Etwas machen und es dann unter die Leute bringen

Seltsam, - ich lese diese Geschichtchen und kann mir ganz leicht vorstellen, wie diese Personen, die die Leute „Stars“ oder „Superstars“ nennen, den ganzen Tag über (Journalisten sind meist in einem Hotelzimmer einer nach dem anderen, alle 20 Minuten dran) ihre Geschichtchen erzählen, die sie in sich gespeichert haben und die ihr neuestes Erzeugnis interessant machen soll. Als Journalist soll man dann eine tolle Geschichte daraus machen….. Die übliche Begründung heißt: Jetzt interessieren sich Die Leute dafür! In eine andere Sprache übersetzt, heißt das: Jetzt muss das Produkt (Das Konzert, die Tournee…) beworben werden! Das muss unter die Leute gebracht werden (an Weihnachten macht sich das besonders als „Geschenk“ gut: Eine Konzertkarte!). Sternchen und Stars erzählen einem Geschichtchen rund um das Produkt, geben vor, eigene Dinge entdeckt und umgesetzt zu haben...usw. Sie wollen mit ihrer „Persönlichkeit“ beeindrucken, spielen Spontaneität, zelebrieren und verkörpern Mythos, - genau wie bei einem Konzert! Im Hintergrund freilich ist jede Bewegung durchgeplant und festgelegt. „Kann ja nicht anders funktionieren….“ sagte mir einst mal jemand Pop-Exponiertes, als ich das Phänomen ansprach. Es ist alles industriell und sehr arbeitsteilig „produziert“. Alle machen das, was sie scheinbar am besten können. Wenigstens in einem technischen Zusammenhang. Auch das kann man auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Das Produkt symbolisiert dann etwas, was die vielen auch sein wollen. Es ist eine Projektionsfläche, ein Fetisch. Leben in vollen Zügen. Selbstverwirklichung. Materieller Wohlstand. Herausragen aus der Masse und sich auf diese Weise selbst als etwas „Besonderes“ definieren. Identität gewinnen. Wenn‘s geht, ewiglich…...  

Lieder aus dem La-la-Land

Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Suren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Der Schlager ist wieder angesagt und gibt sich jetzt tanzbar. Wichtig ist: der Hook muss stimmen. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus bei dem jeder mit muss. Fruchtbar kann es sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. Ein Lied, das den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abzuschalten, nicht anstrengend zu sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau?

 

Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Spass? Ohnehin ist das die Kategorie. Ob man etwa Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss. Betrifft den Schlager nicht? Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat kürzlich Costa Cordalis verlauten lassen, der inzwischen wohl durchoperiert ist und wahrscheinlich ungewollt den Schlager gut verkörpert. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Muss auch mal erlaubt sein?  Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags (einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, gekonnt manipuliert, auf Genre getrimmt. Gefällig gemacht, geglättet? Alternde und erfahrungsgetränkte Produzenten greifen sich vermeintliche Talente, die sie formen und in ein „Konzept“ einfügen können, das unter anderem Applaus und Profit bringen soll (und, vielleicht, wenn's geht, noch etwas Zuwendung...) . „Da ist doch nichts dabei! Das machen alle...“ höre ich schon die vermeintlichen Einwände im Voraus. Dabei denke ich doch nur an eine Beschreibung, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als sei der Mix der Motive früher etwas vielschichtiger und geheimnisvoller gewesen. Mehr vom "Talent" gespeist und nicht so sehr von macherischer Cleverness. Als sei es damals oft darum gegangen, die wahren Motive von jemand erst herauszufinden. Spass und Kohle, das scheint mir heute allzu vordergründig und eindimensional die Motivation zu sein. Schlager und Pop sind enger zusammengerückt. Die sich ach so international gerierende Popmusik mag in Wirklichkeit und genau analysiert auch nichts anderes sein, als der (deutsche) Schlager. Es gilt bei beiden „Kategorien“, möglichst vielen Leuten zu gefallen, sie auf allen Ebenen anzusprechen und sich damit möglichst oft zu verkaufen (was offenbar schwieriger geworden ist). Positiv sein um jeden Preis. Das Abkacken der Welt vergessen. Möglichst leicht vermarktbar sein.

Beglaubiger, Superstar und Künstlerdarsteller

Eingeflossen in diese folgenden Betrachtungen sind vor allem Erfahrungen, die ich in den zurückliegenden Tagen mit den zahlreichen Medienerzeugnissen zum Erscheinen von Herbert Grönemeyers neuer CD „Tumult“ gemacht habe. Zudem und ergänzend sind da journalistische Erinnerungen, Beobachtungen und Notizen aus den zurück liegenden Jahren. Es scheint mir, dass in diesen Tagen auf nahezu allen medialen Kanälen eine Marke gepflegt werden soll, dass ein Interesse nicht mehr geweckt, sondern vor allem bedient werden soll. Die Marke und ihre redundanten Marotten nannte das Bildungsbürgertum früher „Stil“.

Dabei scheint es auch darum zu gehen, dass eine Projektionsfigur ihr Seelenleben vor uns ausbreitet, sensibel zwischen Gegensätzen schwankt und sich kantig reibt, andererseits aber doch die ziemlich opportunistischen Bedürfnisse des „Marktes“ bedient, - beides. Auch scheint sich die Figur des jeweiligen Popstars längst von der real lebenden Person gelöst zu haben. Ein moderner Mythos will auf diese Weise gefüttert und so bedient werden, dass möglichst viele Käufe ausgelöst werden. Es werden der Figur auf diese Weise Facetten verschafft, auf die ein gemeines Publikum offenbar nur mit dem staunenden Begriff „Künstler“ reagieren kann. Ein produktives Mysterium halt.

Der Mann (meist sind es Männer…. auch so ein Grönemeyer‘sches Paradoxon...) macht etwas aus sich und aus seinen Liedern, gerade so, wie es der Gesellschaft passt, wie es ihr Ideal ist . Eine Rolle gerät außer Kontrolle und will doch immer wieder eingefangen werden, indem man sie und sich anpasst oder sie pflegt (was nicht gar so überraschend erscheint, denn ein „moderner“ Mensch ist in vielfältiger Weise gezwungen, Rollen zu spielen und Rollenkonflikte auszuhalten….). Es geht darum, ein Ego aufzublasen, das einen Künstler darstellen will und muss, der einerseits weit entfernt ist von der Existenz eines gemeinen Menschen und andererseits doch die Träume und Projektionen dieses "normalen" Menschen verkörpert, der nah und gleichzeitig fern ist. Zudem scheint dieser Star den Zwängen seines Geschäfts ausgeliefert und will sich oft so darstellen. Es geht bei der ganzen Bemühung offenbar um Vitalität, Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. 

Es geht auch darum, ein Ego aufzublasen, dass nicht nur sämtliche Fernsehformate, sondern auch Stadien zu füllen imstande ist. Das eine Art Gewährleister für Authentizität ist, dort, wo Authentizität kaum noch vorkommen darf, nämlich im Alltag der im Publikum applaudierenden Leute. Sie gilt es mit der Illusion einer Unmittelbarkeit, einer leibhaftiger Anwesenheit und tatsächlicher „analoger“ Gegenwart eine generelle Beglaubigung zu bedienen. Es gilt, etwas darzustellen: ein Ego, das ständiger Wandelbarkeit unterliegt, und doch immer bei sich selbst bleibt, - ein Ideal der Selbstoptimierung. Es geht auch darum, auf möglichst öffentlichkeitswirksame Weise auf uneitle Art Eitelkeiten zu pflegen. Eines der höchsten Ziele scheint dabei zu sein, sich als einfacher Mensch darzustellen und gleichzeitig den fernen „Superstar“ darzustellen, in aller Austauschbarkeit so etwas wie eine unangepasste „Haltung“ darzustellen und sich gleichzeitig allen Mechanismen des Geschäfts (z.b. scheint Interesse für einen Künstler oder sein „Album“ nur zu entstehen, wenn etwas Neues von ihm erscheint….) so willig wie selbstverständlich zu unterwerfen. Dies alles in diesem Blog ist keine Kritik oder ein Vorwerfen, sondern will Beobachtungen bündeln, Kritisches in den Raum stellen.

Popgeschäftsmechanismen

Ich frage mich, wieso ich mich immer weniger für einzelne Titel, immer weniger auch für Pop& Jazzalben insgesamt interessiere. Vielleicht weil ich immer deutlicher den gesellschaftlichen Zusammenhang sehe, als Teil einer Betäubungs- und Beträufelungsindustrie, in der der Konsument seinen persönlichen Geschmack als Merkmal der Unterscheidung pflegen kann? Das Spiel könnte lauten: wer hat den exquisiteren und „erarbeiteten (elaborated)" Geschmack? Ob mir dieses Stargehabe, dieses Heraushängen von Statusmerkmalen wie Lebensstil, Villenbesitz oder Sportwagen zunehmend verdächtig erscheint? Ob sich gewisse „Popstars“ als diejenigen profilieren wollen, die es „geschafft“ haben? Tatsache ist, dass mir dieser ganze Zirkus in seinem Zusammenhang zunehmend zuwider geworden ist. Diese daran hängenden Mechanismen der Vermarktung, der Imagebildung und der Beeinflussung des „gemeinen“ Konsumenten, sie schaffen gewiss auf der einen Seite ein Gegengewicht zum subventionierten Kulturbetrieb und seinen großen Kulturtempeln wie Staatstheater und gebenedeite Konzertsäale. Aber mit zunehmender Professionalisierung scheint mir da ein Maß verloren gegangen zu sein, eine Art des Gefühls für den „normalen“ Zuhörer und Konzertbesucher. Da scheint mir hier die Welt der hochvermögenden „Megastars“ und dort der ständig verarmenden Massen, die es nicht „geschafft“ haben. Ob die Unterhaltungsindustrie etwas damit zu tun hat, was schon das alte Colloseum in Rom befeuert hat? Ob die scheinbar „alternativen“ Kräfte im Popgeschäft nicht einfach zu denen gehören, die es noch nicht geschafft haben und dafür alles tun würden, zu der Sphäre der „Stars“ aufzuschließen? Ich bin da mit der Zeit immer skeptischer geworden.  

Steigerung

Fette Rave oder Techno-Parties ohne Drogen? Scheinbar undenkbar. Oktoberfest? Wies‘n ohne Bier? Undenkbar. „Höhere Kreise“ dieser aktuellen Gesellschaft scheinen zumindest leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus fröhnen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben….Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreise sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und Außen zusammen fallen. Schon die alten Romantiker wie Tieck, Eichendorff oder Novalis mochten so etwas im Sinne gehabt haben, teilweise mit anderen Mitteln als mit Drogen… möglicherweise kann der Phantasie auch anders auf die Sprünge geholfen werden. Manche Romantiker meinten, dass auch die Poesie ein gutes "Pegasus“, also ein Pferd zum anderen Ufer, sein könne.

Erfahrene Beobachtungen

Hatte ich besonders im lokalen Umfeld als Journalist die Erfahrung gemacht, dass die netten Musiker oft langweilige Musik machen und die üblen rücksichtslos arroganten Gesellen das Aufregende, Neue? Nun ja, zu einer gewissen Zeit ging man hin, machte ein Interview, versuchte zu verstehen, ging auf jemanden ein, übersetzte in andere Gedankenwelten. Es stellte sich etwas Persönliches her. Doch wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen, Vertrauen herzustellen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst und unbewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht wissen woher sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Dass sie zwischen Kulturen stehen. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Manchmal schien es mir so. Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten könnte, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Wo bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?

Entgrenzung

Ob Musik schon immer etwas mit dem Bedürfnis nach Entgrenzung und Erweiterung des eigenen kleinen Alltags zu tun hat? Nach Vergessen ob eines durchrationalisierten Alltags? Ob die Massen bei Konzerten in einem Bad der Gleichgestimmtheit suhlen, das auf Ekstase hin gerichtet ist? Ob gewisse Rhythmen und die daraus resultierenden Hypnosen so etwas schaffen? Ob es eine schwarze und eine weiße Magie gibt, die das Bildungsbürgertum gerne als „Kunst“ für sich in Anspruch nimmt? Ob das Themas „Sucht“ dabei gerne mal etwas ausgeblendet wird? Rhythmus und hypnotische Wirkung gewisser Musik? Wird vom Bildungsbürgertum gerne propagiert, ohne sich freilich allzu sehr damit zu identifizieren. Sucht wird ausgeblendet zugunsten einer romantischen Sicht auf das Phänomen. Es gilt, mit einem gewaltigen Sog umzugehen. „Höhere Kreise“ der heutigen Gesellschaft scheinen in großen Teilen leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus frönen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben…. Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreis sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und außen zusammen fallen. Ob der Musik dieses Streben auch schon immer innewohnte? Die heutigen Rock- und Popmusiker scheinen ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern gesund leben zu wollen, was den Gebrauch von Drogen eigentlich ausschließt. Doch wer weiß schon, was davon abgetrennt so alles konsumiert oder gespritzt wird, wo die Trennlinie zwischen Medikament und Droge verläuft. Rätselhafte Todesfälle in dieser Richtung gab es genug.

Samtene Erde

Sie hat sich auf vielerlei Kanälen bewiesen, wurde weit über die Region hinaus bekannt und prominent. Sie trat unter anderem mit Helmuth Hattler und mit der SWR Bigband auf, sie coachte bei RTL die „Superstars“ und wirbelte überall herum. Langsam aber sicher scheint sie sich in das Fusion-Umfeld und die Jazzgemeinde begeben zu haben, so kommt es einem vor. Doch Fola Dada kann ihr Fach, kein Zweifel. Sie experimentiert und probiert aus. Sie holt sich offenbar überall das ab, was sie für sich brauchen kann. Es lohnt sich einfach, ihr zuzuhören. Tolle Stimme, gewiss. Aber das haben andere auch. Sie aber scheint einem etwas melodisch einflüstern zu wollen, sie phrasiert mühelos, braucht offenbar nichts vorzuzeigen, alles scheint bei ihr relativ lässig integriert. Aus der eigenen Entfernung haben wir sie nach und nach verfolgt, haben ihre Entwicklung mit Sympathie begleitet. Aber wieso macht das nicht eine größere Gruppe von Leuten? Wieso ist sie als Sängerin nicht plötzlich hip? Hier in der Region Stuttgart kommt ihr jedenfalls so etwas wie Hochachtung entgegen. Meist von gestandenen Musikern, Leuten, die etwas von davon verstehen, die sich auf Gesang einlassen können.

 

Jetzt veröffentlicht sie ihr neues Album „Earth“. Warme, Samtene Klänge umschmeicheln ihre Stimme. Die Begleitband habe sich im Club Bix gefunden, so heißt es. Dies ist ein Jazzclub inmitten der Stadt, der sich zum Inkubationszentrum für Musiker aller Herkunft entwickelt hat. Diese Musiker bereiten ihr jedenfalls eine sehr passende und anschmiegsame musikalische Umgebung, die einen bleibenden Eindruck vermitteln kann. Das alles schleicht sich ins Bewusstsein, um sich dort festzuhaken und vielleicht in Träumen aller Art wieder aufzutauchen. Die weichen Klänge, das im besten Sinne gefühlige Spiel, der „innere“ Groove.... Da mag es sich auch lohnen, den Tonträger in bestmöglicher Qualität zu erwerben. Eine weiche Kontrolle über die musikalischen Vorgänge liegt über dem Album, eine Lässigkeit, die nichts mehr beweisen muss. Da träufelt sich „any questions one answer – love“ als zweiter Titel ins Bewusstsein, getragen von fließenden Klängen eines E-Pianos Auf diese Art würde man ihr die Botschaft des Songs abnehmen. Auf diese Art geht es weiter auf diesem Album: Sanft und samten übernimmt der Hörer, nimmt auf und entdeckt den Widerhall in sich. 

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Zeit und Geheimnis

Was früher die Welt der Rock- und Jazzmusik umgetrieben hat (nein, früher war nicht alles besser!)? Unter anderem ein Begriff von „Entschleunigung“. Ein „Sich entgrenzen“. Dies mag oft zu Drogenmissbrauch geführt haben und war somit diskreditiert. Doch es gab auch andere Wege. Musik stand für so etwas wie „Weiße Magie“. Es bedeutete eine Suche. Nach Freiheit, diesem so oft missbrauchten Begriff. Eine Sehnsucht. Was das bedeutete? Über oft kommerziell geprägte Erwartungen hin weg gehen, Klischees vermeiden, einen anderen Weg suchen. Was heute unter dem Begriff „Achtsamkeit“ in esoterisch gesinnten Kreisen abgefeiert wird, war „damals“ wie selbstverständlich Bestandteil dessen, was Musik sein konnte. Es ging keineswegs, die Kunststückchen zu bieten, die ein naives Publikum verblüffen konnten. Es gab auch genügend Künstler, die sich solchem Musizieren verschrieben hatten. McLaughlin strebte nach Erleuchtung, Weather Report hatte neben Zawinul einen offenen Geist wie Wayne Shorter, Ravi Shankar war noch aktiv, Santana wähnte sich mit „Love Devotion Surrender“ auf einem Weg...usw. „Im Geheimnis sein“ war ein Ziel, das viele Musiker auf unterschiedlichen Wegen anstrebten. Ein Sonderling zu sein, war ein tapferes Ziel. Wie sehr sich die Zeit und den sie durchwehenden Geist seitdem gedreht hat! Was heute erkennbar ist, scheint dem allem Hohn zu sprechen. Ein klein bisschen anzapfen könnten wir jene Ideale, ein wenig davon zu übernehmen, uns inspirieren lassen, - ob das möglich wäre?  

Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

Stimme und Ausdruck

Jetzt ist Aretha gestorben. Ray Charles und James Brown sind schon lange tot. Was faszinierte uns an ihnen? Weil sie Soul als Seele hatten. Tiefe Empfindung. Starke Stimmen, die uns beeinflusst haben. Weil sie Extremes zum Ausdruck brachten. Weil sie auf ihre Weise zu uns vordrangen. Klar, am Ende konnten sie auch gut singen. Aber im Wesentlichen war es ihre Stimme, ihr ureigener Ton, der uns überwältigte. Das, was sie emotional übermitteln konnten. Die per Gospelchor geübte Aretha hatte noch einen gewissen feministischen Unterton, der uns alle gefiel. „Respect“. Auch wenn es bei der Formel, bei der Stimme blieb... und hierzulande kaum jemand über das Inhaltliche nachdachte. Es war ein schöner Verlauf, ein berührender Song, der gewisse Situationen und Gefühle einfing. Eine tolle Stimme. Das Sinnliche. Ob es in diesem Falle ablenkte? „Respect“ stand für ein gewisses Aufbegehren dem latenten und offenen Rassismus gegenüber. Es wollte, so mochte es manchem vorkommen, auch eine Botschaft transportieren. Ob das geklappt hat?

 

Zweifel mögen erlaubt sein. Vielleicht ist es ein Weg solcher Gestalten gegenüber die Gegenrichtung einzuschlagen. Einen betont lässigen, dem Alltag entrissenen Gesang zu versuchen, mit anonymisierten Stimmen, im Vordergrund und im Hintergrund. So, wie die Realität es malt und klingen lässt. Vielleicht auch mal dünn, schwach und begrenzt. Und nur in Fetzen verständlich. Ob wir skeptisch dem gegenseitigen Verständnis gegenüber geworden sind? Keine Bemühung, Power zu erzeugen. Eindrucksvoll durch sich selbst sein. Und das als Modell vortragen, nachdem uns die Kopien der Kopien ausdrucksstarker Stimmen so gelangweilt haben. Neuer Minimalismus. Vielleicht. Wie schon erwähnt, - eine Möglichkeit.  

Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Emotion und Ausdruck

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen emovere: nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

 

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückendes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, besser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“. 

Alles durch

 Ich höre eine dicke alte Vinyylscheibe, King Crimson's „Three of a perfect Pair“. Aus den achtziger Jahren. Der Vorgang“ hat und hatte im Gegensatz zu heute etwas mit Respekt und Aufmerksamkeit zu tun, mit einem Sichaussetzen ganzen Vinylscheiben gegenüber. By the way: Es hatte einen ja auch etwas gekostet. Kohle. Im äußersten Fall 19,80. Also wollte man sie nicht einfach ablegen, zur Seite legen. Sie hatte als ausgewachsenes Album eine große Fläche, sie war ein veritabler Gegenstand. Sie war auch farblich gestaltet. Hatte einen grafischen Entwurf. Sie fühlte sich an. Man hatte schon einen ganz bestimmten Griff parat, um sie aufzulegen. Man fühlte sich ein in sie, versuchte (im Rahmen der anderen Scheiben, deren Entwürfe einem vorgegeben waren...) zu verstehen. Man brachte dem gegenüber, die oder der sich das als „Künstler“ ausgedacht hatte, Respekt auf. Es nötigte einem Auseinandersetzung ab. Man gab den Dingen Zeit, um sich zu entwickeln. Überhaupt, die Scheiben hatten einen anderen Rhythmus, schienen genau dafür Zeit zu haben, sich zu entwickeln, Spannungsbögen entstehen zu lassen. Das alles hatte die Zeit, um schließlich Emotionen in einem auszulösen. Man bildete sich eine Meinung und konsumierte nicht nur. Man schrieb das Gehörte einigen Namen zu, man versuchte, das Typische daran zu erkennen, man brachte es in Beziehung zu einem selbst.

Aber alleine schon den Plattenspieler (welcher ist der Beste, den man sich gerade noch würde leisten können?) ständig auf dem neuesten Stand zu halten, ihm ein geeignetes Abnehmersystem (wie viele Diskussionen habe ich einst darüber geführt!) zu gönnen, die Werte an den dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.b. „Skating“) korrekt einzurichten, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine veritable Augabe, die vieles an einem forderte, wofür man sich gar nicht geeignet fühlte. Also versuchte man, halt so einigermaßen mitzuhalten.

Diese vorliegende Scheibe mag auf viele damals abstrakt und avantgardistisch gewirkt haben. Heute tut sie das nicht mehr. Sicher, vieles scheint schroff. Aber heute, wo die Gefälligkeit, die leichte Konsumierbarkeit überall zu regieren scheint, ist das pure Erholung. Es wird gegen den Strich gebürstet, das Unerwartete auf geradezu entspannte Weise gesucht. Ungerade Rhythmen schleichen sich in den Kopf. Bob Fripp? Ha! Bill Bruford? Ha. Hatte man ja in verschiedenen Zusammenhängen kennen gelernt. Tony Leven, der anpassungsfähige, variable und kahlköpfige Alleskönner. Wer war er wirklich? Immerhin scheint er hier die Synty-Tasten gedrückt zu haben. Adrian Belew schien mir damals bei King Crimson das Popelement beizusteuern, obwohl von ihm bei Zappa und bei den Talking Heads davon nicht viel zu hören gewesen war. Aber die Stimme: typisch! 

Es werden einem Aufgaben gestellt von jemandem, dem man sich anvertraut hat. Dafür muss man dann nach ungefähr 20 Minuten springen, um die Platte umzudrehen. Es ist kein komfortables, angenehmes Durchhören. Ein ständiges Rennen. Die Kratzer an den immergleichen Stellen ärgern einen auch. Überhaupt, man hatte viel gehört, das Gleiche wohl 30 mal hintereinander (oder noch wesentlich öfter...). In verschiedenen Lebenssituationen. Man hatte es auf sich wirken lassen. Man kannte vieles davon nahezu auswendig. Querverweise hatten sich einem aufgedrängt. Der mit dem und der mit jenem..... Weltbilder schienen aufeinander zu stoßen, es entwickelte sich ein Kaleidoskop der musikalischen Möglichkeiten. Es regte unsere Phantasie an. In viele Richtungen. Wir wurden dadurch einigermaßen „open minded“. Wir dachten, die ganze Welt solle so werden. Würde so werden. Wir staunten manchmal. Wir ordneten Sounds und Spielweisen Namen zu. Wir ließen sie an uns heran. Sie wurden ein Teil von uns....“Uns“? Von mir.

Reinheit in der Popmusik

Reinheit in der Popmusik? In der volkstümlichen Musik? Gar ein nationalistischer Schein? Gerade in der Musik, die, - über welche Wege auch immer, - weit verbreitet ist? Sie hat zu allen Zeiten das Wohlfühlen in der Heimat gespiegelt, aber auch das Aufnehmen „fremder“ Einflüsse... Sie ist immer weiter gezogen, hat alles, was auf dem Weg lag, in sich aufgesogen, von Ort zu Ort. Gerade aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kamen interessante Mixes. Beispiel? „Hound Dog“. Der vom jüdischen Songschreiber-Duo Jerry Leiber und Mike Stoller geschriebene Song wurde ursprünglich 1952 von Big Mama Thornton zusammen mit der Johnny Otis-Band für Peacock Records aufgenommen. Es wurde kein Hit. Wohl aber kurz darauf für den jungen Elvis. Der Beginn einer Karriere. Heute, durch die Digitalisierung und Informationsflut, gibt es Leute, die kulturelle Versatzstücke und Phrasen entdecken und durch digitale Mischtechniken etwas Neues daraus entstehen lassen können. Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Es ist ein Spiel mit Mosaiksteinchen, mit vorgefertigten Teilchen. Musik verändert sich in der Vermischung, stellt sich als etwas Neues dar, bietet manchmal neue Draufsichten und Ansichten. Ob auf diesem Wege Gleichheit und Anderssein gleichzeitig möglich sein könnte? Neues finden und erfinden, das könnte auf diesem Weg jedenfalls möglich werden.

 Ich selbst schöpfe in meiner Musik auch aus dem Chaotischen, aus dem Zufall, dem Moment, der Intuition, aus den Versatzstücken nicht nur kultureller Herkunft, ich versuche,  neue Klangwelten zusammen zu führen, lasse sie aber auch aufeinander prallen und sich reiben. Das alles mischt sich mit Einflüssen und Macharten meiner eigenen Vergangenheit, meinen aktuellen Einflüssen, meinen Befindlichkeiten, meinen Rhythmen, Gestimmtheiten und vielen Zufälligkeiten. Dazwischen versuche ich immer wieder unterwegs zu sein in völlig anderen Klangwelten, versuche „ihren Treibstoff“ zu erkennen und wenigstens einen Teil davon in meine Welt zu überführen. Technische Routinen sind da wichtig, musikalische Routinen behindern jedoch eher. 

Musik um mich

Ich höre immer noch sehr viel Musik, sie begleitet mich, wenn ich glücklich oder traurig bin, sie hüllt mich ein, sie tröstet und sie putscht auf...... Ich fühle mich wohl in ihr, es ist meine Welt. Und doch, nebenher habe ich meine „Spezialmusiken“: Zum Abspülen, zum Waschen, zum Aufräumen, zum Träumen, zum Nichtstun und Sich-gehen-lassen, zum Bügeln, zum Sich-euphorisieren, zum Zuhören, Sich anregen und zum Sich abregen, zum Sich-fallen-lassen usw. Ich habe auch gelernt, dass es (für mich!) „Spezialmusiken“, wozu ich immer wieder neige, wenn ich in bestimmten Situationen bin. Sie bringen mir ein bestimmtes Gefühl und bestimmte Gedanken. Sie machen mich an, tragen mich weg (oder hin!). Im Laufe der Zeit nannte ich sowas „Situationsmusik“ (Musik, die sich für bestimmte Zustände besonders lohnt). Gerade das TV scheint das inzwischen auch kapiert zu haben und blendet für jeden Scheis Musik ein, die bestimmte arbeitslose Musiklehrer oder selbständige Musiker im Sklavenmodus günstig produziert und arroganten Redakteuren wie Waschmittel angeboten haben. Teilweise sind da aber auch sehr beachtliche Sachen zu hören! Ich versuche mich zu erinnern, seit wann das so ist: Die Übergänge müssen da, wie so oft!, fließend gewesen sein. Ob ich zu wenig darauf geachtet habe? Wie wohl unsere Vorfahren vor etwa 20 000 Jahren auf Musik reagiert haben? Ob das zuerst auch etwas Zweckgebundenes war und sich später erst von eben diesem Zweck gelöst hat? (wie etwa in der „bildenden Kunst“?). Da hat jemand natürlich live und direkt bei einem Musik gemacht, - was war überhaupt Musik, was galt als Musik? Ob das immer mit gesungener Stimme begleitet war, ob das etwas transportieren musste? Einen Sinn, ein religiöses Anliegen, einen Wunsch zum Genuss, zur wohligen oder weniger wohligen Melancholie? Die kleine Flöte in Blaubeuren, die etwa 30 000 Jahre alt ist, zeugt da von etwas anderem. Ich selbst produziere Töne, die etwas mit unserer Großstadtexistenz zu tun haben, die etwas von unserer Welt reflektieren. Vom Chaos, das in ihr herrscht. Von der wunderbaren Durchmischung, die so etwas wie ein klingendes Kalaidoskop bedeutet. Das heißt, ich versuche es. Wer mir da folgen will, weiß ich nicht. Die Verbindung zur Horde, zur sozialen Gemeinschaft, zur „traditionellen Überlieferung“ wird früher wohl enger gewesen sein. Es wird „genutzt“ oder „gebraucht“ worden sein. Und es wird eine gewisse feste Gebundenheit damit zusammengehangen haben. Das mag bis zum Gesetzesmäßigen gegangen sein. Doch sind zeitgenössische Töne wohl auch ein Spiegel der Vereinzelung in unserer Gesellschaft wie auch des Bewusstwerdens des Individuums. Seiner selbst und der Welt, auch des Verhältnisses seiner selbst zur Welt!  

Liebe zur Weisheit als Zitat

Die eigene Lächerlichkeit lässt sich gut mit Zitaten von Klassikern kaschieren. Jedenfalls unter Bildungsbürgern. Noch immer. Sich ausstaffieren mit dem Mantel des Bedeutenden, des Verstehens und des Zusammenhangs alles Intellektuellen. Teilhaben daran. Klar. Das ist das Gewöhnliche. Und doch liegt in solchen Zitaten oft etwas Typisches, etwas Erhabenes auch, ein Impuls oder Stachel, der einen abseits gesellschaftlich bestimmter Orientierungen und Identitäten anspornen kann. „Treibe Musik!“, so flüstert etwa die innere Stimme des griechischen Urphilosophen Sokrates uns zu. Philosophie ist für Sokrates wie Musik machen. Zu klingen wie man selbst. Der zu werden, der man ist. Ein Etwas, eine Haltung zu formen. Ein Selbst. Sich selbst in den anderen zu lieben, wie man Musik liebt: Die Liebe zur Weisheit. Wobei nicht verschwiegen sei, dass für Sokrates die Musik etwas sehr Umfassendes war, das womöglich einiges vom heutigen engumgrenzten und von Unterhaltungsmedien geprägten modernen Begriff von Musik entfernt lag. Was ist überhaupt Musik?

 

In solchen Zitaten liegt oft ein edles Anliegen, es scheint ein Versprechen weit jenseits jeder Realität der industriellen Produktionsart und Verwertungskette, des gegenseitigen Ausbeutens und Handels um jede menschliche Äußerung zu sein. Kurz: Jenseits unseres „modernen“ Blicks auf die Realität. Aus der Ferne mahnt oft genug die Stimme der moralischen Mahnung: Wir sollten, müssten, könnten....Und doch liegt da so etwas wie Weisheit offen vor uns: Sokrates hörte nicht auf, die Athener Bürger an diese Liebe zur allumfassenden Weisheit zu erinnern. Sie haben ihn dafür zum Tode verurteilt. Es ist gefährlich, ein Selbst zu haben.

Was Popkritik sein könnte

Ich nehme immer wieder wahr, dass Pop-Kritik, überhaupt das bewusste Aufnehmen und Reflektieren von Popmusik, als Spassbremse empfunden wird. Der unmittelbare direkte Genuss, der Flash des Augenblicks werde verdorben, so der gängige Vorwurf. Genusssteigerung sei doch eigentlich angesagt, wo der Popkritiker elaboriert herummäkle. Gefühl, Erleben, Erfahrung, Körperliches sei angesagt im Gegensatz zu einem abstrakten Mäkeln.

 

Leider stützt ein gewisses Bescheid- und Besserwissen sowie eine Auswahl von Wortklaubereien und Rabulismen aller Art diese oft gehörten Ansichten. Außerdem scheint die Popkritik zu oft einer oft unverständlichen Geheimwissenschaft der Auskenner sowie einer Gemeinsamkeit der Hipster zu gleichen, die sich selbst ihre Elitarismen zugute halten und „den Anderen“ Denkfaulheit und Verharren in Klischees zugute halten. Dass Popkritik dadurch in einem gewissen Gegensatz zu dem populären Element des Pop, zu den „Popularismen“ steht, scheint mir auch zu oft stillschweigend akzeptiert und ein Mittel der sozialen Distinktion zu sein. Etwas Richtiges im Falschen aufzeigen, könnte ein honoriges Versprechen solcher Popkritik sein. Möglicherweise resultiert sie aus dem Erbe der siebziger Jahre. Mir persönlich ging es vor allem darum, Popmusik halbwegs bewusst wahrzunehmen, sich gewisser hinter ihre stehender Mechanismen bewusst zu werden. Gerade nicht im Strudel der wirtschaftlich ausgebeuteten Unmittelbarkeit unterzugehen, war mein Ziel. Sondern nachdenkliche Distanz zu wahren, Ironie und Humor walten zu lassen. Queer-Ansätze und Machttheorien waren mir zwar bekannt, schienen mir aber allzu oft übers Ziel hinaus zu schießen. Die Aufmerksamkeitsökonomie mit all ihren Folgen (Internet u.a.) scheint dies alles mittlerweile überspült zu haben. Was zählt, ist das Großevent, die Bestätigung, die Affirmation der unmittelbaren Affekte, un die Selbstfeier der Musikindustrie, die auch schon mal Teil der Kulturindustrie sein kann.  

David Byrne (2)

Was ich an ihm (auch) mag: dass er sich nie dazu hinreißen ließ, die Pose des Rockstars einzunehmen. Diese manchmal, - gerade bei „reiferen“ Rockmusikern!, - so lächerlichen Posen, die einem aus dem Kindergarten zu stammen scheinen und in den Menschen vor allem archaische Instinkte anzusprechen scheinen. That's Pop! Natürlich höre ich wieder Byrne, bleibe an dieser Stimme hängen, weil sie so merkbare komische, humoristische und hysterische Züge hat. Hysterie? Ja, es handelt sich dabei um die Hysterie dieser Zeit! Die Sounds und Rhythmen seiner Musiker besingt Byrne oft mit seiner hysterischen, Vokale dehnenden Kräh-, Bläh- und Psychopathenstimme. Natürlich fällt er damit auf: Ein Marketing-Grundgesetz! Doch was ist Psychopathie und Anomalie heute überhaupt? Ist der Großstadtmensch nicht in vielem psychopathisch, was man früher so bezeichnet hätte? „Anomal“?. Wo ist die Grenze zwischen „normal“ und „psychopathisch“? Wer bestimmt sie und hat er dabei gewisse Interessen im Blick? Byrne scheint auf solchen Fragen zu reiten und dabei gelegentlich das Unmögliche zu versuchen. Er tummelt sich und grinst dabei, so will es mir scheinen. So hat er auf seiner Scheibe „Grown backwards“ von 2004 – zumindest nach meiner Meinung! - sogar am Belacanto-Gesang versucht (man beachte Titel 3 „Au fond du Temple Saint“ nach George Bizet oder gar Titel 14 „Un di Felice, Eterea“ nach Guiseppe Verdi ). Mit seiner Stimme! Wie lächerlich! Oder peinlich? Wie reif!? Und doch.... er fördert etwas zu Tage, er scheint neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wie gut, sowas!  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Musik als Selbstvergewisserung

Ob das so ist, dass in den bürgerlichen und bildungsbürgerlichen Ritualen der Gesellschaft unsere Kultur aufgehoben ist, ob unsere ständige Selbstgewisserung darin alles am Laufen hält und einen wichtigen Beitrag zu unserem Selbstverständnis leistet? Etwa die Musik von Johann Sebastian Bach? Absolut hochentwickelt zu einem frühen Zeitpunkt, der für die meisten unter uns weit in die scheinbar staubige Vergangenheit gerückt ist. Was für ein Phänomen ist das im Vergleich zu unserer zeitgenössischen Musik oder Popmusik? Unsere Musik der Gegenwart, die ganz anderen Zielsetzungen gehorcht und die entweder, wie im Falle der Popmusik, vom marktwirtschaftlich erstrebten Profit, oder von einem von viel Geld unterfütterten Bedürfnis nach bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung erfüllt ist. Jeweils auf ihre Weise scheinen beide Musiksysteme ihren jeweiligen Zeitgeist zu spiegeln. Wobei es uns manchmal scheint, als würden sich die elektronischen Möglichkeiten, ihre Speicherung und Manipulationsmöglichkeiten, in einem immer mehr sich steigernden Tempo entwickeln, aber derzeit immer noch den einem Menschen gemäßen Tempo un den damit verbundenen Möglichkeiten hinterher hinken. Ob je die technologischen Möglichkeiten und der Wille zum Ausdruck die Komplexität der Bach'schen Musik erreichen.

Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz werden ja zur Zeit überall forciert. Eine Superintelligenz wird dabei auch wohl neue Wege für die Musik finden. Aber es werden wohl einer neuen Intelligenz gemäß Möglichkeiten sein, es wird ein beliebiger Ausdruck unter vielen sein, es wird die Form einer Nebensächlichkeit haben, die im schlechtesten Falle wohl eher langweilig sein wird. Vernunft könnte eine Art Dimension sein, in der sich bestimmte Musik abspielt. Zunächst einmal wird sich diese Intelligenz per Internet vernetzen und ihre Möglichkeiten weiter potenzieren. Eine Art „Supermusik“ könnte sie umspielen, in die die Möglichkeiten vergangener Musikepochen eingeflossen sein werden. Es wird wohl alles umgewandelt sein in digitale Datenmonster, die anfangen könnten menschliche Möglichkeiten weit zu übertreffen. Was wohl unsere heutige elektronische Musik damit zu tun hat? So, wie sie derzeit auf „Consumer“-Niveau ankommt und sich breiten Kreisen der Menschheit erschließt, mag sie von einer ziemlich geringen Komplexität getragen sein. Das Bedürfnis nach Rhythmus, d.h. nach akustisch strukturierter Zeit und den damit verbundenen Reizen, mag ein wichtiger Impuls für sie sein. Sequenzer und druckvoll programmierte Tonfolgen schaffen bisher unbekannte Räume, die manuellem Handeln weit überlegen zu sein scheinen. Klangfarben phantastischen Ausmaßes vergrößern unsere Möglichkeiten und erschließen ebenfalls völlig neue Möglichkeiten.

Doch unsere Fähigkeiten, sie zu strukturieren, ihnen einen kollektiven und für eine ganze historische Phase gemäßen Ausdruck zu geben, scheinen einstweilen damit noch nicht Schritt gehalten zu haben. Doch wir haben keine Zeit, uns zu konsolidieren, diese Möglichkeiten kennen zu lernen, mit ihnen umzugehen, sie einem klanglichen Kosmos zuzuführen. Ihre Geschwindigkeit ist einfach zu hoch. Wenn wir etwas begriffen haben und glauben, mit ihm umgehen zu können, gibt es auch schon etwas Neues, das zusammenfasst und erweitert, das Innovation bedeutet und neue Möglichkeit. So schlittern wir einem technologischen Fortschritt entlang, der uns per Künstlicher Intelligenz so versklaven könnte, dass wir glauben, transhumanoide Möglichkeiten zwingend zu brauchen, um einigermaßen mithalten zu können mit einer Form der Künstlichen Intelligenz, die uns eines Tages dann doch abschütteln könnte. Wie wohl die Musik von Johann Sebastian Bach aus einer solchen Perspektive klingen mag? 

Popfestival

Wer etwas mit Musik anfangen kann, wer zuhören und sich einlassen will, der wird wohl kaum eines dieser derzeit überall stattfindenden Open Air Festivals besuchen. Bei ihnen scheint es ja wohl in erster Linie um eine Art Gemeinschaftserlebnis zu gehen, um ein Treffen von Gleichgesinnten, um das Happening, das mit anderen zusammen möglich erscheint. Da wird dann eingeheizt, gefetzt und Stimmung gemacht. Wer freilich näher auf die Besetzungslisten der zumindest kommerziell erfolgreichen der einschlägigen Festivals schaut, wird feststellen, dass ihm dort die immergleichen üblichen Verdächtigen begegnen. Dass diese spezielle Qualität findige Veranstalter schon in der Vergangenheit begriffen und umgesetzt zu haben scheinen, mag sich unter anderem auch in saftigen Eintrittspreisen zeigen. Es gilt halt das Gesetz des Marktes. Dementsprechend scheinen in der laufenden Saison aber erste Festivals noch nicht ausverkauft. Was nun? Die bei solchen Festivals stets anwesenden Buden mit ihren oft überhöhten Preisen für Curry-Wurst oder Bier kommen da schon ins Schwitzen.

Überhaupt scheint es ja so zu sein, dass Bands bei ihren Open Air-Festival-Auftritten meist ihre grobschlächtige, derbe, harte und massenwirksame Seite in den Vordergrund rücken und weniger ihre ästhetische, innovative oder gar filigrane Seite. Es gilt, das Publikum zu animieren, es gilt, „Spass zu haben“, was immer man darunter verstehen mag. Wattzahl der Anlage und Zahl der Sattelschlepper scheinen dabei jedenfalls wichtige Parameter zu sein. Jedenfalls auf musikalischer Seite. Um möglichst verschiedene musikalische Geschmäcker und Vorlieben abzudecken, wird in jeder Richtung etwas geboten. Alle sollen schließlich auf ihre Kosten kommen. Dass Open-Air-Konzerte zudem ein Klimarisiko sind, soll nicht verschwiegen werden. Viele verregnete, im Schlamm untergegangene und in den Marsch abgeglittene Veranstaltungen, darunter teilweise solche auch größerer Art, mögen hierfür Beleg sein.

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Pop und Populismus (2)

Ob Pop etwas mit Populismus zu tun hat? Und inwiefern das in die Politik hinüber spielt? Ob Politik nicht sowieso populistuisch sein muss, weil es sich immer nach denjenigen richtet, die in der Mehrheit sind? Wo ist die Brücke zum Rassismus und Nationalismus? Einfach eine Gruppe behaupten und die mit allen Mitteln abgrenzen gegen den Rest? Pop, das ist das Medium einer möglichst großen Verbreitung. Aber auch eine behauptete Gemeinschaft, früher von „Subkulturen“. Die sich abgrenzen müssen, die zur Distinktion um jeden Preis neigen, die sich auskennen, die Bescheid wissen, Die ausgrenzen und eingrenzen, die mit Spitzfindigkeiten umgehen können, die für sich die Eigenschaften einer „Elite“ in Anspruch nehmen. Ob Pop nicht den Populismus einübt? Die Slogans, die Parolen, die Formeln, ob wir sie nicht lange Jahre in der Popmusik akzeptiert haben? So ist halt Kunst: nun ja, die Ausrede ist etwas abgenutzt. Pop ist nicht immer Kunst. Pop übt auch das Eingehen auf simple Formeln ein, schafft soziale Gruppen, gibt immer wieder Engagement vor und scheint das „Richtige“ im „Falschen“ zu suchen. Pop gibt auch die Bespassung vor und schmuggelt Botschaften (und seien es die der Affirmation!) unter sein „Volk“ (im neoliberalen Jargon geht es nur um „Zielgruppen“). Pop ist das jederzeit bereit stehende Ablenkungsmanöver gegenüber der Langeweile und Dekadenz in den westlich-industriellen Gesellschaften. Pop ist vital und feiert die menschliche Energie. Ob das einen zum Grübeln bringt? 

Pop und Vermarktung

Man ist Zwängen ausgesetzt, Competition, Markt, Wettbewerb, es geht ums Vergleichen, man soll besser sein, kundiger, schneller, witziger, besser..... Ich merke, wie ich in Richtung einer Multifunktionsarena gehe, in der alles angeboten wird: vom Handballspiel über Volleyballspiele, über Boxkämpfe bis hin zu Metallica, Ramstein und Helene Fischer. Unterbezahlte Ordner stoßen einen hin und her, sollen für Sicherheit sorgen, sollen sie produzieren angesichts der Ereignisse jüngster Vergangenheiten. Es gilt aber trotzdem im Sinne gewisser Absahnerverdiener möglichst viel Menschen in die Halle hinein zu pferchen. Unablässig werden hier die Besucher von allen Seiten mit bunten Werbebotschaften bombardiert, alles ist plakatiert, bedruckt, bespielt, genormt und geformt mit bunten Werbemitteilungen, die dich und überhaupt möglichst viele, wenn nicht gar alle, erreichen sollen: als Zielgruppe. Du bist selbst zur Zielgruppe geworden, eine anonyme Ziffer unter vielen. Du wirst bearbeitet. Auch mit „Big Data“. Von großen Konzernen. Mit Algorithmen. Es ist hier eine Hardware des Abspulens der sich immer schneller beschleunigenden Zeit, für eine Kultur, die seelenlos, kalt, produziert und von Marketingstrategen gelenkt ist, die klar profitorientiert daher kommt, eine Fabrikhalle, in der „Produkte“ der Kulturindustrie „hergestellt“ und "konsumiert" werden.

Nichts gärt da mehr, gibt sich kritisch, ist noch halbwegs als menschlich zu erkennen oder kann als eine Aufforderung zur erstaunten Annäherung verstanden werden, alles ist ausproduziert und zu sehr offensichtlichen Häppchen ohne jedes Geheimnis verarbeitet. Diese Halle verströmt funktionellen Charme, alles ist sauber und betoniert und zweckdienlich, gepflegt und instand gehalten von einem Heer unterbezahlter „Hilfskräfte“, die sich mit ihrem Job so sehr identifizieren, um bloß nicht gekündigt zu werden. Sie bürsten dich ab, gehen mit dir um und scheinen nicht zu begreifen, dass auch du nur einen Job machst. Halt an anderer Stelle. Vertreter des „Publikums“ fassen sie nicht eben mit Samthandschuhen an. Sie sind für sie eine anonyme Masse, eine dunkle Brut, die es zu disziplinieren gilt. Doch eventuelle Ausrutscher oder Ausfälle sind hier einkalkuliert, von vornherein vorgesehen. Du hattest riesige Probleme, einen halbwegs zugänglichen Parkplatz zu finden. Die meisten Leute meinen, du seiest darin als Medienmensch privilegiert. Es gäbe Presseparkplätze oder derartiges. Sie konnten nicht mitbekommen, dass die Meute der Journalisten inzwischen auch polarisiert, sortiert und klassifiziert ist. Manche sind wichtiger als andere, - wie bei der Masse der Besucher auch. Ich für meine Person weiß nur, dass ich mir regelmäßig als „der letzte Arsch“ vorkomme.

Kreislaufaussetzer unter den „Fans“ werden penibel abgezählt, dann stolz vermeldet und mehren so den Ruhm der Auftretenden. Ko gegangen wegen übergroßer Begeisterung. Wow! So ist halt die Masse - oder wenn der Mensch jung ist. Es ist alles sehr direkt. Das Publikum soll während (!), vor und nach den „Darbietungen“ ohnehin möglichst rasch den Weg zu den Verkaufsständen von Pommes oder Bier suchen und danach anstandslos die Lokalität hin zu den Parkplätzen verlassen. Dabei ist meist stundenlanges Ausfahren aus der völlig überforderten Verkehrs-Infrastruktur angesagt, hupen und Fäuste ballen, während tausend anonyme Helferlein das Bühnenequipment abbauen und schon in der Nacht weiter fahren müssen. Draußen knattern schon die Dieseltrucks vor sich hin. (Statt aus den völlig überfüllten Parkplätzen auszufahren zu versuchen, solle man halt öffentliche Verkehrmittel benutzen, so heißt es hier. Richtig!. Doch was macht der, der aus dem Umland kommt, das mit öffentlichen Verkehrsmittel kaum noch oder meist nur noch durch sehr teure Fahrpreise und äußerst zeitintensiv (zu so späten Zeiten sowieso nicht mehr „bedient“) erschlossen ist?)

Hier bin ich, hier darf ich sein, so scheint das alles dem meist deprivierten, herunter gekommenen und von sozialen Abstiegsängsten erfüllten Publikum zu bedeuten. Nebenan befindet sich das Fußballstadion „Mercedes-Benz-Arena“, in dem der VFB kickt und die körperoperierten Millionäre in den VIP-Bereichen Kaviar verdrücken. Besucher aus diesen gesellschaftlichen Schichten können sich hier mal, wie sie meinen, so „richtig unters Volk mischen“. Veranstalter können hier in der Halle alles anbieten, vom Eishockeyspiel über Boxkämpfe bis hin zu Metallica, - und vor und nach dem Konzert werden die Besucher (die als anonyme Masse behandeln lassen und dafür reichlich löhnen) unablässig wieder und wieder mit bunten Werbebotschaften bombardiert. Es ist die Playstation der Kultur, „die sie meinen“: seelenlos, kalt, ohne Charme, eine Halle, in der „Produkte“ der Kulturindustrie „hergerichtet“ werden, eine Feier des Konsums und der Ablenkung. Insofern sind sie alle austauschbar, ist alles austauschbar, könnte überall stehen und sich gegen Geld anbieten. Diese Hanns-Martin Schleyer-Halle ist immerhin nach einem von den RAF-Terroristen ermordeten Arbeitgeberpräsidenten benannt und nicht - wie an anderen Orten üblich - nach einem Mobiltelefonkonzern, einem Automobilkonzern, einem Versicherungsgiganten oder einer Bank, als im wahrsten Sinne des Wortes leuchtende Beispiele für ein „System“, das mit seinen ökonomisch geprägten Maßstäben inzwischen überall präsent ist und die Gehirne beherrscht. Wachstum um jeden Preis ist angesagt, die „marktkonforme Demokratie“ hat wahrlich obsiegt. 

In den letzten zwanzig Jahren ist eine Kommerzialisierung des Konzertgeschäfts erfolgt, eine Industrialisierung des Konzertwesens, deren Dimensionen so weitreichend sind, wie sie gleichzeitig in der öffentlichen Diskussion fast völlig verschwiegen werden. Eintrittskarten werden da beispielsweise über das Internet vertrieben, mit Gebühren, die den Veranstaltern früher die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Doch, so wird dann gerne beschieden, das Musikgeschäft hat sich verändert. Geld verdient wird heute mit Konzerten, nicht mehr mit CDs oder anderen Tonträgern, die zu einer weitgehend wertlosen Masse geworden sind und längst untergegangen sind in der Masse der lizenzenbewehrten Downloads oder Crossmarketingaktivitäten.

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Immer ganz neu

Ich habe mich früher oft gefragt, wieso es im Popgeschäft so sein muss, dass der Zyklus Album, PR-Tour, Tournee, neues Album so zwingend sein muss, dass alles zwangsläufig so abläuft. Mittlerweile haben sich die CD-Verkäufe kräftig reduziert und prompt scheint der Zyklus bei weitem nicht mehr so zwingend zu sein. Die Gewichte haben sich ja auch längst verschoben. Das Album und sein Verkauf ist bei weitem nicht mehr das Wichtigste. Eigentlich soll es nur noch die anstehende Tournee promoten. Früher war es umgekehrt. Aber es schien in Stein gemeißelt. Alle, ein ganzer „Markt“ handelte danach. Das Geschäft diktierte und die Künstler lieferten. Ich wunderte mich auch oft, dass die Künstler das „Bedürfnis“ nach Neuem so widerspruchslos zu erfüllen schienen, obwohl es nahezu unmöglich ist, fort während etwas Neues auszuspucken. Also spezialisierte man sich darauf, das Vorhandene zu perfektionieren und es zu variieren, eine Art „Stil“ daraus zu machen. Es rückten alleine schon aus Geschäftsgründen diejenigen Künstler in den Vordergrund, die sich fortwährend neu zu erfinden schienen, - siehe Madonna etc. Es hatten sich aber auch Mechanismen des Popgeschäfts herausgebildet, die etwas als selbstverständlich übernahmen, was so durch sich selbst verständlich gar nicht war. Die kapitalistische Logik bedingt es ja und bringt es mit sich, den Markt fortwährend mit Neuem zu füttern und Bedürfnisse zu wecken, die dann vom „Markt“ befriedigt werden können.

 

Doch die Popmusik und der mit ihr verbundene Lifestyle hatten Besonderheiten zu bieten. Beispielsweise galt es lange regelrecht als ein Gebot, jederzeit gut informiert und auf der Höhe der Zeit zu sein. Um hier eine Art Auslese zu schaffen, brauchte es fortwährend Neues, mit dem sich die Bescheidwisser abgrenzen konnten. Es war Gebot, neue Idiome zu kennen, „fortschrittlich“ zu sein, „forever young“ und in Bewegung: in der Popmusik wurden “Werke“ geschaffen, Konzept- und gewichtige Doppelalben lagen massenweise aus, lieferten Vorlagen für Filme, es gab Alben der philosophischen und esoterischen (weniger der politischen) Bekenntnisse, aufgemotzt durch „großartige“ Bookletzeilen und Beglaubigungen durch „große“ Namen, es schien alles große Kunst zu sein. Dann die postmoderne Phase: Anything goes. Anything sells. Heino neben Metallica, Frank Sinatra und U2. Ältere Musik auch, aber teuer verpackt. Vinyl und „Erstauflagen“ wie früher im Bildungsbürgertum beim Buchmarkt. Ganze Horden von Erklärern und Leuten, die ihre Existenz dem Übersteigern gewidmet zu haben schienen. Geschmäcklertum, das freilich keine große Anziehungskraft mehr zu haben schein, das längst in Beliebigkeiten und persönlich gefärbte Präferenzen abgerutscht war. Dem Behaupter sicherte es dadurch eine gewisse Einmaligkeit, etwas, das mit "Individualität" in Verbindung gebracht werden kann und auch in akademischen Kreisen sehr beliebt ist. Mittlerweile ist es so geworden, dass sich das Neueste (wenn es das unter solchen Verhältnissen noch gibt) vielleicht im Internet finden lässt, aber dass es keinen mehr interessiert. Teenager und Menschen in der Pubertät brauchen aber so etwas, um sich abzugrenzen. Sie scheinen es auch zu brauchen, um ihre eigene Vitalität zu feiern. Nur scheint Popmusik längst nicht mehr das adäquate Mittel dafür zu sein. Und der Wald dessen, das nur vorgefundene Muster variiert, scheint völlig unübersichtlich geworden zu sein. Die großen Medienfirmen scheinen auch zu lange überzogen zu haben, indem sie das kurzfristige Profitinteresse allzu sehr in den Vordergrund schoben und es versäumten, rechtzeitig große Künstler eines Schaffensversprechens, einer Kreativität aufzubauen. Ob etwa im deutschen „Markt“ eine Künstlerin wie Helene Fischer solche Versprechen einlösen kann, wird sich herausstellen. Skepsis scheint angebracht. Gut gelauntes Lächeln. 

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Pop und Tabu

Es ist doch klar, dass der Pop „der jungen Leute“ über Tabuverletzung und Distinktion funktioniert. Aufbegehren gegenüber überkommenden und überlieferten Werten, Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt, das hat lange funktioniert. Wenn aber nahezu keine Tabus mehr da sind, die es zu verletzen gibt, funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr so recht. Nicht nur in Deutschland ist das Thema „Juden“ zu recht ein No-Go-Thema: tabu. Wie es um den Judenstaat Israel und seine Politik steht, mag dahin gestellt blieben. Rapper und Hiphopper in Deutschland können nun versuchen, das Thema Juden so aufzunehmen, dass Hassgefühle geweckt und benutzt werden: gezielt wird damit also versucht, unter dem Deckmäntelchen der ach so freien Kunst doch noch ein Tabuthema aufzuspießen, dessen Verletzung Schocks hervorruft. Auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie scheinen sich dafür zu eigenen, denn unter den aufgeklärten Menschen Deutschlands sind das keine Themen, die noch kontrovers zu diskutieren wären. Dies heißt aber nicht unbedingt, dass dies nicht als „Tabu“ angesehen werden kann. Es ist vielmehr so, dass eine gesellschaftliche Debatte sehr viel weiter ist und gewisse Themen hinter sich gelassen hat. Und es ist so, dass andere Mechanismen hinter Versuchen stehen, solche Themen für sich auszuschlachten, indem damit Aufmerksamkeit erregt wird. Wenn Alice Cooper, Ozzy Osbourne oder Marylin Manson unterstellt wurde, dass sie gezielt und unter einem gewissen Kalkül Schockeffekte für sich nutzen wollten, hat man wohl nicht gar so unrecht. Ozzy Osbourne soll ja auf offener Bühne Tauben den Kopf abgebissen haben: Tabuverletzung gleich Schockwirkung und Aufmerksamkeit, was zu Neugier und erhöhtem Abverkauf, bzw. Profit führt. Schminke, grelle Sprüche und Tatoos mögen dieselben Bedürfnisse aufgerufen haben: sich unterscheiden, sich als etwas Besonderes stilisieren, sich definieren. Frauen als „Fotzen“ und „Schlampen“ zu bezeichnen, will unter dem Mäntelchen der Kunstfreiheit so durchgehen. Nutten zu ficken und allerlei sadomasochistisches Zeugs erscheint da mittlerweile ein bisschen ungeeignet: es langweilt. Sexuelle Abseitigkeiten sind längst zur Mode geworden und mögen niemand mehr hinter dem Ofen hervor locken oder gar zu provozieren. Vielleicht ist man auch angesichts vieler Medienstrategien zu abgebrüht geworden. Als Tabuverletzungen freilich eignen sie sich gelegentlich noch. Es beschreibe lediglich die Sprache, die unter anderem unter Jugendlichen gepflegt werde, so die gängige Erklärung, die gerne mal in eine Generalausrede hinüber gleitet. Mag sein, so würde es mir entfahren. Aber so etwas wie Judenbeschimpfung eignet sich nicht zur gezielten und kalkulierten Tabuverletzung: es ist vielmehr primitiv und besonders hierzulande völlig unangemessen. Ein klein wenig dürfen wir ja die Geschichte schon noch mitdenken: unter Umständen sind wir so geworden, wie wir geworden sind. In der Geschichte. Wenn wir etwas verstehen wollen, sollten wir auch die Geschichte berücksichtigen. Comichafte Übertreibung im Sinne einer Satire mag Kunst sein. Profit zu machen, ist nicht immer Kunst.

Intensität der Gewalt

Dylan ist mal wieder oder immer noch unterwegs. Seine Tournee soll ja nie enden, so heißt es. Und die Journalisten berichten wieder, dass er der Allergrößte sei. Die Willi Wichtigs dieser Gesellschaft stimmen da eifrig zu und erinnern sich gerne. Nicht nur der Rock'n Roll, sondern auch das Leben besteht offenbar aus Wiederholungen. Bloß, dass diese eine Wiederholung mit Dylan bald zu Ende gehen wird, auch wenn sie alle ihn für einen Heiligen halten. Auch wenn er, wie es oft heißt, mit dem Abkupfern von Baudelaire und Brecht, unsterblich geworden ist. Wahrscheinlich grinst er heimlich sich eins darüber. Der Mann maskiert sich, so gut es geht, schlüpft dauernd in neue Rollen. Im Publikum aber behaupten sie aber so störrisch wie unbeirrbar, es gehe um Authentizität. Auch bei ihm. Früher wurde sie offenbar weithin verbreitet mit Lautstärke hergestellt. Das war damals noch was..... Doch mittlerweile gibt’s das in den Clubs und Discos überall: die physische Ebene der Musik, das Rumoren im Darm, das Vibrieren unter der Schädeldecke. Kann man ja mit dem leisesten Titel per Kopfhörer herstellen!

Ach ja, der Dylan, damals in Newport! Epochal. Heute ist High Fidelity angesagt, jedenfalls bei denen mit dem besseren Geschmack und bei denen, die es sich leisten können. Die hinteren Ränge vergnügen sich heute bei MP3 und Billig-Streaming, das ja von großen Geistern wie Neil Young so laut und nachhaltig gegeiselt wurde. Aufruhr. Rebellion. Extremismus. Leider ist das alles abgeglitten und schief gegangen. In Drogen untergegangen. In künstlich chemischen Fluchträumen. Durchzieht inzwischen alle Gesellschaftsschichten. Fing mal als Avantgarde an. Längst scheint Gewalt und Agression dazu gekommen zu sein. Dafür scheinen nicht nur  Metal und Hiphop genügend Beispiele abzuwerfen. Das so gelobte dumpfe Donnern und Grollen, es wurde von einer riesigen Maschine hervorgerufen, deren Häuptlinge sich jeweils per eigenem Düsenjet durch die Welt fliegen lassen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das Startum hat jedenfalls von Anfang an zum Rock'n Roll gehört.... Rock'nRoll als sozialer Aufstiegskanal. Ach, man kann die „Erklärungen“ und rechtfertigenden Klischees schon gar nicht mehr hören! Jetzt gilt nur noch die große Familie, die Metallicas Musik offenbar herstellt. Eine Familie der Gleichgesinnten. Der Gleichgerichteten. Der Konsumentenmasse. Perfekt und gnadenlos sei sie, die Metallica-Musik, so las ich. Kraftvoll roh. Schiere Aggression. Ob das so einhellig positive Attribute sind? Die Scheinwerferkegel kreisen. Jubel. Energie. Intensität von der Bühne.

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Berührt sein

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen "emovere": nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückenedes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, bsser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“.

 

Wir haben einen Sinn dafür, was unsere Existenz begründet, was ihr Grund sein könnte, wie wir auf die letzte Wirklichkeit bezogen sind. Man kann diese letzte Wirklichkeit auch Universum nennen. Oder das Leben. Oder die Wirklichkeit. Oder die Welt, oder die Natur. Aber man fühlt sich jedenfalls da hinein gestellt, ahnt, dass man ein Teil davon ist. Die Frage ist: wie sind wir darauf bezogen? Auf diese letzte Grundlegung. Ja, wir haben einen Sinn dafür. Er geht darauf zurück, dass am Grund unserer Existenz eine kollektive Antwort liegt. Jemand ist da, der uns hört und sieht, versprechen etwa Religionen. In uns und jenseits von uns. Beim Beten wird das deutlich: Man kann dabei nicht sagen, ob der Betende sich nach innen oder nach außen richtet. Beten ist eine ritualisierte Praxis, die eine Verbindung zwischen dem Innersten und dem Äußersten schafft. Es berührt mich und verflüssigt mich in meiner Verhärtung, es macht mich empfänglich. Religion beispielsweise schafft ein Bewusstsein dafür, dass wir mit dem Leben als Ganzes, mit Gott oder der Natur in einer Beziehung stehen. Mit der Kunst. Mit der Musik. Wichtig ist: Man weiß nicht recht, ob man nach innen oder nach außen hört. Das alles bedeutet aber nicht Welterklärung. Nicht Weltdeutung. Es geht nicht um sinnhafte und kognitive Weltdeutung. Also um das Verstehen vom Verstand her. 

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Echo auf Echo

Nun ja, es tauchen jetzt alte gegerbte Managergesichter auf, die einst, in besseren Zeiten, erfolgreich für ihre jeweiligen Companies waren. Sie geben ihre Kommentare ab zur deutschen Echo-Preisverleihung, bei der die verleihende Musikindustrie die Masken für eine kurze Zeit hat fallen lassen. Im Großen und Ganzen ist es ja alles akzeptiert und verinnerlicht, wie es da läuft. Aber antisemitische, frauenverachtende und homophobe Sachen? Eher nicht. Ein bisschen peinlich, das. Es gibt Beschwichtigungen. Alles nicht so gemeint. So sind sie halt, die Rapper....und all diese Sachen. Ein paar „Preisträger“ haben ihre Preise zurück gegeben. Aber ich glaube, sie alle hatten die Kriterien des Echo längst vorher schon akzeptiert. Diese Kriterien sind: Verkauf, Verkauf und Verkauf. Das wird dann gerne und sehr direkt übersetzt in Publikumsakzeptanz. Sie gilt als heilig. Von möglichst vielen Menschen akzeptiert und noch mehr: wohlfeil geliebt zu werden. Moralische Überlegungen scheinen da eher eine untergeordnete Rolle zu spielen und dienen vor allem zur „Verklärung“ dieses „Preises“. Nun, mir scheinen die Kriterien auch bei den großen bekannten internationalen Preisen wie "Grammy" oder "Oscar" ganz ähnlich zu sein. Sie werden ja immer mehr und es fällt schwer, noch eine Art Überblick zu haben. Das Kriterium lautet bei all diesen Preisen: Erfolg um jeden Preis. Auch um den Preis der Menschenverachtung. Solche Dinge scheinen mit einem Augenzwinkern ausgeblendet und einigermaßen schlapp verteidigt zu werden: der Rap, der HipHop ist halt so, es braucht ein bisschen (!) Rebellentum, die sind in Wirklichkeit ganz anders....etc. Das sind nette Bemäntelungen, die die Rock- und Popmusik degradieren zu einer Kuh, die es mit möglichst effizienten Mitteln und den jeweiligen Zeiten optimal angepasst zu melken gilt. Wessen Team samt Spitzenstar dabei am erfolgreichsten ist, wird ausgezeichnet mit einem Preis, vor lauter aufgemotzten Figuren aus dem Sonnenstudio, wohlfrisierten Typen mit einem oft geheimen Wichtigkeitsfaktor, die dann das "Feier"-Publikum für eine solche Prozedur abgeben. Eigentlich abstoßend, so etwas. Manche ursprünglich aus einer „alternativen“ Ecke stammende Künstler haben sich dafür aber über lange Jahre gerne zur Verfügung gestellt, facht der "Preis" doch die „Abverkäufe“ an und erhellt ein solcher Preis doch die Aura jenes weithin leuchtenden Erfolgs, der im Popgeschäft ja so wichtig ist. Nur ein Problem dabei: unter den Bedingungen des leuchtenden und strahlenden, überall aufsteigenden Populismus entzaubert sich die Industrie selbst, indem sie sich als zynische, weitgehend profitorientierte Instanz offenbart, die jede menschenverachtende Parole nachzublöken bereit ist, solange sie erfolgreich ist, d.h. sich gut verkauft. Hm, welche Konsequenzen so etwas haben kann und in welche Richtung das führt, mag man sich gar nicht mal vorstellen.....

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Schön wäre es gewesen

Es war damals, tief in der Vergangenheit der Rockmusik, als es aufregend war und jeder Tag etwas Neues brachte. Man forschte geradezu, war auf das Unbekannte gerichtet, wurde abenteuerlich, wagte sich neuen Horizonten entgegen. Es galt, im Umfeld möglichst Hip zu sen, auf der Höhe der Zeit, informiert, in Kleidung aktuell, und vor allem – „fortschrittlich“ zu sein. Es schien das Zauberwort zu sein, das verhieß, dass es jenseits der bekannten Horizonte etwas anderes gab und dass es einem dringend aufgegeben war, sich diesem irgendwie anzunähern. Die Popkultur barg eine Menge Impulse, obwohl es nicht ganz klar war, was ernst gemeint war und was anderen Prämissen unterstand. Heute wird so etwas in Blogs diskutiert, auf Foren, in Youtube, im Netz. Man ist skeptisch geworden gegenüber großen Entwürfen und Horizonten. Man wäre meist schon mit viel weniger zufrieden. Wagemut scheint etwas Seltsames zu sein, es gilt vielmehr, halbwegs zu überleben. Die Rockmusik hat sich zur Popmusik gewandelt und ist dann Teil eines allgemeinen Unterhaltungsbusiness geworden. Natürlich war es das schon immer, aber mit anderen Gewichtungen. Genau das war ja auch das Interessante. Das Schillernde, Ungewisse, dem sich irgendwie anzunähern einem aufgegeben war. 

Doch die Vorstellung eines „Progressiven“ eines „Fortschrittlichen“ zerbrach irgendwann, ging unter. Immer mehr herrschte das Geschäft, das aus allem und jedem gemacht wurde: Ökonomisierung war on its way, bis heute. Es gilt der Erfolg, auch  eine Größe des ökonomischen oder neoliberalen Zeitalters. Erfolg maß sich meist in Geld. Und in Macht.  Es entstand auch ein Impuls zurück, unter den Alten, unter den Nostalgischen. Es kamen in der Popmusik große Editionen als 4- oder 5- fach Box heraus, die ein Lebensgefühl noch einmal aufwärmen sollten, unter anderem auch mit großzügig farblich gestalteten Booklets. „Remastered“ oder „Remixed“ versprachen neue Qualitäten, die einstigen Revoluzzer konnten sich das ja inzwischen leisten. Sie waren längst in Führungs- oder Entscheiderpositionen aufgerückt, der einstige „Marsch durch die Institutionen“ war etwas, an das man sich gerne erinnerte. Aber in schöner Unverbindlichkeit. Wäre schön, wäre gut gewesen. Doch nun regierte das Geld. Und diejenigen, die nachkamen, wuchsen in diese Prioritäten hinein. Sie übernahmen das, unmerklich und nicht hörbar. Heute ist fast nichts mehr geblieben. Bedeutungen haben sich verflüssigt, sind zu einem Stoff geworden, den es zu verkaufen gilt. Gerade unter den alten Recken des Rock

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Zielgruppen?

Offenbar machen sich viele junge Musiker Gedanken über die Leute, die ihre Klänge konsumieren sollen, also die Zielgruppe. Zudem wird gerne noch die Situation definiert, in der konsumiert werden soll. Bei der etwas älteren Generation hat sich das von selbst reguliert (was schon länger nicht mehr der Fall ist): diejenigen Leute sollten angesprochen werden, die die gleichen Hör- und Generationserfahrungen wie die Erzeuger hinter sich haben, die insofern dasselbe Alter haben und – das ist gerade heute offenbar nicht mehr common sense – eine gewisse Offenheit für „andere“ Klänge, Klangarchitekturen, Klangabläufe, Motivationen. Ich lese, dass es ganz nett sein kann, wenn man die Stücke daheim auf der Anlage höre. Aber in Witrklichkeit sei das anders gemeint. Meine eigene Musik sehe ich da nicht so eindeutig gemeint. Sie scheint einen gewissen „Chill“-Faktor zu haben, kann aber genauso daheim auf der Anlage gehört werden. Es braucht keine – wie auch immer geartete – Gemeinschaft dazu. Das gehöre auf die Straße - so lese ich beispielsweise. Ich dagegen weiß nicht so recht, ob meine Musik auf die Straße gehört. Sie hat schon auch Körperliches in sich, entwickelt sich oft auf einem Groove. Gleichwohl scheint sie auch viel Soziales in sich zu bergen, dem Aufmerksamkeit gut tun würde. Es ist etwas Anderes, als das, was nur als zum „Abfeiern“ auf der Straße oder im Club (früher sagte man da „Disco“ dazu) oder der vielbeschworenen „Party“ da ist. Die jungen Musiker wollen ihr Publikum alles um sich herum vergessen lassen. Sich in den eigenen Kosmos hineinbohren. Vereinzeln. Das könnte etwas mit Neoliberalismus zu tun haben. Darin kommen diese jungen Musiker gut mit dem deutschen Schlager zusammen, dem das immer unterstellt wurde und den ich auch so erlebt habe. Heile Welt und alles um sich herum vergessen, Spass haben: ein Wahlspruch jeglicher eskapistischer (auf Flucht programmierter) Musik. Hedonismus um jeden Preis. Ich will das nicht. Zumindest nicht in dieser Ausschließlichkeit. Ich will einen anderen Grad an Bewusstheit. Ich will, wenn möglich, auf eine andere spirituelle Ebene entführen. Ich will mich äußern und entäußern. Ausdrücken. Dadurch einer von vielen sein. Ich will zurück zu einem anderen Klangempfinden. Das Ursprüngliche (gegenüber dem Elaborierten und Elitären, das aus akademischen Hochschulen drängt). Ich will den Spass, den der Steinzeitmensch an gestalteten Klängen hatte. Ich will solche Klänge auch heute um mich herum aufnehmen und auf meine Weise verarbeiten.  

