Woodstock, ein Winken

Ach ja! Woodstock hatte „Jubiläum“. 15. August 1969. Auch schon vorbei! Ein schöner Traum ist halt nicht nur tagesaktuell. Love und Peace und all das! Eine für diesen Sommer geplante Wiederauflage ist aus Geldmangel gescheitert. Alleine schon das ist kennzeichnend. Die Helden von ehemals sind inzwischen gestorben, vergessen oder Besserverdienende, die sich mit tausend Reunion-Partys und -Tourneen um ihr finanzielles Fortkommen kümmern. Das Wetter soll damals nicht gut gewesen sein. Wir saßen viel zu spät in den Siebzigern im viel zu trockenen Jugendhaus in verfurzten Altsesseln und sahen per „Woodstock“- Film (woran sich ein Medienkonzern einen Arsch voll Geld verdient hat...) die Szenen, wie sie sich wonniglich genussvoll im Schlamm wälzten. Wer? Sie? Diejenigen, die sich nach „Freedom“ sehnten, wie Ritchie Havens damals sang. Sex & Drugs & Rock' n Roll? Und Trips? Änderung der Verhältnisse!, - wie nebulös auch immer! Heute hören wir Erinnerungen von Helden (weniger von Heldinnen...! außer natürlich Joan Baez....) des damaligen Geschehens, die das wie einen sentimentalen Traum aus der Kindheit oder Jugend erzählen. Free Concert? Klar ging das finanziell in die Binsen! Musste ja.... Es herrschen heute Megastars - nicht Jimi Hendrix! "Stadionrock heizt ein" und verlangt dafür nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gebührenden Eintritt. Um diese scheinbare Insel der Glückseligen herum war alles politisch und ökonomisch, was die damaligen Wohlfühl-Freakys ein bisschen unterschätzten. Es soll heute bekannte, angehimmelte und in Ehren alt gewordene Musiker gegeben haben, die damals schon mit der Bezahlung nicht einverstanden waren. Ach ja. Vornherum und hintenrum. Lüge und Realität. So etwas kann besoffen machen.....

Neu,- durch's globale Dorf getrieben

Es scheint wohl stets dasselbe zu sein (und ein Muster, das sich unter herrschenden Bedingungen in der Popmusik immer wieder wiederholt): es wird ein Album (?, was ist das im Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit?) von „Kulturkundigen“ in den Himmel gelobt. Bahnbrechendes wird versprochen, Großartiges würde auf den Hörer herniederkommen. Tolle Refrains (?, bei Auflösung gängiger Songformeln?), Kunst und Freiheit allüberall, ein überwältigendes Gefühl. Für die Zukunft gültig, - keine Frage. Verbindung zwischen Unterleib und Gehirn, zwischen Testosteron und Nüchternheit, zwischen rechter und linker Gehirnhälfte….. ach was? (ob man das schon mal gehört hat?) Ursprünglich sei‘s, fett und groovig, die Grenzen auslotend und weit weg vom Mittelmaß. Ach so. Sphärig, spirituell, esoterisch korrekt und mit unerhörten Samples. Und überhaupt: transzendent ansprechend. Aha. Ich lese etwas von „gurgelnden Synthesizern“ und bin gespannt. Funk, Jazz, Hiphop: alles nur Grenzen, die es zu überschreiten gilt. Gut so. Aufmerksam als „Underdog“ sein. Den Protest der Straße in die Smartness des Jet Set überführt. Kann das sein? Auf jeden Fall: Klasse! Wie eine Rakete, besser: wie ein Meteorit eingeschlagen. Ins Irgendwo und ins Nirgendwo. Ähhh…? Das Traditionelle aufnehmend. Trotz und Rotz, von anderen Musikern verehrt, gesellschaftskritisch und „progressiv“ (was das wohl heutzutage bedeutet?). Man kommt da nicht mit…. Also flott den Sound besorgt und: Man ist enttäuscht, so, wie man schon tausend mal enttäuscht war. Ich hätte es besser wissen müssen!, so die Blitzerkenntnis. Die Offenbarung ist‘s wohl nicht, eher ein Zeugnis der Vorlieben der rezensierenden Person, die stets auf dem Laufenden bleiben will. Das Laufende. Ist hip. Ist ex und hop. Wer erinnert sich noch an Banks? Bloß als Beispiel. War damals das Größte überhaupt. Damals. Wer erwähnt sie jetzt noch? 

Rock'n Roll zu verkaufen

Das fing doch schon sehr früh an. Ich erinnere mich an ein Konzert eines hochgelobten britischen Gitarristen, dessen Konzert vollkommen bepflastert war mit den Werbebotschaften eines Unterhaltungselektronikherstellers, der wohl global tätig war. So kam und ging so manches Konzert, dessen beide Screens rechts und links der Bühne teilweise sehr aufdringliche Spots und Werbebotschaften versendete. Unbewusst ließ das in einem Fragen aufsteigen. Flankiert wurde das ganze Geschehen meist mit dem sogenannten „Merchandising“, wenn völlig überteuerte T-Shirts mit dem Konterfei und der jeweils aktuell aufgedruckten Tournee des Großkünstlers sowie allerhand anderer Tand feilgeboten wurden. Sehr fleißig und in großer Stückzahl wurde dies natürlich in Verehrung des Auftretenden gekauft. 

Man schien sich daran zu gewöhnen, es wurde normal, schuf aber ziemlich aktiv eine Atmosphäre, in der man sich als „Verbraucher“ vorkam, als Konsument, der mit allen Mitteln abgezockt und mit den Werbebotschaften der Sponsoren zugedeckt wurde. Blöd nur, wenn es sich dabei um alte Helden handelte, die früher vielleicht einmal gegen die Zwänge der Konsumwelt und der bürgerlichen Gesellschaft anmusiziert hatten. Irgendwann wurden dann auch statt, wie früher, der Feuerzeuge die Smartphones hochgehalten, die per App auf „Taschenlampe“ gestellt waren. Sehr romantisch, das. Jetzt, so höre ich, werden sogar Chips am Eingang verteilt, die Daten zum Veranstalter senden und die der kollektiven Begeisterung dadurch Ausdruck verschaffen sollen, dass sie zentral gesteuert und auf das Bühnengeschehen abgestimmt beispielsweise in verschiedenen Farben schwelgen. Nebenher geben sie noch über den Getränkekonsum bei gewissen Stilarten Auskunft. Überhaupt bei allen Spielarten und Stilarten.  Wie das korreliert. Die Bediensteten sollen somit auch weniger bescheisen können. Dies scheint auch mit elektronischen Armbändern gut zu funktionieren. Gleichschaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Datenverwertung und Algorithmus. Überwachung im großen Stil. Vollverwertung. Und niemand scheint sich daran zu stören. So wandert zunehmend etwas ein in die Popszene, das zumindest erkannt werden sollte. 

Persönliches Einheizen

Ich las neulich eine Posse, in der jemand, der für eine Zeitung als Kritiker unterwegs ist, sich lustig machte über die Formulierung „sein persönlichstes Album“. Ja klar, das war auch bei uns ein Running Gag, über den man sich nicht mehr einkriegte. Wenn dann von Live-Konzerten die Schreibe war, so war bei eher unbedarften Geistern des Alltagsgeschäfts stets zu lesen, wie sehr doch die Band (oder der Künstler) dem Publikum „einheizte“. Haha. Darüber muss ich auch heute noch grinsen. „Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“, dieses und viele andere abgegriffene Zitate von gutbürgerlichen Philosophen fallen einem dazu ein. Man lachte jedenfalls heftig ab, wenn einem solche Formulierungen unter kamen. Es scheint Klischees der Akzeptanz von künstlerischen Bemühungen zu geben, die auf mehr oder weniger blümerante Weise zu signalisieren scheinen, dass der Autor mit dem akustischen Ereignis so richtig gar nichts anfangen kann. Dass er versucht, das jeweilige Ereignis in seine eigene Lebens- und Erlebniswelt einzulehnen. Dass er gerne kollektive Redewendungen verwendet, über deren Bedeutung er sich nie wirklich Gedanken gemacht hat, - genauso wie das Publikum, das solche „Ereignisse“ genauso wie ihre populären „Kritiken“ zu goutieren scheint.

Gerade bei der Popmusik scheint es so zu sein, dass sich ein Ereignis mehr oder weniger mühelos in eine bestimmte Erlebniswelt einfügen sollte. Etwas ist gut, wenn es „abgeht“. Super. Voll geil. Das „heizt“ dann „ein“. Das stimuliert offenbar etwas Kollektives. „Ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss….“ hieß es früher etwas abfällig im Bildungsbürgertum, dessen hoch subventionierte Bildungsmusik natürlich nicht abgehen musste. Es genügte in diesem Falle vielmehr, wenn Musik weitgehend unverständlich und also „künstlerisch“ war. Distinktion, - sich absetzen von der Masse.... so die elitäre Funktion. Die Masse freilich schien eine Art „Mehrwert“ für sich aus der Musik generieren zu wollen. Es musste so richtig abgehen. Es musste ein Stimmung entfacht werden. Je mehr Stimmung, desto besser….. es musste und sollte populär sein. Man musste mitsingen können, mitschunkeln, die Feuerzeuge oder Smartphones schwenken, man musste den Alltag vergessen können, man musste einfach Spass haben",..... ja, das musste schon möglich sein. Ein akustisches Erlebnis nicht zu reflektieren, sondern es in eine populäre Mainstreamwelt überführen zu versuchen, dies schien mir eine Grenzlinie zu markieren zwischen einem "Bericht" und einer "Kritik". Da musste man drüber kommen. Das war einem als Aufgabe gestellt. Schließlich wollte man die reale Welt samt ihrer akustischen Absonderungen (besser) verstehen. Doch mit was hatte man sich auseinander zu setzen? Hauptsache mitmachen, Hauptsache das Gefühl, dabei zu sein. Erst linke Hälfte des Publikums, dann rechte Hälfte. Dann beide zusammen: mitsingen, mitmachen, mitklatschen…...Stimmung! Was konnte man jetzt daraus machen, wie konnte man so etwas "reflektieren"? Hier fing erst die Schreibe über Musik für mich an. Solche Mechanismen bedeuten etwas, etwas , was für den jeweiligen Künstler möglicherweise typisch war. Möglicherweise. Möglicherweise aber auch für populäre Musik insgesamt..... 

HipHop und so.....

Ach ja, Hiphop...Jugendkultur und so…….Am Anfang dachte ich noch, da würde ziemlich viel Ironie und Unberechenbarkeit dahinter stecken. Das konnte man ja nicht ernst nehmen, das Gehabe mit den Goldkettchen, den „Bitches“ und den großen Limousinen. Ach, dieser Machismus, dieser lächerliche Manneskult - sollte man das ernst nehmen? Mit der Zeit begriff man, dass es sehr wohl ernst gemeint war, dass man sich als Bewegung „von unten“ und als "Neue Jugendkultur"  verstand - und dass das als Accessoire, dieses Vorzeigen und Imponiergehabe, da dazu gehörte: Gangsta-Rap und so….. das waren Posen, die einem bekannt vorkamen. Klar dass sich in Deutschland die Hiphop-Helden der ersten Stunde dran zu hängen versuchten. Mit Verzögerung natürlich, wie bei allem, was aus den USA kam. Da war ja viel zu verdienen, da wollte man auf jeden Fall dabei sein. Das war ein sozialer Kanal nach oben.... Das Spiel schienen die hiesigen Gangsta-Freunde gut kapiert zu haben, denn sie fuhren riesige Limousinen, pflegte Clan-Freundschaften und ließen von den ihnen folgenden Jugendbewegten ihr Bankkonto auffüllen, ohne dass jemand in seltsamen Aktionen zu Tode kam, wie etwa in den USA. Man strahlte „Street credibility“ aus und man wurde nun zunehmend Mainstream, die Hiphop-Kultur wechselte über zur Hauptkultur. Haha, es wird derzeit auch so manches Duett zwischen Schlagersternchen und Hiphoppern aufgenommen. Mal was anderes. Ach so! Ob man's wirklich ernst nehmen soll? Ob's ein Ausweis dafür ist, keine Scheuklappen zu haben?

Wichtig: Das ist nett, das geht ein, da kann man mit, da ist man dabei, das versteht jeder – was ja das wichtigste ist im Zeitalter industriell gefertigter Popmusik. Dies ganze Spiel kam einem ohnehin bekannt vor, Provokation zu PR-Zwecken hatte immer dazu gehört im Popgeschäft, genauso wie das „Crossover“, mit dem sich die Medienindustrie beim allgemeinen Marketing bediente. Alles abgenutzte Muster, so dachte und denkt man. Dabei wandert solch Gehabe, solche Attitüde ein in eine Szene, die sich weitgehend widerborstig gibt, indem sie ihren Reichtum sehr betont offensiv herzeigt und das auch noch ernst nimmt. Ernst? Vielleicht sollte man Ironie walten lassen, Humor. Ja klar, alles andere außerhalb des Hiphop wurde von bestimmten Leuten als „bürgerlich“ bezeichnet, weil ja „bürgerlich“ verpönt war. Man war stolz, dass man ganz von unten kam und man benutzte Codes, die man so richtig nicht verstand. Dass mit manchen Floskeln solche peinlichen Bereiche wie Antisemitismus oder brutaler Machismus gestreift wurde: ja klar, Provokation….. aber hier in Deutschland dürfen solche Codes nicht einfach so benutzt werden, weil es gerade rein passt. Tabu. Ein klein bisschen sollte man den Hintergrund schon kennen gelernt haben, - „street credibility“ hin oder her. HipHop mag ja ein Code geworden sein. Nur, dieser sollte sich nicht nur auf sich selbst beziehen. Sollte? Moral? Igitt....  

Frau Schmidt als Pop-Denkmal

Ja klar repräsentierte Patti Smith ein anderes Bild der Frau: sie war aufmüpfig, nie geschminkt, war nie passives Opfer sondern aktiv in ihren Richtungen, erfüllte sämtliche männlichen Rollenerwartungen nicht. Dass sie danach aber immer mehr zur edlen und nostalgisch verklärten Oma der Kulturindustrie wurde, dass sie scheinbar so distanzlos einverstanden damit war, das hatte uns dann doch ein wenig enttäuscht. Sie kam ja von der Dichterseite, was uns damals Eindruck machte. Sie hatte Lesungen veranstaltet und sich als Kulturmensch profiliert. Aber es schien so, dass von ihr ein Funke Unberechenbarkeit ausging, dass sie sich aufs Pferd des Risikos schwang, um zu sehen, wie weit es sie trug. Sie schien Berührung mit dem Chaos zu haben, obwohl ihr „Because the Night... belongs to Lovers“ nicht von ihr selbst, sondern im hemdsärmeligen Stil von einem Bekannten geschrieben wurde, der auf dem Weg zum Megastar war. Ihr Künstlertum schien davon unberührt, schien über jeden Zweifel erhaben. Sie schien einfach integer. Doch genauso, wie die Goa-Hippie-Szene sich auflöste und lauter kleine Unternehmer oder Geschäftsinhaber von Fachgeschäften für teure Räucherstäbchen gebar, so schien diese Frau sich zu wandeln. Ja klar, da waren die immer wieder aufgewärmten Stories ihrer Liebschaften und der männlichen Personen, die sie beeinflussten. Dies schien der Kosmos zu sein, in dem ihre Persönlichkeit funkelte. Sie selbst tat ja auch einiges, um dieses Bild zu bestärken. Doch so unbemerkt allmählich, wie uns allerlei digitale Gadgets unterjubelt werden, wandelte sie sich zum Denkmal ihrer selbst, das heutzutage in der entsprechenden Altersklasse ein Murmeln der verehrenden Ehrerbietung hervorzurufen weiß. Das ging so weit, dass sogar ihre handwerklich musikalischen Fähigkeiten bewundert wurden. Mir schien es, als käme sie vom exakten Gegenteil, als hätte die Figur, die sie darstellte, den unmittelbaren Ausdruck gesucht, - auch auf Kosten der handwerklichen Mittel. Der Smith‘sche Pop wurde so allmählich zum Geschäft, zur Ware, Ja klar, die alte Formel des Pop: Selbstverliebtheit und Narzissmus als Existenzgrundlage. Mittlerweile scheint alles ein Zitat, eine erstarrte Pose, die noch einmal ausgenommen werden kann. Ob das irgendjemand verletzen könnte, ist natürlich in keinster Weise interessant. 

 

Gefühlig

Was ich erlebt habe: Dass bloßes andächtiges Beweihräuchern der Emotion etwas vortäuschen sollte beim Kritiker. Betont oberflächliche Kategorien wurden so dem Pop gemäß eingesetzt, dem Pop, in dem das Überwältigt sein und die Anbetung von „Stars“ sowieso eine große Rolle spielt. Worum es geht? Ergriffen sein um jeden Preis. Projektion. Ich sehe darin auch eine große Eitelkeit, denn ich führe mich, - eigentlich sondere ich so etwas als "Meinung" ab, - als Gradmesser der Emotionalität vor. Ich bin derjenige, auf den es ankommt. Lobe ich, so ist es gut. Tadle ich, so ist es schlecht. Meine Naivität zeigt es stellvertretend: bewegend soll es sein – und ich bin der Indikator. Meine Ahnungslosigkeit ist dabei sakrosankt.

Eine größere Eitelkeit ist für mich kaum vorstellbar. Gleichwohl scheint so etwas von gewissen Leuten goutiert zu werden. Sie scheinen Orientierung zu brauchen. Ich war da stets auf Abstand. Es war mir fremd. Ich versuchte zu objektivieren, quer zu schießen, nicht die Mehrheit der Hipness nachzustammeln, versuchte, hinter Kulissen zu schauen, aufklärerisch vorzugehen. Ich versuchte meine eigene Einstellung dazu zu gewinnen, was ich erlebte. Ich versuchte abzuwägen. Ich wurde skeptisch mir selbst gegenüber, ließ Ironie walten, wenn mir die Emotion (und nichts als das!) durchging. Dieses hippe „auf-der-Welle- des-Zeitgeists reiten“ war mir zuwider. Gerade dann wurde ich umso aufmerksamer…….Ich? Autismusverdacht.

Mir wurde immer wieder bewusst, wie viele Dimensionen das hatte, über das ich zu schreiben hatte. Was mein großer Fehler war: Ich nahm das ernst. Ich versuchte die unterschiedlichsten Kritiken aus unterschiedlichen Zeitungen zu lesen, versuchte ihre jeweilige Perspektive zu ergründen. Nicht zuletzt meine Beschäftigung mit der Soziologie hatte mir einen gewissen Abstand („das kalte Auge“) auf das Geschehen nahe gelegt. Die Massenbegeisterung zu beobachten, sie zu beschreiben, sie zu analysieren versuchen - sie aber nicht zu teilen, im Gegenteil: sich fremd zu fühlen. Darum ging es mir. Dafür musste ich mich oft und heftig kritisieren lassen. Mir reichte es, besser zu verstehen, indem ich mich mit etwas beschäftigte. Teilen musste ich das nicht, um es nachfühlen zu können. Die emotionale Ebene, gewiss. Nur: für mich war das eine Perspektive unter vielen. 

Machen und Tun in der Popmusik

Weil Popmusik inzwischen etwas geworden ist, das weitgehend techniziert und in Codes aufgelöst ist, an denen in unpersönlicher Weise gestrickt wird, wird sie sich auch optimal für die Künstliche Intelligenz eignen (selbstredend zuerst die „Lyrics“, die heute schon nach solchen Prinzipien zu funktionieren scheinen). Es wird darin nur noch darum gehen, vorgeprägte Muster wiederzuerkennen und das daraus folgende Gefühl zu genießen, es als angenehm zu empfinden (dazu gehört übrigens auch das Grundgefühl "Rebellion"). Individuelle Entscheidung, der sog. „Freie Wille“ oder Individualität wird darin kaum noch eine Rolle spielen. Der einzelne Mensch wird zur Maschine, die beliebig zu manipulieren ist und in die gewisse akustische Reize geträufelt werden. Erinnerungen, auch sämtliche Gedankeninhalte werden manipulierbar sein, das Gehirn wird dadurch auch zur kapitalistischen („Wettbewerbsorientierten“) Spielwiese. In der Folge wird sich eine Klasse von technizistisch aufgerüsteten und durch Implantate in Reihe geschalteten „Supermenschen“ vs. eine Klasse von „Prekären“ geben. Gesellschaftliche Polarisierung wird angesagt sein. Gewalt direkter und indirekter Art wird die bestimmende Methode der Auseinandersetzung sein. Luxus-Implantate werden zusammengeschaltet und so eine Art „Superintelligenz“ erzeugen, die das Individuum als kleinste gemeinsame Einheit (die die Aufklärung hervorgebracht hat) ablösen werden.  

Insider (2)

Über was ich mich immer schon gewundert habe: Dass die veröffentlichte Popwelt solche „Stars“ wie Robbie Williams oder Madonna so toll fand. Beide sind ja wohl Aushängeschilder des Showgeschäfts mit all seinen "schönen" Betrügereien, denen in bester Interpretationsabsicht gerne die seit Shakespeare so populäre Welt des schönen Scheins untergeschoben wird. Dass die beiden ja so etwas wie Schrittmacher des Neoliberalismus gewesen sein könnten, wird dabei offenbar gerne in Kauf genommen: ist halt „Kunst“. Dass dessen Bestandteile die beiden offenbar nahezu virtuos, zumindest gekonnt, handhabten, mag gerne zugestanden sein. Der Starkult, den beide entfachten, entspricht auf der anderen Seite dieses Gebot, sich ständig neu zu erfinden, der Verkäufer seiner selbst zu sein, sich bei öffentlichen Gelegenheiten anzubieten, anzubiedern und sich zu "präsentieren". Einen Trend zu reiten, dazu muss man wohl auch geboren sein. Dass so etwas mit einigermaßen eigenwilligem Künstlertum, mit einem Beharren auf Individualität so gar nichts zu tun hat, liegt auf der Hand. So wird aus dem Milieu der sogenannten „Superstars“ ein besonders rüder Umgang mit den vielen kolportiert, die für die banale technische Umsetzung ihres Erscheinens sorgen. Die vielen namenlosen Helferlein, die "Stage Hands" und ..... Besonders die hierarchischen Gegebenheiten scheinen dabei aufs Aufdringlichste und weit über die Gepflogenheiten in der „Wirtschaft“ hinausgehend betont zu werden. Die Stars sind Boss. Ganz klar. Sie verdienen 98 % und haben dies verdient. Die Medien scheinen dabei noch zu sekundieren und diesen mehr oder weniger alltäglichen Bereich des Logistischen auszublenden. Dass Täuschungen wie etwa aus dem Hintergrund eingespielte Playback-Passagen dabei zum Einsatz gekommen sein sollen, scheint dabei auch als "künstlerische Absicht" in Kauf genommen zu werden. Verpackung scheint alles zu bedeuten, Inhalt nichts. Es gilt, ein Ego zu illuminieren. Es gilt, einen "Star" zu inszenieren. Grenzüberschreitungen werden dabei augenzwinkernd in Kauf genommen und als „Genialität“ ausgelegt. Wobei die gezielte und provokative Grenzüberschreitung immer schon Bestandteil der Popmusik und ihres Geschäfts war. Aufmerksamkeit auf sich ziehen, - auch so ein Sport des Neoliberalismus. 

Insider

Wenn ich heute Artikel über Popmusik lese, so stelle ich fest, dass der Trend zum Hype, vermischt mit sehr persönlichen Vorlieben, sich noch verstärkt hat seitdem ich aus diesem Bereich gegangen bin. Wenn überhaupt etwas Substanzielles abgesondert wird, so werden ziemlich unverblümt sehr subjektive Geschmacksurteile vermischt mit dem momentan grassierenden Hype aufgefahren, um eine eben nett ausgespuckte „Meinung“ sofort zu verallgemeinern. Es wird offenbar ein Kaufrausch inszeniert, dem sich der „normale“ alltägliche „Konsument“ allein schon aus Mangel an Geld gar nicht hingeben könnte. Bei der Wahrnehmung solcher Mechanismen konnte ich lächelnd auf eigene als „Lesefrüchte“ formulierte Erfahrungen zurück greifen. Postmoderne ahoi! Was zählte und hip war, das war die kopfnickende Zustimmung zu heiligen Kühen des Popkanons, dieses Gefühl des „Dabei-seins“,  „Ganz-vorne-seins“ und des "Wissens um das Relevante",  das für mich stark in eine bestimmte soziale Richtung zeigte: Distinktion war angesagt, „drin“ und „draußen“ sein. Etwas, was ich zu kennen glaubte. Ein Wissender sein, der völlig seiner Wahrnehmungsblase verhaftet, ignorant und arrogant den Kanon dessen beschwor, was als „hip“ galt. Es gab dabei Chiffren des Auskennens, die dem Bildungsbürgertum und seinen „Kriterien“ ziemlich nahe standen.

 

Pop musste grell, unanständig und lustbetont sein, sonst taugte es nichts. Basta. Je mehr, desto besser. So stand's geschrieben. Gleichzeitig wurden alternde Götzen in all ihrem Tun angebetet, die das gar nicht so wollten: Bob Dylan zum Beispiel. Wo war da der Zweifel, der uns, die wir uns um etwas anderes mühten, alle gelegentlich beschlich? Wo war das Argument, das uns betroffen hatte, all die Unsicherheiten, die uns und eine bestimmte Art von Musik grundsätzlich absetzte von diesen eitlen Kulturpäpsten, den geschmäcklerischen Selbstinszenierern, den Bescheidwissern der Kultur, die halt in der Arena der netten Formulierungen eine weitere Pirouette drehten, ohne jemals die gesellschaftlichen Bedingungen für ihr Kritiker- aber auch für das „Künstlerdasein“ zu berücksichtigen? Waren wir allwissend? Wer waren wir überhaupt? Es schien bei all diesen hippen Aufgeregtheiten um eine Art Konsumberatung zu gehen und um eine durch extreme Formulierungen oder steile Thesen aufgepumpte „Expertise“ des Kundigen, um Demonstration von Insidertum. Das alles fing damit an, dass das Gefällige und Artige, das handwerklich „Gut Gemachte“ als Pop plötzlich angesagt war, mochte es sich auch noch so schlimmen Klischees der Götzenanbetung bedienen und affirmativ im Einklang mit der es umgebende Kulturszene sein. Im allgemeinen Getümmel von Techno, Punk, Metal, Elektro oder Grunge schien das sowieso egal zu sein. Da blickte sowieso niemand mehr durch. Und dazwischen der gehasste Mainstream, das Gewöhnliche und Alltägliche, von dem man sich mit allen Mitteln abzusetzen versuchte. Dass Pop irgendetwas mit dem Wort „popular“ zu tun hatte, wurde durchweg geleugnet und war etwas für die stumpfe Masse der „Konsumenten“, von denen man sich kraft seines selbstgenügsamen Auskennertums in seine Nische absetzen konnte. Ja, aber so hat Pop und Rock immer funktioniert! Ein System von Zeichen verstehen, im Gegensatz zu „den Anderen“. Mittlerweile hat sich all das nivelliert und ist in einem Strom von überall grassierenden Klängen untergegangen. Der Mechanismus funktioniert längst nicht mehr und ist im anonymen Showbiz verschwunden.

Popmusik und Journalismus

Ob Journalismus und Popmusik etwas gemein haben? Zumindest das, dass sie sich möglichst populär (Journalisten sagen „verständlich“) ausdrücken sollen. Dass sie möglichst alles und jede Position berücksichtigen sollen, um ja keine „Käufer“ oder „Konsumenten“ zu vergraulen. Dass sie sich bei einer kaufkräftigen Mehrheit geradezu anbiedern müssen. Dass sie dazu „Keywords“ einsetzen, also Wörter oder Begriffe, die bei den Konsumenten etwas bewirken. Sie müssen den Eindruck der Lebendigkeit hinterlassen. Sie sollen nicht allzu elitär wirken, sondern unterhaltsam sein. Sie wollen vielmehr Alltagsnähe erzeugen. Sie sollen etwas so vereinfachen, dass es jeder versteht. Sie wollen „dem Leser“ etwas geben, nicht unbedingt in der gewünschten Kürze, sondern in der von der Gesamtproduktion oder vom Layout gebotenen Länge. Wörter sind inzwischen nur noch Platzhalter, sie sind geworden, gemacht, völlig ohne Inhalt, ein Handwerk der Manipulation und des Wohlklangs.... Politik und Werbeagenturen haben sich der Sprache bemächtigt, Verseschmieder, Textproduzenten und Fake News-Ersteller sind hinter ihr her. Ich mache mir auch keinerlei Illusionen über Formen wie Blogs oder Soziale Netzwerke. Sie tragen wohl eher zur Banalisierung des Einzelnen bei. Dieser Einzelne scheint sehr stark zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, indem nämlich heute auch scheinbar lyrische Texte industriell, arbeitsteilig und geradezu maschinell hergestellt wurden und zunehmend werden („Songtexte“). Doch diese Entwicklungen sind wechselseitig. Der „Konsument“ will das so. Einprägsam“ und „fesselnd“  und "unterhaltsam" soll alles sein. Schnell, auf Anhieb. Inzwischen geht das entlang von Algorithmen. Der Druck auf die Tränendrüse ist etwas Gekonntes. Der Wutausbruch wird planmäßig herbeigeführt (jeweils beim „Durchschnittsuser“). Alles erscheint austauschbar. Die Lüge beherrscht offenbar das Feld. 

Zeitgeistblüten

Geschrieben im Jahr 2004, dem alten Mythos Rockmusik samt seinen Idealen nachspürend:“Was Liebhabern des populären Liedes noch bleibt, sind die kleinen Entdeckungen im kreativen Biotop des Pop und Rock. Wer genügend Neugier und Zeit aufbringt, der weiß es schon lange: Die Faszination liegt in der Vielfalt, im schillernden Spiel der Fantasie, der Verweise und Genres, der Überlagerungen des Unerwarteten und der schillernden Kombinationen mit dem Altbekannten, ein Spiel, dessen Teil auch die Popstars des Mainstream sein können. Wieso nicht? Vielleicht ist es ja manchmal so, dass Massenprodukte wie Madonna oder Cristina Aguilera eine interessante Seite des Zeitgeists deshalb inhaliert haben, weil Kreativität und Know How - jetzt bitte keinen Einwand! - jederzeit käuflich sind und mit dem massenkompatibel Populären und unwiderstehlich Kommerziellen eine spannende Allianz eingehen können.

Dahingestellt mag bleiben, welche Auswirkungen die wirtschaftliche Krise der Branche weiterhin haben wird. Dieser wuchernde Blumengarten der Popmusik will ja gedüngt sein. Momentan deutet leider vieles in Richtung einer Austrocknung der kreativen Vielfalt. Die Medienkonzerne konzentrieren sich in der Krise auf das Kerngeschäft, ihre Superstars als Marken in den globalen Markt zu drücken. Aber es schaffen die neuen technischen Möglichkeiten auch neue Chancen, neue Vertriebsmöglichkeiten, vielleicht steht die Rock- und Popmusik ja vor einer neuen Blüte. Vielleicht erzeugt die Markenpenetranz der großen Konzerne eine Müdigkeit, die unabhängigen Plattenfirmen eine Chance gibt, mit einer glaubwürdigeren Anbindung an den kreativen Pool. Vielleicht ist die Rock- und Popmusik auch weiterhin das Biotop der wunderbaren Blüten.

 

Allein, das Versprechen des ganz Anderen, die Illusion des Umsturzes und Innovation, sie scheinen noch zu locken. Den Rock neu erfinden, in der Differenz zum Anderen eine Identität schaffen. Die Übertreibung, die Sensation, der Hype und die Mitläufer, - ein Phänomen der Massenkultur. Nach dem Knospen des Rock ’n’ Roll in den Fünfzigern waren es die alten 68er, die glaubten, sich von der Generation ihrer Eltern absetzen zu müssen. Sie „erfanden“ die Subkultur der Rockmusik samt ihrer subversiven Elemente. Sinnstiftung im Symbolischen. Erinnert sich noch jemand an Frank Zappa? Jimi Hendrix, Janis Joplin, die Woodstock-Generation, freie Liebe, Protest, Rebellion, Kommunen, Konsumkritik, Revolution, abgefahrene Utopien - all das. Die Rockmusik war noch bei sich selbst und erlebte ihr Goldenes Zeitalter. Sie war der Soundtrack ihrer Zeit, bildete gesellschaftliche Strömungen ab, schien kurzzeitig gar kultureller Motor zu sein. Damals, als alles besser war. Doch schon die Generation der 78er fiel in ein Loch, konnte sich nicht mehr so recht zwischen Konsumverweigerung und Karriereversprechen entscheiden. Die Rockmusik war für sie ein Supermarkt der Gefühle, - und mit der Subversion war’s auch nicht mehr weit her. Schon Punk bedeutete für die 78er eher Nihilismus als Rebellion.“

Digitalkritiker

Könnte es ein, dass selbst in den nun endgültig heranstehenden “digitalen“ Zeiten diejenigen, die sich mit Erzeugnissen des menschlichen, also „humanoiden“ Ausdrucks einigermaßen auskennen, also Kulturkritiker, besser abschneiden werden als diejenigen, deren Dienstleistungen in der digitalen Wirtschaft überflüssig sein werden, weil sie standardisiert und also austauschbar, digital ersetzbar sein werden? Fest steht: Roboter können Tätigkeiten eines Kritikers nicht ausführen, wobei auch die Tätigkeit eines Kritikers neu bedacht werden sollte. Er könnte unter gewissen Umständen nicht der einsame Bescheidwisser auf den Höhen des Parnass darstellen und seine vernichtenden oder bedingungslos erhöhenden Urteile absondern, sondern er könnte sich zusammen mit dem "Konsumenten" auf eine Entdeckungsreise begeben, die dem mit zusätzlichen Kriterien ausgestatteten "Konsumenten" allenfalls Dinge nahelegt, ihn Dinge selbst entdecken lässt oder ihn gewisse Schlüsse ziehen lässt, aber sich niemals auf seine scheinbare Unterlegenheit stützt (was meist den Kritiker selbst erhöhen soll). Jaja, ich weiß um das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und welche Rolle es in diesem Prozess spielen könnte! Wenn der Mensch sich selbst betrachtet (in Zukunft werden sich viel mehr Menschen künstlerisch betätigen, weil auch der Begriff der "Arbeit" neu gefasst werden muss. und dabei nicht nur Kriterien der High Performance“ gelten lässt, könnte das eine ganz neue Ebene der Beschäftigung (nicht: Arbeit) in einer Gesellschaft 4.0 bedeuten. Könnte. Noch scheinen wir weit entfernt davon zu sein. Doch die Geschwindigkeit der Entwicklung und der „Innovation“ hat sich längst erhöht, Beschleunigung ist auf allen Gebieten angesagt. Es könnte also schneller so weit sein als Viele denken. Eine Umwertung vieler Werte könnte dadurch heranstehen. Kritiker könnten eine neue Qualität menschlichen Lebens verkörpern, was unter den genannten Bedingungen keine pathetische Erhöhung und kitschige Übertreibung darstellt. Kritiker könnten mehr auf das einzugehen versuchen, sie könnten zusammen mit dem „Konsumenten“ das empathisch nachzuvollziehen versuchen, was ein Künstler beabsichtigte, der nicht unbedingt einem von der Industrie vorgegebenen "Starsystem" angehören muss. Es könnten einem auf diese Weise angeregt, Stärken und Schwächen bewusster werden. Vielleicht.

Pop im Fluß, Strom

Wenn ich mir gewisse Sachen aus meiner CD-Sammlung anhöre, so muss ich mir konstatieren, dass sie eine gewisse depressive Stimmung ausdrücken, die nicht gerade Mut macht, die „runter zieht“. Das war früher auch so, hat aber niemanden gestört. Es war ein natürlicher Raum, in dem Experimente in jede Richtung grundsätzlich möglich waren. Auch in die scheinbar depressive Richtung. Man gestand sich ein, dass (ob richtig oder falsch, sei dahingestellt) angesichts des Zustands der Welt sich einem eine solche Haltung aufdrängte. Kann es sein, dass die Folien, die Wirklichkeit abbilden, seitdem auseinander driften, dass Unterhaltungen zunehmend eine gewisse Funktion übernommen hat, die da lautet „Unterhalten, ablenken, betäuben, Power pumpen, hinnehmen, optimieren“? Es werden Haltungen vorgeführt, scheinbar als Beglaubigung, - wiewohl sie allzuoft trotz aller übertrieben Gesten (die ja oft nur Posen sind...) nur Zitat sind. Gewiss, es hat auch positive Veränderungen gegeben, die allerdings in den Medien kaum reportiert werden. Ob sie aber einen Trend widerspiegeln? 5 % der Weltbevölkerung sollen jetzt (so las ich…) mehr als 50 % der Welt besitzen. Ich las jetzt auch, dass Scott Walker gestorben sei. Eine kleine Notiz auf der Feuilleton-Seite. Der Mann mit dem Samtbariton und den Klangexperimenten, der sich im Laufe der Zeit immer mehr gelöst hatte vom populären Schönklang der Songs der Walker Brothers, die vor vielen Jahren damit "Erfolg hatten".  Solche Leute passen heute nicht mehr in diese Landschaft. Er ist wohl rechtzeitig gegangen. Er ging dem Unmöglichen nach, dem Experimentellen, dem, das nicht durch Gewohnheiten abgesichert war, dem, das neu war. Er ließ seinen Möglichkeitssinn spielen. Er landete oft im Düsteren und Ungewissen.

