Egoisten, Narzissten, Künstler

Wieso eigentlich ist seit vielen Jahren der Trend in der Rock- und Popmusik weg von den Bands und hin zu den ach so „genialen“ Einzelkünstlern gegangen? War's der Trend zum Neoliberalismus und seiner Vereinzelung, der den Unternehmer seiner selbst nach sich zieht? War's der technologische Fortschritt, der das nötige Equipment für jeden Einzelnen verfügbar machte, der Bandproben und überhaupt das harte Boxenschleppen überflüssig zu machen schien? Wer als Einzelner Musik macht, braucht keine Kompromisse mehr zu schließen oder Termine abzusprechen. Der kann notfalls nachts um 3 Uhr seine (und nur seine!) Musik machen. Mittels Sampletechnologie kann doch jeder Player inzwischen über den Einsatz jeden Instruments verfügen, was so früher überhaupt nicht möglich war. Die „Baupläne“ für Popmusik und was sie im kommerziellen Sinne (Und nur der gilt im Neoliberalismus) sind längst heraus gegeben und werden in den Popakademien gelehrt. Die Vermarktung eines Kollektivs ist ja ohnehin viel schwieriger, als die eines einzelnen „Genialen“. Hinzu kommt, dass die Vorarbeit zu Studioproduktionen und die möglichst genaue Live-Reproduktionen von Spezialisten geleistet wird, die zwar handwerklich anspruchsloses, aber weithin Gesichtsloses schaffen. Dies macht natürlich den einzelnen „Star“ als Spitze des kreativen Eisbergs und Tonangebers für die Vermarktung noch notwändiger. Topmanager werden in der Regel mittlerweile von den einschlägigen Magazinen auch wie Superstars beworben, lassen Homestorys zu und erlauben von sich Aufnahmen in spezieller Star-Ausleuchtung, die in vielem der Verbildlichung der Religionen über Jahrhunderte hinweg entsprechen soll. Das Ideal einer solchen personellen Zuspitzung ist ja wohl die Großartigkeit des Einzelnen, der anderen angeben soll, wo's lang geht. Sich gleichzeitig die kreative Potenz eines Teams für die Zwecke eines Unternehmens gefügig zu machen, ist eine Aufgabe, die nur sehr langsam eingesickert ist. Das Team würde ja in der hier behandelten Analogie dem Team einer Hitfabrik entsprechen, in der jeder seine Aufgabe hat, in der catchy Hooks, Grooves, Sounds, Melodien oder Harmonien nach vorgegebenen Kriterien „gefunden“ oder „erfunden“ werden. Kriterien für die „Menschenführer“ wären Alphatier zu sein, Persönlichkeit zu haben, über soziale Intelligenz und Integrationsfähigkeit zu verfügen. Ein solcher Tonangeber braucht notwändigerweise willfährige Umsetzer, die seine Ideen umsetzen, ihnen praktische Konturen verleihen, sie in die Wirklichkeit übersetzen. 

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