Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen? 

Popdekadenz

Es gibt nichts und niemanden mehr zu beweihräuchern in der Popindustrie. Schade. Über die Stones und ihre angeblich so exzentrischen Eskapaden wollen wir nun wirklich nichts mehr lesen. Diese dekadenten Säcke nötigen mir keine Kommentare mehr ab, ihre Musik schon noch. Neil Young ist auch mit vielfach in „Harvest“-Weinerlichkeit gefaltetem Gesicht noch aktiv. Grobschlächtig, gewiss. Holzen und Dreschen. Er sei der „Godfather“ des Punk, - basta! So geht die Kunde. Das gibt es jetzt keineswegs mehr am Fließband der Aktualitäten. Gevatter ahoi! Dylan ist jetzt sogar durch den Nobelpreis geadelt. Der Vorzeigepoet schlechthin, für viele. Macht aus der Preisverleihung eine Show, er lässt erscheinen. Typisch, - so meinen die Fans. Ziemlich eitel, so finden die Kritiker. Dabei ist er vielleicht ein Schelm, dieser Sinnproduzent des Verqueren. Rootstock forever! Auch Sting ist mit seinen zahlreichen Schlössern und gesammelten Sportwagen weit weg vom ehemals engagierten Image als Regenwaldschützer. Ach ja, „Fields of Gold“. Früher war alles besser und überhaupt: Hendrix der Übervirtuose. Ob sich die Erinnerungen noch einmal neu verkaufen lassen? Mark Daddler dödelt auf seiner vergoldeten Gitarre das Neue, das in Wiederholungen des Erfolgreichen besteht. Zur Marke geworden. Füllig und feist. Das letzte Bier ist getrunken. Das alte, Ungehobelte zieht noch. Schlimme Finger. Zu den Wurzeln zurück. Black Sabbath und Alice Cooper. Mitklatschen. Es krachen lassen. Ja klar, was denn sonst?

Der Jubel und die Anbetungsprosa sind verebbt, die Helden lassen sich in gesetzten Worten im Edelzwirn über die Unflätigkeiten der Wirklichkeit aus, um sich gleich anschließend zum unterwürfigen Luxusinterview in die Luxusherberge chauffieren zu lassen. Gutes Design ist wichtig, Style und Spass auch. Die Schleimer des Hofstaats sind mehr geworden, eindeutig. Dass die Tonträgerindustrie in einer Absatzkrise steckt, erfahren wir seit Jahrzehnten: es hängt uns zum Halse heraus. Noch einmal anknüpfen an die großen Erfolge? Phono und Porno? Irgendwas gemein? Langeweile. Abgestandenheit. Konsum-Verfurztheit. Es gibt keine neuen Helden, die alten sterben aus. Sie hatten Glück: waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Wurden irgendwie zu neuer Kunst. Und „Sounds“ berichtete darüber. Jack White ist ausgeleiert. Der Indie-Gitarrist. Seine Lieder werden jetzt im Stadion gesungen. Was heißt da jetzt? Seit langem! Die einstmals jungen Helden sind jetzt Helden der Nische. Willfährige Journalisten bereiten ihnen ihre subtilen Interpretationen zu. Blöd nur, dass das außer ihnen selbst niemand interessiert.

 

Rock'n Roll zu verkaufen

Das fing doch schon sehr früh an. Ich erinnere mich an ein Konzert eines hochgelobten britischen Gitarristen, dessen Konzert vollkommen bepflastert war mit den Werbebotschaften eines Unterhaltungselektronikherstellers, der wohl global tätig war. So kam und ging so manches Konzert, dessen beide Screens rechts und links der Bühne teilweise sehr aufdringliche Spots und Werbebotschaften versendete. Unbewusst ließ das in einem Fragen aufsteigen. Flankiert wurde das ganze Geschehen meist mit dem sogenannten „Merchandising“, wenn völlig überteuerte T-Shirts mit dem Konterfei und der jeweils aktuell aufgedruckten Tournee des Großkünstlers sowie allerhand anderer Tand feilgeboten wurden. Sehr fleißig und in großer Stückzahl wurde dies natürlich in Verehrung des Auftretenden gekauft. 

