Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Was Popkritik sein könnte

Ich nehme immer wieder wahr, dass Pop-Kritik, überhaupt das bewusste Aufnehmen und Reflektieren von Popmusik, als Spassbremse empfunden wird. Der unmittelbare direkte Genuss, der Flash des Augenblicks werde verdorben, so der gängige Vorwurf. Genusssteigerung sei doch eigentlich angesagt, wo der Popkritiker elaboriert herummäkle. Gefühl, Erleben, Erfahrung, Körperliches sei angesagt im Gegensatz zu einem abstrakten Mäkeln.

 

Leider stützt ein gewisses Bescheid- und Besserwissen sowie eine Auswahl von Wortklaubereien und Rabulismen aller Art diese oft gehörten Ansichten. Außerdem scheint die Popkritik zu oft einer oft unverständlichen Geheimwissenschaft der Auskenner sowie einer Gemeinsamkeit der Hipster zu gleichen, die sich selbst ihre Elitarismen zugute halten und „den Anderen“ Denkfaulheit und Verharren in Klischees zugute halten. Dass Popkritik dadurch in einem gewissen Gegensatz zu dem populären Element des Pop, zu den „Popularismen“ steht, scheint mir auch zu oft stillschweigend akzeptiert und ein Mittel der sozialen Distinktion zu sein. Etwas Richtiges im Falschen aufzeigen, könnte ein honoriges Versprechen solcher Popkritik sein. Möglicherweise resultiert sie aus dem Erbe der siebziger Jahre. Mir persönlich ging es vor allem darum, Popmusik halbwegs bewusst wahrzunehmen, sich gewisser hinter ihre stehender Mechanismen bewusst zu werden. Gerade nicht im Strudel der wirtschaftlich ausgebeuteten Unmittelbarkeit unterzugehen, war mein Ziel. Sondern nachdenkliche Distanz zu wahren, Ironie und Humor walten zu lassen. Queer-Ansätze und Machttheorien waren mir zwar bekannt, schienen mir aber allzu oft übers Ziel hinaus zu schießen. Die Aufmerksamkeitsökonomie mit all ihren Folgen (Internet u.a.) scheint dies alles mittlerweile überspült zu haben. Was zählt, ist das Großevent, die Bestätigung, die Affirmation der unmittelbaren Affekte, un die Selbstfeier der Musikindustrie, die auch schon mal Teil der Kulturindustrie sein kann.  

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Pop und Populismus (2)

Ob Pop etwas mit Populismus zu tun hat? Und inwiefern das in die Politik hinüber spielt? Ob Politik nicht sowieso populistuisch sein muss, weil es sich immer nach denjenigen richtet, die in der Mehrheit sind? Wo ist die Brücke zum Rassismus und Nationalismus? Einfach eine Gruppe behaupten und die mit allen Mitteln abgrenzen gegen den Rest? Pop, das ist das Medium einer möglichst großen Verbreitung. Aber auch eine behauptete Gemeinschaft, früher von „Subkulturen“. Die sich abgrenzen müssen, die zur Distinktion um jeden Preis neigen, die sich auskennen, die Bescheid wissen, Die ausgrenzen und eingrenzen, die mit Spitzfindigkeiten umgehen können, die für sich die Eigenschaften einer „Elite“ in Anspruch nehmen. Ob Pop nicht den Populismus einübt? Die Slogans, die Parolen, die Formeln, ob wir sie nicht lange Jahre in der Popmusik akzeptiert haben? So ist halt Kunst: nun ja, die Ausrede ist etwas abgenutzt. Pop ist nicht immer Kunst. Pop übt auch das Eingehen auf simple Formeln ein, schafft soziale Gruppen, gibt immer wieder Engagement vor und scheint das „Richtige“ im „Falschen“ zu suchen. Pop gibt auch die Bespassung vor und schmuggelt Botschaften (und seien es die der Affirmation!) unter sein „Volk“ (im neoliberalen Jargon geht es nur um „Zielgruppen“). Pop ist das jederzeit bereit stehende Ablenkungsmanöver gegenüber der Langeweile und Dekadenz in den westlich-industriellen Gesellschaften. Pop ist vital und feiert die menschliche Energie. Ob das einen zum Grübeln bringt? 