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Popular Pop

Ein gängiger Trick ist es, „popular“ und „populär“ von „Pop“ zu unterscheiden.  „Populär“ sei ein klassenspezifischer Begriff, so heißt es mancherorts, unter dem quasi „von oben herab“ für das Volk produziert werde, - was also diskriminierend gemeint sei. „Arbeiterkultur“ würde auf diese Weise herabgewürdigt. Doch ist wohl auch Pop gewissen Vermarktungszusammenhängen und den speziellen Interessen der „Arbeiterkultur“ ausgeliefert, selbst wenn er sich als Avantgarde geriert. Und ob „Pop“ ausgerechnet der „Arbeiterkultur“ (was ist das eigentlich im 21. Jahrhundert des Prekariats?) zugerechnet werden kann, erscheint zumindest fraglich. Zudem lese ich dauernd Porträts von Popstars, die betonen, wie sehr sie von der Arbeiterklasse beeinflusst und gerade deswegen besonders clever bei den Vermarktungsstrategien seien. Dass sie vor so gut wie nichts zurück schreckten, um sich verkäuflicher und beliebter zu machen. Die alte Protesthaltung gegen so etwas sei längst passee, so die geadelte Kritik, es sei eine Haltung angesagt, die mit dem Bestehenden einverstanden sei und es gerade dadurch immer wieder unterlaufe. In den „Protetestzeiten“ sagte man zu so etwas „affirmativ“ und verteufelte es. Nun wird das gerne mit allerlei Tricks zu revidieren versucht. Diese bedingungslose Akzeptanz scheint mir eher einer Kapitulation zu gleichen, die wir zumindest mit unseren bescheidenen Mitteln vermeiden wollen.  

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Kritik als Versuch

Ich habe das Folgende aus Notizen zusammen geschustert, habe ein paar Korrekturen der Rechtschreibung angebracht und das Vorgefundene so stehen gelassen, wie ich es vorfand.

Es ist ein gängiges Muster, Diffamierungen gegen Kritiker zu verwenden. Klar, wer kritisiert, kann nur sauertöpfisch und verbittert sein: mit diesem Argument kann man sich ganz leicht anbiedern. Das leuchtet zu sehr ein. Ich freilich stehe nicht auf einer Bühne und liefere eine Show und verkaufe zu meiner vermeintlichen künstlerischen Potenz auch noch gleich meine Person mit. Meine Bühne ist die Zeitung und da liefere ich einen ganz genau definierten Ausschnitt. Ich werde auch bei weitem nicht so gut bezahlt wie diese Stars und Superstars. Vielleicht bin ich deshalb auch nicht ganz so bestechlich. Es gilt womöglich, auch aus der Haltung derjenigen zu schreiben die (bewusst) nicht auf ein bestimmtes Konzert gegangen sind, aber trotzdem an Popmusik interessiert sind. Dadurch entsteht so etwas wie Abstand. Es gilt, nicht nur die Vorurteile derjenigen zu bestätigen, die sowieso alles klasse finden, was der betreffende Künstler auf der Bühne liefert, die „Fans“ sind.

Live-Konzerte aber auch andere Auftritte funktionieren heutzutage sehr stark über das Image. Und zum Image gehört immer auch Persönliches oder so etwas wie beispielsweise Sex: All das, was sich gut verkauft, was „ankommt“. Man darf auch Glaubwürdigkeit hinterfragen, wenn gerade sie zur Masche wird. Bestimmte Künstler haben ein Image der Glaubwürdigkeit. Dies kontrastiert manchmal herb mit gewissen Dingen, die von gewissen „Stars“ gerne als Habitus gepflegt werden und in der Öffentlichkeit nicht gar so stark aufgeblendet sind (große Villen und Sportwagen, Schlösser als persönliches Eigentum und anderes Upperclass-Gehabe, rüder Umgangston mit „Untergebenen“ wie Roadies, Stagehands usw). Dies wird man, so weit beobachtet, benennen dürfen, ohne sich selbst aufs hohe moralische Ross zu schwingen... Ich fühle mich nicht von Profit- und Verkaufsinteressen geleitet, auch wenn ich sozusagen mitten in ihnen stehe. Ich darf mir den Luxus eines eigenen Geschmacks leisten und ich bin stolz darauf, dass mir ein Forum dafür geboten wird...

Mein Job könnte es sein, mich einzulassen auf verschiedene Musik, auf verschiedene Arten des Ausdrucks, auf verschiedene Perspektiven und Motive, auf unterschiedliche Wege, Musik in einer Show zu machen. Mein Job, ist es auch, zu entlarven, und zu hinterfragen....

 

Originalität, kreativer Output, Intensität, und die handwerklichen Mittel dafür, Aussage, mitteilen....., ach ja, es gilt nicht nur begeistert zu sein, sondern auch zu wissen wieso, - und das dann auch formulieren zu können, damit umgehen zu können, einen Text daraus zu machen, den man durchliest und kein Gutachten, in dem ich qua Amt attestiere.....pointieren und auf den Punkt bringen, weil in dieser Gesellschaft scheinbar nur noch das verstanden wird.... übrigens: Differenzierung ist ein schwieriges Geschäft. 

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Gegen den Stachel löcken...

Aus einem Brief. Ob ich ihn abgeschickt habe? Ich weiß nur noch, dass er auf einen Shitstorm reagieren wollte, der etwas unerwartet über mich hereinbrach und der allzu oft das bekannte Argument von den Vielen, die sich nicht irren können, über mich brachte.

Das Führertum und die religiöse Verehrung kommt heutzutage in Gestalt von Showgrößen daher, die Profit für sich maximieren wollen.....das hat man verausszusetzen. Doch das kann man immerhin doch auch ordentlich machen, ohne die Massen mit plumpen Tricks zu verarschen. Diese „Tricks“ und Reflexe zu benennen ist auch meine Aufgabe.... das immer wiederkehrende Muster....das könnte man womöglich „von außen“ kommentieren, d.h. In einer gewissen Distanz dazu.... z.b. ist „Partyfeeling“ eine bewährte Methode, eine Masse zusammenzuschweißen... Spielverderber zu spielen ist mein Job, zumindest: die Dinge benennen.... es ist alles ist nicht nur so unschuldig, wie das immer reklamiert wird. Sondern es wird auch Gleichschaltung eingeübt...

Sich fanatisch identifizieren mit jemandem und keine andere Meinung dazu gelten lassen, das erinnert doch stark an bestimmte Formen des Fundamentalismus, jedenfalls ist nicht unbedingt Toleranz oder behutsame Annäherung eine Eigenschaft, die solche Leute auszeichnet..... Für gewisse Medien gilt: Wer nur lobt und großartig findet, der wird darin nicht mehr ernst genommen, denn er will ja das andere nicht mehr sehen, er hat sich dafür entschieden, alles geil zu finden. Das ist es aber ganz offensichtlich dann doch nicht...

 

Werbung und Promotion kann einem auf diese Weise unmerklich zur zweiten Natur werden. Man ist dann willenloses Rädchen im Getriebe von Interessen... mich hingegen interessiert primär die Musik, dann das Image und die Mechanismen, die jemanden erfolgreich machen.....(in dieser Reihenfolge) Die Massen reagieren ja meist auf grobe Klötze, auf sehr einfache Muster..... das liegt im Wesen von Massen.., es gibt auch eine andere Wüdigung als diejenige, die die Frage stellt, wie vielen Leuten eine Darbietung gefallen hat. „Super“ „geil“ und all sowas... das ist doch total dumpf, aber ein paar Dinge aus diesem dumpfen Empfinden aufscheinen zu lassen, sie zu formulieren und ins Wort zu bringen, könnte eine Aufgabe einer Kritik sein. Es muss erlaubt sein, zur einhelligen Begeisterung „von der Seitenauslinie aus“ ein paar kritische Fragen stellen, Einwände machen..... die müssen nicht immer richtig sein.... 

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Pink Floyd in einer Blase

Ich habe in letzter Zeit viel die neueste Pink-Floyd-Scheibe „The endless River“ gehört, nebenher und hauptsächlich. Ich habe mich in deren Wohlklang gesuhlt, mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass dies für mich etwas zu viel Kitsch sei. Immer noch. Früher hatte ich diese Pink-Floyd-Alben so gut wie gar nicht freiwillig gehört. Diesen Bombast und Kitsch fand ich einfach lächerlich, wohlwissend, dass diese Band ein riesiges Publikum in ihre „Konzerte“ zog. Dass aber gewisse Kritiker, weil es mal hip war, heute immer noch nur die erste Phase mit dem Gitarristen Syd Barrett gelten lassen, finde ich auch etwas übertrieben. Es wird dann gerne von der "psychedelischen Phase“ geredet oder geschrieben. Nun ja, Barrett mag für den Abschuss der Rakete gesorgt haben, mag ihr viel mit auf den Weg gegeben haben: Pech, dass er kurz vor ihrem Start ausgestiegen ist. In den Mainstream hinein hat's für ihn nicht gereicht.

Mich kotzen auch all die wohlmeinenden bemitleidenden Sprüche an, die Gilmour und seine Begleiter getätigt haben. Schizo-Barrett muss wohl ganz alleine und unerkannt in den Abbey Road-Studios vorbei gekommen und umher gegangen sein, als die ehemaligen Kumpels dort „Dark Side of the Moon“ zusammen mit einem riesigen Stab von Mitmachern aufgenommen haben. Ich selbst kann mich noch neblig an dies obererfolgreiche Album erinnern. Es hat mich damals wohl nicht sonderlich beeindruckt. Eher schon „Atom Heart Mother“, mit diesem damals sehr exklusiven Soundesign. Man träumte als simpler Musiker von solchen Klangkörpern, hatte aber nie eine Chance, auch an so etwas zu kommen. Kitsch? Schon. Man nahm aber mehr in sich auf, ob einem das Gehörte „gut tat“. Diese Typen ließen sich in einem Traumreich erklingen. Dann kam das Ding mit „The Wall“ und man schaltete zu sehr ab. Es langweilte Leute wie mich wohl zu sehr. Auch dieser Gigantismus. Die Inszenierungen. Es erschien einem einfach nicht interessant genug.

Das geschleppte, zerdehnte Zeugs mit pseudomystischem Beigeschmack: hm, wer so etwas will und braucht...., trotz der „The Wall“-Emphase war mir schon damals Hesses „Unterm Rad“ lieber. Eingliederung, Deformation und Flachmachung im (Schul)system: nun ja, heute erscheint mir Waters das beste Beispiel für eine Verkörperung solch ungünstiger Mechanismen.

 

Die Verallgemeinerungen und Klischees, die er verwendete, waren mir ja ohnehin schon damals etwas zu plakativ: ich konnte jedenfalls nicht viel Inhaltliches damit anfangen. Und jetzt, heute? Bin ich froh, das es solch einen Gitarristen wie Gilmour gibt, einen Stilisten, der seine Bahnen unbeirrt zu ziehen scheint und sich immer wieder wiederholt, was eine dankbare Fangemeinde unter dem Signum „Pink Floyd“ abfeiert. Freue ich mich über ein halbwegs wiedererkennbares Klangbild, entdecke ich diese Welten wieder. Freu mich an diesen langen Gitarrenschlieren, die einen anderen Rhythmus zu atmen scheinen als der, der heute gang und gäbe ist. Ob diese Combo aber ganz besonders toll war oder auf diesem Album ist? Ob die treue Anhängerschaft nicht ihre eigene Jugend und deren Erfahrungen abfeiern will? Dass man für eine PF-Tournee als Veranstalter hunderte von Millionen zahlen würde, ist das okay? Ob sich das alles selbst viel zu ernst nimmt?  

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Pop und Geschlecht

Nun, gab es breit wahrnehmbare Proteste gegen Trump in der Popmusik? Oder gegen überall präsente Waffengewalt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Vielmehr blieb mir im Gedächtnis, dass sich bestimmte Popstars nicht davon distanzieren mochten, den Mann im weißen Haus mit zweifelhaften Botschaften zu unterstützen. Wie denn wohl das Gebaren mancher Hiphop-Größen zur „Metoo“-Debatte passt? Ob Verherrlichung von Gewalt und Verächtlichmachung von Frauen dabei gar kein Thema ist? Dass Frauen billige „Chicks“ seien, die zur statusgerechten Bedürfnisbefriedung oder höchstens noch zu einem reizvollen Anhänger oder einem Dasein als „Heimchen am Herd“ da sind, ist ein Bild, ein Symbol, ein Frame, der in der Popmusik so selten nicht ist. Dass sich prominente Popstars in dieser Richtung geäußert haben, mag auf so manchen befremdlich wirken. Dass Frauen in der Popmusik hauptsächlich gut aussehen und ansonsten für alles und jedes zur Verfügung stehen sollen, ward an dieser Stelle auch schon mal gehört. Dass sich bestimmte Popstars mit der Gewalt gegen Frauen sogar brüsten, muss auch erst einmal umständlich und mit vielen Winkelzügen erklärt werden. Sexuelle Gewalt scheint sogar regelrecht ein Ausweis der eigenen Potenz zu sein. Wer dafür vor Gericht stand, scheint besonders geadelt zu sein. Vergewaltigung als Protzpose? Ob das tatsächlich ernst gemeint ist? Hm. Das Schlimme: es ist in die Köpfe eingesickert, auch dort, wo es womöglich ironisch gemeint war. Es spielt in der Realität anders, als es einst ausgedacht war. Ob der Begriff „Subversion“ nicht auch in dieser Richtung überdacht werden sollte? Ob und wo er heute wohl noch eine Rolle spielt? Oder ob das Profitinteresse alles andere längst überformt hat?   

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Digital Soundscape

Die Situation ist vertraut für alle, die am Computer Musik machen: man steht vor einem Berg an Alternativen und weiß nicht, wie man sie für sich bewerten soll, was man einsetzen soll und wie, wie die Wirkung sein könnte, auf sich selbst, auf andere. Optionen wuchern. Am besten intuitiv machen, nichts überlegen...klar! Aber da sind Sounds ohne Ende. Vorgaben, von denen wir nichts merken. Viertviertel. Takt. Tempo. Technik gibt vor. Presets drücken. Abrufen. Klangsynthesen fabrizieren. Sich selbst einbringen. Wie geht das Schräge? Wo ist Inspiration? Wieso überhaupt noch Musik produzieren? Es gibt doch sowieso viel zu viel davon...... man ist den digitalen Mächten ausgeliefert..... Akustische Hintergrundtapeten werden mit Herzblut produziert, Beziehungen“ werden zelebriert, Absatzkanäle verwaltet. Bei den Nerds dabei gewesen, aber nicht so richtig. Es wird zu Helene Fischer abgeklatscht, in den angesagten Clubs wird gehottet, - du bist nicht dabei. Willst es nicht. Menschen passen sich an und liefern sich aus, ohne es zu wissen. Sie vertrauen ja „auf ein positives Lebensgefühl“. Formation und Deformation. Man ist so viel wert, wie man „verdient“. Gerade Musiker können davon ein Lied singen. Wichtigkeiten produzieren. Trends folgen. Aber nicht zu sehr. In Medien abspielen lassen, gegen Kohle natürlich. Verträge abschließen, juristisch, wenn's geht, einwandfrei. Aufmerksamkeit generieren. Follower. Likes.  

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Wiederentdeckungen

Ich gehe mal wieder meine CDs entlang und greife mir blind ein Album von einem gewissen Don Dixon heraus. Ein Name, der mir heute nicht mehr viel sagt. Im positiven Sinne ausgefeilte Songs kommen da auf mich zu, durchdacht, meist mit einer Idee dahinter – aber nie aufdringlich. Alleine schon das mag ich. Es erschließt sich mir da sofort, was ich hinter dem Namen suchte. Ein bisschen sind seine Songs wie jene von Elvis Costello, allein, es scheint mir bei Dixon eine Jugend als symbolträchtigem Berserker zu fehlen. Aber die Phantasie, die da in Songs geflossen und modelliert worden ist, die ist überall zu spüren. Das Album heißt „The entire combustible world in one small room“ und ist von 2006. Was, 2006? So spät? Singer/Songwriter hört man heute schon noch. Aber irgendwie anders. Oft ist da eine Prise Kitsch dabei, ein Herumnölen ums eigene Seeleenheil. Das aber höre ich hier kaum heraus. Wahrscheinlich wäre er heute etwas postmoderner positioniert, unverbindlich verbindlicher, wenn er mit seinem damaligen Ego heute spielen würde. Wie bin ich auf ihn gekommen? Wahrscheinlich kannte ich ihn im Zusammenhang mit Marti Jones, einer Songer/Songwriterin, die ich auch mochte. Er war, wenn ich mich recht erinnere, ihr Ehemann und Produzent ihrer Alben. Ein Steuermann der fein positionierten Aufnahme, Wie konnte ich den aus den Augen verlieren? Ich recherchiere ein bisschen im Internet und finde nichts in deutscher Sprache über ihn. Nur in Englisch. Als „associated acts“ werden hier unter anderem Marti Jones und R.E.M. genannt. Namen, die im Strudel der Vergangenheit untergegangen sind. Mit Marti Jones scheint er wohl immer wieder zusammengearbeitet zu haben, in ihr scheint er ja auch seine Ehefrau gefunden zu haben (was ich ohnehin vermutet hatte). Dixon scheint ein gesuchter Bassist gewesen zu sein, spielt aber auf den eigenen Alben tausend Instrumente. Wenn ich das höre, kann ich alles wieder nachvollziehen, was ich in dem Album suchte. Wie in einer Zeitkapsel. 

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Zeitgeist Rocks

Neulich, beim Hören von „Rock 'n 'Roll Party“, der etwas inoffiziellen Scheibe von Jeff Beck, habe ich insbesondere beim Titel „Apache“ Folgendes empfunden:

 

Es ist doch unglaublich, wie sehr Musik, Popmusik, Zeitstimmung transportieren und genau darin, vielleicht sogar nur darin, etwas Zeitloses annehmen kann! In dieser Melodie, in diesem kurzen Gebilde populärer Musik sind die sechziger Jahre!. Petticoats, Hoola-Hoop, Marylin, ..all diese Klischees sind da wie in einem kurzen Abziehbildlein konzentriert. Vielleicht ist sogar etwas davon in einem solchen Song aufgehoben, wie die Leute damals gefühlt haben, welche Welt sich ihnen zu diesem Zeitpunkt erschlossen hat. Jeff Beck bleibt denn auch nah an der Originalversion dran, er kitzelt diesen Geist des Songs heraus und befrachtet ihn erst gar nicht mit allzuviel Eigenem, obwohl ihn und seine Spielweise jeder an der Meisterschaft der Gitarre heraushören kann. Er war vielleicht immer schon dicht dran an Hank Marvin, jenem sagenhaften Gitarristen der Shadows, die damals, zu Beginn der sechziger Jahre, zusammen mit Cliff Richard als Frontfigur und frühem Megastar nach oben kamen. „Apache“ freilich war einer ihrer Instrumentaltitel und stellt ganz klar die Gitarre in den Vordergrund. 

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Marketing für Massen

Es kommt mir so vor: Mittlerweile ist diese ganze Phase, als Rockmusik noch etwas aussagte/bedeutete, selbst zum Zitat geworden. Ein Zeichen für eine Zeit, die unzählige Reunion-Bands noch einmal zu zitieren versuchen, die sie nachträglich zu versilbern versuchen, in einer heutigen Zeit, in der der „Markt“ (und die Möglichkeiten, ihn zu erschließen und auszubeuten, ihn zu "bearbeiten“) sehr viel größer geworden ist. Es regiert eine Art von Humor, der nichts mehr ernst nimmt und nur noch das schnelle Vergnügen sucht, den Leuten den großen Gegenentwurf vorspielt und dafür die (geldwerten) Huldigungen entgegen nimmt. Ich lese das Interview mit einem höchst erfolgreichen Popstar, der auf seine bald 25 Jahre einer Karriere zurück blickt, und der für den in dieser Zeit erworbenen Reichtum vergöttert wird. Seine Masche: die dümmsten und hirnlosesten Sprüche als Parole eines Refrains, bei dem jeder mit muss. Dada als Marketing-Konzept. Es klappt gut und er wird auf diese Weise zum globalen Klassiker, der noch immer auf der ganzen Welt großen Erfolg hat.

Er führt vor, was er gerade liest und erwähnt, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe. Es wird ihm gesagt, dass er ja sogar mal für den KGB gespielt habe und er entgegnet, dass das verdeckt gewesen und ihm überhaupt nicht bewusst gewesen sei. Und im Übrigen sei das den Scorpions auch schon mal passiert. Außerdem was Grundsätzliches, das ich hier in diesem Blog zuvor schon einmal habe einfließen lassen: „Ich sehe den Künstler als Gegenentwurf zum Alltag mit seinen ganzen Problemen. (….) Einfach mal raus aus dem ganzen Schlamassel. Das ist Sinn und Zweck unserer Musik, sie soll nicht politisch sein“. Ob sich da die Frage erhebt, was denn überhaupt „politisch“ sein soll oder sogar ist? Jeglicher Impetus (außer dem zum Spass) wird konsequent desavouiert. Haltung zur Welt, außer der des Konsumierens, ist verpönt. Das Schlimme daran ist, dass sich das ein sehr großes Publikum verkaufen lässt. Ja, dass es sich das zur eigenen Religion macht. Derweilen spielen alte Rockbands oder Formationen, die den eigenen Mythos noch einmal meistbietend verhökern, zum letzten Mal, wie sie meist vorgeben aber dann doch nicht einhalten. Ich lese zudem, dass der "Hiphop"-Fußballer Jerome Boateng sich von Jay-Zs Leuten vermarkten lässt und eine eigene Brillen-Linie samt anderen teuren Hipster-Sachen entwirft. Dass er damit in der Tradition des von tausend globalen Konzernen optimal vermarktbaren David Beckham steht, der als Role Model für den sogenannten Metrosexual stand, soll ihn anscheinend besonders ehren. Crossmarketing im Freizeitbusiness. Immerhin: Dass dieser Boateng ordentlich Fußball spielt, unterscheidet ihn von Beckham, der jüngst auch einen Fußballclub gegründet. hat. In diesem Kosmos der Freizeitaktivitäten ist die Musik selbst höchstens noch eine austauschbare Sache, die von einem Stab von Spezialisten zum Nutzen und Frommen einer Marke erstellt wird. Popphänomene. 

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Wahrnehmungsklischees

Ob Popmusik Unterhaltung ist? Ich dachte mal, Unterhaltung dürfe keineswegs langweilen (auch wenn sie als „Kunst“ daherkommt). Langeweile entsteht vor allem durch Vorhersehbarkeit. Wie entsteht Vorhersehbarkeit in der Popmusik? Durch gängige Rezepte, wie sie etwa in den einschlägigen „Akademien“ oder Produzentenwerkstätten vermittelt werden? Sie freilich gehen richtigerweise von einer Popmusik aus, die auf starzentrierte Weise alte Erfolgsrezepte neu aufpoliert und sie ihren Titeln unterschwellig oder oberschwellig unterschiebt, indem sie beispielsweise „aktuelle“ Sounds durch andere Produzenten benutzen lässt, „bewährte“ Harmoniefolgen nutzt, indem sie Rezepte des Erfolgsumsatzes „gekonnt“ aufnimmt, um sie einem „Relaunching“ zu unterziehen. Wer freilich diese Rezepte kennt, wer die gängigen Kennzeichen des „Könnens“ kennt, wer die Strukturen halbwegs durchblickt, der mag oft davon gelangweilt sein, weil das „Produkt“ solchen Bemühens doch arg vorhersehbar klingt. Eine extreme Persönlichkeit könnte auch aus der Rolle des Gängigen fallen, doch davon gibt es nicht allzu viele, die uns anregen könnten.

 

Selbstverständlich mag meine eigene Vorhersehbarkeit auch eine gewichtige Rolle spielen, meine Geschichte, meine Hörerfahrung, meine Maßstäbe. Dies sollte meiner Meinung nach unbedingt berücksichtigt werden. So neigen etwa gewisse Kritiker dazu, alles Schräge einfach nur deshalb gut zu finden, weil es schräg (oder einfach nur „anders“) ist. Es bindet ihre Aufmerksamkeit als eine spezifische Einzelperson, die sich selbst zur Instanz (durch „Erfahrung“ legitimiert?) macht. Meiner Meinung nach geht dies am Phänomen der Popmusik völlig vorbei, da sie von vornherein möglichst viele Leute ansprechen will. Es könnte vielleicht so etwas wie ein Ideal sein, mit möglichst guter und überraschender Popmusik (dies hängt auch von der Historie ab...) möglichst viele Leute anzusprechen. Oder die gängigen Klischees in überraschender Weise zu variieren, mit Ansätzen zu experimentieren, gängigen Wahrnehmungsklischees widersprechend.   

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Das Gewordene in der Popmusik

Ich gehe weiter an meinen CDs entlang und entdecke, dass sich ganze Clusters gebildet haben, um Namen und Bezeichnungen herum. Ich denke: Es hätten dies Pfade der Entfaltung und Individualisierung sein können. Doch sie kreuzten sich auf verschiedene Weise mit denen der Erwartungen, insbesondere kommerzieller Art. So ist das in der Popmusik halt. Es ist die Macht des Faktischen. Da ist Zum Beispiel Dead Can Dance: Ein ansehlicher Block in meiner Sammlung. Die Anfänge, die hauptsächlich die beiden Protagonisten Lisa Gerrard und Brendan Perry in den Mittelpunkt stellten. Es verwunderte uns, es erstaunte uns, es zog uns hinein in seinen Strudel. Doch dann wurde es immer breiter, unter dem Titel schien sich ein ganzes Ensemble zu versammeln, wohl auch bedingt durch große Tourneen. Es kamen Kooperationen mit anderen Künstlern und "Projekte" aller Art, das Ding schien auszufransen. Mittlerweile gibt es die Marke wieder, mit routinierten und scheinbar auf Personaleinsparung aufbauenden Stücken, denen ein bisschen von dem ehemals Abenteuerlichen vergangener Tage eingeimpft worden ist.

Das atmet für mich den Geist der Macht des Faktischen und mündet in eine gepflegte Langeweile. Träume werden zu einem Sedativum, alles ist am Platze seines Wohlklangs, zitiert sich selbst in aktueller Weise. Dies alles produziert in mir eine innere Leere, die damals etwa noch das DCD-Album „Spiritchaser“ ausgefüllt hat. Ich lege das Album auf. Da war so etwas wie Tiefe. Da war nicht jene Selbstzufriedenheit, die sich selbst genug ist, sondern eine, die etwas mit einem machen konnte. Auch wenn ich es heute höre! Ja, man durfte damals annehmen, dass die beiden das auch können, einen einspinnen in eine dunkle Atmosphäre, aus der heraus es kocht und brodelt. Doch mittlerweile erstaunt einen nichts mehr, es gibt kaum noch unerwartete Reize, es träufelt sich angenehm in einen hinein, die Strukturen sind ausgefeilt und clever überlegt.....

Das reicht immerhin, um alte Anhänger zum Kauf zu mobilisieren und die Popularität zu pflegen, auch ich habe ja meine Exemplare. Doch die Hauptakteure scheinen entdeckt zu haben, dass sie wichtig geworden sind, dass sie eine Art Lebenswerk zustande gebracht haben, eine Art Lebenswelt und Glocke des Wohlfühlens, die immer wieder mit noch größerem Aufwand vorzuführen, Sinn macht. Den Sinn, einen ganzen Lebensstil finanzieren zu können, mit dem Luxus der Reichen und Begüterten dieser Welt mithalten zu können. Es ist in etwas gemündet, das die alten Vorstellungen verwaltet und ihnen in homöopathischen Dosen Kreativität zuführt. Gefilterte Kreativität, die im Falle von Lisa Gerrard auch durch das Erschaffen von pompösen Soundtracks für Hollywood hindurch gegangen ist. Alle Naivität scheint verloren und in Geschäftstüchtigkeit überführt. Sie geben Inhalte für wichtige Porträts in den Medien. Sie sind auf Promotiontournee und preisen etwas an, was eher einem cleveren Produkt als einem Teil des Selbst gleicht. Sie arbeiten an einer Geschmacksblase, an einem Wahrnehmungskokon, der sich selbst verstärkt und zum immergleichen Ziel führt: dem Erwerb eines Albums. Dowloaden, wenn's sein muss. Stichwort: "Confirmation Bias". 

 

Sie versuchen, von der Popularität anderer zu profitieren (Crossmarketing) und sich neue Zielgruppen zu erschließen. Sie versuchen, sich auf sich verändernde Gewohnheiten ihrer Anhänger einzustellen, sich neu zu positionieren, sich "aufstellen". Sie begegnen einem dadurch plötzlich in ganz anderen Zusammenhängen, die in dem einst in ihnen vermuteten Geheimnis nichts zu tun haben. Das alles bewirkt einen Prozess der Desillusionierung in mir. Mag ja sein, dass sich nur ein solches Verhalten in den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen bemerkbar macht. Doch es scheint auch etwas verloren zu haben. Etwas, was ich das Mysterium der Popmusik nennen würde und mit dem die Kenner und Könner immer schon lässig umgegangen sind. Doch auf der unteren Ebene, dort, wo es ankam, hat es unter Umständen sogar Pfade zwischen Leben und Tod eröffnet, hat es in Richtungen getrieben, hatte Wirkungen, die weit über das pure Unterhaltungsbusiness hinaus gingen. 

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Mythos elektrische Gitarre

Die elektrische Gitarre ist ein Mythos der Rockmusik. Basta. Haha. Der gute Bono, der wohl auch (wie unter anderem die „Paradise Papers“ dokumentierten) als Steuervermeider recht gut ist, wollte damit wohl nach seinem berühmten Satz von der Gitarre, den drei Akkorden und der Wahrheit, die man dafür braucht, jetzt wieder mal nach vorne kommen. Doch er scheint unangenehme Bekanntschaft mit dem gemacht zu haben, was man „political correctness“ nennt. Der Lapsus, dass die Popmusik zu „Girly“, also zu mädchenhaft geworden sei, hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. Und dass junge Männer nun nicht mehr wüssten, wie sie ihre Wut zum Ausdruck bringen sollten, hätte ihm im Zeitalter des „#metoo“ auch nicht passieren dürfen. Außerdem gibt es Frauen, die mit Gitarre auch ihre Wut sehr wohl zum Ausdruck gebracht haben, jawohl. Die sind auch richtig bekannt und berühmt. So etwas geht gar nicht. Ob es ein frühseniles Alterszeichen bei Bono ist? Die sind in der Popmusik auch ganz und gar verpönt. Die elektrische Gitarre jedenfalls ist und war immer so heilig wie jung. Seit den späten fünfziger Jahren. 

Elektrische Gitarre war ja damals noch ein Abenteuer und im Gegensatz zu heute ein völlig uncodiertes Instrument: es gab wenige Möglichkeiten eines „guten“ und „schlechten“ Sounds, die Hörgewohnheiten waren noch nicht festgelegt und programmiert, auf Genres, auf Konventionen und auf kleine, per Klick auf- und abrufbare Programme, die abgespeicherten Wohlklang bescheren. Hank Marvin hatte einen Stil, hatte die Vision, mit dem von einem gewissen Lerry Jordan geschriebenen Song so etwas zu veranstalten, diesen einen Sound zu entwerfen. Er fing damit Zeitgeist ein, er fügte seinen phantastischen Gitarrenlinien einen Hauch von sechziger-Jahre-Ponderosa, von Hoss und Ben Cartwright und all dieser legendären Western-Romantik hinzu, er ließ seine Stratocaster an dicken Straßenkreuzern mit Heckflossen vorbei fliegen, die für ihn, den Engländer, in der grauen Wirklichkeit ja meist fürchterliche Vauxhalls waren. Er veranstaltete eine kleine Revolution in den Gehörgängen. Und: Er war der ideale Begleiter für Cliff Richard, dem er mit den Shadows eine persönliche Note, etwas Prägendes und Eigenes gab. Wunderbar, wie das Jeff Beck mit einer Verneigung vor dem großen Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul in wenig mehr als drei Minuten erzählt. Wie humorvoll er da mit den großen, prägenden Einflüssen seiner Jugend spielt! Da ist „Peter Gunn“ auch, von Duane Eddy und Art of Noise vor nunmehr auch schon 25 Jahren noch einmal neu mit Samples und aller tricky eingesetzten Künstlichkeit aufbereitet. Titelmelodie einer Fernsehserie der Sechziger. Dekonstruktion? Was für ein Quatsch, solche verkopften Definitionen! Es sind vielmehr Raffinement und Humor, die solche Wiederaufnahmen prägten. Rockybillystil, Skiffle, Jeff Beck lässt das zusammen mit Leuten wie Brian Setzer, Imelda May oder Gary U.S. Bonds noch einmal auferstehen. Aber er macht kein Muster daraus, keine Masche. Er spielt vielmehr mit dem damaligen Zeitgeist. Er kitzelt unsere Phantasie und führt sie nicht vor, wie etwa die meisten Filme, die aus heutiger Sicht diese Zeit und ihren Geist wieder aufzunehmen versuchen. Er spielt offenbar mit viel liebevollem Humor etwas an, das man vielleicht nicht unbedingt idiologisch aufblassen sollte. Ob sich Bono etwas davon abschaut, oder ob er sowieso nur nach guter alter PR-Art provozieren wollte? 

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Ein Blick aus Träumen

Ich habe wieder programmiert, live aufgenommen und verpennt: anders als in den vergangenen Jahren bei den 3Sat-Pop-Dauersendungen an Silvester blieb diesmal vor allem Wehmut zurück. Das Neue Jahr ist gekommen: die alten Helden treten nach und nach alle ab. Und mögen sie noch so dekadent geworden sein: Es stellt sich die Frage, was nach ihnen kommt. Die großen Zusammenführer jedenfalls nicht. Trotz allem Mainstream-Habitus: Taylor Swift, Justin Bieber und Lady Gaga sind uns dann doch ein bisschen zu wenig. Sie langweilen. Um große Integratoren zu sein, ist die Popszene mit ihren Figuren viel zu zersplittert. Dazu haben sich auch die Freizeitgewohnheiten der Leute zu sehr geändert. Die Generation, die mit der Rockmusik aufgewachsen ist, steigt jetzt gerade aus dem Kreis der Entscheider aus. Man hatte sich daran gewöhnt, dass immer noch eine weitere Tournee folgen würde, man hatte das Faltenrock-Geschwätz aufgenommen und bei den ersten drei Mal ein bisschen gegrinst, Und nun? Sendet 3Sat nach einem mehr als ordentlichen Mitschnitt eines Konzerts von John Mellencamp den Mitschnitt „Tom Petty in memoriam“. Der Mann ist gegangen, es bleiben ein paar gute Musiker bei seinen Heartbreakers zurück. Aber das Kapitel ist geschlossen.