Man schien sich daran zu gewöhnen, es wurde normal, schuf aber ziemlich aktiv eine Atmosphäre, in der man sich als „Verbraucher“ vorkam, als Konsument, der mit allen Mitteln abgezockt und mit den Werbebotschaften der Sponsoren zugedeckt wurde. Blöd nur, wenn es sich dabei um alte Helden handelte, die früher vielleicht einmal gegen die Zwänge der Konsumwelt und der bürgerlichen Gesellschaft anmusiziert hatten. Irgendwann wurden dann auch statt, wie früher, der Feuerzeuge die Smartphones hochgehalten, die per App auf „Taschenlampe“ gestellt waren. Sehr romantisch, das. Jetzt, so höre ich, werden sogar Chips am Eingang verteilt, die Daten zum Veranstalter senden und die der kollektiven Begeisterung dadurch Ausdruck verschaffen sollen, dass sie zentral gesteuert und auf das Bühnengeschehen abgestimmt beispielsweise in verschiedenen Farben schwelgen. Nebenher geben sie noch über den Getränkekonsum bei gewissen Stilarten Auskunft. Überhaupt bei allen Spielarten und Stilarten.  Wie das korreliert. Die Bediensteten sollen somit auch weniger bescheisen können. Dies scheint auch mit elektronischen Armbändern gut zu funktionieren. Gleichschaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Datenverwertung und Algorithmus. Überwachung im großen Stil. Vollverwertung. Und niemand scheint sich daran zu stören. So wandert zunehmend etwas ein in die Popszene, das zumindest erkannt werden sollte. 

Frau Schmidt als Pop-Denkmal

Ja klar repräsentierte Patti Smith ein anderes Bild der Frau: sie war aufmüpfig, nie geschminkt, war nie passives Opfer sondern aktiv in ihren Richtungen, erfüllte sämtliche männlichen Rollenerwartungen nicht. Dass sie danach aber immer mehr zur edlen und nostalgisch verklärten Oma der Kulturindustrie wurde, dass sie scheinbar so distanzlos einverstanden damit war, das hatte uns dann doch ein wenig enttäuscht. Sie kam ja von der Dichterseite, was uns damals Eindruck machte. Sie hatte Lesungen veranstaltet und sich als Kulturmensch profiliert. Aber es schien so, dass von ihr ein Funke Unberechenbarkeit ausging, dass sie sich aufs Pferd des Risikos schwang, um zu sehen, wie weit es sie trug. Sie schien Berührung mit dem Chaos zu haben, obwohl ihr „Because the Night... belongs to Lovers“ nicht von ihr selbst, sondern im hemdsärmeligen Stil von einem Bekannten geschrieben wurde, der auf dem Weg zum Megastar war. Ihr Künstlertum schien davon unberührt, schien über jeden Zweifel erhaben. Sie schien einfach integer. Doch genauso, wie die Goa-Hippie-Szene sich auflöste und lauter kleine Unternehmer oder Geschäftsinhaber von Fachgeschäften für teure Räucherstäbchen gebar, so schien diese Frau sich zu wandeln. Ja klar, da waren die immer wieder aufgewärmten Stories ihrer Liebschaften und der männlichen Personen, die sie beeinflussten. Dies schien der Kosmos zu sein, in dem ihre Persönlichkeit funkelte. Sie selbst tat ja auch einiges, um dieses Bild zu bestärken. Doch so unbemerkt allmählich, wie uns allerlei digitale Gadgets unterjubelt werden, wandelte sie sich zum Denkmal ihrer selbst, das heutzutage in der entsprechenden Altersklasse ein Murmeln der verehrenden Ehrerbietung hervorzurufen weiß. Das ging so weit, dass sogar ihre handwerklich musikalischen Fähigkeiten bewundert wurden. Mir schien es, als käme sie vom exakten Gegenteil, als hätte die Figur, die sie darstellte, den unmittelbaren Ausdruck gesucht, - auch auf Kosten der handwerklichen Mittel. Der Smith‘sche Pop wurde so allmählich zum Geschäft, zur Ware, Ja klar, die alte Formel des Pop: Selbstverliebtheit und Narzissmus als Existenzgrundlage. Mittlerweile scheint alles ein Zitat, eine erstarrte Pose, die noch einmal ausgenommen werden kann. Ob das irgendjemand verletzen könnte, ist natürlich in keinster Weise interessant. 