Im Heute

Soundflecken, Streusel, Sprengsel. kurze Einfälle, Visionen, Vorstellungen, die einem ursprünglichen Impuls verpflichtet sind. Nenne es Punk! Nenne es Noise! Den Ton. Die Lebensäußerung. Nah an Menschen. Weit weg von Menschen. Einsame Töne. An sich, für sich. Bezeichnende oder anonyme Partikel. Teilchen. Sie machen Laute. Sie bewegen sich dabei. Die Laute, die Menschen. Sie machen Töne. Gesellschaftlich erkannte Teilchen. Verfremdet. In Räume gezerrt. Ich verändere Stimmen….. ich forme sie. Mache sie als „missbraucht“ kenntlich. Abgehangen. Code. Manipuliert. Sollen besoffen machen. Kitzeln. Rieseln. Glitzern. Funkeln. Unter- und hintergründig. Sprache ist ein Virus aus dem Weltraum…...

Konzertreport

 Ich war in einer Distanz zu der Massenbegeisterung, empfand das fast schon als befremdlich, neigte dazu, mich zurück zu lehnen, - dabei hatte ich gerade „die Stimmung“ zu reportieren, die kollektive Begeisterung, der ich mich so weit entrückt sah. Das Ganze versuchte ich professionell zu sehen und aufzuschreiben, ich registrierte und nahm wahr, - worin ich schließlich auch ganz gut wurde. Ich hatte meist einen ganz genau bemessenen und per Zeilen abgezählten Platz im Blatt, um etwas niederzuschreiben (im Gegensatz zu den festangestellten Redakteuren…), was der Qualität meiner Ausführungen auch nicht immer förderlich war. Mir schien aber von Anfang an, als müsse ich um jeden Preis einen Texte verlängern können: meine Sache war es vielmehr, in der Kürze die Würze erscheinen zu lassen, die Dinge knapp auf den Punkt zu bringen. Doch schon bald kapierte ich, dass es in einer Redaktion so etwas wie ein Statusmerkmal ist, so lange Texte zu schreiben, wie vom Autoren für unerlässlich gehalten. Stets versuchte ich, mich zu informieren und mich auf dem Laufenden zu halten. Dies bezog sich nicht nur auf die jeweiligen Illustrierten und Fachblätter, die die Helden ihrer Zielgruppe zum tausendsten Mal porträtierten und meiner Ansicht nach einen gesellschaftlichen Rundumblick meist nur zum Schein zelebrierten. Dabei wurden dann oft neue Plattenspieler und Kopfhörer vorgestellt oder in einem huldigenden Ton ein Mensch vorgestellt, der in den Medien gerade im Gespräch war.

Integrationsfalle (1)

Ach ja, wenn wir zurückblicken, dann erinnern wir uns, dass die sogenannte „Integrationsfalle“ schon einen Inhalt für unser Soziologie-Studium abgab. Das System nimmt subkulturelle Signale auf, integriert in sein Zeichensystem, macht sie zur Mode, deutet sie als „chic“ um und versucht, sie zu vermarkten. Heutzutage sind ja ganze Scoutingabteilungen unterwegs, um Trends aufzuschnappen und sie für das Design einer Firma nutzbar zu machen. Doch wir standen an der Seite, als wir dasselbe einst mit allem, was Punk angeht, beobachteten. Hippie, Flower Power und 68er waren da schon vorbei. Sicherheitsnadeln in der Wange, Irokesenfrisuren und zerfetzte Klamotten wurden nun plötzlich chic und galten als der letzte Schrei unter Jugendlichen. Eine ganze Industrie knüpfte sich schließlich an solche Trends und „wertete sie aus“, - last but not least die Musikindustrie. Punk wurde ein gesellschaftlich als avantgardistisch und besonders fortschrittlich gedeutetes Stilmittel, - letzte Rest davon fristen heute ein Dasein als stilistisch avancierter Verkaufsartikel mit einer gewissen „Street credibility“. Gefälligkeit wurde Kennzeichen, - Missklang, Sinnlosigkeit, Tabubruch, Perspektivlosigkeit, Anderssein und Pessimismus waren verpönt oder gekonnt ausgeblendet. Und: Die Popmusik scheint dabei tatkräftig geholfen zu haben. Ja, sie scheint als Ganzes in eine solche „Integrationsfalle“ gegangen zu sein. Waren einst die Markierung von Erfahrungshorizonten und Grenzen des Verhaltens sowie neue Modelle des Zusammenlebens wichtige Inhalte für sie, so wurde sie zunehmend zum Kleiderständer einer Unterhaltungsindustrie, - ohne Inhalte (oder solchen, die dem „Abverkauf“ dienen sollten….). Sie ließ sich willig dazu machen und ist inzwischen in weitgehender Bedeutungslosigkeit untergegangen. Ein Life-Style-Phänomen, mehr nicht. Bespaßung und Ästhetizismus scheinen das bestimmende Moment ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Die gegenwärtige Wirtschaftsform scheint sie ausgebeutet zu haben und ihr gleichzeitig zu dienen. 

Pop und Pop-Art

Ich versuche, mir und anderen zu erklären, was Pop-Art sein könnte. Es könnte nämlich davon ein Einfluss auf die Popmusik ausgegangen sein. Bekannt ist, dass es sich dabei um eine Art Kunstrichtung handelt, die etwa gegen Ende der sechziger Jahre ihren Höhepunkt erreichte und mit Namen wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Roy Lichtenstein verbunden ist. Dass deren Werke inzwischen hochdotiert und nur für Besitzende erschwinglich sind, mag ein Phänomen des Kunstmarkts sein. Es scheint darum zu gehen, dass die abgebildeten Objekte der Konsumgesellschaft in einem ganz anderen Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung gewinnen. Dieser Effekt wird dadurch erreicht, dass man das Produkt ganz unmittelbarer präsentiert, herausgelöst aus seinem konventionellen Zusammenhang. Es lädt sich quasi mit anderen Bedeutungen auf. Dieser „Verfremdungseffekt“ mag sich auch in der anfänglichen Rockmusik wiederfinden. Formationen wie Pere Ubu oder Künstler wie Frank Zappa mögen solches als Anregung für ihr eigenes Schaffen aufgeschnappt haben. Zitate werden aus ihrem Zusammenhang gerissen und mit neuen Bedeutungen versehen wieder eingeworfen in einen musikalischen Prozess. Spätestens die New Wave-Bewegung der achtziger Jahre mochte dies im Schaffen von Formationen wie B-52s oder Devo aufscheinen lassen. Deren scheinbar groteske Auftritte und Erscheinungen bauten auf den weithin akzeptierten Zeichen des „Normalen“ auf. Auf einem Gefühl des Fremdseins und der Simulation. Talking Heads, die so tun, als ob…...Marx hatte sich mit diesem Gefühl auch auseinander gesetzt und dabei den Begriff des „Fetisch“ gefunden. Auch wollten Warhol & Co. so etwas wie „das Schöne“ im Gewöhnlichen finden. Sie wollten es neu strahlen lassen, sie haben es gleichzeitig geliebt und verabscheut. Die Phänomene. Die Gegenstände. Die von einer unerbittlichen Industrie geschaffenen Dinge, die meist auf Techniken zurückgehen, die sich in einem Gegensatz zur Natur sehen. Es geht um Naturbeherrschung, einem Thema der später sehr intensiv und durchschlagskräftig folgenden „Globalisierung“. 

Rockmythen

Geschrieben im Jahr 2004, den alten Mythos Rockmusik beleuchtend: „So fängt’s an. Ab in die Garage, die Gitarren eingestöpselt und los geht’s: geradeaus, unverfälscht und direkt zieht der Rebell vom Leder. Seine drei Akkorde der Wahrheit und das unergründliche Geheimnis seines mit Emotion aufgeladenen Lärms sind unwiderstehlich. Deshalb wird er von den Agenten der Industrie auch schnell entdeckt. Natürlich sind seine Geniestreiche in einem einzigen atemlosen Schaffensakt aufgenommen und flugs auf frisch gepressten Tonträgern vervielfältigt, so dass jeder daran teilhaben kann. Und schon ist der Rebell ein Star. Ein Superstar. Ein Megastar. So schnell geht das. So erzählt’s das Märchen vom Rockstar.

Voilà, es ist angerichtet: Tumult, Aufruhr, Krawall. Ein neuer Sound: Genialisch und brachialisch, kompromisslos und ehrlich, - wie behauptet wird. Elan Vital. Geschaffen von bösen Buben, die Fernseher aus dem Hotelzimmer werfen und WCs in die Luft sprengen. So muss das sein. Das ist der Mythos des Rock ’n’ Roll, die immer wiederkehrende und fürchterlich ausgeleierte Geschichte vom ehrlichen Rocker. Dieser Rocker muss natürlich nichts können. Sein Publikum braucht auch nichts zu verstehen. Er selbst ist ja durch sich Ausdruck und Selbstinszenierung. So funktionieren Schein, Hype, Übertreibung und Sensation.

 

Doch halt, vielleicht ist das nur die falsche Euphorie von gestern. Vielleicht drängt sich der heutige Popstar zuerst in Castings nach vorne und tritt dann zum ersten Mal vor die Fernsehkamera, um sich gut dressiert, trainiert und motiviert bis zum Gewinner des Wettbewerbs zu qualifizieren. Pop als Leistungssport. Superstars, die Deutschland im Fernsehen sucht und findet. Momentan ist das noch so. Haltbarkeitsdatum: Eine Saison. Figuren, gestanzt nach genormten Vorlagen. Deutschland hat das verdient. Deutschland will schließlich mit Innovationen wieder nach vorne kommen.“ 

Der Lautmaler

Eine Scheibe, mit deren Inhalt ich schon wochenlang lebe, an die ich von Anfang an auch die höchsten Ansprüche stellte und die mich nicht enttäuscht hat: Dominic Millers „Absinthe“. Miller ist schon viele viele Jahre der Gitarrist von Sting und hat die Ideen des Anführers stets kongenial mit großer Inspiration umgesetzt. Neuerdings bringt er dazu auch seinen Sohn mit, der ebenfalls Gitarre spielt. Davor war er jahrelang als Studiomusiker tätig, hatte unter anderem für Phil Collins, Paul Simon, und viele andere Superstars gespielt. So hatte er unter anderem bei etwa 250 Tonträgern mitgewirkt, ehe er zur Band von Sting kam. Geboren in Argentinien als Sohn eines amerikanischen Vaters und einer irischen Mutter, wuchs Miller ab dem Alter von 10 Jahren in den USA auf und ging dann in England weiter zur Schule. In der Vergangenheit hatte ich ihn immer wieder gehört und war überwältigt von seiner erzählenden Art, die auf nahezu endlosem technischem Können fußte und sich trotzdem nirgendwo mit leerem Virtuosentum aufdrängte. Er erzählte mir mit seinem Instrument die Dinge, die man auf der Gitarre erzählen kann, wobei bei ihm stets seine argentinische Vergangenheit eine wichtige Rolle zu spielen schein. Auf dem von Manfred Eicher nun produzierten ECM-Album spielt der Schlagzeuger Manu Katché mit, der Keyboarder Mark Lindup, der Bassist Nicolas Fiszman sowie Santiago Arias aus Buenos Aires am Bandoneon. Zurückhaltende, melancholische Melodien zieht Arias, genau wie Miller selbst. Es entsteht eine lautmalerische Atmosphäre, die frei über einen kommt und einen nicht mehr los lässt. Zum Beispiel auf „Saint Vincent“, dem letzten Stück des Albums, das sich nicht auf Vincent van Gogh bezieht, sondern auf den verstorbenen kamerunischen Gitarristen Vincent Nguini, der lange mit Paul Simon gespielt und aufgetreten war. Miller schwärmt von dessen großartigem Timing und versucht, dies auch ein wenig in sein Album einzubringen. Es spielt Miller hier auf der gelegentlich von der Stahlsaitengitarre ergänzten Nylongitarre, die von „Absinthe“, dem Auftaktstück bis „Saint Vincent“ durchweg das akustische Geschehen prägt. Stets scheinen die Musiker auf hohem Niveau aufeinander einzugehen, scheint lebendige Interaktion angesagt. Natürlich hat Miller, wie er bekennt, auch die großartigen Alben in Erinnerung, die Manfred Eicher zusammen mit dem großen brasilianischen Gitarristen Egberto Gismonti produziert hat. Freilich gibt Miller auf „Absinthe“ seinen Mitmusikern viel mehr Raum, scheint den Austausch zwischen den Individuen voran zu bringen. Und immer sind da diese Lautmalereien mit Santiago Arias. Sie schieben sich samten an Millers Malereien. Sie ergänzen sich. Sie malen aus. Sie deuten an. Sie wecken die Phantasie. Was gibt es besseres?

mehr lesen

Musikalische Einheitsware

Was ist da bloß los? Machten wir uns früher das zu eigen, was uns durch die Musik vermittelt wurde, (Wagemut, Utopie, Erkundung fremder Horizonte) so kommt uns die heutige Popmusik seltsam leblos, blutleer und mechanisch vor. Da sind viel zu viele aufgeblasene, simulierte Gefühle, die nach einer Formel abgespult erscheinen. Von einer Utopie ganz zu schweigen, von einem Ziel, das jenseits des kommerziellen Erfolgs liegen würde. Möglichst clean, risikolos und für alle Generationen genießbar soll‘s jetzt sein, - so wie in Hollywood schon lange. Eine Einheitsware, die für nichts steht, außer für das, was uns in einer Show begegnet.

 

Wie mir scheint, machen da auch die alten Säcke noch einmal gerne mit: was sie zu „verkaufen“ haben, ist Nostalgie, das Gefühl, das früher alles besser war. Eine raffinierte Lüge ist das natürlich. Ein Blödsinn. Ein Mittel zum Zwecke des Geldverdienens, was ja die heutige Generation zum Hauptzweck ihres Lebens erkoren zu haben scheint und was ja im Neoliberalismus ohnehin geheiligt erscheint. Verkauft werden einem hier die alten Gefühle, die einen an die Jugend erinnern sollen....Jeder ist seines Glückes Schmied, eine Art Solidarität unter vielen gibt es nicht, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ach ja, die Sprüche kennen wir! Seltsam, dass in den USA alles mit etwa 10 Jahren Vorlauf zu dominieren scheint. Nur, das mit der direkten Übersetzung aus den USA nach Europa klappt nicht mehr so recht. Wir erkennen allmählich als Europäer unsere eigene Identität und sind stolz darauf. Die „übrige Welt“ ist uns nicht egal: Nein, wir treten in einen Austausch, von dem wir alle profitieren können, weil er uns stimuliert und er uns Dinge aus neuen Perspektiven sehen und fühlen lässt. Wir entdecken immer mehr: Skepsis und kritisches Beharrungsvermögen mögen ihren eigenen Wert haben, unabhängig vom amerikanischen Daueroptimismus, für den wir immer weniger Anlass sehen. Alles zur rechten Zeit und in der richtigen Gewichtung, so mögen wir den Amis zuschreien, bei denen ja die Freiheit vor der Gerechtigkeit rangiert. Ja klar, auch so kann man es machen. Es gilt halt, abzuwägen. Folgen abzuschätzen. Die Sachen im Zusammenhang zu sehen. Wir sind vernetzt und wir wollen nicht in die Vergangenheit zurück, um uns vermeintlich groß zu machen oder aufzublasen.  

Charisma, Begeisterung, Kreischen

Ich lese Passagen eines Textes und stelle mir vor, wie das damals war: Man wurde zum Event geschickt, zu New Kids on the Block, zu East 17, den Backstreet Boys und manch anderen Boybands (Take that mit Robbie Williams hatte ich nicht erlebt). Man war befremdet, hatte das aber als Profi zu reportieren: wie „die Mädels“ in Ohnmacht fielen, wie sie abtransportiert wurden, man hatte zu recherchieren, wie viele es waren und wie dringend es gewesen sein muss, man war in einer Art „Aufwachraum, in dem die ganzen Komatösen versammelt waren und ärztlich betreut wurden, man kriegte oben in der Halle mit, welche Stimmung der Begeisterung da herrschte, wie diese sehr durchgeplanten Reißbrettshows abliefen mit Tanz und Bühnenbildern, wie die Anhängerschaften immer größer wurden, auch ohne Facebook und Youtube. Gelegentlich dachte ich: so muss es bei den Beatles gewesen sein! Eine mehr oder weniger grundlose Begeisterung für das Vitale an sich, für das Charismatische, für diejenigen, mit denen man sich (aus welchen Gründen auch immer...) identifizieren kann.

 

Ich fand das irgendwie lustig und betrachtete das als einen Trend, wie es ihn in der Popmusik immer wieder welche gibt. Heute scheint man schon wieder auf Begeisterung für Figuren wie Justin Bieber zurück zu blicken. Es ist bereits Vergangenheit. Der fing mit billigen Youtube-Filmchen an, die ihn als eine Art Privatperson aufbauen sollten. Es wird wohl ein Vorläufer (mal wieder....) derartiger Videoclips gewesen sein, die heute „viral gehen“ und in die meistens noch ein bisschen von der Werbung gepackt ist, die man früher „Schleichwerbung“ nannte. Heute sind das respektierte und bewunderte „Influencer“ deren Einfluss auf ihre Gefolgschaft die Werbung treibende Industrie sehr wohl schätzt.Amy Winehouse soll sich diesem Trend damals auch angeschlossen haben, so lese ich heute. Ich hatte das alles zu wenig ernst genommen, hatte darin ein Phänomen der gelangweilten Gesellschaft und der Unfähigkeit zur Identifikation gesehen. In der Not, so glaubte ich, mache man sich halt an solche Figuren ran. Doch ich sah nicht die Tragweite, die von solchen Mechanismen auszugehen schien. Die Simulation von Leben, das Erzeugen einer Scheinwelt, das Erschaffen einer Projektionsfläche. Das Kreischen des Publikums ordnete ich noch unter jenen Phänomenen ein, die damals die Beatles, Jimi Hendrix und Jim Morrison groß gemacht hatte. Ich bemerkte offenbar nicht, wie die Musik tatsächlich zu einer Art Nebensache degenerierte, mir war auch nicht aufgefallen, wie stark formatiert und zielgruppenorientiert das Publikum jener Zeit bereits gewesen ist und dass jemand wie ich wohl (wenn überhaupt!) als eine Art Fremdkörper empfunden worden sein muss. Ich stand von vornherein außerhalb und gab dem mit ein paar ironischen Kommentaren Ausdruck (subtil, so dass nur Wenige das so empfanden...). Ich hatte schon stark empfunden, dass Musikmachen etwas sehr Technisches geworden war, das im Extremfall auch kleine Kinder vorführen konnten, weil es ihnen von ihren Eltern oder ihrem Über-Ich wohl immer wieder aufgedrängt worden war. Das „Popgeschäft“ war wohl auch zu einer Art Übergangsindustrie der Parfüm- oder Klamottenindustrie geworden. Das alles nahm ich zu wenig ernst, weil ich es lächerlich fand und weil ich so viel Anderes in der Popmusik bereits gefunden hatte. 

Musik zum Zwecke...

Musik scheint immer mehr zu einem bestimmten Zweck eingesetzt zu werden. Natürlich lautet der Zweck immer mehr: Profit. Waren es früher Aufzüge und Supermärkte, in denen einen Musikgedudel überschäumte, so wird sie heutzutage offenbar auch in Restaurants, Hotellounges und allerlei Handelsunternehmen strategisch eingesetzt. Es geht darum, eine bestimmte Kaufbereitschaft beim „Kunden“ zu erreichen, ihn dementsprechend zu manipulieren und die Umsätze zu steigern. Dabei helfen neuerdings sogar spezielle Unternehmen, wann was in die Ohren der Konsumenten gedrückt werden soll, um einen optimalen Effekt zu erzielen. Die Musik soll zu diesem Zweck „passen“, sie soll der Tageszeit, dem Raum und dem äußeren Rahmen („Framing“) entsprechen. Dabei scheint es neuerdings noch nicht einmal Lautstärkegrenzen zu geben. In bestimmtem Rahmen geht die Musik sogar hart an die Grenze dessen, was in Discos („Clubs“) gebräuchlich ist. Dabei scheinen die Produzenten und Verkäufer bestimmte Wahrnehmungskanäle für sich entdeckt zu haben, die bisher nur „esoterischen“ Kreisen vorbehalten schienen und nun in klar definiertem Interesse in den breiten „Mainstream“ hinaus getragen werden sollen. Es duftet nicht nur in den Läden, sondern es braust auch eine bestimmte Musik. Als ob wir nicht schon von allerlei akustischen Reizen andauernd überschwemmt würden, so scheint nun dieser Impuls klar kanalisiert zu werden. Ob das Folgen auch jener Art hat, die nicht unter Umsatzerwartungen diskutiert werden? Ob Musik aus der Konserve die Kommunikation unter Menschen auch zerstören kann, wenn sie etwa zu laut ist? 

Ein Spielfeld hat sich aufgetan

Meine eigene „Musik“ scheint der Entschleunigung gewidmet......deshalb sind da auch keine Soli, die die großen Solisten überbieten wollen, lange Zeit gab es gar darin keine Soli, nur solistische Figuren, Motive, die am Ausdruck, am Ganzen, an der Architektur der Sounds orientiert sind, - oder an der Flachheit...., die damit etwas zeigen wollen, da sind auch viele Sounds „von der Stange“, womit ich auch ein Stück der Außenwelt mit einbeziehen will. Es soll eine Art Inspektion, ein Rundgang, ein Schlendern in unserem Unbewussten sein, den Strom der Gefühle und Gedanken einbeziehend. Selbstverständlich fließen meine verschiedenen musikalischen Erfahrungen da ein. Freilich ist es ja so, dass ich aufgehört und vor einigen Jahren vom Anfang an wieder angefangen hatte. Unter anderem hatte ich meinen technischen Ehrgeiz zu den Akten gelegt. Es sollte das Spiel, das freie Flottieren meiner Phantasie mich führen. Ich würde mich fallen lassen, auch in meine Erinnerungen. In mein ganzes Sein.......so, wie es entstanden ist.......kein verklärter und ins Nostalgische gehender Blick, sondern ein Bewusstsein für das Ganze. Ich bin durch die Zeiten geworden, auch akustisch, es hat mich geprägt, Muster haben sich aufgedrängt, hatte ich mir angeeignet, dem Zeitgeist geschuldet und wieder verloren. Mittlerweile habe ich viele glänzende Interpreten der „real existierenden Musik“ erlebt, so dass ich mich nicht mehr mit (sehr wohl aber orientieren an....) denen messen mag. Ich habe einen anderen Pfad benutzt......der sich auch am Alltag orientieren will, der Klänge einbeziehen will, die in der gängigen Musik wenig zu hören sind......soweit die Umschreibung eines Ziels......

Megastars als Luxusacessoirs

Ob das damals angefangen hat mit Mariah Carey und Whitney Houston? Die hatten immerhin noch eine gewaltige Stimme, schienen aber ansonsten verkümmert zu Luxusmaskottchen, zu Gegenständen der amerikanischen Upper Class, zu Waren der neuen Konsumwelt. Popexegeten und Starjournalisten fanden darin teilweise noch die Verkörperung eines farbigen Widerstandswillens, was wir ihnen schon damals nicht so ganz abnahmen. Das Thema interessierte uns damals nicht übertrieben, aber wir ließen es gewähren, schließlich schien es eine weitere Farbe im Kosmos des Pop zu sein, in die sich auch Figuren wie Madonna noch hervor taten. Nur im Rückblick erkennen wir, dass es sich dabei um den Anfang einer Entwicklung handelte, die heute offenbar bei den Grammy-Verleihungen (jetzt mit Lady Gaga) besonders sichtbar wird. Erst Madonna, dann Rihanna und Beyonce scheinen dabei eine Art Vorläufer zu sein. Mittlerweile erscheint der Pop aller subjektiven Merkmale entkleidet, niemand steht mehr für etwas, - auch wenn Beyonce scheinbar aus Marketinggründen zuletzt das Feminismus-Pferd geritten zu haben scheint. Alles hat sich offenbar hineinbewegt in eine innere Leere, die ausschließlich auf Unterhaltung und damit Ablenkung gerichtet ist. Diese Figuren sollen nur noch einen Wunschtraum verkörpern, der wie der Esel und die ihm vorgehaltene Karotte oder dem leider längst beerdigten amerikanischen Traum die Massen locken soll: Jeder kann es schaffen, wenn er es nur will. Doch die Perfektion dieser fast schon unwirklichen „Megastars“ werden die Massen nie erreichen können, sie leben in anderen Bezüglichkeiten, selbst Whitney Houston als Angehörige einer vergangenen Generation der Popstars hat ja offenbar einen Niedergang erlebt, der in Chaos und Tod endete. Ob es da Parallelen zu Elvis oder Michael Jackson gibt? Alle sind sie US-amerikanische Popheroen, was einigermaßen auffällig erscheint und in Zeiten der Globalisierung einigermaßen hingenommen wurde als Zeichen der amerikanischen Dominanz. Doch mittlerweile haben sich die Vorzeichen geändert, UK scheint sich mit dem Brexit selbst aus dem Spiel nehmen zu wollen und die Musik aus aller Welt ist nach einer vorübergehenden Hochphase in Stagnation stecken geblieben. Klar, dass dadurch Räume für solche hohlen Starkonstruktionen frei werden, die uns die Industrie als Symbole der Kreativität verkaufen will, die etwas mit Populismus zu tun haben und die doch nur Symbole einer Verkaufstüchtigkeit zu sein scheinen.   

Live-Konzert und Studiokonserve

Immer habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich doch die manchmal erhebliche Distanz zwischen Live-Konzert und Studioproduktion bei der Popkritik hingenommen wurde. Eine Studioproduktion hatte für mich oft die Bedeutung, zu erkennen, wohin die künstlerische Reise gehen sollte, was ein (!) Ziel sein könnte. Deshalb war ich oft bestrebt, die zur Tournee/ dem Konzert passende Produktion zuvor zu hören. Ich war ja bestrebt, an dem für mich erkenntlichen Ziel zu messen, und nicht unbedingt primär an meinen subjektiven Maßstäben (die fließen ohnehin in jede Kritik ein...). Doch ich musste oft feststellen, dass es in einem Konzert mehr um die „leibhaftige Präsenz“ eines Stars ging, um eine Art religiöser Verehrung, entgegen um eine musikalische Darbietung/Leistung/“Aussage“.

Von Seiten des „Stars“ ging es oft drum, eine Reihe von Hits abzuklappern, sie eigens im Moment (scheinbar) für den Einzelnen (schwer vorstellbar in einem Konzert) aufzuführen. Es war dies offensichtlich ein Mittel, um Eitelkeiten zu befriedigen und dem Publikum das zu geben, was es wollte (Standarderklärung). Ob sich ein Künstler dadurch ein bisschen verraten hat? Ob das Wesen einer Kunst darin liegen könnte, dass sie sich immer weiter entwickelt, dass sie einigermaßen unberechenbar sich in ständig neuen Verkörperungen darstellt? Ob die Befriedigung dessen, „was das Publikum will“, nicht eine Art Serviceleistung ist? Eine Serviceleistung, die oft damit zu tun hatte, dass Musik Gefühlszustände hervorrufen kann, die zeitlich weit liegen? Dass also in vielen Fällen eine Art gepflegter Nostalgie samt den damit einhergehenden angenehmen Gefühlszuständen hervorgerufen werden sollte? 

Ob angesichts dessen das Beharren auf einem sich verändernden Künstlertum nicht eine Art Eitelkeit wäre? „Give the people, what they want“, - ob so die Kinks einmal getönt haben? Ob bei ihnen damals ein bisschen Humor oder Zynismus mitschwang? Ob damals der Zeitgeist ohnehin ein komplett anderer war? Wer kennt eigentlich heute noch die Kinks? Gehören die nicht einer längst vergangenen Epoche an? (Witz komm raus…!) Mit Freude habe ich den Beitrag eines Kollegen gelesen, der anlässlich des Konzerts einer ihm offensichtlich verhassten Popkünstlerin dann doch ein paar Kriterien nannte, die eigentlich für alle Konzerte gelten könnte. Er lamentiert da über die „sich wandelnde Selbstinszenierung massenbegeisterter Popstars“. Da entsteht in ihm der „überwältigende Eindruck einer bizarren Billigkeit“, die für ihn etwas mit den „blechernen Sounds aus dem Keyboard“ zu tun hat, mit der „Lieblosigkeit", mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden“. Ein „Gehampel der Tänzer“. Dazwischen der Star, der sich offenbar „wie ein Showroboter bewegt….“, da ist die „Verlogenheit der Musik“, die nach meiner eigenen Erfahrung komplettiert wird mit allerlei keck zur Schau getragenen aufgesetzten Gefühlen, mit einem seltsam fokussierten Gefühl der Simulation, die im Publikum überschäumende Gefühle hervorzurufen scheint.… etc….. die Szenerie ist mir wohlbekannt. Ob sie aber, um mich zu wiederholen, nicht für nahezu alle Popkonzerte gilt? Auch für diejenigen, die der geschätzte Kritiker für künstlerisch wertvoll und großartig hält? Ob das nicht geradezu ein Kennzeichen eines Popkonzerts ist, das ja oft auf „die breiten Massen“ zielt und nicht etwa auf ein „elitäres Publikum“? Solche Fragen habe ich mir oft gestellt, fühlte mich dabei aber stets ein bisschen alleine damit…...  

Alles- und Besserwisser

Was mich an der Popkritik immer gestört hat: dass Ästhetiken entwickelt werden, Ideologien, Weltsichten und Weltdeutungen, deren Gültigkeit dann gerne ohne Umschweife und weiteres Überlegen auf das Ganze erweitert werden. Dabei müsste man hier vor- und umsichtig vorgehen, abwägen und reflektieren. Doch solche forsche Vorgehensweise ist aus dem Raum des Gesellschaftlichen und des Politischen wohlbekannt. Es hat eine Zeit lang stets seine Faszination entwickelt und endete oft in Repression. Es wurde zum einzigen Erklärmodell, dass die Vielen ja sowieso immer suchen. Aber halt nur eine Zeit lang. Der Popkritiker wird in diesem Falle zum Ersatzphilosophen, der allem, was er selbst unter dem Phänomen „Pop“ einreiht, souverän seine Gültigkeit verschafft. So begegnete mir im Pop immer wieder eine Ästhetik des Masochismus, der dessen Wonnen pries, seine Verherrlichung des Schmerzes, sein Hinhalten, seine genussvollen Verletzungen, sein lustvolles Warten und seine Strukturierungen der Dominanz und der Unterwerfung. Das Muster ist immer dasselbe: Interessantheiten werden aufgeblasen zu Weltdeutungen, deren Gültigkeiten durch nichts und nirgends in Frage gestellt wird. Dabei würden wir solche Phänomene als begleitende Ding durchaus akzeptieren, lehnen aber den oft daran geknüpften Weltentwurf ab.

Was mir darüber hinaus immer gestunken hat: Die Unterscheidung in „relevant“ und „irrelevant“. Dabei sollte man festlegen, was man an der Popmusik als wichtig betrachtet und was nicht. Ob das Gültige ausschließlich an ästhetischen Maßstäben oder an den ohnehin fließenden Parametern des Zeitgeists gemessen werden kann, oder ob das Gesamtphänomen weitaus komplexer sein könnte, ob es sich in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einfügt, der vom Bedürfnis nach Unterhaltung, Zerstreuung und Ablenkung bestimmt ist. Wenn ich zum Beispiel Kontakt mit Musikern hatte, war ich immer wieder beeindruckt vom Maß der gesellschaftlichen Unwissenheit, vom ausschließlichen Reden über musikalische Dinge,  vom unbedingten Wunsch danach, sich am Himmel der Stars und Megastars durchzusetzen. Dafür war denen leider viel zu oft jedes Mittel recht.  

Steely Dan auf dem Gipfel

Ich habe Steely Dan gleich am Morgen aufgelegt. Ich merke, wie mich das emotional auflädt. Wie mich das „scharf stellt“. Ich versuche, mich Jahrzehnte zurück zu dehnen: Da war kein Handy-Druck, die Welt stand einem noch so offen, dass diese Klänge, die da aus einer neuen Welt herüber wehten, krass dazu passten. Wie sie das so filigran damals schon zusammen gebracht haben!....ich staune noch heute. Nicht die schnelle Lösung, sondern die gehärtete, sie suchten die tausendfach geprüfte Version. Sie suchten und fanden. Ich suchte und fand nichts. Bei ihnen gab es keine Notwendigkeit zu solieren, - und wenn doch, dann auf allerhöchstem Niveau! Diese scheinbar geraden Rhythmen, die schon auf „Do it again“ angedeutet waren, die waren wohlausgedacht, kreativ gefunden und boten dann doch (Live-Aufnahmen aus dieser Zeit!!!) Platz für das Chaos. Dieses überall vorhandene Understatement, das es nicht nötig hat, zu imponieren! Wie hat mir das imponiert!

Walter ist unlängst gestorben und ich hoffe, dass Donald das Projekt weiterführt. Er selbst hat auch sehr beachtliche Soloalben zustande gebracht, er war Teil des Rezepts und des Konzepts. Die Band ist ja als Steely Dan sehr in Schuss und verkörpert souverän die Krone der Rockmusik. Dieser Sound! Er ist gehärtet nach allen Regeln der Kunst und gleichzeitig von Ironie und Surrealismen durchstochen! Sie haben damals das musikalische Paradoxon geschafft. „Hey Nineteen, that's Aretha Franklin....“: Die Zeile klingt in meinen Ohren und umschmiegt aus heutiger Sicht mehrfache Zeitverschachtelungen, deren Signaturen auch Namen sein könnten. Lakonisch auf den Punkt gebracht. Da sind diese sehr durchdachten und toll gemachten Gitarrensoli, stechend dazwischen. Wie schön! Diese Stimme, die nicht gerade in der Art eines Rock-Buffo (anfangs überließ Donald den Job gelegentlich noch externen Sängern...) immer mehr hinein wuchs in dieses Projekt. Die Kühle, die sie später alle „Coolness“ nannten, sie war nicht Attitüde, sondern notwendige Folge ihres Ansatzes. In ihrem Studiosound gab es keine scheinbar hitzigen Rockschlachten, die emotionale Energie der Hörer abführen sollten. Sie zeigten nur ganz klar auf sich in ihrer Musik, die Emotion war durch den Fleischwolf gedreht, in musikalische Strukturen überführt und gestaltet. Sie zeigte auf das Objektive, auf das Absurde. Die Eitelkeiten hatten darin wenig Platz. Gary Katz gab den Produzenten, Roger Nichols den Toningenieur. Was für ein Glück, das sie so gut zusammen passten! Ob sie die Art prägten, wie Donald seine Stimme durch Chorarrangements auflud? Ich höre die Zeile „Satisfy my Soul....“ Ob das heute noch ein Wert ist? Befriedigung der Seele?

Fado, Blues, Carminho

Aus den USA kommt der Blues. Wir in Europa haben den Fado. Einst entstiegen den Kneipen und Tavernen Lissabons, in sich tragend Leid und Hoffnungslosigkeit, aber auch tiefes Gefühl, das zu einer explosiven Ekstase drängt, dann aber doch wieder zurück fällt in dumpfes Brüten, - manchmal. Fado ist die Musik derer, die gerade nicht da sind, wo sie gerne wären. Die Musik der Sehnsucht. Nach einem Menschen. Nach einem Traum. Nach einer anderen Wirklichkeit. Nach der Ferne und nach der Nähe. Fado ist auch die Musik der unglücklich Liebenden, der Enttäuschten und Verlorenen. Die Musik derer, die die Wehmut nicht wie eine Zierde vor sich tragen, sondern sie verbergen und sie hinunterschlucken, weil sie wissen, dass etwas genau so ist, wie es ist. Und denen darüber die Traurigkeit wie ständig steigendes Hochwasser in die Seele dringt. Die an der Wirklichkeit leiden. Die dem Leiden eine gerade so eben noch zusammenhaltende Form geben, ehe es umkippt und in tausend Einzelteile der Verzweiflung zerspringt. Als ein Fatum, ein Schicksal. Der Dichter Fernando Pessoa war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts davon beseelt, spielte mit Identitäten, erfand neue Namen für sich, spürte dem Menschen nach, war ein Magier jener Worte, die auch heute noch ihren Nachhall finden. Schön, dass er auch heute noch in Lissabon verehrt wird. Fado wurde zur Folklore, drehte sich in den Touristenkneipen um sich selbst, wurde eine Attraktion Lissabons. Um die Jahrhundertwende kamen die Sängerinnen Misia und Mariza, die den Fado weltbekannt machten.