Erfahrene Beobachtungen

Hatte ich besonders im lokalen Umfeld als Journalist die Erfahrung gemacht, dass die netten Musiker oft langweilige Musik machen und die üblen rücksichtslos arroganten Gesellen das Aufregende, Neue? Nun ja, zu einer gewissen Zeit ging man hin, machte ein Interview, versuchte zu verstehen, ging auf jemanden ein, übersetzte in andere Gedankenwelten. Es stellte sich etwas Persönliches her. Doch wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen, Vertrauen herzustellen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst und unbewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht wissen woher sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Dass sie zwischen Kulturen stehen. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Manchmal schien es mir so. Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten könnte, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Wo bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?

Samtene Erde

Sie hat sich auf vielerlei Kanälen bewiesen, wurde weit über die Region hinaus bekannt und prominent. Sie trat unter anderem mit Helmuth Hattler und mit der SWR Bigband auf, sie coachte bei RTL die „Superstars“ und wirbelte überall herum. Langsam aber sicher scheint sie sich in das Fusion-Umfeld und die Jazzgemeinde begeben zu haben, so kommt es einem vor. Doch Fola Dada kann ihr Fach, kein Zweifel. Sie experimentiert und probiert aus. Sie holt sich offenbar überall das ab, was sie für sich brauchen kann. Es lohnt sich einfach, ihr zuzuhören. Tolle Stimme, gewiss. Aber das haben andere auch. Sie aber scheint einem etwas melodisch einflüstern zu wollen, sie phrasiert mühelos, braucht offenbar nichts vorzuzeigen, alles scheint bei ihr relativ lässig integriert. Aus der eigenen Entfernung haben wir sie nach und nach verfolgt, haben ihre Entwicklung mit Sympathie begleitet. Aber wieso macht das nicht eine größere Gruppe von Leuten? Wieso ist sie als Sängerin nicht plötzlich hip? Hier in der Region Stuttgart kommt ihr jedenfalls so etwas wie Hochachtung entgegen. Meist von gestandenen Musikern, Leuten, die etwas von davon verstehen, die sich auf Gesang einlassen können.

 

Jetzt veröffentlicht sie ihr neues Album „Earth“. Warme, Samtene Klänge umschmeicheln ihre Stimme. Die Begleitband habe sich im Club Bix gefunden, so heißt es. Dies ist ein Jazzclub inmitten der Stadt, der sich zum Inkubationszentrum für Musiker aller Herkunft entwickelt hat. Diese Musiker bereiten ihr jedenfalls eine sehr passende und anschmiegsame musikalische Umgebung, die einen bleibenden Eindruck vermitteln kann. Das alles schleicht sich ins Bewusstsein, um sich dort festzuhaken und vielleicht in Träumen aller Art wieder aufzutauchen. Die weichen Klänge, das im besten Sinne gefühlige Spiel, der „innere“ Groove.... Da mag es sich auch lohnen, den Tonträger in bestmöglicher Qualität zu erwerben. Eine weiche Kontrolle über die musikalischen Vorgänge liegt über dem Album, eine Lässigkeit, die nichts mehr beweisen muss. Da träufelt sich „any questions one answer – love“ als zweiter Titel ins Bewusstsein, getragen von fließenden Klängen eines E-Pianos Auf diese Art würde man ihr die Botschaft des Songs abnehmen. Auf diese Art geht es weiter auf diesem Album: Sanft und samten übernimmt der Hörer, nimmt auf und entdeckt den Widerhall in sich. 

