, zur verkürzten Chiffre geworden. Und dann die Namen! Ghandi steht für Gewaltlosigkeit. Kennedy für die Hoffnung in eine Zukunft. Trump ist eine seltsame Figur, die uns mit ihren Sprüchen und kindlichen Posen aber über die Medien fortwährend untergejubelt wird. Zeichen und Wunder: Der Eiffelturm ist ein Wahrzeichen von Paris. Die Freiheitsstatue soll etwas Wichtiges an den USA zeigen. Die Engelsstatue in Rio de Janeiro... und vieles andere. Ebenso gibt es aber auch musikalische Versatzstücke, die das Gefühl mit des Gehirns Verstand koppeln und eine Art kollektivem Gedächtnis entstehen lassen. Wenn also Freddie Mercury etwas von „Meisterschaft“ jault, wenn Michael Jackson quiekt und sich tanzend ans Gemächt fasst, dann sind das alles Zeichen, Logos, Erkennungszeichen, Auslöser von Reflexen, die sich eingegraben haben in uns. Lionel Ritchie schmalzt „Hello, - it‘s me“, Momente scheinen aufgeblasen zu einem Eindruck, schnulzen sich einer Andeutung von Identität entgegen: diese typisch übertriebenen und fast Comichaft wirkenden Emotionen sehen wir auch von sogenannten Schauspielern in vielen Fernsehfilmen (sie agieren so, dass es jeder kapiert), viele hetzen „Atemlos durch die Nacht“ und lassen der Sängerin ihre Verehrung aber sowas von spüren, dass es kracht. Celine Dio schnulzt in alle Ewigkeit ihr "My heart will go on" und Joe Cocker stöhnt sein woodstockerprobtes "With a little help from my friends". Elton John rührt mit „it‘s a little bit funny“ seinem Song und taumelt tränenreich mit „Candle in the wind“ der Beerdigung von Lady Di entgegen. Er hat den Song gleich mehrfach verwertet, der geadelte Schelm, denn er hat ihn ursprünglich für Norma Jean alias Marylin Monroe geschrieben. Wir reagieren. Wir sehen uns Reaktionsweisen gegenüber. Wir nehmen es wahr und reagieren aus einer anderen Warte, sollen aber gleichzeitig etwas von der Faszination dieser Figur transportieren, sollen ihrer populären Wirkung nachspüren und das dann möglichst begründen. Begeisterung auslösen als Folge einer langen Kette von gesellschaftlichen Mechanismen. Das eine oder andere aufzubrechen und es unter Wahrung der Massenperspektive darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe des Kritikers sein.