Doch jetzt ist die junge Sängerin Carminho da, die manche schon als eine Art Erneuerin des Fado betrachten. Das war mit dem Blues und Londons junger Musikergarde damals dasselbe. Die Stichworte waren dieselben. Der Fado hat das nicht nötig. Auch wenn einem der Überschwang der Gefühle zunächst fremd erscheinen mag, sollte man sich hinein fallen lassen in ein Klangerlebnis. Carminho gibt einem auf ihrem Album „Maria“ meisterhaft diese Gelegenheit. Sie holt den Hörer ab und führt ihn in ein Erstaunen. Sie nimmt sich respektvoll zurück und ist doch auf „Maria“ ganz im Fado. Sie spinnt uns ein, ohne uns zu überrennen. Jawohl, sie führt die elektrische Gitarre ein, lässt sie schon vom Intro an im Titel „Pop Fado“ sogar zu einem bestimmenden Instrument werden. Doch das taten Mariza und Misia auch schon vor ihr. Natürlich ist der Fado offen, ist eine Volksmusik, die alles in sich aufsaugt, ohne jemals die eigene Identität zu verraten. Carminho schrieb einen Großteil der Songs selbst und produzierte das studiomusikalische Ergebnis.

Sie konnte dabei auf die Unterstützung hochkarätiger Musiker bauen, darunter Bernardo Couto auf der Guitarra portuguesa bei den Songs „O menino e a Cidade“, „A Mulher Vento“ und „Se Vieres“. Der Gitarrist José Manuel eto arbeitete auf „O Comeco“ und „Quero Um Cavalo Da varias Cores“ mit ihr zusammen. Luis Guerreiro spielt auf „Sete Saias“, Poeta“ und „Pop Fado“. Flavio Cesar Cardoso ist auf der Viola de Fado zu hören und José Marino de Freitas am akustischen Bass. Joao Paulo Esteves da Silva begeleitet sie am Piano und Cunha Monteiro spielt Pedal Steel- und E-Gitarre. Carminho selbst spielt auf „Estrela“ E-Gitarre. Doch das alles ist trotz immensem Können Mittel zum Zweck. Mittel zum Ausdruck. Dass das deutlich wird, ist das Schöne daran. Dieser Fado funkelt in vielen Farben, ohne dass er eine Eitelkeit widerspiegeln würde.

mehr lesen

Umgang mit der Sprache

Den richtigen Umgang mit der Sprache, ihr zielgerichteter Einsatz, verschiedene Manipulationstrategien und die effektive Anbiederung an den „Verbraucher“ sind oft Gegenstand von Seminaren zum Journalismus und zur PR, auch und gerade in der Popmusik. Oft wird darin die Effektivität beschworen, mit der man den „Konsumenten“ erreichen wolle, also den "Musikverbraucher". Eine „bildhafte Sprache“ sei dabei förderlich, die gleichzeitig emotional sein solle und „gut durchdacht“, „pfiffig“ und „knitz“. Sie solle sich möglichst kurzer Sätze bedienen und keineswegs Schachtelsätze verwenden. Außerdem solle sie anschaulich und in Form von Geschichten daher kommen. Geschichten bedeutet in diesem Zusammenhang eine Dramaturgie, die Spannung auf- und abbaut, die Höhepunkte anstrebt und Pointierungen, die im Rahmen des Ganzen „einen Sinn“ haben sollen. In jedem Falle solle und wolle man „gut verständlich“ sein. Ob wir jetzt die zahlreichen PR-Texte in der Popmusik an diesen Maßstäben messen sollten? Oder eine große Zahl von Songtexten, die gekonnt mit diesen viel zu oft gehörten "Schlüsselworten" so spielen wollen, dass sie den Hörer möglichst direkt über seine Gefühle erreichen.....? 

In unserem Kopf

Es gibt diese Inhalte im Kopf, die uns praktisch jeden Tag aus den Medien umfließen ehe sie uns eingeflößt werden: Die im Kopf gesampelte Musik zum Beispiel. Die in den Kopf eingescannten Bilder. Die im Kopf abgespeicherten Wörter und Satzfetzen. Konventionen und Rituale, die uns beherrschen, ohne dass wir das merken und den Prozess als solchen Wahrnehmen. Kulturelle Kürzel. Chiffren, bei denen jeder weiß, was gemeint sein könnte. Diese Chiffren der Verständigung nehmen zwar im Rahmen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung und der Globalisierung (Globalisierung im Paradox) immer weiter ab. Doch nicht nur die Globalisierung befördert solche Kürzel, solche Verständigungspartikel. So ist beispielsweise die Sprache Englisch immer noch beherrschend in all dem, was Globalisierung bedeuten könnte. Die USA waren ja auf diesem Feld beherrschend und ziehen sich jetzt zurück. Vielleicht ändert sich dies in den nächsten Jahren damit auch, doch einstweilen kennt die ganze Welt noch das Wort „Love“ oder „Yeah“ etc. Locker eingestreut, ohne Sinn, ohne Message, vermag das Wort trotzdem seine Wirkung zu entfalten, - und sei es als sinnloses Kürzel, das freilich für etwas steht: für Entfremdung, Missbrauch und Bruch, Bedeutung, die sich vom Sinn gelöst hat. Laute, die gewisse menschliche und tabuisierte Äußerungen (etwa Rülpsen, Furzen, Kopulieren, Sport, oder abgeschnittene Anteile davon….) signalisieren, stehen weitgehend für sich selbst, sind meist noch nicht massenhaft missbraucht und in kulturelle Zusammenhänge gestellt. 

Wie es mir vorkommt

Diese Verherrlichungs- und Projektionsriten des Popgeschäfts sind mir unheimlich geworden. Heute ist alles Handwerk, das auf Akademien, auf audiovisuellen Datenträgern oder auf von Werbung zielgruppengenau flankierten Folgen im Internet erlernt werden kann. Es wird dir alles gezeigt. Ausdruck. Technik. Als hätten wir nicht genug Techniker auf dieser Welt. Ein Auftritt auf einer repräsentativen Bühne soll eine bestimmte „Choreographie“ haben, die natürlich erlernt und gekonnt sein muss. Sich richtig bewegen. So wie alle anderen, mit kleinen individuellen Abweichungen. Im Ritual sein.

Die Musik soll zudem einen bestimmten festgelegten Aufbau haben, zu dem es natürlich auch die passenden Seminare der Kundigen gibt: Intro - Vers - Refrain - Vers - Refrain - Mittelteil - Übergang (Bridge) - Vers - Refrain (Fade out). Hooks müssen drin sein, selbstverständlich. Einprägsames. Besondere Sounds, Momente. Etwas, was die Masse mitreißt. Wenigstens für eine kurze Zeit. PR und Pressearbeit dazu will auch gelernt sein, der passende Unterricht steht schon (gegen Moneten!) bei den einschlägigen Bescheidwissern und Umsetzern bereit. Es wurden zum Teil eigene Kurse, Workshops, Akademien und Organisationen dafür ins Leben gerufen. Es sollte alles irgendwie „professioneller“ werden. Eine Zeit lang. Jetzt stehen viele im Freien......

 

Die Verherrlichungs- und Projektionsriten sind natürlich Werbung. Indem sie aber geklont werden, werden sie zunehmend wertloser und lächerlicher. Sie drehen hohl. Sie sind nun kein knappes Gut mehr, für das ein Preis erpresst werden könnte. Aus dem „Markt“ gepresst. Und genau dies ist im Kapitalismus des Wichtigste. Profit aus dem Markt pressen. Popmusik kehrt vielleicht zu ihren Wurzeln zurück, - vielleicht.

Etwas machen und es dann unter die Leute bringen

Seltsam, - ich lese diese Geschichtchen und kann mir ganz leicht vorstellen, wie diese Personen, die die Leute „Stars“ oder „Superstars“ nennen, den ganzen Tag über (Journalisten sind meist in einem Hotelzimmer einer nach dem anderen, alle 20 Minuten dran) ihre Geschichtchen erzählen, die sie in sich gespeichert haben und die ihr neuestes Erzeugnis interessant machen sollen. Als Journalist soll man dann eine tolle Geschichte daraus machen….. Die übliche Begründung heißt: Jetzt interessieren sich "die Leute" dafür! In eine andere Sprache übersetzt, heißt das: Jetzt muss das Produkt (Das Konzert, die Tournee…) beworben werden! Das muss unter die Leute gebracht werden (an Weihnachten macht sich das besonders als „Geschenk“ gut: Eine Konzertkarte!). Sternchen und Stars erzählen einem Geschichtchen rund um das Produkt, geben vor, eigene Dinge entdeckt und umgesetzt zu haben...usw. Sie wollen mit ihrer „Persönlichkeit“ beeindrucken, spielen Spontaneität, zelebrieren und verkörpern Mythos, - genau wie bei einem Konzert! Im Hintergrund freilich ist jede Bewegung durchgeplant und festgelegt. „Kann ja nicht anders funktionieren….“ sagte mir einst mal jemand Pop-Exponiertes, als ich das Phänomen ansprach. Es ist alles industriell und sehr arbeitsteilig „produziert“. Alle machen das, was sie scheinbar am besten können. Wenigstens in einem technischen Zusammenhang. Auch das kann man auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Das Produkt symbolisiert dann etwas, was die vielen auch sein wollen. Es ist eine Projektionsfläche, ein Fetisch. Leben in vollen Zügen. Selbstverwirklichung. Materieller Wohlstand. Herausragen aus der Masse und sich auf diese Weise selbst als etwas „Besonderes“ definieren. Identität gewinnen. Wenn‘s geht, ewiglich…...  

Lieder aus dem La-la-Land

Lieder aus dem „Lala-Land“? Schlager als Suren der Verdrängung und Mantras der Selbstbestätigung? Es gibt in Europa und besonders in Deutschland sogar wieder Diskotheken, in denen Schlager gehört werden. Der Schlager ist wieder angesagt und gibt sich jetzt tanzbar. Wichtig ist: der Hook muss stimmen. Die einprägsame Zeile, der Refrain zum Mitklatschen und Singen, der Rhythmus bei dem jeder mit muss. Fruchtbar kann es sein, nach dem verborgenen Sinn dahinter zu fragen. Schlager ist Feiern und Mitsingen. Ein Lied, das den Leuten nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Lied, das typische Gefühlslagen treffen kann. Das bedeutet, den Alltag zu vergessen, eine gute Zeit zu haben, abzuschalten, nicht anstrengend zu sein. Fragt sich nur, auf welchem Niveau?

 

Auch denken und eigene Aktivität abseits der Berieselung kann ja Spass machen. Spass? Ohnehin ist das die Kategorie. Ob man etwa Spass auf Kosten von jemandem anderem haben muss. Betrifft den Schlager nicht? Gegenwart und Schlager: das Verhältnis muss ja gar nicht vom sozialkritischen Holzhammer gezeichnet sein. Der Schlager sei die Seele des Volkes, hat kürzlich Costa Cordalis verlauten lassen, der inzwischen wohl durchoperiert ist und wahrscheinlich ungewollt den Schlager gut verkörpert. Es geht um eine Maske, die sich selbst gefällt. Um eine Spur von korrigierter Wirklichkeit, von „alternativer Wirklichkeit“ und Fake, deren sich andere mächtige Leute auch gerne befleißigen. Partysong, alaaf! Feiern ist angesagt. Muss auch mal erlaubt sein?  Ob Karneval sich dabei auch einreiht und eine Art Ventil für schwer aushaltbare Mechanismen des Alltags (einschließlich der Lächerlichkeiten von Politik) abgibt? Alles gemacht, gekonnt manipuliert, auf Genre getrimmt. Gefällig gemacht, geglättet? Alternde und erfahrungsgetränkte Produzenten greifen sich vermeintliche Talente, die sie formen und in ein „Konzept“ einfügen können, das unter anderem Applaus und Profit bringen soll (und, vielleicht, wenn's geht, noch etwas Zuwendung...) . „Da ist doch nichts dabei! Das machen alle...“ höre ich schon die vermeintlichen Einwände im Voraus. Dabei denke ich doch nur an eine Beschreibung, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als sei der Mix der Motive früher etwas vielschichtiger und geheimnisvoller gewesen. Mehr vom "Talent" gespeist und nicht so sehr von macherischer Cleverness. Als sei es damals oft darum gegangen, die wahren Motive von jemand erst herauszufinden. Spass und Kohle, das scheint mir heute allzu vordergründig und eindimensional die Motivation zu sein. Schlager und Pop sind enger zusammengerückt. Die sich ach so international gerierende Popmusik mag in Wirklichkeit und genau analysiert auch nichts anderes sein, als der (deutsche) Schlager. Es gilt bei beiden „Kategorien“, möglichst vielen Leuten zu gefallen, sie auf allen Ebenen anzusprechen und sich damit möglichst oft zu verkaufen (was offenbar schwieriger geworden ist). Positiv sein um jeden Preis. Das Abkacken der Welt vergessen. Möglichst leicht vermarktbar sein.

Beglaubiger, Superstar und Künstlerdarsteller

Eingeflossen in diese folgenden Betrachtungen sind vor allem Erfahrungen, die ich in den zurückliegenden Tagen mit den zahlreichen Medienerzeugnissen zum Erscheinen von Herbert Grönemeyers neuer CD „Tumult“ gemacht habe. Zudem und ergänzend sind da journalistische Erinnerungen, Beobachtungen und Notizen aus den zurück liegenden Jahren. Es scheint mir, dass in diesen Tagen auf nahezu allen medialen Kanälen eine Marke gepflegt werden soll, dass ein Interesse nicht mehr geweckt, sondern vor allem bedient werden soll. Die Marke und ihre redundanten Marotten nannte das Bildungsbürgertum früher „Stil“.

Dabei scheint es auch darum zu gehen, dass eine Projektionsfigur ihr Seelenleben vor uns ausbreitet, sensibel zwischen Gegensätzen schwankt und sich kantig reibt, andererseits aber doch die ziemlich opportunistischen Bedürfnisse des „Marktes“ bedient, - beides. Auch scheint sich die Figur des jeweiligen Popstars längst von der real lebenden Person gelöst zu haben. Ein moderner Mythos will auf diese Weise gefüttert und so bedient werden, dass möglichst viele Käufe ausgelöst werden. Es werden der Figur auf diese Weise Facetten verschafft, auf die ein gemeines Publikum offenbar nur mit dem staunenden Begriff „Künstler“ reagieren kann. Ein produktives Mysterium halt.

Der Mann (meist sind es Männer…. auch so ein Grönemeyer‘sches Paradoxon...) macht etwas aus sich und aus seinen Liedern, gerade so, wie es der Gesellschaft passt, wie es ihr Ideal ist . Eine Rolle gerät außer Kontrolle und will doch immer wieder eingefangen werden, indem man sie und sich anpasst oder sie pflegt (was nicht gar so überraschend erscheint, denn ein „moderner“ Mensch ist in vielfältiger Weise gezwungen, Rollen zu spielen und Rollenkonflikte auszuhalten….). Es geht darum, ein Ego aufzublasen, das einen Künstler darstellen will und muss, der einerseits weit entfernt ist von der Existenz eines gemeinen Menschen und andererseits doch die Träume und Projektionen dieses "normalen" Menschen verkörpert, der nah und gleichzeitig fern ist. Zudem scheint dieser Star den Zwängen seines Geschäfts ausgeliefert und will sich oft so darstellen. Es geht bei der ganzen Bemühung offenbar um Vitalität, Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. 

Es geht auch darum, ein Ego aufzublasen, dass nicht nur sämtliche Fernsehformate, sondern auch Stadien zu füllen imstande ist. Das eine Art Gewährleister für Authentizität ist, dort, wo Authentizität kaum noch vorkommen darf, nämlich im Alltag der im Publikum applaudierenden Leute. Sie gilt es mit der Illusion einer Unmittelbarkeit, einer leibhaftiger Anwesenheit und tatsächlicher „analoger“ Gegenwart eine generelle Beglaubigung zu bedienen. Es gilt, etwas darzustellen: ein Ego, das ständiger Wandelbarkeit unterliegt, und doch immer bei sich selbst bleibt, - ein Ideal der Selbstoptimierung. Es geht auch darum, auf möglichst öffentlichkeitswirksame Weise auf uneitle Art Eitelkeiten zu pflegen. Eines der höchsten Ziele scheint dabei zu sein, sich als einfacher Mensch darzustellen und gleichzeitig den fernen „Superstar“ darzustellen, in aller Austauschbarkeit so etwas wie eine unangepasste „Haltung“ darzustellen und sich gleichzeitig allen Mechanismen des Geschäfts (z.b. scheint Interesse für einen Künstler oder sein „Album“ nur zu entstehen, wenn etwas Neues von ihm erscheint….) so willig wie selbstverständlich zu unterwerfen. Dies alles in diesem Blog ist keine Kritik oder ein Vorwerfen, sondern will Beobachtungen bündeln, Kritisches in den Raum stellen.

Popgeschäftsmechanismen

Ich frage mich, wieso ich mich immer weniger für einzelne Titel, immer weniger auch für Pop& Jazzalben insgesamt interessiere. Vielleicht weil ich immer deutlicher den gesellschaftlichen Zusammenhang sehe, als Teil einer Betäubungs- und Beträufelungsindustrie, in der der Konsument seinen persönlichen Geschmack als Merkmal der Unterscheidung pflegen kann? Das Spiel könnte lauten: wer hat den exquisiteren und „erarbeiteten (elaborated)" Geschmack? Ob mir dieses Stargehabe, dieses Heraushängen von Statusmerkmalen wie Lebensstil, Villenbesitz oder Sportwagen zunehmend verdächtig erscheint? Ob sich gewisse „Popstars“ als diejenigen profilieren wollen, die es „geschafft“ haben? Tatsache ist, dass mir dieser ganze Zirkus in seinem Zusammenhang zunehmend zuwider geworden ist. Diese daran hängenden Mechanismen der Vermarktung, der Imagebildung und der Beeinflussung des „gemeinen“ Konsumenten, sie schaffen gewiss auf der einen Seite ein Gegengewicht zum subventionierten Kulturbetrieb und seinen großen Kulturtempeln wie Staatstheater und gebenedeite Konzertsäale. Aber mit zunehmender Professionalisierung scheint mir da ein Maß verloren gegangen zu sein, eine Art des Gefühls für den „normalen“ Zuhörer und Konzertbesucher. Da scheint mir hier die Welt der hochvermögenden „Megastars“ und dort der ständig verarmenden Massen, die es nicht „geschafft“ haben. Ob die Unterhaltungsindustrie etwas damit zu tun hat, was schon das alte Colloseum in Rom befeuert hat? Ob die scheinbar „alternativen“ Kräfte im Popgeschäft nicht einfach zu denen gehören, die es noch nicht geschafft haben und dafür alles tun würden, zu der Sphäre der „Stars“ aufzuschließen? Ich bin da mit der Zeit immer skeptischer geworden.  

Steigerung

Fette Rave oder Techno-Parties ohne Drogen? Scheinbar undenkbar. Oktoberfest? Wies‘n ohne Bier? Undenkbar. „Höhere Kreise“ dieser aktuellen Gesellschaft scheinen zumindest leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus fröhnen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben….Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreise sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und Außen zusammen fallen. Schon die alten Romantiker wie Tieck, Eichendorff oder Novalis mochten so etwas im Sinne gehabt haben, teilweise mit anderen Mitteln als mit Drogen… möglicherweise kann der Phantasie auch anders auf die Sprünge geholfen werden. Manche Romantiker meinten, dass auch die Poesie ein gutes "Pegasus“, also ein Pferd zum anderen Ufer, sein könne.

Erfahrene Beobachtungen

Hatte ich besonders im lokalen Umfeld als Journalist die Erfahrung gemacht, dass die netten Musiker oft langweilige Musik machen und die üblen rücksichtslos arroganten Gesellen das Aufregende, Neue? Nun ja, zu einer gewissen Zeit ging man hin, machte ein Interview, versuchte zu verstehen, ging auf jemanden ein, übersetzte in andere Gedankenwelten. Es stellte sich etwas Persönliches her. Doch wenn man jemand persönlich kennen lernt, ist es ungleich schwieriger, mit ihm kritisch oder gar ablehnend umzugehen. Persönliche Bande schaffen so etwas wie Beishemmung. Gerade in einem journalistischen Alltag schien mir das umso bedeutender, je weniger dies von Kollegen beachtet wurde. Doch im Falle des zunächst Fremden und Ausgegrenzten kann es auch helfen, Barrieren abzubauen, Vertrauen herzustellen. Wer jemanden aus einem anderen Kulturkreis kennen lernt, nimmt bewusst und unbewusst viele Anregungen auf, verliert eine Distanz, lernt das Gegenüber möglicherweise als Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Liebenswürdigkeiten kennen. Viele Menschen sagen aber auch, dass sie so genau gar nicht wissen woher sie kommen, da ihre Herkunft gar nicht auf einen ganz bestimmten Ort, eine ganz bestimmte Familie oder Kultur zuführt. Dass sie zwischen Kulturen stehen. Es scheint immer mehr „globale“ Existenzen zu geben. Ob aber nicht gerade bei ihnen das Bedürfnis nach so etwas wie „Heimat“ gewachsen ist, ob sie ihren eigenen Weg und Begriff dazu finden müssen? Manchmal schien es mir so. Ob dies eine gewisse Anstrengung bedeuten könnte, bei der unsere Hilfe etwas Positives beitragen kann? Was bin ich? Wer bin ich? Wo bin ich? Sind wir in der Lage, eine gute Antwort auf diese Fragen zu geben?

Entgrenzung

Ob Musik schon immer etwas mit dem Bedürfnis nach Entgrenzung und Erweiterung des eigenen kleinen Alltags zu tun hat? Nach Vergessen ob eines durchrationalisierten Alltags? Ob die Massen bei Konzerten in einem Bad der Gleichgestimmtheit suhlen, das auf Ekstase hin gerichtet ist? Ob gewisse Rhythmen und die daraus resultierenden Hypnosen so etwas schaffen? Ob es eine schwarze und eine weiße Magie gibt, die das Bildungsbürgertum gerne als „Kunst“ für sich in Anspruch nimmt? Ob das Themas „Sucht“ dabei gerne mal etwas ausgeblendet wird? Rhythmus und hypnotische Wirkung gewisser Musik? Wird vom Bildungsbürgertum gerne propagiert, ohne sich freilich allzu sehr damit zu identifizieren. Sucht wird ausgeblendet zugunsten einer romantischen Sicht auf das Phänomen. Es gilt, mit einem gewaltigen Sog umzugehen. „Höhere Kreise“ der heutigen Gesellschaft scheinen in großen Teilen leistungssteigernde Drogen zu nehmen, während sie mit anderem Zeug ihrem Hedonismus frönen…. Sportler machen‘s vor, indem sie sich dem Doping in all seinen erlaubten und unerlaubten Formen hingeben…. Schon bei den Römern war jedem Soldaten hier in der Gegend eine Tagesration Wein zugestanden, während höhere Kreis sich am Opium labten. Und schon in der Steinzeit kannte man hallozinogene Wirkungen von Pilzen und Kräutern, ach die Mayas und die Inkas und und und…...was treibt all diese Junkies? Das Ich zu erweitern in Richtung auf neue Horizonte, dem Alltag entfliehen, das Irrationale kennen lernen (wo der Alltag so öde „rational“ sein kann…), Entgrenzung, Ekstase, Aufgehen in etwas Anderem, ein Heraustreten aus sich selbst, dem was man als Seele kennen gelernt hat, Sehnsucht nach Verzückung, zügelloser Begeisterung, nach einer Einheit, einem magischen Weltbild, in dem Innen und außen zusammen fallen. Ob der Musik dieses Streben auch schon immer innewohnte? Die heutigen Rock- und Popmusiker scheinen ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern gesund leben zu wollen, was den Gebrauch von Drogen eigentlich ausschließt. Doch wer weiß schon, was davon abgetrennt so alles konsumiert oder gespritzt wird, wo die Trennlinie zwischen Medikament und Droge verläuft. Rätselhafte Todesfälle in dieser Richtung gab es genug.

Samtene Erde

Sie hat sich auf vielerlei Kanälen bewiesen, wurde weit über die Region hinaus bekannt und prominent. Sie trat unter anderem mit Helmuth Hattler und mit der SWR Bigband auf, sie coachte bei RTL die „Superstars“ und wirbelte überall herum. Langsam aber sicher scheint sie sich in das Fusion-Umfeld und die Jazzgemeinde begeben zu haben, so kommt es einem vor. Doch Fola Dada kann ihr Fach, kein Zweifel. Sie experimentiert und probiert aus. Sie holt sich offenbar überall das ab, was sie für sich brauchen kann. Es lohnt sich einfach, ihr zuzuhören. Tolle Stimme, gewiss. Aber das haben andere auch. Sie aber scheint einem etwas melodisch einflüstern zu wollen, sie phrasiert mühelos, braucht offenbar nichts vorzuzeigen, alles scheint bei ihr relativ lässig integriert. Aus der eigenen Entfernung haben wir sie nach und nach verfolgt, haben ihre Entwicklung mit Sympathie begleitet. Aber wieso macht das nicht eine größere Gruppe von Leuten? Wieso ist sie als Sängerin nicht plötzlich hip? Hier in der Region Stuttgart kommt ihr jedenfalls so etwas wie Hochachtung entgegen. Meist von gestandenen Musikern, Leuten, die etwas von davon verstehen, die sich auf Gesang einlassen können.

 

Jetzt veröffentlicht sie ihr neues Album „Earth“. Warme, Samtene Klänge umschmeicheln ihre Stimme. Die Begleitband habe sich im Club Bix gefunden, so heißt es. Dies ist ein Jazzclub inmitten der Stadt, der sich zum Inkubationszentrum für Musiker aller Herkunft entwickelt hat. Diese Musiker bereiten ihr jedenfalls eine sehr passende und anschmiegsame musikalische Umgebung, die einen bleibenden Eindruck vermitteln kann. Das alles schleicht sich ins Bewusstsein, um sich dort festzuhaken und vielleicht in Träumen aller Art wieder aufzutauchen. Die weichen Klänge, das im besten Sinne gefühlige Spiel, der „innere“ Groove.... Da mag es sich auch lohnen, den Tonträger in bestmöglicher Qualität zu erwerben. Eine weiche Kontrolle über die musikalischen Vorgänge liegt über dem Album, eine Lässigkeit, die nichts mehr beweisen muss. Da träufelt sich „any questions one answer – love“ als zweiter Titel ins Bewusstsein, getragen von fließenden Klängen eines E-Pianos Auf diese Art würde man ihr die Botschaft des Songs abnehmen. Auf diese Art geht es weiter auf diesem Album: Sanft und samten übernimmt der Hörer, nimmt auf und entdeckt den Widerhall in sich. 

mehr lesen

Zeit und Geheimnis

Was früher die Welt der Rock- und Jazzmusik umgetrieben hat (nein, früher war nicht alles besser!)? Unter anderem ein Begriff von „Entschleunigung“. Ein „Sich entgrenzen“. Dies mag oft zu Drogenmissbrauch geführt haben und war somit diskreditiert. Doch es gab auch andere Wege. Musik stand für so etwas wie „Weiße Magie“. Es bedeutete eine Suche. Nach Freiheit, diesem so oft missbrauchten Begriff. Eine Sehnsucht. Was das bedeutete? Über oft kommerziell geprägte Erwartungen hin weg gehen, Klischees vermeiden, einen anderen Weg suchen. Was heute unter dem Begriff „Achtsamkeit“ in esoterisch gesinnten Kreisen abgefeiert wird, war „damals“ wie selbstverständlich Bestandteil dessen, was Musik sein konnte. Es ging keineswegs, die Kunststückchen zu bieten, die ein naives Publikum verblüffen konnten. Es gab auch genügend Künstler, die sich solchem Musizieren verschrieben hatten. McLaughlin strebte nach Erleuchtung, Weather Report hatte neben Zawinul einen offenen Geist wie Wayne Shorter, Ravi Shankar war noch aktiv, Santana wähnte sich mit „Love Devotion Surrender“ auf einem Weg...usw. „Im Geheimnis sein“ war ein Ziel, das viele Musiker auf unterschiedlichen Wegen anstrebten. Ein Sonderling zu sein, war ein tapferes Ziel. Wie sehr sich die Zeit und den sie durchwehenden Geist seitdem gedreht hat! Was heute erkennbar ist, scheint dem allem Hohn zu sprechen. Ein klein bisschen anzapfen könnten wir jene Ideale, ein wenig davon zu übernehmen, uns inspirieren lassen, - ob das möglich wäre?  

Was Musik kann

Was ist, was kann Musik? Ist sie, wie oft beobachtet, der Ausweis dafür, zum Bildungsbürgertum zu gehören? Zu verstehen? Geschult zu sein? Ist sie der Ausweis dafür, „dazu zu gehören“, am Geheimwissen von Wissenden teilzuhaben, was schon immer die Voraussetzung für das innere Gefühl einer Gruppe war? „Peer Group“ würde die Soziologie dazu sagen. Selbstdefinition als Angehöriger einer Gemeinschaft derselben Schicht, desselben Geschmacks. Ob das noch zeitgemäß ist in einer Zeit, die die industriell erzeugte Musik überall und jederzeit konsumiert? Kann Musik dich „umpflügen“, kann sie dir neue Ansichten eröffnen, kann sie dich empfänglich(er) machen für die Welt? Kann sie dir ein Lächeln geben, aber auch ein Gefühl von zurück geschluckter Resignation, arbeitet sie mit schöner Melancholie und dem wohligen Gefühl des Schwarzen, das aber nicht zu schwarz sein sollte? Das so gefällig und komfortabel sein sollte, wie sie Musik selten ist? Schafft Musik Gemeinschaft, Gleichklang und Verbindung zwischen Menschen? Oder Gleichschaltung? Macht sie Menschen zur manipulierbaren Masse? Zieht sie einen hinein in sich, wenn man sie ernst nimmt? Wenn man sich aufmerksam auf sie einlässt? Schafft sie ein Gefühl von Harmonie, ein Gefühl von Dissonanz „an der richtigen Stelle“? Wo ist diese „richtige Stelle“? Definieren das die großen Geister mit den vielen Titeln und Auszeichnungen? Muss man „etwas davon verstehen“? Oder genügt eine Bereitschaft, sich einzulassen? Will dies Gefühl geübt werden, ausgebildet werden, geformt und geprüft? Verglichen und einem Wettbewerb ausgesetzt? Benotet? Beurteilt von kundigen Geistern? Ist jeder zur Kritik fähig? Gibt es Kritiker? Kann man das sein, ohne sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu beschäftigen, den Kontext zu verstehen? Oder hat man es mit einem Reich des Erhabenen zu tun, das sich über solche Niederungen hinweg zu setzen imstande ist? Gibt es da ein Mehr und ein Weniger? 

Stimme und Ausdruck

Jetzt ist Aretha gestorben. Ray Charles und James Brown sind schon lange tot. Was faszinierte uns an ihnen? Weil sie Soul als Seele hatten. Tiefe Empfindung. Starke Stimmen, die uns beeinflusst haben. Weil sie Extremes zum Ausdruck brachten. Weil sie auf ihre Weise zu uns vordrangen. Klar, am Ende konnten sie auch gut singen. Aber im Wesentlichen war es ihre Stimme, ihr ureigener Ton, der uns überwältigte. Das, was sie emotional übermitteln konnten. Die per Gospelchor geübte Aretha hatte noch einen gewissen feministischen Unterton, der uns alle gefiel. „Respect“. Auch wenn es bei der Formel, bei der Stimme blieb... und hierzulande kaum jemand über das Inhaltliche nachdachte. Es war ein schöner Verlauf, ein berührender Song, der gewisse Situationen und Gefühle einfing. Eine tolle Stimme. Das Sinnliche. Ob es in diesem Falle ablenkte? „Respect“ stand für ein gewisses Aufbegehren dem latenten und offenen Rassismus gegenüber. Es wollte, so mochte es manchem vorkommen, auch eine Botschaft transportieren. Ob das geklappt hat?

 

Zweifel mögen erlaubt sein. Vielleicht ist es ein Weg solcher Gestalten gegenüber die Gegenrichtung einzuschlagen. Einen betont lässigen, dem Alltag entrissenen Gesang zu versuchen, mit anonymisierten Stimmen, im Vordergrund und im Hintergrund. So, wie die Realität es malt und klingen lässt. Vielleicht auch mal dünn, schwach und begrenzt. Und nur in Fetzen verständlich. Ob wir skeptisch dem gegenseitigen Verständnis gegenüber geworden sind? Keine Bemühung, Power zu erzeugen. Eindrucksvoll durch sich selbst sein. Und das als Modell vortragen, nachdem uns die Kopien der Kopien ausdrucksstarker Stimmen so gelangweilt haben. Neuer Minimalismus. Vielleicht. Wie schon erwähnt, - eine Möglichkeit.  

Was ankommt

Das kommt direkt an? Was heißt das eigentlich: etwas „kommt an“? Wieso sind die Sängerinnen/Sänger in Bands so wichtig? Fest steht: Die Stimme ist wohl das natürlichste Instrument überhaupt - und noch dazu eine ziemlich emotionale Angelegenheit. Wir merken das auch im Alltag, der zunächst nichts damit zu tun haben scheint, was auf Musik im engeren Sinne weist und doch viele Erklärungsmodelle liefert: Bei Aggression wird die Stimme lauter und schärfer, bei Angst manchmal hauchig, bei totaler Ruhe eher weich und tief. Das hängt unter anderem mit dem Atem und mit der Spannung im Körper zusammen. Doch die damit transportierte Botschaft teilt sich offenbar über Wahrnehmungskanäle mit, die uns meist gar nicht bewusst sind. Möglich muss dabei nur eine gewisse Unmittelbarkeit sein. Man muss das Gefühl haben, jemand singe etwas nur für mich....was sich dann auf ein Aufgehen in der Masse überträgt. Paradox? Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Studien, nachdem sich bei Menschen, die zusammen Live-Musik erleben, die Gehirnwellen angleichen, - und zwar stärker, als wenn sie dieselbe Musik vom Band hören. Je synchroner die Gehirnwellen, desto mehr Spass haben die Zuhörer offenbar beim Konzert. Es kann sich dann sogar so etwas wie in gemeinsamer Rausch entwickeln, eine Euphorie und Massenhysterie, die ansteckend zu sein scheint.

Doch wie verhält sich's bei Stimmen wie der von Adriano Celentano oder Paolo Conte, die beide aus italienischer Vergangenheit markant herüber zu wehen scheinen? Wieso kommen denn die beide aus Italien? Hat das etwas zu bedeuten? Nun gut, Frank Sinatra oder Bob Dylan haben und hatten auch so eine Stimme der absoluten Wiedererkennbarkeit. Leonard Cohen hüllte sich in sein Eigenes (oder spielte das glaubwürdig...). Joni Mitchell? Vielleicht. Gemessen daraan scheinen die heutigen „Stars“ aus der Retorte zu stammen. Gerade das Individuelle scheint an ihnen verpönt. HipHop und seine Übergangsgenres etwa stützen sich auf kollektive Gültigkeit, je mehr er individuellen Figuren zuwächst. Es werden Stars geboren, die freilich ihre Einmaligkeit oft genug nicht durch ihr musikalisches Profil erlangt haben. Das, mit dem sich jeder identifizieren kann, das Massenhafte, Kollektive, scheint immer mehr populäre Qualität erlangt zu haben. Jedenfalls, was die Stimme im musikalischen Sinne anbetrifft. Etwaige Defizite werden durch Image, optische Anmutung und Charisma mehr als ausgeglichen.

 

Doch es scheint zumindest auf einem höheren Niveau darauf anzukommen, die eigene Stimme zu finden, das Typische und Individuelle an ihr. In einem Konzert freilich scheinen gewisse kollektive Mechanismen zu greifen, die so gar nichts mit einer Einmaligkeit oder Individualität zu tun haben. Ob diese Dinge auch reflektieren, dass „Stars“ ihr Geld zunehmend durch Konzerte und weniger durch Tonkonserven verdienen?

Emotion und Ausdruck

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen emovere: nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

 

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückendes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, besser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“. 

Alles durch

 Ich höre eine dicke alte Vinyylscheibe, King Crimson's „Three of a perfect Pair“. Aus den achtziger Jahren. Der Vorgang“ hat und hatte im Gegensatz zu heute etwas mit Respekt und Aufmerksamkeit zu tun, mit einem Sichaussetzen ganzen Vinylscheiben gegenüber. By the way: Es hatte einen ja auch etwas gekostet. Kohle. Im äußersten Fall 19,80. Also wollte man sie nicht einfach ablegen, zur Seite legen. Sie hatte als ausgewachsenes Album eine große Fläche, sie war ein veritabler Gegenstand. Sie war auch farblich gestaltet. Hatte einen grafischen Entwurf. Sie fühlte sich an. Man hatte schon einen ganz bestimmten Griff parat, um sie aufzulegen. Man fühlte sich ein in sie, versuchte (im Rahmen der anderen Scheiben, deren Entwürfe einem vorgegeben waren...) zu verstehen. Man brachte dem gegenüber, die oder der sich das als „Künstler“ ausgedacht hatte, Respekt auf. Es nötigte einem Auseinandersetzung ab. Man gab den Dingen Zeit, um sich zu entwickeln. Überhaupt, die Scheiben hatten einen anderen Rhythmus, schienen genau dafür Zeit zu haben, sich zu entwickeln, Spannungsbögen entstehen zu lassen. Das alles hatte die Zeit, um schließlich Emotionen in einem auszulösen. Man bildete sich eine Meinung und konsumierte nicht nur. Man schrieb das Gehörte einigen Namen zu, man versuchte, das Typische daran zu erkennen, man brachte es in Beziehung zu einem selbst.