 

Angestelltenpop

Der gut angezogene und abgewaschene Angestellte zeigt mir mit einem Lächeln, wie man mit dem Computer „richtig“ Musik macht. „Nachmachen, aber nicht jeden Ton, sondern das Schema erfassen“, so seine Empfehlung. Dass Musik eine Abenteuerfahrt sein könnte, ein aufregendes Experiment, vielleicht sogar eine Suche nach Menschwerdung, dass man damit etwas sehr Persönliches transportieren könnte, scheint in seinem Kosmos nicht vorzukommen. Der Gesamtzusammenhang des Menschen, sein Ausdruck, scheint auch keine große Rolle zu spielen. Es geht darum, etwas „richtig zu machen“ möglichst schnell und effizient zu einem Ziel zu kommen, das in der Popmusik klar definiert ist: Beliebtheit, Umsatz….. Ein Prozess der Effektivität, technisch optimiert. Er macht auch Werbejingles „für die Industrie“ und scheint davon gut leben zu können. Ich lasse meine Phantasie spielen und komme zu dem Ergebnis, dass ihm wohl etwas von den „Vorgesetzten“ in Umrissen geschildert wird, was er realisieren soll. Er nimmt diesen gegebenen Rahmen und füllt ihn mit seinem eigenen Tun aus. Aber: alles ist vorgegeben. Das Ergebnis wird verworfen oder akzeptiert. Wie bei einer Werbeagentur. Das alles, der ganze Prozess mündet dann in das, was er selbst und viele andere Personen gerne als „professionell“ bezeichnen. Er stellt seine Person in den Dienst der ihm vorgegebenen Sache und kassiert Kohle dafür.

 

Ich merke, wie ich jetzt empfänglich für seine Tipps werde. „Ach, das habe ich auch noch nicht gewusst…!“. „ach, das geht so einfach!“?, „ach, das klingt ja gut….“. Man „produziert“ Musik, wird Teil einer Kampagne zur Überwältigung von Menschen. Kaufen und konsumieren heißt das Ziel. Bis jetzt habe ich das noch nicht so anstandslos geschafft. Ich hatte wohl zu viele Bedenken. „Komponieren“ heißt hier die Aneinanderreihung von Mustern, die man tunlichst beherrschen sollte. 

Vom Musiker zum Know How-Spezialisten

Heute tun Sparkassenangestellte und beschlagene Technokraten Dienst im Musikgeschäft. Sie sind die Direktoren und Gebieter des Geschehens. Sie zeigen einem, wie's geht. Man wird von ihnen unterwiesen in allerlei Techniken, - selbstverständlich in kostenpflichtigen Kursen, die sie dann leiten und die ihnen eine gute Einkommensgelegenheit samt Aufmerksamkeitsfaktor bescheren . Zuerst scheint es darum zu gehen, ein musikalisches „Produkt“ zu schaffen, das "auf der Höhe der Zeit" ist. Der Umgang mit der gängigen Software ist – wie in anderen Berufen auch – das A und O. Das kann heißen, dass im zu erstellenden „Produkt“ Gimmicks und Features vorkommen sollten, die jetzt gerade angesagt sind, die die Leute scheinbar hören wollen, die in den Charts sind. Gewusst, wie! scheint die Devise zu sein. Sie wissen es, sie zeigen es, so wird einem suggeriert. Es geht offenbar nicht mehr darum, möglichst kreativ zu sein, indem die Grenzüberschreitung gesucht wird. Es zählt vielmehr eine Art Kreativität im Kleinen, eine bestimmte Aufgabe, eine Konstellation, die eingebettet ist in eine größeres Projekt. Danach geht es darum, das Produkt möglichst gut und effektiv zu verkaufen. Sich verkaufen ist ohnehin das Wichtigste. Das Internet erlaubt heute eine Selbstvermarktung, für die man nicht notwendig eine Plattenfirma (wie früher) braucht. Doch das Tückische Daran: der oder die einzelnen können nicht überblicken, welche Aspekte das „professionelle“ Geschäft alles umfasst: Marketing, Platzierung in den social media, Covergestaltung, Präsentation, Booking, Besetzung bestimmter Medienevents, Erzeugung von speziellen Effekten in der Musik und außerhalb, wozu auch generell eine optische Präsentation und die mit allen Mitteln angestrebte Erregung von Aufmerksamkeit sowie ihre Bewahrung gehört. Sich platzieren im Ensemble des Ganzen (im "Markt"), per Facebook oder Youtube, die Medienkanäle für sich nutzen, aber auch per Homepage (mit ihren Abverkaufsmöglichkeiten): das ist die Aufgabe, die sich stellt. Was entsteht so? Marktwirtschaftliche Musik. Verschiedene spezialisierte Akademien können einen das lehren.  Sie werfen jedes Jahr weitere "Bewerber" als Absolventen aus.....die womöglich alle dasselbe gelernt und verinnerlicht haben. 