Solche Leute waren Träger unserer Träume, unserer Visionen, unserer Neugier, unseres Wachseins und unseres Willens, ein bisschen über Vorherzusehende hinweg zu schauen. „Into the great wide open“. Nun ja, so weit offen waren sie dann doch nicht, diese Weiten, Sie waren und sind bedroht. Aktuell macht sie auch ein mit einer orangenen Frisur ausgestatteter Unsympath als Präsident planvoll zunichte. Und da trotz checks 'n balances in den USA alle an den Präsidenten als eine unerschütterliche Institution glauben, …... Wir hingen an diesen Leuten, die als Rockmusiker oft aussprachen und sangen, was wir nicht zu können glaubten. Sie sind oft genug weggesackt in eine satte Gutbürgerlichkeit. Aber machen wir uns nichts vor: viele von uns sind denselben Weg gegangen. Haben sich arrangiert. Haben den Tanz ums goldene Kalb mitgemacht. So gut es ging.

Jetzt bleiben uns noch eine Weile (wie lange?) Leute wie Jeff Beck, der alte Sack, der seine Gitarre so unglaublich intensiv behandeln kann, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft. Wie geht das? Er spielt halt die ganze Bandbreite zwischen sehr leise und zärtlich und laut und wüst. Er hat abenteuerliche Skalen drauf. Klar ist er schnell. Aber wir erkennen ihn alleine schon an seiner Ausdrucksweise. Auch so einer macht heutzutage seine Routineauftritte. Schaltet auf Normaltemperatur. Gibt nur so viel, wie er muss. Spielt die Figur Jeff Beck vor. Um einen Vertrag zu erfüllen.

 

David Gilmour. Haha. Auch so einer. Was haben wir gelacht über die Pose mit dem mystischen Getue bei Pink Floyd! Mit den inhaltslosen Improvisationen und dem pompösen Gehabe. Diesen Luftnummern, die die Leute so beeindruckt hat. Aber man kann noch so viel gegen ihn ins Felde führen: er hatte einen Stil heraus gebildet, der wiederum viele andere beeinflusste. Er war voran gegangen in einer Zeit, als noch nicht alles festgelegt schien. Und hatte in einer speziellen Personenkonstellation seine Band mit voran gezogen. Meiner Meinung nach ehrt es ihn einigermaßen, dass er sich heute auf seine Musik verlässt und nicht die alten Mätzchen reproduziert wie etwa Roger Waters. Er bietet gepflegte Melancholie, in Töne gegossen. Damit ist er freilich nicht mehr alleine. Aber das kann ihm egal sein. Sie sind jetzt alle alte reiche Säcke und scheinen das zu verkörpern, gegen das sie und ihre Musik einmal waren. Und trotzdem: wir hängen an ihnen.       

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Wortlos Ortlos

Es war Liverpool. Es war oft genug auch Manchester. London weniger: in dieser Stadt strömte alles zusammen, dort wurden die von außen kommenden Einflüsse nur geformt und vermarktet. Weiter zurück in der Vergangenheit war es auch einmal Kansas City, das zu einem gewissen Zeitpunkt musikalische Genies hervorbrachte und einen bestimmten Sound hatte (Miles Davis, Charlie Parker). Später nicht mehr. Merkwürdig. New Orleans. Chicago. Memphis. Auch San Franzisco, Ende der sechziger Jahre. Die Liberalität dieser Stadt, Flower Power, Hippies und der Zeitgeist spielte dabei seine Rolle. Die Motorstadt Detroit mit ihrer Plattenfirma Motown, die als Fabrik unzähliger Nummer-Eins-Hits „schwarze“ Musik in die weißen Hitparaden brachte und den Rassenunruhen ein Ventil des Aggressionsabbaus verschaffte: Steve Wonder, Marvin Gaye, die Supremes, die Temptations, - später gab es dort auch noch ein kurzes Aufblühen des Techno. Dann der weiße Eminem, der den „schwarzen“ HipHop für seine Zwecke okkupierte und am Himmel des Showgeschäfts erst zu einem Superstar und dann zu einer Supernova wurde, um sodann in all seiner gereimten Wortgewandtheit zu verglühen. Detroit klingt schwarz. New York, dieser Mythos der weltoffenen Megalopole ist dagegen zeitlos, „City, that never sleeps“. Aus der Zeit gefallen. Eine Stadt der urbanen Avantgarde, die künftige Lebensverhältnisse auf ihre Weise künstlerisch vorausahnt. Als fruchtbarer Humus für jegliche Kreativität, - so das Klischee.

Ob Pop oder Jazz: Jede Stadt hatte ihren eigenen Sound, so scheint es. Soziokulturelle Gegebenheiten waren dafür auch verantwortlich, gewiss. Die typischen und vom Klischee her bekannten schwarzen Baumwollpflücker am Mississippi-Delta mit ihrem Blues und ein frecher junger Elvis von nebenan, ein kecker Lastwagenfahrer, der ihnen den Sound stiehlt, weil das am nächsten liegt, als ein Vehikel für seine Fahrt zu den Sternen, direkt hinein in den Himmel. Es war vielleicht auch die Trostlosigkeit grauer englischer Industriestädte, ihre festgefügte Klassenstruktur, die nur wenige Wege für ein Entkommen offen ließ. Die Popmusik ist solch ein Weg. Darin ist sie längst zum mythenumglänzten Versprechen geworden. Oft hat sie ein dunkler Drang zum Ausdruck gespeist, der verwurzelt ist im Kollektiven einer gewachsenen Umwelt. Dublin, das katholische, das der mystischen Suche eines Van Morrison in den Siebzigern oder den gebrochenen Heilsbotschaften Band U2 in den Achtzigern einen Rahmen bot: wie religiös befrachtet klang das alles, wie tiefsinnig im Symbolischen fischend. Seit Irland zu einem prosperierenden EU-Mitglied geworden ist, kommt von Irland nicht mehr viel Neues. Zufall?

Jimi Hendrix wollte aus seiner Heimatstadt Seattle möglichst schnell herauskommen und kam schließlich in London groß heraus. Heute haben sie ihm in Seattle ein lausiges kleines Museum eingerichtet, ein kleiner Gedenkstein gammelt vor sich hin und manche Reiseführer führen seinen Namen auf. Sonst erinnert nicht viel an den großen Sohn der Stadt (die Microsoft-Gründer sind da schon eine andere Hausnummer...). Aber Hendrix spielte ja nicht den Sound von Seattle, sondern eher den des nahen San Franzisco. Seattle wurde erst mit dem Auftreten des Grunge in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer heiligen Stadt des Pop. Irgendwann in den späten Siebzigern kam erst noch die Dekade von Los Angeles, die große Entspannung, das Leben am Swimming Pool, die großen Studios, Plattenfirmen und die Mega-Umsätze der späten achtziger Jahre. Die Westcoastmetropole schien alle Kreativität aufzusaugen und in eine professionell gestanzte Währung zu verwandeln. Gerade daraus wurde ein Stil, zeitweise, eine in Noten gesetzte und zur Schau gestellte Haltung. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen bis hinein in die kleinsten Subspecies. Wieso bilden sich Städte und Regionen ausgerechnet in ihrer Popmusik ab, klingen auf eine ganz bestimmte Art, scheinen eine eigene Frequenz zu haben? Metropolen scheinen ja doch inzwischen global austauschbar zu sein. In den Schaufenstern ihrer Kaufkathedralen werden Labels, Brandings und Produkte aller Art zum Verkauf gehalten. Die selben Konzerne dominieren die immer gleichen Produkte, die selben Wolkenkratzer und Probleme überall. Global sein heißt es in diesem Falle: überall gleich präsent. Ohne jede Identität abseits der Marke. 

Natürlich, da ist der Einfluss starker Persönlichkeiten auf Musikercliquen, auf local scenes, da sind die Strategien des gegenseitigen Lernens und Kopierens. Des „Voneinander-Abschauens“. Schnell können sich Formeln und Routinen bilden, die zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort hätten entstehen können und sich später dann doch an jedem anderen Ort reproduzieren lassen. Aber ist da auch das Publikum, das sich nach spezifischen Geschmackskriterien und einem Rezeptionsverhalten bilden würde? Das Publikum bildet sich durch die Medien. 

Mittlerweile hat sich das radikal gewandelt, alles in der Popmusik ist ortlos und global geworden, das, was war, war die alte, analoge Welt. Heute funktioniert das auf digitale Weise. Spezialisten spielen sich heute per Internet die Files zu, von irgendeinem Ort der Welt, egal wo. Sie bilden Stäbe, die wiederum den Produzenten zuarbeiten. Gebündelt wird das ganze dann unter einer Marke, meist US-amerikanischer Herkunft. Der Star. Der Superstar. Der Megastar. Neoliberale Realität. Die Band als soziales Modell scheint ausgedient zu haben, überhaupt scheint der soziale Austausch an Bedeutung verloren zu haben. Was zählt, ist der US-amerikanisch dominierte Erfolg, wie er etwa an den Posen und dem Auftreten des aktuellen US-Präsidenten abzulesen ist. Die Wertschöpfungskette soll schließlich dem „America first“ gehorchen, was alleine schon eine gewaltige Anmaßung ist, denn „America“ ist der Name des gesamten Kontinents, der in seinem Süden auch Länder wie Brasilien oder Argentinien umfasst. Der Norden soll für das Ganze stehen? Was gilt, ist wirtschaftliche Power. Die Reichen sind die Mächtigen im Staate, - nie waren die Mächtigen der USA darin schamloser als jetzt gerade. 

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Lanois Träume

Was ich gerade höre:

Ich gehe an meinen CDs entlang und erinnere mich an die Musik von Daniel Lanois. In meinem CD-Regal sind seine Alben links oben. Der ist als Produzentenmagier bekannt, der möglichst den Augenblick für sich nutzen will, den kreativen Moment, da alle in einem Studio in dieselbe Richtung werkeln und eine Art magischer Stimmung entsteht. Dabei soll er auch für Bob Dylan, Peter Gabriel, U2, Neil Young und Emmylou Harris gearbeitet haben: große Namen, fürwahr. Die Sachen für Dylan kenne ich sogar gut, „Joshua Tree“ von U“ ist mir auch geläufig. Ein erfolgreicher Mann, der..... Er trat aber für meine Begriffe durchaus eindringlicher als Musiker in Erscheinung. Meine zuerst heraus gegriffene Scheibe (neben anderen...) heißt „Shine“ und ich höre sie immer erst ab Titel 6: „Transmitter“. Danach lasse ich durchlaufen. Es ist eine unaufdringlich indirekte Weihnachtsscheibe. Kein Gesülze. Kein Schmierstoff. Ich tendiere in dieser jetzigen Zeit dazu, mich herunterzufahren, mich zu „entschleunigen“, einfach nur zuzuhören, mich treiben zu lassen in meiner Stimmung.

Dies hier ist sehr eindringlich und gleichzeitig leicht. Ich höre diesen gehaucht intensiven Gesang, der mehr ein Zwiegespräch mit mir zu sein scheint. Ich lasse ihn an mich heran, weil er halt gerade nicht aufdringlich ist. Er hallt durch den weiten Raum, der auch mit der für Lanois typischen Pedal Steel Gitarre ausgemalt wird. Wie mag ich seine Steel-Gitarren-Schlieren! Keine Ahnung, ob das schwierig oder einfach ist. Es wirkt auf mich aber, langweilt mich in keiner Sekunde! Dieser Lanois hatte prägnante Songeinfälle, bei denen etwas hängen blieb. Das war nicht abhängig von diesen oft beschworenen Hooklines, sondern hatte etwas mit Stimmung und Phantasie zu tun. Da sind tatsächlich Momente, die sich einprägen, von denen du zehrst, durch die so etwas wie das „Geheimnis“ durchschimmert. Wann geht einem so etwas „unter die Haut“? Ob das auch etwas mit Geschmack zu tun hat? Ob jemand dick aufträgt oder etwas - wie in diesem Falle - eher indirekt und bescheiden unaufdringlich wirken lässt? Auch lässig und elegant? Unangestrengt. Ob jemand überwältigen und überrennen will, Routinen aufblähen, vorzeigen, imponieren, von sich selbst eingenommen - oder ob sich jemand zusammen mit mir eher der Intensität in der Entspannung hingeben will? Der Hingabe? Dem „Feuer darunter“? Ich schau: die Scheibe ist von 2003. Der Mann hat sich Zeit gelassen. Sein Konto ist von den attraktiven Produzentenaufträgen sicher gut gefüllt. Da hat und hatte er keinen Druck. Aber er stand auch für etwas, hat sich das verdient. Das Album ist Balsam für meine Seele, streichelt sie.

Ich hole „For the Beauty of Wynona“ (1993) heraus. Am Anfang ein bisschen Gitarrengequengel, dann seine typische Stimme. Was ist das, worin besteht das Typische? Dass dich so etwas zum Wiedererkennen reizt? Dieser und die folgenden Songs sind aber nicht wirklich eindringlich für mich. Das Album war trotz des schönen Covers ein Fehlkauf für mich. Ich habe wohl damals etwas darin gesucht, was ich jetzt wieder suche. Ich war gefangen von einer Vorstellung. Dieses Süßholzgeraspel langweilt mich. Ich erinnere mich, dass ein Album von ihm „Arcadie“ (nach der ostkanadischen Provinz) hieß und dass er darauf sich der Cajun-Musik widmete, frankophon, französischsprachig  - das war das Besondere, das nur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg heraus richtig zu verstehen ist. Arkadien war für die Franzosen aus Ostkanada das Ziel in Louisana, - ob sie vertrieben wurden? Jedenfalls ging es zwischen den Briten und Franzosen hin und her. Es ist eine uralte US-amerikanische Volksmusik, deren Kultur sich auch bis heute erhalten hat (Oder das, was die USA daraus gemacht haben..., etwa einen „Cajun-Burger“). Ich mochte Cajun schon immer, unter anderem hatte sie mir JJ Cale mit seinem Titel „Cajun Moon“ 1974 beigebracht („Cajun Moon“, where does your power lie..., as you move across the southern Skie....“)“. Auch so ein Meister des Understatement.

 Haha, die Cajun-Küche hatte mir in den USA mit ihrem opulenten Gebrauch von scharfen Gewürzen immer sehr gemundet. Ich ziehe „Belladonna“ (2003) heraus. Alleine schon die Pflanzenbezeichnung strahlte für mich etwas aus. Belladonna ist Tollkirsche. Ein Gift, das im richtigen Maß angewandt, segensreich auf den Kreislauf wirken kann. Im richtigen Maß! Das Album? Toll, diese Tollkirsche! Schon der erste Titel „Two Worlds“ fängt mich ein. Pedal Steel-Phantastereien. Instrumental. Getragenes Tempo. Dann „Sketsches“: toll! Immer weiter, das soll nie aufhören! Pedal Steel ohne Country-Sentimentalitäten. Die einzige Scheibe in diesem Stil, die ich habe.... Wunderbar! Schwelgereien, in die er auch die Akustikgitarre und die Rhythmusgruppe mit einbezieht.... Ich werde euphorisch.....Ich mag natürlich auch Brian Blade, der ihn nicht nur auf diesem Album begleitet. Ein großartiger Drummer, der bis in die jüngste Vergangenheit hinein unter anderem bei Herbie Hancock zu hören war. Ein Erzähler im Beat, wie einst Jack DeJohnette.... Den wunderbaren Bassisten Daryl Johnson hörte ich erstmals bei den Neville Brothers, später öfter im Umfeld von Daniel Lanois, etwa mit Emmylou Harris. Brad Mehldau ist auch dabei und noch andere.... Genau das habe ich gesucht. Ich bleibe bei diesem Album, höre es immer wieder. Habe noch weitere Alben von Lanois.... Die spare ich mir, brauche kein E-Gitarrengequengel. Nur immer dies. Und noch einmal........... 

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Pop und Populismus

Eine kulturpessimistische Polemik:

Ob Pop mit mindestens zwei ganzen Generationen den jetzt so übel grassierenden Populismus eingeübt hat? Das Führerprinzip und die Gleichschaltung der Gefühle - da war ja teilweise noch mehr. Konzerte waren zu Wallfahrtsorten geworden. Ich fühlte mich immer ziemlich alleine, wenn die Massen tobten und johlten, was gerne mit solchen Begriffen wie „gute Stimmung“ und dergleichen umschrieben wurde. Es stieß mich immer etwas ab, diese Gleichschaltung, diese Massenbegeisterung, dieses Aufgehen im Pulk, dass ja doch nur "Spass" bedeuten sollte. "Ein faschistischer Führer würde Großbritannien gut tun" - erzählte 1976 David Bowie dem "Playboy"-Magazin. Und im selben Jahr rief Eric Clapton auf offener Bühne: "Schmeißt die Fremden und die Schwarzen raus aus England, haltet Großbritannien weiß!" - und fordert dazu auf, den Neonaziführer Enoch Powell zu wählen. Seltsam. Passt irgendwie gar nicht. Ob er etwas ausprobieren wollte oder ob er das damals wirklich meinte? Er, der nicht nur von BB King so vieles lernte und mit ihm später sogar ein Album einspielen sollte. Er, der Robert Johnson und den Blues so verehrte. Ob er da, als er so etwas sagte, schlechte Drogen genommen hatte?

Ja klar, der Künstler und der Politiker erwarten, dass etwas aus der Masse zurück kommt, was sie noch weiter anpeitscht. Sie erwarten, dass ihr Charisma massenhaft wirkt und Geld abwirft. Das galt sowohl in der frühen Rockmusik als auch in der späteren Popmusik. Sich um jemanden zu scharen, den man beinahe anbetet, that's it. Paralellen? „Fan“ sein. Das Wort „Fan“ kommt von fanatisch. Also fanatische Verehrung und bedingungslose Gefolgschaft, selbst im Kleinsten. Ob uns das an etwas erinnert? Unterschiede, dann doch? Ach ja.... hoffentlich!

Um als Populist zu funktionieren, muss man die Welt aufteilen. Möglichst in zwei Gruppen. Die einen sind die guten, tollen, lieben, schönen, - das sind Sie, der Chef von denen, von dieser Herde -, und den anderen. Die anderen sind die ganz Bösen, Hässlichen, Gemeinen, die sozusagen Sie bekämpfen. Gut und Böse. Die Bösen vielleicht sogar noch mit Spitznamen bedenken. Ohne diese Zweiteilung werden Sie nicht weit kommen als Populist und Demagoge.

Die Leute verfügen in satten Industriestaaten wie Deutschland oder den USA über viel Geld (woher es wohl kommt, dass die neuen Bundesländer auf den meisten Tourneeplänen der internationalen Popstars etwas unterrepräsentiert sind?), das sie in ihrer Freizeit ausgeben können. Freilich ist die Konkurrenz auf dem Gebiet der Freizeitaktivitäten deutlich breiter geworden seit den früheren Tagen der Rockmusik. „Der Wettbewerb ist härter geworden“, so die bereit stehende Phrase. Der Monopolisierungsprozess im Musikgeschäft hat in dieser Zeit aber auch gewaltige Fortschritte gemacht. Es ist ja noch immer (oder gerade jetzt...) viel Profit auf diesem Gebiet zu machen.

 

Anfangs wollten sich Rockkünstler ja von dem abwenden, was vor ihnen da war. Sie spielten Revolution vor und waren Anti-Establishment, sie waren dagegen und sie spielten sowohl das Super-Ego als auch den Teil einer „Bewegung“. Bob Dylan, Mick Jagger, Pete Townshend oder auch Janis Joplin waren damals Rockstars, obwohl ursprünglich so gut wie nichts darauf hindeutete. Die Rockmusik gab diesen Leuten die Möglichkeit, viel Geld aus ihren Abgründen und Phantasien zu machen, sie in einem kreativen Sinne so zu gestalten und in gereimte Verse zu zwingen, dass es „irgendwie“ mit Befreiung zu tun hatte.

In einem späteren Stadium haben sie dies in eine Art Reife überführt, die sich ihrer Ausdrucksmittel sehr bewusst war. Diese Musiker mussten sich nirgendwo vorstellen, wurden von keiner Jury in einem Casting ausgewählt. Sie haben sich selbst auch durch die geschickte Vermengung von persönlichen Idealen und musikalischem Stil ermächtigt, um danach von ihrem Publikum dafür gefeiert zu werden. Sie gaben in allem Ernst vor, die Welt retten zu wollen (und nicht nur „Unterhaltung“ zu produzieren). Einer, der es mit dem Weltverbesserungspathos und der Begeisterung ziemlich weit gebracht hat, soll hier unbedingt genannt werden: Seit Jahren und nicht erst seit den „Paradise Papers“ ist bekannt, dass U2-Sänger und Profi-Gutmensch Bono sein Geld in Steueroasen parkt (parken lässt). Ein Symbol, ein Menetekel. Und nicht nur die Stones setzen immer noch eine Abschiedstournee drauf, zu der dann die Tickets noch einmal teurer als bei der letzten Abschiedstournee werden. Sie dürfen das, gewiss. Sie sind ja die Urviecher der Rock'n'Roll. Sie sind wandelnde Mythen. Sie treiben ein Spiel mit den Figuren, die sie darstellen. („Gut, dass wir solche haben....“). Für viele der übrig gebliebenen Alten des Rockgeschäfts gilt es ja, ein Lebenswerk zu verwalten, alte „Erfolge“ noch einmal vorzuführen. Das Cover des eigenen Selbst sein. „Verdienste“ um die „Ehrlichkeit“ feiern (noch besser: "honorieren") zu lassen. 

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Hendrix Reloaded

Dieser Tage wäre Jimi Hendrix 75 Jahre alt geworden. Natürlich ist dies eine willkommene Gelegenheit für viele Schreibenden, darüber zu spekulieren, was und mit wem Hendrix wohl heute spielen würde. Welchen Rahmen er benutzen würde. Mit welchen Musikern er agieren würde. Er hat damals die Elektrogitarre fast neu erfunden, er hat ihr Klänge entlockt, die bis dahin nicht gehört waren. Er hat sie neu gespielt. Er war ja so "innovativ", was heute als eines der Zauberworte gilt. Er war ein gewaltiges Talent, arbeitete aber auch hart an der Perfektion. Natürlich war er ein großartiger "Performer" und Handwerker, aber nach meiner Meinung lag seine eigentliche Stärke im Ausdruck. Neue Wege zu beschreiten, eigentlich ganz naiv der Erste zu sein, das war sein Ding. Ohne dass er es vom Kopf her wollte. Auch, klar, die Zeiten waren so!, politische Bezüge herzustellen („Stars Sprangled Banner“), war für ihn da selbstverständlich mit eingeschlossen, ohne dass er große agitatorische Volksreden dazu gehalten oder oberwichtige Erklärungen abgegeben hätte. Rockmusik war damals noch ein Abenteuer, all das war möglich. Hendrix ließ sich treiben, im Geschäft und von seinem eigenen Talent. Er war naiv, überlegte sich nichts, sondern versuchte, es möglichst gut hinzukriegen. Das, was ihm gegeben war. All das ist fast 50 Jahre her. Die Rockmusik ist betagt und sie gibt es in dieser Form längst nicht mehr. Würde Hendrix heute noch leben, wäre er nach meiner Einschätzung ein weiterer langweiliger Furz sein, der vielleicht ein paar Soloalben sowie ein paar vielbesuchte Reunion-Tourneen gemacht hätte und vielleicht noch machen würde, weil er nicht rechtzeitig daran gedacht hätte, seinen Lebenstil auch materiell zu sichern. Man würde viel seine vergangenen Verdienste feiern und betonen, dass es so einen wie ihn nur ein einziges Mal gab, - und dass er jetzt ein neues Album heraus gegeben habe.....

 

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Liebe und Triebe

Die wichtigsten Themen in all den Songs, ja in der ganzen Poesie? „Wein, Weib und Gesang“? Und dann noch „Liebe, Geld und Tod“ ? Wie oder was jetzt? Liebe als neue Sinnstiftung? Liebe zu wem oder was? Oder doch die geschlechtliche Liebe, die aber gleich auf die Begierde und viele anderen Themen zuführt? Diese gospelartigen Anwandlungen, übersetzt in inbrünstige Töne, ließen wir einst geschehen. Denn sie hatten nicht viel mit uns zu tun. Und wir hatten keine Zeit, uns näher damit zu befassen. Wir dachten zumindest, es sei so. Songs, die von der Liebe handelten, sollten uns den Weg zu den richtigen und lieben Menschen ebnen? Musik als Heilsstiftung? Pah! Da war für uns nicht viel davon zu spüren. Die Richtige, die Wahre? Aber gleichzeitig den Vielen nahe sein? Nun ja, das war für uns mehr ein Versprechen der Vergangenheit als eines einer alternativen Lebensform. Es ergab sich, oder auch nicht..... Die leibhaftige Einlösung von Versprechen der Rockmusik, die über uns hinaus weißen, die uns das Andere nicht nur zeigten...? Die Hetzjagd in Richtung auf das Glück? Ging zu bald unter in einem neoliberalen Wahn der rücksichtslosen Selbstverwirklichung, die nichts nach den Kosten für Andere fragt. Darin wurden sich plötzlich viel zu viele Individuen gleich, da wurden sie zur Masse Mensch, mit der die Konzerne heutzutage ihre Profitinteressen ausleben und die Werbung, Promotion, PR die Wege dazu ebnet. Das Glück als käufliche Masse überwältigte auch die Rockmusik und machte sie als Pop zu einer unterhaltsamen Knetmasse, die in eine beliebige Form gebracht werden kann. 

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Form und Inhalt in der Rockmusik

Es war doch schon länger ein seltsames Phänomen: Rock, der rechtsgerichtet ist, entgegen der traditionell eher linken oder libertären Richtung, die für Rockmusik einmal generell galt. Mir fällt das wieder einem bei zwei aktuellen Besprechungen von Morriseys neuem Album „Low in High School“ auf. Da verreißt die eine gnadenlos, während die andere es „bestechend“ findet. Die eine führt Morrisseys Eintreten für UKIP und Nigel Farrage samt dem Brexit und anderen Missetaten auf, um das furchtbar zu finden. Die andere geht damit nachsichtig um und bucht das unter dem traditionellen Nonkonformismus und einem Hang zum Unkorrekten des ehemaligen Smiths-Sängers ab. Da tut die eine einen kompletten Song des Engländers als „schlecht“ ab während der andere Besprecher das Ganze von A bis Z so großartig findet, dass man sich in 30 Jahren noch gerne an das Album erinnere. Um was es geht, ist unheimlich wichtig bei dem einen, während der andere dahinter eher so etwas wie einen gewissen Humor und Abstand zu den Dingen walten sieht. Den Allverstehergestus des schrulligen Engländers kritisiert der eine, während der andere solche Posen eher als Mittel zum Zweck zu deuten scheint. Einseitiger Zorn“ sei dem nicht erlaubt, der früher, zu besseren Zeiten, sein Spiel mit den Widersprüchlichkeiten getrieben habe...., meint der eine....während der andere..... Manches geschieht ohne Herleitung, ohne Wieso und Warum, wird frank und frei behauptet und verurteilt. Bei manchem anderen ist da eine Grundgewogenheit, die sich nahe einer Verehrung aus Perspektive des Fans abspielt, nicht abzustreiten. Und so weiter.....

 

Dabei scheint es mir auch um das Verhältnis von Form und Inhalt zu gehen. Was inhaltlich nicht korrekt ist, kann formal durchaus glänzend sein. Die Literatur hat hier nicht nur mit der Figur Ezra Pound oder dem frühen Gottfried Benn etliche Beispiele zum heftigen Diskutieren zu bieten. Gerade in letzter Zeit haben sich viele rechtsgerichtete Bands an den Rock heran gewanzt und scheinbar seine idiologische Suppe verdorben. Dabei haben wir auch vor 40 Jahren viele Beispiele von Bands und Einzelnen gehabt, die den Rock für jene agitatorische Zwecke nutzten, die damals natürlich linksgerichtet waren. Wie sich die Rockmusik selbst in sehr offensichtliche Widersprüchlichkeiten verstrickte und sich an manchen Stellen sogar als Teil des Unterhaltungsapparats entpuppte, dürfte einiges offen gelegt und in den Schmutz des großen Geldes gezogen haben. Heute werden gerne die scheinbar alten Schläuche benutzt, um noch ältere und ziemlich verstaubte Botschaften zu transportieren. Bei derart gähnender Inhaltsleere des Genres ist dies nicht sehr verwunderlich.  

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Blues und andere Retro-Phänomene

Musiker scheinen meiner Meinung und Erfahrung nach immer sehr egoistisch, egomanisch und unreflektiert zu sein. Das ist oft ihre Stärke und Schwäche zugleich. Gerade diejenigen Musiker, die weit draußen operierten, die Experimente machten, die sich weit aus dem Fenster lehnten und die scheinbar abseitige Sachen versuchten, scheinen besonders gerne zum Konservativ Gekonnten, zum Traditionell Sicheren, zum durch Konventionen Gesicherten zurück kehren zu wollen. Es scheint eine Sehnsucht danach zu bestehen, wenn man lange genug im Nebel gesucht hat und mit Hypothesen gespielt hat, zur Macht des Faktischen zurück zu kommen. Zu dem, was ein breites Publikum goutiert und als "echt" empfindet. Darüber hinaus ist das dann nur noch eine Frage des Handwerks. Man erinnert sich, was man einst gelernt hat, was man besser beherrscht als andere.

In einer Notiz, die ich später in ein Blog einbringen wollte, schrieb ich das im Jahr 2012: „Beim Hören der neuen Scheibe „Privateer“ von Mark Knopfler und der ebenso neuen Scheibe „Tempest“ von Bob Dylan ging mir Folgendes oft durch den Kopf:

Vielleicht ist es so etwas wie der kollektive Strom der Identität in der Musik, nach dem sich besonders reife Musiker immer wieder zurücksehnen: Volksmusik, Popmusik, populäre Musik, „einfache“ Musik, raue und rohe Musik bestimmter sozialer Schichten, die damit ganz direkt ihre Probleme ausgedrückt haben... Eric Clapton zeigt immer wieder spielend auf den Blues als seine Wurzel, ja, er produziert ganze CDs, die auf die Väter des Blues zeigen. Gary Moore hat's so gehalten und Van Morrison macht's genauso mit der sogenannten keltischen Musik (wer weiß, wie die geklungen hat) in der Volksmusik ihrer irischen Heimat. So etwas scheint schön und herzerwärmend: diese Musiker wissen, woher sie kommen. Sie scheinen in irgendwas Urigem und „Echtem“ verwurzelt.

Es mögen dabei freilich auch Marketinggesichtspunkte eine Rolle spielen, um folkloristisch orientierte Zielgruppen einzufangen und auf die kaufende Seite zu bringen. Ob solche Fans „ehrlicher Echtheit“ freilich das Bild reicher Millionäre goutieren, die als gefeierte Solisten am Swimmingpool ein paar gelangweilte Fingerübungen machen, um der Welt eine Vorstellung von sich zu verkaufen: seht her, das bin ich! Ich kann das auch. Ich bin im Wahren verankert, das wir ja alle in dieser künstlichen Welt suchen. Doch auch Authentizität ist manchmal nur ein Spiel, etwas Technisches, das sich jeder mit genügend Übung aneignen kann! Für Clapton war der Blues immer eine mystische Kraft und Inspiration. Knopfler hat den Blues, - so weit ich sehe - immer vermieden. Aus guten Gründen. Aber jetzt tischt er ihn auch auf, als eine amerikanische Spezialität, die er gelassen gekonnt zitiert. Als Simulation.

Ist mir doch egal, solange er es gut macht...“ Diese Argumentationen höre ich schon im Voraus. Ist der Blues wirklich nur etwas Technisches? Dann wären es ja tatsächlich nur die drei Akkorde und die Wahrheit. Das mit der Wahrheit ist so eine Sache, gewiss. Ob ein Musiker zu deren Bekenntnis da ist? Nun ja. Aber er „verkauft“ gerne seine eigenen Wahrheiten. Und er biedert sich damit an. Wenn es geht, auf Plakatwänden und in Werbespots. Er steht gerne dafür, er will zumindest in der älteren Generation dafür einstehen.

Vielleicht sind diese Leute es aber auch nur müde, sich selbst als unendlich individualisierte Einzelmenschen darstellen zu sollen, als Großkünstler und Halbgötter, die allen anderen etwas voraus haben. Vielleicht sehnen sie sich im Zeitalter der Popmusik-Leistungskurse in das zurück, aus dem sich einst die Rockmusik gespeist hat: Das Kollektive, der breite Strom der Energie, der idealistische Motive genauso getragen hat, wie den Willen zur Selbstermächtigung und zur Selbstverwirklichung gegen Widerstände. Das Rebellische. Seitdem aber Selbstverwirklichung zu einem allgemein akzeptierten Credo dieser neoliberalen Marktwirtschaft geworden ist, ja, seitdem sie sich immer mehr sogar als Verpflichtung zur Selbstoptimierung entwickelt, haben sich die Bedingungen deutlich geändert. Riten und Rituale sind da eherne Gewissheiten und symbolisieren nicht nur die Macht der Gewohnheit. Sie sind vielleicht das, was uns allen noch als Gemeinsames geblieben ist. Das Menschliche vielleicht, - und letzte Gewissheiten. Der Impuls. Die Basis. Glaubwürdigkeit als letzter Antrieb neben dem Geld....gerne auch verbunden mit einer Art von wohlfeiler Religiosität aus dem Supermarkt der Bewusstseinswaren. Underdog- und Hobo-Romantik, an die sich einfache Lösungen für schwierige Probleme heften. Ein Popmillionär singt gerne Arbeiterleider vom Darben und von der verletzenden Genusssucht der Bosse. So etwas erscheint zumindest fragwürdig. Auf musikalischer Ebene schmückt sich da ein Popstar gerne mit fremden Federn. Die Gegenwart ist schlecht, also lasst uns das Heil in der Vergangenheit suchen! In der Tradition. Ob das auch etwas Reaktionäres hat? Etwas nostalgisch Rückschrittliches? Ob sowas tricky ist? Ob hier Gewinner etwas kokett über ewige Verlierer schwadronieren? Ob der Halt in der Vergangenheit liegt? Solche Fragen gehen einem durch den Kopf.

 

Die schöne Melancholie der Gleichgültigkeit lässt sich gerne in die drei Akkorde des Blues kleiden. Retro rules. Das einfache Leben als Mythos der schwierigen Gegenwart. Das Elend der Obdachlosen als Projektionsfläche für geschmeidige Phantasien der Popmusik. Mir wird da ein bisschen komisch zumute, mag der Blues noch so gekonnt gekünstelt in de-luxe-Manier gespielt sein. Familie, Herkunft, Heimat, Religion: alles verblasst in modernen Zeiten. Was liegt da näher, als Orientierungslosigkeit wortreich verrätselt zu verwandeln in eine ständige Neuerfindung des Ich? Popstars wissen, wie es geht. Street Credibility. Authentizität. Die echte Suche nach der vergangenen Echtheit. Der Blues ist aber ein Tanz auf des Messers Schneide. Ist eine Haltung. Hat etwas damit zu tun, dass jemand kollektives Leiden artikuliert. Er hat vielleicht nicht allzuviel mit neuem Wein in alten Schläuchen zu tun. Er kann etwas Unperfektes haben, etwas Offenes und Verwundetes. Er ist ein Schrei und nicht nur die Simulation eines Schreis. „Privateer“ hingegen klingt in manchen Ohren gelegentlich auch nach Privatisierung und dem trockenen Charme derer, die es geschafft haben. Dabei ist der Blues längst zu einer Vorzeigenummer geworden, er hat seine Konventionen ausgeprägt, hat seinen emotionalen Gehalt verkauft. 