Aber alleine schon den Plattenspieler (welcher ist der Beste, den man sich gerade noch würde leisten können?) ständig auf dem neuesten Stand zu halten, ihm ein geeignetes Abnehmersystem (wie viele Diskussionen habe ich einst darüber geführt!) zu gönnen, die Werte an den dafür vorgesehenen Einrichtungen (z.b. „Skating“) korrekt einzurichten, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine veritable Augabe, die vieles an einem forderte, wofür man sich gar nicht geeignet fühlte. Also versuchte man, halt so einigermaßen mitzuhalten.

Diese vorliegende Scheibe mag auf viele damals abstrakt und avantgardistisch gewirkt haben. Heute tut sie das nicht mehr. Sicher, vieles scheint schroff. Aber heute, wo die Gefälligkeit, die leichte Konsumierbarkeit überall zu regieren scheint, ist das pure Erholung. Es wird gegen den Strich gebürstet, das Unerwartete auf geradezu entspannte Weise gesucht. Ungerade Rhythmen schleichen sich in den Kopf. Bob Fripp? Ha! Bill Bruford? Ha. Hatte man ja in verschiedenen Zusammenhängen kennen gelernt. Tony Leven, der anpassungsfähige, variable und kahlköpfige Alleskönner. Wer war er wirklich? Immerhin scheint er hier die Synty-Tasten gedrückt zu haben. Adrian Belew schien mir damals bei King Crimson das Popelement beizusteuern, obwohl von ihm bei Zappa und bei den Talking Heads davon nicht viel zu hören gewesen war. Aber die Stimme: typisch! 

Es werden einem Aufgaben gestellt von jemandem, dem man sich anvertraut hat. Dafür muss man dann nach ungefähr 20 Minuten springen, um die Platte umzudrehen. Es ist kein komfortables, angenehmes Durchhören. Ein ständiges Rennen. Die Kratzer an den immergleichen Stellen ärgern einen auch. Überhaupt, man hatte viel gehört, das Gleiche wohl 30 mal hintereinander (oder noch wesentlich öfter...). In verschiedenen Lebenssituationen. Man hatte es auf sich wirken lassen. Man kannte vieles davon nahezu auswendig. Querverweise hatten sich einem aufgedrängt. Der mit dem und der mit jenem..... Weltbilder schienen aufeinander zu stoßen, es entwickelte sich ein Kaleidoskop der musikalischen Möglichkeiten. Es regte unsere Phantasie an. In viele Richtungen. Wir wurden dadurch einigermaßen „open minded“. Wir dachten, die ganze Welt solle so werden. Würde so werden. Wir staunten manchmal. Wir ordneten Sounds und Spielweisen Namen zu. Wir ließen sie an uns heran. Sie wurden ein Teil von uns....“Uns“? Von mir.

Reinheit in der Popmusik

Reinheit in der Popmusik? In der volkstümlichen Musik? Gar ein nationalistischer Schein? Gerade in der Musik, die, - über welche Wege auch immer, - weit verbreitet ist? Sie hat zu allen Zeiten das Wohlfühlen in der Heimat gespiegelt, aber auch das Aufnehmen „fremder“ Einflüsse... Sie ist immer weiter gezogen, hat alles, was auf dem Weg lag, in sich aufgesogen, von Ort zu Ort. Gerade aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kamen interessante Mixes. Beispiel? „Hound Dog“. Der vom jüdischen Songschreiber-Duo Jerry Leiber und Mike Stoller geschriebene Song wurde ursprünglich 1952 von Big Mama Thornton zusammen mit der Johnny Otis-Band für Peacock Records aufgenommen. Es wurde kein Hit. Wohl aber kurz darauf für den jungen Elvis. Der Beginn einer Karriere. Heute, durch die Digitalisierung und Informationsflut, gibt es Leute, die kulturelle Versatzstücke und Phrasen entdecken und durch digitale Mischtechniken etwas Neues daraus entstehen lassen können. Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Es ist ein Spiel mit Mosaiksteinchen, mit vorgefertigten Teilchen. Musik verändert sich in der Vermischung, stellt sich als etwas Neues dar, bietet manchmal neue Draufsichten und Ansichten. Ob auf diesem Wege Gleichheit und Anderssein gleichzeitig möglich sein könnte? Neues finden und erfinden, das könnte auf diesem Weg jedenfalls möglich werden.

 Ich selbst schöpfe in meiner Musik auch aus dem Chaotischen, aus dem Zufall, dem Moment, der Intuition, aus den Versatzstücken nicht nur kultureller Herkunft, ich versuche,  neue Klangwelten zusammen zu führen, lasse sie aber auch aufeinander prallen und sich reiben. Das alles mischt sich mit Einflüssen und Macharten meiner eigenen Vergangenheit, meinen aktuellen Einflüssen, meinen Befindlichkeiten, meinen Rhythmen, Gestimmtheiten und vielen Zufälligkeiten. Dazwischen versuche ich immer wieder unterwegs zu sein in völlig anderen Klangwelten, versuche „ihren Treibstoff“ zu erkennen und wenigstens einen Teil davon in meine Welt zu überführen. Technische Routinen sind da wichtig, musikalische Routinen behindern jedoch eher. 

Musik um mich

Ich höre immer noch sehr viel Musik, sie begleitet mich, wenn ich glücklich oder traurig bin, sie hüllt mich ein, sie tröstet und sie putscht auf...... Ich fühle mich wohl in ihr, es ist meine Welt. Und doch, nebenher habe ich meine „Spezialmusiken“: Zum Abspülen, zum Waschen, zum Aufräumen, zum Träumen, zum Nichtstun und Sich-gehen-lassen, zum Bügeln, zum Sich-euphorisieren, zum Zuhören, Sich anregen und zum Sich abregen, zum Sich-fallen-lassen usw. Ich habe auch gelernt, dass es (für mich!) „Spezialmusiken“, wozu ich immer wieder neige, wenn ich in bestimmten Situationen bin. Sie bringen mir ein bestimmtes Gefühl und bestimmte Gedanken. Sie machen mich an, tragen mich weg (oder hin!). Im Laufe der Zeit nannte ich sowas „Situationsmusik“ (Musik, die sich für bestimmte Zustände besonders lohnt). Gerade das TV scheint das inzwischen auch kapiert zu haben und blendet für jeden Scheis Musik ein, die bestimmte arbeitslose Musiklehrer oder selbständige Musiker im Sklavenmodus günstig produziert und arroganten Redakteuren wie Waschmittel angeboten haben. Teilweise sind da aber auch sehr beachtliche Sachen zu hören! Ich versuche mich zu erinnern, seit wann das so ist: Die Übergänge müssen da, wie so oft!, fließend gewesen sein. Ob ich zu wenig darauf geachtet habe? Wie wohl unsere Vorfahren vor etwa 20 000 Jahren auf Musik reagiert haben? Ob das zuerst auch etwas Zweckgebundenes war und sich später erst von eben diesem Zweck gelöst hat? (wie etwa in der „bildenden Kunst“?). Da hat jemand natürlich live und direkt bei einem Musik gemacht, - was war überhaupt Musik, was galt als Musik? Ob das immer mit gesungener Stimme begleitet war, ob das etwas transportieren musste? Einen Sinn, ein religiöses Anliegen, einen Wunsch zum Genuss, zur wohligen oder weniger wohligen Melancholie? Die kleine Flöte in Blaubeuren, die etwa 30 000 Jahre alt ist, zeugt da von etwas anderem. Ich selbst produziere Töne, die etwas mit unserer Großstadtexistenz zu tun haben, die etwas von unserer Welt reflektieren. Vom Chaos, das in ihr herrscht. Von der wunderbaren Durchmischung, die so etwas wie ein klingendes Kalaidoskop bedeutet. Das heißt, ich versuche es. Wer mir da folgen will, weiß ich nicht. Die Verbindung zur Horde, zur sozialen Gemeinschaft, zur „traditionellen Überlieferung“ wird früher wohl enger gewesen sein. Es wird „genutzt“ oder „gebraucht“ worden sein. Und es wird eine gewisse feste Gebundenheit damit zusammengehangen haben. Das mag bis zum Gesetzesmäßigen gegangen sein. Doch sind zeitgenössische Töne wohl auch ein Spiegel der Vereinzelung in unserer Gesellschaft wie auch des Bewusstwerdens des Individuums. Seiner selbst und der Welt, auch des Verhältnisses seiner selbst zur Welt!  

Liebe zur Weisheit als Zitat

Die eigene Lächerlichkeit lässt sich gut mit Zitaten von Klassikern kaschieren. Jedenfalls unter Bildungsbürgern. Noch immer. Sich ausstaffieren mit dem Mantel des Bedeutenden, des Verstehens und des Zusammenhangs alles Intellektuellen. Teilhaben daran. Klar. Das ist das Gewöhnliche. Und doch liegt in solchen Zitaten oft etwas Typisches, etwas Erhabenes auch, ein Impuls oder Stachel, der einen abseits gesellschaftlich bestimmter Orientierungen und Identitäten anspornen kann. „Treibe Musik!“, so flüstert etwa die innere Stimme des griechischen Urphilosophen Sokrates uns zu. Philosophie ist für Sokrates wie Musik machen. Zu klingen wie man selbst. Der zu werden, der man ist. Ein Etwas, eine Haltung zu formen. Ein Selbst. Sich selbst in den anderen zu lieben, wie man Musik liebt: Die Liebe zur Weisheit. Wobei nicht verschwiegen sei, dass für Sokrates die Musik etwas sehr Umfassendes war, das womöglich einiges vom heutigen engumgrenzten und von Unterhaltungsmedien geprägten modernen Begriff von Musik entfernt lag. Was ist überhaupt Musik?

 

In solchen Zitaten liegt oft ein edles Anliegen, es scheint ein Versprechen weit jenseits jeder Realität der industriellen Produktionsart und Verwertungskette, des gegenseitigen Ausbeutens und Handels um jede menschliche Äußerung zu sein. Kurz: Jenseits unseres „modernen“ Blicks auf die Realität. Aus der Ferne mahnt oft genug die Stimme der moralischen Mahnung: Wir sollten, müssten, könnten....Und doch liegt da so etwas wie Weisheit offen vor uns: Sokrates hörte nicht auf, die Athener Bürger an diese Liebe zur allumfassenden Weisheit zu erinnern. Sie haben ihn dafür zum Tode verurteilt. Es ist gefährlich, ein Selbst zu haben.

Was Popkritik sein könnte

Ich nehme immer wieder wahr, dass Pop-Kritik, überhaupt das bewusste Aufnehmen und Reflektieren von Popmusik, als Spassbremse empfunden wird. Der unmittelbare direkte Genuss, der Flash des Augenblicks werde verdorben, so der gängige Vorwurf. Genusssteigerung sei doch eigentlich angesagt, wo der Popkritiker elaboriert herummäkle. Gefühl, Erleben, Erfahrung, Körperliches sei angesagt im Gegensatz zu einem abstrakten Mäkeln.

 

Leider stützt ein gewisses Bescheid- und Besserwissen sowie eine Auswahl von Wortklaubereien und Rabulismen aller Art diese oft gehörten Ansichten. Außerdem scheint die Popkritik zu oft einer oft unverständlichen Geheimwissenschaft der Auskenner sowie einer Gemeinsamkeit der Hipster zu gleichen, die sich selbst ihre Elitarismen zugute halten und „den Anderen“ Denkfaulheit und Verharren in Klischees zugute halten. Dass Popkritik dadurch in einem gewissen Gegensatz zu dem populären Element des Pop, zu den „Popularismen“ steht, scheint mir auch zu oft stillschweigend akzeptiert und ein Mittel der sozialen Distinktion zu sein. Etwas Richtiges im Falschen aufzeigen, könnte ein honoriges Versprechen solcher Popkritik sein. Möglicherweise resultiert sie aus dem Erbe der siebziger Jahre. Mir persönlich ging es vor allem darum, Popmusik halbwegs bewusst wahrzunehmen, sich gewisser hinter ihre stehender Mechanismen bewusst zu werden. Gerade nicht im Strudel der wirtschaftlich ausgebeuteten Unmittelbarkeit unterzugehen, war mein Ziel. Sondern nachdenkliche Distanz zu wahren, Ironie und Humor walten zu lassen. Queer-Ansätze und Machttheorien waren mir zwar bekannt, schienen mir aber allzu oft übers Ziel hinaus zu schießen. Die Aufmerksamkeitsökonomie mit all ihren Folgen (Internet u.a.) scheint dies alles mittlerweile überspült zu haben. Was zählt, ist das Großevent, die Bestätigung, die Affirmation der unmittelbaren Affekte, un die Selbstfeier der Musikindustrie, die auch schon mal Teil der Kulturindustrie sein kann.  

David Byrne (2)

Was ich an ihm (auch) mag: dass er sich nie dazu hinreißen ließ, die Pose des Rockstars einzunehmen. Diese manchmal, - gerade bei „reiferen“ Rockmusikern!, - so lächerlichen Posen, die einem aus dem Kindergarten zu stammen scheinen und in den Menschen vor allem archaische Instinkte anzusprechen scheinen. That's Pop! Natürlich höre ich wieder Byrne, bleibe an dieser Stimme hängen, weil sie so merkbare komische, humoristische und hysterische Züge hat. Hysterie? Ja, es handelt sich dabei um die Hysterie dieser Zeit! Die Sounds und Rhythmen seiner Musiker besingt Byrne oft mit seiner hysterischen, Vokale dehnenden Kräh-, Bläh- und Psychopathenstimme. Natürlich fällt er damit auf: Ein Marketing-Grundgesetz! Doch was ist Psychopathie und Anomalie heute überhaupt? Ist der Großstadtmensch nicht in vielem psychopathisch, was man früher so bezeichnet hätte? „Anomal“?. Wo ist die Grenze zwischen „normal“ und „psychopathisch“? Wer bestimmt sie und hat er dabei gewisse Interessen im Blick? Byrne scheint auf solchen Fragen zu reiten und dabei gelegentlich das Unmögliche zu versuchen. Er tummelt sich und grinst dabei, so will es mir scheinen. So hat er auf seiner Scheibe „Grown backwards“ von 2004 – zumindest nach meiner Meinung! - sogar am Belacanto-Gesang versucht (man beachte Titel 3 „Au fond du Temple Saint“ nach George Bizet oder gar Titel 14 „Un di Felice, Eterea“ nach Guiseppe Verdi ). Mit seiner Stimme! Wie lächerlich! Oder peinlich? Wie reif!? Und doch.... er fördert etwas zu Tage, er scheint neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wie gut, sowas!  

David Byrne (1)

 Was mir unter anderem gefällt: David Byrne ist als Typ bis heute nicht entwürdigt, so, wie so viele seiner damaligen Kollegen zu Zeiten der Talking Heads es heutzutage vorführen. Seltsame Reunions mit aufgeblasenen Ensembles voller junger "Ersatzmusiker", die eine ganz bestimmte Rolle zu spielen hatten: Niente. Bei ihm. Aber nun befürchte ich, dass ich eine mehrteilige Hommage an David Byrne schreiben sollte, einfach, weil ich seine Scheiben und musikalischen Äußerungen sehr oft aus der CD-Kolonie ziehe. Aus allen Zeiten. Ja, er sagt und gibt mir noch immer viel. Er scheint ein wirklicher Künstler zu sein. Einer, auf den man neugierig sein kann. 

Er war damals der Kopf, naturgemäß. Inmitten einer kreativen Gruppe, die man damals Band hieß. Er war halt der Ideengeber.  Heute gleicht er einem grauhaarigen Senor, der genießerisch durch seine Hazienda streift und sich für allerlei Dinge abseits seiner "Kernkompetenz" interessiert. Klar, er hat vieles ausprobiert in den vergangenen 40 (!) Jahren. Sogar die Gründung eines Labels für Weltmusik war darunter. Darauf veröffentlichte er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler. Er schrieb Ballettmusik und Musik für Filme. Haha, mit Ryuichi Sakamoto zusammen räumte er 1988 sogar den Oscar ab, für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“. Mit Fatboy Slim zusammen machte er ein Doppelalbum, das auch als Musical Aufführung fand: über Imelda Marcos, die exzentrische Diktatoren-Witwe. Und vieles andere.....

Wobei wir schon bei einer meiner Lieblings-CDs wären: „Fear of Music“ von Talking Heads. Sie markiert ja nur eine Station auf dem langen Entwicklungsweg des David Byrne. Die kleine Indie-Gang wird schon beim ersten Titel um einen Star erweitert, der damals schon einen guten künstlerischen Ruf hatte und neben seiner Haupttätigkeit als Kopf und Gitarrist der Formation King Crimson unter anderem auch auf David Bowies „Heroes“ zu hören ist: Bob Fripp. Mit Brian Eno machte er auch noch einiges. Eno wiederum arbeitete damals viel mit Fripp zusammen. Auch Leute, die gerne Experimente machten und sich jeweils als Vorzeigeintellektueller der Rockszene einstufen lassen mussten. Fripps Performance auf dieser im Jahr 1978 erschienen Platte markierte aber schon die Erweiterung der verschwiegenen Gang Talking Heads auf das spätere Großensemble gleichen Namens. Klar hatten wir später auch den Film „Stop Making Sense“ (1984) gesehen, wo er mit den viel zu großen Klamotten umher springt und so unter anderem wohl so etwas wie Rollenerwartungen darstellt, die ihm viel zu groß sind. Auch das übliche Rockstargetue wurde da ein bisschen karikiert. Es sollte ja nur der Klang zählen, das Geheimnis, die Ekstase, der Klang. Grotesk. Jonathan Demme führte Regie. Ein toller Konzertfilm, der unter anderem auch das Album „Remain in the Light“ (1980) in sich aufgenommen hatte. Die Talking Heads hatten großen Erfolg, aber keinen wirklich großen Charthit gehabt, - trotz „Psycho Killer“. Nun gut, das hätte auch nicht zu ihnen gepasst. Sie waren ja immerhin auf dem Weg zu dem Kult, den ihr Vorsteher Byrne später aufnahm und in verschiedene Projekte einfließen ließ. Okay, später mehr......     

Wo bleibt die Popmusik?

Was eigentlich ist mit der Seligsprechung des Rap und Hiphop, nachdem das, wie meist bei „subkulturellen“ Bewegungen, in die Mainstream-Kultur eingewandert ist? Manch einer mag ja die anderen Strömungen des Pop, die in grauer Vorzeit einmal etwas mit Rock zu tun hatten, längst aufgegeben haben. Es gab, wie immer, Preise bei Preisverleihungen, bei Grammys, bei vielen anderen Music Awards und auf vielerlei Arten ausgelobten Veranstaltungen der Entertainment-Industrie. Bilder von Goldkettchen, große Schlitten und Miezen mit möglichst viel Titten und Arsch? Klischees, gewiss. Aber unterfüttert mit Realität.  Kendrick Lamar wird als neue Bezugsfigur ausgerufen, weil er ja nicht so ist. Einer mit politischem Standpunkt. Ein Straßenköter. Einmal soll er sogar bei den Grammys für viel Aufsehen gesorgt haben, als er als Sträfling in einer Chain Gang (Gruppe in Ketten) auftrat, das weiße Establishment und die rassistische Musikindustrie wüst beschimpfte. Toll, nichtwahr? Wow, wir sind da ein bisschen skeptisch, weil wir solche Strategien und Verhaltensweisen ein bisschen zu kennen glauben. Jetzt ist es modern, sich als Gegner von Trump zu geben, was ja selbst in den USA nicht unbedingt als schwierig erscheint. Trump-Bashing muss unter Künstlern ja unbedingt sein. Nur kosten darf es nichts. Sehr angesagt ist es gerade unter weiblichen Künstlern (wieso eigentlich nicht auch unter männlichen...?), die „Metoo“-Bewegungen zu propagieren. So auch bei den Grammys. US-Sängerinnen wie Lady Gaga, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und andere trugen dort offenbar weiße Rosen auf dem roten Teppich, um ihre Solidarität für die Bewegungen zu zeigen. Wie sich aber unsere unmittelbare politische Realität spiegelt? In Deutschland und ganz Europa scheint Nationalismus und Populismus im Aufwind. Es gilt die Auseinandersetzung mit einer seltsam verstaubten Idiologie, die oft weit rechts angesiedelt ist und autoritäre Strukturen predigt. Die sich statt Verständnis und Verbindung eine unerbittliche Abgrenzung und Unterscheidung in drinnen und draußen auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dass sie dabei geschickt Argumente und Fakten aufgreift, dort, wo sie ins Weltbild passen, dass sie mit ihnen umgeht, sie einsetzt, gebraucht, verfremdet, dass sie ausgelutschte rassistische Klischees gebraucht, dass sie mit Zeichen in ihrem Sinne spielt, dass sie Feindschaften aufbaut und gebraucht, um ihr und das ihrer „Gegner“ Weltbild abzustützen, sickert immer mehr in unseren Alltag ein. Der Rassismus, der besonders hierzulande, aber auch in den USA eine endlose Geschichte hat, scheint alle emanzipatorischen Errungenschaften, derer man glaubte, sich sicher sein zu können, besonders unter Trump wieder in Frage gestellt zu haben. Auf der Weltbühne scheinen zur Seite flankierend andere Diktatoren, Despoten und Autokraten diese Entwicklungen jeweils auf ihre Art zu bestätigen und dabei sogar demokratisch bestätigt zu werden. Wow, wir fassen es nicht! Wir sind entsetzt! Wo bleibt die Popmusik? All die hochgelobten und politisch anscheinend so aktiven Aktivisten?

Musik als Selbstvergewisserung

Ob das so ist, dass in den bürgerlichen und bildungsbürgerlichen Ritualen der Gesellschaft unsere Kultur aufgehoben ist, ob unsere ständige Selbstgewisserung darin alles am Laufen hält und einen wichtigen Beitrag zu unserem Selbstverständnis leistet? Etwa die Musik von Johann Sebastian Bach? Absolut hochentwickelt zu einem frühen Zeitpunkt, der für die meisten unter uns weit in die scheinbar staubige Vergangenheit gerückt ist. Was für ein Phänomen ist das im Vergleich zu unserer zeitgenössischen Musik oder Popmusik? Unsere Musik der Gegenwart, die ganz anderen Zielsetzungen gehorcht und die entweder, wie im Falle der Popmusik, vom marktwirtschaftlich erstrebten Profit, oder von einem von viel Geld unterfütterten Bedürfnis nach bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung erfüllt ist. Jeweils auf ihre Weise scheinen beide Musiksysteme ihren jeweiligen Zeitgeist zu spiegeln. Wobei es uns manchmal scheint, als würden sich die elektronischen Möglichkeiten, ihre Speicherung und Manipulationsmöglichkeiten, in einem immer mehr sich steigernden Tempo entwickeln, aber derzeit immer noch den einem Menschen gemäßen Tempo un den damit verbundenen Möglichkeiten hinterher hinken. Ob je die technologischen Möglichkeiten und der Wille zum Ausdruck die Komplexität der Bach'schen Musik erreichen.

Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz werden ja zur Zeit überall forciert. Eine Superintelligenz wird dabei auch wohl neue Wege für die Musik finden. Aber es werden wohl einer neuen Intelligenz gemäß Möglichkeiten sein, es wird ein beliebiger Ausdruck unter vielen sein, es wird die Form einer Nebensächlichkeit haben, die im schlechtesten Falle wohl eher langweilig sein wird. Vernunft könnte eine Art Dimension sein, in der sich bestimmte Musik abspielt. Zunächst einmal wird sich diese Intelligenz per Internet vernetzen und ihre Möglichkeiten weiter potenzieren. Eine Art „Supermusik“ könnte sie umspielen, in die die Möglichkeiten vergangener Musikepochen eingeflossen sein werden. Es wird wohl alles umgewandelt sein in digitale Datenmonster, die anfangen könnten menschliche Möglichkeiten weit zu übertreffen. Was wohl unsere heutige elektronische Musik damit zu tun hat? So, wie sie derzeit auf „Consumer“-Niveau ankommt und sich breiten Kreisen der Menschheit erschließt, mag sie von einer ziemlich geringen Komplexität getragen sein. Das Bedürfnis nach Rhythmus, d.h. nach akustisch strukturierter Zeit und den damit verbundenen Reizen, mag ein wichtiger Impuls für sie sein. Sequenzer und druckvoll programmierte Tonfolgen schaffen bisher unbekannte Räume, die manuellem Handeln weit überlegen zu sein scheinen. Klangfarben phantastischen Ausmaßes vergrößern unsere Möglichkeiten und erschließen ebenfalls völlig neue Möglichkeiten.

Doch unsere Fähigkeiten, sie zu strukturieren, ihnen einen kollektiven und für eine ganze historische Phase gemäßen Ausdruck zu geben, scheinen einstweilen damit noch nicht Schritt gehalten zu haben. Doch wir haben keine Zeit, uns zu konsolidieren, diese Möglichkeiten kennen zu lernen, mit ihnen umzugehen, sie einem klanglichen Kosmos zuzuführen. Ihre Geschwindigkeit ist einfach zu hoch. Wenn wir etwas begriffen haben und glauben, mit ihm umgehen zu können, gibt es auch schon etwas Neues, das zusammenfasst und erweitert, das Innovation bedeutet und neue Möglichkeit. So schlittern wir einem technologischen Fortschritt entlang, der uns per Künstlicher Intelligenz so versklaven könnte, dass wir glauben, transhumanoide Möglichkeiten zwingend zu brauchen, um einigermaßen mithalten zu können mit einer Form der Künstlichen Intelligenz, die uns eines Tages dann doch abschütteln könnte. Wie wohl die Musik von Johann Sebastian Bach aus einer solchen Perspektive klingen mag? 

Popfestival

Wer etwas mit Musik anfangen kann, wer zuhören und sich einlassen will, der wird wohl kaum eines dieser derzeit überall stattfindenden Open Air Festivals besuchen. Bei ihnen scheint es ja wohl in erster Linie um eine Art Gemeinschaftserlebnis zu gehen, um ein Treffen von Gleichgesinnten, um das Happening, das mit anderen zusammen möglich erscheint. Da wird dann eingeheizt, gefetzt und Stimmung gemacht. Wer freilich näher auf die Besetzungslisten der zumindest kommerziell erfolgreichen der einschlägigen Festivals schaut, wird feststellen, dass ihm dort die immergleichen üblichen Verdächtigen begegnen. Dass diese spezielle Qualität findige Veranstalter schon in der Vergangenheit begriffen und umgesetzt zu haben scheinen, mag sich unter anderem auch in saftigen Eintrittspreisen zeigen. Es gilt halt das Gesetz des Marktes. Dementsprechend scheinen in der laufenden Saison aber erste Festivals noch nicht ausverkauft. Was nun? Die bei solchen Festivals stets anwesenden Buden mit ihren oft überhöhten Preisen für Curry-Wurst oder Bier kommen da schon ins Schwitzen.

Überhaupt scheint es ja so zu sein, dass Bands bei ihren Open Air-Festival-Auftritten meist ihre grobschlächtige, derbe, harte und massenwirksame Seite in den Vordergrund rücken und weniger ihre ästhetische, innovative oder gar filigrane Seite. Es gilt, das Publikum zu animieren, es gilt, „Spass zu haben“, was immer man darunter verstehen mag. Wattzahl der Anlage und Zahl der Sattelschlepper scheinen dabei jedenfalls wichtige Parameter zu sein. Jedenfalls auf musikalischer Seite. Um möglichst verschiedene musikalische Geschmäcker und Vorlieben abzudecken, wird in jeder Richtung etwas geboten. Alle sollen schließlich auf ihre Kosten kommen. Dass Open-Air-Konzerte zudem ein Klimarisiko sind, soll nicht verschwiegen werden. Viele verregnete, im Schlamm untergegangene und in den Marsch abgeglittene Veranstaltungen, darunter teilweise solche auch größerer Art, mögen hierfür Beleg sein.

Kunst und Pop

Allzuoft lese ich, dass aus Popmusik längst Kunst geworden sei. Nun ja, das hängt wohl davon ab, welchen Kunstbegriff jemand hat, fällt mir als erstes dazu ein. Dass die Belege dazu jeweils herbei gezerrt werden, macht die Behauptung nicht plausibler. Es spricht wohl einiges dafür, dass „die Popmusik“ (gibt es die überhaupt in dieser Allgemeinheit....?) damit hantiert, dass sie möglichst viele „Verbraucher“ kostenpflichtig anziehen und für sich gewinnen kann (man könnte das auch noch weit drastischer ausdrücken). In einer Zeit der sogenannten „Neuen Medien“ scheint dies immer schwieriger zu werden und es scheint auch einen Konzentrationsprozess auf allen Gebieten mit sich gebracht zu haben, der in Einigem einem wie auch immer gearteten Begriff von Kunst zuwider laufen könnte. Ob es im Wesen von Kunst liegt, möglichst viele Leute anzuziehen und sie dafür auch noch zur Kasse zu bitten? Dass es um „Wiedererkennbarkeit“ ginge und um eine „Marke“? Nun ja, darüber dürfte diskutiert werden. Die alten Schlachtrösser und die jungen Synthetikstars ziehen jedenfalls die Massen an die Kassen, während es anderen immer schlechter zu gehen scheint. Spiegelbild dieser Gesellschaft? Ob das Kunst ist? Auch die „Kunst“ (im Kanon der Bürgerlichkeit) hatte ihre Stars, keine Frage, manche waren und wurden sogar zu Superstars, die heutzutage auf Auktionen riesige Preise erzielen. Ob sie das jedoch im Einklang mit der Logik der Konzerne waren und taten? Gewiss, zu vielen Zeiten gab es keine Konzerne. Dafür gab es den Klerus und die Macht des Bürgertums. Und „Künstler“ gaben stets gerne die Hofclowns und Belustiger, die Bespaßer für die Mächtigen. Ob es aber nicht auch (zumindest zu gewissen Zeiten der etwas jüngeren Vergangenheit) eine Art Reibungsfläche gab, etwas, dem gegenüber eine Künstler das Beharrungsvermögen seiner Kunst behauptete? Ob es nicht gerade die ständige Wiederholung von Mustern (nicht nur von der Popkritik oft beklagt), also eine gewisse gerade von Künstlern oft gefordete „Redundanz“ von Mustern nicht gerade das ist, was Kunst zur Kunst macht? Auch dies wirft Fragen auf: In einer Wirtschaftssform, die fortwährende „Innovation“ und Erneuerung zu fordern scheint, ist die Herausarbeitung einer Redundanz allenfalls als ein „Markenkern“ opportun. Also als etwas, was den jeweiligen Künstler ausmacht, was er geprägt hat und von was er geprägt wurde. Noch bis jetzt wird die Popkultur zumindest in der Musik als etwas „Junges“ und „Unbefangenes“ behauptet. Ob wir insgesamt etwas sensibler dafür werden sollten, dass sie genau dies längst nicht mehr ist, sondern dass ganze Stäbe von Spezialisten auf und in mailen Kanälen am Aufbau einer „Karriere“ in dieser „Kunst“ arbeiten? 

Pop und Populismus (2)

Ob Pop etwas mit Populismus zu tun hat? Und inwiefern das in die Politik hinüber spielt? Ob Politik nicht sowieso populistuisch sein muss, weil es sich immer nach denjenigen richtet, die in der Mehrheit sind? Wo ist die Brücke zum Rassismus und Nationalismus? Einfach eine Gruppe behaupten und die mit allen Mitteln abgrenzen gegen den Rest? Pop, das ist das Medium einer möglichst großen Verbreitung. Aber auch eine behauptete Gemeinschaft, früher von „Subkulturen“. Die sich abgrenzen müssen, die zur Distinktion um jeden Preis neigen, die sich auskennen, die Bescheid wissen, Die ausgrenzen und eingrenzen, die mit Spitzfindigkeiten umgehen können, die für sich die Eigenschaften einer „Elite“ in Anspruch nehmen. Ob Pop nicht den Populismus einübt? Die Slogans, die Parolen, die Formeln, ob wir sie nicht lange Jahre in der Popmusik akzeptiert haben? So ist halt Kunst: nun ja, die Ausrede ist etwas abgenutzt. Pop ist nicht immer Kunst. Pop übt auch das Eingehen auf simple Formeln ein, schafft soziale Gruppen, gibt immer wieder Engagement vor und scheint das „Richtige“ im „Falschen“ zu suchen. Pop gibt auch die Bespassung vor und schmuggelt Botschaften (und seien es die der Affirmation!) unter sein „Volk“ (im neoliberalen Jargon geht es nur um „Zielgruppen“). Pop ist das jederzeit bereit stehende Ablenkungsmanöver gegenüber der Langeweile und Dekadenz in den westlich-industriellen Gesellschaften. Pop ist vital und feiert die menschliche Energie. Ob das einen zum Grübeln bringt? 

Pop und Vermarktung

Man ist Zwängen ausgesetzt, Competition, Markt, Wettbewerb, es geht ums Vergleichen, man soll besser sein, kundiger, schneller, witziger, besser..... Ich merke, wie ich in Richtung einer Multifunktionsarena gehe, in der alles angeboten wird: vom Handballspiel über Volleyballspiele, über Boxkämpfe bis hin zu Metallica, Ramstein und Helene Fischer. Unterbezahlte Ordner stoßen einen hin und her, sollen für Sicherheit sorgen, sollen sie produzieren angesichts der Ereignisse jüngster Vergangenheiten. Es gilt aber trotzdem im Sinne gewisser Absahnerverdiener möglichst viel Menschen in die Halle hinein zu pferchen. Unablässig werden hier die Besucher von allen Seiten mit bunten Werbebotschaften bombardiert, alles ist plakatiert, bedruckt, bespielt, genormt und geformt mit bunten Werbemitteilungen, die dich und überhaupt möglichst viele, wenn nicht gar alle, erreichen sollen: als Zielgruppe. Du bist selbst zur Zielgruppe geworden, eine anonyme Ziffer unter vielen. Du wirst bearbeitet. Auch mit „Big Data“. Von großen Konzernen. Mit Algorithmen. Es ist hier eine Hardware des Abspulens der sich immer schneller beschleunigenden Zeit, für eine Kultur, die seelenlos, kalt, produziert und von Marketingstrategen gelenkt ist, die klar profitorientiert daher kommt, eine Fabrikhalle, in der „Produkte“ der Kulturindustrie „hergestellt“ und "konsumiert" werden.

Nichts gärt da mehr, gibt sich kritisch, ist noch halbwegs als menschlich zu erkennen oder kann als eine Aufforderung zur erstaunten Annäherung verstanden werden, alles ist ausproduziert und zu sehr offensichtlichen Häppchen ohne jedes Geheimnis verarbeitet. Diese Halle verströmt funktionellen Charme, alles ist sauber und betoniert und zweckdienlich, gepflegt und instand gehalten von einem Heer unterbezahlter „Hilfskräfte“, die sich mit ihrem Job so sehr identifizieren, um bloß nicht gekündigt zu werden. Sie bürsten dich ab, gehen mit dir um und scheinen nicht zu begreifen, dass auch du nur einen Job machst. Halt an anderer Stelle. Vertreter des „Publikums“ fassen sie nicht eben mit Samthandschuhen an. Sie sind für sie eine anonyme Masse, eine dunkle Brut, die es zu disziplinieren gilt. Doch eventuelle Ausrutscher oder Ausfälle sind hier einkalkuliert, von vornherein vorgesehen. Du hattest riesige Probleme, einen halbwegs zugänglichen Parkplatz zu finden. Die meisten Leute meinen, du seiest darin als Medienmensch privilegiert. Es gäbe Presseparkplätze oder derartiges. Sie konnten nicht mitbekommen, dass die Meute der Journalisten inzwischen auch polarisiert, sortiert und klassifiziert ist. Manche sind wichtiger als andere, - wie bei der Masse der Besucher auch. Ich für meine Person weiß nur, dass ich mir regelmäßig als „der letzte Arsch“ vorkomme.

Kreislaufaussetzer unter den „Fans“ werden penibel abgezählt, dann stolz vermeldet und mehren so den Ruhm der Auftretenden. Ko gegangen wegen übergroßer Begeisterung. Wow! So ist halt die Masse - oder wenn der Mensch jung ist. Es ist alles sehr direkt. Das Publikum soll während (!), vor und nach den „Darbietungen“ ohnehin möglichst rasch den Weg zu den Verkaufsständen von Pommes oder Bier suchen und danach anstandslos die Lokalität hin zu den Parkplätzen verlassen. Dabei ist meist stundenlanges Ausfahren aus der völlig überforderten Verkehrs-Infrastruktur angesagt, hupen und Fäuste ballen, während tausend anonyme Helferlein das Bühnenequipment abbauen und schon in der Nacht weiter fahren müssen. Draußen knattern schon die Dieseltrucks vor sich hin. (Statt aus den völlig überfüllten Parkplätzen auszufahren zu versuchen, solle man halt öffentliche Verkehrmittel benutzen, so heißt es hier. Richtig!. Doch was macht der, der aus dem Umland kommt, das mit öffentlichen Verkehrsmittel kaum noch oder meist nur noch durch sehr teure Fahrpreise und äußerst zeitintensiv (zu so späten Zeiten sowieso nicht mehr „bedient“) erschlossen ist?)