Frühe Impulse

Das sind Notizen, die ich zu meiner eigenen Musik gefunden habe: "Ich will mich nicht perfekt akademisch abgestimmt und unterfüttert in die Techno-, Elektro- und Popszene schleichen, um dort als „Alleskönner“ zu brillieren..... ich will mich dazu auch nicht "spezialisieren", sondern will den Ausdruck, der meinem manchmal sprunghaften und widersprüchlichen Ego entspricht….. (was niemand von mir annimmt...ich gelte wohl weithin als genau kalkulierender „Hirni“). Ich will etwas vom ursprünglichen Punk-Impetus in meiner Musik haben, vom Dilettantischen, Expressionistischem, das auf dem subjektiven Ich beharrt und es gegen den vermeintlichen Feinsinn der „Kulturmenschen“ setzt (da ist beispielsweise der Einfluss des „Steinzeitmenschen“, ich fühle mich zu ihm hingezogen….). Ich will das „Primitive“ preisen, das "Unbehauene", das, was in unserem Rückgrat haust und uns über viele Jahre hinweg zu Menschen gemacht hat, wie es sie heute gibt (bald nicht mehr?), es gibt Zeugnisse des frühen Willens zum Ausdruck (die mich immer faszinierten...), aber da ist auch die Evolution, die schillernde, der Mensch will sich derzeit mittels Hilfsmittel darüber erheben. Ich will die Improvisation gegenüber der Berechnung verteidigen, die Improvisation gegenüber der Komposition. Ich will auch in die Hölle, in das Unangenehme, Ekelhafte und Hässliche eintauchen und ihm akustische Konturen geben, sie einbeziehen in den Kosmos meiner Möglichkeiten....denn es ist ohnehin in uns......"

Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen? 

Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen? 

Popdekadenz

Es gibt nichts und niemanden mehr zu beweihräuchern in der Popindustrie. Schade. Über die Stones und ihre angeblich so exzentrischen Eskapaden wollen wir nun wirklich nichts mehr lesen. Diese dekadenten Säcke nötigen mir keine Kommentare mehr ab, ihre Musik schon noch. Neil Young ist auch mit vielfach in „Harvest“-Weinerlichkeit gefaltetem Gesicht noch aktiv. Grobschlächtig, gewiss. Holzen und Dreschen. Er sei der „Godfather“ des Punk, - basta! So geht die Kunde. Das gibt es jetzt keineswegs mehr am Fließband der Aktualitäten. Gevatter ahoi! Dylan ist jetzt sogar durch den Nobelpreis geadelt. Der Vorzeigepoet schlechthin, für viele. Macht aus der Preisverleihung eine Show, er lässt erscheinen. Typisch, - so meinen die Fans. Ziemlich eitel, so finden die Kritiker. Dabei ist er vielleicht ein Schelm, dieser Sinnproduzent des Verqueren. Rootstock forever! Auch Sting ist mit seinen zahlreichen Schlössern und gesammelten Sportwagen weit weg vom ehemals engagierten Image als Regenwaldschützer. Ach ja, „Fields of Gold“. Früher war alles besser und überhaupt: Hendrix der Übervirtuose. Ob sich die Erinnerungen noch einmal neu verkaufen lassen? Mark Daddler dödelt auf seiner vergoldeten Gitarre das Neue, das in Wiederholungen des Erfolgreichen besteht. Zur Marke geworden. Füllig und feist. Das letzte Bier ist getrunken. Das alte, Ungehobelte zieht noch. Schlimme Finger. Zu den Wurzeln zurück. Black Sabbath und Alice Cooper. Mitklatschen. Es krachen lassen. Ja klar, was denn sonst?

Der Jubel und die Anbetungsprosa sind verebbt, die Helden lassen sich in gesetzten Worten im Edelzwirn über die Unflätigkeiten der Wirklichkeit aus, um sich gleich anschließend zum unterwürfigen Luxusinterview in die Luxusherberge chauffieren zu lassen. Gutes Design ist wichtig, Style und Spass auch. Die Schleimer des Hofstaats sind mehr geworden, eindeutig. Dass die Tonträgerindustrie in einer Absatzkrise steckt, erfahren wir seit Jahrzehnten: es hängt uns zum Halse heraus. Noch einmal anknüpfen an die großen Erfolge? Phono und Porno? Irgendwas gemein? Langeweile. Abgestandenheit. Konsum-Verfurztheit. Es gibt keine neuen Helden, die alten sterben aus. Sie hatten Glück: waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Wurden irgendwie zu neuer Kunst. Und „Sounds“ berichtete darüber. Jack White ist ausgeleiert. Der Indie-Gitarrist. Seine Lieder werden jetzt im Stadion gesungen. Was heißt da jetzt? Seit langem! Die einstmals jungen Helden sind jetzt Helden der Nische. Willfährige Journalisten bereiten ihnen ihre subtilen Interpretationen zu. Blöd nur, dass das außer ihnen selbst niemand interessiert.