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Zeit und Geheimnis

Was früher die Welt der Rock- und Jazzmusik umgetrieben hat (nein, früher war nicht alles besser!)? Unter anderem ein Begriff von „Entschleunigung“. Ein „Sich entgrenzen“. Dies mag oft zu Drogenmissbrauch geführt haben und war somit diskreditiert. Doch es gab auch andere Wege. Musik stand für so etwas wie „Weiße Magie“. Es bedeutete eine Suche. Nach Freiheit, diesem so oft missbrauchten Begriff. Eine Sehnsucht. Was das bedeutete? Über oft kommerziell geprägte Erwartungen hin weg gehen, Klischees vermeiden, einen anderen Weg suchen. Was heute unter dem Begriff „Achtsamkeit“ in esoterisch gesinnten Kreisen abgefeiert wird, war „damals“ wie selbstverständlich Bestandteil dessen, was Musik sein konnte. Es ging keineswegs, die Kunststückchen zu bieten, die ein naives Publikum verblüffen konnten. Es gab auch genügend Künstler, die sich solchem Musizieren verschrieben hatten. McLaughlin strebte nach Erleuchtung, Weather Report hatte neben Zawinul einen offenen Geist wie Wayne Shorter, Ravi Shankar war noch aktiv, Santana wähnte sich mit „Love Devotion Surrender“ auf einem Weg...usw. „Im Geheimnis sein“ war ein Ziel, das viele Musiker auf unterschiedlichen Wegen anstrebten. Ein Sonderling zu sein, war ein tapferes Ziel. Wie sehr sich die Zeit und den sie durchwehenden Geist seitdem gedreht hat! Was heute erkennbar ist, scheint dem allem Hohn zu sprechen. Ein klein bisschen anzapfen könnten wir jene Ideale, ein wenig davon zu übernehmen, uns inspirieren lassen, - ob das möglich wäre?  

Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

Stimme und Ausdruck

Jetzt ist Aretha gestorben. Ray Charles und James Brown sind schon lange tot. Was faszinierte uns an ihnen? Weil sie Soul als Seele hatten. Tiefe Empfindung. Starke Stimmen, die uns beeinflusst haben. Weil sie Extremes zum Ausdruck brachten. Weil sie auf ihre Weise zu uns vordrangen. Klar, am Ende konnten sie auch gut singen. Aber im Wesentlichen war es ihre Stimme, ihr ureigener Ton, der uns überwältigte. Das, was sie emotional übermitteln konnten. Die per Gospelchor geübte Aretha hatte noch einen gewissen feministischen Unterton, der uns alle gefiel. „Respect“. Auch wenn es bei der Formel, bei der Stimme blieb... und hierzulande kaum jemand über das Inhaltliche nachdachte. Es war ein schöner Verlauf, ein berührender Song, der gewisse Situationen und Gefühle einfing. Eine tolle Stimme. Das Sinnliche. Ob es in diesem Falle ablenkte? „Respect“ stand für ein gewisses Aufbegehren dem latenten und offenen Rassismus gegenüber. Es wollte, so mochte es manchem vorkommen, auch eine Botschaft transportieren. Ob das geklappt hat?

 

Zweifel mögen erlaubt sein. Vielleicht ist es ein Weg solcher Gestalten gegenüber die Gegenrichtung einzuschlagen. Einen betont lässigen, dem Alltag entrissenen Gesang zu versuchen, mit anonymisierten Stimmen, im Vordergrund und im Hintergrund. So, wie die Realität es malt und klingen lässt. Vielleicht auch mal dünn, schwach und begrenzt. Und nur in Fetzen verständlich. Ob wir skeptisch dem gegenseitigen Verständnis gegenüber geworden sind? Keine Bemühung, Power zu erzeugen. Eindrucksvoll durch sich selbst sein. Und das als Modell vortragen, nachdem uns die Kopien der Kopien ausdrucksstarker Stimmen so gelangweilt haben. Neuer Minimalismus. Vielleicht. Wie schon erwähnt, - eine Möglichkeit.  

Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Was Popkritik sein könnte

Ich nehme immer wieder wahr, dass Pop-Kritik, überhaupt das bewusste Aufnehmen und Reflektieren von Popmusik, als Spassbremse empfunden wird. Der unmittelbare direkte Genuss, der Flash des Augenblicks werde verdorben, so der gängige Vorwurf. Genusssteigerung sei doch eigentlich angesagt, wo der Popkritiker elaboriert herummäkle. Gefühl, Erleben, Erfahrung, Körperliches sei angesagt im Gegensatz zu einem abstrakten Mäkeln.