Hier bin ich, hier darf ich sein, so scheint das alles dem meist deprivierten, herunter gekommenen und von sozialen Abstiegsängsten erfüllten Publikum zu bedeuten. Nebenan befindet sich das Fußballstadion „Mercedes-Benz-Arena“, in dem der VFB kickt und die körperoperierten Millionäre in den VIP-Bereichen Kaviar verdrücken. Besucher aus diesen gesellschaftlichen Schichten können sich hier mal, wie sie meinen, so „richtig unters Volk mischen“. Veranstalter können hier in der Halle alles anbieten, vom Eishockeyspiel über Boxkämpfe bis hin zu Metallica, - und vor und nach dem Konzert werden die Besucher (die als anonyme Masse behandeln lassen und dafür reichlich löhnen) unablässig wieder und wieder mit bunten Werbebotschaften bombardiert. Es ist die Playstation der Kultur, „die sie meinen“: seelenlos, kalt, ohne Charme, eine Halle, in der „Produkte“ der Kulturindustrie „hergerichtet“ werden, eine Feier des Konsums und der Ablenkung. Insofern sind sie alle austauschbar, ist alles austauschbar, könnte überall stehen und sich gegen Geld anbieten. Diese Hanns-Martin Schleyer-Halle ist immerhin nach einem von den RAF-Terroristen ermordeten Arbeitgeberpräsidenten benannt und nicht - wie an anderen Orten üblich - nach einem Mobiltelefonkonzern, einem Automobilkonzern, einem Versicherungsgiganten oder einer Bank, als im wahrsten Sinne des Wortes leuchtende Beispiele für ein „System“, das mit seinen ökonomisch geprägten Maßstäben inzwischen überall präsent ist und die Gehirne beherrscht. Wachstum um jeden Preis ist angesagt, die „marktkonforme Demokratie“ hat wahrlich obsiegt. 

In den letzten zwanzig Jahren ist eine Kommerzialisierung des Konzertgeschäfts erfolgt, eine Industrialisierung des Konzertwesens, deren Dimensionen so weitreichend sind, wie sie gleichzeitig in der öffentlichen Diskussion fast völlig verschwiegen werden. Eintrittskarten werden da beispielsweise über das Internet vertrieben, mit Gebühren, die den Veranstaltern früher die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Doch, so wird dann gerne beschieden, das Musikgeschäft hat sich verändert. Geld verdient wird heute mit Konzerten, nicht mehr mit CDs oder anderen Tonträgern, die zu einer weitgehend wertlosen Masse geworden sind und längst untergegangen sind in der Masse der lizenzenbewehrten Downloads oder Crossmarketingaktivitäten.

0 Kommentare

Immer ganz neu

Ich habe mich früher oft gefragt, wieso es im Popgeschäft so sein muss, dass der Zyklus Album, PR-Tour, Tournee, neues Album so zwingend sein muss, dass alles zwangsläufig so abläuft. Mittlerweile haben sich die CD-Verkäufe kräftig reduziert und prompt scheint der Zyklus bei weitem nicht mehr so zwingend zu sein. Die Gewichte haben sich ja auch längst verschoben. Das Album und sein Verkauf ist bei weitem nicht mehr das Wichtigste. Eigentlich soll es nur noch die anstehende Tournee promoten. Früher war es umgekehrt. Aber es schien in Stein gemeißelt. Alle, ein ganzer „Markt“ handelte danach. Das Geschäft diktierte und die Künstler lieferten. Ich wunderte mich auch oft, dass die Künstler das „Bedürfnis“ nach Neuem so widerspruchslos zu erfüllen schienen, obwohl es nahezu unmöglich ist, fort während etwas Neues auszuspucken. Also spezialisierte man sich darauf, das Vorhandene zu perfektionieren und es zu variieren, eine Art „Stil“ daraus zu machen. Es rückten alleine schon aus Geschäftsgründen diejenigen Künstler in den Vordergrund, die sich fortwährend neu zu erfinden schienen, - siehe Madonna etc. Es hatten sich aber auch Mechanismen des Popgeschäfts herausgebildet, die etwas als selbstverständlich übernahmen, was so durch sich selbst verständlich gar nicht war. Die kapitalistische Logik bedingt es ja und bringt es mit sich, den Markt fortwährend mit Neuem zu füttern und Bedürfnisse zu wecken, die dann vom „Markt“ befriedigt werden können.

 

Doch die Popmusik und der mit ihr verbundene Lifestyle hatten Besonderheiten zu bieten. Beispielsweise galt es lange regelrecht als ein Gebot, jederzeit gut informiert und auf der Höhe der Zeit zu sein. Um hier eine Art Auslese zu schaffen, brauchte es fortwährend Neues, mit dem sich die Bescheidwisser abgrenzen konnten. Es war Gebot, neue Idiome zu kennen, „fortschrittlich“ zu sein, „forever young“ und in Bewegung: in der Popmusik wurden “Werke“ geschaffen, Konzept- und gewichtige Doppelalben lagen massenweise aus, lieferten Vorlagen für Filme, es gab Alben der philosophischen und esoterischen (weniger der politischen) Bekenntnisse, aufgemotzt durch „großartige“ Bookletzeilen und Beglaubigungen durch „große“ Namen, es schien alles große Kunst zu sein. Dann die postmoderne Phase: Anything goes. Anything sells. Heino neben Metallica, Frank Sinatra und U2. Ältere Musik auch, aber teuer verpackt. Vinyl und „Erstauflagen“ wie früher im Bildungsbürgertum beim Buchmarkt. Ganze Horden von Erklärern und Leuten, die ihre Existenz dem Übersteigern gewidmet zu haben schienen. Geschmäcklertum, das freilich keine große Anziehungskraft mehr zu haben schein, das längst in Beliebigkeiten und persönlich gefärbte Präferenzen abgerutscht war. Dem Behaupter sicherte es dadurch eine gewisse Einmaligkeit, etwas, das mit "Individualität" in Verbindung gebracht werden kann und auch in akademischen Kreisen sehr beliebt ist. Mittlerweile ist es so geworden, dass sich das Neueste (wenn es das unter solchen Verhältnissen noch gibt) vielleicht im Internet finden lässt, aber dass es keinen mehr interessiert. Teenager und Menschen in der Pubertät brauchen aber so etwas, um sich abzugrenzen. Sie scheinen es auch zu brauchen, um ihre eigene Vitalität zu feiern. Nur scheint Popmusik längst nicht mehr das adäquate Mittel dafür zu sein. Und der Wald dessen, das nur vorgefundene Muster variiert, scheint völlig unübersichtlich geworden zu sein. Die großen Medienfirmen scheinen auch zu lange überzogen zu haben, indem sie das kurzfristige Profitinteresse allzu sehr in den Vordergrund schoben und es versäumten, rechtzeitig große Künstler eines Schaffensversprechens, einer Kreativität aufzubauen. Ob etwa im deutschen „Markt“ eine Künstlerin wie Helene Fischer solche Versprechen einlösen kann, wird sich herausstellen. Skepsis scheint angebracht. Gut gelauntes Lächeln. 

0 Kommentare

Pop und Tabu

Es ist doch klar, dass der Pop „der jungen Leute“ über Tabuverletzung und Distinktion funktioniert. Aufbegehren gegenüber überkommenden und überlieferten Werten, Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt, das hat lange funktioniert. Wenn aber nahezu keine Tabus mehr da sind, die es zu verletzen gibt, funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr so recht. Nicht nur in Deutschland ist das Thema „Juden“ zu recht ein No-Go-Thema: tabu. Wie es um den Judenstaat Israel und seine Politik steht, mag dahin gestellt blieben. Rapper und Hiphopper in Deutschland können nun versuchen, das Thema Juden so aufzunehmen, dass Hassgefühle geweckt und benutzt werden: gezielt wird damit also versucht, unter dem Deckmäntelchen der ach so freien Kunst doch noch ein Tabuthema aufzuspießen, dessen Verletzung Schocks hervorruft. Auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie scheinen sich dafür zu eigenen, denn unter den aufgeklärten Menschen Deutschlands sind das keine Themen, die noch kontrovers zu diskutieren wären. Dies heißt aber nicht unbedingt, dass dies nicht als „Tabu“ angesehen werden kann. Es ist vielmehr so, dass eine gesellschaftliche Debatte sehr viel weiter ist und gewisse Themen hinter sich gelassen hat. Und es ist so, dass andere Mechanismen hinter Versuchen stehen, solche Themen für sich auszuschlachten, indem damit Aufmerksamkeit erregt wird. Wenn Alice Cooper, Ozzy Osbourne oder Marylin Manson unterstellt wurde, dass sie gezielt und unter einem gewissen Kalkül Schockeffekte für sich nutzen wollten, hat man wohl nicht gar so unrecht. Ozzy Osbourne soll ja auf offener Bühne Tauben den Kopf abgebissen haben: Tabuverletzung gleich Schockwirkung und Aufmerksamkeit, was zu Neugier und erhöhtem Abverkauf, bzw. Profit führt. Schminke, grelle Sprüche und Tatoos mögen dieselben Bedürfnisse aufgerufen haben: sich unterscheiden, sich als etwas Besonderes stilisieren, sich definieren. Frauen als „Fotzen“ und „Schlampen“ zu bezeichnen, will unter dem Mäntelchen der Kunstfreiheit so durchgehen. Nutten zu ficken und allerlei sadomasochistisches Zeugs erscheint da mittlerweile ein bisschen ungeeignet: es langweilt. Sexuelle Abseitigkeiten sind längst zur Mode geworden und mögen niemand mehr hinter dem Ofen hervor locken oder gar zu provozieren. Vielleicht ist man auch angesichts vieler Medienstrategien zu abgebrüht geworden. Als Tabuverletzungen freilich eignen sie sich gelegentlich noch. Es beschreibe lediglich die Sprache, die unter anderem unter Jugendlichen gepflegt werde, so die gängige Erklärung, die gerne mal in eine Generalausrede hinüber gleitet. Mag sein, so würde es mir entfahren. Aber so etwas wie Judenbeschimpfung eignet sich nicht zur gezielten und kalkulierten Tabuverletzung: es ist vielmehr primitiv und besonders hierzulande völlig unangemessen. Ein klein wenig dürfen wir ja die Geschichte schon noch mitdenken: unter Umständen sind wir so geworden, wie wir geworden sind. In der Geschichte. Wenn wir etwas verstehen wollen, sollten wir auch die Geschichte berücksichtigen. Comichafte Übertreibung im Sinne einer Satire mag Kunst sein. Profit zu machen, ist nicht immer Kunst.

Intensität der Gewalt

Dylan ist mal wieder oder immer noch unterwegs. Seine Tournee soll ja nie enden, so heißt es. Und die Journalisten berichten wieder, dass er der Allergrößte sei. Die Willi Wichtigs dieser Gesellschaft stimmen da eifrig zu und erinnern sich gerne. Nicht nur der Rock'n Roll, sondern auch das Leben besteht offenbar aus Wiederholungen. Bloß, dass diese eine Wiederholung mit Dylan bald zu Ende gehen wird, auch wenn sie alle ihn für einen Heiligen halten. Auch wenn er, wie es oft heißt, mit dem Abkupfern von Baudelaire und Brecht, unsterblich geworden ist. Wahrscheinlich grinst er heimlich sich eins darüber. Der Mann maskiert sich, so gut es geht, schlüpft dauernd in neue Rollen. Im Publikum aber behaupten sie aber so störrisch wie unbeirrbar, es gehe um Authentizität. Auch bei ihm. Früher wurde sie offenbar weithin verbreitet mit Lautstärke hergestellt. Das war damals noch was..... Doch mittlerweile gibt’s das in den Clubs und Discos überall: die physische Ebene der Musik, das Rumoren im Darm, das Vibrieren unter der Schädeldecke. Kann man ja mit dem leisesten Titel per Kopfhörer herstellen!

Ach ja, der Dylan, damals in Newport! Epochal. Heute ist High Fidelity angesagt, jedenfalls bei denen mit dem besseren Geschmack und bei denen, die es sich leisten können. Die hinteren Ränge vergnügen sich heute bei MP3 und Billig-Streaming, das ja von großen Geistern wie Neil Young so laut und nachhaltig gegeiselt wurde. Aufruhr. Rebellion. Extremismus. Leider ist das alles abgeglitten und schief gegangen. In Drogen untergegangen. In künstlich chemischen Fluchträumen. Durchzieht inzwischen alle Gesellschaftsschichten. Fing mal als Avantgarde an. Längst scheint Gewalt und Agression dazu gekommen zu sein. Dafür scheinen nicht nur  Metal und Hiphop genügend Beispiele abzuwerfen. Das so gelobte dumpfe Donnern und Grollen, es wurde von einer riesigen Maschine hervorgerufen, deren Häuptlinge sich jeweils per eigenem Düsenjet durch die Welt fliegen lassen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das Startum hat jedenfalls von Anfang an zum Rock'n Roll gehört.... Rock'nRoll als sozialer Aufstiegskanal. Ach, man kann die „Erklärungen“ und rechtfertigenden Klischees schon gar nicht mehr hören! Jetzt gilt nur noch die große Familie, die Metallicas Musik offenbar herstellt. Eine Familie der Gleichgesinnten. Der Gleichgerichteten. Der Konsumentenmasse. Perfekt und gnadenlos sei sie, die Metallica-Musik, so las ich. Kraftvoll roh. Schiere Aggression. Ob das so einhellig positive Attribute sind? Die Scheinwerferkegel kreisen. Jubel. Energie. Intensität von der Bühne.

0 Kommentare

Berührt sein

Das Wort „Emotion“ kommt vom lateinischen "emovere": nach außen bewegen. Es geht darum, nicht nur erreicht zu werden, sondern auch antworten zu können, jemand wiederum zu erreichen. Beispiel Musik machen: da wird man nicht nur erreicht, sondern man erfährt sich auch als wirksam, man hat einen Einfluss darauf, was passiert. Auf Abläufe, auf Prozesse, auf Richtungen. Etwas erreicht und berührt mich. Und ich erfahre mich als selbst wirksam damit verbunden. Ich kann antworten und dem entgegen gehen, auf es reagieren. Alles beruht im Idealfall auf Gegenseitigkeit. Es ist nicht nur so, dass ich mir etwas einverleibe oder es in Reichweite bringe, sondern ich „transformiere“ mich dadurch. Es verändert einen, man wird ein anderer Mensch dadurch. Oder: es hat etwas mit mir gemacht. Ob so etwas mit fortschreitendem Alter abnimmt?

Es erlaubt einen Rückblick im Sinne von: danach war ich jemand anderes. Etwas bewegt, berührt und erreicht mich, ich antworte und werde dadurch ein anderer. Es ist mir immer seltener passiert, aber es ist passiert.

Es bleibt darin aber stets etwas Unwägbares. Das heißt, man kann versuchen, eine solche Beziehung mit allen Mitteln herzustellen. Es passiert aber nichts. Es könnte sogar sein, dass bei allergrößter Bemühung nichts passiert. Dabei ist sinnliche Überwältigung nicht diese Art der Beziehung. Man mag beispielsweise in einem Konzert überwältigt sein durch die Soundfülle und das Licht. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, zu antworten und bewegt zu werden, ein anderer Mensch zu werden. Man staunt. Man bewundert die (technische) Fähigkeit, ist aber nicht wirklich berührt. Eine tiefer gehende Wirkung kann halt nicht garantiert werden. Unter anderem mag es auch leibliche Hindernisse geben: Schmerz, Hunger, ein drückenedes Gefühl, etwas Bestimmtes tun zu müssen und es nicht gtetan zu haben. Psychische Voraussetzungen mögen dabei auch eine Rolle spielen: traumatisiert zu sein, oder tief verletzt, Dann verliere ich diese Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Auch räumliche Bedingungen sind dabei wirksam: Sonnenschein und Wärme oder harter Regen mögen uns beeinflussen. Eine Betonhalle hat einen anderen Einfluss als eine eine gewisse Wärme ausstrahlende Umgebung. Je nachdem, wie man sitzt, wie man mit dem Anderen in Beziehung tritt, - oder auch nicht. Zeitdruck mag auch so manches umbiegen. Er „verdinglicht“ unter Umständen so manche Beziehung. Stress, Angst, Druck führt dann oft zu „Wettbewerb“. Höher, bsser, schneller, weiter. Das ist das Gegenteil zu „hören und antworten“.

 

Wir haben einen Sinn dafür, was unsere Existenz begründet, was ihr Grund sein könnte, wie wir auf die letzte Wirklichkeit bezogen sind. Man kann diese letzte Wirklichkeit auch Universum nennen. Oder das Leben. Oder die Wirklichkeit. Oder die Welt, oder die Natur. Aber man fühlt sich jedenfalls da hinein gestellt, ahnt, dass man ein Teil davon ist. Die Frage ist: wie sind wir darauf bezogen? Auf diese letzte Grundlegung. Ja, wir haben einen Sinn dafür. Er geht darauf zurück, dass am Grund unserer Existenz eine kollektive Antwort liegt. Jemand ist da, der uns hört und sieht, versprechen etwa Religionen. In uns und jenseits von uns. Beim Beten wird das deutlich: Man kann dabei nicht sagen, ob der Betende sich nach innen oder nach außen richtet. Beten ist eine ritualisierte Praxis, die eine Verbindung zwischen dem Innersten und dem Äußersten schafft. Es berührt mich und verflüssigt mich in meiner Verhärtung, es macht mich empfänglich. Religion beispielsweise schafft ein Bewusstsein dafür, dass wir mit dem Leben als Ganzes, mit Gott oder der Natur in einer Beziehung stehen. Mit der Kunst. Mit der Musik. Wichtig ist: Man weiß nicht recht, ob man nach innen oder nach außen hört. Das alles bedeutet aber nicht Welterklärung. Nicht Weltdeutung. Es geht nicht um sinnhafte und kognitive Weltdeutung. Also um das Verstehen vom Verstand her. 

0 Kommentare

Echo auf Echo

Nun ja, es tauchen jetzt alte gegerbte Managergesichter auf, die einst, in besseren Zeiten, erfolgreich für ihre jeweiligen Companies waren. Sie geben ihre Kommentare ab zur deutschen Echo-Preisverleihung, bei der die verleihende Musikindustrie die Masken für eine kurze Zeit hat fallen lassen. Im Großen und Ganzen ist es ja alles akzeptiert und verinnerlicht, wie es da läuft. Aber antisemitische, frauenverachtende und homophobe Sachen? Eher nicht. Ein bisschen peinlich, das. Es gibt Beschwichtigungen. Alles nicht so gemeint. So sind sie halt, die Rapper....und all diese Sachen. Ein paar „Preisträger“ haben ihre Preise zurück gegeben. Aber ich glaube, sie alle hatten die Kriterien des Echo längst vorher schon akzeptiert. Diese Kriterien sind: Verkauf, Verkauf und Verkauf. Das wird dann gerne und sehr direkt übersetzt in Publikumsakzeptanz. Sie gilt als heilig. Von möglichst vielen Menschen akzeptiert und noch mehr: wohlfeil geliebt zu werden. Moralische Überlegungen scheinen da eher eine untergeordnete Rolle zu spielen und dienen vor allem zur „Verklärung“ dieses „Preises“. Nun, mir scheinen die Kriterien auch bei den großen bekannten internationalen Preisen wie "Grammy" oder "Oscar" ganz ähnlich zu sein. Sie werden ja immer mehr und es fällt schwer, noch eine Art Überblick zu haben. Das Kriterium lautet bei all diesen Preisen: Erfolg um jeden Preis. Auch um den Preis der Menschenverachtung. Solche Dinge scheinen mit einem Augenzwinkern ausgeblendet und einigermaßen schlapp verteidigt zu werden: der Rap, der HipHop ist halt so, es braucht ein bisschen (!) Rebellentum, die sind in Wirklichkeit ganz anders....etc. Das sind nette Bemäntelungen, die die Rock- und Popmusik degradieren zu einer Kuh, die es mit möglichst effizienten Mitteln und den jeweiligen Zeiten optimal angepasst zu melken gilt. Wessen Team samt Spitzenstar dabei am erfolgreichsten ist, wird ausgezeichnet mit einem Preis, vor lauter aufgemotzten Figuren aus dem Sonnenstudio, wohlfrisierten Typen mit einem oft geheimen Wichtigkeitsfaktor, die dann das "Feier"-Publikum für eine solche Prozedur abgeben. Eigentlich abstoßend, so etwas. Manche ursprünglich aus einer „alternativen“ Ecke stammende Künstler haben sich dafür aber über lange Jahre gerne zur Verfügung gestellt, facht der "Preis" doch die „Abverkäufe“ an und erhellt ein solcher Preis doch die Aura jenes weithin leuchtenden Erfolgs, der im Popgeschäft ja so wichtig ist. Nur ein Problem dabei: unter den Bedingungen des leuchtenden und strahlenden, überall aufsteigenden Populismus entzaubert sich die Industrie selbst, indem sie sich als zynische, weitgehend profitorientierte Instanz offenbart, die jede menschenverachtende Parole nachzublöken bereit ist, solange sie erfolgreich ist, d.h. sich gut verkauft. Hm, welche Konsequenzen so etwas haben kann und in welche Richtung das führt, mag man sich gar nicht mal vorstellen.....

0 Kommentare

Schön wäre es gewesen

Es war damals, tief in der Vergangenheit der Rockmusik, als es aufregend war und jeder Tag etwas Neues brachte. Man forschte geradezu, war auf das Unbekannte gerichtet, wurde abenteuerlich, wagte sich neuen Horizonten entgegen. Es galt, im Umfeld möglichst Hip zu sen, auf der Höhe der Zeit, informiert, in Kleidung aktuell, und vor allem – „fortschrittlich“ zu sein. Es schien das Zauberwort zu sein, das verhieß, dass es jenseits der bekannten Horizonte etwas anderes gab und dass es einem dringend aufgegeben war, sich diesem irgendwie anzunähern. Die Popkultur barg eine Menge Impulse, obwohl es nicht ganz klar war, was ernst gemeint war und was anderen Prämissen unterstand. Heute wird so etwas in Blogs diskutiert, auf Foren, in Youtube, im Netz. Man ist skeptisch geworden gegenüber großen Entwürfen und Horizonten. Man wäre meist schon mit viel weniger zufrieden. Wagemut scheint etwas Seltsames zu sein, es gilt vielmehr, halbwegs zu überleben. Die Rockmusik hat sich zur Popmusik gewandelt und ist dann Teil eines allgemeinen Unterhaltungsbusiness geworden. Natürlich war es das schon immer, aber mit anderen Gewichtungen. Genau das war ja auch das Interessante. Das Schillernde, Ungewisse, dem sich irgendwie anzunähern einem aufgegeben war. 

Doch die Vorstellung eines „Progressiven“ eines „Fortschrittlichen“ zerbrach irgendwann, ging unter. Immer mehr herrschte das Geschäft, das aus allem und jedem gemacht wurde: Ökonomisierung war on its way, bis heute. Es gilt der Erfolg, auch  eine Größe des ökonomischen oder neoliberalen Zeitalters. Erfolg maß sich meist in Geld. Und in Macht.  Es entstand auch ein Impuls zurück, unter den Alten, unter den Nostalgischen. Es kamen in der Popmusik große Editionen als 4- oder 5- fach Box heraus, die ein Lebensgefühl noch einmal aufwärmen sollten, unter anderem auch mit großzügig farblich gestalteten Booklets. „Remastered“ oder „Remixed“ versprachen neue Qualitäten, die einstigen Revoluzzer konnten sich das ja inzwischen leisten. Sie waren längst in Führungs- oder Entscheiderpositionen aufgerückt, der einstige „Marsch durch die Institutionen“ war etwas, an das man sich gerne erinnerte. Aber in schöner Unverbindlichkeit. Wäre schön, wäre gut gewesen. Doch nun regierte das Geld. Und diejenigen, die nachkamen, wuchsen in diese Prioritäten hinein. Sie übernahmen das, unmerklich und nicht hörbar. Heute ist fast nichts mehr geblieben. Bedeutungen haben sich verflüssigt, sind zu einem Stoff geworden, den es zu verkaufen gilt. Gerade unter den alten Recken des Rock

0 Kommentare

Zielgruppen?

Offenbar machen sich viele junge Musiker Gedanken über die Leute, die ihre Klänge konsumieren sollen, also die Zielgruppe. Zudem wird gerne noch die Situation definiert, in der konsumiert werden soll. Bei der etwas älteren Generation hat sich das von selbst reguliert (was schon länger nicht mehr der Fall ist): diejenigen Leute sollten angesprochen werden, die die gleichen Hör- und Generationserfahrungen wie die Erzeuger hinter sich haben, die insofern dasselbe Alter haben und – das ist gerade heute offenbar nicht mehr common sense – eine gewisse Offenheit für „andere“ Klänge, Klangarchitekturen, Klangabläufe, Motivationen. Ich lese, dass es ganz nett sein kann, wenn man die Stücke daheim auf der Anlage höre. Aber in Witrklichkeit sei das anders gemeint. Meine eigene Musik sehe ich da nicht so eindeutig gemeint. Sie scheint einen gewissen „Chill“-Faktor zu haben, kann aber genauso daheim auf der Anlage gehört werden. Es braucht keine – wie auch immer geartete – Gemeinschaft dazu. Das gehöre auf die Straße - so lese ich beispielsweise. Ich dagegen weiß nicht so recht, ob meine Musik auf die Straße gehört. Sie hat schon auch Körperliches in sich, entwickelt sich oft auf einem Groove. Gleichwohl scheint sie auch viel Soziales in sich zu bergen, dem Aufmerksamkeit gut tun würde. Es ist etwas Anderes, als das, was nur als zum „Abfeiern“ auf der Straße oder im Club (früher sagte man da „Disco“ dazu) oder der vielbeschworenen „Party“ da ist. Die jungen Musiker wollen ihr Publikum alles um sich herum vergessen lassen. Sich in den eigenen Kosmos hineinbohren. Vereinzeln. Das könnte etwas mit Neoliberalismus zu tun haben. Darin kommen diese jungen Musiker gut mit dem deutschen Schlager zusammen, dem das immer unterstellt wurde und den ich auch so erlebt habe. Heile Welt und alles um sich herum vergessen, Spass haben: ein Wahlspruch jeglicher eskapistischer (auf Flucht programmierter) Musik. Hedonismus um jeden Preis. Ich will das nicht. Zumindest nicht in dieser Ausschließlichkeit. Ich will einen anderen Grad an Bewusstheit. Ich will, wenn möglich, auf eine andere spirituelle Ebene entführen. Ich will mich äußern und entäußern. Ausdrücken. Dadurch einer von vielen sein. Ich will zurück zu einem anderen Klangempfinden. Das Ursprüngliche (gegenüber dem Elaborierten und Elitären, das aus akademischen Hochschulen drängt). Ich will den Spass, den der Steinzeitmensch an gestalteten Klängen hatte. Ich will solche Klänge auch heute um mich herum aufnehmen und auf meine Weise verarbeiten.  

0 Kommentare

Popular Pop

Ein gängiger Trick ist es, „popular“ und „populär“ von „Pop“ zu unterscheiden.  „Populär“ sei ein klassenspezifischer Begriff, so heißt es mancherorts, unter dem quasi „von oben herab“ für das Volk produziert werde, - was also diskriminierend gemeint sei. „Arbeiterkultur“ würde auf diese Weise herabgewürdigt. Doch ist wohl auch Pop gewissen Vermarktungszusammenhängen und den speziellen Interessen der „Arbeiterkultur“ ausgeliefert, selbst wenn er sich als Avantgarde geriert. Und ob „Pop“ ausgerechnet der „Arbeiterkultur“ (was ist das eigentlich im 21. Jahrhundert des Prekariats?) zugerechnet werden kann, erscheint zumindest fraglich. Zudem lese ich dauernd Porträts von Popstars, die betonen, wie sehr sie von der Arbeiterklasse beeinflusst und gerade deswegen besonders clever bei den Vermarktungsstrategien seien. Dass sie vor so gut wie nichts zurück schreckten, um sich verkäuflicher und beliebter zu machen. Die alte Protesthaltung gegen so etwas sei längst passee, so die geadelte Kritik, es sei eine Haltung angesagt, die mit dem Bestehenden einverstanden sei und es gerade dadurch immer wieder unterlaufe. In den „Protetestzeiten“ sagte man zu so etwas „affirmativ“ und verteufelte es. Nun wird das gerne mit allerlei Tricks zu revidieren versucht. Diese bedingungslose Akzeptanz scheint mir eher einer Kapitulation zu gleichen, die wir zumindest mit unseren bescheidenen Mitteln vermeiden wollen.  

0 Kommentare

Kritik als Versuch

Ich habe das Folgende aus Notizen zusammen geschustert, habe ein paar Korrekturen der Rechtschreibung angebracht und das Vorgefundene so stehen gelassen, wie ich es vorfand.

Es ist ein gängiges Muster, Diffamierungen gegen Kritiker zu verwenden. Klar, wer kritisiert, kann nur sauertöpfisch und verbittert sein: mit diesem Argument kann man sich ganz leicht anbiedern. Das leuchtet zu sehr ein. Ich freilich stehe nicht auf einer Bühne und liefere eine Show und verkaufe zu meiner vermeintlichen künstlerischen Potenz auch noch gleich meine Person mit. Meine Bühne ist die Zeitung und da liefere ich einen ganz genau definierten Ausschnitt. Ich werde auch bei weitem nicht so gut bezahlt wie diese Stars und Superstars. Vielleicht bin ich deshalb auch nicht ganz so bestechlich. Es gilt womöglich, auch aus der Haltung derjenigen zu schreiben die (bewusst) nicht auf ein bestimmtes Konzert gegangen sind, aber trotzdem an Popmusik interessiert sind. Dadurch entsteht so etwas wie Abstand. Es gilt, nicht nur die Vorurteile derjenigen zu bestätigen, die sowieso alles klasse finden, was der betreffende Künstler auf der Bühne liefert, die „Fans“ sind.

Live-Konzerte aber auch andere Auftritte funktionieren heutzutage sehr stark über das Image. Und zum Image gehört immer auch Persönliches oder so etwas wie beispielsweise Sex: All das, was sich gut verkauft, was „ankommt“. Man darf auch Glaubwürdigkeit hinterfragen, wenn gerade sie zur Masche wird. Bestimmte Künstler haben ein Image der Glaubwürdigkeit. Dies kontrastiert manchmal herb mit gewissen Dingen, die von gewissen „Stars“ gerne als Habitus gepflegt werden und in der Öffentlichkeit nicht gar so stark aufgeblendet sind (große Villen und Sportwagen, Schlösser als persönliches Eigentum und anderes Upperclass-Gehabe, rüder Umgangston mit „Untergebenen“ wie Roadies, Stagehands usw). Dies wird man, so weit beobachtet, benennen dürfen, ohne sich selbst aufs hohe moralische Ross zu schwingen... Ich fühle mich nicht von Profit- und Verkaufsinteressen geleitet, auch wenn ich sozusagen mitten in ihnen stehe. Ich darf mir den Luxus eines eigenen Geschmacks leisten und ich bin stolz darauf, dass mir ein Forum dafür geboten wird...

Mein Job könnte es sein, mich einzulassen auf verschiedene Musik, auf verschiedene Arten des Ausdrucks, auf verschiedene Perspektiven und Motive, auf unterschiedliche Wege, Musik in einer Show zu machen. Mein Job, ist es auch, zu entlarven, und zu hinterfragen....

 

Originalität, kreativer Output, Intensität, und die handwerklichen Mittel dafür, Aussage, mitteilen....., ach ja, es gilt nicht nur begeistert zu sein, sondern auch zu wissen wieso, - und das dann auch formulieren zu können, damit umgehen zu können, einen Text daraus zu machen, den man durchliest und kein Gutachten, in dem ich qua Amt attestiere.....pointieren und auf den Punkt bringen, weil in dieser Gesellschaft scheinbar nur noch das verstanden wird.... übrigens: Differenzierung ist ein schwieriges Geschäft. 

0 Kommentare

Gegen den Stachel löcken...

Aus einem Brief. Ob ich ihn abgeschickt habe? Ich weiß nur noch, dass er auf einen Shitstorm reagieren wollte, der etwas unerwartet über mich hereinbrach und der allzu oft das bekannte Argument von den Vielen, die sich nicht irren können, über mich brachte.

Das Führertum und die religiöse Verehrung kommt heutzutage in Gestalt von Showgrößen daher, die Profit für sich maximieren wollen.....das hat man verausszusetzen. Doch das kann man immerhin doch auch ordentlich machen, ohne die Massen mit plumpen Tricks zu verarschen. Diese „Tricks“ und Reflexe zu benennen ist auch meine Aufgabe.... das immer wiederkehrende Muster....das könnte man womöglich „von außen“ kommentieren, d.h. In einer gewissen Distanz dazu.... z.b. ist „Partyfeeling“ eine bewährte Methode, eine Masse zusammenzuschweißen... Spielverderber zu spielen ist mein Job, zumindest: die Dinge benennen.... es ist alles ist nicht nur so unschuldig, wie das immer reklamiert wird. Sondern es wird auch Gleichschaltung eingeübt...

Sich fanatisch identifizieren mit jemandem und keine andere Meinung dazu gelten lassen, das erinnert doch stark an bestimmte Formen des Fundamentalismus, jedenfalls ist nicht unbedingt Toleranz oder behutsame Annäherung eine Eigenschaft, die solche Leute auszeichnet..... Für gewisse Medien gilt: Wer nur lobt und großartig findet, der wird darin nicht mehr ernst genommen, denn er will ja das andere nicht mehr sehen, er hat sich dafür entschieden, alles geil zu finden. Das ist es aber ganz offensichtlich dann doch nicht...

 

Werbung und Promotion kann einem auf diese Weise unmerklich zur zweiten Natur werden. Man ist dann willenloses Rädchen im Getriebe von Interessen... mich hingegen interessiert primär die Musik, dann das Image und die Mechanismen, die jemanden erfolgreich machen.....(in dieser Reihenfolge) Die Massen reagieren ja meist auf grobe Klötze, auf sehr einfache Muster..... das liegt im Wesen von Massen.., es gibt auch eine andere Wüdigung als diejenige, die die Frage stellt, wie vielen Leuten eine Darbietung gefallen hat. „Super“ „geil“ und all sowas... das ist doch total dumpf, aber ein paar Dinge aus diesem dumpfen Empfinden aufscheinen zu lassen, sie zu formulieren und ins Wort zu bringen, könnte eine Aufgabe einer Kritik sein. Es muss erlaubt sein, zur einhelligen Begeisterung „von der Seitenauslinie aus“ ein paar kritische Fragen stellen, Einwände machen..... die müssen nicht immer richtig sein.... 

0 Kommentare

Pink Floyd in einer Blase

Ich habe in letzter Zeit viel die neueste Pink-Floyd-Scheibe „The endless River“ gehört, nebenher und hauptsächlich. Ich habe mich in deren Wohlklang gesuhlt, mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass dies für mich etwas zu viel Kitsch sei. Immer noch. Früher hatte ich diese Pink-Floyd-Alben so gut wie gar nicht freiwillig gehört. Diesen Bombast und Kitsch fand ich einfach lächerlich, wohlwissend, dass diese Band ein riesiges Publikum in ihre „Konzerte“ zog. Dass aber gewisse Kritiker, weil es mal hip war, heute immer noch nur die erste Phase mit dem Gitarristen Syd Barrett gelten lassen, finde ich auch etwas übertrieben. Es wird dann gerne von der "psychedelischen Phase“ geredet oder geschrieben. Nun ja, Barrett mag für den Abschuss der Rakete gesorgt haben, mag ihr viel mit auf den Weg gegeben haben: Pech, dass er kurz vor ihrem Start ausgestiegen ist. In den Mainstream hinein hat's für ihn nicht gereicht.

Mich kotzen auch all die wohlmeinenden bemitleidenden Sprüche an, die Gilmour und seine Begleiter getätigt haben. Schizo-Barrett muss wohl ganz alleine und unerkannt in den Abbey Road-Studios vorbei gekommen und umher gegangen sein, als die ehemaligen Kumpels dort „Dark Side of the Moon“ zusammen mit einem riesigen Stab von Mitmachern aufgenommen haben. Ich selbst kann mich noch neblig an dies obererfolgreiche Album erinnern. Es hat mich damals wohl nicht sonderlich beeindruckt. Eher schon „Atom Heart Mother“, mit diesem damals sehr exklusiven Soundesign. Man träumte als simpler Musiker von solchen Klangkörpern, hatte aber nie eine Chance, auch an so etwas zu kommen. Kitsch? Schon. Man nahm aber mehr in sich auf, ob einem das Gehörte „gut tat“. Diese Typen ließen sich in einem Traumreich erklingen. Dann kam das Ding mit „The Wall“ und man schaltete zu sehr ab. Es langweilte Leute wie mich wohl zu sehr. Auch dieser Gigantismus. Die Inszenierungen. Es erschien einem einfach nicht interessant genug.

Das geschleppte, zerdehnte Zeugs mit pseudomystischem Beigeschmack: hm, wer so etwas will und braucht...., trotz der „The Wall“-Emphase war mir schon damals Hesses „Unterm Rad“ lieber. Eingliederung, Deformation und Flachmachung im (Schul)system: nun ja, heute erscheint mir Waters das beste Beispiel für eine Verkörperung solch ungünstiger Mechanismen.