 

Rock'n Roll zu verkaufen

Das fing doch schon sehr früh an. Ich erinnere mich an ein Konzert eines hochgelobten britischen Gitarristen, dessen Konzert vollkommen bepflastert war mit den Werbebotschaften eines Unterhaltungselektronikherstellers, der wohl global tätig war. So kam und ging so manches Konzert, dessen beide Screens rechts und links der Bühne teilweise sehr aufdringliche Spots und Werbebotschaften versendete. Unbewusst ließ das in einem Fragen aufsteigen. Flankiert wurde das ganze Geschehen meist mit dem sogenannten „Merchandising“, wenn völlig überteuerte T-Shirts mit dem Konterfei und der jeweils aktuell aufgedruckten Tournee des Großkünstlers sowie allerhand anderer Tand feilgeboten wurden. Sehr fleißig und in großer Stückzahl wurde dies natürlich in Verehrung des Auftretenden gekauft. 

Man schien sich daran zu gewöhnen, es wurde normal, schuf aber ziemlich aktiv eine Atmosphäre, in der man sich als „Verbraucher“ vorkam, als Konsument, der mit allen Mitteln abgezockt und mit den Werbebotschaften der Sponsoren zugedeckt wurde. Blöd nur, wenn es sich dabei um alte Helden handelte, die früher vielleicht einmal gegen die Zwänge der Konsumwelt und der bürgerlichen Gesellschaft anmusiziert hatten. Irgendwann wurden dann auch statt, wie früher, der Feuerzeuge die Smartphones hochgehalten, die per App auf „Taschenlampe“ gestellt waren. Sehr romantisch, das. Jetzt, so höre ich, werden sogar Chips am Eingang verteilt, die Daten zum Veranstalter senden und die der kollektiven Begeisterung dadurch Ausdruck verschaffen sollen, dass sie zentral gesteuert und auf das Bühnengeschehen abgestimmt beispielsweise in verschiedenen Farben schwelgen. Nebenher geben sie noch über den Getränkekonsum bei gewissen Stilarten Auskunft. Überhaupt bei allen Spielarten und Stilarten.  Wie das korreliert. Die Bediensteten sollen somit auch weniger bescheisen können. Dies scheint auch mit elektronischen Armbändern gut zu funktionieren. Gleichschaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Datenverwertung und Algorithmus. Überwachung im großen Stil. Vollverwertung. Und niemand scheint sich daran zu stören. So wandert zunehmend etwas ein in die Popszene, das zumindest erkannt werden sollte. 

Frau Schmidt als Pop-Denkmal

Ja klar repräsentierte Patti Smith ein anderes Bild der Frau: sie war aufmüpfig, nie geschminkt, war nie passives Opfer sondern aktiv in ihren Richtungen, erfüllte sämtliche männlichen Rollenerwartungen nicht. Dass sie danach aber immer mehr zur edlen und nostalgisch verklärten Oma der Kulturindustrie wurde, dass sie scheinbar so distanzlos einverstanden damit war, das hatte uns dann doch ein wenig enttäuscht. Sie kam ja von der Dichterseite, was uns damals Eindruck machte. Sie hatte Lesungen veranstaltet und sich als Kulturmensch profiliert. Aber es schien so, dass von ihr ein Funke Unberechenbarkeit ausging, dass sie sich aufs Pferd des Risikos schwang, um zu sehen, wie weit es sie trug. Sie schien Berührung mit dem Chaos zu haben, obwohl ihr „Because the Night... belongs to Lovers“ nicht von ihr selbst, sondern im hemdsärmeligen Stil von einem Bekannten geschrieben wurde, der auf dem Weg zum Megastar war. Ihr Künstlertum schien davon unberührt, schien über jeden Zweifel erhaben. Sie schien einfach integer. Doch genauso, wie die Goa-Hippie-Szene sich auflöste und lauter kleine Unternehmer oder Geschäftsinhaber von Fachgeschäften für teure Räucherstäbchen gebar, so schien diese Frau sich zu wandeln. Ja klar, da waren die immer wieder aufgewärmten Stories ihrer Liebschaften und der männlichen Personen, die sie beeinflussten. Dies schien der Kosmos zu sein, in dem ihre Persönlichkeit funkelte. Sie selbst tat ja auch einiges, um dieses Bild zu bestärken. Doch so unbemerkt allmählich, wie uns allerlei digitale Gadgets unterjubelt werden, wandelte sie sich zum Denkmal ihrer selbst, das heutzutage in der entsprechenden Altersklasse ein Murmeln der verehrenden Ehrerbietung hervorzurufen weiß. Das ging so weit, dass sogar ihre handwerklich musikalischen Fähigkeiten bewundert wurden. Mir schien es, als käme sie vom exakten Gegenteil, als hätte die Figur, die sie darstellte, den unmittelbaren Ausdruck gesucht, - auch auf Kosten der handwerklichen Mittel. Der Smith‘sche Pop wurde so allmählich zum Geschäft, zur Ware, Ja klar, die alte Formel des Pop: Selbstverliebtheit und Narzissmus als Existenzgrundlage. Mittlerweile scheint alles ein Zitat, eine erstarrte Pose, die noch einmal ausgenommen werden kann. Ob das irgendjemand verletzen könnte, ist natürlich in keinster Weise interessant. 