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Kritikersprech

Pop sei ein Spiel mit Identitäten, so heißt es. Pop erlaube einem, sehr viel aus sich zu machen. Pop sei ein typischer gesellschaftlicher Aufstiegskanal gewesen, über lange Zeiten. Dieser Meinung bin ich auch. Doch diese Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile scheint es für viele junge „User“ weitaus anstrebenswerter, ein Youtube-Star zu werden. Die Freizeitgewohnheiten haben sich geändert. Typisch im Journalismus: Pop sei so, - oder so, heißt es. Der Kundige weiß es halt. Er stellt riskante Behauptungen auf, wagt steile Thesen.  Das wird dann gerne gelesen. Das verleiht scheinbar Halt und gibt glasklare Orientierung in einer Welt, die eigentlich keine Orientierung mehr bietet. Aber wofür haben wir eigentlich unsere Experten? Im Falle der Popkritik wird gerne eine soziale Gruppenzugehörigkeit behauptet. „Musik für Hipster“. Jutebeutel, Vollbärte, enge Hosen und Trucker-kappen: fertig ist die modische Mittelschichtsjugend! Wenigstens für eine gewisse Zeit. Oder es gibt seltsame Zuschreibungen, die auf Phantasie schließen lassen sollen: Zickigkeit mit verlorenen New Wave- Gitarren und Gruftiecoolnes, trippige Slow Beats und Düsterreime...... Oder „Beurteilungen“ von oben herab, vom Standpunkt des souveränen Überblickers aus, der optimal stilsicher und dem Zeitgeist stets näher als andere ist: „.....die Stimmung primär klassisch progressiv. Schlimme Gitarren, eine Ahnung von Tears for Fears und nur wenig moderner, dynamischer Pop.....“, - oder „Kirchengruftenrock, ritualisiert wie Sonntag in der Kirche, Umfang reduziert Techno....“. Das hier Vorausgehende und das Folgende habe ich auch schon oft in verschiedenen Zusammenhängen gelesen: „eine würdevolle Aura des Fragilen mit unmittelbarer Präsenz. Eine Figur im schwarzen Anzug und mit offenen grauen Haaren, mit Sanftmut, aber ohne große Gesten....“. Man lässt sich dann schon mal gerne vom Erscheinungsbild einfangen, - aber nur in diesem Zusammenhang! Mit Stilen wird auch gerne operiert: „Sound aus Soul, Gospel, Post-Punk, Hip-Hop und Industrial-Dub“. Ich habe jetzt beliebig hinein gegriffen in die Kiste, habe Seiten kurz aufgeschlagen bzw. angeklickt und abgeschrieben.

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Pop aus deutschen Landen

Es ist dies hier eine Art Entgegnung, die aber Ergänzendes, Kritisches, Bemerktes aus meiner Sicht dem Artikel hinzu schieben will. Schade, dass es derart Grundsätzliches so wenig gibt in der Presse. Man könnte ja Linien aufzeigen, rote Fäden suchen, Parallelen zum Zeitgeist aufspüren, sich auseinander setzen. Wenn man es versuchen würde. Möglicherweise wäre das aber zu unpopulär.

Dass der deutsche Songschreiber Heinz Rudolf Kunze damals eine Debatte über deutschsprachige Musik mit den vielleicht falschen Argumenten angestoßen hat, mag ihm leid getan haben. Er wurde plötzlich auf der völlig falschen Seite verortet. Immerhin scheint seine Intervention in Erinnerung geblieben zu sein, von einem, der Gehirn und Herz irgendwie vereinen wollte. Solche Titel wie „Dein ist mein ganzes Herz“ scheinen mir diesem Bestreben geschuldet zu sein. Der Mann war ja offensichtlich hin- und hergerissen. Mir hat damals auch einiges an ihm nicht mehr gefallen, nachdem ich mir seine ersten Scheiben alle gekauft hatte. Diese niedersächsische Brille war ja immerhin mein Jahrgang, hatte meine Zeiterfahrung, meinen Blickwinkel geteilt. Dass schon damals, zu Zeiten seiner Sprachintervention, in Frankreich eine bestimmte Quote für Französischsprachiges galt, scheint hierzulande nicht so sehr bekannt gewesen zu sein. Fürs Französische scheint man sich ohnehin nicht so sehr zu interessieren. Jedenfalls scheint er unter anderem auch darauf Bezug genommen zu haben. Und dass die deutsche Sprache in den Medien damals am Untergehen war: Nun ja, das war vielleicht schon mal eine unglücklich durchgeführte Intervention wert.

Heute hat sich das geändert, auch ohne dass deutschsprachige Musik in den Medien durch eine staatlich legitimierte Instanz vorgeschrieben wäre. Felix Austria! Nun ja, Bands wie Wanda scheinen mir dem populistischen Zeitgeist entsprungen zu sein und wenig Innovatives (wenn ich diese Kategorie für die Popmusik ernst nehmen würde!) zu leisten. Für die Band Bilderbuch gilt aus meiner Perspektive Ähnliches. Meist werden in diesem Zusammenhang noch die Band Ja Panik und das Projekt Soap & Skin von Anja Plaschg genannt. Abseitiges als Selbstzweck reicht mir nicht. Nun ja, haut mich alles nicht so sehr vom Hocker, als dass es für mich eine Art populäres Gegenprogramm zum unsäglichen Xavier Naidoo, zum Altpopstar Marius Müller-Westernhagen, zum deutsch daherbrüllenden Obertänzer, dem Grönemeyer-Herbert oder zu den Popschlagertussis Helene Fischer und Andrea Berg abgeben würden. Im Grunde langweilen mich diese Figuren alle sowohl als Popstars als auch mit ihrer Musik.

Die Fantastischen Vier, der Neuanfänger Clueso oder das Nordlicht Materia? Brennen sich mir auch nicht gerade unwiderstehlich ins Gedächtnis. Diese neuen Sensibilisten wie Max Giesinger, Philipp Poisel oder Johannes Oerding, flankiert von einem Tim Bendzko (der nur mal schnell noch die Welt retten wollte und damit einen riesigen Hit gelandet hat) oder Andreas Bourani (der mit dem deutschen Weltmeister-Image zu kokettieren scheint...) finde ich im stillen Kämmerlein für mich kaum durchhörbar. Solche Bands wie Freiwild (New School, modifiziert, nationalistische Scheise) oder Böhse Onkelz (Old School) gehören für mich in dieselbe Kategorie. Es zieht mich einfach garnichts an ihnen an. Ich könnte auch behaupten: sie sind mir zu langweilig. Politisch, ästhetisch. Insgesamt. Den Spruch von Jan Böhmermann, den ich ansonsten nicht gerade mag, finde ich treffend: „„Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln“. Dass er selbst einen vom Schimpansen aus herum liegenden Textbausteinen kombinierten Titel aufgenommen hat, der auch gleich zum Hit wurde, mag da so manches unterstreichen. Seine Einschätzung „Biomusik aus industrieller Käfighaltung“ trifft den Nagel voll auf den Kopf.

 

Wobei all dies einiges über den deutschen Publikumsgeschmack aussagen mag, denn Popmusik hat noch immer etwas mit „populärer Musik“ zu tun. In dieser Hinsicht sind Die Einstürzenden Neubauten oder The Notwist wohl nicht gerade leuchtende Gegenbeispiele. Diese Leute machen meiner Meimung nach keine „populäre Musik“, sondern Musik, die sich an eine bestimmte Zielgruppe wendet. Eine Nische. Leute mit einigermaßen elitärem ästhetischem Empfinden. Heile Welt und Eskapismus? Ist das Kritik, Vorwurf? Nun ja, dies Bedürfnis scheint mir die Popmusik immer schon erfüllt zu haben. Auch die sogenannte gute und ganz besonders die anglophone Welt. Diese „Popstars“ versuchen doch nur, auf ihre Weise dem Zeitgeist entgegen zu gehen und – ganz wichtig! - etwas damit zu verdienen. 

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Träume und Schäume

Was uns einst die Rockmusik bedeutete? Wo bestimmten wir unseren Standort inmitten der idiologischen Diskussionen, die auch der "kritische" Zeitgeist mitzuführen schien? Skeptisch waren wir gegenüber den Wortführern, uns fiel allenfalls Ironisches dazu ein. Utopische Versprechen vom richtigen Dasein im Falschen? Wo waren die Menschen dazu? Wir sahen sie nicht. Das Versprechen, dass es mehr geben muss, als das, was uns die Warenwelt bot? Gut, aber wo waren ernsthafte Spuren davon?. Lyrische Großverse der Rockmusik? Ob das alles Träume waren, die von der Warenwelt mitgeliefert wurden? Einem ganz bestimmten Song, einem Sound, einem Text verfallen sein: ob das einen "intimen" Rahmen schuf? Es war für uns vielmehr der Wille zur Wiederholung, das Ausgesetztsein in einem Gefühl des nahe an etwas heran Kommens aber nie ganz Erreichens. Ob das eine Brücke zur subkulturellen Realität schuf? Noch einmal: wo war sie? Traf man sie bei Konzerten, wo das Prinzip der Rücksichtslosigkeit galt und der Stärkste oder Robusteste für sich mitsamt seinen Freunde die Plätze ganz vorne anstrebte, Face to Face zum Superstar, dessen leibhaftiger Anwesenheit man unbedingt teilhaftig werden wollte? Diese vernarbtem Gesichter mit der ewig langen Matte, was hatte man mit denen zu schaffen, gab es da Kommunikation? Konzerte bedeuteten eine Gemeinsamkeit des Geschmacks, jawohl, - die sich hauptsächlich im Erwerb von Eintrittskarten ausdrückte. Näher heran kommen, erst an die Verheißung und dann an die Erfüllung geheimer Wünsche? Mit wem zusammen? Wo war die Gemeinsamkeit? Zukunftsversprechen "bessere Welt"? Ob wir uns absetzten von der gewöhnlichen, „normalen“ Welt? Eigentlich schon. Bloß das sollte sich später als krasser Irrtum heraus stellen. Da war einfach niemand aus dieser besseren Welt zu finden, genau, wenn man es gebraucht hätte. Da war niemand. Ob Rockmusik ein Mittel der Distinktion war, mit dem wir uns unterschieden von dieser „mechanischen“ und geldorientierten Welt? Das Verlangen danach war deutlich. Doch die Warenwelt kaperte das alles, die Drogenwelt tat oft ein Übriges, so dass nichts Zählbares davon übrig blieb. Die Typen mit den langen Haaren und Pferdeschwänzen sind heutzutage die schlimmsten unter den Schlimmen und geben sich als Geschäftlesmacher der übelsten Sorte. Ob wir uns Schutzräume durch die Musik gebaut hatten? Das sehr wohl. Nur jeder dieser Schutzräume war sehr individuell und speziell auf uns abgestimmt, wurde später von manchen auch nur zu gerne wieder aufgegeben, wenn es die Situation (ökonomisch bedingt) zu verlangen schien. Soziales war jedenfalls kaum dabei. Irgendwie "Soziales". Ob Rockmusik der Soundtrack unserer Gefühlswelt war? Uneingeschränkt ja. Nur, dass später die Könner und Kenner kamen, die akademisch Ausgebildeten, die alles nachmachen konnten, die alles simulieren konnten, auch wenn es inhaltlich mit ihrer Existenz nichts zu tun hatte. Die keine neuen Grenzen suchten, sondern das Gegebene nur perfekt reproduzieren konnten, wofür sie von den „Expressionisten“ angehimmelt wurden. Was war uns das Wort „alternativ“? Es wurde leider sehr schnell zu einer Art Verkaufsetikett, das seinen Anspruch zu selten einlöste. Lieblingsband? Wir standen mehr auf Lieblingsstücke, mochten aber auch bestimmte Künstler, denen wir im Hören näher kommen wollten – etwa Frank Zappa. Was für eine merkwürdige und mutige Gestalt! Einer, der auf seiner Phantasie Flügel ritt.... der sich davon tragen lassen konnte. Richard Thompson, Elvis Costello "My aim is true"), Joe Jackson, - aber auch Nice, Tim Hardin, Tim und Jeff Buckley, Radiohead, Ruyichi Sakamoto, - Spürer, Explorateure, Abenteurer, Neugierige......Die Nähe zum Rock ging aber über in eine Nähe zum Pop......  

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Working Class Hero

Am 9. Oktober wäre John Lennon 77 Jahre alt geworden. Ein großer Jazzpianist spielt ihm dazu jetzt unter dem Titel „My working class hero“ ein Ständchen. Ob wir nicht alle dabei einem Image aufsitzen? Ja klar, „Working class hero“ hat auch mich stark beeinflusst. Aber war der schwerreich gewordene Multimillionär Lennon wirklich ein „Working class hero“ (bloß, weil er einmal von Liverpool aus gestartet ist?)?

Nun, die Rituale um seinen Tod waren und sind längst in Gang gesetzt, er war für uns vielleicht ein Held, ein Großer, ein Künstler - aber ein „Working Class hero“? Irgendetwas sträubt sich in mir. Weil er für den Frieden viel unternommen hat? Es überkommen mich da jene starken Zweifel, die der ganzen Rockmusik gelten. Es wurde da zu lange und profitträchtig ein Image abgefeiert, von dem man sich schon verabschiedet hatte. Dadurch entstand um jene Menschen, die immer und ewig an etwas glauben, was sie einmal als solches so erkannt haben, ein Kult, der typisch ist für diese halbreligiöse Szene, die Führungsfiguren zu brauchen scheint. Gewiss, Lennon hatte seine großen Verdienste um die Rockmusik, er schrieb an tollen Titeln mit, - aber war er deswegen ausgerechnet ein „Working class hero“?.

 

Man solle solche Dinge nicht hervorkramen, so höre ich die Zwischenrufe von hinten. Das würde ich auch nicht, so entgegne ich, wenn es nicht so typisch wäre für das Ganze. Für die Rockmusik. Man büßte seine Glaubwürdigkeit ein und ging langsam, aber unmerklich über ins Unterhaltungsgeschäft. Rockmusik wandelte sich zur Popmusik. Es entstand dadurch aber eine innere Leere. Ob man das bedauert oder nicht: benennen sollte und kann man so etwas. Es sich bewusst machen. Damit umzugehen versuchen. 

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Das Große im Kleinen

Was ich gerade höre: Da wehen weiche Gitarrenklänge dahin, sehr räumlich angelegt, in sich selbst ruhend in einer wunderbaren Mitte zwischen Jazzgitarrenkönnertum und direkter Empfindung: schon der erste Titel „It should have happened a long time ago“ fängt mich ein, lässt mich zuhören, nimmt mich weich mit in meine eigene Neugier, was aus der Situation entstehen könnte. Und: erspendet Trost. Bill Frisell spielt sehr glaubhaft Entschleunigung, er wagt es diesmal zusammen mit dem Bassisten Thomas Morgan, sein eigenes Tempo zu finden. Er spielt auf den meisten seiner Produktionen einen unverzerrten, reinen Ton, den er freilich in eine sehr räumlich wirkende Digitalisierung schickt. Es entsteht schon vom Ton her eine große Klarheit, die auch seine neue Produktion „Small World“ zusammen mit Thomas Morgan prägt, der großartig unaufdringlich, sehr einem Klangbild entsprechend begleitet. Die musikalischen Experimente hat Frisell gemacht, er war im Jazz einst in Richtung auf Freejazz unterwegs, bezog aber fast immer auf irgendeine Weise die großen und kleinen amerikanischen Mythen in seine Kunst mit ein. So näherte er sich mit der Zeit immer mehr einem melodischen Spiel, das mit Country und Bluegrass genauso zu tun hatte wie mit den großen Musicals oder Soundtracks aus Filmen. Natürlich hat er den Jazz intus, schließlich studierte er einst bei Jim Hall. Diesmal bildet seine Umspielung des Themas aus dem Film „Goldfinger“ den Abschluss der Titel. Als wir damals im US-amerikanischen Nordwesten unterwegs waren, hörten wir die Musik von Bill Frisell: Washington, Oregon und oben Kanada. Zu deren spezieller Weite passte das, da fügte es sich ein, da war es ganz offensichtlich eine Untermalung, die sich einschmiegte und dazu gehörte. Ob tiefgehende Musik oft mit einem ganz bestimmten Raum zu tun hat? Einer der sehr schönen Momente dieser Reise, die ich später daheim per Musik wiederzuholen versuchte. Das neue Album der beiden ist live aufgenommen, im Jazzclub Village Vanguard, der ja nicht nur in der Jazzszene einen guten Namen hat. War das Konzert mehr oder weniger improvisiert, oder war es konzipiert? Solche Künstler können solche Grenzen natürlich verwischen lassen. Eigentlich spielen sie auch keine Rolle. Es zählt, was aus den Boxen kommt. Und dafür lohnt jeder Aufwand. Ich selbst habe die Scheibe natürlich als CD, ganz normal gekauft. Ich will das Optimum von ihr. Ich kann es ja zugeben: ich freue mich, dass ich diese CD habe. 

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In große weite Horizonte

Wie fuhren wir damals in den USA „Into the great wide open“......?! Ich hatte zuvor oft gedacht, dass das ein bisschen Kitsch war, eine wohlkalkulierte Prise davon, wie das halt im Rockgeschäft so üblich ist. Aber dann wurde alles zur konkreten Realität. Das „große weite offene Land“ gab es wirklich! Nicht virtuell in den Medien. In den USA! Es schien einen geradezu zu verschlucken mit seiner Weite! Und jetzt ist der Erdenker solcher Zeilen und des Songs selbst vom „großen weiten Land“ selbst verschluckt worden. Tom Petty ist mit 66 Jahren verstorben. An einem Herzinfarkt, wie es heißt. Sein Herz ist stehen geblieben. Seine Band hieß The Heartbreakers. Da ist seine näselnde quengelnde Stimme, die Rickenbacker-Gitarre, seine Erdverbundenheit, die er freilich oft sehr geschickt mit gut klingendem Hochfliegendem oder Oberflächlichem verband. Der Blues: Ja. Aber Pop spätestens seit den 90ern auch. Und Filmmusik. Später wieder ein bisschen zurück zu den Wurzeln, aber nicht zuviel..... Immer vom großen weiten Ruf, Nimbus und Mythos lebend. Freiheit? Ja, - und wie! Die Glaubwürdigkeit in Person, auch nach einem Zwischenspiel mit den Travelling Wilburys, bzw. den Pop-Großfürsten George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison und Jeff Lynne...... ob er diese Leute wirklich alle mochte? „Under the skies of blue...“ hören wir ihn in jenem großen Song. „A rebel without a clue....“: ein Rebell ohne rechtes Ziel...: das waren damals viele. Und sind es heute noch. Einfach so. Das Rebellentum feiern und eine fette Harley Davidson dazu knattern lassen. Nun ja, so ging's mit der Rockmusik, wie sie das damals nannten. Jetzt hat seine Sprecherin seinen Tod bekannt gegeben. Viele Menschen, auch viele, die dem Blues nahe sind, haben keine Sprecherin. Die Zukunft schien auch für sie mal weit hin offen zu sein...... Nun aber scheint eine ganze Generation von Rockmusikern zu sterben, eine, die durch ihre Musik glaubwürdig zu werden schien..... „Ich denke, dass es wichtig ist, dass du zuallererst an dich selbst glaubst“. Dieser Satz ist von ihm überliefert. Typisch amerikanisch. Tom Petty hat damit the great wide Open dann doch ein bisschen für uns berührt......  

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Unübersichtliche Desorientierung

Klar ist: alle haben zu allem eine Meinung, besonders wenn es um den eigenen Geschmack geht. Uneingestandenermaßen suchen sie aber gleichzeitig nach Orientierung, nach der klaren Trennlinie zwischen Schwarz und Weiß, sie suchen nach dem, was wahr (!) ist, gelegentlich auch mithilfe von „Experten“ (in diesem Falle professionelle „Kritiker“), die „Objektivität“ versprechen. Was ich oft gehört habe: Objektiv falsch! Jemand, der ein (begründete) Meinung kundtut, gibt nie objektive Wahrheiten von sich! Es kann sich nur um mehr oder weniger qualifizierte Meinungen handeln. Aber nie um etwas Objektives. Es können beim „Konsumenten“ aber auch gewisse Ängste eine Rolle spielen. Etwas nicht mitzukriegen, was spielentscheidend ist. Nicht auf der Höhe der Zeit sein. An dieser Stelle wird man auch schnell empfänglich für Verschwörungstheorien. Diese wollen einem erklären, was in Wirklichkeit hinter den Kulissen so ganz ganz wirklich abläuft. Es bilden sich Ängste vor einer Realität, die einen nicht nur bei Nichtbeachten der zeitgeistigen Wegweiser womöglich sozial abrutschen lässt, die einen auf irgendeiner Karriereleiter zurückwirft. Dies ist eine Realität, die auch Fremdes und die Fremde zu bieten hat, das Uneinheitliche, Wilde. Nicht nur an dieser Stelle wird gerne nach „Experten“ gerufen. Diejenigen, die sich stellvertretend für uns mit einer Sache intensiver beschäftigen. Blöd nur, dass diese „Experten“ auch ihren eigenen Interesse und ihren eigenen Erkenntnismöglichkeiten unterliegen. Auf diese und jene Weise. Dass auch sie für uns einen Kontrollverlust bedeuten. Wir wollen Eindeutigkeiten, nicht Vieldeutigkeiten, die vielleicht einer Realität besser entsprechen würden. Wir wollen sie wissen, diese Eindeutigkeiten. Uns plagt eine tiefe Sehnsucht danach. Es muss doch für nahezu alles einen Sinn und eine Verantwortung geben, - oder nicht?.

 

Blöd nur, dass die heutige Wirklichkeit viele solcher Vieldeutigkeiten und Ungewissheiten (auch in Bezug auf die „Verantwortung“) auf uns bringt. Wie damit umgehen? Angesichts solcher Verhältnisse könnte so mancher Mitmensch auf die Idee kommen, sein Ego „neu erfinden“ zu wollen. Dies ist ja aus den auch hier nachgezeichneten Gründen ein Modethema geworden und hat viele Dimensionen. Wir könnten auf diese Weise bei der sogenannten und vielbeschworenen „Globalisierung“ vielleicht besser dabei sein. Mitreden, dabei sein ist alles, - wirklich? Diese „Globalisierung“ scheint ohnehin nicht mehr zu beherrschen zu sein und überspült uns auf mannigfache Weise alle. Sie scheint die Welt zu prägen und bringt auch diese autoritären Politikstile hervor, die scheinbare Antworten geben. Auch die Kirche btat da einst mit und spielte ihre Rolle im sozialen Gefüge. Es geht ja in Wirklichkeit um das, was die Soziologie „Komplexitätsreduktion“ nennt. Vereinfachungen, die das Leben leichter machen wollen, die Orientierung bieten sollen, indem sie die Unübersichtlichkeit auf einfache Muster reduzieren. Gut oder Schlecht, Schwarz oder Weiß. 

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Saka in my mind

Was ich mir gerade anhöre? Die einzelne Scheibe ist da nicht gar so wichtig. Ich habe womöglich zu viele davon. Wichtig ist die Klangwelt, in die ich eintauchen will: Ryuichi Sakamoto hat eine Zeit lang viele Platten gemacht, nachdem er mit dem Yellow Magic Orchestra von Japan aus in der ganzen Welt bekannt wurde. War er Japaner? Ja, er sah so aus, als könnte das so sein. Ansonsten spielte das keine große Rolle. Der Mann machte sehr kreativ rum, war von Hause aus Pianist, erforschte aber erst mit dem Synthesizer und dann im Zusammenspiel mit anderen Musikern Klanglandschaften – und zog dabei stets seine musikalischen Fäden ein, ohne dass das so recht jemand zu bemerken schien. Dann fiel er mir als ständiger Mitspieler bei David Sylvians Produktionen auf. Pianos langweilten mich eine Zeit lang, weil sie oft akademisch gekonnt klangen, darüber hinaus aber keine Ausstrahlung, keinen emotionalem Gehalt zu vermitteln scheinen. Bei Sakamoto war das anders. Man hörte ihm einigermaßen zu und wurde eingesponnen in seine Klanglandschaft, in der auch seltsame Soundzusammenballungen eine Rolle spielten. Aber das war schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und da war auch der Talking-Héads-Rockschöngeist David Byrne, mit dem er den Soundtrack zum Film „Der letzte Kaiser“ aus dem Jahr 1987 aufnahm (die asiatisch anmutenden Titel stammen von Byrne, während die „europäisch-klassischen“ Stücke von Sakamoto sind). Für diesen Soundtrack erhielt Sakamoto 1988 gemeinsam mit Byrne „sogar „einen Oscar. Aber da war auch David Bowie, mit dem zusammen er 1983 in dem Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ er auftrat und eine Rolle spielte.  Der Film spielt während des Zweiten Weltkriegs. In einem Lager stehen britische Kriegsgefangene im Konflikt mit ihren japanischen Aufsehern. Ich habe den Film damals und fand ihn klasse, lang bevor ich mich für Sakamotos Musik interessierte. Eine Zeitlang nahm er eine fast schon unübersichtliche Zahl von Alben auf, hatte mit Filmmusik großen Erfolg („Der letzte Kaiser“, 1987, „Himmel über der Wüste“, 1990, u.a.), ehe 2014 bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Nun brach er nicht mehr so sehr in Arbeitswut aus und schickte 2015 nur noch die mit Alva Noto gemeinsam geschriebene Filmmusik zu „The Revenant“ raus, ein Film, der zu Recht wohl zu einem riesigen kommerziellen Erfolg wurde und unter anderem Oscars mit Leonardo Di Caprio davon trug. Doch das ist mir alles egal wenn ich ihn höre. Ich habe heute morgen „Charm“ aus dem Jahr 2003/2004 gewählt, - allzu genau kann man das bei ihm sowieso nicht beziffern. Haha, der erste Titel „Undercooled“ ist stark HipHop-beeinflusst. Es ziehen sich aber fernöstliche beeinflusste Linien durch das Geschehen, der Kokon hat eine Farbe, sie schleicht sich ins Bewusstsein. Aber all das ist nur der Einstieg in lauter kreativ-abenteuerliche Unübersichtlichkeiten. Der nächste Titel „Coro“ bringt digital verfremdete Kratzgeräusche, Klangsplitter, die sich aber in unsere Gehörgänge wickeln. Wie das geht? Würde ich auch gerne wissen. Es geht. Industrial, angefixt. Dann „War & Peace“, das sich vergleichsweise gefällig um seine Akkorde dreht und dabei Fernöstliches aufblitzen lässt, Aufblitzen (!), nicht mehr. Weltmusik ist das nicht. Und so geht das weiter. Lauter merkwürdiges Zeugs (einschließlich gelegentlichem Electro-Groove), mit dem du aber sehr schnell Freund werden kannst. Ich habe ihn mal live gesehen und hatte immer den Eindruck, er improvisiere, habe nichts geplant, von Show konnte sowieso nicht die Rede sein, was zählte, war die Musik. Dies geht auch von seinen Scheiben aus, die alles andere als gefallsüchtig zu sein scheinen, aber viel Identität und Eigenheit ausstrahlen, ohne deswegen Avantgarde zu sein. Unangestrengt, das. Natürlich taucht auch auf „Chasm“ das Stück „World Citizen“ auf, dass er damals in tausend Variationen zusammen mit David Sylvian aufnahm. Im Geheimnis. Es hat eine Hauptmelodie, ein Motiv, das sich immer wieder durch meine Träume gezogen hat. Wieso wohl? Ich weiß es nicht. Es entwickelt seine eigenen Dynamiken, wie man sagen könnte. Auch seine eigenen Bezüglichkeiten. Es wandert in mich ein und durchzieht mich. Mich alten Sack, der so viel gehört hat? Jawohl! Ich staune ja selbst darüber. Sakamoto dozierte an der Universität, er verschenkte Musik zur Anti-Atomkraftbewegung in Japan, tat viel dafür. Aber all das wird unwichtig bei seiner Musik.

 

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Walter und Donald

Walter Becker ist gestorben, der Teil, die Hälfte von Steely Dan (SD). Sie hatten keine großen Hits, außer vielleicht den Titel „Do it again“ aus dem Jahr 1972. Unter Musikern freilich hatten sie nur Hits, sie waren das Objekt allergrößter Aufmerksamkeit. Sie wollten sich, wie sie manchmal in Interviews sagten, ja nicht zum Affen machen, nicht Teil eines Musiktheaters sein, sich im PR-Geschäft prostituieren und „verkaufen“, nicht Mähnen wehen lassen und die Leute von Bühnen aus zum Mitmachen anmachen (außer vielleicht bei den Tourneen in den letzten Jahren...). Über all diese Mechanismen schienen sie ihren Spott zu träufeln und sich eins zu lachen. Sie waren oft nicht sozialverträglich, liebten den schrägen Humor, das scheinbar unverständliche Zeugs, dem sie oft grinsend einen Dreh ins scheinbar Allgemeinverständliche gaben. Dass dies auch exakt dem musikalischen Geschehen bei SD entsprach, gehört zu den Wundern, denen man sich gegenüber spürte. Bei ihren ersten Alben scheinen sie mehr oder weniger von der populären Musik der USA auszugehen, scheinen ihre Bruchstücke zu gebrauchen, um sie in kleine Songkunstwerke umzubiegen, in denen benutzt, um geleitet, in neue Zusammenhänge gestellt und verfremdet wurde. Wie „The Boston Rag“ vom zweiten Album in mir funktionierte? Oder "Pearl of the Quarter"? Es schien mir von der ersten Anmutung ein Stück Rock auf SD-Art zu sein, entwickelte sich aber in mir immer mehr in Richtung auf eine Autonomie, auf eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich aus ihreren eigenen Akkorden heraus wie aus einem Pumpwerk heraus entwickelten. Diese seltsam stechenden und dann wieder fürs Popgeschäft sehr untypisch weichen Gitarren! "Kid Charlemagne"! Wie gingen sie mir unter die Haut! Unterstellt war ja stets, dass so etwas wie Emotionen in ihrer Coolness untergegangen sei. Emotionen? Vielleicht im Mainstream-landläufigen-vordergründigen Sinne! Man musste meiner Meinung nach nur ihre musikalische Sprache draufhaben! Ganz im Gegensatz zum Popgeschäft schienen sich SD nämlich stets in Understatement zu üben: Untertreibung war ihr Geschäft, nie die Übertreibung, das Grelle, wie ansonsten im Popgeschäft üblich. Kumpelhaft waren sie nie, meist galt eine gewisse Distanz, eine gewisse Zweideutigkeit, die einen als Hörer fast um den Verstand bringen konnte. Mit der Zeit näherten sie sich immer mehr dem Jazz an, der ja in gewisser Weise auch Teil der US-amerikanischen Popmusik ist. Sie operierten mit dem, was das „Geschäft“ oft „The Fire below“ nennt, bevorzugten also eher indirekte als direkte Wege. Mit der Zeit wurden wir auch aufmerksam auf die Leute, die SD getreu begleiten: Roger „The Immortal“ Nichols etwa, der Soundingenieur, Gary Katz, der sinister wirkende Produzent, - sie schienen Teil der SD-Welt zu sein, die wir meist aus einer gewissen Distanz wahrnahmen, weil ja die beiden Hauptfiguren zumindest hier in Europa sich nicht allzu oft in Interviews geäußert hatten. „Gut so!“, so denke ich heute. Auch das Geheimnis zu wahren und es nicht öffentlich zu verkaufen ist ein Teil von SD. Obwohl die Doobie Brothers damals nicht nur räumlich von Los Angeles aus nahe schienen und auch vor allem der Sänger und Keyboarder Michael McDonald von dieser Seite aus so manche SD-Produktion bereicherte, waren diese Doobie Brothers damals der absolute Gegenentwurf zu Steely Dan, der freilich mit der Zeit einige Stilelemente von SD aufzunehmen versuchte.

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Walter, mach weiter!

Walter Becker ist gestorben. Ich lege gleich morgens „Circus Money“ aus dem Jahre 2008 von Walter auf und bin sofort wieder eingesponnen in den Zauber dieser eigenwillig dahin fließenden Akkorde. Ist mit der damaligen Steely Dan-Mannschaft eingespielt: Keith Carlock, Drums, Jon Herrington, Gitarre. usw. Es hat Walter nix ausgemacht, einen Könner wie Herrington neben sich zu haben. Das war doch nie der Punkt! Der Beste zu sein? Darüber hätten die beiden gelacht. Ist das alles einfallsreich? Ja klar. Was denn sonst? Es gibt mir Nahrung. Meinem musikalischen Empfinden. Jedes Mal. Das ist das Tolle. Diese Scheiben nutzen sich nicht ab. Sind nachhaltig, - sozusagen. Wie geht das? Wer mag da am Gesang meckern? Vielleicht ist er sogar ideal für diesen Titel? Das habe ich unter anderem von Steely Dan gelernt: es gilt, die jeweils richtige Mischung für den jeweiligen Song zu finden, an Musikern, aber auch an musikalischen Möglichkeiten, weshalb den beiden wohl immer das gerade beste Equipment gut genug (oder nicht....?) war für ihre Sachen. Wie hat er Gitarre gespielt? Haha, nie wie ein Gitarrenheld! Sondern kurze knappe Chiffren heraus werfend, eine Art Kommentar, aber nie das klassische Gitarrensolo. Jazzig in der Phrasierung, vielleicht. Aber hauptsächlich knapp, spröde, reduziert..... - „Circus Money“ ist natürlich anders als all die anderen ständig noch erscheinenden Sachen Und das nie als Gag! Nie als bloße Pointe! Es hat seinen Sinn in diesem Sound! Er ist sehr eckig und kantig manchmal, manchmal aber auch das Gegenteil davon! Der Rhythmus ist sehr gleichmäßig wie bei einer Rhythmusmaschine und stolpert dann doch wieder seltsame Rhythmen. Wie typisch! Wie er die Gegensätze zusammen bringt! Ich höre ein wenig Reggae um die Ecke, lässig aufgenommen mit Off-Beats, um es desweiteren im Untergrund nebenher als Motiv weiter zu betreiben. In den folgenden Titel taucht das auch immer wieder auf. Es mischen sich gebrochene Akkorde ein, am E-Piano, Saxophon-Schnipsel und dieses dünne Stimmchen von Walter. Alles verhalten auf den Punkt gebracht. Sehr urban auch. Sehr New York! Und da gab es „Journalisten“, die behaupteten, das sei misslungen! Peinlich.