 

Die Verallgemeinerungen und Klischees, die er verwendete, waren mir ja ohnehin schon damals etwas zu plakativ: ich konnte jedenfalls nicht viel Inhaltliches damit anfangen. Und jetzt, heute? Bin ich froh, das es solch einen Gitarristen wie Gilmour gibt, einen Stilisten, der seine Bahnen unbeirrt zu ziehen scheint und sich immer wieder wiederholt, was eine dankbare Fangemeinde unter dem Signum „Pink Floyd“ abfeiert. Freue ich mich über ein halbwegs wiedererkennbares Klangbild, entdecke ich diese Welten wieder. Freu mich an diesen langen Gitarrenschlieren, die einen anderen Rhythmus zu atmen scheinen als der, der heute gang und gäbe ist. Ob diese Combo aber ganz besonders toll war oder auf diesem Album ist? Ob die treue Anhängerschaft nicht ihre eigene Jugend und deren Erfahrungen abfeiern will? Dass man für eine PF-Tournee als Veranstalter hunderte von Millionen zahlen würde, ist das okay? Ob sich das alles selbst viel zu ernst nimmt?  

0 Kommentare

Pop und Geschlecht

Nun, gab es breit wahrnehmbare Proteste gegen Trump in der Popmusik? Oder gegen überall präsente Waffengewalt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Vielmehr blieb mir im Gedächtnis, dass sich bestimmte Popstars nicht davon distanzieren mochten, den Mann im weißen Haus mit zweifelhaften Botschaften zu unterstützen. Wie denn wohl das Gebaren mancher Hiphop-Größen zur „Metoo“-Debatte passt? Ob Verherrlichung von Gewalt und Verächtlichmachung von Frauen dabei gar kein Thema ist? Dass Frauen billige „Chicks“ seien, die zur statusgerechten Bedürfnisbefriedung oder höchstens noch zu einem reizvollen Anhänger oder einem Dasein als „Heimchen am Herd“ da sind, ist ein Bild, ein Symbol, ein Frame, der in der Popmusik so selten nicht ist. Dass sich prominente Popstars in dieser Richtung geäußert haben, mag auf so manchen befremdlich wirken. Dass Frauen in der Popmusik hauptsächlich gut aussehen und ansonsten für alles und jedes zur Verfügung stehen sollen, ward an dieser Stelle auch schon mal gehört. Dass sich bestimmte Popstars mit der Gewalt gegen Frauen sogar brüsten, muss auch erst einmal umständlich und mit vielen Winkelzügen erklärt werden. Sexuelle Gewalt scheint sogar regelrecht ein Ausweis der eigenen Potenz zu sein. Wer dafür vor Gericht stand, scheint besonders geadelt zu sein. Vergewaltigung als Protzpose? Ob das tatsächlich ernst gemeint ist? Hm. Das Schlimme: es ist in die Köpfe eingesickert, auch dort, wo es womöglich ironisch gemeint war. Es spielt in der Realität anders, als es einst ausgedacht war. Ob der Begriff „Subversion“ nicht auch in dieser Richtung überdacht werden sollte? Ob und wo er heute wohl noch eine Rolle spielt? Oder ob das Profitinteresse alles andere längst überformt hat?   

0 Kommentare

Digital Soundscape

Die Situation ist vertraut für alle, die am Computer Musik machen: man steht vor einem Berg an Alternativen und weiß nicht, wie man sie für sich bewerten soll, was man einsetzen soll und wie, wie die Wirkung sein könnte, auf sich selbst, auf andere. Optionen wuchern. Am besten intuitiv machen, nichts überlegen...klar! Aber da sind Sounds ohne Ende. Vorgaben, von denen wir nichts merken. Viertviertel. Takt. Tempo. Technik gibt vor. Presets drücken. Abrufen. Klangsynthesen fabrizieren. Sich selbst einbringen. Wie geht das Schräge? Wo ist Inspiration? Wieso überhaupt noch Musik produzieren? Es gibt doch sowieso viel zu viel davon...... man ist den digitalen Mächten ausgeliefert..... Akustische Hintergrundtapeten werden mit Herzblut produziert, Beziehungen“ werden zelebriert, Absatzkanäle verwaltet. Bei den Nerds dabei gewesen, aber nicht so richtig. Es wird zu Helene Fischer abgeklatscht, in den angesagten Clubs wird gehottet, - du bist nicht dabei. Willst es nicht. Menschen passen sich an und liefern sich aus, ohne es zu wissen. Sie vertrauen ja „auf ein positives Lebensgefühl“. Formation und Deformation. Man ist so viel wert, wie man „verdient“. Gerade Musiker können davon ein Lied singen. Wichtigkeiten produzieren. Trends folgen. Aber nicht zu sehr. In Medien abspielen lassen, gegen Kohle natürlich. Verträge abschließen, juristisch, wenn's geht, einwandfrei. Aufmerksamkeit generieren. Follower. Likes.  

0 Kommentare

Wiederentdeckungen

Ich gehe mal wieder meine CDs entlang und greife mir blind ein Album von einem gewissen Don Dixon heraus. Ein Name, der mir heute nicht mehr viel sagt. Im positiven Sinne ausgefeilte Songs kommen da auf mich zu, durchdacht, meist mit einer Idee dahinter – aber nie aufdringlich. Alleine schon das mag ich. Es erschließt sich mir da sofort, was ich hinter dem Namen suchte. Ein bisschen sind seine Songs wie jene von Elvis Costello, allein, es scheint mir bei Dixon eine Jugend als symbolträchtigem Berserker zu fehlen. Aber die Phantasie, die da in Songs geflossen und modelliert worden ist, die ist überall zu spüren. Das Album heißt „The entire combustible world in one small room“ und ist von 2006. Was, 2006? So spät? Singer/Songwriter hört man heute schon noch. Aber irgendwie anders. Oft ist da eine Prise Kitsch dabei, ein Herumnölen ums eigene Seeleenheil. Das aber höre ich hier kaum heraus. Wahrscheinlich wäre er heute etwas postmoderner positioniert, unverbindlich verbindlicher, wenn er mit seinem damaligen Ego heute spielen würde. Wie bin ich auf ihn gekommen? Wahrscheinlich kannte ich ihn im Zusammenhang mit Marti Jones, einer Songer/Songwriterin, die ich auch mochte. Er war, wenn ich mich recht erinnere, ihr Ehemann und Produzent ihrer Alben. Ein Steuermann der fein positionierten Aufnahme, Wie konnte ich den aus den Augen verlieren? Ich recherchiere ein bisschen im Internet und finde nichts in deutscher Sprache über ihn. Nur in Englisch. Als „associated acts“ werden hier unter anderem Marti Jones und R.E.M. genannt. Namen, die im Strudel der Vergangenheit untergegangen sind. Mit Marti Jones scheint er wohl immer wieder zusammengearbeitet zu haben, in ihr scheint er ja auch seine Ehefrau gefunden zu haben (was ich ohnehin vermutet hatte). Dixon scheint ein gesuchter Bassist gewesen zu sein, spielt aber auf den eigenen Alben tausend Instrumente. Wenn ich das höre, kann ich alles wieder nachvollziehen, was ich in dem Album suchte. Wie in einer Zeitkapsel. 

0 Kommentare

Zeitgeist Rocks

Neulich, beim Hören von „Rock 'n 'Roll Party“, der etwas inoffiziellen Scheibe von Jeff Beck, habe ich insbesondere beim Titel „Apache“ Folgendes empfunden:

 

Es ist doch unglaublich, wie sehr Musik, Popmusik, Zeitstimmung transportieren und genau darin, vielleicht sogar nur darin, etwas Zeitloses annehmen kann! In dieser Melodie, in diesem kurzen Gebilde populärer Musik sind die sechziger Jahre!. Petticoats, Hoola-Hoop, Marylin, ..all diese Klischees sind da wie in einem kurzen Abziehbildlein konzentriert. Vielleicht ist sogar etwas davon in einem solchen Song aufgehoben, wie die Leute damals gefühlt haben, welche Welt sich ihnen zu diesem Zeitpunkt erschlossen hat. Jeff Beck bleibt denn auch nah an der Originalversion dran, er kitzelt diesen Geist des Songs heraus und befrachtet ihn erst gar nicht mit allzuviel Eigenem, obwohl ihn und seine Spielweise jeder an der Meisterschaft der Gitarre heraushören kann. Er war vielleicht immer schon dicht dran an Hank Marvin, jenem sagenhaften Gitarristen der Shadows, die damals, zu Beginn der sechziger Jahre, zusammen mit Cliff Richard als Frontfigur und frühem Megastar nach oben kamen. „Apache“ freilich war einer ihrer Instrumentaltitel und stellt ganz klar die Gitarre in den Vordergrund. 

0 Kommentare

Marketing für Massen

Es kommt mir so vor: Mittlerweile ist diese ganze Phase, als Rockmusik noch etwas aussagte/bedeutete, selbst zum Zitat geworden. Ein Zeichen für eine Zeit, die unzählige Reunion-Bands noch einmal zu zitieren versuchen, die sie nachträglich zu versilbern versuchen, in einer heutigen Zeit, in der der „Markt“ (und die Möglichkeiten, ihn zu erschließen und auszubeuten, ihn zu "bearbeiten“) sehr viel größer geworden ist. Es regiert eine Art von Humor, der nichts mehr ernst nimmt und nur noch das schnelle Vergnügen sucht, den Leuten den großen Gegenentwurf vorspielt und dafür die (geldwerten) Huldigungen entgegen nimmt. Ich lese das Interview mit einem höchst erfolgreichen Popstar, der auf seine bald 25 Jahre einer Karriere zurück blickt, und der für den in dieser Zeit erworbenen Reichtum vergöttert wird. Seine Masche: die dümmsten und hirnlosesten Sprüche als Parole eines Refrains, bei dem jeder mit muss. Dada als Marketing-Konzept. Es klappt gut und er wird auf diese Weise zum globalen Klassiker, der noch immer auf der ganzen Welt großen Erfolg hat.

Er führt vor, was er gerade liest und erwähnt, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe. Es wird ihm gesagt, dass er ja sogar mal für den KGB gespielt habe und er entgegnet, dass das verdeckt gewesen und ihm überhaupt nicht bewusst gewesen sei. Und im Übrigen sei das den Scorpions auch schon mal passiert. Außerdem was Grundsätzliches, das ich hier in diesem Blog zuvor schon einmal habe einfließen lassen: „Ich sehe den Künstler als Gegenentwurf zum Alltag mit seinen ganzen Problemen. (….) Einfach mal raus aus dem ganzen Schlamassel. Das ist Sinn und Zweck unserer Musik, sie soll nicht politisch sein“. Ob sich da die Frage erhebt, was denn überhaupt „politisch“ sein soll oder sogar ist? Jeglicher Impetus (außer dem zum Spass) wird konsequent desavouiert. Haltung zur Welt, außer der des Konsumierens, ist verpönt. Das Schlimme daran ist, dass sich das ein sehr großes Publikum verkaufen lässt. Ja, dass es sich das zur eigenen Religion macht. Derweilen spielen alte Rockbands oder Formationen, die den eigenen Mythos noch einmal meistbietend verhökern, zum letzten Mal, wie sie meist vorgeben aber dann doch nicht einhalten. Ich lese zudem, dass der "Hiphop"-Fußballer Jerome Boateng sich von Jay-Zs Leuten vermarkten lässt und eine eigene Brillen-Linie samt anderen teuren Hipster-Sachen entwirft. Dass er damit in der Tradition des von tausend globalen Konzernen optimal vermarktbaren David Beckham steht, der als Role Model für den sogenannten Metrosexual stand, soll ihn anscheinend besonders ehren. Crossmarketing im Freizeitbusiness. Immerhin: Dass dieser Boateng ordentlich Fußball spielt, unterscheidet ihn von Beckham, der jüngst auch einen Fußballclub gegründet. hat. In diesem Kosmos der Freizeitaktivitäten ist die Musik selbst höchstens noch eine austauschbare Sache, die von einem Stab von Spezialisten zum Nutzen und Frommen einer Marke erstellt wird. Popphänomene. 

0 Kommentare

Wahrnehmungsklischees

Ob Popmusik Unterhaltung ist? Ich dachte mal, Unterhaltung dürfe keineswegs langweilen (auch wenn sie als „Kunst“ daherkommt). Langeweile entsteht vor allem durch Vorhersehbarkeit. Wie entsteht Vorhersehbarkeit in der Popmusik? Durch gängige Rezepte, wie sie etwa in den einschlägigen „Akademien“ oder Produzentenwerkstätten vermittelt werden? Sie freilich gehen richtigerweise von einer Popmusik aus, die auf starzentrierte Weise alte Erfolgsrezepte neu aufpoliert und sie ihren Titeln unterschwellig oder oberschwellig unterschiebt, indem sie beispielsweise „aktuelle“ Sounds durch andere Produzenten benutzen lässt, „bewährte“ Harmoniefolgen nutzt, indem sie Rezepte des Erfolgsumsatzes „gekonnt“ aufnimmt, um sie einem „Relaunching“ zu unterziehen. Wer freilich diese Rezepte kennt, wer die gängigen Kennzeichen des „Könnens“ kennt, wer die Strukturen halbwegs durchblickt, der mag oft davon gelangweilt sein, weil das „Produkt“ solchen Bemühens doch arg vorhersehbar klingt. Eine extreme Persönlichkeit könnte auch aus der Rolle des Gängigen fallen, doch davon gibt es nicht allzu viele, die uns anregen könnten.

 

Selbstverständlich mag meine eigene Vorhersehbarkeit auch eine gewichtige Rolle spielen, meine Geschichte, meine Hörerfahrung, meine Maßstäbe. Dies sollte meiner Meinung nach unbedingt berücksichtigt werden. So neigen etwa gewisse Kritiker dazu, alles Schräge einfach nur deshalb gut zu finden, weil es schräg (oder einfach nur „anders“) ist. Es bindet ihre Aufmerksamkeit als eine spezifische Einzelperson, die sich selbst zur Instanz (durch „Erfahrung“ legitimiert?) macht. Meiner Meinung nach geht dies am Phänomen der Popmusik völlig vorbei, da sie von vornherein möglichst viele Leute ansprechen will. Es könnte vielleicht so etwas wie ein Ideal sein, mit möglichst guter und überraschender Popmusik (dies hängt auch von der Historie ab...) möglichst viele Leute anzusprechen. Oder die gängigen Klischees in überraschender Weise zu variieren, mit Ansätzen zu experimentieren, gängigen Wahrnehmungsklischees widersprechend.   

0 Kommentare

Das Gewordene in der Popmusik

Ich gehe weiter an meinen CDs entlang und entdecke, dass sich ganze Clusters gebildet haben, um Namen und Bezeichnungen herum. Ich denke: Es hätten dies Pfade der Entfaltung und Individualisierung sein können. Doch sie kreuzten sich auf verschiedene Weise mit denen der Erwartungen, insbesondere kommerzieller Art. So ist das in der Popmusik halt. Es ist die Macht des Faktischen. Da ist Zum Beispiel Dead Can Dance: Ein ansehlicher Block in meiner Sammlung. Die Anfänge, die hauptsächlich die beiden Protagonisten Lisa Gerrard und Brendan Perry in den Mittelpunkt stellten. Es verwunderte uns, es erstaunte uns, es zog uns hinein in seinen Strudel. Doch dann wurde es immer breiter, unter dem Titel schien sich ein ganzes Ensemble zu versammeln, wohl auch bedingt durch große Tourneen. Es kamen Kooperationen mit anderen Künstlern und "Projekte" aller Art, das Ding schien auszufransen. Mittlerweile gibt es die Marke wieder, mit routinierten und scheinbar auf Personaleinsparung aufbauenden Stücken, denen ein bisschen von dem ehemals Abenteuerlichen vergangener Tage eingeimpft worden ist.

Das atmet für mich den Geist der Macht des Faktischen und mündet in eine gepflegte Langeweile. Träume werden zu einem Sedativum, alles ist am Platze seines Wohlklangs, zitiert sich selbst in aktueller Weise. Dies alles produziert in mir eine innere Leere, die damals etwa noch das DCD-Album „Spiritchaser“ ausgefüllt hat. Ich lege das Album auf. Da war so etwas wie Tiefe. Da war nicht jene Selbstzufriedenheit, die sich selbst genug ist, sondern eine, die etwas mit einem machen konnte. Auch wenn ich es heute höre! Ja, man durfte damals annehmen, dass die beiden das auch können, einen einspinnen in eine dunkle Atmosphäre, aus der heraus es kocht und brodelt. Doch mittlerweile erstaunt einen nichts mehr, es gibt kaum noch unerwartete Reize, es träufelt sich angenehm in einen hinein, die Strukturen sind ausgefeilt und clever überlegt.....

Das reicht immerhin, um alte Anhänger zum Kauf zu mobilisieren und die Popularität zu pflegen, auch ich habe ja meine Exemplare. Doch die Hauptakteure scheinen entdeckt zu haben, dass sie wichtig geworden sind, dass sie eine Art Lebenswerk zustande gebracht haben, eine Art Lebenswelt und Glocke des Wohlfühlens, die immer wieder mit noch größerem Aufwand vorzuführen, Sinn macht. Den Sinn, einen ganzen Lebensstil finanzieren zu können, mit dem Luxus der Reichen und Begüterten dieser Welt mithalten zu können. Es ist in etwas gemündet, das die alten Vorstellungen verwaltet und ihnen in homöopathischen Dosen Kreativität zuführt. Gefilterte Kreativität, die im Falle von Lisa Gerrard auch durch das Erschaffen von pompösen Soundtracks für Hollywood hindurch gegangen ist. Alle Naivität scheint verloren und in Geschäftstüchtigkeit überführt. Sie geben Inhalte für wichtige Porträts in den Medien. Sie sind auf Promotiontournee und preisen etwas an, was eher einem cleveren Produkt als einem Teil des Selbst gleicht. Sie arbeiten an einer Geschmacksblase, an einem Wahrnehmungskokon, der sich selbst verstärkt und zum immergleichen Ziel führt: dem Erwerb eines Albums. Dowloaden, wenn's sein muss. Stichwort: "Confirmation Bias". 

 

Sie versuchen, von der Popularität anderer zu profitieren (Crossmarketing) und sich neue Zielgruppen zu erschließen. Sie versuchen, sich auf sich verändernde Gewohnheiten ihrer Anhänger einzustellen, sich neu zu positionieren, sich "aufstellen". Sie begegnen einem dadurch plötzlich in ganz anderen Zusammenhängen, die in dem einst in ihnen vermuteten Geheimnis nichts zu tun haben. Das alles bewirkt einen Prozess der Desillusionierung in mir. Mag ja sein, dass sich nur ein solches Verhalten in den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen bemerkbar macht. Doch es scheint auch etwas verloren zu haben. Etwas, was ich das Mysterium der Popmusik nennen würde und mit dem die Kenner und Könner immer schon lässig umgegangen sind. Doch auf der unteren Ebene, dort, wo es ankam, hat es unter Umständen sogar Pfade zwischen Leben und Tod eröffnet, hat es in Richtungen getrieben, hatte Wirkungen, die weit über das pure Unterhaltungsbusiness hinaus gingen. 

0 Kommentare

Mythos elektrische Gitarre

Die elektrische Gitarre ist ein Mythos der Rockmusik. Basta. Haha. Der gute Bono, der wohl auch (wie unter anderem die „Paradise Papers“ dokumentierten) als Steuervermeider recht gut ist, wollte damit wohl nach seinem berühmten Satz von der Gitarre, den drei Akkorden und der Wahrheit, die man dafür braucht, jetzt wieder mal nach vorne kommen. Doch er scheint unangenehme Bekanntschaft mit dem gemacht zu haben, was man „political correctness“ nennt. Der Lapsus, dass die Popmusik zu „Girly“, also zu mädchenhaft geworden sei, hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. Und dass junge Männer nun nicht mehr wüssten, wie sie ihre Wut zum Ausdruck bringen sollten, hätte ihm im Zeitalter des „#metoo“ auch nicht passieren dürfen. Außerdem gibt es Frauen, die mit Gitarre auch ihre Wut sehr wohl zum Ausdruck gebracht haben, jawohl. Die sind auch richtig bekannt und berühmt. So etwas geht gar nicht. Ob es ein frühseniles Alterszeichen bei Bono ist? Die sind in der Popmusik auch ganz und gar verpönt. Die elektrische Gitarre jedenfalls ist und war immer so heilig wie jung. Seit den späten fünfziger Jahren. 

Elektrische Gitarre war ja damals noch ein Abenteuer und im Gegensatz zu heute ein völlig uncodiertes Instrument: es gab wenige Möglichkeiten eines „guten“ und „schlechten“ Sounds, die Hörgewohnheiten waren noch nicht festgelegt und programmiert, auf Genres, auf Konventionen und auf kleine, per Klick auf- und abrufbare Programme, die abgespeicherten Wohlklang bescheren. Hank Marvin hatte einen Stil, hatte die Vision, mit dem von einem gewissen Lerry Jordan geschriebenen Song so etwas zu veranstalten, diesen einen Sound zu entwerfen. Er fing damit Zeitgeist ein, er fügte seinen phantastischen Gitarrenlinien einen Hauch von sechziger-Jahre-Ponderosa, von Hoss und Ben Cartwright und all dieser legendären Western-Romantik hinzu, er ließ seine Stratocaster an dicken Straßenkreuzern mit Heckflossen vorbei fliegen, die für ihn, den Engländer, in der grauen Wirklichkeit ja meist fürchterliche Vauxhalls waren. Er veranstaltete eine kleine Revolution in den Gehörgängen. Und: Er war der ideale Begleiter für Cliff Richard, dem er mit den Shadows eine persönliche Note, etwas Prägendes und Eigenes gab. Wunderbar, wie das Jeff Beck mit einer Verneigung vor dem großen Gitarristen und Gitarrenbauer Les Paul in wenig mehr als drei Minuten erzählt. Wie humorvoll er da mit den großen, prägenden Einflüssen seiner Jugend spielt! Da ist „Peter Gunn“ auch, von Duane Eddy und Art of Noise vor nunmehr auch schon 25 Jahren noch einmal neu mit Samples und aller tricky eingesetzten Künstlichkeit aufbereitet. Titelmelodie einer Fernsehserie der Sechziger. Dekonstruktion? Was für ein Quatsch, solche verkopften Definitionen! Es sind vielmehr Raffinement und Humor, die solche Wiederaufnahmen prägten. Rockybillystil, Skiffle, Jeff Beck lässt das zusammen mit Leuten wie Brian Setzer, Imelda May oder Gary U.S. Bonds noch einmal auferstehen. Aber er macht kein Muster daraus, keine Masche. Er spielt vielmehr mit dem damaligen Zeitgeist. Er kitzelt unsere Phantasie und führt sie nicht vor, wie etwa die meisten Filme, die aus heutiger Sicht diese Zeit und ihren Geist wieder aufzunehmen versuchen. Er spielt offenbar mit viel liebevollem Humor etwas an, das man vielleicht nicht unbedingt idiologisch aufblassen sollte. Ob sich Bono etwas davon abschaut, oder ob er sowieso nur nach guter alter PR-Art provozieren wollte? 

0 Kommentare

Ein Blick aus Träumen

Ich habe wieder programmiert, live aufgenommen und verpennt: anders als in den vergangenen Jahren bei den 3Sat-Pop-Dauersendungen an Silvester blieb diesmal vor allem Wehmut zurück. Das Neue Jahr ist gekommen: die alten Helden treten nach und nach alle ab. Und mögen sie noch so dekadent geworden sein: Es stellt sich die Frage, was nach ihnen kommt. Die großen Zusammenführer jedenfalls nicht. Trotz allem Mainstream-Habitus: Taylor Swift, Justin Bieber und Lady Gaga sind uns dann doch ein bisschen zu wenig. Sie langweilen. Um große Integratoren zu sein, ist die Popszene mit ihren Figuren viel zu zersplittert. Dazu haben sich auch die Freizeitgewohnheiten der Leute zu sehr geändert. Die Generation, die mit der Rockmusik aufgewachsen ist, steigt jetzt gerade aus dem Kreis der Entscheider aus. Man hatte sich daran gewöhnt, dass immer noch eine weitere Tournee folgen würde, man hatte das Faltenrock-Geschwätz aufgenommen und bei den ersten drei Mal ein bisschen gegrinst, Und nun? Sendet 3Sat nach einem mehr als ordentlichen Mitschnitt eines Konzerts von John Mellencamp den Mitschnitt „Tom Petty in memoriam“. Der Mann ist gegangen, es bleiben ein paar gute Musiker bei seinen Heartbreakers zurück. Aber das Kapitel ist geschlossen.

Solche Leute waren Träger unserer Träume, unserer Visionen, unserer Neugier, unseres Wachseins und unseres Willens, ein bisschen über Vorherzusehende hinweg zu schauen. „Into the great wide open“. Nun ja, so weit offen waren sie dann doch nicht, diese Weiten, Sie waren und sind bedroht. Aktuell macht sie auch ein mit einer orangenen Frisur ausgestatteter Unsympath als Präsident planvoll zunichte. Und da trotz checks 'n balances in den USA alle an den Präsidenten als eine unerschütterliche Institution glauben, …... Wir hingen an diesen Leuten, die als Rockmusiker oft aussprachen und sangen, was wir nicht zu können glaubten. Sie sind oft genug weggesackt in eine satte Gutbürgerlichkeit. Aber machen wir uns nichts vor: viele von uns sind denselben Weg gegangen. Haben sich arrangiert. Haben den Tanz ums goldene Kalb mitgemacht. So gut es ging.

Jetzt bleiben uns noch eine Weile (wie lange?) Leute wie Jeff Beck, der alte Sack, der seine Gitarre so unglaublich intensiv behandeln kann, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft. Wie geht das? Er spielt halt die ganze Bandbreite zwischen sehr leise und zärtlich und laut und wüst. Er hat abenteuerliche Skalen drauf. Klar ist er schnell. Aber wir erkennen ihn alleine schon an seiner Ausdrucksweise. Auch so einer macht heutzutage seine Routineauftritte. Schaltet auf Normaltemperatur. Gibt nur so viel, wie er muss. Spielt die Figur Jeff Beck vor. Um einen Vertrag zu erfüllen.

 

David Gilmour. Haha. Auch so einer. Was haben wir gelacht über die Pose mit dem mystischen Getue bei Pink Floyd! Mit den inhaltslosen Improvisationen und dem pompösen Gehabe. Diesen Luftnummern, die die Leute so beeindruckt hat. Aber man kann noch so viel gegen ihn ins Felde führen: er hatte einen Stil heraus gebildet, der wiederum viele andere beeinflusste. Er war voran gegangen in einer Zeit, als noch nicht alles festgelegt schien. Und hatte in einer speziellen Personenkonstellation seine Band mit voran gezogen. Meiner Meinung nach ehrt es ihn einigermaßen, dass er sich heute auf seine Musik verlässt und nicht die alten Mätzchen reproduziert wie etwa Roger Waters. Er bietet gepflegte Melancholie, in Töne gegossen. Damit ist er freilich nicht mehr alleine. Aber das kann ihm egal sein. Sie sind jetzt alle alte reiche Säcke und scheinen das zu verkörpern, gegen das sie und ihre Musik einmal waren. Und trotzdem: wir hängen an ihnen.       

0 Kommentare

Wortlos Ortlos

Es war Liverpool. Es war oft genug auch Manchester. London weniger: in dieser Stadt strömte alles zusammen, dort wurden die von außen kommenden Einflüsse nur geformt und vermarktet. Weiter zurück in der Vergangenheit war es auch einmal Kansas City, das zu einem gewissen Zeitpunkt musikalische Genies hervorbrachte und einen bestimmten Sound hatte (Miles Davis, Charlie Parker). Später nicht mehr. Merkwürdig. New Orleans. Chicago. Memphis. Auch San Franzisco, Ende der sechziger Jahre. Die Liberalität dieser Stadt, Flower Power, Hippies und der Zeitgeist spielte dabei seine Rolle. Die Motorstadt Detroit mit ihrer Plattenfirma Motown, die als Fabrik unzähliger Nummer-Eins-Hits „schwarze“ Musik in die weißen Hitparaden brachte und den Rassenunruhen ein Ventil des Aggressionsabbaus verschaffte: Steve Wonder, Marvin Gaye, die Supremes, die Temptations, - später gab es dort auch noch ein kurzes Aufblühen des Techno. Dann der weiße Eminem, der den „schwarzen“ HipHop für seine Zwecke okkupierte und am Himmel des Showgeschäfts erst zu einem Superstar und dann zu einer Supernova wurde, um sodann in all seiner gereimten Wortgewandtheit zu verglühen. Detroit klingt schwarz. New York, dieser Mythos der weltoffenen Megalopole ist dagegen zeitlos, „City, that never sleeps“. Aus der Zeit gefallen. Eine Stadt der urbanen Avantgarde, die künftige Lebensverhältnisse auf ihre Weise künstlerisch vorausahnt. Als fruchtbarer Humus für jegliche Kreativität, - so das Klischee.

Ob Pop oder Jazz: Jede Stadt hatte ihren eigenen Sound, so scheint es. Soziokulturelle Gegebenheiten waren dafür auch verantwortlich, gewiss. Die typischen und vom Klischee her bekannten schwarzen Baumwollpflücker am Mississippi-Delta mit ihrem Blues und ein frecher junger Elvis von nebenan, ein kecker Lastwagenfahrer, der ihnen den Sound stiehlt, weil das am nächsten liegt, als ein Vehikel für seine Fahrt zu den Sternen, direkt hinein in den Himmel. Es war vielleicht auch die Trostlosigkeit grauer englischer Industriestädte, ihre festgefügte Klassenstruktur, die nur wenige Wege für ein Entkommen offen ließ. Die Popmusik ist solch ein Weg. Darin ist sie längst zum mythenumglänzten Versprechen geworden. Oft hat sie ein dunkler Drang zum Ausdruck gespeist, der verwurzelt ist im Kollektiven einer gewachsenen Umwelt. Dublin, das katholische, das der mystischen Suche eines Van Morrison in den Siebzigern oder den gebrochenen Heilsbotschaften Band U2 in den Achtzigern einen Rahmen bot: wie religiös befrachtet klang das alles, wie tiefsinnig im Symbolischen fischend. Seit Irland zu einem prosperierenden EU-Mitglied geworden ist, kommt von Irland nicht mehr viel Neues. Zufall?

Jimi Hendrix wollte aus seiner Heimatstadt Seattle möglichst schnell herauskommen und kam schließlich in London groß heraus. Heute haben sie ihm in Seattle ein lausiges kleines Museum eingerichtet, ein kleiner Gedenkstein gammelt vor sich hin und manche Reiseführer führen seinen Namen auf. Sonst erinnert nicht viel an den großen Sohn der Stadt (die Microsoft-Gründer sind da schon eine andere Hausnummer...). Aber Hendrix spielte ja nicht den Sound von Seattle, sondern eher den des nahen San Franzisco. Seattle wurde erst mit dem Auftreten des Grunge in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer heiligen Stadt des Pop. Irgendwann in den späten Siebzigern kam erst noch die Dekade von Los Angeles, die große Entspannung, das Leben am Swimming Pool, die großen Studios, Plattenfirmen und die Mega-Umsätze der späten achtziger Jahre. Die Westcoastmetropole schien alle Kreativität aufzusaugen und in eine professionell gestanzte Währung zu verwandeln. Gerade daraus wurde ein Stil, zeitweise, eine in Noten gesetzte und zur Schau gestellte Haltung. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen bis hinein in die kleinsten Subspecies. Wieso bilden sich Städte und Regionen ausgerechnet in ihrer Popmusik ab, klingen auf eine ganz bestimmte Art, scheinen eine eigene Frequenz zu haben? Metropolen scheinen ja doch inzwischen global austauschbar zu sein. In den Schaufenstern ihrer Kaufkathedralen werden Labels, Brandings und Produkte aller Art zum Verkauf gehalten. Die selben Konzerne dominieren die immer gleichen Produkte, die selben Wolkenkratzer und Probleme überall. Global sein heißt es in diesem Falle: überall gleich präsent. Ohne jede Identität abseits der Marke. 

Natürlich, da ist der Einfluss starker Persönlichkeiten auf Musikercliquen, auf local scenes, da sind die Strategien des gegenseitigen Lernens und Kopierens. Des „Voneinander-Abschauens“. Schnell können sich Formeln und Routinen bilden, die zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort hätten entstehen können und sich später dann doch an jedem anderen Ort reproduzieren lassen. Aber ist da auch das Publikum, das sich nach spezifischen Geschmackskriterien und einem Rezeptionsverhalten bilden würde? Das Publikum bildet sich durch die Medien. 

Mittlerweile hat sich das radikal gewandelt, alles in der Popmusik ist ortlos und global geworden, das, was war, war die alte, analoge Welt. Heute funktioniert das auf digitale Weise. Spezialisten spielen sich heute per Internet die Files zu, von irgendeinem Ort der Welt, egal wo. Sie bilden Stäbe, die wiederum den Produzenten zuarbeiten. Gebündelt wird das ganze dann unter einer Marke, meist US-amerikanischer Herkunft. Der Star. Der Superstar. Der Megastar. Neoliberale Realität. Die Band als soziales Modell scheint ausgedient zu haben, überhaupt scheint der soziale Austausch an Bedeutung verloren zu haben. Was zählt, ist der US-amerikanisch dominierte Erfolg, wie er etwa an den Posen und dem Auftreten des aktuellen US-Präsidenten abzulesen ist. Die Wertschöpfungskette soll schließlich dem „America first“ gehorchen, was alleine schon eine gewaltige Anmaßung ist, denn „America“ ist der Name des gesamten Kontinents, der in seinem Süden auch Länder wie Brasilien oder Argentinien umfasst. Der Norden soll für das Ganze stehen? Was gilt, ist wirtschaftliche Power. Die Reichen sind die Mächtigen im Staate, - nie waren die Mächtigen der USA darin schamloser als jetzt gerade. 

0 Kommentare

Lanois Träume

Was ich gerade höre:

Ich gehe an meinen CDs entlang und erinnere mich an die Musik von Daniel Lanois. In meinem CD-Regal sind seine Alben links oben. Der ist als Produzentenmagier bekannt, der möglichst den Augenblick für sich nutzen will, den kreativen Moment, da alle in einem Studio in dieselbe Richtung werkeln und eine Art magischer Stimmung entsteht. Dabei soll er auch für Bob Dylan, Peter Gabriel, U2, Neil Young und Emmylou Harris gearbeitet haben: große Namen, fürwahr. Die Sachen für Dylan kenne ich sogar gut, „Joshua Tree“ von U“ ist mir auch geläufig. Ein erfolgreicher Mann, der..... Er trat aber für meine Begriffe durchaus eindringlicher als Musiker in Erscheinung. Meine zuerst heraus gegriffene Scheibe (neben anderen...) heißt „Shine“ und ich höre sie immer erst ab Titel 6: „Transmitter“. Danach lasse ich durchlaufen. Es ist eine unaufdringlich indirekte Weihnachtsscheibe. Kein Gesülze. Kein Schmierstoff. Ich tendiere in dieser jetzigen Zeit dazu, mich herunterzufahren, mich zu „entschleunigen“, einfach nur zuzuhören, mich treiben zu lassen in meiner Stimmung.

Dies hier ist sehr eindringlich und gleichzeitig leicht. Ich höre diesen gehaucht intensiven Gesang, der mehr ein Zwiegespräch mit mir zu sein scheint. Ich lasse ihn an mich heran, weil er halt gerade nicht aufdringlich ist. Er hallt durch den weiten Raum, der auch mit der für Lanois typischen Pedal Steel Gitarre ausgemalt wird. Wie mag ich seine Steel-Gitarren-Schlieren! Keine Ahnung, ob das schwierig oder einfach ist. Es wirkt auf mich aber, langweilt mich in keiner Sekunde! Dieser Lanois hatte prägnante Songeinfälle, bei denen etwas hängen blieb. Das war nicht abhängig von diesen oft beschworenen Hooklines, sondern hatte etwas mit Stimmung und Phantasie zu tun. Da sind tatsächlich Momente, die sich einprägen, von denen du zehrst, durch die so etwas wie das „Geheimnis“ durchschimmert. Wann geht einem so etwas „unter die Haut“? Ob das auch etwas mit Geschmack zu tun hat? Ob jemand dick aufträgt oder etwas - wie in diesem Falle - eher indirekt und bescheiden unaufdringlich wirken lässt? Auch lässig und elegant? Unangestrengt. Ob jemand überwältigen und überrennen will, Routinen aufblähen, vorzeigen, imponieren, von sich selbst eingenommen - oder ob sich jemand zusammen mit mir eher der Intensität in der Entspannung hingeben will? Der Hingabe? Dem „Feuer darunter“? Ich schau: die Scheibe ist von 2003. Der Mann hat sich Zeit gelassen. Sein Konto ist von den attraktiven Produzentenaufträgen sicher gut gefüllt. Da hat und hatte er keinen Druck. Aber er stand auch für etwas, hat sich das verdient. Das Album ist Balsam für meine Seele, streichelt sie.