 

Zeitgeistspiegelungen

Dass Popmusik ein Spiegel des Zeitgeists sei, - okay. Dass das, was gestern funktionierte, das heute nicht mehr leistet: nun ja, der Einzelfall mag entscheiden. Dass aber der souveräne Leader einer Band so manches verstehen mag, es (nach Meinung des Journalisten…) aber nicht umsetzen kann: das muss diskutiert werden. Es besteht der Verdacht, dass ein nicht ganz verdauter und etwas zu weit entfernter Höreindruck von einem Journalisten absolut gesetzt wird. Der alte Irrtum: es zählt, was in meinem Ohr ankommt und von mir als Mittelpunkt der Welt bewertet wird. Ich als Journalist bin das einzige Instrument der Bewertung. Gerade in der Popmusik dürfte man sich etwas mehr Demut dem Massengeschmack gegenüber erlauben. Denn in der Popmusik geht es womöglich um Massengeschmack. Vielleicht ist ja gerade diese Ratlosigkeit und der damit verbundene Wechsel der zeitlichen Perspektive das typische Kennzeichen einer Beweglichkeit. Womöglich sollten wir versuchen, auch auf der Zeitleiste nach vorne oder nach hinten rücken zu können: je nachdem. Womöglich entwickelt weder die Geschichte im Ganzen, noch die Geschichte der Popmusik, linear und immer geradeaus. Die Technologie treibe die Entwicklung immer weiter, - so das oft gehörte Argument. Der Mensch freilich bleibt (noch) derselbe, so der Einwand. Lässt man sich also auf die Argumentation der immer weiter gehenden Entwicklung ein, so wird der Unterschied zwischen den technologischen Entwicklungen und dem (gegenwärtigen) Menschsein immer größer. Es hat damals etwas funktioniert, so könnte eine Gegenargumentation lauten, - und das tut es noch heute. Gespiegelt im Bewusstsein von Menschen, die sich mit etwas auseinander setzen. Ich muss mich nur in das damalige Bewusstsein hinein versetzen. Empathie wäre auch den Göttern der Popmusik gegenüber gefragt.  

Musik und Verwertungsinteressen

 „Moskau“, „Weiße Rosen aus Athen“, „Schön war die Zeit“, „Skandal um Rosi“ „Ein Bett im Kornfeld“ etc.: Wie kommt es, dass gewisse Schlagertitel zum Mitgröhlen und Mitgrooven so erfolgreich sind, dass sie auch nach vielen Jahren eine bestimmte Stimmung, ein bestimmtes Gefühl zu verbreiten fähig sind? Wie nennt man das? Ohrwurm? Hit? Schlager? Ob man da Alter und soziale Schicht zuordnen kann? Nur so als Versuch? Ob es auch um den Grad der Ausschließlichkeit geht, oder auch darum, Alternativen zu kennen, sein Möglichkeitsfeld erweitert zu haben (ohne dass man zwingend dabei mitgröhlen müsste, Musik könnte ja auch an und für sich ein Genuss darstellen, der Neugier wecken und Gefühle frei setzen kann, die auf keine andere Art zu übermitteln oder auszudrücken wären)? Ob es da um Sehnsüchte geht, um Träume einer Zukunft oder einer Vergangenheit, um Auswege und Fluchtoptionen, die besonders gefällig in Musik verpackt sind? Um Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl, in einer Masse aufzugehen (uraltes Bedürfnis im sozialen Kontext)? Was erzeugt in wem Gefallen? Ob aber Musik noch etwas anderes als gefällig sein kann? Ob sie gar ein Mittel der Zivilisierung sein könnte? Ob sie mehr als einen Nutzwert hat? Ob es „Gebrauchsmusik“ gibt, die auch als solche ihren Wert hat, die aber auch als solche betrachtet werden sollte? Ob es unter den obwaltenden Verhältnissen Sinn macht, die alte hochsubventionierte High-Brow-Musik (und ihre „gewachsenen“ Strukturen) in ihren imposanten Kulturpalästen aufrecht zu erhalten? Ob Titel wie etwa „Bella Ciao“ oder „Guantanamera“ einen Bedeutungswandel, eine Einlehnung und eine Umpolung ihrer Funktion erfahren haben? Ob sie ihres Ernsts und ihrer Tragik verlustig gegangen sind? Wenn ja, aufgrund welcher Bedürfnisse? Welcher Interessen? 