 

Leider stützt ein gewisses Bescheid- und Besserwissen sowie eine Auswahl von Wortklaubereien und Rabulismen aller Art diese oft gehörten Ansichten. Außerdem scheint die Popkritik zu oft einer oft unverständlichen Geheimwissenschaft der Auskenner sowie einer Gemeinsamkeit der Hipster zu gleichen, die sich selbst ihre Elitarismen zugute halten und „den Anderen“ Denkfaulheit und Verharren in Klischees zugute halten. Dass Popkritik dadurch in einem gewissen Gegensatz zu dem populären Element des Pop, zu den „Popularismen“ steht, scheint mir auch zu oft stillschweigend akzeptiert und ein Mittel der sozialen Distinktion zu sein. Etwas Richtiges im Falschen aufzeigen, könnte ein honoriges Versprechen solcher Popkritik sein. Möglicherweise resultiert sie aus dem Erbe der siebziger Jahre. Mir persönlich ging es vor allem darum, Popmusik halbwegs bewusst wahrzunehmen, sich gewisser hinter ihre stehender Mechanismen bewusst zu werden. Gerade nicht im Strudel der wirtschaftlich ausgebeuteten Unmittelbarkeit unterzugehen, war mein Ziel. Sondern nachdenkliche Distanz zu wahren, Ironie und Humor walten zu lassen. Queer-Ansätze und Machttheorien waren mir zwar bekannt, schienen mir aber allzu oft übers Ziel hinaus zu schießen. Die Aufmerksamkeitsökonomie mit all ihren Folgen (Internet u.a.) scheint dies alles mittlerweile überspült zu haben. Was zählt, ist das Großevent, die Bestätigung, die Affirmation der unmittelbaren Affekte, un die Selbstfeier der Musikindustrie, die auch schon mal Teil der Kulturindustrie sein kann.  

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Pop und Populismus (2)

Ob Pop etwas mit Populismus zu tun hat? Und inwiefern das in die Politik hinüber spielt? Ob Politik nicht sowieso populistuisch sein muss, weil es sich immer nach denjenigen richtet, die in der Mehrheit sind? Wo ist die Brücke zum Rassismus und Nationalismus? Einfach eine Gruppe behaupten und die mit allen Mitteln abgrenzen gegen den Rest? Pop, das ist das Medium einer möglichst großen Verbreitung. Aber auch eine behauptete Gemeinschaft, früher von „Subkulturen“. Die sich abgrenzen müssen, die zur Distinktion um jeden Preis neigen, die sich auskennen, die Bescheid wissen, Die ausgrenzen und eingrenzen, die mit Spitzfindigkeiten umgehen können, die für sich die Eigenschaften einer „Elite“ in Anspruch nehmen. Ob Pop nicht den Populismus einübt? Die Slogans, die Parolen, die Formeln, ob wir sie nicht lange Jahre in der Popmusik akzeptiert haben? So ist halt Kunst: nun ja, die Ausrede ist etwas abgenutzt. Pop ist nicht immer Kunst. Pop übt auch das Eingehen auf simple Formeln ein, schafft soziale Gruppen, gibt immer wieder Engagement vor und scheint das „Richtige“ im „Falschen“ zu suchen. Pop gibt auch die Bespassung vor und schmuggelt Botschaften (und seien es die der Affirmation!) unter sein „Volk“ (im neoliberalen Jargon geht es nur um „Zielgruppen“). Pop ist das jederzeit bereit stehende Ablenkungsmanöver gegenüber der Langeweile und Dekadenz in den westlich-industriellen Gesellschaften. Pop ist vital und feiert die menschliche Energie. Ob das einen zum Grübeln bringt? 

Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Was Popkritik sein könnte

Ich nehme immer wieder wahr, dass Pop-Kritik, überhaupt das bewusste Aufnehmen und Reflektieren von Popmusik, als Spassbremse empfunden wird. Der unmittelbare direkte Genuss, der Flash des Augenblicks werde verdorben, so der gängige Vorwurf. Genusssteigerung sei doch eigentlich angesagt, wo der Popkritiker elaboriert herummäkle. Gefühl, Erleben, Erfahrung, Körperliches sei angesagt im Gegensatz zu einem abstrakten Mäkeln.

 

Leider stützt ein gewisses Bescheid- und Besserwissen sowie eine Auswahl von Wortklaubereien und Rabulismen aller Art diese oft gehörten Ansichten. Außerdem scheint die Popkritik zu oft einer oft unverständlichen Geheimwissenschaft der Auskenner sowie einer Gemeinsamkeit der Hipster zu gleichen, die sich selbst ihre Elitarismen zugute halten und „den Anderen“ Denkfaulheit und Verharren in Klischees zugute halten. Dass Popkritik dadurch in einem gewissen Gegensatz zu dem populären Element des Pop, zu den „Popularismen“ steht, scheint mir auch zu oft stillschweigend akzeptiert und ein Mittel der sozialen Distinktion zu sein. Etwas Richtiges im Falschen aufzeigen, könnte ein honoriges Versprechen solcher Popkritik sein. Möglicherweise resultiert sie aus dem Erbe der siebziger Jahre. Mir persönlich ging es vor allem darum, Popmusik halbwegs bewusst wahrzunehmen, sich gewisser hinter ihre stehender Mechanismen bewusst zu werden. Gerade nicht im Strudel der wirtschaftlich ausgebeuteten Unmittelbarkeit unterzugehen, war mein Ziel. Sondern nachdenkliche Distanz zu wahren, Ironie und Humor walten zu lassen. Queer-Ansätze und Machttheorien waren mir zwar bekannt, schienen mir aber allzu oft übers Ziel hinaus zu schießen. Die Aufmerksamkeitsökonomie mit all ihren Folgen (Internet u.a.) scheint dies alles mittlerweile überspült zu haben. Was zählt, ist das Großevent, die Bestätigung, die Affirmation der unmittelbaren Affekte, un die Selbstfeier der Musikindustrie, die auch schon mal Teil der Kulturindustrie sein kann.  

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Pop und Populismus (2)

Ob Pop etwas mit Populismus zu tun hat? Und inwiefern das in die Politik hinüber spielt? Ob Politik nicht sowieso populistuisch sein muss, weil es sich immer nach denjenigen richtet, die in der Mehrheit sind? Wo ist die Brücke zum Rassismus und Nationalismus? Einfach eine Gruppe behaupten und die mit allen Mitteln abgrenzen gegen den Rest? Pop, das ist das Medium einer möglichst großen Verbreitung. Aber auch eine behauptete Gemeinschaft, früher von „Subkulturen“. Die sich abgrenzen müssen, die zur Distinktion um jeden Preis neigen, die sich auskennen, die Bescheid wissen, Die ausgrenzen und eingrenzen, die mit Spitzfindigkeiten umgehen können, die für sich die Eigenschaften einer „Elite“ in Anspruch nehmen. Ob Pop nicht den Populismus einübt? Die Slogans, die Parolen, die Formeln, ob wir sie nicht lange Jahre in der Popmusik akzeptiert haben? So ist halt Kunst: nun ja, die Ausrede ist etwas abgenutzt. Pop ist nicht immer Kunst. Pop übt auch das Eingehen auf simple Formeln ein, schafft soziale Gruppen, gibt immer wieder Engagement vor und scheint das „Richtige“ im „Falschen“ zu suchen. Pop gibt auch die Bespassung vor und schmuggelt Botschaften (und seien es die der Affirmation!) unter sein „Volk“ (im neoliberalen Jargon geht es nur um „Zielgruppen“). Pop ist das jederzeit bereit stehende Ablenkungsmanöver gegenüber der Langeweile und Dekadenz in den westlich-industriellen Gesellschaften. Pop ist vital und feiert die menschliche Energie. Ob das einen zum Grübeln bringt?