 

Er hat sicher die Tonspuren am Ende wieder reduziert, nachdem er viel zu viele aufgenommen hatte, womöglich auch als Versuch in Richtungen, in die es hätte gehen können mit seinem souveränen Masterplan. Ob das ein Widerspruch ist? Macht nichts. Solange er's zusammen bringt. So waren Steely Dan auch. Hatten am Ende ein riesiges Konvolut und reduzierten dann radikal. Schnitten, nahmen sogar neu auf. Ihre Perfektion hatten sie stets auf die Spitze getrieben – und bei „Gaucho“ vielleicht auch ein wenig darüber hinaus. Es blieben da mindestens aber immer noch diese wunderbaren Songeinfälle und die tollen Akkordverbindungen, die wie selbstverständlich einen Kosmos entwarfen, in dem es auch freaky Spinnereien gab. Am Ende mochte man genau das, war es einem wertvoll, spielte im Kopf weiter.....immer weiter....Ich erinnere mich an die Phantasien von Donald Fagen mit den Zukunftsvisionen der 50er Jahre. Zum Lachen. Aber damals ernst. Und anderes seltsames, mittlerweile surreales Zeugs. Wer von den beiden hat eigentlich die Texte für Steely Dan geschrieben? Ich kann mich an kein Interview erinnern, in dem sie das verraten hätten. Es ist ja auch ihr gemeinsames Ding! Da läuft vieles zusammen, von zwei Individuen.....wie das passierte, könnte ihr Geheimnis bleiben......Walter ist gestorben und viele haben es anfangs für ein Gerücht der Ironie gehalten. Typisch! So war er. Alles als einen Joke aufgefasst. Das hat sich am Ende auf ihn selbst und seine Existenz übertragen, hat aber etwas geradezu Kosmisches. Hey Walter, du sinistrer zweifelhafter Typ hinter der dunklen Sonnenbrille und mit dem langen, fatzenglatten Haar! Es gäbe ein paar Leute, die bräuchten dich! Mach weiter!  

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Walter Becker und Steely Dan

Walter Becker ist gestorben, die eine Hälfte der Band Steely Dan. Ich kann es nicht fassen. Sie sind ein Teil von mir und werden es immer bleiben. Sie hatten sich ja immer mehr als Duo herausgeschält, das nach einem Anfang als klassische Band (in den siebziger Jahren mit auch nicht gerade schlechten Musikern!) lauter fähige Leute um sich scharte, um solche Alben wie „Aja“ zustande zu bringen, ein überall akzeptiertes Meisterwerk, das aber viele ähnlich gute „Nebenwerke“ hatte, Alben, die es inwechselnden Klang- und Stilfarben damit aufnehmen konnten. Gerne wurden sie, schon als das noch nicht Mode war, als „cool“ bezeichnet. Es mag davon kommen, dass Becker (Bass und Gitarre) und Donald Fagen (der Keyboards spielende und singende Partner) in ihrem Songwriting die Ironie als wichtiges Stilmittel bevorzugten, wahrscheinlich ungewöhnlich für US-Amerikaner. Und zwar in der Musik, mit Wendungen, die scheinbar mit den Erwartungen ans Eingängige spielten, um es im letzten Moment „umzubiegen“ in etwas Eigenes. Sie brauchten dazu eine absolute Perfektion, die das Schwere leicht erscheinen ließ und mit allerlei Klischees „spielte“, das heißt, sie gebrauchten Klischees, um sie (im halbwegs modernen Wortgebrauch) zu dekonstruieren. Selbstverständlich resultierte daraus auch etwas wie Humor und Distanz zu den Phänomenen, die sie umgaben. Sie sollen Jazz und Rock zusammengebracht haben, zu einer Fusion, die sehr stilbildend wirkte. Doch vielmehr spielten sie damit und fügten viele andere populäre Stile hinzu.

Ironie und Spott war aber auch in ihren Lyrics und ihrer Art, Interviews zu führen. Solche Interviews waren oft eine Art poetisches Ratespiel mit zwei sich amüsierenden Freaks, die oft lachten. Am Ende war da oft ein Rätselspiel darüber, um was es eigentlich gegangen war. Es hatte etwas von mit der Realität seltsam durchwirkter Comedy. Sie machten sich lustig über Rollen und Posen (insbesondere in der Musikindustrie! Etwa 10 Jahre lang veröffentlichten sie auch keine Alben mehr und entsprachen keinerlei Erwartungen....), wollten sich aber nicht überheben über die sogenannten „einfachen Leute“, die etwa in ihren Texten durchaus mit Respekt auftauchten und bis heute die Konzerte von Steely Dan (der Name ist einem Roman von William S Burroughs entliehen) in den USA in großer Zahl besuchten. Eine solche Demut mag wohl auch einen Unterschied zu den Protagonisten des Popgeschäfts von heute ausmachen. Becker selbst hatte sich nach Drogenexzessen, die seiner Gesundheit wohl sehr geschadet haben, immer wieder in seine Wahlheimat Hawaii zurück gezogen. Im Lauf der Jahre hatte er auch zwei Soloalben („11 Tracks of Wack“ (1994), "Circus Money (2008)) produziert, die mehr oder weniger im Stile von Steely Dan gehalten waren und sein sehr dünnes Stimmchen in den Vordergrund zu stellen suchten. Den anderen großen Ironiker des Rockgeschäfts, Frank Zappa, der das ganz anders betrieb, achteten sie zwar, ließen ihn aber öffentlich weitgehend links liegen und mochten ihn nicht besonders, obwohl es da viele verbindende Elemente gegeben hätte (außer Zappas Besessenheit von eigenen Gitarrensolis, ausgedehnten Soli, die so in Steely Dans Musik niemals oder nur in sehr funktioneller Kürze vorgekommen wären....). Sie waren Genies, auf die diese Bezeichnung tatsächlich passte.

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Ohrwurmgedanken (2)

Das Bekannte mit einer Prise Neues zu versetzen mag auch den Ohrwurm auszeichnen. Etwas, das sich abhebt, das Kontur gewinnt und sich im Gedächtnis verhakt. Das Arrangement sollte dies leisten. Eine bestimmte Situation möglichst zu treffen, zeitgeschichtlich oder auch individuell (Rebellion oder Tanzkurs) mag auch wichtig sein. Die Regression (das „Zurücksteigen“ in vorbewusste Zustände, auch in „kindliche“ Zustände ---> Freud) kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen. Das Ganze sollte von einer charismatischen Person getragen sein, die nicht unbedingt gut singen muss, sondern etwas verkörpert (möglichst gepaart mit unseren eigenen Sehnsüchten, Bedürfnissen). Auch muss der Text nicht unbedingt eine wichtige Position einnehmen. Womöglich geht es meist in klischeehaften Formulierungen um menschliche Grundbedürfnisse wie Liebe, Sex, Identität usw. Dass genau an jenem Punkt auch ein gewisser Ehrgeiz entstehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Singer/Songwriter sind dem in der Vergangenheit in ihrer Musik nachgegangen. Heutzutage passiert dies eher im medialen „Beipackzettel“, also der Vermittlung eines Images und der Benutzbarkeit gewisser Megastar-Aussagen. Dass gewisse Melodien von der Werbeindustrie zu einem bestimmten Zweck ge- und missbraucht werden, ist auch klar. Das sogenannte Crossmarketing (gibst du mir deine Fans, so gebe ich dir meine....) und der Imagetransfer (Wenn schon mein Lieblingsstar das benützt, muss es ja gut sein...) sind bekannte Mechanismen in der Werbung. Auch erfreut sich ein bekannter Titel heutzutage nicht nur in der Musik, sondern auch in Filmen und anderen Medienerzeugnissen seiner Verbreitung. Der „Spass des Daseins“ wird gerne benutzt.....   

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Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

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Was Musik sein könnte und was sie könnte

Musik scheint eine Art Gemeinschaft zu stiften. Gut zu beobachten ist das bei Fußballgesängen im Stadion und bei Gottesdiensten der Religionen, die meist auch eine eigene Musikdramaturgie haben. Musik scheint eine Art emotionalen Zugang zu den Menschen zu eröffnen, den in neueren Zeiten auch die Werbeindustrie sehr gerne nutzt. Musik an sich kann uns zu Tränen rühren und Erinnerungen wachrufen, sie bewegt uns. Sie wirkt wie ein Aufputschmittel oder schafft Gänsehaut.Sie schafft ein Erlebnis mit anderen Menschen als Gemeinschaft und erzeugt ein Wir-Gefühl. Wobei das Gegenteil auch der Fall sein kann: das Gefühl, ganz bei sich zu sein, in sich selbst zu sein und in Kontakt zu einem „göttlichen Funken“. Aber wie passiert das alles? Warum? Nicht mal die ergebnisfreudigste Forschung hat hier bis jetzt zuverlässige Ergebnisse gezeitigt.

Beim Menschen beginnt das Reagieren auf Musik schon sehr früh. Bereits ein Fötus reagiert auf musikaische Reize. Ob unsere Vorfahren auch schon gesungen und getanzt haben? Welche Vorfahren? Wann eigentlich beginnt die Geschichte des Menschen? Die in Höhlen auf der schwäbischen Alb gefundene Flöte ist immerhin 40 000 Jahre alt. Dazu passt, dass Musik in sehr alten Gehirnregionen verarbeitet wird. Wie sie wohl gewirkt hat, die Musik, was ihre Einsatzgebiete waren? Welchen Nutzen wohl die Musik innerhalb der Evolution hat? Hier kommt wieder ins Spiel, dass durch Musik wohl soziale Bindungen gestärkt werden. Gruppenaktivitäten dürften durch sie verstärkt worden sein. Die Fähigkeit, Großgruppen durch sie hervor zu bringen und ihnen „Produktivität“ zu verschaffen, dürfte den Menschen einen Vorteil in der Evolution gebracht haben, auch wenn die Musik in dieser Funktion sehr viel später verheerende politische Auswirkungen hatte.

Es scheint jedenfalls noch heute einen Part des Belohnungssystem im Gehirn zu geben, der durch Musik aktiviert wird. Musik kann auch regenerativ und therapeutisch wirken, Musiktherapeuten bescheinigen das gerne. Menschen, die zusammen musizieren, führen danach keinen Krieg gegeneinander, besagt ein oft und gerne gepflegter Mythos. Sie fördere auch die Bereitschaft zur Kooperation, heißt es. Meine persönlichen Erfahrungen belegen das nicht, Als ich in einer Band gespielt habe, in die relativ viel Energie eingebracht wurde, wurde ein hingebungsvoll gepflegter Kleinkrieg gegeneinander um die musikalische Linie gepflegt, der irgendwann auch zu Rauswürfen geführt hat, - eine Art physischer Auslöschung. Stresshormone sollen durch Musik abgebaut werden, heißt es. Das scheint mir teilweise der Fall zu sein. Meine eigenen Erfahrungen sind teilweise andere. Doch Musik ist überall, es wird praktisch auf der ganzen Welt musiziert. Bei Tieren könnte unter Umständen Musikalität existieren: nicht nur Singvögel und die Walgesänge dürften eine Art Beleg dafür sein. 

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Abgehangene Träume aus Vinyl

Der Medienkonzern SONY soll wieder Vinylschallplatten pressen, meldet DIE ZEIT. Nun ja. Es häuften sich ja die Meldungen, dass es sich wieder lohnen würde. Denn die alten Protestler sind ja inzwischen in dem Status, in dem offenbar Geld für sie keine Rolle spielt. Natürlich wurde das schon lange als geldwerte Spezialität angeboten, das Teil für „den besonderen Geschmack“, versehen mit einer Aura des warmen Klangs und einer großzügigen Grafikgestaltung. Es schien etwas zu sein für ältere Genießer, die es sich leisten können und sich gerne mal erinnern. Fette Gewinnspannen und Zuwachsraten scheinen dadurch gesichert. Schwere Spezialpressungen sind sehr angesagt, heißt es. Das war schon früher so. Das hat nicht jeder. Das scheint exklusiv wie goldene Felgen. Der eine lässt sich sein Auto tunen, der nächste fährt Harley und gewisse „Liebhaber“ kaufen „im Alter“ halt Vinyl. Erst war das nur etwas für winzig kleine Labels, jetzt sogar für SONY. Das Gefühl für Jugend braucht gerade in den späten Jahren Auslöser. Das ist auch im Konzertbusiness so. Wie war das noch damals? Nick Hornby hat einen Roman daraus gemacht. So etwas kann man aber auch zum Geschäft machen. Es war ein Abenteuer, die großen Grafiken auf und in den Platten verhießen neue Welten, eröffneten Horizonte. Ob jemand dadurch Probleme mit der digitalen Wirklichkeit überwinden kann? Es gilt, Gefühle und Stimmungen zu vermarkten, gut abgehangene Leidenschaften. Diejenigen der hochberühmten Musiker, die anfangs strikt dagegen waren und sogar Prozesse führten, sind heute unter den energischsten Befürworter und Promotoren des digitalen Tonträgers, die ganz ganz vorne dran sind. Gleichzeitig scheint es ein Sport unter ihnen, den Wohlsituierten und finanziell gut Abgepolsterten,  zu sein, die miese Qualität von MP3s zu beklagen. Haha, ein Grinsen mag da einem übers Gesicht huschen. Selbstverständlich geht es nicht um Geld und Urheberrechte!  Wer wird denn dahin denken? Nicht so negativ sein!

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Alles jetzt

Jetzt wird gar überall und überschwänglich über das neue Album „Everything Now“ der Band Arcade Fire gejubelt. Kritiker überschlagen sich. Kritiker? Es gilt den „Scoop“ zu landen, der erste zu sein. Das Neueste zu besprechen, ganz vorne zu sein. Das sind wir hier sicher nicht. Ich will nichts behaupten, kenne die Band auch zu wenig, - aber die dahinter stehenden Strukturen kommen mir bekannt vor. Wenn ich nämlich dies neue, bei einer global agierenden Plattenfirma erscheinende Album höre, kommt es mir in meinen Ohren wie das übliche risikolose Popgeschrammele mit üblen und scheineingängigen Refrains vor, das freilich jetzt alle Alternativen furchtbar gerne im Takt mitmachen, weil ein paar Textzeilen darin vorkommen, in die sich Kritisches hinein projezieren lässt. Es ist nach ihrer Einschätzung großartigen Gutmenschen 4.0 entsprungen, könnte aber meiner Einschätzung nach auch von einem Kompositionscomputer oder seiner Software gekommen sein. Grammys wird es dafür wieder geben. Preise. Anerkennungen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Gutmenschen alter Prägung (old school) im gleichen Atemzug mit der Verherrlichung Arcade Fires generell verdammt werden als schändliche Blender und gierige Ego-Raketen.

Dass man sich überall einig ist über ein Geschmacksurteil, macht es für mich ohnehin verdächtig. Was daran aber wohl simples Mitläufertum ist? Es wird dann alles und jedes auf dem Album kritisch gedeutet, was so wohl gar nicht gemeint ist: „All night long...always happy ….I love you“...... Die Verehrung wird wohl – geschätzt – etwa 5 Jahre noch so weiter gehen, ehe mehr oder weniger verrottete Strukturen dahinter zu offensichtlich werden. Dann wird ein Solokünstler nach vorne treten, ein Mastermind, der behauptet, es alles immer schon besser gewusst zu haben. Er wird sich als der poetische Prophet gerieren und alle werden ihm zujubeln.... erst mal... so lange, bis der nächste Popprophet kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Vielleicht ist nicht alles großartig, bloß weil die Weltanschauung deines Guten dahinter steht. Das alles hat schon der alte Max Weber herausgearbeitet. Dieser Unterschied spielt wohl auch in dem eine Rolle, was sich heute Pop nennt.

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Text und Musik

Jetzt scheint Bob Dylan doch noch seine Vorlesung auf dem Audio-Weg bei der Nobelstiftung eingereicht zu haben. Ich habe sie zwar nicht gehört, lasse mir aber erzählen, dass er dazu das Statement „Songs kann man nicht auf Papier lesen, Songs muss man hören“ abgesondert hat. Nun ja, habe ich als Journalist oft gehört. Ist quasi ein Gemeinplatz. Wenn wir schon bei Gemeinplätzen sind: Dass Songtexte ohnehin nicht so übertrieben wichtig seien, habe ich auch oft gehört. Es ginge ja ohnehin immer um die Grundtatsachen des Lebens, um das, was uns bewegt: die Liebe vor allem, - und alles andere. Ernst Bloch, der neomarxistische Philosoph aus den siebziger Jahren, meinte dazu einst: „Musik ist eine Hure, die mit jedem Text geht“. Ist das nicht ein bisschen delikater? Ein bisschen raffinierter? Ob in jeder Musik ein Text verborgen ist? Eine Art „innerer Melodie“? Aus was könnte dies bestehen? Ist im Jahr 2017 wahrscheinlich etwas anderes, als im Jahr 1969..... Tatsache ist, dass in meiner Umgebung viele Leute, die sehr an Rock- und Popmusik interessiert waren, kein bisschen auf den Text gehört haben, wenn sie einen Song gehört haben. Was sie interessiert hat, war die Stimme und die emotionale Botschaft, die dahinter vage aufscheinte. Dazu trug auch bei, dass sie das englischsprachige Gesinge ohne eine weitergehende Bemühung sowieso nicht verstanden haben. Das Unmittelbare und Direkte, was ja auch zur Rockmusik gehört, fiel also in diesem Falle weg. Kommt es eigentlich darauf an, aus welchem Kontext heraus und in welchen Kontext hinein so etwas „gesendet“ wird? Ist die Erwartungshaltung gegenüber einem Singer/Songwriter-Nachfahren nicht ganz anders, als die einem Jazzer gegenüber? Es ist keine Beleidigung, wenn zu vermuten wäre, dass ein Jazzer kaum Wert auf besonders gepflegte Inhalte seines Textes legt.

Dass Musik erst aus dem Nachahmen von Tierlauten einst entstanden sei, behaupten ein paar Leute. Die Menschenaffen jedenfalls grunzen, kreischen, husten und murmeln. Tiere machen wohl keine Musik. Oder doch? Forschungen bei den Orang Utans könnten einen an solcher Erkenntnis zweifeln lassen. Ich las, dass Musik wohl bei den „Urmenschen“ entstanden sei, weil sie im Kollektiv einen Rhythmus stampften oder singen mussten, damit sie gemeinsam arbeiten konnten. Haha, daraus ließe sich manche flotte Paralelle zur Gegenwart herstellen. Gut, dass wir darüber geredet haben.....Rockkonzerte, Geschichte des Blues usw. Es gibt auch die Meinung, Singen sei wie eine Art nuanciertes Sprechen, eine religiöse Steigerung des Ausdrucks von Worten. Auch sei die Musik in den Menschen „eingepflanzt“. Das erlebe man daran, wie eine Mutter ihr Baby in den Schlaf wiegt. 

Beliebt ist auch die Frage unter Journalisten an einen „Künstler“, ob erst die Musik oder Text in seinem Song da (gewesen) sei. Es gibt solche und solche...Ja was jetzt? 

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Pop, Showgeschäft, Globalisierung

Ich bin ihm immer wieder begegnet, dem Missverständnis, dass Popmusik „nur etwas für junge Leute sei“. Dies ist einem vergangenen Begriff von einer Musik der Jugendkultur entlehnt und in dieser Form natürlich längst untergegangen. Pubertät und das Verlangen nach Identität mögen hier eine Hauptrolle gespielt haben. Der heutige Pop ist vielmehr Ausdruck der Globalisierung und des Jugendwahns, oder kompakt: des globalisierten Jugendwahns. Jeder kann, jeder darf, wenn er nur jung rüberkommt. Jung sein, bedeutet „aktiv“ sein. Entscheidend für alle Bemühung freilich ist der „Erfolg“. Es werden Castingshows abgehalten, über das Fernsehen natürlich, im Extremfall mit der Voraussetzung des Nichtskönnens, das aber extrem ausbaufähig sein muss, u.a. durch Dressur, Konditionierung, Training, Work, „Expertenrat“. Es gilt, sich Fertigkeit anzueignen, anonymes „Können“. Was winkt, ist die prinzipielle Ortlosigkeit, die höchste „Flexibilisierung“ und die globale „Durchdringung“ („Penetration“) der Märkte. Was früher Volksmusik war, ist heute industrialisiert: als volkstümliche Musik und Pop (populäre Musik als Gebrauchsartikel). Wer sich auf der Anlaufspur zur großen Karriere wähnt, soll ständig Fotos und Videos posten und die eigene Person in der Manier großer Künstler der Vergangenheit beweihräuchern. Generelles Marketing kann bedeuten: Ein Image, eine Aura, eine Marke aufbauen.

 

Es gibt sie aber jetzt massenweise diese Popstars. Insofern gilt die Notwendigkeit zur Distinktion (Unterscheidung), jetzt aber in einem ganz anderen Sinne als früher. Der gesellschaftliche Aufstiegskanal ist längst nicht mehr nur die Popmusik, sondern das Showgeschäft (das Zeigegeschäft“) ganz allgemein. Erfolgreich werden heute ganz andere „Figuren“, die vor allem für Konsum und Globalisierung (Verkäuflichkeit in allen „Regionen“ dieser Erde) stehen. Parameter wie "Leistung", gegen die mal eine ganze Generation leidenschaftlich war, haben ausgedient. Im Rahmen dieser Globalisierung, gilt es auch, den Alltag und seine Durchdringung mit Marken zu zelebrieren, ihn mit Glamour zu „umhüllen“, Verhältnisse zu verklären, kurzfristige Stories zu generieren und überhaupt: Kurzfristigkeit als Prinzip zu feiern. Ganz deutlich wird das an den globalisierten Erzeugnissen einer solchen Popmusik: kurzfristig eingängig muss es sein, zum Konsum einladen, in den Charts erfolgreich sein (wobei auch die Charts langsam aber sicher ausgedient haben, es gelten inzwischen vielmehr die Klicks...). Auch der längst zum Showgeschäft gehörende Fußball mit seinen Markenfetischs, den riesigen gehandelten und vorgezeigten Summen mag hier ein Beleg sein. Seine „Stars“ wechseln in schöner Beliebigkeit Vereine und Arbeitgeber nach Art eines Topmanagers, sie gehen unter dem Einfluss von seltsamen "Beratern"  just dorthin, wie für sie am meisten Geld fließt und glorifizieren sich durch die Medienindustrie als Unternehmen ihrer selbst. Sentimentale Bedeutungen ( wie „Werte“) haben sich längst auf die Bedeutung des Geldes verengt. Diese Bedeutung gilt generell. Wer sich seiner Diktatur mit einem möglichst entspannten Dauerlächeln fügt, wer "den Markt" als Legitimation für nahezu alles zu nennen bereit ist, gilt als „Profi“. Junge Leute haben so etwas internalisiert (verinnerlicht), sie scheinen nur eine solche Welt zu kennen, sie sind hineingeboren, für sie ist es weithin Selbstverständlichkeit. Für sie scheint in ihrer Mehrzahl nahezu alles Geschmackssache. Bewusste Unterscheidung ist nicht gewünscht und gilt als „verspannt“ oder „verkopft“. Dies gilt so lange, bis eine Führer- oder Gurufigur ihnen Anderes und scheinbar Überlegenes in den Kopf bringt. Diese Führer- und Gurufiguren sind oft „Prominente“, die sich aus irgendeinem Grunde zu einem Leben des immerwährenden Überflusses und der zur Schau getragenen Arroganz empor gehangelt haben. 

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Flötentöne von der Alb

Ich habe sie gehört, die älteste Flöte der Welt, ausgegraben auf der Schwäbischen Alb, wo die Höhlen jetzt als Weltkulturerbe der UNESCO ausgezeichnet worden sind. Die Flöte stammt aus der Eiszeit und ist etwa 40 000 Jahre alt. Sie mag somit das älteste Kunstwerk überhaupt sein, - derzeit. Für eine Ausstellung in Blaubeuren, die ich einst besuchte, war sie gespielt und aufgenommen worden, um sodann illustrierend begleitend zum Original-Fundstück eingespielt zu werden. Gut gemacht, so dachte ich damals! Wow, sie klang soooo gut! Ich habe ihren Sound immer noch in den Ohren! Ich hätte vielleicht etwas Krächzendes Ächzendes erwartet damals, etwas, was vielleicht dem großen Alter dieses Teils gerecht werden würde und einen Anfang markieren könnte. Aber nein, es klang supergut! Baden-Württemberg hat damit einen Superlativ zu bieten, - und nicht nur einen! Denn es sind weitere Teile ausgegraben worden, etwa eine kleine Statue, die als eine Kreuzung zwischen Mensch und Löwe bezeichnet werden könnte. Rätselhaft und sehr anregend, das. Kommt immer wieder in mir vor. Oder „die Venus vom Hohle Fels“, eine weibliche Menschenfigur, die wohl derzeit noch immer die älteste ihrer Art ist. Oder das wunderschöne Mammut, das jetzt im Archäopark Vogelherd bei Niederstotzingen im Original zu besichtigen ist. Was war das?  In der Region nahe Ulm, im Alb-Donau-Kreis und im Landkreis Heidenheim fing der eiszeitliche Mensch an, figürliche Darstellungen von Tieren und Menschen sowie die weltweit ersten Musikinstrumente zu erdenken und zu erschaffen. Wieso? Woher kam der Antrieb? „Ausgeburt der Phantasie“? Was machte er damit, dieser Eiszeitmensch? Welche Bedeutung hatte das für die gesamten Eiszeitmenschen? Gibt es Berührungspunkte mit dem religiös-rituellen Bereich? Oder hatte es gar keine Bedeutung? War nur schön.....? Gewisse Eiszeitmenschen wollten sich nur "entäußern"? Ich habe mit verschiedenen Menschen darüber diskutiert, nachdem ich von den Stücken selbst so fasziniert war.

Was könnte, was müsste das Land Baden-Württemberg daraus machen!!! Es ist eine Spitzenattraktion, die jeden Vergleich mit Derartigem (etwa in Spanien oder Frankreich, in das sich viele Menschen von hier aus zum Urlaub aufmachen...) aushält und sogar überflügelt. Die Originale sind in Stuttgart, Tübingen, Blaubeuren, Niederstotzingen und Ulm zu besichtigen. Also rund um Stuttgart, - und nicht nur in der Metropole. Das entspricht dem Geist des Landes Baden-Württemberg, das gerade nicht zentralistisch aufgebaut ist. Aber nun: Auf zum Archäopark Vogelherd (bei Niederstotzingen)! Das kleine Mammut dort (das Original!) zieht einen hinein, stellt einem Fragen, fängt einen ein, fasziniert einen und lacht einen aus. Das sind wir selbst, um etwa 40 000 Jahre zurück versetzt! Die Anfänge der Kultur überhaupt, nicht nur der Kunst!, sind damit gekennzeichnet. Und da sind sie nun. Was kann das heute mit uns machen? Und nicht zu vergessen: sie sind ja sooo schön.......

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Spiritualität und Musik (1)

Ja, ich war mal so: ich stellte mir die Musik als eine Art Sprache des Göttlichen vor. Als eine Art Energiestrahl, auf dem man näher zum Göttlichen gelangen würde. Als ein Medium der Selbsterfahrung auch. Näher zu sich selbst kommen, unabhängig von der Umgebung, in der man aufwächst. Meine Erziehung, aber auch der Zeitgeist, und die in solchen Vorstellungen offenbar werdenden Bedürfnisse hatten mir so etwas nahe gelegt. Das war der Anfang. Das war die Jugend. Ich habe dann im Laufe der Jahre erfahren, wie profan die Musik und das Musikmachen sein kann, dass es darin allzu oft mehr um technische Fragen, um das Beeindrucken, um das Üben und das dadurch zu verdienende Geld geht, als um spirituelle Fragen, um höhere Ziele. Viel viel bessere Leute als ich hatten nicht mal einen Gedanken an solche Zusammenhänge verschwendet. Sie richteten sich auf die möglichst perfekte Ausführung ein - und nichts anderes. Weltfremdheit wurde mir bewusst, Lächerlichkeit. "Die andere Ebene" rückte für mich dadurch immer mehr in die Ferne. Andererseits komme ich allmählich wieder der spirituellen Ebene in der Musik näher. Bloß viel vorsichtiger. Ich unterscheide genauer die Ebenen meines Ansinnens. Sich selbst finden? Ja, im besten Falle. Aber wann tritt der beste Fall wirklich ein? Geht das auch im puren Zuhören? Aufgehen darin? Sich finden? Wie können wir es unterstützen, dass er öfter eintritt, dieser großartige Moment? Das „Göttliche“ in mir selbst finden. Ja, es ist in mir, möglicherweise. Aber wie kann ich ihm besser näher kommen? Mit meinen bescheidenen musikalischen Möglichkeiten? Beschränktes Gegrunze, das. Ich hasse es. Lächerlich. Bin zu oft gescheitert, um daran noch zu glauben.... Überhaupt erscheint es mir immer fragwürdiger, sich irgendein Bild vom Göttlichen zu machen und sich ihm mit irdisch geprägten Vorstellungen nähern zu wollen. Ob aber die Musik an sich etwas irdisch Geprägtes ist?  Das stimmt nicht mit meinen Vorstellungen darüber überein, dass "das Göttliche" etwas Größeres ist, etwas, was über unseren Geist hinaus geht. Etwas, das andere und viel mehr Dimensionen hat. Welche Anmaßung, unseren Geist und seine Möglichkeiten, ja, überhaupt den Menschen absolut zu setzen! Vielleicht gibt es ja in uns eine Ahnung davon, was darüber hinaus geht? Der Atheismus war für mich nicht nur deswegen auch niemals eine Lösung, ein Ziel. Er war eine Art vergebener Chance, die sich mit zuviel Irdischem beschäftigte. Was ist die Musik überhaupt? Ob sie auch etwas kulturell Geprägtes ist, dem wir entgegen hecheln und dessen meist handwerklich definierte Ziel wir sowieso nicht erreichen....?

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Im Banne des Son

Wim Wenders' Film „Buena Vista Social Club“ war damals ein Welterfolg geworden und hatte eine Mode ausgelöst. Der Son, der ChaCha, der Bolero, die gesamte kubanische Volksmusik, war plötzlich sehr angesagt. Die auftretenden Bands waren meist – nach Vorbild des Buena Vista Social Club - mit sehr alten Musikern bestückt, die, wie man glaubte, ihr Handwerk trefflich verstünden. Vermarktungsmäßig hatte man sich voll auf die alten Kämpen gestürzt: Das war das Ding des Jahres! Das Politische blieb damals weitgehend ausgespart. Danach waren sie nach und nach gestorben, diese Größen einer bestimmten Musikrichtung, die Träger eines Gefühls war.... Aus, weg.  Wie war das nochmal mit „Guantanamera“, diesem Revolutionsschlager? War das nicht etwa auch hierzulande zum bekanntesten Lied der kubanischen Volksmusik geworden? Ich hingegen war bei der Zeitung der Beauftragte für diese Musik geworden, ich interessierte mich dafür, ich konnte mit ihr viel anfangen. Ihr Flow, ihr unbestimmbares Etwas war in mich eingedrungen. Ich erinnere mich, wie ich das Konzert des Buena Vista Social Club unter freiem Himmel im Ludwigsburger Schloss erleben und dann darüber schreiben durfte.... 

Egal, das ist Vergangenheit. Jetzt hole ich die CD „Buena Vista Social Club“ aus dem Regal, die ja wohl so etwas wie die Mutter des damaligen Booms geworden ist. Anfangs hatte mich Ry Cooder auf diese Spur gelockt. Der Mann war ja Weltmusikmäßig unterwegs, hatte etliche musikalische Wurzeln freigelegt, sich mit ihnen beschäftigt, sich ihnen mit seiner Gitarre angenähert und sodann eine eigene Vorstellung daraus gemacht, indem er ein Album daraus werden ließ. Das hatte mir damals sehr imponiert. Und jetzt hatte er sich unter diese fantastischen Musiker gemischt, flocht etliche typische Linien in ihr Musizieren ein, spielte sich mit ihnen Bälle zu, nahm sie lachend auf und verwandelte sie weiter. Der Pianist Ruben Gonzales, schon zu dieser Zeit hochbetagt, war mir stets aufgefallen. Welches rhythmische Feeling, welche Phantasie! Woher kam das? Ich erinnere mich, wie ich schon damals richtig staunte. Und jetzt: diese gestopften Trompeten, dieser Sound! Es mag damals auch etwas mit dem Aufnahmestudio zu tun gehabt haben. Dass das alles altmodisch mit Holz ausgekleidet war und eigenen Gesetzen der Akustik zu gehorchen schien, - man hatte das nicht anders erwartet und ich betrachtete dies als die richtige Umgebung für diese Musik. Ibrahim Ferrer, wie beseelt ist das denn? Solcher Gesang....sensationell. Auftakt: „Chan Chan“. Das war der Schlager damals. Mir fällt heute (im Gegensatz zu damals!) mehr der Gesang Ibrahim Ferrers auf und weniger die verschlupfte Slidegitarre von Ry Cooder. Ich lasse mich auf die emotionale Ebene absacken und fühle mich aufgehoben, einfach aufgehoben. Welch wunderbares Gefühl! Ich lasse mich für die Dauer des Albums auf diesem Gefühlsfilm gleiten und spüre dabei fast so etwas wie Euphorie.

Jetzt gehe ich hinein in Ibrahim Ferrers CD „Buenos Hermanos“, die daneben steht. Temperament, ja klar. Gefühl auch, ja klar. Aber dieser Sänger scheint es natürlich dosieren zu können. Und dazwischen seinen Musikern solistischen Auslauf zu gewähren. Ich bin jetzt im Fluss, kann nicht genug kriegen. Da orgelt etwas von Mauel Galban Gespieltes, was nur auf diesem Hintergrund so gut wirkt. Da ist ein Miteinander, ein geflochtener Teppich, auf dem sich Ferrers Gesang ausbreiten kann. Der Mann mit der weißen Rentner-Datschkapp musiziert mit Ry Cooder und überhaupt – dem gesamten Buena Vista Social Club. Ruben Gonzales ist nicht dabei – ob er damals schon gestorben war? Dafür Jim Keltner am Schlagzeug, der mir schon 1970 als Mitglied von Joe Cocker's „Mad Dogs and Englishmen“ aufgefallen war. Ein Mann der eher leisen Töne, der klug platzierten Akzente, der aus einem souveränen musikalischen Überblick heraus seine Rhythmen entwickelte. Ach, ich mag Jim Keltner! Hier spielt er oft mit Joachim Cooder zusammen an den Drums, dem Sohn von Ry, der seinem Vater oft assistierte. Jezt rüber zu Compay Segundo, dem Gitarristen des BVSC!  Die CD, die ich hier greife, heißt „Calle Salud“ und ist von 1999. Eingehüllt von zahlreichen Nachfolgern im BVSC spielt er hier ein paar wunderbar fließende Sachen, die vielleicht heute, so denke ich mir, im elektronischen MIDI-Modus nie so gelingen würden, egal, welche Sorgfalt man walten lassen würde. Das beiläufig „Normale“, das fließend aus dem Leben Kommende erschließt sich mir jetzt. 1999 war vielleicht alles schon gelaufen und die einstmals so Begeisterten in Richtung auf einen neuen Hype verschwunden. Eine Art Endmoräne und ein paar profilierte Musiker, samt ihren unglaublichen Tönen sind bis heute geblieben. Ich aber werde wiederkommen und immer wieder begeistert eintauchen in diese musikalische Welt. Super, dass ich dazu noch etliche CDs habe! Ich will sie im Zusammenhang von Anfang bis Schluss hören. 