Popdekadenz

Es gibt nichts und niemanden mehr zu beweihräuchern in der Popindustrie. Schade. Über die Stones und ihre angeblich so exzentrischen Eskapaden wollen wir nun wirklich nichts mehr lesen. Diese dekadenten Säcke nötigen mir keine Kommentare mehr ab, ihre Musik schon noch. Neil Young ist auch mit vielfach in „Harvest“-Weinerlichkeit gefaltetem Gesicht noch aktiv. Grobschlächtig, gewiss. Holzen und Dreschen. Er sei der „Godfather“ des Punk, - basta! So geht die Kunde. Das gibt es jetzt keineswegs mehr am Fließband der Aktualitäten. Gevatter ahoi! Dylan ist jetzt sogar durch den Nobelpreis geadelt. Der Vorzeigepoet schlechthin, für viele. Macht aus der Preisverleihung eine Show, er lässt erscheinen. Typisch, - so meinen die Fans. Ziemlich eitel, so finden die Kritiker. Dabei ist er vielleicht ein Schelm, dieser Sinnproduzent des Verqueren. Rootstock forever! Auch Sting ist mit seinen zahlreichen Schlössern und gesammelten Sportwagen weit weg vom ehemals engagierten Image als Regenwaldschützer. Ach ja, „Fields of Gold“. Früher war alles besser und überhaupt: Hendrix der Übervirtuose. Ob sich die Erinnerungen noch einmal neu verkaufen lassen? Mark Daddler dödelt auf seiner vergoldeten Gitarre das Neue, das in Wiederholungen des Erfolgreichen besteht. Zur Marke geworden. Füllig und feist. Das letzte Bier ist getrunken. Das alte, Ungehobelte zieht noch. Schlimme Finger. Zu den Wurzeln zurück. Black Sabbath und Alice Cooper. Mitklatschen. Es krachen lassen. Ja klar, was denn sonst?

Der Jubel und die Anbetungsprosa sind verebbt, die Helden lassen sich in gesetzten Worten im Edelzwirn über die Unflätigkeiten der Wirklichkeit aus, um sich gleich anschließend zum unterwürfigen Luxusinterview in die Luxusherberge chauffieren zu lassen. Gutes Design ist wichtig, Style und Spass auch. Die Schleimer des Hofstaats sind mehr geworden, eindeutig. Dass die Tonträgerindustrie in einer Absatzkrise steckt, erfahren wir seit Jahrzehnten: es hängt uns zum Halse heraus. Noch einmal anknüpfen an die großen Erfolge? Phono und Porno? Irgendwas gemein? Langeweile. Abgestandenheit. Konsum-Verfurztheit. Es gibt keine neuen Helden, die alten sterben aus. Sie hatten Glück: waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Wurden irgendwie zu neuer Kunst. Und „Sounds“ berichtete darüber. Jack White ist ausgeleiert. Der Indie-Gitarrist. Seine Lieder werden jetzt im Stadion gesungen. Was heißt da jetzt? Seit langem! Die einstmals jungen Helden sind jetzt Helden der Nische. Willfährige Journalisten bereiten ihnen ihre subtilen Interpretationen zu. Blöd nur, dass das außer ihnen selbst niemand interessiert.

 

Rock'n Roll zu verkaufen

Das fing doch schon sehr früh an. Ich erinnere mich an ein Konzert eines hochgelobten britischen Gitarristen, dessen Konzert vollkommen bepflastert war mit den Werbebotschaften eines Unterhaltungselektronikherstellers, der wohl global tätig war. So kam und ging so manches Konzert, dessen beide Screens rechts und links der Bühne teilweise sehr aufdringliche Spots und Werbebotschaften versendete. Unbewusst ließ das in einem Fragen aufsteigen. Flankiert wurde das ganze Geschehen meist mit dem sogenannten „Merchandising“, wenn völlig überteuerte T-Shirts mit dem Konterfei und der jeweils aktuell aufgedruckten Tournee des Großkünstlers sowie allerhand anderer Tand feilgeboten wurden. Sehr fleißig und in großer Stückzahl wurde dies natürlich in Verehrung des Auftretenden gekauft. 

