Geschmackssache

Den Geschmack betreffend hat mir eine Bekannte mit akademischer Ausbildung als Ernährungsberaterin und Lebensmittelchemikerin immer wieder erzählt: Der Mensch ist ein Relativrezeptor. Das heißt, er erwartet das, worauf er programmiert/sozialisiert/dressiert ist. Ist er mit dem Genuss von Yoghurt aufgewachsen, das „naturidentische Aromastoffe“ enthält, die alle chemisch billig zugeführt wurden, so ist das sein Maßstab. Nur das. Er wird, und in gerade den USA habe ich das beispielhaft verfolgen können, den natürlichen Aromastoff und alles was damit gemacht wird, als rau, rough oder roh empfinden, als eher abwegig und nicht besonders gut. Er wird nicht mal ansatzweise um eine Ursprünglichkeit wissen, er wird keine Maßstäbe ausgebildet haben. Er wird ein einziges Mal seine Geschmacksrichtung gefunden haben und sie dann womöglich sogar ein Leben lang durchhalten.  

Genauso mag es sich mit der Musik verhalten: Wer stets dasselbe hört und sich nicht „open minded“, also offen für verschiedene Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks auch im Bereich der Popmusik hält, wer glaubt, sein Ziel gefunden zu haben und nicht mehr neugierig auf Neues ist, der wird am Ende monothematisch, starr, eindimensional und als Popmusikhörer sehr einseitig von den angelsächsischen Einflüssen dominiert. Er ist halt nicht an dem dran, was Musik alles sein kann und was verschiedene Menschen darunter verstehen. Sein Geschmack hat sich daran gebildet und bilden lassen, ohne dass es ihm bewusst sein muss. Ihm mag so mancher "Act" auch aus anderen Ländern gefallen. Die Pointe daran ist, dass diese „Acts“ genauso vom angelsächsischen (nicht mal nur dem westlichen“!) Klangideal geprägt sind. Die Popmusik hat immer schon als Nachahmung des scheinbar Erfolgreichen funktioniert. Wir sollten uns offen halten, für die verschiedensten Einflüsse und Herkünfte und nicht nur diejenigen vorziehen, die in der Popmusik wirtschaftlich dominant sind und waren. Die Zeit ist schon sehr lange vorbei, in denen die Amerikaner und Briten in der Popmusik alles dominiert haben. Auch hier mag sich spiegeln, dass es immer mehr Einwanderungsgesellschaften und dementsprechende Vielfalten gibt, wofür Interesse zu entwickeln sich lohnt. Es bildet sich eine Weltgesellschaft heraus. Dass beispielsweise Europa dies überhaupt nicht politisch und gesellschaftlich umsetzen mag, ist eine auch politische Frage. Das Internet jedenfalls  erschließt heutzutage viele neue Möglichkeiten, sich damit zu konfrontieren. Wir sollten sie nützen und uns nicht nur verengen auf das, was wir als uns gemäß erfahren haben, indem wir es auch noch unbewusst aus Gründen der Hörgewohnheiten und der Sozialisation dazu erklärt haben.

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