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Fluchtweg Schlagerpop

Was wohl Leistungssport und Schlagergeschäft gemeinsam haben? In beiden Bereichen wird oft und gerne behauptet, man sei „unpolitisch“, überhaupt sei man in einer Branche, die ganz und gar „unpolitisch“ sei. Sich von allem Politischen abzuschotten, mit der schmutzigen Politik nichts zu tun zu haben, das wird da dauernd behauptet und für sich in Anspruch genommen. Aber, beim besten Willen,  wie soll das möglich sein, in einer Gesellschaft, deren vorgegebene Lebensverhältnisse nahezu alles durchdringen? Es könnte sogar so sein, dass es extrem politisch ist, zu behaupten, man sei unpolitisch. Es könnte eine Art Haltung sein, die den Schlagerpop und den Sport vereinen, die eine große Gemeinsamkeit darstellen.

Dabei erscheint es mir im Leistungssport fast noch grotesker, zu behaupten, man sei unpolitisch. Die, die das behaupten, steigen in ihre Groß- und Prahllimousinen, um genau auf diese Weise zu demonstrieren, wie sehr ihnen ein bestimmtes politisches System nützt, wie gesellschaftliche Verhältnisse ihre privilegierte Lebenswelt stützen. Werden auch die Olympischen Spiele unter seltsamen Vorzeichen veranstaltet, von einer Funktionärsclique, die angesichts von Skandalberichten über unwürdige Arbeitsverhältnisse in einem der reichsten Staaten der Welt wenig Unrechtsbewusstsein ausstrahlt. Auch scheint die Propagierung von autokatischen Weltsichten und konkreten Machtansprüchen seitens "der Politik" sehr beliebt: Der Sport macht mit, er ist dabei, die „Aktiven“, besonders die Leitfiguren, die das Leistungsbewusstsein direkt und indirekt in breite Bevölkerungsschichten drücken sollen. Sie strahlen und lächeln nach „Erfolgen“ und Medaillen, was viele im Publikum für sich zu brauchen scheinen. Kein Wunder, denn sie, die da in der Masse verschwinden, sind ja so programmiert und dressiert. „Was der für ein Menschenbild hat?“ würde da der Fernsehmensch Markus Lanz fragen. Soll er mal unverbindlich in eine Wissenschaft namens Soziologie rein schauen. Sie wagt sich ebenfalls zu solchen Erkenntnissen vor und gibt dem Vorgang der Dressur so technokratisch klingende Bezeichnungen wie „Sozialisation“. Immerhin: Sie erlaubt statistisch unterfütterte Aussagen zu einem (späteren) Verhalten. 

Dass im Leistungssport das Ganze auch noch mit einem unsäglichen Medaillenspiegel und seltsamen Ritualen wie Hymnen und Fahnen verquickt wird, dass im öffentlichen Raum dauernd von einem „Wir“ ("Wir gewinnen, wenn wir über die Flügel spielen, wir sollten mehr über die Außen kommen, wir haben heute eine Medaillenhoffnung am Start...") und einer nationalen Gemeinsamkeit ("Wir Deutschen....") geredet wird, setzt dem Fass die Krone auf. Unpolitisch? Keineswegs. Doch die Wettbewerbe und Preisverleihungen im Popgeschäft scheinen diesem Muster ja zu folgen. Nach amerikanischem Vorbild. Erfolge werden in Umsatzzahlen gemessen und mit Preisen der Industrie belohnt. Sie scheinen mitzuhelfen, wenn Popleute behaupten, ihre eigene Welt um sich herum aufzubauen, die nichts mit der Politik zu tun hat. Beliebt sind in der Popwelt aber auch gut bezahlte Sondergastspiele bei Potentaten und Diktatoren aller Art.  „Positive Welten schaffen“ so lautet im Pop das oft verkündete Credo, dem die Vielen so überaus gerne zustimmen. Das Vergessen, Entfliehen und Betäuben mag dabei auch seine Rolle spielen.  Wichtig. Wege aus dem Alltag heraus.....