Man schien sich daran zu gewöhnen, es wurde normal, schuf aber ziemlich aktiv eine Atmosphäre, in der man sich als „Verbraucher“ vorkam, als Konsument, der mit allen Mitteln abgezockt und mit den Werbebotschaften der Sponsoren zugedeckt wurde. Blöd nur, wenn es sich dabei um alte Helden handelte, die früher vielleicht einmal gegen die Zwänge der Konsumwelt und der bürgerlichen Gesellschaft anmusiziert hatten. Irgendwann wurden dann auch statt, wie früher, der Feuerzeuge die Smartphones hochgehalten, die per App auf „Taschenlampe“ gestellt waren. Sehr romantisch, das. Jetzt, so höre ich, werden sogar Chips am Eingang verteilt, die Daten zum Veranstalter senden und die der kollektiven Begeisterung dadurch Ausdruck verschaffen sollen, dass sie zentral gesteuert und auf das Bühnengeschehen abgestimmt beispielsweise in verschiedenen Farben schwelgen. Nebenher geben sie noch über den Getränkekonsum bei gewissen Stilarten Auskunft. Überhaupt bei allen Spielarten und Stilarten.  Wie das korreliert. Die Bediensteten sollen somit auch weniger bescheisen können. Dies scheint auch mit elektronischen Armbändern gut zu funktionieren. Gleichschaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Datenverwertung und Algorithmus. Überwachung im großen Stil. Vollverwertung. Und niemand scheint sich daran zu stören. So wandert zunehmend etwas ein in die Popszene, das zumindest erkannt werden sollte. 

Frau Schmidt als Pop-Denkmal

Ja klar repräsentierte Patti Smith ein anderes Bild der Frau: sie war aufmüpfig, nie geschminkt, war nie passives Opfer sondern aktiv in ihren Richtungen, erfüllte sämtliche männlichen Rollenerwartungen nicht. Dass sie danach aber immer mehr zur edlen und nostalgisch verklärten Oma der Kulturindustrie wurde, dass sie scheinbar so distanzlos einverstanden damit war, das hatte uns dann doch ein wenig enttäuscht. Sie kam ja von der Dichterseite, was uns damals Eindruck machte. Sie hatte Lesungen veranstaltet und sich als Kulturmensch profiliert. Aber es schien so, dass von ihr ein Funke Unberechenbarkeit ausging, dass sie sich aufs Pferd des Risikos schwang, um zu sehen, wie weit es sie trug. Sie schien Berührung mit dem Chaos zu haben, obwohl ihr „Because the Night... belongs to Lovers“ nicht von ihr selbst, sondern im hemdsärmeligen Stil von einem Bekannten geschrieben wurde, der auf dem Weg zum Megastar war. Ihr Künstlertum schien davon unberührt, schien über jeden Zweifel erhaben. Sie schien einfach integer. Doch genauso, wie die Goa-Hippie-Szene sich auflöste und lauter kleine Unternehmer oder Geschäftsinhaber von Fachgeschäften für teure Räucherstäbchen gebar, so schien diese Frau sich zu wandeln. Ja klar, da waren die immer wieder aufgewärmten Stories ihrer Liebschaften und der männlichen Personen, die sie beeinflussten. Dies schien der Kosmos zu sein, in dem ihre Persönlichkeit funkelte. Sie selbst tat ja auch einiges, um dieses Bild zu bestärken. Doch so unbemerkt allmählich, wie uns allerlei digitale Gadgets unterjubelt werden, wandelte sie sich zum Denkmal ihrer selbst, das heutzutage in der entsprechenden Altersklasse ein Murmeln der verehrenden Ehrerbietung hervorzurufen weiß. Das ging so weit, dass sogar ihre handwerklich musikalischen Fähigkeiten bewundert wurden. Mir schien es, als käme sie vom exakten Gegenteil, als hätte die Figur, die sie darstellte, den unmittelbaren Ausdruck gesucht, - auch auf Kosten der handwerklichen Mittel. Der Smith‘sche Pop wurde so allmählich zum Geschäft, zur Ware, Ja klar, die alte Formel des Pop: Selbstverliebtheit und Narzissmus als Existenzgrundlage. Mittlerweile scheint alles ein Zitat, eine erstarrte Pose, die noch einmal ausgenommen werden kann. Ob das irgendjemand verletzen könnte, ist natürlich in keinster Weise interessant.