Ich hole „For the Beauty of Wynona“ (1993) heraus. Am Anfang ein bisschen Gitarrengequengel, dann seine typische Stimme. Was ist das, worin besteht das Typische? Dass dich so etwas zum Wiedererkennen reizt? Dieser und die folgenden Songs sind aber nicht wirklich eindringlich für mich. Das Album war trotz des schönen Covers ein Fehlkauf für mich. Ich habe wohl damals etwas darin gesucht, was ich jetzt wieder suche. Ich war gefangen von einer Vorstellung. Dieses Süßholzgeraspel langweilt mich. Ich erinnere mich, dass ein Album von ihm „Arcadie“ (nach der ostkanadischen Provinz) hieß und dass er darauf sich der Cajun-Musik widmete, frankophon, französischsprachig  - das war das Besondere, das nur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg heraus richtig zu verstehen ist. Arkadien war für die Franzosen aus Ostkanada das Ziel in Louisana, - ob sie vertrieben wurden? Jedenfalls ging es zwischen den Briten und Franzosen hin und her. Es ist eine uralte US-amerikanische Volksmusik, deren Kultur sich auch bis heute erhalten hat (Oder das, was die USA daraus gemacht haben..., etwa einen „Cajun-Burger“). Ich mochte Cajun schon immer, unter anderem hatte sie mir JJ Cale mit seinem Titel „Cajun Moon“ 1974 beigebracht („Cajun Moon“, where does your power lie..., as you move across the southern Skie....“)“. Auch so ein Meister des Understatement.

 Haha, die Cajun-Küche hatte mir in den USA mit ihrem opulenten Gebrauch von scharfen Gewürzen immer sehr gemundet. Ich ziehe „Belladonna“ (2003) heraus. Alleine schon die Pflanzenbezeichnung strahlte für mich etwas aus. Belladonna ist Tollkirsche. Ein Gift, das im richtigen Maß angewandt, segensreich auf den Kreislauf wirken kann. Im richtigen Maß! Das Album? Toll, diese Tollkirsche! Schon der erste Titel „Two Worlds“ fängt mich ein. Pedal Steel-Phantastereien. Instrumental. Getragenes Tempo. Dann „Sketsches“: toll! Immer weiter, das soll nie aufhören! Pedal Steel ohne Country-Sentimentalitäten. Die einzige Scheibe in diesem Stil, die ich habe.... Wunderbar! Schwelgereien, in die er auch die Akustikgitarre und die Rhythmusgruppe mit einbezieht.... Ich werde euphorisch.....Ich mag natürlich auch Brian Blade, der ihn nicht nur auf diesem Album begleitet. Ein großartiger Drummer, der bis in die jüngste Vergangenheit hinein unter anderem bei Herbie Hancock zu hören war. Ein Erzähler im Beat, wie einst Jack DeJohnette.... Den wunderbaren Bassisten Daryl Johnson hörte ich erstmals bei den Neville Brothers, später öfter im Umfeld von Daniel Lanois, etwa mit Emmylou Harris. Brad Mehldau ist auch dabei und noch andere.... Genau das habe ich gesucht. Ich bleibe bei diesem Album, höre es immer wieder. Habe noch weitere Alben von Lanois.... Die spare ich mir, brauche kein E-Gitarrengequengel. Nur immer dies. Und noch einmal........... 

mehr lesen 0 Kommentare

Pop und Populismus

Eine kulturpessimistische Polemik:

Ob Pop mit mindestens zwei ganzen Generationen den jetzt so übel grassierenden Populismus eingeübt hat? Das Führerprinzip und die Gleichschaltung der Gefühle - da war ja teilweise noch mehr. Konzerte waren zu Wallfahrtsorten geworden. Ich fühlte mich immer ziemlich alleine, wenn die Massen tobten und johlten, was gerne mit solchen Begriffen wie „gute Stimmung“ und dergleichen umschrieben wurde. Es stieß mich immer etwas ab, diese Gleichschaltung, diese Massenbegeisterung, dieses Aufgehen im Pulk, dass ja doch nur "Spass" bedeuten sollte. "Ein faschistischer Führer würde Großbritannien gut tun" - erzählte 1976 David Bowie dem "Playboy"-Magazin. Und im selben Jahr rief Eric Clapton auf offener Bühne: "Schmeißt die Fremden und die Schwarzen raus aus England, haltet Großbritannien weiß!" - und fordert dazu auf, den Neonaziführer Enoch Powell zu wählen. Seltsam. Passt irgendwie gar nicht. Ob er etwas ausprobieren wollte oder ob er das damals wirklich meinte? Er, der nicht nur von BB King so vieles lernte und mit ihm später sogar ein Album einspielen sollte. Er, der Robert Johnson und den Blues so verehrte. Ob er da, als er so etwas sagte, schlechte Drogen genommen hatte?

Ja klar, der Künstler und der Politiker erwarten, dass etwas aus der Masse zurück kommt, was sie noch weiter anpeitscht. Sie erwarten, dass ihr Charisma massenhaft wirkt und Geld abwirft. Das galt sowohl in der frühen Rockmusik als auch in der späteren Popmusik. Sich um jemanden zu scharen, den man beinahe anbetet, that's it. Paralellen? „Fan“ sein. Das Wort „Fan“ kommt von fanatisch. Also fanatische Verehrung und bedingungslose Gefolgschaft, selbst im Kleinsten. Ob uns das an etwas erinnert? Unterschiede, dann doch? Ach ja.... hoffentlich!

Um als Populist zu funktionieren, muss man die Welt aufteilen. Möglichst in zwei Gruppen. Die einen sind die guten, tollen, lieben, schönen, - das sind Sie, der Chef von denen, von dieser Herde -, und den anderen. Die anderen sind die ganz Bösen, Hässlichen, Gemeinen, die sozusagen Sie bekämpfen. Gut und Böse. Die Bösen vielleicht sogar noch mit Spitznamen bedenken. Ohne diese Zweiteilung werden Sie nicht weit kommen als Populist und Demagoge.

Die Leute verfügen in satten Industriestaaten wie Deutschland oder den USA über viel Geld (woher es wohl kommt, dass die neuen Bundesländer auf den meisten Tourneeplänen der internationalen Popstars etwas unterrepräsentiert sind?), das sie in ihrer Freizeit ausgeben können. Freilich ist die Konkurrenz auf dem Gebiet der Freizeitaktivitäten deutlich breiter geworden seit den früheren Tagen der Rockmusik. „Der Wettbewerb ist härter geworden“, so die bereit stehende Phrase. Der Monopolisierungsprozess im Musikgeschäft hat in dieser Zeit aber auch gewaltige Fortschritte gemacht. Es ist ja noch immer (oder gerade jetzt...) viel Profit auf diesem Gebiet zu machen.

 

Anfangs wollten sich Rockkünstler ja von dem abwenden, was vor ihnen da war. Sie spielten Revolution vor und waren Anti-Establishment, sie waren dagegen und sie spielten sowohl das Super-Ego als auch den Teil einer „Bewegung“. Bob Dylan, Mick Jagger, Pete Townshend oder auch Janis Joplin waren damals Rockstars, obwohl ursprünglich so gut wie nichts darauf hindeutete. Die Rockmusik gab diesen Leuten die Möglichkeit, viel Geld aus ihren Abgründen und Phantasien zu machen, sie in einem kreativen Sinne so zu gestalten und in gereimte Verse zu zwingen, dass es „irgendwie“ mit Befreiung zu tun hatte.

In einem späteren Stadium haben sie dies in eine Art Reife überführt, die sich ihrer Ausdrucksmittel sehr bewusst war. Diese Musiker mussten sich nirgendwo vorstellen, wurden von keiner Jury in einem Casting ausgewählt. Sie haben sich selbst auch durch die geschickte Vermengung von persönlichen Idealen und musikalischem Stil ermächtigt, um danach von ihrem Publikum dafür gefeiert zu werden. Sie gaben in allem Ernst vor, die Welt retten zu wollen (und nicht nur „Unterhaltung“ zu produzieren). Einer, der es mit dem Weltverbesserungspathos und der Begeisterung ziemlich weit gebracht hat, soll hier unbedingt genannt werden: Seit Jahren und nicht erst seit den „Paradise Papers“ ist bekannt, dass U2-Sänger und Profi-Gutmensch Bono sein Geld in Steueroasen parkt (parken lässt). Ein Symbol, ein Menetekel. Und nicht nur die Stones setzen immer noch eine Abschiedstournee drauf, zu der dann die Tickets noch einmal teurer als bei der letzten Abschiedstournee werden. Sie dürfen das, gewiss. Sie sind ja die Urviecher der Rock'n'Roll. Sie sind wandelnde Mythen. Sie treiben ein Spiel mit den Figuren, die sie darstellen. („Gut, dass wir solche haben....“). Für viele der übrig gebliebenen Alten des Rockgeschäfts gilt es ja, ein Lebenswerk zu verwalten, alte „Erfolge“ noch einmal vorzuführen. Das Cover des eigenen Selbst sein. „Verdienste“ um die „Ehrlichkeit“ feiern (noch besser: "honorieren") zu lassen. 

0 Kommentare

Hendrix Reloaded

Dieser Tage wäre Jimi Hendrix 75 Jahre alt geworden. Natürlich ist dies eine willkommene Gelegenheit für viele Schreibenden, darüber zu spekulieren, was und mit wem Hendrix wohl heute spielen würde. Welchen Rahmen er benutzen würde. Mit welchen Musikern er agieren würde. Er hat damals die Elektrogitarre fast neu erfunden, er hat ihr Klänge entlockt, die bis dahin nicht gehört waren. Er hat sie neu gespielt. Er war ja so "innovativ", was heute als eines der Zauberworte gilt. Er war ein gewaltiges Talent, arbeitete aber auch hart an der Perfektion. Natürlich war er ein großartiger "Performer" und Handwerker, aber nach meiner Meinung lag seine eigentliche Stärke im Ausdruck. Neue Wege zu beschreiten, eigentlich ganz naiv der Erste zu sein, das war sein Ding. Ohne dass er es vom Kopf her wollte. Auch, klar, die Zeiten waren so!, politische Bezüge herzustellen („Stars Sprangled Banner“), war für ihn da selbstverständlich mit eingeschlossen, ohne dass er große agitatorische Volksreden dazu gehalten oder oberwichtige Erklärungen abgegeben hätte. Rockmusik war damals noch ein Abenteuer, all das war möglich. Hendrix ließ sich treiben, im Geschäft und von seinem eigenen Talent. Er war naiv, überlegte sich nichts, sondern versuchte, es möglichst gut hinzukriegen. Das, was ihm gegeben war. All das ist fast 50 Jahre her. Die Rockmusik ist betagt und sie gibt es in dieser Form längst nicht mehr. Würde Hendrix heute noch leben, wäre er nach meiner Einschätzung ein weiterer langweiliger Furz sein, der vielleicht ein paar Soloalben sowie ein paar vielbesuchte Reunion-Tourneen gemacht hätte und vielleicht noch machen würde, weil er nicht rechtzeitig daran gedacht hätte, seinen Lebenstil auch materiell zu sichern. Man würde viel seine vergangenen Verdienste feiern und betonen, dass es so einen wie ihn nur ein einziges Mal gab, - und dass er jetzt ein neues Album heraus gegeben habe.....

 

0 Kommentare

Liebe und Triebe

Die wichtigsten Themen in all den Songs, ja in der ganzen Poesie? „Wein, Weib und Gesang“? Und dann noch „Liebe, Geld und Tod“ ? Wie oder was jetzt? Liebe als neue Sinnstiftung? Liebe zu wem oder was? Oder doch die geschlechtliche Liebe, die aber gleich auf die Begierde und viele anderen Themen zuführt? Diese gospelartigen Anwandlungen, übersetzt in inbrünstige Töne, ließen wir einst geschehen. Denn sie hatten nicht viel mit uns zu tun. Und wir hatten keine Zeit, uns näher damit zu befassen. Wir dachten zumindest, es sei so. Songs, die von der Liebe handelten, sollten uns den Weg zu den richtigen und lieben Menschen ebnen? Musik als Heilsstiftung? Pah! Da war für uns nicht viel davon zu spüren. Die Richtige, die Wahre? Aber gleichzeitig den Vielen nahe sein? Nun ja, das war für uns mehr ein Versprechen der Vergangenheit als eines einer alternativen Lebensform. Es ergab sich, oder auch nicht..... Die leibhaftige Einlösung von Versprechen der Rockmusik, die über uns hinaus weißen, die uns das Andere nicht nur zeigten...? Die Hetzjagd in Richtung auf das Glück? Ging zu bald unter in einem neoliberalen Wahn der rücksichtslosen Selbstverwirklichung, die nichts nach den Kosten für Andere fragt. Darin wurden sich plötzlich viel zu viele Individuen gleich, da wurden sie zur Masse Mensch, mit der die Konzerne heutzutage ihre Profitinteressen ausleben und die Werbung, Promotion, PR die Wege dazu ebnet. Das Glück als käufliche Masse überwältigte auch die Rockmusik und machte sie als Pop zu einer unterhaltsamen Knetmasse, die in eine beliebige Form gebracht werden kann. 

0 Kommentare

Form und Inhalt in der Rockmusik

Es war doch schon länger ein seltsames Phänomen: Rock, der rechtsgerichtet ist, entgegen der traditionell eher linken oder libertären Richtung, die für Rockmusik einmal generell galt. Mir fällt das wieder einem bei zwei aktuellen Besprechungen von Morriseys neuem Album „Low in High School“ auf. Da verreißt die eine gnadenlos, während die andere es „bestechend“ findet. Die eine führt Morrisseys Eintreten für UKIP und Nigel Farrage samt dem Brexit und anderen Missetaten auf, um das furchtbar zu finden. Die andere geht damit nachsichtig um und bucht das unter dem traditionellen Nonkonformismus und einem Hang zum Unkorrekten des ehemaligen Smiths-Sängers ab. Da tut die eine einen kompletten Song des Engländers als „schlecht“ ab während der andere Besprecher das Ganze von A bis Z so großartig findet, dass man sich in 30 Jahren noch gerne an das Album erinnere. Um was es geht, ist unheimlich wichtig bei dem einen, während der andere dahinter eher so etwas wie einen gewissen Humor und Abstand zu den Dingen walten sieht. Den Allverstehergestus des schrulligen Engländers kritisiert der eine, während der andere solche Posen eher als Mittel zum Zweck zu deuten scheint. Einseitiger Zorn“ sei dem nicht erlaubt, der früher, zu besseren Zeiten, sein Spiel mit den Widersprüchlichkeiten getrieben habe...., meint der eine....während der andere..... Manches geschieht ohne Herleitung, ohne Wieso und Warum, wird frank und frei behauptet und verurteilt. Bei manchem anderen ist da eine Grundgewogenheit, die sich nahe einer Verehrung aus Perspektive des Fans abspielt, nicht abzustreiten. Und so weiter.....

 

Dabei scheint es mir auch um das Verhältnis von Form und Inhalt zu gehen. Was inhaltlich nicht korrekt ist, kann formal durchaus glänzend sein. Die Literatur hat hier nicht nur mit der Figur Ezra Pound oder dem frühen Gottfried Benn etliche Beispiele zum heftigen Diskutieren zu bieten. Gerade in letzter Zeit haben sich viele rechtsgerichtete Bands an den Rock heran gewanzt und scheinbar seine idiologische Suppe verdorben. Dabei haben wir auch vor 40 Jahren viele Beispiele von Bands und Einzelnen gehabt, die den Rock für jene agitatorische Zwecke nutzten, die damals natürlich linksgerichtet waren. Wie sich die Rockmusik selbst in sehr offensichtliche Widersprüchlichkeiten verstrickte und sich an manchen Stellen sogar als Teil des Unterhaltungsapparats entpuppte, dürfte einiges offen gelegt und in den Schmutz des großen Geldes gezogen haben. Heute werden gerne die scheinbar alten Schläuche benutzt, um noch ältere und ziemlich verstaubte Botschaften zu transportieren. Bei derart gähnender Inhaltsleere des Genres ist dies nicht sehr verwunderlich.  

0 Kommentare

Blues und andere Retro-Phänomene

Musiker scheinen meiner Meinung und Erfahrung nach immer sehr egoistisch, egomanisch und unreflektiert zu sein. Das ist oft ihre Stärke und Schwäche zugleich. Gerade diejenigen Musiker, die weit draußen operierten, die Experimente machten, die sich weit aus dem Fenster lehnten und die scheinbar abseitige Sachen versuchten, scheinen besonders gerne zum Konservativ Gekonnten, zum Traditionell Sicheren, zum durch Konventionen Gesicherten zurück kehren zu wollen. Es scheint eine Sehnsucht danach zu bestehen, wenn man lange genug im Nebel gesucht hat und mit Hypothesen gespielt hat, zur Macht des Faktischen zurück zu kommen. Zu dem, was ein breites Publikum goutiert und als "echt" empfindet. Darüber hinaus ist das dann nur noch eine Frage des Handwerks. Man erinnert sich, was man einst gelernt hat, was man besser beherrscht als andere.

In einer Notiz, die ich später in ein Blog einbringen wollte, schrieb ich das im Jahr 2012: „Beim Hören der neuen Scheibe „Privateer“ von Mark Knopfler und der ebenso neuen Scheibe „Tempest“ von Bob Dylan ging mir Folgendes oft durch den Kopf:

Vielleicht ist es so etwas wie der kollektive Strom der Identität in der Musik, nach dem sich besonders reife Musiker immer wieder zurücksehnen: Volksmusik, Popmusik, populäre Musik, „einfache“ Musik, raue und rohe Musik bestimmter sozialer Schichten, die damit ganz direkt ihre Probleme ausgedrückt haben... Eric Clapton zeigt immer wieder spielend auf den Blues als seine Wurzel, ja, er produziert ganze CDs, die auf die Väter des Blues zeigen. Gary Moore hat's so gehalten und Van Morrison macht's genauso mit der sogenannten keltischen Musik (wer weiß, wie die geklungen hat) in der Volksmusik ihrer irischen Heimat. So etwas scheint schön und herzerwärmend: diese Musiker wissen, woher sie kommen. Sie scheinen in irgendwas Urigem und „Echtem“ verwurzelt.

Es mögen dabei freilich auch Marketinggesichtspunkte eine Rolle spielen, um folkloristisch orientierte Zielgruppen einzufangen und auf die kaufende Seite zu bringen. Ob solche Fans „ehrlicher Echtheit“ freilich das Bild reicher Millionäre goutieren, die als gefeierte Solisten am Swimmingpool ein paar gelangweilte Fingerübungen machen, um der Welt eine Vorstellung von sich zu verkaufen: seht her, das bin ich! Ich kann das auch. Ich bin im Wahren verankert, das wir ja alle in dieser künstlichen Welt suchen. Doch auch Authentizität ist manchmal nur ein Spiel, etwas Technisches, das sich jeder mit genügend Übung aneignen kann! Für Clapton war der Blues immer eine mystische Kraft und Inspiration. Knopfler hat den Blues, - so weit ich sehe - immer vermieden. Aus guten Gründen. Aber jetzt tischt er ihn auch auf, als eine amerikanische Spezialität, die er gelassen gekonnt zitiert. Als Simulation.

Ist mir doch egal, solange er es gut macht...“ Diese Argumentationen höre ich schon im Voraus. Ist der Blues wirklich nur etwas Technisches? Dann wären es ja tatsächlich nur die drei Akkorde und die Wahrheit. Das mit der Wahrheit ist so eine Sache, gewiss. Ob ein Musiker zu deren Bekenntnis da ist? Nun ja. Aber er „verkauft“ gerne seine eigenen Wahrheiten. Und er biedert sich damit an. Wenn es geht, auf Plakatwänden und in Werbespots. Er steht gerne dafür, er will zumindest in der älteren Generation dafür einstehen.

Vielleicht sind diese Leute es aber auch nur müde, sich selbst als unendlich individualisierte Einzelmenschen darstellen zu sollen, als Großkünstler und Halbgötter, die allen anderen etwas voraus haben. Vielleicht sehnen sie sich im Zeitalter der Popmusik-Leistungskurse in das zurück, aus dem sich einst die Rockmusik gespeist hat: Das Kollektive, der breite Strom der Energie, der idealistische Motive genauso getragen hat, wie den Willen zur Selbstermächtigung und zur Selbstverwirklichung gegen Widerstände. Das Rebellische. Seitdem aber Selbstverwirklichung zu einem allgemein akzeptierten Credo dieser neoliberalen Marktwirtschaft geworden ist, ja, seitdem sie sich immer mehr sogar als Verpflichtung zur Selbstoptimierung entwickelt, haben sich die Bedingungen deutlich geändert. Riten und Rituale sind da eherne Gewissheiten und symbolisieren nicht nur die Macht der Gewohnheit. Sie sind vielleicht das, was uns allen noch als Gemeinsames geblieben ist. Das Menschliche vielleicht, - und letzte Gewissheiten. Der Impuls. Die Basis. Glaubwürdigkeit als letzter Antrieb neben dem Geld....gerne auch verbunden mit einer Art von wohlfeiler Religiosität aus dem Supermarkt der Bewusstseinswaren. Underdog- und Hobo-Romantik, an die sich einfache Lösungen für schwierige Probleme heften. Ein Popmillionär singt gerne Arbeiterleider vom Darben und von der verletzenden Genusssucht der Bosse. So etwas erscheint zumindest fragwürdig. Auf musikalischer Ebene schmückt sich da ein Popstar gerne mit fremden Federn. Die Gegenwart ist schlecht, also lasst uns das Heil in der Vergangenheit suchen! In der Tradition. Ob das auch etwas Reaktionäres hat? Etwas nostalgisch Rückschrittliches? Ob sowas tricky ist? Ob hier Gewinner etwas kokett über ewige Verlierer schwadronieren? Ob der Halt in der Vergangenheit liegt? Solche Fragen gehen einem durch den Kopf.

 

Die schöne Melancholie der Gleichgültigkeit lässt sich gerne in die drei Akkorde des Blues kleiden. Retro rules. Das einfache Leben als Mythos der schwierigen Gegenwart. Das Elend der Obdachlosen als Projektionsfläche für geschmeidige Phantasien der Popmusik. Mir wird da ein bisschen komisch zumute, mag der Blues noch so gekonnt gekünstelt in de-luxe-Manier gespielt sein. Familie, Herkunft, Heimat, Religion: alles verblasst in modernen Zeiten. Was liegt da näher, als Orientierungslosigkeit wortreich verrätselt zu verwandeln in eine ständige Neuerfindung des Ich? Popstars wissen, wie es geht. Street Credibility. Authentizität. Die echte Suche nach der vergangenen Echtheit. Der Blues ist aber ein Tanz auf des Messers Schneide. Ist eine Haltung. Hat etwas damit zu tun, dass jemand kollektives Leiden artikuliert. Er hat vielleicht nicht allzuviel mit neuem Wein in alten Schläuchen zu tun. Er kann etwas Unperfektes haben, etwas Offenes und Verwundetes. Er ist ein Schrei und nicht nur die Simulation eines Schreis. „Privateer“ hingegen klingt in manchen Ohren gelegentlich auch nach Privatisierung und dem trockenen Charme derer, die es geschafft haben. Dabei ist der Blues längst zu einer Vorzeigenummer geworden, er hat seine Konventionen ausgeprägt, hat seinen emotionalen Gehalt verkauft. 

0 Kommentare

Kritikersprech

Pop sei ein Spiel mit Identitäten, so heißt es. Pop erlaube einem, sehr viel aus sich zu machen. Pop sei ein typischer gesellschaftlicher Aufstiegskanal gewesen, über lange Zeiten. Dieser Meinung bin ich auch. Doch diese Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile scheint es für viele junge „User“ weitaus anstrebenswerter, ein Youtube-Star zu werden. Die Freizeitgewohnheiten haben sich geändert. Typisch im Journalismus: Pop sei so, - oder so, heißt es. Der Kundige weiß es halt. Er stellt riskante Behauptungen auf, wagt steile Thesen.  Das wird dann gerne gelesen. Das verleiht scheinbar Halt und gibt glasklare Orientierung in einer Welt, die eigentlich keine Orientierung mehr bietet. Aber wofür haben wir eigentlich unsere Experten? Im Falle der Popkritik wird gerne eine soziale Gruppenzugehörigkeit behauptet. „Musik für Hipster“. Jutebeutel, Vollbärte, enge Hosen und Trucker-kappen: fertig ist die modische Mittelschichtsjugend! Wenigstens für eine gewisse Zeit. Oder es gibt seltsame Zuschreibungen, die auf Phantasie schließen lassen sollen: Zickigkeit mit verlorenen New Wave- Gitarren und Gruftiecoolnes, trippige Slow Beats und Düsterreime...... Oder „Beurteilungen“ von oben herab, vom Standpunkt des souveränen Überblickers aus, der optimal stilsicher und dem Zeitgeist stets näher als andere ist: „.....die Stimmung primär klassisch progressiv. Schlimme Gitarren, eine Ahnung von Tears for Fears und nur wenig moderner, dynamischer Pop.....“, - oder „Kirchengruftenrock, ritualisiert wie Sonntag in der Kirche, Umfang reduziert Techno....“. Das hier Vorausgehende und das Folgende habe ich auch schon oft in verschiedenen Zusammenhängen gelesen: „eine würdevolle Aura des Fragilen mit unmittelbarer Präsenz. Eine Figur im schwarzen Anzug und mit offenen grauen Haaren, mit Sanftmut, aber ohne große Gesten....“. Man lässt sich dann schon mal gerne vom Erscheinungsbild einfangen, - aber nur in diesem Zusammenhang! Mit Stilen wird auch gerne operiert: „Sound aus Soul, Gospel, Post-Punk, Hip-Hop und Industrial-Dub“. Ich habe jetzt beliebig hinein gegriffen in die Kiste, habe Seiten kurz aufgeschlagen bzw. angeklickt und abgeschrieben.

0 Kommentare

Pop aus deutschen Landen

Es ist dies hier eine Art Entgegnung, die aber Ergänzendes, Kritisches, Bemerktes aus meiner Sicht dem Artikel hinzu schieben will. Schade, dass es derart Grundsätzliches so wenig gibt in der Presse. Man könnte ja Linien aufzeigen, rote Fäden suchen, Parallelen zum Zeitgeist aufspüren, sich auseinander setzen. Wenn man es versuchen würde. Möglicherweise wäre das aber zu unpopulär.

Dass der deutsche Songschreiber Heinz Rudolf Kunze damals eine Debatte über deutschsprachige Musik mit den vielleicht falschen Argumenten angestoßen hat, mag ihm leid getan haben. Er wurde plötzlich auf der völlig falschen Seite verortet. Immerhin scheint seine Intervention in Erinnerung geblieben zu sein, von einem, der Gehirn und Herz irgendwie vereinen wollte. Solche Titel wie „Dein ist mein ganzes Herz“ scheinen mir diesem Bestreben geschuldet zu sein. Der Mann war ja offensichtlich hin- und hergerissen. Mir hat damals auch einiges an ihm nicht mehr gefallen, nachdem ich mir seine ersten Scheiben alle gekauft hatte. Diese niedersächsische Brille war ja immerhin mein Jahrgang, hatte meine Zeiterfahrung, meinen Blickwinkel geteilt. Dass schon damals, zu Zeiten seiner Sprachintervention, in Frankreich eine bestimmte Quote für Französischsprachiges galt, scheint hierzulande nicht so sehr bekannt gewesen zu sein. Fürs Französische scheint man sich ohnehin nicht so sehr zu interessieren. Jedenfalls scheint er unter anderem auch darauf Bezug genommen zu haben. Und dass die deutsche Sprache in den Medien damals am Untergehen war: Nun ja, das war vielleicht schon mal eine unglücklich durchgeführte Intervention wert.

Heute hat sich das geändert, auch ohne dass deutschsprachige Musik in den Medien durch eine staatlich legitimierte Instanz vorgeschrieben wäre. Felix Austria! Nun ja, Bands wie Wanda scheinen mir dem populistischen Zeitgeist entsprungen zu sein und wenig Innovatives (wenn ich diese Kategorie für die Popmusik ernst nehmen würde!) zu leisten. Für die Band Bilderbuch gilt aus meiner Perspektive Ähnliches. Meist werden in diesem Zusammenhang noch die Band Ja Panik und das Projekt Soap & Skin von Anja Plaschg genannt. Abseitiges als Selbstzweck reicht mir nicht. Nun ja, haut mich alles nicht so sehr vom Hocker, als dass es für mich eine Art populäres Gegenprogramm zum unsäglichen Xavier Naidoo, zum Altpopstar Marius Müller-Westernhagen, zum deutsch daherbrüllenden Obertänzer, dem Grönemeyer-Herbert oder zu den Popschlagertussis Helene Fischer und Andrea Berg abgeben würden. Im Grunde langweilen mich diese Figuren alle sowohl als Popstars als auch mit ihrer Musik.

Die Fantastischen Vier, der Neuanfänger Clueso oder das Nordlicht Materia? Brennen sich mir auch nicht gerade unwiderstehlich ins Gedächtnis. Diese neuen Sensibilisten wie Max Giesinger, Philipp Poisel oder Johannes Oerding, flankiert von einem Tim Bendzko (der nur mal schnell noch die Welt retten wollte und damit einen riesigen Hit gelandet hat) oder Andreas Bourani (der mit dem deutschen Weltmeister-Image zu kokettieren scheint...) finde ich im stillen Kämmerlein für mich kaum durchhörbar. Solche Bands wie Freiwild (New School, modifiziert, nationalistische Scheise) oder Böhse Onkelz (Old School) gehören für mich in dieselbe Kategorie. Es zieht mich einfach garnichts an ihnen an. Ich könnte auch behaupten: sie sind mir zu langweilig. Politisch, ästhetisch. Insgesamt. Den Spruch von Jan Böhmermann, den ich ansonsten nicht gerade mag, finde ich treffend: „„Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln“. Dass er selbst einen vom Schimpansen aus herum liegenden Textbausteinen kombinierten Titel aufgenommen hat, der auch gleich zum Hit wurde, mag da so manches unterstreichen. Seine Einschätzung „Biomusik aus industrieller Käfighaltung“ trifft den Nagel voll auf den Kopf.

 

Wobei all dies einiges über den deutschen Publikumsgeschmack aussagen mag, denn Popmusik hat noch immer etwas mit „populärer Musik“ zu tun. In dieser Hinsicht sind Die Einstürzenden Neubauten oder The Notwist wohl nicht gerade leuchtende Gegenbeispiele. Diese Leute machen meiner Meimung nach keine „populäre Musik“, sondern Musik, die sich an eine bestimmte Zielgruppe wendet. Eine Nische. Leute mit einigermaßen elitärem ästhetischem Empfinden. Heile Welt und Eskapismus? Ist das Kritik, Vorwurf? Nun ja, dies Bedürfnis scheint mir die Popmusik immer schon erfüllt zu haben. Auch die sogenannte gute und ganz besonders die anglophone Welt. Diese „Popstars“ versuchen doch nur, auf ihre Weise dem Zeitgeist entgegen zu gehen und – ganz wichtig! - etwas damit zu verdienen. 

0 Kommentare

Träume und Schäume

Was uns einst die Rockmusik bedeutete? Wo bestimmten wir unseren Standort inmitten der idiologischen Diskussionen, die auch der "kritische" Zeitgeist mitzuführen schien? Skeptisch waren wir gegenüber den Wortführern, uns fiel allenfalls Ironisches dazu ein. Utopische Versprechen vom richtigen Dasein im Falschen? Wo waren die Menschen dazu? Wir sahen sie nicht. Das Versprechen, dass es mehr geben muss, als das, was uns die Warenwelt bot? Gut, aber wo waren ernsthafte Spuren davon?. Lyrische Großverse der Rockmusik? Ob das alles Träume waren, die von der Warenwelt mitgeliefert wurden? Einem ganz bestimmten Song, einem Sound, einem Text verfallen sein: ob das einen "intimen" Rahmen schuf? Es war für uns vielmehr der Wille zur Wiederholung, das Ausgesetztsein in einem Gefühl des nahe an etwas heran Kommens aber nie ganz Erreichens. Ob das eine Brücke zur subkulturellen Realität schuf? Noch einmal: wo war sie? Traf man sie bei Konzerten, wo das Prinzip der Rücksichtslosigkeit galt und der Stärkste oder Robusteste für sich mitsamt seinen Freunde die Plätze ganz vorne anstrebte, Face to Face zum Superstar, dessen leibhaftiger Anwesenheit man unbedingt teilhaftig werden wollte? Diese vernarbtem Gesichter mit der ewig langen Matte, was hatte man mit denen zu schaffen, gab es da Kommunikation? Konzerte bedeuteten eine Gemeinsamkeit des Geschmacks, jawohl, - die sich hauptsächlich im Erwerb von Eintrittskarten ausdrückte. Näher heran kommen, erst an die Verheißung und dann an die Erfüllung geheimer Wünsche? Mit wem zusammen? Wo war die Gemeinsamkeit? Zukunftsversprechen "bessere Welt"? Ob wir uns absetzten von der gewöhnlichen, „normalen“ Welt? Eigentlich schon. Bloß das sollte sich später als krasser Irrtum heraus stellen. Da war einfach niemand aus dieser besseren Welt zu finden, genau, wenn man es gebraucht hätte. Da war niemand. Ob Rockmusik ein Mittel der Distinktion war, mit dem wir uns unterschieden von dieser „mechanischen“ und geldorientierten Welt? Das Verlangen danach war deutlich. Doch die Warenwelt kaperte das alles, die Drogenwelt tat oft ein Übriges, so dass nichts Zählbares davon übrig blieb. Die Typen mit den langen Haaren und Pferdeschwänzen sind heutzutage die schlimmsten unter den Schlimmen und geben sich als Geschäftlesmacher der übelsten Sorte. Ob wir uns Schutzräume durch die Musik gebaut hatten? Das sehr wohl. Nur jeder dieser Schutzräume war sehr individuell und speziell auf uns abgestimmt, wurde später von manchen auch nur zu gerne wieder aufgegeben, wenn es die Situation (ökonomisch bedingt) zu verlangen schien. Soziales war jedenfalls kaum dabei. Irgendwie "Soziales". Ob Rockmusik der Soundtrack unserer Gefühlswelt war? Uneingeschränkt ja. Nur, dass später die Könner und Kenner kamen, die akademisch Ausgebildeten, die alles nachmachen konnten, die alles simulieren konnten, auch wenn es inhaltlich mit ihrer Existenz nichts zu tun hatte. Die keine neuen Grenzen suchten, sondern das Gegebene nur perfekt reproduzieren konnten, wofür sie von den „Expressionisten“ angehimmelt wurden. Was war uns das Wort „alternativ“? Es wurde leider sehr schnell zu einer Art Verkaufsetikett, das seinen Anspruch zu selten einlöste. Lieblingsband? Wir standen mehr auf Lieblingsstücke, mochten aber auch bestimmte Künstler, denen wir im Hören näher kommen wollten – etwa Frank Zappa. Was für eine merkwürdige und mutige Gestalt! Einer, der auf seiner Phantasie Flügel ritt.... der sich davon tragen lassen konnte. Richard Thompson, Elvis Costello "My aim is true"), Joe Jackson, - aber auch Nice, Tim Hardin, Tim und Jeff Buckley, Radiohead, Ruyichi Sakamoto, - Spürer, Explorateure, Abenteurer, Neugierige......Die Nähe zum Rock ging aber über in eine Nähe zum Pop......  

0 Kommentare

Working Class Hero

Am 9. Oktober wäre John Lennon 77 Jahre alt geworden. Ein großer Jazzpianist spielt ihm dazu jetzt unter dem Titel „My working class hero“ ein Ständchen. Ob wir nicht alle dabei einem Image aufsitzen? Ja klar, „Working class hero“ hat auch mich stark beeinflusst. Aber war der schwerreich gewordene Multimillionär Lennon wirklich ein „Working class hero“ (bloß, weil er einmal von Liverpool aus gestartet ist?)?

Nun, die Rituale um seinen Tod waren und sind längst in Gang gesetzt, er war für uns vielleicht ein Held, ein Großer, ein Künstler - aber ein „Working Class hero“? Irgendetwas sträubt sich in mir. Weil er für den Frieden viel unternommen hat? Es überkommen mich da jene starken Zweifel, die der ganzen Rockmusik gelten. Es wurde da zu lange und profitträchtig ein Image abgefeiert, von dem man sich schon verabschiedet hatte. Dadurch entstand um jene Menschen, die immer und ewig an etwas glauben, was sie einmal als solches so erkannt haben, ein Kult, der typisch ist für diese halbreligiöse Szene, die Führungsfiguren zu brauchen scheint. Gewiss, Lennon hatte seine großen Verdienste um die Rockmusik, er schrieb an tollen Titeln mit, - aber war er deswegen ausgerechnet ein „Working class hero“?.

 

Man solle solche Dinge nicht hervorkramen, so höre ich die Zwischenrufe von hinten. Das würde ich auch nicht, so entgegne ich, wenn es nicht so typisch wäre für das Ganze. Für die Rockmusik. Man büßte seine Glaubwürdigkeit ein und ging langsam, aber unmerklich über ins Unterhaltungsgeschäft. Rockmusik wandelte sich zur Popmusik. Es entstand dadurch aber eine innere Leere. Ob man das bedauert oder nicht: benennen sollte und kann man so etwas. Es sich bewusst machen. Damit umzugehen versuchen. 