Zurück geblickt

Ich blicke zurück auf meinen Rückblick. Und ich stelle fest, dass ich so gar nicht nostalgisch veranlagt bin. Es ist mir alles ziemlich egal geworden. Es ist in mir aufgegangen und vergangen. Es ist durch mich hindurch gegangen. Es hat mich geprägt. Ein Ausschnitt aus meinem Buch "Hinhören": 

 

"Ich lieh überall Alben aus und hing ununterbrochen am Radio. Diesem Ding mit dem magischen Auge. Telefunken. Ich war wie festgenagelt davor. „Die Mittwochsparty“ mit Peter Mordo. Rory Gallagher spielte noch mit The Taste und stieß gelegentlich sogar ins Saxophon. Eine Offenbarung. Aber davon gab es manche. Um 19 Uhr kam im damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) „Club 19“. Manchmal wurde eine Stunde lang ein Album vorgestellt. Mit Texten und Textübersetzungen. Ich nahm das sehr ernst und ging damit einher, überlegte, drehte und wendete das in mir. Jefferson Airplane. Doors. Jimi Hendrix. Hippies. San Franzisco. Flower Power. Das alles verband sich in diesem Sound und glitzerte verlockend. „Crazy Miranda“ von „Long John Silver“. … Wie Grace Slick das intonierte: “She believes in propaganda...“ Du gehörtest damit zu einer verschwiegenen Gemeinschaft, wie du später erst entdecktest. Damals war dir das egal. Du gingst vielmehr dem Ungeheuerlichen nach, warst davon unwiderstehlich stark angezogen. Da waren Leute, die sich auflehnten. Rebellion. Protest. Lange Haare. Das war dein Ding, besonders in dieser Pubertät, von der sie um dich herum so gerne redeten. Das wuchs dir auf natürliche Weise zu und war dir sympathisch.

Love like a Man, love is all you can...“. Der Mundhobel auf einem mit Papier überzogenen Kamm zeriss die Luft, ich versuchte, auf der billigst erworbenen Gitarre über das alte Radio zu spielen und etwas Brauchbares zu improvisieren. Wow, Röhrensound! Wir waren damals ein ad-hoc-Duo, Niels und ich. Begeisterung. Wir gaben alles, wir gaben das Absolute dieses Moments. Wir versuchten redlich, es herauszukitzeln. Wir gaben uns unseren dilettantischen Bemühungen hin und wir badeten in Lächerlichkeit. Wir spürten Push und Antrieb, während ich dazu auf der Skip-Trommel herum schlug, die ich mit einer aus einer Einkaufstüte gemachten Folie überzogen hatte. Aber: Wir waren dabei, waren ein Teil des Ungeheuerlichen. Des Abenteuers. Wir wühlten in diesem Dilettantischen in uns, wir hatten den Impuls und wir hatten Spass daran.

Die Musiker, die auf der Rückseite von Alben genannt waren, die lerntest du nun auswendig. Immer intensiver. Du hättest damals mehrere „Traumbands“ mit Studiomusikern zusammenstellen können. Auf irgendwelchen Schnipseln und Zetteln tatest du das auch. Sie mögen Studiomusiker gewesen sein, reine Umsetzer von vorgegebenen Ideen, insgesamt hatten sie dann doch wieder ihre Spezialitäten und Eigenheiten, die so anonym nicht waren. Sie waren einfach fähig, bestimmte Dinge sehr effektiv zu tun. Allmählich erkanntest du sie genau an ihren Eigenheiten, - oder an ihrer studiotechnischen Anpassungsfähigkeit, ihrer Versiertheit und ihrer Fähigkeit, in einem vorgegebenen Rahmen möglichst schnell und intensiv auf den Punkt zu kommen. Oder an ihrer seltsamen emotionalen Intensität." (Aus meinem Buch "Hinhören", Ulrich Bauer, ISBN 978-9462540538)

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Groove

Was der Groove ist? Hm, nicht einfach zu erklären. Ich versuche es mal wieder. Wenn er aber durch Worte ohne weiteres zu erklären wäre, wäre das schon längst geschehen. Durch bessere, kompetentere Geister. Es ist aber etwas Magisches, etwas Geheimnisvolles, das kaum in Worte zu bringen ist. Das ist unsere Chance. Es löst in uns eine Spannung aus, das ja. Es ist wie ein Puls, ein Flow der Energie, er ist stets präsent und er kann tausendmal musikalisch um dasselbe kreisen - und immer noch seine Macht entfalten. Er ist Liebe und Sex gleichzeitig. Er kann elektronisch, handgearbeitet oder sogar klassisch sein. Er kommt vor. Er ist eine Art umfassender Energie, er ist direkt und dreckig und er hat etwas Übernatürliches. Wir wollen ihn nicht überhöhen, - aber er ist uns ein schönes Rätsel. Er hilft uns in den Tag, er geht voran, er kann Treibstoff sein.  

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Morgendliches Genießen

Ich lasse mich mal wieder durch meine Plattensammlung treiben. Lasse mich auf Sachen ein, spüle zwischendrin (per Hand), sauge Staub und setze mich zur Lektüre hin: es gibt keine Schranken oder Beschränkungen, etwas, was besonders „angemessen“ wäre. Alles was, passieren kann, ist, dass ich den Faden verliere. Klar ist außerdem, dass ich nicht alles wirklich Wichtige habe. Es scheint mir endlos, dies Ziel verfolgen zu wollen. Trotzdem haben es manche Leute in meiner Umgebung besser geschafft...ich aber bin stilistisch breit gestreuter....). Ich habe gewisse Pfähle eingeschlagen, aus dies oder jenem Grunde. Nicht wenige Male habe ich in letzter Zeit den CD-Spieler um ein paar Titel zurückgesetzt, habe mir noch mal Passagen oder Titel zu geführt, habe das auf mich wirken lassen, habe es zu verstehen versucht. Ich lasse mich in Querverbindungen treiben, entdecke über die Zeiten hinweg Paralellen, etwas, was den/die Schaffenden möglicherweise weiter getrieben hat. Heute, am Sonntagmorgen habe ich bei Esbjörn-Svensson-Trio begonnen. „Seven days of falling“ war schon heraus gelegt worden. Wollte ich unbedingt wieder einmal bewusst hören. Habe ich dann mehrfach getan. Den Jazz leichtgängig und melodisch gemacht, ihm eine Art eigenen Flow gegeben, dazu seltsame Geräusche so eingepasst, als müssten sie dazu gehören. Markant über weite Passagen. Das war es, was ich in Erinnerung behalten hatte. Beim Hören stellt sich wieder einmal heraus, dass ich nahezu alles intus hatte, dass es längst ein Teil von mir geworden war. Doch mir erschlossen sich heute morgen neue Aspekte, neue Hörweisen, neue Wertungen, neue Vergnüglichkeiten. Ob das  ein Kennzeichen einer guten Produktion ist? Immer wieder neu zu erscheinen? Dicht daneben steht bei mir „Viaticum“. Ich greife die CD heraus und denke mir nach dem Anhören „Wieso habe ich sie eigentlich immer vernachlässigt? Sie ist viel feiner gestrickt als „Seven Days of Falling“. Jedenfalls offenbart sie sich mir in diesem Lichte heute morgen. Danach „Leucocyte“, eine Art verbiestertes Abschlusswerk, nachdem der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Klar, dass damals alles Mögliche reinprojeziert worden war. Die herben Passagen sollen das Unheil bereits vorweg genommen haben. Die Ausweglosigkeit der Unterwassersituation. Gerade die krachigen Passagen zeigten auf den Tod, hieß es. Aus größerer Distanz betrachtet erscheint mir das fragwürdig, zu leicht, zu vordergründig. Die krachigen Passagen scheinen mir eine eigene Existenzberechtigung zu haben, sie scheinen mir einen Weg angedeutet zu haben, den das Esbjörn Svensson Trio vielleicht gegangen wäre. Ich gehe danach kurz rein in die Scheibe „Beat“ des Tingwall Trio, ich höre bei Keith Jarrett nach, ich lausche dem Album „Hidden Beauty“ des Trioscence: alles Möglichkeiten, alles Annäherungsweisen. Alle sind sie womöglich von Esbjörn Svenssson beeinflusst (Natürlich außer Keith Jarrett..., überhaupt: die "amerikanische Richtung" mit Herbie Hancock oder Chick Corea scheint mir noch einmal ganz anders zu sein). Alle gehen sie zurück auf eine minimierte Triobesetzung, mit der sie allerdings neue Räume zu betreten scheinen, oder alte Räume neu kultivieren. Das verschafft mir ein gutes Gefühl. Das gibt mir Energie. Wow!

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Einstecktaschenpop

Es ärgerte mich einst zunehmend dieser „Einstecktaschenpop“. Es wurden dabei CD-Tonträger in ach so umweltfreundlichen Papp-Covers auf seltsame Weise versteckt. Man musste sie erst mal entdecken, wie sie da so fantasievoll drin steckten, in den ach so fantasiereichen Faltungen der Pappe oder dieses Spezialmaterials, - das sicher auf sehr umweltschonende Weise verarbeitet worden war? Zumindest sah es oft so aus.  Meist steckte in der leicht teureren „De Luxe“-Version auch noch eine Bonus-DVD drin, die man erst mal sauber von der Audio-CD abgrenzen musste, ansonsten wunderte man sich permanent, dass im Player so gar nichts zum Laufen kam. Ob das Ding dadurch kaputt ging? Schwer zu sagen..... Doch das scheint zunächst vorbei zu sein. Das Artcover, selbst im CD-Format, scheint passé. Dabei war es doch immer so, dass die Art, wie ein Cover aussah, wie es gestaltet worden war, uns durchaus beeinflusste: Es weckte Erwartungen, illustrierte, schaffte einen visuellen Rahmen, es machte uns an, es verlieh dem Projekt und der Einmaligkeit Gesichter und Strukturen. Es hob das Eine von dem Vielen ab. Es war auch etwas zum Anfassen. Doch nun scheint die „nackte“ MP3-Datei alles zu beherrschen: keinerlei Erkennungszeichen mehr, kein visuelles Erlebnis neben dem auditiven, keine gegenseitige Beeinflussung der Wahrnehmungsebenen. Dies erfolgt nur noch über begleitende „Star“-geschichten. Musik ist gesichtslose, anonyme Massenware geworden. Dass es bei solchen Rahmenbedingungen nicht mehr hauptsächlich um die Musik selbst gehen kann, ist klar. Gerne denkt man angesichts dessen an die Zeiten, in denen man seinen Grips anstrengen musste, um überhaupt an die Musik zu kommen, in denen die Verpackung eine Art kreativer Leistung darstellte. In einem seltsam überkommenen Sinne musste man sich Musik (bei minimalem Aufwand....) erst mal „verdienen“, ehe man sie genießen konnte.  Im stillen Kämmerlein auch und nicht nur im "Club". Zuhören und auf sich wirken lassen, etwas erkennen und seine Absichten erraten, erzeugte eine Qualität, die nur auf diese eine Platte zutraf.

The Show must go on

Ich erinnere mich noch, als ich eine internationale Künstlerin darauf ansprach, dass ihre Konzerte manchmal wie Inszenierungen wirken, künstlich, ausgedacht, kalkuliert. Sie reagierte, indem sie lächelnd darauf verwies, dass in Popkonzerten heutzutage alles durchgeplant, kalkuliert, programmiert und ausgedacht sei, so dass sich wenig Spielraum für spontane Einfälle böte. Ich brachte das durchaus in Zusammenhang mit meinen Beobachtungen. Aber es drängte sich in mir eine Anmerkung mit einer Art Grundgedanken des Rock auf, die ich aber unterließ. Es galt ja schließlich, ein Interview zu machen, und nicht, eine Diskussion zu führen. Doch war ja nicht das Heben kreativer Energien, das Freilegen von Räumen für spontane Einfälle, eine Nähe von Künstler und Publikum samt dem Aufbauen eines Kontakts, der gerade nicht durchgeplant war, eine Empathie für die vielen vergnügungssuchenden Leute, eine gewisse verspielte Leichtigkeit, die Improvisation und das aufregende Reagieren von Könnern auf augenblickliche Impulse ein wichtiger Bestandteil der Rockmusik gewesen? Was hatte diese häufigen Kostüm- und Kulissenwechsel, diese gewaltigen Screens mit der medialen Verdopplung des Geschehens dort auf der Bühne, damit noch zu tun? Wieso steht die Showinszenierung dermaßen eindeutig im Vordergrund solcher Konzerte? Ist das wirklich der Zug der Zeit? Hat das etwas mit „Formatierung“ zu tun, und dies etwas mit dem Geldverdienen um jeden Preis? Mit der oft zitierten "Selbstoptimierung", mit der Professionalisierung? Mit einer Servicementalität? Oder gibt es eine Art „geheimes“ Aufbegehren gegen solches durchgeplantes Abkassieren mit Konzerten? Ist das die vielbeschworene „Vermarktung“? Inszenierung? Ja klar. Aber dermaßen eindeutig und als Monokultur? Ablaufsteuerung um jeden Preis? Menschen in technischen Prozessen. Ob das ein bisschen an industrielle Abläufe erinnert? Auch an den derzeit grassierenden Populismus mit all seinen wohlabgerufenen, einstudierten Reflexen? Das Einfache, Elementare ansprechen? Mobilisierung von schlummernden Energien? Ja, - aber mit dem klaren Ziel des Abkassierens? Ein ständiges „Tun-so-als ob“? „The Show must go on“, im Streit um „Urheberrechte“? Wo bleibt da die Ironie, der Abstand zu den Verhältnissen, die Distanz zum Tun der Showbranche? Hätten Popmusiker nicht auch etwas Unberechenbares? Wird da ein gewisses Verhalten eingeübt?  Wo bleibt da der Ausbruch aus den vorgegebenen Rollenmustern? Der Beispiel sind da leider wenige. Aus den USA kommen sie kaum.

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Roboterpop

Ob es bald möglich sein wird, dass Maschinen im Stile Johann Sebastian Bachs komponieren können, einfach weil sie es durch selbständiges Lernen gelernt haben? Kompositionsroboter by Deep Learning? Ob spätestens dann der Nimbus des Originellen und Individuellen erledigt sein wird? Die Popmusik macht es ja schon lange vor. Wahrscheinlichkeiten werden hier erwogen, Strukturen kondensiert, auf Akademien gelehrt und in musikalische Verläufe umgerechnet, ganze Produktionsteams arbeiten sich an spezialisierten Bereichen wie etwa „Hooks“, „Songstruktur“ oder Refrains ab. Es herrschen große Organisationseinheiten, nicht mehr ein Individuum. Im Vordergrund tummelt sich dann der große Star, stilisiert mit mailen Mitteln, die Puppe, die der Menge ihre Sehnsüchte vorspielen und verkörpern soll. Der Mythos des reich Werdens: Aufstiegskanal nach oben. Es geschafft haben. Gegen alle Widerstände, wie man später überall erzählen. Der Mythos des Tellerwäschers, der Millionär wird.

 

Doch erst kommt das Track’n’Hook-Verfahren. Es kommt der elektronische Track und dann die Melodie darüber, etwa die Hook. Darüber arbeiten die Topliner, die ins Studio gehen, sich den vorher produzierten elektronischen Track anhören und dann einen zusätzlichen Hook darüber legen, eine kleine Melodie, ein rhythmisches Bonbon, ein markantes Drumroll etc.. Erst ganz zum Schluss kommt der Text. Die Bedeutung ist unwichtig, Wörter sind Rhythmus und Platzhalter. Das alles wird an den Künstler geschickt, der aus der Ferne sein Placet gibt, der darüber singt und sich selbst als Mitautor nennen lässt. Ob sich das Ergebnis etwas unpersönlich anhört? Macht nichts, denn die zu erreichenden Konsumenten sind ja auch nicht gerade die Ästhetik-Gourmets. Sie haben allenfalls Hörgewohnheiten entwickelt, die nicht allzu fern von denen entfernt sind, die da jetzt auf sie einströmen. Ab in die Charts, das ist das Wichtigste.  

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Was Popmusikkritik könnte

Natürlich ist man als Kritiker oder Beurteiler allerlei Beschimpfungen und Anfeindungen ausgesetzt. Ohne Ahnung! Idiot! Wie käme man überhaupt dazu? Das sei ja eh wohl alles Geschmackssache usw...... Die Einwände prasseln auf einen herein. Bei Anrufen habe ich immer versucht, meine Kriterien, so gut es ging, zu erklären. Ich habe versucht, auf mein Gegenüber zuzugehen, ich habe versucht, mich zu erklären, zu begründen, mit Sinn zu unterfüttern. Damit habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch mit geschmacklich scheinbar weit entfernt liegenden Menschen war auf diese Weise manchmal ein guter Dialog möglich, der auch mir viel gebracht hat. Also im Folgenden ein paar der von mir erwähnten Methoden, um Pop- und Rockmusik beurteilen zu können:

 

Ich setze meine eigene Perspektive nicht absolut, behaupte sie nicht flott als die einzige Gültige (wie so oft verlangt... das gäbe „Orientierung“). Ich bringe meine Subjektivität zwar ein, setze sie aber nicht absolut. Ich versuche, die allgemeine Ebene der Rezeption mit einfließen zu lassen, die breite Masse derjenigen Leute, die das Phänomen Popmusik und darin die Kategorie „Erfolg“ prägen. Was sie treibt. Was sie fühlen. Was es ihnen gibt. Auch einem Nischenpublikum. Dafür versuche ich bei mangender eigener Erfahrung zuvor zu recherchieren. Ich vermeide die Formulierung „Man....“ so gut es geht. Meine Urteile sind diskutabel. Nie endgültig. Ich bleibe immer flexibel, obwohl die Öffentlichkeit gerade das nicht will. Gleichwohl habe ich im Hintergrund (!) eine relativ feste Wertematrix. Kreativität und Originalität sind mir dabei hohe Werte. Auch Handwerk ist ein Maßstab. Eigenes. Neues. Spezifisches. Ich beurteile das alles auch aus meiner langjährigen Hörerfahrung heraus. Ich versuche nicht, von einer Servicementalität der Auftretenden auszugehen, Erwartungen voran zu stellen. „Ausstrahlung“ scheint mir ein vergleichsweise subjektiver Wert. Gleichwohl versuche ich, Körpersprache/öffentlichen Auftritt (Darbietung, Anmutung...) aufzunehmen und in die Betrachtung des Gesamten mit einfließen zu lassen. Wer soll angesprochen werden? Ist mir dies erkenntlich, kreuze ich das mit meinen anderen Erkenntnissen. Was will jemand erreichen? Mit welchen Mitteln? Wie gelingt es ihm/ihr/ihnen, dies umzusetzen? Was ist seine spezifische Intensität? Erreicht dies ein Publikum, geht es erkennbar darum, Reflexe abzurufen (auch eine Frucht vieler Konzertbesuche)? 

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Profit-Pop für manche

Die Egozentrik der sogenannten Künstler scheint sehr ausgeprägt und folgt insofern dem Modell des Neoliberalismus: Jeder für sich, alle gegen einen. Bei Konzerten ist es manchmal erschreckend. wie wenig lokale Musiker für das Schaffensresultat des jeweils anderen Interesse zeigen, wie sie die Zeitgeistsurfer kalt zu lassen scheinen. Wie wenige von ihnen dabei sind, anwesend sind. Wobei die hohen Eintrittspreise durchaus auch dazu beitragen dürften. Wer soll sich da noch informieren können? Diese lokalen Musiker scheinen viel zu sehr mit sich selbst und den Erfordernissen an ihre Person beschäftigt. Auch bei den elektronisch gespeicherten Medien scheint es sich so zu verhalten: Interesse für den anderen ist nicht vorhanden. Alle produzieren nebeneinander her. Niemand interessiert sich für den anderen. Oder doch? Gelegentlich, ein bisschen? Alle tun sie so, als seien sie voll informiert und würden über eine Art Geheimsprache der gegenseitigen Kommunikation verfügen. Dabei bohren sie alle in irgendeiner Nische dicke Bretter oder weniger dicke...... Hauptsache der Bauch ist voll und das Konto irgendwie befüllt. Respekt? Ja, solange es nichts kostet. Alles gilt, alles geht, ist möglich. Immer noch. Selbst in harten Zeiten. Das geheiligte Ego wird angezapft in optimierten Verhältnissen. Sich selbst finden, zwischen Feng Shui und Sushi, das ist immer noch ein bisschen anstrebenswert.  Möglichst einen Werbeclip für einen Multi absondern, das wär's. Weil der so gut zahlt. Werben, egal für was. Die Herren in den beschlipsten Anzügen klatschen wohlgefällig Beifall: „Könnte passen“. Den Klang für die Hofnarren liefern, auf Bestellung. Ob das die niederste Kaste ist? Das Allerletzte? Sie sind ja bloß Handwerker. Es geht da sicher noch mehr.

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Songs für Kunden

Das Wort und die Relevanz sämtlicher Äußerungen des Individuums überhaupt scheint in unserer Gesellschaft doch stark zurück gegangen zu sein. Dabei wird es nostalgisch immer noch gerne simuliert, liebevoll gepflegt, in Nischen gezüchtet - stirbt aber auf vielerlei Wegen aus. Was vorerst bleibt, sind vielleicht Fragmente, Fetzen, Verfremdungen (auch in meiner Musik). Erinnerungen, gespeicherte Intensitäten, vergessene Strukturen, ein nostalgisches Gefühl von Aufbruch. Anarchisch. Chaotisch. Ein offener Horizont. Ich mache mir hier und jetzt auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei, - sie sind Erleichterungen und gleichzeitig geöffnete Schleusen. Der „Einzelne“ (die „Person“) scheint ohnehin selbst sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden oder zunehmend werden. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Die Aufmerksamkeit wird gelenkt. Die Lüge beherrscht unmerklich vorrückend und die Gedanken verschleiernd das Feld. Es herrscht das Kollektive, der Schwarm, die Masse, „Big Data“, der Algorhitmus, das kalte Berechnen, - auch und gerade der Emotionen.

Klar, dass diese Szenerie im Gegenzug die „Experten“ (in die oft das Individuelle“ hinein projeziert wird) zu ihrem Spielfeld gemacht haben. Spezialisten drängen sich vor und erklären das Allgemeine für ihres. Sie kennen sich aus. Sie scheinen über Spezialwissen zu verfügen, wissen es besser. Das Überindividuelle (z.b. die Auswahl aus 30 Yogurths) findet sein Gegenstück im gleichförmig Uniformellen. Das technokratisch „Gekonnte“ scheint das Ideal, nicht das Erschaffene, aus dem Nichts Geschöpfte, das mit Erfahrung Unterfütterte. An seine Stelle tritt das zurecht Manipulierte, das Angeordnete, das Programm. Reize werden abgerufen. Das „Tun-so-als-ob“ beherrscht die Szenerie. Eine Scheinindividualisierung verkauft sich, wird im Hintergrund aggregiert und zu Werten verarbeitet. Fingierte Authentizitäten überwältigen. Songlyrics werden heutzutage „gemacht“, zusammengesetzt aus Versatzstücken, aus Phrasen, Klischees, aus synthetischen Perspektiven. Es wird alles immer austauschbarer, es wird zur kalten Ziffer, zur Zahl, zum manipulierten Etwas. Das Analoge, das im alten Sinne „Tatsächliche“, wird von grinsenden Technokraten oft zum disfunktionalen (Kosten-)Faktor erklärt und sofort ausgemerzt. Freigesetzt. Entlassen. Hinaus geworfen.

Auch Bob Dylan, dies alte Chamäleon, hat mit seinem jüngsten, etwas narzisstisch eitlen Zaudern bei der Übergabe des Nobelpreises vielleicht ein Zeichen in dieser Richtung gegeben: die bisherigen Mechanismen sind ausgeleiert und bis zur Unkenntlichkeit missbraucht oder kompromitiert. Sie gelten offenbar längst nicht mehr im Verhältnis 1 : 1. Es haben sich längst andere (meist ökonomisch konnotierte) Faktoren dazwischen gedrängt. Oscar und Grammys sind mit Verkaufszahlen solide unterlegt, der Erfolg bemisst sich in Umsatz. Der Mensch reiht sich freudig ein und wird willig Kunde. 

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Alternde Popstars, Welten im Wandel

Was heißt es, beispielsweise für alternde Popstars, den „Zenit überschritten“ zu haben? Eine „Marke“ samt ihres Bedeutungsvorhofes mittels eines Auftritts noch einmal vorführen? Scheinbare Zeitlosigkeit zelebrierend. Etwas verstetigen, etwas verfestigen, was einst der ewigen Jugend geschuldet war, was ihr überantwortet war, was aus ihr gewachsen ist? So etwas wie die ewige Kreativität? Sie überführen in eine öffentlich bestätigte Selbstvergewisserung? Nach dem Motto: Alles hat seinen Preis, - ich auch. So etwas bedeutet gesellschaftlichen Status in der Industriegesellschaft. Das ist einwandfreie Servicementalität. Sich nachträglich vergewissern, dass man nicht nur Mist gemacht hat? Eine kollektive Vergewisserung dergestalt, dass man den Leuten gegeben hat, was sie wollten? Materialisierte Träume. "Gekonnt" aufbereitete Lügen. Sie zu seinem eigenen Zweck geformt: es ist eine Urfigur des Bestehenden. „Slowly fade away“? Oder vielmehr die sich selbst bestätigende Wiederholung? Das Angekommensein im gesellschaftlich Produktiven, das auch entsprechend honoriert und belohnt wird? (nur halt als wohlfeile Erinnerung...) Eine Bedürfnisbefriedigung der Vielen, so, wie es diese Gesellschaft verlangt. Das Aufgehobensein im Kollektiven? Ob Künstler sich jemals als ein Instrument dieses kollektiven Willens gefühlt haben?  Manche ja, die meisten wahrscheinlich nicht. Ein „Sich spiegeln in der Masse“? Formulierung einer Generation, einer gemeinsamen Zeiterfahrung? Das Ausloten eines gemeinsamen Raumes und ihn überführen in unglaublich unsäglich triviale Aussagen? In Refrains gezwängte Parolen. Mittels gefällig verpackter Klischees. In nette Eingängigkeiten, scheinbar beiläufig, - „Halt so...“. Sich für Werbeclips verkaufen. "Wieso nicht?" Teil einer Umgebung sein, einer Dauerpräsenz. Nichts dabei finden. Sich als gezielte Marketingspekulation abgeben, die freilich verinnerlicht wurde nach dem Motto: „das ist professionell, so ist das Geschäft“. Das Spiel von Angebot und Nachfrage spielend. Ach, diese peinlichen und in Reime verpackten Unsäglichkeiten als letzte Gewissheiten verkaufen in einer Welt des ständigen Wandels und der Unübersichtlichkeit? Ein trotziges Festhalten? Es ist dies alles auch – und noch viel mehr. Es zu erkennen wäre erstmal wichtig und primär. Was uns umgibt, umschwirrt und wieder vergeht... Nicht nur "Gefällt mir" klicken..... Zu ahnen, wieso, könnte auch lohnend sein.....

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Pop und Rock im Fluss der Zeit

Es gab diese Popfiguren ums uns herum – dass wir keine klassischen Pophelden hatten, rechneten wir uns stets positiv selbst an. Wir selbst waren so etwas wie Avantgarde, - aber ohne Dünkel. Uns gefiel etwas, aber im nächsten Moment gefiel uns auch etwas anderes. Wir hatten beispielsweise Frank Zappa auf dem Schirm, sahen und hörten sein Werk aber als stete Herausforderung an unsere Phantasie. Wenn jetzt aber all die Alten gestorben sein werden, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass uns eine Art von Kulisse umgab, die ein bisschen zeitlos war und wie eine fortwährende Selbstvergewisserung wirkte. Es war eine Kulisse verschiedener Köpfe und Gewissheiten, deren Musik wir wie Nektar einsaugten. Diese Musik war oft mit großen Expressionen gesegnet, individuell und speziell. Wir waren die Kenner, die dass Stargetue eher belächelten und denen es vor allem um die Musik ging, um Haltungen, Einstellungen sowie um die Weltsicht, die damit verbunden war. Offenheiten. Wir waren so etwas wie Gourmets, die ihre Vorlieben pflegten. Wir waren zu einer Art von Gourmets geworden, die die darin auch den Zeitgeist und gleichzeitig das Zeitlose darin aufzuspüren versuchten. Wir pflegten einen weiten Blick und wir waren stolz darauf, dass wir uns auch in den verschiedensten Nischen auskannten. Dies wird wohl auch die Stelle sein, an der ich mich abkoppelte vom Zeitgeist, dem alles immer schneller verderblich und vergänglich geworden ist und der bewusst oder unbewusst alles zur Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung zu missbrauchen versucht.

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Musik spielend

Ich habe stets das Disparate zusammen zu denken versucht, das, was nicht passt, die Gegensätze zusammen zu zwingen, sie zueinander zu biegen, - wie in meiner Musik (hier auf dieser Homepage auch Icon "Musik")  und meiner Denke. Die unerwarteten Brüche anstreben. Das Uneinheitliche. Neue kreative Räume dadurch erschließen, sie sollten für mich aufgehen. Meine jüngste Musik aber ist eher eine Erinnerung an meine Vergangenheit, mit heutigen Mitteln realisiert. Sie hat sich dazu (rück-) entwickelt. Ich merke, wie ich schon länger dabei bin. Im Leben und in der Musik. Ich suche dazu die spontanen Ergüsse. Den Versuch, in sich zu finden, spontan auszugraben und dadurch Authentisches zu finden, - noch nicht aufgegeben. Damals, in den Achtzigern, war das ein scheinbar vorgegebenes Ziel. Es war weithin akzeptiert, wenn auch unterschwellig. Heute, 2017, mache ich das aus einem weiteren Gesichtskreis heraus. Natürlich sind andere besser darin. Klaro. Das habe ich aber vergessen. Andere sind immer besser. Meine eigenen Wurzeln anzuzapfen, ist mein Ding. Es kommen zu lassen, statt es bewusst herbei zu führen. Einen Ausgleich dadurch zu schaffen. Möglichst das aus sich heraus holen, was hinein gegangen ist. Zu spielen mit Stilmitteln, mit Verweisen, mit Anspielungen, indirekt, unaufdringlich, nicht notwendig dem Dekonstruktivismus zugewandt. Kein intellektuelles Konzept verwendend. Eher meine Biografie umsetzend. Mir selbst. Mir im weiteren Sinne. Meine Brüche. Mein Zerfallen im Nichts auch. Die sanften und unsanften Nabel der Digitalisierung aufnehmend. Die kollektiven Verweise. Meine Undeutlichkeiten und mein Versuch, deutlicher, klarer, übersichtlicher, allgemeinverständlicher zu werden. Meinen Spekulationen spielend Formen geben. Auch im scheinbar Konventionellen und allzu Einfältigen. Strukturen einsetzen, aber sie nie ernst nehmen. Die „grauen Anzüge“ von einst haben heute einen anderen Inhalt. Noch immer gemahen sie, alles ernst zu nehmen, was sie absondern. Doch sind sie in Wirklichkeit reine, unkennbare und anonyme Funktionsträger, die ihr öffentlich dargebotenes Ich gänzend ausleuchten lassen, die es als grelles Vorbild und Leitbild zu präsentieren. Künstler passen sich ihnen gerne an, ja, sie lassen sich oft allzu willfährig zur Werbung missbrauchen. Sie spielen zur Lust und Gefallen auf. Ich nicht. Ich alter Negativist......

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Neugier

Was mich immer getrieben hat, auch in der Musik: Die Neugier. Wie andere Menschen etwas machen, wie sie sich ausdrücken, wie sie sich formen lassen, von Gruppen und Institutionen, wie sie Zwecken dienen, sich in Zwänge begeben, wie sie ein Ziel anstreben, das ich zu erkennen versuche. Wie sie „ihre“ Lösungen gefunden zu haben scheinen, die im besten Fall ihren „Stil“ ausmachen können. Konzerte, CDs, Alben, Aufsätze. Die Neugier treibt uns in andere Wirklichkeiten, auch auf unspektakuläre Weise. Sich überraschen lassen von dem Anderen. Andere Ausdrucksformen kennen lernen. Eine andere Perspektive dadurch einnehmen. Nicht nur dem Gewohnten, dem Gelernten und den eingepflanzten Routinen frönen, sondern sich mit dem Neuen und Unerwarteten konfrontieren. Sich auf unbekanntes Gebiet begeben und zunächst zuschauen, welche Kräfte hier wirken und wie sie das tun. Natürlich irgendwann zu einem Urteil kommen, das aber von einem selbst in solcher Konfrontation erarbeitet wurde, in solchem Bemühen, in solcher Neugier. Sich selbst dadurch erkennen und neu vermessen. Ein Ziel zu erkennen versuchen und das Erlebte daran messen. Was beispielsweise will Punk? Was ist das Ziel einer Laurie Anderson? Eines Eric Clapton? Eines Neil Young? Von Bands wie Led Zeppelin oder The Rolling Stones? Zuviel der Altvorderen?  Ist die Epoche solcher großer Individuen vorbei und teilt sich das Geschehen mittlerweile auf "Künstlergruppen" auf? Schnelle Sinnzuweisungen, die auch schnell wieder vergessen sind. Drängt alles zu Technokraten hin, die scheinbar wissen, wie etwas geht und funktioniert? Findet so etwas auch in der Wissenschaft statt? Ist so etwas „Grassrootsorientiert“ oder elitär? Was sind kreative Einfälle und wie können sie unser Dasein bereichern? Wer hat sie aufgrund welcher Einstellungen? Dahinter neugierig zu bleiben, solche Fragen nicht als abgeschlossen oder beantwortet zu betrachten, könnte ein Lebensziel sein, könnte uns fast jeden Tag den überraschten Blick nach draußen ermöglichen.

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Stehplätze des Populären

In der Rock- und Popmusik fungieren die Allzweckhallen durchweg als Kulturtempel. Sie sind der Jenseits- und Wallfahrtsort, den zuweilen dicke Busse voller "Fans" ansteuern. Es wird klar, dass populäre Dinge wie Popmusik eine große Nähe zum Sport haben, - und umgekehrt. Ich schrieb einst in einer Notiz dazu: "Mir war die ganze Zeit über bewusst, dass hier Menschen wie Vieh behandelt werden, - allein schon sichtbar an den Gattern, die für Sicherheit sorgen sollen". Der Preis für eine Eintrittskarte ist trotzdem hoch, der angebotene Service mies und durch eine gewisse, überkommene „alternative“ Einstellung legitimiert. Direkt und roh soll es ein. Hart.

Wenn das besser sein würde, müssten Konzerte noch teurer werden, so höre ich zuweilen. Dieser Bereich des kulturellen Schaffens sei ja nicht subventioniert. Sitzplätze? Iwo, wer baucht denn sowas? Wir sind doch jung! Stehplätze? Plätze? Gedränge? Das macht es ja erst interessant. Tuchfühlung. Nähe. Die gemeinsame Ausrichtung der Gefühle spüren. Sprechchöre, Mitklatschen, Dabeisein. Ja ist der Mensch denn eine Massenware geworden, die viel bezahlt hat und damit - ihren Zweck erfüllt hat? Wo bleibt die Kohle hängen? Wer greift das ab? Und wo bleibt das einstmals alternative Selbstverständnis? Hier die Masse, dort droben in weiter Entfernung die Bühne mit den Stars. Freiheit, Gleichheit, oder gar „Brüderlichkeit“? Haha, hängt damit die "Nähe" zusammen? Klar, dass das alles längst untergegangen ist. Nur, wo bleiben diese einst jungen Menschen, die das ganze alternative Getue manchmal dermaßen ernst genommen haben, dass sie sogar dafür gestorben sind oder zumindest dafür bereit waren? Mit denen man eine gewisse Gemeinsamkeit der Hoffnung auf Besseres gespürt hat? Was geblieben ist, sind das Copyright und einige halbwegs anmaßende „Künstler“ samt ihrer geldgierigen Sachwalter. 

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Rock-Rebellion?