0 Kommentare

Das Große im Kleinen

Was ich gerade höre: Da wehen weiche Gitarrenklänge dahin, sehr räumlich angelegt, in sich selbst ruhend in einer wunderbaren Mitte zwischen Jazzgitarrenkönnertum und direkter Empfindung: schon der erste Titel „It should have happened a long time ago“ fängt mich ein, lässt mich zuhören, nimmt mich weich mit in meine eigene Neugier, was aus der Situation entstehen könnte. Und: erspendet Trost. Bill Frisell spielt sehr glaubhaft Entschleunigung, er wagt es diesmal zusammen mit dem Bassisten Thomas Morgan, sein eigenes Tempo zu finden. Er spielt auf den meisten seiner Produktionen einen unverzerrten, reinen Ton, den er freilich in eine sehr räumlich wirkende Digitalisierung schickt. Es entsteht schon vom Ton her eine große Klarheit, die auch seine neue Produktion „Small World“ zusammen mit Thomas Morgan prägt, der großartig unaufdringlich, sehr einem Klangbild entsprechend begleitet. Die musikalischen Experimente hat Frisell gemacht, er war im Jazz einst in Richtung auf Freejazz unterwegs, bezog aber fast immer auf irgendeine Weise die großen und kleinen amerikanischen Mythen in seine Kunst mit ein. So näherte er sich mit der Zeit immer mehr einem melodischen Spiel, das mit Country und Bluegrass genauso zu tun hatte wie mit den großen Musicals oder Soundtracks aus Filmen. Natürlich hat er den Jazz intus, schließlich studierte er einst bei Jim Hall. Diesmal bildet seine Umspielung des Themas aus dem Film „Goldfinger“ den Abschluss der Titel. Als wir damals im US-amerikanischen Nordwesten unterwegs waren, hörten wir die Musik von Bill Frisell: Washington, Oregon und oben Kanada. Zu deren spezieller Weite passte das, da fügte es sich ein, da war es ganz offensichtlich eine Untermalung, die sich einschmiegte und dazu gehörte. Ob tiefgehende Musik oft mit einem ganz bestimmten Raum zu tun hat? Einer der sehr schönen Momente dieser Reise, die ich später daheim per Musik wiederzuholen versuchte. Das neue Album der beiden ist live aufgenommen, im Jazzclub Village Vanguard, der ja nicht nur in der Jazzszene einen guten Namen hat. War das Konzert mehr oder weniger improvisiert, oder war es konzipiert? Solche Künstler können solche Grenzen natürlich verwischen lassen. Eigentlich spielen sie auch keine Rolle. Es zählt, was aus den Boxen kommt. Und dafür lohnt jeder Aufwand. Ich selbst habe die Scheibe natürlich als CD, ganz normal gekauft. Ich will das Optimum von ihr. Ich kann es ja zugeben: ich freue mich, dass ich diese CD habe. 

mehr lesen

In große weite Horizonte

Wie fuhren wir damals in den USA „Into the great wide open“......?! Ich hatte zuvor oft gedacht, dass das ein bisschen Kitsch war, eine wohlkalkulierte Prise davon, wie das halt im Rockgeschäft so üblich ist. Aber dann wurde alles zur konkreten Realität. Das „große weite offene Land“ gab es wirklich! Nicht virtuell in den Medien. In den USA! Es schien einen geradezu zu verschlucken mit seiner Weite! Und jetzt ist der Erdenker solcher Zeilen und des Songs selbst vom „großen weiten Land“ selbst verschluckt worden. Tom Petty ist mit 66 Jahren verstorben. An einem Herzinfarkt, wie es heißt. Sein Herz ist stehen geblieben. Seine Band hieß The Heartbreakers. Da ist seine näselnde quengelnde Stimme, die Rickenbacker-Gitarre, seine Erdverbundenheit, die er freilich oft sehr geschickt mit gut klingendem Hochfliegendem oder Oberflächlichem verband. Der Blues: Ja. Aber Pop spätestens seit den 90ern auch. Und Filmmusik. Später wieder ein bisschen zurück zu den Wurzeln, aber nicht zuviel..... Immer vom großen weiten Ruf, Nimbus und Mythos lebend. Freiheit? Ja, - und wie! Die Glaubwürdigkeit in Person, auch nach einem Zwischenspiel mit den Travelling Wilburys, bzw. den Pop-Großfürsten George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison und Jeff Lynne...... ob er diese Leute wirklich alle mochte? „Under the skies of blue...“ hören wir ihn in jenem großen Song. „A rebel without a clue....“: ein Rebell ohne rechtes Ziel...: das waren damals viele. Und sind es heute noch. Einfach so. Das Rebellentum feiern und eine fette Harley Davidson dazu knattern lassen. Nun ja, so ging's mit der Rockmusik, wie sie das damals nannten. Jetzt hat seine Sprecherin seinen Tod bekannt gegeben. Viele Menschen, auch viele, die dem Blues nahe sind, haben keine Sprecherin. Die Zukunft schien auch für sie mal weit hin offen zu sein...... Nun aber scheint eine ganze Generation von Rockmusikern zu sterben, eine, die durch ihre Musik glaubwürdig zu werden schien..... „Ich denke, dass es wichtig ist, dass du zuallererst an dich selbst glaubst“. Dieser Satz ist von ihm überliefert. Typisch amerikanisch. Tom Petty hat damit the great wide Open dann doch ein bisschen für uns berührt......  

0 Kommentare

Unübersichtliche Desorientierung

Klar ist: alle haben zu allem eine Meinung, besonders wenn es um den eigenen Geschmack geht. Uneingestandenermaßen suchen sie aber gleichzeitig nach Orientierung, nach der klaren Trennlinie zwischen Schwarz und Weiß, sie suchen nach dem, was wahr (!) ist, gelegentlich auch mithilfe von „Experten“ (in diesem Falle professionelle „Kritiker“), die „Objektivität“ versprechen. Was ich oft gehört habe: Objektiv falsch! Jemand, der ein (begründete) Meinung kundtut, gibt nie objektive Wahrheiten von sich! Es kann sich nur um mehr oder weniger qualifizierte Meinungen handeln. Aber nie um etwas Objektives. Es können beim „Konsumenten“ aber auch gewisse Ängste eine Rolle spielen. Etwas nicht mitzukriegen, was spielentscheidend ist. Nicht auf der Höhe der Zeit sein. An dieser Stelle wird man auch schnell empfänglich für Verschwörungstheorien. Diese wollen einem erklären, was in Wirklichkeit hinter den Kulissen so ganz ganz wirklich abläuft. Es bilden sich Ängste vor einer Realität, die einen nicht nur bei Nichtbeachten der zeitgeistigen Wegweiser womöglich sozial abrutschen lässt, die einen auf irgendeiner Karriereleiter zurückwirft. Dies ist eine Realität, die auch Fremdes und die Fremde zu bieten hat, das Uneinheitliche, Wilde. Nicht nur an dieser Stelle wird gerne nach „Experten“ gerufen. Diejenigen, die sich stellvertretend für uns mit einer Sache intensiver beschäftigen. Blöd nur, dass diese „Experten“ auch ihren eigenen Interesse und ihren eigenen Erkenntnismöglichkeiten unterliegen. Auf diese und jene Weise. Dass auch sie für uns einen Kontrollverlust bedeuten. Wir wollen Eindeutigkeiten, nicht Vieldeutigkeiten, die vielleicht einer Realität besser entsprechen würden. Wir wollen sie wissen, diese Eindeutigkeiten. Uns plagt eine tiefe Sehnsucht danach. Es muss doch für nahezu alles einen Sinn und eine Verantwortung geben, - oder nicht?.

 

Blöd nur, dass die heutige Wirklichkeit viele solcher Vieldeutigkeiten und Ungewissheiten (auch in Bezug auf die „Verantwortung“) auf uns bringt. Wie damit umgehen? Angesichts solcher Verhältnisse könnte so mancher Mitmensch auf die Idee kommen, sein Ego „neu erfinden“ zu wollen. Dies ist ja aus den auch hier nachgezeichneten Gründen ein Modethema geworden und hat viele Dimensionen. Wir könnten auf diese Weise bei der sogenannten und vielbeschworenen „Globalisierung“ vielleicht besser dabei sein. Mitreden, dabei sein ist alles, - wirklich? Diese „Globalisierung“ scheint ohnehin nicht mehr zu beherrschen zu sein und überspült uns auf mannigfache Weise alle. Sie scheint die Welt zu prägen und bringt auch diese autoritären Politikstile hervor, die scheinbare Antworten geben. Auch die Kirche btat da einst mit und spielte ihre Rolle im sozialen Gefüge. Es geht ja in Wirklichkeit um das, was die Soziologie „Komplexitätsreduktion“ nennt. Vereinfachungen, die das Leben leichter machen wollen, die Orientierung bieten sollen, indem sie die Unübersichtlichkeit auf einfache Muster reduzieren. Gut oder Schlecht, Schwarz oder Weiß. 

0 Kommentare

Saka in my mind

Was ich mir gerade anhöre? Die einzelne Scheibe ist da nicht gar so wichtig. Ich habe womöglich zu viele davon. Wichtig ist die Klangwelt, in die ich eintauchen will: Ryuichi Sakamoto hat eine Zeit lang viele Platten gemacht, nachdem er mit dem Yellow Magic Orchestra von Japan aus in der ganzen Welt bekannt wurde. War er Japaner? Ja, er sah so aus, als könnte das so sein. Ansonsten spielte das keine große Rolle. Der Mann machte sehr kreativ rum, war von Hause aus Pianist, erforschte aber erst mit dem Synthesizer und dann im Zusammenspiel mit anderen Musikern Klanglandschaften – und zog dabei stets seine musikalischen Fäden ein, ohne dass das so recht jemand zu bemerken schien. Dann fiel er mir als ständiger Mitspieler bei David Sylvians Produktionen auf. Pianos langweilten mich eine Zeit lang, weil sie oft akademisch gekonnt klangen, darüber hinaus aber keine Ausstrahlung, keinen emotionalem Gehalt zu vermitteln scheinen. Bei Sakamoto war das anders. Man hörte ihm einigermaßen zu und wurde eingesponnen in seine Klanglandschaft, in der auch seltsame Soundzusammenballungen eine Rolle spielten. Aber das war schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und da war auch der Talking-Héads-Rockschöngeist David Byrne, mit dem er den Soundtrack zum Film „Der letzte Kaiser“ aus dem Jahr 1987 aufnahm (die asiatisch anmutenden Titel stammen von Byrne, während die „europäisch-klassischen“ Stücke von Sakamoto sind). Für diesen Soundtrack erhielt Sakamoto 1988 gemeinsam mit Byrne „sogar „einen Oscar. Aber da war auch David Bowie, mit dem zusammen er 1983 in dem Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ er auftrat und eine Rolle spielte.  Der Film spielt während des Zweiten Weltkriegs. In einem Lager stehen britische Kriegsgefangene im Konflikt mit ihren japanischen Aufsehern. Ich habe den Film damals und fand ihn klasse, lang bevor ich mich für Sakamotos Musik interessierte. Eine Zeitlang nahm er eine fast schon unübersichtliche Zahl von Alben auf, hatte mit Filmmusik großen Erfolg („Der letzte Kaiser“, 1987, „Himmel über der Wüste“, 1990, u.a.), ehe 2014 bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Nun brach er nicht mehr so sehr in Arbeitswut aus und schickte 2015 nur noch die mit Alva Noto gemeinsam geschriebene Filmmusik zu „The Revenant“ raus, ein Film, der zu Recht wohl zu einem riesigen kommerziellen Erfolg wurde und unter anderem Oscars mit Leonardo Di Caprio davon trug. Doch das ist mir alles egal wenn ich ihn höre. Ich habe heute morgen „Charm“ aus dem Jahr 2003/2004 gewählt, - allzu genau kann man das bei ihm sowieso nicht beziffern. Haha, der erste Titel „Undercooled“ ist stark HipHop-beeinflusst. Es ziehen sich aber fernöstliche beeinflusste Linien durch das Geschehen, der Kokon hat eine Farbe, sie schleicht sich ins Bewusstsein. Aber all das ist nur der Einstieg in lauter kreativ-abenteuerliche Unübersichtlichkeiten. Der nächste Titel „Coro“ bringt digital verfremdete Kratzgeräusche, Klangsplitter, die sich aber in unsere Gehörgänge wickeln. Wie das geht? Würde ich auch gerne wissen. Es geht. Industrial, angefixt. Dann „War & Peace“, das sich vergleichsweise gefällig um seine Akkorde dreht und dabei Fernöstliches aufblitzen lässt, Aufblitzen (!), nicht mehr. Weltmusik ist das nicht. Und so geht das weiter. Lauter merkwürdiges Zeugs (einschließlich gelegentlichem Electro-Groove), mit dem du aber sehr schnell Freund werden kannst. Ich habe ihn mal live gesehen und hatte immer den Eindruck, er improvisiere, habe nichts geplant, von Show konnte sowieso nicht die Rede sein, was zählte, war die Musik. Dies geht auch von seinen Scheiben aus, die alles andere als gefallsüchtig zu sein scheinen, aber viel Identität und Eigenheit ausstrahlen, ohne deswegen Avantgarde zu sein. Unangestrengt, das. Natürlich taucht auch auf „Chasm“ das Stück „World Citizen“ auf, dass er damals in tausend Variationen zusammen mit David Sylvian aufnahm. Im Geheimnis. Es hat eine Hauptmelodie, ein Motiv, das sich immer wieder durch meine Träume gezogen hat. Wieso wohl? Ich weiß es nicht. Es entwickelt seine eigenen Dynamiken, wie man sagen könnte. Auch seine eigenen Bezüglichkeiten. Es wandert in mich ein und durchzieht mich. Mich alten Sack, der so viel gehört hat? Jawohl! Ich staune ja selbst darüber. Sakamoto dozierte an der Universität, er verschenkte Musik zur Anti-Atomkraftbewegung in Japan, tat viel dafür. Aber all das wird unwichtig bei seiner Musik.

 

mehr lesen 0 Kommentare

Walter und Donald

Walter Becker ist gestorben, der Teil, die Hälfte von Steely Dan (SD). Sie hatten keine großen Hits, außer vielleicht den Titel „Do it again“ aus dem Jahr 1972. Unter Musikern freilich hatten sie nur Hits, sie waren das Objekt allergrößter Aufmerksamkeit. Sie wollten sich, wie sie manchmal in Interviews sagten, ja nicht zum Affen machen, nicht Teil eines Musiktheaters sein, sich im PR-Geschäft prostituieren und „verkaufen“, nicht Mähnen wehen lassen und die Leute von Bühnen aus zum Mitmachen anmachen (außer vielleicht bei den Tourneen in den letzten Jahren...). Über all diese Mechanismen schienen sie ihren Spott zu träufeln und sich eins zu lachen. Sie waren oft nicht sozialverträglich, liebten den schrägen Humor, das scheinbar unverständliche Zeugs, dem sie oft grinsend einen Dreh ins scheinbar Allgemeinverständliche gaben. Dass dies auch exakt dem musikalischen Geschehen bei SD entsprach, gehört zu den Wundern, denen man sich gegenüber spürte. Bei ihren ersten Alben scheinen sie mehr oder weniger von der populären Musik der USA auszugehen, scheinen ihre Bruchstücke zu gebrauchen, um sie in kleine Songkunstwerke umzubiegen, in denen benutzt, um geleitet, in neue Zusammenhänge gestellt und verfremdet wurde. Wie „The Boston Rag“ vom zweiten Album in mir funktionierte? Oder "Pearl of the Quarter"? Es schien mir von der ersten Anmutung ein Stück Rock auf SD-Art zu sein, entwickelte sich aber in mir immer mehr in Richtung auf eine Autonomie, auf eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich aus ihreren eigenen Akkorden heraus wie aus einem Pumpwerk heraus entwickelten. Diese seltsam stechenden und dann wieder fürs Popgeschäft sehr untypisch weichen Gitarren! "Kid Charlemagne"! Wie gingen sie mir unter die Haut! Unterstellt war ja stets, dass so etwas wie Emotionen in ihrer Coolness untergegangen sei. Emotionen? Vielleicht im Mainstream-landläufigen-vordergründigen Sinne! Man musste meiner Meinung nach nur ihre musikalische Sprache draufhaben! Ganz im Gegensatz zum Popgeschäft schienen sich SD nämlich stets in Understatement zu üben: Untertreibung war ihr Geschäft, nie die Übertreibung, das Grelle, wie ansonsten im Popgeschäft üblich. Kumpelhaft waren sie nie, meist galt eine gewisse Distanz, eine gewisse Zweideutigkeit, die einen als Hörer fast um den Verstand bringen konnte. Mit der Zeit näherten sie sich immer mehr dem Jazz an, der ja in gewisser Weise auch Teil der US-amerikanischen Popmusik ist. Sie operierten mit dem, was das „Geschäft“ oft „The Fire below“ nennt, bevorzugten also eher indirekte als direkte Wege. Mit der Zeit wurden wir auch aufmerksam auf die Leute, die SD getreu begleiten: Roger „The Immortal“ Nichols etwa, der Soundingenieur, Gary Katz, der sinister wirkende Produzent, - sie schienen Teil der SD-Welt zu sein, die wir meist aus einer gewissen Distanz wahrnahmen, weil ja die beiden Hauptfiguren zumindest hier in Europa sich nicht allzu oft in Interviews geäußert hatten. „Gut so!“, so denke ich heute. Auch das Geheimnis zu wahren und es nicht öffentlich zu verkaufen ist ein Teil von SD. Obwohl die Doobie Brothers damals nicht nur räumlich von Los Angeles aus nahe schienen und auch vor allem der Sänger und Keyboarder Michael McDonald von dieser Seite aus so manche SD-Produktion bereicherte, waren diese Doobie Brothers damals der absolute Gegenentwurf zu Steely Dan, der freilich mit der Zeit einige Stilelemente von SD aufzunehmen versuchte.

0 Kommentare

Walter, mach weiter!

Walter Becker ist gestorben. Ich lege gleich morgens „Circus Money“ aus dem Jahre 2008 von Walter auf und bin sofort wieder eingesponnen in den Zauber dieser eigenwillig dahin fließenden Akkorde. Ist mit der damaligen Steely Dan-Mannschaft eingespielt: Keith Carlock, Drums, Jon Herrington, Gitarre. usw. Es hat Walter nix ausgemacht, einen Könner wie Herrington neben sich zu haben. Das war doch nie der Punkt! Der Beste zu sein? Darüber hätten die beiden gelacht. Ist das alles einfallsreich? Ja klar. Was denn sonst? Es gibt mir Nahrung. Meinem musikalischen Empfinden. Jedes Mal. Das ist das Tolle. Diese Scheiben nutzen sich nicht ab. Sind nachhaltig, - sozusagen. Wie geht das? Wer mag da am Gesang meckern? Vielleicht ist er sogar ideal für diesen Titel? Das habe ich unter anderem von Steely Dan gelernt: es gilt, die jeweils richtige Mischung für den jeweiligen Song zu finden, an Musikern, aber auch an musikalischen Möglichkeiten, weshalb den beiden wohl immer das gerade beste Equipment gut genug (oder nicht....?) war für ihre Sachen. Wie hat er Gitarre gespielt? Haha, nie wie ein Gitarrenheld! Sondern kurze knappe Chiffren heraus werfend, eine Art Kommentar, aber nie das klassische Gitarrensolo. Jazzig in der Phrasierung, vielleicht. Aber hauptsächlich knapp, spröde, reduziert..... - „Circus Money“ ist natürlich anders als all die anderen ständig noch erscheinenden Sachen Und das nie als Gag! Nie als bloße Pointe! Es hat seinen Sinn in diesem Sound! Er ist sehr eckig und kantig manchmal, manchmal aber auch das Gegenteil davon! Der Rhythmus ist sehr gleichmäßig wie bei einer Rhythmusmaschine und stolpert dann doch wieder seltsame Rhythmen. Wie typisch! Wie er die Gegensätze zusammen bringt! Ich höre ein wenig Reggae um die Ecke, lässig aufgenommen mit Off-Beats, um es desweiteren im Untergrund nebenher als Motiv weiter zu betreiben. In den folgenden Titel taucht das auch immer wieder auf. Es mischen sich gebrochene Akkorde ein, am E-Piano, Saxophon-Schnipsel und dieses dünne Stimmchen von Walter. Alles verhalten auf den Punkt gebracht. Sehr urban auch. Sehr New York! Und da gab es „Journalisten“, die behaupteten, das sei misslungen! Peinlich.

 

Er hat sicher die Tonspuren am Ende wieder reduziert, nachdem er viel zu viele aufgenommen hatte, womöglich auch als Versuch in Richtungen, in die es hätte gehen können mit seinem souveränen Masterplan. Ob das ein Widerspruch ist? Macht nichts. Solange er's zusammen bringt. So waren Steely Dan auch. Hatten am Ende ein riesiges Konvolut und reduzierten dann radikal. Schnitten, nahmen sogar neu auf. Ihre Perfektion hatten sie stets auf die Spitze getrieben – und bei „Gaucho“ vielleicht auch ein wenig darüber hinaus. Es blieben da mindestens aber immer noch diese wunderbaren Songeinfälle und die tollen Akkordverbindungen, die wie selbstverständlich einen Kosmos entwarfen, in dem es auch freaky Spinnereien gab. Am Ende mochte man genau das, war es einem wertvoll, spielte im Kopf weiter.....immer weiter....Ich erinnere mich an die Phantasien von Donald Fagen mit den Zukunftsvisionen der 50er Jahre. Zum Lachen. Aber damals ernst. Und anderes seltsames, mittlerweile surreales Zeugs. Wer von den beiden hat eigentlich die Texte für Steely Dan geschrieben? Ich kann mich an kein Interview erinnern, in dem sie das verraten hätten. Es ist ja auch ihr gemeinsames Ding! Da läuft vieles zusammen, von zwei Individuen.....wie das passierte, könnte ihr Geheimnis bleiben......Walter ist gestorben und viele haben es anfangs für ein Gerücht der Ironie gehalten. Typisch! So war er. Alles als einen Joke aufgefasst. Das hat sich am Ende auf ihn selbst und seine Existenz übertragen, hat aber etwas geradezu Kosmisches. Hey Walter, du sinistrer zweifelhafter Typ hinter der dunklen Sonnenbrille und mit dem langen, fatzenglatten Haar! Es gäbe ein paar Leute, die bräuchten dich! Mach weiter!  

0 Kommentare

Walter Becker und Steely Dan

Walter Becker ist gestorben, die eine Hälfte der Band Steely Dan. Ich kann es nicht fassen. Sie sind ein Teil von mir und werden es immer bleiben. Sie hatten sich ja immer mehr als Duo herausgeschält, das nach einem Anfang als klassische Band (in den siebziger Jahren mit auch nicht gerade schlechten Musikern!) lauter fähige Leute um sich scharte, um solche Alben wie „Aja“ zustande zu bringen, ein überall akzeptiertes Meisterwerk, das aber viele ähnlich gute „Nebenwerke“ hatte, Alben, die es inwechselnden Klang- und Stilfarben damit aufnehmen konnten. Gerne wurden sie, schon als das noch nicht Mode war, als „cool“ bezeichnet. Es mag davon kommen, dass Becker (Bass und Gitarre) und Donald Fagen (der Keyboards spielende und singende Partner) in ihrem Songwriting die Ironie als wichtiges Stilmittel bevorzugten, wahrscheinlich ungewöhnlich für US-Amerikaner. Und zwar in der Musik, mit Wendungen, die scheinbar mit den Erwartungen ans Eingängige spielten, um es im letzten Moment „umzubiegen“ in etwas Eigenes. Sie brauchten dazu eine absolute Perfektion, die das Schwere leicht erscheinen ließ und mit allerlei Klischees „spielte“, das heißt, sie gebrauchten Klischees, um sie (im halbwegs modernen Wortgebrauch) zu dekonstruieren. Selbstverständlich resultierte daraus auch etwas wie Humor und Distanz zu den Phänomenen, die sie umgaben. Sie sollen Jazz und Rock zusammengebracht haben, zu einer Fusion, die sehr stilbildend wirkte. Doch vielmehr spielten sie damit und fügten viele andere populäre Stile hinzu.

Ironie und Spott war aber auch in ihren Lyrics und ihrer Art, Interviews zu führen. Solche Interviews waren oft eine Art poetisches Ratespiel mit zwei sich amüsierenden Freaks, die oft lachten. Am Ende war da oft ein Rätselspiel darüber, um was es eigentlich gegangen war. Es hatte etwas von mit der Realität seltsam durchwirkter Comedy. Sie machten sich lustig über Rollen und Posen (insbesondere in der Musikindustrie! Etwa 10 Jahre lang veröffentlichten sie auch keine Alben mehr und entsprachen keinerlei Erwartungen....), wollten sich aber nicht überheben über die sogenannten „einfachen Leute“, die etwa in ihren Texten durchaus mit Respekt auftauchten und bis heute die Konzerte von Steely Dan (der Name ist einem Roman von William S Burroughs entliehen) in den USA in großer Zahl besuchten. Eine solche Demut mag wohl auch einen Unterschied zu den Protagonisten des Popgeschäfts von heute ausmachen. Becker selbst hatte sich nach Drogenexzessen, die seiner Gesundheit wohl sehr geschadet haben, immer wieder in seine Wahlheimat Hawaii zurück gezogen. Im Lauf der Jahre hatte er auch zwei Soloalben („11 Tracks of Wack“ (1994), "Circus Money (2008)) produziert, die mehr oder weniger im Stile von Steely Dan gehalten waren und sein sehr dünnes Stimmchen in den Vordergrund zu stellen suchten. Den anderen großen Ironiker des Rockgeschäfts, Frank Zappa, der das ganz anders betrieb, achteten sie zwar, ließen ihn aber öffentlich weitgehend links liegen und mochten ihn nicht besonders, obwohl es da viele verbindende Elemente gegeben hätte (außer Zappas Besessenheit von eigenen Gitarrensolis, ausgedehnten Soli, die so in Steely Dans Musik niemals oder nur in sehr funktioneller Kürze vorgekommen wären....). Sie waren Genies, auf die diese Bezeichnung tatsächlich passte.

0 Kommentare

Ohrwurmgedanken (2)

Das Bekannte mit einer Prise Neues zu versetzen mag auch den Ohrwurm auszeichnen. Etwas, das sich abhebt, das Kontur gewinnt und sich im Gedächtnis verhakt. Das Arrangement sollte dies leisten. Eine bestimmte Situation möglichst zu treffen, zeitgeschichtlich oder auch individuell (Rebellion oder Tanzkurs) mag auch wichtig sein. Die Regression (das „Zurücksteigen“ in vorbewusste Zustände, auch in „kindliche“ Zustände ---> Freud) kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen. Das Ganze sollte von einer charismatischen Person getragen sein, die nicht unbedingt gut singen muss, sondern etwas verkörpert (möglichst gepaart mit unseren eigenen Sehnsüchten, Bedürfnissen). Auch muss der Text nicht unbedingt eine wichtige Position einnehmen. Womöglich geht es meist in klischeehaften Formulierungen um menschliche Grundbedürfnisse wie Liebe, Sex, Identität usw. Dass genau an jenem Punkt auch ein gewisser Ehrgeiz entstehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Singer/Songwriter sind dem in der Vergangenheit in ihrer Musik nachgegangen. Heutzutage passiert dies eher im medialen „Beipackzettel“, also der Vermittlung eines Images und der Benutzbarkeit gewisser Megastar-Aussagen. Dass gewisse Melodien von der Werbeindustrie zu einem bestimmten Zweck ge- und missbraucht werden, ist auch klar. Das sogenannte Crossmarketing (gibst du mir deine Fans, so gebe ich dir meine....) und der Imagetransfer (Wenn schon mein Lieblingsstar das benützt, muss es ja gut sein...) sind bekannte Mechanismen in der Werbung. Auch erfreut sich ein bekannter Titel heutzutage nicht nur in der Musik, sondern auch in Filmen und anderen Medienerzeugnissen seiner Verbreitung. Der „Spass des Daseins“ wird gerne benutzt.....   

0 Kommentare

Ohrwurmgedanken

Wenn es um den typischen Ohrwurm ging und wie man ihn erklären könne, so wurde in früheren Jahren stets „Yesterday“ von den Beatles genannt. Von Leuten, die sich angeblich auskennen – und von blutigen Anfängern jeglichen Alters. Tiefenentspannung  wurde im Zusammenhang damit genannt, positive Gefühle gegen den Alltagsstress, rhythmische Finessen, das scheinbar Eigenwillige und Originelle, das dem Titel offenbar inne wohnte. Verkaufszahlen und Rundfunkeinsätze erhoben "Yesterday" dann endgültig zu einem Ohrwurm-Klassiker und oft gelobten Geniestreich. Zumindest in Deutschland scheint sich das inzwischen geändert zu haben. Titel wie „Atemlos“ von Helene Fischer beherrschen jetzt das Feld und bewegen die Massen. Mir scheint, das sagt etwas aus über die Popmusik, aber auch über die Gesellschaft. Man muss nicht viel von Musik verstehen, um zu erkennen, dass „Atemlos“ sich weitgehend über musikalischen Klischees ausbreitet, über relativ simplen, aber besonders im Amerikanischen viel bewährten Akkordfolgen und Arrangements. Dies zu einer Hymne zu erheben, scheint mir auch eine Kunst. Halt an heutige "Bedürfnisse" angepasst. Ich hatte vor "Ohrwürmern" jeglicher Art ja immer Respekt. Aber es scheint mir hier das Machbare, das Clevere, das Kalkulierte, nicht der Geniestreich, der einen solchen Titel in die Gehörgänge eines Publikums treibt. Dieses lässt sich sowieso einigermaßen selbstverliebt atemlos von einem Vergnügen und „Fun“ zum nächsten treiben, um sich konsumorientiert narzisstisch und auf Kosten der restlichen Welt selbst in seinem Hedonismus zu feiern und sich in seinen "Star" (der das alles verkörpern soll...) zu erkennen. "Deutschland über alles in der Welt!". Diese Zeile hatte schon mal ein unsägliche Wirkung und scheint es jetzt, auf zeitgeistige Weise, wieder zu haben. Leute, die Welt besteht abseits der Kurzzeittapeten noch aus Anderem!.

Klugscheiserei? Ja gewiss. Aber es hat noch nie geschadet, zu versuchen, sich über Beweggründe klar zu werden, dem scheinbaren „Geheimnis“ und Mysterium einen falschen Zauber zu nehmen, um ihm mit aufklärerischen und verstandesmäßigen Mitteln beizukommen. Das ist doch alles okay, solange man sich der benutzten Mittel (hier des Verstandes, vielleicht sogar des gesunden Menschenverstandes) und deren Beschränkungen bewusst ist. Denn weshalb entfaltet der eine Titel mit denselben musikalischen Mitteln und Produktionstechniken eine scheinbar magische Anziehungskraft, während der andere, mit den denselben Mitteln produzierte Titel in plumpe Bedeutungslosigkeit absackt? Nun, die absolute Vorhersagbarkeit eines kommerziellen Erfolgs ist bisher noch nicht „gewährleistet“. Aber die Musikindustrie ist mit der Machbarkeit durchaus schon voran gekommen. Das zeigt unter anderem ein kurzer Blick in die Charts, wo inzwischen gewisse Muster, Klangfarben und Mischtechniken dominieren, die aus gewissen (oft sehr kommerziellen?) Gründen „angesagt“ sind und durch bestimmte charismatische Figuren verkörpert werden. Der Erfolg dieser Bemühungen bemisst sich dann ausschließlich in Verkaufszahlen, im Geld, keinesfalls im Künstlerischen. Das ist die Logik der neoliberalen Wirtschaft und nicht die des „Geniestreichs“ (der vielleicht auch keiner war). 

0 Kommentare

Was Musik sein könnte und was sie könnte

Musik scheint eine Art Gemeinschaft zu stiften. Gut zu beobachten ist das bei Fußballgesängen im Stadion und bei Gottesdiensten der Religionen, die meist auch eine eigene Musikdramaturgie haben. Musik scheint eine Art emotionalen Zugang zu den Menschen zu eröffnen, den in neueren Zeiten auch die Werbeindustrie sehr gerne nutzt. Musik an sich kann uns zu Tränen rühren und Erinnerungen wachrufen, sie bewegt uns. Sie wirkt wie ein Aufputschmittel oder schafft Gänsehaut.Sie schafft ein Erlebnis mit anderen Menschen als Gemeinschaft und erzeugt ein Wir-Gefühl. Wobei das Gegenteil auch der Fall sein kann: das Gefühl, ganz bei sich zu sein, in sich selbst zu sein und in Kontakt zu einem „göttlichen Funken“. Aber wie passiert das alles? Warum? Nicht mal die ergebnisfreudigste Forschung hat hier bis jetzt zuverlässige Ergebnisse gezeitigt.

Beim Menschen beginnt das Reagieren auf Musik schon sehr früh. Bereits ein Fötus reagiert auf musikaische Reize. Ob unsere Vorfahren auch schon gesungen und getanzt haben? Welche Vorfahren? Wann eigentlich beginnt die Geschichte des Menschen? Die in Höhlen auf der schwäbischen Alb gefundene Flöte ist immerhin 40 000 Jahre alt. Dazu passt, dass Musik in sehr alten Gehirnregionen verarbeitet wird. Wie sie wohl gewirkt hat, die Musik, was ihre Einsatzgebiete waren? Welchen Nutzen wohl die Musik innerhalb der Evolution hat? Hier kommt wieder ins Spiel, dass durch Musik wohl soziale Bindungen gestärkt werden. Gruppenaktivitäten dürften durch sie verstärkt worden sein. Die Fähigkeit, Großgruppen durch sie hervor zu bringen und ihnen „Produktivität“ zu verschaffen, dürfte den Menschen einen Vorteil in der Evolution gebracht haben, auch wenn die Musik in dieser Funktion sehr viel später verheerende politische Auswirkungen hatte.

Es scheint jedenfalls noch heute einen Part des Belohnungssystem im Gehirn zu geben, der durch Musik aktiviert wird. Musik kann auch regenerativ und therapeutisch wirken, Musiktherapeuten bescheinigen das gerne. Menschen, die zusammen musizieren, führen danach keinen Krieg gegeneinander, besagt ein oft und gerne gepflegter Mythos. Sie fördere auch die Bereitschaft zur Kooperation, heißt es. Meine persönlichen Erfahrungen belegen das nicht, Als ich in einer Band gespielt habe, in die relativ viel Energie eingebracht wurde, wurde ein hingebungsvoll gepflegter Kleinkrieg gegeneinander um die musikalische Linie gepflegt, der irgendwann auch zu Rauswürfen geführt hat, - eine Art physischer Auslöschung. Stresshormone sollen durch Musik abgebaut werden, heißt es. Das scheint mir teilweise der Fall zu sein. Meine eigenen Erfahrungen sind teilweise andere. Doch Musik ist überall, es wird praktisch auf der ganzen Welt musiziert. Bei Tieren könnte unter Umständen Musikalität existieren: nicht nur Singvögel und die Walgesänge dürften eine Art Beleg dafür sein. 

0 Kommentare

Abgehangene Träume aus Vinyl

Der Medienkonzern SONY soll wieder Vinylschallplatten pressen, meldet DIE ZEIT. Nun ja. Es häuften sich ja die Meldungen, dass es sich wieder lohnen würde. Denn die alten Protestler sind ja inzwischen in dem Status, in dem offenbar Geld für sie keine Rolle spielt. Natürlich wurde das schon lange als geldwerte Spezialität angeboten, das Teil für „den besonderen Geschmack“, versehen mit einer Aura des warmen Klangs und einer großzügigen Grafikgestaltung. Es schien etwas zu sein für ältere Genießer, die es sich leisten können und sich gerne mal erinnern. Fette Gewinnspannen und Zuwachsraten scheinen dadurch gesichert. Schwere Spezialpressungen sind sehr angesagt, heißt es. Das war schon früher so. Das hat nicht jeder. Das scheint exklusiv wie goldene Felgen. Der eine lässt sich sein Auto tunen, der nächste fährt Harley und gewisse „Liebhaber“ kaufen „im Alter“ halt Vinyl. Erst war das nur etwas für winzig kleine Labels, jetzt sogar für SONY. Das Gefühl für Jugend braucht gerade in den späten Jahren Auslöser. Das ist auch im Konzertbusiness so. Wie war das noch damals? Nick Hornby hat einen Roman daraus gemacht. So etwas kann man aber auch zum Geschäft machen. Es war ein Abenteuer, die großen Grafiken auf und in den Platten verhießen neue Welten, eröffneten Horizonte. Ob jemand dadurch Probleme mit der digitalen Wirklichkeit überwinden kann? Es gilt, Gefühle und Stimmungen zu vermarkten, gut abgehangene Leidenschaften. Diejenigen der hochberühmten Musiker, die anfangs strikt dagegen waren und sogar Prozesse führten, sind heute unter den energischsten Befürworter und Promotoren des digitalen Tonträgers, die ganz ganz vorne dran sind. Gleichzeitig scheint es ein Sport unter ihnen, den Wohlsituierten und finanziell gut Abgepolsterten,  zu sein, die miese Qualität von MP3s zu beklagen. Haha, ein Grinsen mag da einem übers Gesicht huschen. Selbstverständlich geht es nicht um Geld und Urheberrechte!  Wer wird denn dahin denken? Nicht so negativ sein!

0 Kommentare