Und? Gab es einmal die große Verweigerungspose? Den Aufstand der Anständigen? Oder war's nur Mittel zum Zweck, um möglichst viel Geld mit einer Haltung zu verdienen, der sich möglichst viele (möglichst kaufkräftige) Leute anschließen sollten? War Punk real? Oder nur eine Pose und Show, zu der sich einige surreale Großmauligkeiten ordneten? Nicht nur im Nachhinein könnten sich diesbezüglich einige Zweifel ergeben. Ob der Nihilismus dort seine Grenze hatte, wo es ums Geldverdienen ging? Was bedeuten und bedeuteten Sicherheitsnadeln in der Backe? Irokesenschnitt. Durchlöcherte Hose? Ob das nicht inzwischen zu einem wohlfeilen Accesssoire aus dem reichhaltigen Fundus der integrierten Zeichen und Symbole geworden ist? Ob solche Dinge inzwischen für eine Art dekadentern Chic stehen und längst ein Teil eines destruktiven Gesamtsystems sind? Ob nicht Drogen eines Tages alles vernichtet und unter sich begraben haben, was da an scheinbaren Idealen vor sich her getragen wurde? In Swimmingpools und luxuriösen Großvillen? Ob nicht unerschrockene Motorradfahrer, die in legendären Filmen durch den US-Westen steuerten und wilde Lieder der unabhängigen Vitalität im Kifferrausch grölten, heute der Autoindustrie gegen gutes Geld für Werbe-Spots zur Verfügung stehen? Gilt es, witzig zu sein und schnell auf den Punkt zu kommen? In der Werbewelt ist Zeit teuer. Sie bemisst sich in Geld. Alternative, Müslis, Vegetarier und Veganer, samt ihrer Glaubenssätze: wo sind sie inzwischen? In einer mit allerlei Echo-Kammern wohlausgestatteten Nische gelandet, der das Gesamte so ziemlich egal ist? Die sich gerne in Kursen und Workshops mit Gleichgesinnten trifft? Die das alles als große Toleranz verstanden wissen will? Überhaupt, ob nicht Toleranz allzu oft in eine Gleichgültigkeit abkippt? Ob sich Solidarität und Selbstverwirklichung beißen? „Anarchy in the UK“, was war das eigentlich?, - so denken wir heute. Eine Anekdote der Zeit? Das Gebaren einer Wildheit, die nur auf Geld zeigte? Ließen wir uns austricksen? Showgeschäft? Kopiert und bezahlt? Nahmen wir das Falsche zu ernst? Oder ob es ein Lehrstück der subkulturellen Selbstermächtigung war? Wir sollten nicht so tun, als wüssten wir Antworten auf solche Fragen. Als würden wir es durchschauen, - das Stück, die Aufführung und Inszenierung.

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Im Flow der Worte

Ob es hierzulande eine arrogante und gewöhnlich gut bestallte Blase von eigentlich recht braven Kritikern gibt, die dem gemeinen Volk der Popmusik ihren Geschmack aufdrücken wollen? Ob sie in der Not auch die von ihr in jeder Hinsicht weit entfernte Szene der US-Rapper und Hiphopper verherrlicht? So kam mir neulich wieder eine Schreibe unter, in der eine Hip-Hop-Formation von sich behauptete, die „Beatles dieser Generation“ zu sein. Nun ja, die Protzerei und das etwas übersteigerte Selbstbewusstsein ist in dieser "Szene" ja obligatorisch. Langweilig. Solche Übertreibung macht sich in diesen Kreisen ja nicht nur an Maschinenpistolen, exotischem Drogeneinsatz, am besten Crack, den kurvigsten willfährigsten „Bitches“ und den fettesten Goldkettchen am Hals fest. Trotzdem verstieg sich jener Kritiker dazu, deren Produktion „atemberaubend gut“ zu finden. Nun ist ja wohl kaum die persönliche Sympathie für Personen oder damit verbundene Haltungen für die Qualität ihrer Produkte fest zu machen. Im Gegenteil. Die miesesten Leute machen oft die beste Musik. Der Knackpunkt ist ja wohl eher, ob der jeweilige Kritiker irgendeinen Bezug zur Alltags- und Lebenswelt dieser Rapper oder Hiphopper hat, von der aus er ihre Musik abseits völlig willkürlichen Werturteilen beurteilen könnte. Ob diese Musik seinen Codes und Formen entspricht? Ob er sie kennt? Ob er sich bemüht hat, sich ihren Produktionsbedingungen anzunähern, sie besser zu verstehen? Ob er mit einer Welt, in der Gewalt und Geld auf ziemlich direkt brutale Weise regiert, etwas anfangen kann? Ob in diesem Falle die gesprochene Textlastigkeit (Wow, der Flow!) ihm in seiner mittelmäßigen Mittelstandswelt nicht doch zu fremd ist? Ob er da nicht eine atemberaubende Qualität behauptet, die vor allem darauf beruht, dass deren Bezüglichkeiten hierzulande in der abgefederten Welt so gut wie niemand nachvollziehen kann? Ob sie insofern nur eine von „Kritikern“ gerne behauptete Exklusivität bedeuten, die sich (in diesem Falle) in der realen Welt auf extremer Brutalität gründen? Ob er gerne etwas als „originär“ bezeichnet, was er und die Masse der hiesigen „Konsumenten“ nicht kennt? Ob es um eine pseudointellektuelle Verkleisterung geht, deren „Avantgarde“ als „Stil“ behauptet wird? Ob das „Außergewöhnliche“ in unseren Ohren auch so außergewöhnlich und souverän auf die Ohren der „Szene“ vor Ort wirkt? Oder ob der gesellschaftliche Kontext einen gewissen Einfluss auf die Rezeption hat, ob es darauf ankommt, wer was wo hört? Ob der hiesige Kritiker das in sein „Urteil“ mit einbeziehen sollte/könnte? Ob er sogar seine Rolle als Kritiker reflektieren und sich gelegentlich solchen Fragen stellen sollte/könnte? 

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Schlagende Argumente

Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Suren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Der Schlager ist zum tausendsten Mal wieder angesagt und gibt sich neuerdings tanzbar. Wichtig ist: der Hook muss stimmen. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus bei dem jeder mit muss. Fruchtbar kann es dabei durchaus sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. Ein Lied, das den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abschalten, nicht anstrengend sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau? 

Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Spass? O hnehin ist das die Kategorie. Ob man Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss - nur, auf welchem Niveau. Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat kürzlich Costa Cordalis verlauten lassen, der inzwischen wohl durchoperiert ist und wahrscheinlich ungewollt den Schlager gut verkörpert. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags ("Rationalitäten" aller Art einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, manipuliert. Gefällig gemacht, geglättet? Alternde Produzenten greifen sich vermeintliche Talente, die sie formen und in ein „Konzept“ einfügen können, das unter anderem Applaus und Profit bringen soll (und, vielleicht, wenn's geht, noch etwas Zuwendung...) . „Da ist doch nichts dabei! Das machen alle...“ höre ich schon die vermeintlichen Einwände im Voraus. Dabei denke ich doch nur an eine Beschreibung, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als sei der Mix der Motive früher etwas vielschichtiger und geheimnisvoller gewesen. Als sei es oft darum gegangen, die wahren Motive von jemand erst herauszufinden, - und sei es durch Projektionen. Spass und Kohle, das scheint mir heute allzu vordergründig die Motivation zu sein. Schlager und Pop sind enger zusammengerückt. Die sich ach so international gerierende Popmusik mag in Wirklichkeit auch nichts anderes sein, als der (deutsche) Schlager. Es gilt bei beiden „Kategorien“. Möglichst vielen Leuten zu gefallen, sie auf allen Ebenen anzusprechen und sich damit möglichst oft zu verkaufen. Positiv sein um jeden Preis. Möglichst leicht vermarktbar sein.

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Musikalische Welten

Was wurden damals die Leute bekämpft, die einen wie auch immer gearteten Brückenschlag zwischen der folkloristischen Musik außerhalb des anglophonen Sprachraums und ihrer Musiktradition versuchten. Naturgemäß konnte das nur mehr oder weniger gelingen. Schon früh hatten ja damals zu Hippie-Zeiten die Beatles mit ihrer Indienreise und Ravi Shankar mit seinen Sitar-Reisen mit einer Art von "Weltmusik" begonnen. Später dann erfand die Industrie genau dies Etikett „Weltmusik“. Immer mehr nicht anglophone Musikpraktiken trafen nun auf unser Ohr, der musikalische Horizont erweiterte sich im Laufe der Zeit. Doch der Begriff „Weltmusik“ schien für viele eine Sicht- oder Hörweise zu bedeuten, die Europa und USA als Maßstab setzte und alles daran zu messen geneigt war: "Weltmusik", das bedeutete, den Rest der Welt und das, was in Wirklichkeit „relevant“ ist (selbstverständlich in ihrer eigenen Welt). Unter anderem trat die brasilianische Musik damals mit ihren vielen Schattierungen in unseren Fokus. Dass sie oft den Brückenschlag zu jenem Pop und Jazz suchte, wie wir das kennen, war doch normal. Populäre Musik hatte sich ja schon seit Jahrhunderten mit dem zurecht gemischt, was an die jeweiligen Ohren drang. "Reinheitsgebote" gab es da nie. Es gab in der ach so geschmähten "Weltmusik" natürlich deutlich mehr zu entdecken als das „Girl from Ipanema“, das sich schon früh mit Frank Sinatra und Stan Getz in US- und europäische Gehörgänge gedudelt hatte. Sinatra? Getz? Ob solche Namen wohl portugiesisch klingen? Oder ob sie in einem gewissen Kontext auch etwas Imperialistisches hatten? Von Kolonialismus und Imperialismus war dann in wohlbehüteten Wohlstandsburgen später besonders im Zusammenhang mit Paul Simons Album „Graceland“ die Rede. Es war damals so etwas wie der Standardvorwurf für Simon. Daneben diente die „Weltmusik“ den damaligen alternativen Wohlstandsmüslis oft genug als Vorlage für das Ursprüngliche, Wahre und Wilde. 

Doch mittlerweile ist es Zeit, den Vorwurf umzudrehen und denen entgegen zu halten, die mit ihrer anglophonen Scheise die ganze Welt überschwemmen, weil sie kapitalmäßig die großen Medienkonzerne halten und für Solches nichts als die Macht haben. Die Vertreter solcher Sichtweisen bezeichnen jegliche andere Musik gerne als irrelevant und sich selbst und ihren Geschmack als Nabel der Welt und einzigen Bezugspunkt. In Wirklichkeit sind diejenigen die Imperialisten, die andere mit ihren „Produkten“ überschwemmen und mit ihren Mittel „penetrieren“, die ein Interesse für sich als "Markt" deuten, den es zu beherrschen gilt. Es sind die Leute, die Musik zur Ware machen, mit der sie andere Gesellschaften überfluten und sich selbst als eine Art Herrscherklasse des Kreativen stilisieren.

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Dead by dead

Jetzt ist Al Jarreau gestorben. Seltsam, von mir nur "gefühlt" wird das kaum zur Kenntnis genommen von den Medien, obwohl er viele Musiker nachhaltig beeinflusst hat und für andere sehr wichtig wurde, unter anderem die, die sich mit dem Singen abgeben und abgegeben haben. Doch mir scheint sich das darin einzureihen, dass die meisten Medien samt ihres Publikums sich an solche Nachrichten „gewöhnt“ zu haben scheinen. Es wird so langsam alltäglich, dass die Alten sterben und damit keiner Nachricht mehr wert sind. Das geht Ratz Fatz und nicht mal der Reihe nach. Er war offenbar nie heilig gesprochen von den Leuten, die sich „hip“ wähnen. Auch dies könnte ein Ausweis ihrer „speziellen“ Kompetenz und Zielrichtung sein. Fakt ist: Jetzt werden immer mehr dieser Figuren sterben, die in Vergangenheit die popmusikalischen Zeitläufte prägten. Leute, die es zu einer gewissen Prominenz geschafft haben, wie David Bowie, aber auch Vollblutmusiker wie Al Jarreau, die in der öffentlichen Wahrnehmung und Prominenz immer ein wenig zurück geblieben sind. Im Juni 2011 schrieb ich über seinen Auftritt auf dem Stuttgarter Killesberg: „Zu den prominenten Begleitern und ganz großen Namen zählt diesmal eigentlich nur der Keyboarder und Flötist Larry Williams. Ansonsten fühlt sich Jarreau im Kreise seiner Band der eher unbekannten Namen oder seiner „Familie“, wie er oft sagt, sichtlich wohl. Das breite Arsenal seiner stimmlichen Möglichkeiten, dieses Gurren, Schnalzen, Flüstern, Lachen und Seufzen etwa, führt er nicht mehr so offensiv wie früher vor. Dafür aber macht er aus jedem Song ein kleines Drama, in das er mit tausend Andeutungen und Grimassen, mit plötzlichen Einfällen, Scherzen und Kaspereien einführt, um unmerklich in den Song zu gleiten, ihn scheinbar völlig frei stimmlich zu gestalten, ihm wie etwa bei „Look to the Rainbow“ eine Bedeutung zu geben, die manchmal sogar ins Übersinnliche hinausweist. Musik scheint ihm eine Art natürliches Ausdrucksmittel geworden zu sein, die Songs eine Art Anlass für musikalische Fantasien“. Im Juli 2008 schrieb ich über Al Jarreaus Auftritt bei den „Jazz Open“ in Stuttgart: „Ein Wunder ist geschehen. Mit seinen merkwürdigen Handbewegungen den Gesang geradezu herbeidozierend geht Al Jarreau der kleinen Bühne entlang, schaut bei manchem seiner sechsköpfigen Band vorbei, singt ihm über die Schulter und auch mal mit dem Mikro zusammen lächelnd ins Ohr: der Musiker muss dann lächeln, obwohl's ihm gar nicht danach zumute sein mag. Aber sie sind ja Spitzenmusiker, sie können das.“ Mir war immer der Blick auf die Bandmusiker wichtig, mochte der eigentlich „Star“ noch so groß und bedeutend sein. Im Jahr 2005 schrieb ich im Juli über seinen Auftritt auf der Esslinger Burg: „Wie er da in ganzer Person zu seiner Stimme wird, wie er in ihr sich zu konzentrieren scheint, wie er sich durch sie in Töne verwandelt, wie er gurrt und gackert, raunt und flüstert und schreit und – singt, mal sanft weich, mal nachdrücklich hart und überhaupt, alles dazwischen auch, wie er Klänge aus der Luft holt und sie formt, sich aneignet, wie er sich strömen lässt in seiner Stimme, sich windet, tanzt und grimassiert, da scheint er sich selbst geradezu nach außen zu stülpen, da wird er selbst zu einem Instrument. Ob er uns damit etwas über sich erzählt? Das schon. Nur was? Wieder rattert das Gehirn etwas von Leidenschaft und Seele und Identität und Persönlichkeit. Bloß, was heißt das eigentlich konkret? Könnte es nicht auch sein, dass das in Wirklichkeit täuscht, das alles „nur“ ein Trick ist? Ein Showtrick, eine lebenslang eingeübte Nummer, die dieser Mann mit seinen 65 Jahren halt nun ganz besonders gut beherrscht? Schöner Schein. Tolle Stimme. Es ist das, was es ist, dieses „Stimmwunder“.“ Und darüber hinaus schrieb ich über Jarreau bei derselben Gelegenheit: „Er nimmt diese Songs auseinander, um sie neu in den Moment fließen zu lassen. Nur dieser Moment zählt. Er verlängert und verkürzt sie, scheinbar nach Belieben. Er steigt vollkommen aus dem Arrangement aus, er verlangsamt sie, beschleunigt sie, gibt ihnen oft eine andere emotionale Farbe.“ Ich erinnere mich an weitere Auftritt davor, die ich damals beschrieben habe, die Erinnerungen, sie verblassen schon jetzt zugunsten der Gegenwart:  Wieder einer weg, einer gegangen. Es werden allmählich viele.  

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Schnell und grell

Da sind diese Verallgemeinerungen von Äußerlichkeiten, die die Allgemeinheit anscheinend so gerne hat und die eine gewisse zynische Überlegenheit mit Selbststilisierung ausstrahlen, die ich gar nicht mag: etwa "wenn etwas schon im Intro so sphärisch bombastisch anfängt, dann kann es ja nichts werden. Oder: "Sting war ja schon immer ein peinlicher Kunsthandwerker, nachdem er bei Police ausgestiegen war. Der konnte ja aus seinem dekadenten Reichtum heraus nichts zustande bringen." Nun ja, mir scheint, als seien solche „Einsichten“ nicht unbedingt der Machart von Popprodukten auf der Spur (auch so eine Verallgemeinerung!). Immerhin hat Sting am Bass und als Songschreiber zusammen mit einigen durchaus fähigen Musikern das eine oder andere zustande gebracht, was nicht nur hip überhebliche Kritiker angesprochen hat. Ist ja etwas in der Popmusik, .- oder? „Langweiler“, auch so eine Bezeichnung: ob sie für bestimmte Personen gilt, für andere eher nicht? Gerne wird das im Zusammenhang mit U2 genannt, dem Lieblingshassobjekt aller Kritiker. Was wohl Bono für einer ist? Ein grinsender Brillenträger mit der Pose eines Botschafters der pathetischen Weltverbesserung?  Ob eine gewisse Unbeugsamkeit und eitel vorgezeigte Rebellion nicht zur Pop-Pose gerinnen können? Ob es dann ein Zeichen für Anpassung an die Role Models der Popmusik ist? Was eigentlich sind die „Gegenmodelle“ in der Popmusik? Die aktuellen Stars, die nun wahrscheinlich jedem Imperativ (meist kaufmännisch motiviert) entsprechen, die man sich vorstellen mag? Die Stones und Rod Stewart sind wenigstens ehrlich? Aha. Industriell gefertigte Kneipenmusik zum Mitklatschen? Ob das „ankommt“? Was will Popmusik eigentlich? Ankommen? Bei wem? Ob nicht das Konzept „Popmusik“ etwas beeinhaltet, was zwar extrem zeitgemäß, aber nicht besonders hip ist? Etwas, was nicht Avantgarde vorzeigen will, es sei denn, um sich gegenüber anderen Hervorbringern abzugrenzen? Wo steht da Helene Fischer, wo Beyonce? Kaneye West? Klar kann sich ein Kritiker, ein Ego zum Papst der Meinung aufschwingen. Aber wodurch ist dieses Individuum legitimiert? Durch besonders grelle und schnelle Urteile? Durch das Ausschütten von Hohn über dem, was viele mögen? 

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Aesthetical Correctness

Ob es zur „Political Correctness“ ein Gegenstück in Form einer „aesthetical Correctness“ gab und gibt? Etwas, was man gut finden musste, wenn man „hip“ und auf der Höhe der Zeit sein wollte? Etwas, was dadurch kanonisiert war, dass es zum "Kanon des guten Geschmacks" gehörte?  Etwas, was gewisse Meinungsführer aus nicht immer ganz nachvollziehbaren und manchmal ökonomischen Gründen für sich als „This years thing“ ausgeguckt hatten und das manchmal im Turnus der Monate wechselte? Eine solche Entmündigung auf der Ebene eines Volksphänomens hatte ich so empfunden und immer beklagt. Dass Leute, die eigentlich gewisse Richtungen der Popmusik gar nicht mochten, plötzlich etwas aus dieser "Richtung" geradezu beglückend toll fanden, weil es der ausgegebene Zeitgeist offenbar so von ihnen verlangte und sie unbedingt up to date sein wollten. Weil es öffentlich gepusht wurde, aber zum Beispiel auf der Ebene des populären „Erfolgs“ nicht gar so recht viele Käufer fand? Andererseits wurde gerne der „Erfolg“ angebetet, so, wie das in dem populären Medium „Popmusik“ halt zu sein scheint: Das, was möglichst vielen Leuten gefällt, wird populär (und für "gut" befunden). Ob das „Populär-werden“ stets dem großen Talent der jeweiligen Protagonisten zu verdanken ist, mag dahingestellt bleiben. Oft gab es gerade bei kleineren Labels musikalische Hervorbringungen, in denen wesentlich mehr künstlerische und nicht gar so glatt gebügelte Ideen steckten. Ihnen nachzugehen, könnte ja lohnend sein. Und ob ein gestandener Rock'n'Roller immer seinen Privatjet haben muss, um vom Punkt A nach B zu kommen, mag auch dahingestellt bleiben. Es scheint sich in diesem Geschäft der aufgeblasenen Eitelkeiten durchgesetezt zu haben. Ob der Star, Supertar oder Megastar dabei normale „Bedienstete“ wie den allerletzten Dreck behandeln darf, ist auch nicht so ganz sicher, auch wenn man sich dabei im Showbiz und dessen spezieller Weltsicht wähnt. Einer gewissen Glaubwürdigkeit hat all das jedenfalls nicht viel genützt. Ob diese gewisse Glaubwürdigkeit zu verlangen schon völlig weltfremd und abwegig ist? In Punkto „political“ und „aesthetical“ Correctness könnte man sich verstehend auch in der Mitte treffen, man könnte sich mehr Mühe geben und etwas mit der eigenen Einschätzung verhandeln. Auch das würde einem gewissen Zeitgeist entsprechen. Natürlich wird das nicht passieren.

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Sonder-Rituale

Unterhaltungsmusik!“. Dieses Urteil der Verdammnis wurde mir entgegen geschleudert. Ich hatte es gewagt, ein relativ dünnhäutig fragil differenziertes Album zu loben, das musikalisch weitab von Metal lag. Als ob „unterhaltend“ ein abschreckendes Urteil wäre! In gewissen Metal-Kreisen wohl schon. Ich musste grinsen. Jemanden Abgeklärtes, der so viel erlebt hat, mit solchen Behauptungen noch unterhalten zu können, mag durchaus nicht das Simpelste sein. Das Urteil der ewigen Fegefeuer-Verdammnis setzt in diesem Falle voraus, dass Metal die große Alternative des gewaltigen Erlebnisses von gitarristischen Männerträumen wäre und dabei ständig das Rad neu erfinden würde. Dabei sind es die schlimmsten Klischees des Schrecklichen und Abstoßenden, die in diesem Genre immer wieder bombastisch aufgefahren werden. Als sei ein erweckendes Intensiverlebnis damit zu verbinden. Und das würde natürlich nicht auf den Mainstream-Medien stattfinden. Abgrenzung?

Als gebe es keine Rituale: auch nicht dieses lächerlich machistische Röhren wie ein Hirsch zur Brunstzeit und als würde auch nicht über eine „Matte“ verfügt, die sich als typisches Metal-Ritual nach hinten werfen lässt. Als würde sich das Gefühl nur in diesen furchtbarsten und bis zum Comic verzerrten Bildern äußern können, als sei alles und nun wirklich alles zerstört (außer natürlich dem eigenen Düsenjet). Als würde Klimakatastrophe, habgierige Profitsucht, Egoismus in einem zeitweiligen Gang über Geschmacks- und Tabugrenzen hinweg sich irgendwie in Fantasy aufheben. In Brutal-Death-Black-Power-Thrash-Doom kommt der verschwurbelte Zeitgeist zu sich selbst? Ob die Verbindung zur Realität sich nicht etwas einseitig in solchen Zerrbildern äußert? Mittlerweile loben Leute ohne jede Ahnung oder gar Überblick Metal als die einzig gültige Kunstform. So etwas scheint Mainstream geworden zu sein. Nun ja, wer's braucht. Manche elitären Dagegenhalter behaupten immer noch, dies sei eine Musik für Dumpfbacken. Schade nur, dass es beim puren äußerlichen Ritual bleibt und dieselben Personen nach dem vollzogenen Ritual in der von Totenköpfen übersäten Jeansstoff-Minikutte brav in die Rolle ihrer bürgerlichen Existenz zurückkehren, um genau zu diesen Leuten zu gehören, die sie in ihrem seltsamen Herumgeeire und Gitarrengequäle so eindeutig ablehnen. In Wirklichkeit mag's immerhin ein Code sein, der es verdient, als soziales und ästhetisches Phänomen ernst genommen zu werden.

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Auf elysischen Feldern

Ihre Stimme schwebt zwischen Laszivität, Narkotikum, Traum und Wirklichkeit. Schnell ist sie damit in eine Schublade des öffentlichen Begreifens und Verkaufens gepackt. Sie erzählt damit surreale Geschichten und spinnt uns damit samten ein in ihren Kokon: Elysian Fields sind eine seit vielen Jahren unterbewertete Band. Sie bestehen vor allem aus Jennifer Charles' Gesang und dem komponierenden Gitarristen Oren Bloedow. Da sind teilweise fantastische Akkordverbindungen, schräges Zeugs, lasch und melancholisch, entspannt angespannt, rätselhaft, mit wunderbaren Brechungen, Schattierungen, abenteuerlichen Klangkonstruktionen, Klangträume, die sich jedoch alle klar und direkt auf die Form des Songs zubewegen. Alleine schon das würde sie lohnend machen. Ihre Anmutung wird gerne als „dunkel und düster“ beschrieben. Ich tendiere eher zum Etikett „geheimnisvoll“. Jazz ist ziemlich viel darin versteckt, aber auch Indierock, - wenn's denn Etiketten sein müssen. Aber alles schleicht eher seltsam um die Ecke, als dass es explizit so wäre. Ob der Bandname Elysian Fields ein Fingerzeig ist? Dieser Bandname ist der griechischen Mythologie entnommen und bezeichnet einen paradiesischen Ort, in den Helden und Dichter nach ihrem Tod eingehen. Passt ziemlich gut. Die Veröffentlichung dieses Albums scheiterte aber ohnehin an Differenzen mit der Plattenfirma, von der man sich schließlich trennte. Ich fange damit an, indem ich ihre Scheibe „Bleed your Cedar“ auflege. Nach vielen Jahren noch haut mich das Album regelrecht um. Hammer! Schon damals, im Jahr 1996, konnte niemand etwas mit ihnen anfangen, was ich unter anderem sehr reizvoll fand. Dass sich das freilich immer weiter fortsetzte, fand ich sehr bedauerlich. Sie hätten nach meinem Geschmack riesige Popstars werden sollen. Spätestens „Bend your mind“ wäre der richtige Schritt dazu gewesen (das Video dazu unbedingt auf Youtube anschauen!). Alleine in Frankreich scheinen sie so etwas wie einen gewissen Bekanntheitsgrad gewonnen zu haben. Es hätte überall und über lange Jahre hinweg einen Schatz zu heben gegeben. Von der Presse und den Medien allgemein wurden sie stets sehr wenig beachtet. Vielleicht wollten Elysian Fields das nicht, vielleicht waren sie aber auch den professionellen Kennern und Meinungsführern nicht hip genug. Immerhin ist 2016 nach acht Alben das neue Album „Ghosts of No“ von ihnen erschienen, dessen Songs meine Aufmerksamkeit regelmäßig binden. Ob sie jetzt ein bisschen populärere Schablonen benutzen? Außerdem machen die beiden dauernd irgendwelche Produktionen mit anderen Partnern aus der New Yorker Szene, mit denen sie andere Konzepte zu verfolgen scheinen. Selbstverständlich musste ich „Ghosts of No“ es sofort haben.  

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Stupid Factor

Mir geht dauernd etwas durch den Kopf, was ich in einem Interview des Magazins der Süddeutschen Zeitung mit dem Filmemacher Jim Jarmusch gelesen habe. Ich habe gekrustelt und gesucht und tatsächlich gefunden. Im Interview selbst scheint mir etwas eine Selbstgefälligkeit des alternativen Filmhelden aufzuscheinen, die mir nicht gefällt. Gleichwohl tauchten vor mir Bilder von John Lurie (dessen Platten mit den Lounge Lizards wir damals sehr mochten....überhaupt die New Yorker Szene hatte tolle Sachen zu bieten...) und Tom Waits auf. Beide haben so manches Mal in seinen Filmen tragende Rollen gespielt. Aber vor allem ging es mir um den sogenannten „Stupid Factor“, was ich aus meiner gesamten Erfahrung heraus sehr stark unterstreichen kann. Was meine grundsätzliche Sicht musikaliuscher Dinge stark beeinflusste, ohne dass ich jemals wusste, dass ich mit Leuten wie Jarmusch im Einklang stand. Der sagte also neulich im SzMagazin: „Die Ramones waren so reduziert, so schnell, so lustig. Ich habe mich oft mit Iggy Pop darüber unterhalten: Rock'nRoll braucht immer etwas von dem, was wir den „Stupid factor“ nennen. Sonst wäre es nicht interessant. Und die Ramones hatten weiß Gott viel „Stupid factor“. Wer hat denn sonst Songs über Cheeseburger geschrieben? Und nur mal ein Gegenbeispiel – ich will nichts Böses über U2 sagen, echt nicht, aber an denen ist alles immer so ernst, so bedeutungsvoll. Da fehlt der „Stupid factor“. Und deshalb sagt mir U2 rein gar nichts.“ Und weiter sagte er etwas, was ich ebenso unterstreichen kann: „Mich fasziniert besonders das, was was wir normalerweise für nicht dramatisch, für nicht essenziell, nicht aussagekräftig halten. Ich werde nervös, wenn es irgendwo zu viel Aussage gibt. Bei zu viel Handlung ist es dasselbe – macht mich nervös. Wie Musik mit zu vielen Noten. Es gibt Gitarristen, die eine Million Töne pro Minute spielen können, technisch unglaublich professionell, aber es sagt mir rein gar nichts. Ich nehme lieber einen guten Akkord und lasse den schön im Raum stehen“ 

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Egotöne

Es kommt mir manchmal so vor, als ginge es besonders in der Singer/Songwriter-Ecke darum, das eigene kleine beschissene Ich auszudrücken, so wie es diese neoliberale Gesellschaft gerne hat: versponnen, eigen, optimal. Individualisiert bis zum "Geht-nicht-mehr". Eine Nische, ein Loch gefunden. Nur das Ego, das Ich, die möglichst phantasiereiche Nabelschau – in welchem Verhältnis das zum Ganzen oder der Gesellschaft steht, scheint egal, ist nicht beachtet und nicht berücksichtigt. Weit entfernt davon ist jenes "Sich-Hineinversetzen", jene Rollenpoesie, jene Empathie, deren sich etwa Ray Davies befleißigte. Heute heißt es: Hauptsache, ein Geschäft damit gemacht, tüchtig gewesen, eine Macke wohlfeil bearbeitet, etwas verdient, den Markt korrekt bedient. Man selbst ist das Wichtigste der Welt, das ist der Ausgangspunkt jedes Künstlers. Nur blöd ist, dass viele Wichtigsinger/Songwriter keine Künstler sind, sondern nur Erfüllungsgehilfen des Industriezweigs Ichverwirklichung. Von dort aus ist es möglicherweise nicht weit zur Selbstoptimierung: Sich ausdrücken, sich darstellen, seine eigene Seelenpein nach außen stülpen und sich als den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit begreifen. Den Erfolg macht dann aus, wenn sich möglichst viele andere Individuen darin erkennen, ihre Sehnsüchte darin ausgedrückt und in der "Starexistenz" verwirklicht sehen. Klar muss alles unterhaltend sein und nett, aber Tabus sollen möglichst nicht gebrochen werden: Das ist die US-Schule, die wir ja so eifrig in allem kopieren, aber nur wenig daraus lernen. Gerne suchen wir den pseudogöttlichen Superstar, der das ja so populär zu zelebrieren weiß. Spätestens Bob Dylan hat ja bewiesen, dass eine sehr unschöne Stimme auch ansprechen kann. Doch nur bei uns wird immer noch die Schönsängerin oder der Schönsänger gesucht, der mit seiner Stimme alles kann, egal was. Hauptsache, es können, wie ein Ingenieur. Inhalte interessieren da weniger. Es kommt auf das „Wie“ an. Was für ein Gegenentwurf, den die Singer/Songwriter da hinzulegen scheinen! Dabei umsingen oder umgurren sie vollkommen im Rahmen der Rockklischees das Eigene, blubbern oft im persönlichen Biotop, was eigentlich total uninterssant wäre. Das Moment des Allgemeinen soll dann der „Liebe-Triebe-Song“ bringen, als das akustisch-musikalische Bekenntnis, als die Erfahrung, die ja jeden Menschen betrifft. Blöd nur, dass das Thema gerade deswegen etwas abgegriffen ist und es einer besonderen Form der Phantasie bedürfte, um sich seiner anzunehmen. Was früher sich (im „Goldenen Zeitalter“ der Rockmusik) in einem anderen Zusammenhang darstellte und das Beharren des Einzelnen, seine persönliche Suche und Umformung ins Lied ausdrückte, mag heute so manche Frage provozieren und nur noch wie die abertausendste Wiederholung eines Role Models wirken, das sich im Zeitalter des Neoliberalismus stark gewandelt hat.

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In einer Geisterstadt

Immer um diese Jahreszeit höre ich verstärkt eine CD, die ich gelegentlich auch über das Jahr hinweg öfter höre: Bill Frisell, "Ghost Town“. Verlassenheit und Melancholie, realistisch und doch hinüberwehend in reale Träume. Wir hatten damals, als ich die Scheibe kaufte, also etwa nach 2000, solche Orte besucht, die ja an vielen Stellen so wirken, als seien sie erst gestern verlassen worden und die es ja hierzulande nicht gibt, weil sie auch typisch für den US-amerikanischen Westen sind. Sie waren einmal Station auf dem Weg zu Träumen, zu Horizonten, zu Wünschen, die ein besseres Leben versprachen. All die uns vor allem aus Filmen bekannten Western-Mythen hatten hier stattgefunden. Blöd nur, dass es heute besonders in den USA nur ein kitschiges Abbild davon zu geben scheint. Es war hart, es war trügerisch, es war zerstörend: Menschen, Tiere......Frisells Scheibe ist solo eingespielt, so, wie er viele Titel schon eingespielt hat. Aber dieser Zyklus hier hat ein Thema. Er umkreist in zarten Bildern die Geschehnisse, die heutigen Eindrücke, Nachdrücke, überlieferte Erinnerungen. Er verwendet neben seinem eingeprägten E-Gitarren-Sound und zahlreichen elektronischen Effekten auch das Banjo, einen schlanken Bass und die elektrische Gitarre. Natürlich muss man dieses reduzierte Album als CD haben, keinesfalls gibt ein MP3 einen Eindruck, das kann man so generell behaupten. An einer solchen Stelle lohnt die Ausgabe allemal, man braucht das in allerbester Qualität, - basta. Hank Williams Klassiker „I'm so lonesome I could cry“ und George Gershwins „My man's gone now“ streift  Frisell eher beiläufig, es gehört für ihn zur gelebten Geschichte eines solchen Zustands, durch den wir mittels dieses Albums gehen. Es verändert uns, ohne großes Aufhebens darum zu machen, es hat uns verändert, es hat uns etwas Tiefes beschert. Wir waren und sind dicht an dem Musiker, scheinbar ungefiltert, direkt, wir spüren seinen Atem, ohne dass ein solches Geräusch auf der Aufnahme zu hören wäre. Ein solches Thema kommt diesem gläsernen, Traditionen und aktuelle Bilder in sich aufnehmenden Stil entgegen, wir wollten aus unseren Kenntnissen heraus so etwas von niemandem anderem so intim beschrieben wissen. Wir wollen keine Übertreibungen, kein Kitsch, keine Verklärung....es war dreckig und sehr einsam an solchen Orten. Nein, das wirkt bei ihm nie negativ oder depressiv. Es ist einfach ein intensives Gefühl, das er hier umkreist. Wir haben etwas davon.....  

 

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